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Zeitschrift
für
französiscliß Spraclie unl litteratur
begründet von
Dr. G. Koerting und Dr. E. Koschwitz
Professor a. d. Universität z, Kiel weil. Professor a. d. ünivers. z. Königsberg L Pr.
herausgegeben
von
Dr. D. Behrens,
Professor an der Universität zu Giessen.
Band XXXIX.
Chemnitz und Leipzig.
Verlag von Wilhelm Gronau.
1912.
Alle Rechte vorbehalten.
-Ta.
Zeitschrift
für
französisctie Spraclie ui Litteratur
begründet von
Dr. G. Koerting und Dr. E. Koschwitz
Professor a. d. UniTersität z. Kiel weil. Professor a. d. Unirers. z. Königsberg i, Pr.
herausgegeben
von
Dr. D. Behrens,
Professor an der Universität zu Giessea.
Band XXXIX.
Abhandlungen.
4/
Chemnitz und Leipzig.
Verlag von Wilhelm Gronau.
1912.
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INHALT.
Abhandlungen. g^.^^
Bauer, C. Eine unbekannte Handschrift der „Pucelle d'Orleans"
'von Voltaire • • • • -^*
Benedetto, L. F. L'architecture des „Fleurs du Mai is>
Cohn, G. Zur Vengeance Raguidel j]^
Foerster W . Zu Zeitschrift XXXVIIP, S. 259 132
Glaser K. Beiträge zur Geschichte der politischen Literatur
'Frankreichs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Dritter Teil: Die politischen Theorien 183
Kalepky Th. Syntaktisches. I : Tous les deux und tous deux 111
Syntaktisches (Fortsetzung): IL Pas plus qu'un und
Verwandtes jTr"
Schneegans, H. Gustav Gröber • • ll-;
Schulze, A. Textkritisches zum Chevalier au banse! ..... lOU
Tavernier, W . Beiträge zur Rolandsforschung III. Turoldus
(2. Fortsetzung) •' ,* '
Vising, J. Die E-Laute im Reime der anglonorniannisclien
Dichter des XII. Jahrhunderts 1
Die E-Laiite
im Reime der anglonormannischen Dichter
des XII. Jahrhunderts.
Die Gedichte, die ich untersucht habe, sind die folgenden.
Ich führe sie, soweit möglich, chronologisch auf. Bekanntlich ist
aber die Datierung der anglonormannischen Texte in den meisten
Fällen sehr schwierig und unsicher, und die hier gegebene kann
sehr leicht hie und da um Jahrzehnte fehlschlagen.
Brandans Reise, ed. Suchier in Rom. Stud. I; um 1122 (zitiert
nacli Suchiers Verszählung);
PhiUpp de Thauns Computus, ed. Mall; Bestiarius, ed. Walberg;
Lapidarius, ed. P. Meyer, Rom. XXXVIII, 496 ff. (und teilweise
Walberg als Fortsetzung des Bestiarius); 1119 — 35;
Elie de Winchestres Afaitement Catun, ed. Stengel (Ausg. u. Abh.
XLVII, Anh.); 1130—40;
Lai du Cor, ed. Dörner; um 1140;
Lai d'Haveloc, ed. Trice Martin (im Gaimar); um 1140;
Streit zwischen Körper und Seele, ed. Varnhagen in Erlanger Beitr.
zur Engl. Phil. 1. Heft, S. 121 ff. (Hdss. C, H); 1140—50;
Pauli Vision, von Adam de Ros, ed. Kastner, ZfrSL. XXIX;
1140—50;
Samson de Nantuils Proverhia Salomonis, deren Lautstand ich
nur durch eine Abhandlung von Fräulein Sophie Hilgers (Halle 1910)
kenne; um 1150;
Vie de Sie Catherine, ed. Jarnik; um 1150;
Gaimars Estorie des Engles, ed. Trice Martin (der Epilog von
283 V., S. 278—89, ist nicht mitberücksichtigt, da er wahrscheinlich
von anderer Hand stammt); um 1150;
Das Adamsspiel, ed. Grass; 1150 — 60;
Vie de St. Edmond, von Denis Piramus, ed. Ravenel 1906 und
I-ord Hervey 1907; 1150—60;
Lai du desirc, ed. Fr. Michel [Lais inedits, 1836); um 1160;
Adgars Marienlegenden, ed. Neuhaus (1886) und Ilorbort in Rom.
XXXII; um 1160;
Sardenaiwunder, ed. Ravnaud, Rom. XI (vgl. Rom. XI\', 82:
XV, 354); um 1160;
Der Schweifreimpsalter der Hds. Ilarley 4070, dessen Lautstanil
ich hauptsächlich durch eine Dissertation von Goedicke (Halle 1910)
kenne, da die spärlichen bis jetzt veröffentlichten Auszüge zu kurz
sind; um 1160;
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/". 1
4 ./oh an Vising.
seiet : bei, Milun 115, : damiael, Diics de Norm. 14652, 14694;
— :bel, Adgar, Nouh. 17, 895, : novel, ibid. 18, 81;
Chastele : sele, Thdbes 4559, Ille et Gal. 2203, : enchantele,
Saisnes 2280 [: buele, Hörn 3316];
recel sowohl mit e als mit '<; mit e : mel, Fergus 3156; —
: met, Samson (Ililgors, S. 10), : net, Adgar, Nouh. 32, 227;
mit ^: forez, Duos de Norm. 12855, : fet, Mcraugis 3439,
Veng. Rag. 3349;
prest; melircrc Reime sowohl mit e als mit ? bei Stock,
Rom. Stud. III, 451; — mit e, z. B. nete, Samson (Hilgers, S. 10)
[vgl. Sl. Edmond29il, Ipom. 7231]; — mit ?, z. B. est, Ehe 77,
Haveloc 529;
Zu dieser Liste Suchicrs, wovon ich nur cercle ausgeschlossen
liabe, weil ich keine anglonormannischen Reime daran finde,
füge ich noch
arbaleste, mit e und ^: mit e, z. B. : saiete, Troie 28889, : cesle
(< eccista), IlleetGal. 5617 [: galeste, Brand. 1115 unsicher]; mit ^:
teste, Guerre s. 6475;
clerc finde ich nur mit << reimend: clers : iiairs, Elie, Ars
Amat. V. 191; — : fers, St. Gilles 2241, : i>ers, Rom. de phil. 1657.
Es ergibt sich also, daß ursprüngliches -et, -ele dem gewöhn-
licheren -^l, -Üe gewichen ist. Auch z. B. chaeles (< cavillas)
reimt nur mit §, z. B.: novieles, Fergus 2609, ebenso Tadele.
z, B.: Äc/e, t6t(/. 6855. Ausnahmen machen nur die Prononima
el, cel und chevel, dessen gewöhnlichere Pluralform cheveus vor
Übergang in -?/, -eaiis geschützt hat. Es ergibt sich auch, daß
eine Verschiebung c > ? unter Einfluß von Konsonantgruppen
früh stattfindet; vgl. c^rne (circle), arbaleste, cl<irc oder clOs.
Unter den anglonormannischen Dichtern gibt es wie unter
den kontinentalfranzösischen einige, die e und ? gesondert halten
(a), andere, die diese Laute im Reime binden (b.). In mehreren
Gedichten sind die Reimwörter mit e so gering an Zahl, daß
sie kein sicheres Resultat für die Behandlung dieses Vokales
gestatten. Diese werden daher hier nicht aufgeführt.
a. Die Laute e und ^im Reime getrennt.
Philipp de Thaun hat 27 Reime ? : c und etwa 140
g : ^; unter diesen alectores : Crotoniates, Rom. XXXVIII, S. 499,
V. 107, und einige e : ai, wie Silvestre : maistre. Comp. 485, beste
: paistre, Best. 583. Er hat aber keinen sicheren Reim f : ?.
Der Reim est : met, Best. 881, in 2 Hdss., ist kaum annehmbar
(s. Walberg), und die Assonanz met : bec, ibid. 1791, ist, wie ich
anderswo [Romania, Oct. 1911) gezeigt habe, sicher gegen met
: bechet zu vertauschen.
Samson reimt, soweit ich aus Fräulein Hilgers' Abhand-
lung, S. 10, ersehe, nur e : e, ^ : ^. Zu jenen Reimen gehört auch
Die E-Laute im Reime der anglonormannischen Dichter. 5
ganz regelmäßig get : met (vgl, Suchier, Voy. ton., S. 37) und
recet : met .
G a i m a r hat über 40 Reime bezw. Assonanzen e : e und
ungefähr 150 ? : ?, darunter einige mit urspr. ai, z. B. Roucestre
: mestre 1067. Bemerkenswert unter seinen Reimen e : ? sind
mehrere Namen auf -et, -ete, z. B. Edelret : Chenret 1565, Cudret
: lasset 2223, Somersete : Dorsete 3875, usw., die auf me. Wörter
mit e zurückgehen; vgl. auch Tanez : vallez 2561, Edelret : varlet
4077, 4517, : petitet 4201, mette : Somersete 4005 usw. Weiter
eus : cheveus (geschr. eis, chevols) 6354, : mes ("Gerichte") 5991;
flete (me. ilUe) : ceste (eccista) 2569; das gelehrte regne (lat.
regnii): baptesme 957 (sonst reimt regne nur auf nasaliertes e,
z. B. Mercenne 1211, femme 3601, ensemble 1971); Belesme : e,swe
•5877; Pohl führt diesen Reim aus Wace unter (■ :§ auf {Rom.
Forsch. II, 549) und Suchier hat ad^sme, Voy. ton. 34, jedoch ohne
Beleg. Ich finde aber nur esme : e, z. B.: acesme, meesme Troie
29431, : Thdhes 5713, Ducs de Norm. 29101, : giiaresme, Guerre s.
1111, 4401, 8267, usw.; Meyer-Lübke setzt esme an, ebenfalls ohne
Beleg {Rom. Gr. I, § 291). In V. 4421 f. lese ich Vasiette : saiette.
Bemerkenswerte Reime <? : <,' bei Gaimar sind comete : pro-
phete 1433, 5145, esneches (geschr. esnerhes) : hreches 5459, ob-
wohl breches, das auch in Philipps Best. 115 vorkommt, dunkel
ist ("Flußmündungen" ?), und pres : portices 1757, wo portices
ein eigentümhcher Latinismus ist. Bei Gaimars freier Behandlung
von Eigennamen ist es nicht befremdend, daß er Argentele : bele
531, : riiele 541 reimt gegenüber Argentille : jille 65, 83.
A d g a r hat 10 Reime ? : e und etwa 100 c^ : ^ [arfe^ : jides,
Rom. XXXII, S. 419, V. 69, ist vermutlich nicht von Adgar;
vgl. unten S. 16]. Zu bemerken peche : aseche, Neuh. 32, 5, und
recet : net, ibid. 32, 227; beide e : c; wegen peche, s. Fo?/. ton. 43.
A m a d. et Yd. hat 5 Reime c'.c, 8 ? : <2, darunter 3 e : rti,
wie apres : e^/es (eslais) I, 45.
D o n n e i hat 4 Reime e : c, 21 ? : €, darunter mestre : e^/rr
1027. Als einen fünften Reim c : c darf man den Reim 905,
den G. Paris nicht versteht, ansehen; ich vermute nämlich,
daß zu lesen ist:
A wandle fall guandichet;
Ou la trova illiiec la mcl,
wo dem wandie guandichet gegenübergestellt wird, als rin zu-
fälliges Deminutiv davon; vgl. das zufällige Deminutiv eschaudet
V. 800.
St. Gilles hat 6 c : e, 92 ? : ?, darunter Israel : batel 3597,
Daniel : apel 3601 und eimes : pesmes 959, da eimes = esmes
{< esumus). Bemerkenswert sind foreste : geneste 1251, wie bei
Wace, s. Pohl, Rom. Forsch. II, 547; ferner clers (clericos) : fers
iferos) 2241, wo wenigstens nicht, wit> G. Paris. Introd. XXN'IIl,
will, e : c vorliegt.
6 Johan Vising.
In S i 111 u n (1 s Gedichten gibt es 21 sichere Reime auf e
und 78 auf f ; unter jenen lecke : teche, Rom. de phil. 109, und
creche : teche, St. G. 295, 397; vgl. teche : seche, Guerre s. lOGll;
weiter der Reim St. G.
\. 1324 "Sachez^" fait, "quc Den meesme
Pur mei vus cnveie haptesme,"
den Matzke, weil die Hds. me eime liat, mißverstand, su daß er
in eime eine Verbform sah; wenigstens gibt die Interpunktion
dies an.
Zweifelhaft sind folgende Reime: perche (Bartsch) : cerche,
Rom. de phil. 1131, weil ich die Quahtät des e von perche nicht
kenne (das griechische e wird oft zu «, nach Glaussen, Rom. F.
XV, 853); chevesU'e : destre, St.G. 1615, wo cheveslre infolge der
schweren Konsonanz früh ? angenommen haben kann; vgl. it.
capestro neben capestro.
Der von Matzke eingeführte Reim: peonef : ireit, St. G. 1104,
ist völlig unannehmbar.
Die R e i m p r e d i g t hat 3 Reime ß : «, 10 f : ?, unter
diesen ^ '. ai 28 d.
Unter den Fabliaux hat L e Chevalier q u i f i s t
3 Reime « : e, 5 g : €; die übrigen nichts von Belang.
E V r a r t: 4 Reime « : «, 23 ? : §, darunter 11 ? : cd.
b. B i n d u n g e n ? : <?.
ß r a n d a n hat zwar 3 reine Reime f : ?, 41 ? : ?, aber
auch einige Bindungen ß : f, nämlich eis, eals (< illos) : oisals
577, '.heals 1627, : iuuencecds 1729; dann auch mes {< missii)
: les (< illos) 405, 701, da man in les ? ansetzen dürfte, wie schon
ten Brink, Dauer und Klang, S. 28, vermutete; vgl. auch apres
: les, St. Laurent 201 {jes (< jasce): les Rev. d. 1. r. LIII, S. 341).
Über arbaleste : galeste 1151, s. oben S. 4; galeste ist offen-
bar nach den Hdss. die richtige Lesart, sie dürfte eine Neben-
form zu galete, galet sein.
Den Reim der V. 801 f. will Galmund als pluniel : betumet
lesen, also e : c; es ist vielmehr als l'umeit (< humectu) : betumeil
aufzufassen.
Ste. Gatherine hat neben 7 Reimen e : e und 34 ? :
(darunter e : ai 937) nur ceste (< eccista) : requeste 1603. Die
Tendenz ? und e zu scheiden ist also sichtbar.
St. E d m 0 n d hat 10 Reime e : e und etwa 10 e : ^, dar-
unter prophete : discrete 2735 (s. Suchier, Voy. ton. 34), matere
: artere 2709 (s. ibid. 44), und vermutlich esneke : desharneske 1375.
Daneben folgende Ausnahmen conqueste : ceste (< eccista) 1987,
iet (< iactu) : net 661.
Die E-Laute im Reime der anglonormannischen Dichter. 7
Im S c h w e i f r e i m p s a 1 1 e r kommt, nach Goedicke
S. 15, eis zweimal im Reime mit <ils vor (: avels, : ignels); sonst
nichts zu bemerken.
Im Ipomedon zähle ich 45 Reime e : e, 286 ^ : ?, dar-
unter 26 § : ai {mestre : estre 705 usw.). Daneben cest : est 5407,
9215. Im Protheselaüs ist, nach Kluckow, das Verhält-
nis ebendasselbe: neben einer Menge reiner Reime auf e oder
auf ^ wenigstens einmal cest -.forest (S. 16 ff.).
Fantosme hat keine laisse auf e, wohl aber zwölf auf ?
(mit ai untermischt). In einer dieser laisses, CXCIII, findet
sich eis (in einer Hds. aus) mit (e)aus gebunden (V. 1836).
Ebenso wird in der Bibl. Gesch. nach Baker, S. 42, 46,
eis mit criminals, chevals gebunden; chevaus : aus, Rom. X\\,
S. 192, V. 337; cels : beals, Baker S. 46.
S t e. 0 s i t h hat einen Reim e : e (V. 15) und 20 f : ?;
daneben est : icest 543, 729.
Anonymus: 6 e : e, 7 ? : ?, wovon 6 e : ai. Er bindet
doch auch iceus : iueus (joyaux) 41.
G h a r d r y hat 8 Reime e : e, 123 ? : ?; aber daneben vaslet
: ret (von reter), Plet 107, : plest, ibid. 287; ele : gravele. ibid. 1191.
Es ist bemerkenswert, daß diese sämtlichen Ausnahmen im Petit
Plet vorkommen. Über tolet : deget, Jos. 285, s. unten S. 16.
Die Bindung ß : ß trifft also vornehmUch die Endung -e^, -ele
und Wörter mit schwerer Konsonanz, wie chevestre, ceste. Es ist
doch wahrscheinlich, daß allmählich alle e vor Konsonant zu K
übergegangen sind, so daß man schließlich auch vaslet in Bindung
mit € bei Chardry antrifft; vgl. Schwan-Behrens § 211.
Wir werden bald sehen, daß auch el < al früh mit ?/ ge-
bunden wurde ; es gibt alsdann im Angionorm, nur ein einziges
el, nämlicli ?/. Vor Kons, war dies ej zuerst ?/, so die Reime eis:
oisals usw. im Rrandan ; später edl und eäu, da im Streit
(Hds. G) 403 und Pauli Vision 269 veautre (Vai-. peautre) mit
autre reimt und da bei Fantosme und in der Bibl. Gesch. eis
mit als, aus gebunden wird. Im XIV. Jli. wird ein eus ge-
wöhnlich {chasteus usw.), das vermutlicli südwestfranzösischer
Herkunft ist (Goerhch S. 53).
2. e < a : ?, <f, ue (und lat. e).
Im B r a n d a n keine Vermengung; pel (: sei) 1404 enthält,
wie Galmund richtig nachweist, S. 99, das lal. palu. 7.\\ W-
nierken im übrigen miserere : frere 707.
Philipp hat einige lateinische Wörter und Wuilftinneii:
im Comp, truve : tempore 751, tempore : verti' 2379; im Rest,
numi : erechine 779, furme : mle 2295; ferner im Comp. Cesar:
guardar IIb, vertat : suslrairat 3483; vgl. Voy. ton. 41.
E 1 i e hat die gelehrte Form segrel im Reim mit ditet
(< dictutn) 468; vgl. decred, secred, Voy. ton. 40; ditet hat so-
8 Jo/iiin Vising.
wohl c als ie wie endiler iVaij. ton. 8G) und llcirnc in Godcfruy
beweisen.
Im Streit einmal cl {< aliud) :bel, \. 297.
Samson bindet catel : avel (Hilgers, S. 11, 30).
Gaimar hat i-ailels : cheveh 2285, wo das aus den IV
Büchern der Könige bekannte chevel vorkommt, das capu -\- ale
sein dürfte; ferner peitrels : maineis 6386 {mainel : fussel 6380).
Im Reim pels (< palos) : toneis 777 sollte das letzte Wort mit
Hds. D durch tinels ersetzt werden.
St. E d m o n d bindet penser : quer V. 53.
Tristan: leele : d amisei e 1375, 2393, nuel {< niicale)
: ila{>el 1787.
H u e hat in seinen langen Gedichten keine einzige Bindung
e< a :c oder <<; vgl. Mussafia, Sulla crilica, S. 21; aber quer
: faucer, Ipom. 821.
D 0 n n e i bindet chanter : euer 943.
St. Gilles hat troi^e : Benedicite 2429.
Bei G u i s c li a r t kommen Wörter wde pater, maier. peccator
usw. in der Form paire, maire, pechaire mit ai gebunden vor,
laisse XV. Es beruht dies vermutlich auf Einfluß der süd-
westlichen oder südlichen Provinzen Frankreichs, die der eng-
lischen Krone eine Zeitlang gehörten und die auch in anderen
Fällen das Anglonormannische beeinflußten.
Hörn setzt zweimal leel in laisses auf ('/, V. 1815, 2077.
Fantosme zeigt dieselbe südfranzösische Eigentümlich-
keit wie Guischart, nämlich fraire, depugnaire, furmeire mit -aire
gebunden, V. 28, 29, 1268.
Simund sondert e<a von den zwei übrigen e, auch
vor Z; es ist nur der Name Joel, der als Ausnahme gelten könnte,
indem er mit noel reimt, St. G. 1465, während solche Namen
gewöhnlich mit -?Z reimen; so auch Abel. Daniel im Rom. de
phil. 529 und St. G. 1413.
R e i m p r e d i g t bindet quer : afubler 62 {quers : purvers
89).
Die B i b 1. G e s c li., die eis : criminals bindet (s. oben), hat
auch leaus : beals, : mals, Baker S. 46, wo also nicht etwa leels
: bels vorhegt, sondern leals oder leaus mit beals, mals oder beaus,
maus reimend; — ferner demander : quoer, Rom. X\'I, S. 197,
V. 509, lapider : quoer, ibid. S. 206, V. 809.
Ste. Osith V. 1109 vesper : oster; vgl. Voy. ton., S. 49.
Am. et Am.: bordel : ostel 837, 1213; frere : afaire 759;
demorer : quer S. 168, V. 134.
E V r a r t bindet quer mit loer 44. parier 56, dmier 145,
duter 148.
Die E-Laute im Reime der anglonormannisclien Dichter. 9
Anonymus ('e/: leal 1007, vermutlich = veal : leal\ ferner
amonester : quer 51, quer : oster 651.
Es ergibt sich also, daß ziemlich früh el < al mit ?/ zu-
sammenfällt, wie dies noch früher cl tut, und daß etwas später
e < a vor r zu ? wird, wie der Reim frere : afaire {Am., et Am.)
und vermutlich auch penser : quer {St. Edm. u. ö.) angeben;
vgl. Voy. ton. 80. Dieser Übergang wird auch durch die zahl-
reichen Reime iel : ?/, ier : ?/-, die wir unten, 4, finden
werden, bestätigt. Wie verhält sich e < a vor andern Konso-
nanten ? Vermutlich ist es auch in dieser Stellung ? geworden,
wenn auch beweisende Reime sowohl im XII. Jahrh. me später
selten sind. Bei unsern Dichtern finde ich nur decres : res
bei E V r a r t 103 d ; worüber weiter unten, 5. Vor flexivi-
schem s oder z scheint der Übergang zu ?, nach späteren Zeug-
nissen zu urteilen, fakultativ gewesen zu sein. Ich finde einer-
seits im anglon. Nikodemus Evangelium z. B. pes (< pace) : co-
mandes 151, : issis 1283, fez (< vice) : apellez 656, : mostrez 677,
: verrez 742, apres : remembrez 817 usw., aber dieses Gedicht ist
so äußerst nachlässig gereimt, daß diese Bindungen für die Laut-
lehre wenig Wert haben; mehr bedeutet vielleicht sachez : iames,
Wadington 5241 (was jedoch in einer Hds. geändert wird). Auf
der andern Seite aber finden sich so viele reine Reime paarweise
oder in laisses auf -ez < atu -\- s, daß dies auf einen besonderen
Lautwert für e in dieser Verbindung deutet, also wohl c. Den-
selben Lautwert mag auslautendes e < a haben, da es immer
mit sich selbst reimt und nicht z. B. mit -ai gebunden wird.
Eine isolierte Ausnahme feray : done, Nikodemus Ev. 460, bedeutet
gegen die allgemeine Regel nichts; man kann übrigens feray je
vermuten. Assonanzen wie aportes : destrer, crie : tenez, die im
anglon. Bueve häufig sind, z. B. V. 98, 179, bedeuten auch nichts,
da sie gewiß Reste einer alten ^^ersion sind.
3. e < a : ie.
Es gibt bekannthch mehrere Wörter, die im Kontinental-
französischen sowohl auf e als auf ie reimen. Suchier zählt sif
auf Voy. ton., S. 86 f., und gibt Belege genug; vgl. auch ibid.
S. 85. In Suchiers Liste befinden sich auch aviser und deviser.
Obwohl sie in späteren Schreibungen mit -ier vorkommen, finde
ich sie indessen im Kontinentalfranzösischen nur auf e reimend ;
z. B. Aliscans (Ed. Guessard et Montaiglon) S. 37, 43, 47, 51,
73, 77, 78, 128, 147, 149, 154, 166, 175, 189, 209, 211; aber ni."
in laisses auf ie. Dem widerspricht nicht der Reim conreier
: deviser, Ducs de Norm. 2219, der von Stock und Godefroy
angeführt wird, da die ursprüngliche Form des ersten \'erbs
bekanntlicli conreer ist.
JO Johan Visin<^.
;i. Di (• L a II t o e ii n d ie i in Heim o g c t i- c n n t.
B I' a n (i a n hat etwas mehr als 100 Reim(; auf e < a und
27 ie : ie; nirgends Vermiscliung. Es ist wahr, daß die Hds. L
die V. 275 f. so gibt:
Genies od Vor fiint grant clarte,
Dun li pareit sunt enlailel\
aber AO, deren übereinstimmende Lesart narh dorn Handschrifton-
verhältnis vorzuziehen ist, liaben
Gemnies od Vor jiinl grant clarle,
Dnn entaillet sunt li paret (A: pareid).
Dies ist auch den abweichenden Lesarten der Hdss. Ars. und ^
vorzuzielien. Das Reimwort paret betrachte ich als einen Lati-
nismus, wie segret, s. zu Elie S. 7. Man bemerke, daß es wie im
Lat. mask. ist, was auch durch das metrisch festgestellte entaillet
bekräftigt wird. Das volkstümliche pareit ist wohl kaum je
mask., es sei denn in den IV Livres des rois, z. B. les pareiz
furent cuverz (S. 123 Ed. Curtius), was doch nur ein Gegenstück
zu plates d'or furent cloufichied, ibid. S. 124, u. ä. ist; auch luz
les poreiz S. 124, aber cele parei, ibid. ii. ö.
Bei Philipp zähle ich 800 Reime auf e < «, 346 ie : ie.
Demgegenüber bedeuten ein paar Bindungen e : ie nicht mehr
als solche zufällige Reime bei Kontinentalnormannen. Philipp
muß zu denen gerechnet werden, die e und ie getrennt halten.
Seine Reime e : ie hat Suchier, Voy. ton., S. 88, verzeichnet:
notuner -.mer, Comp. 303, Best. 1371, : guarder, ibid. 1933; mere
: merchere, Comp. 731, acez : i>engez, Comp. 3409. Für notuner
dürfte man doch, wie Walberg vorschlägt, eine lat. Nebenform
-are ansetzen; vgl. unten zu Folie Tristan. Es bleiben also
2 Ausnahmen. Der Reim cunfer : esclarger, Comp. 3123, wird
durch CLA beseitigt, lies traitiet : esclariet.
Im Lapidarius gibt es keinen einzigen Reim e : ie;
denn in rejovener : eslecer 627 ist rejovegnier herzustellen (vgl.
Best. 2060, 2120); und in mestier : refreider 689 dürfte refreidier
gemeint sein (vgl. Guerre s., Glossaire).
Elie hat 51 Reime auf e < a, 24 auf ie. Zu den ersteren
ist deliter im Reime mit hlasmer und estriver., V. 399, 704, zu
rechnen; denn deliter., Denominativ von delit., ist wie respiter
u. ä. behandelt worden, also mit e und ie gebunden; vgl. Voy,
ton. 86; daher deliter : esgarder, Aiol 2509 und ein ähnliches
Beispiel aus Phil, de Mousket bei Godefroy.
Im C o r 36 Reime auf e < a, 16 auf ie.
Im H a V e 1 0 c gibt es nach beiden Hdss. 100 Reime auf
c < a, 30 auf ie. Daneben bietet die Arundelhds. 8 Reime e : ie
(V. 45, 235, 311, 677, 721, 741, 829, 1059), die sämtlich in der.
Cheltenhamer Hds. beseitigt sind. Es bleibt nur der Reim 895 f.
Die E-Laute itn Reime der anglonormannischen Dichter. 11
Amis, fet il, car essaiez
Si le com soner porrez (Chelt.: poez).
Wenn man porriez liest und also zugleich einen vollen Achtsilber
herstellt, ist auch dieser Reim ie : ie.
In der Vision: 30 Reime auf e < 0, 9 auf ie. Daneben
in Kastners Text 3 Fälle e : ie, nämhch V. 186, 314, 316, die aber
alle mit Hilfe der Varianten zu verbessern sind.
Ste. Catherine hat 266 Reime auf e < a, 54 auf i>;
unter ersteren amer : quider 2181, unter letzteren Her : geter,
vgl, Voy. ton. 86.
G a i m a r hat ungefähr 3-50 Reime auf e < a, 230 auf ie.
Trice Martins Text gibt einige Bindungen e : ie, aber sie sind
mit Hilfe der Varianten oder anders zu ändern. Die Stellen
sind muller : resuner 361, lies araisnier; damager : iiafrer 693,
lies nach L dutnpner, das die Silbenzahl des ersten Verses her-
stellt, und vgl. Godefroy; ferner aler : desrainer 4837, wo das
letzte Verb = desraciner ist; aler : Chevalier 5651, wo die Hdss.
DLH im zweiten V, voler geben; mer : emper 3255, wo ein Latinis-
mus emper vorzuliegen scheint; vgl. die Schreibung enper der
Hdss. DL und emper des Oxf. Hol. 3994, Der einzige Reim
dosnaier : gaber 6512 sieht wie eine Ausnahme aus; die Hdss,
scheinen da einig zu sein; dennoch ließe sich durcli eine leichte
Umstellung der zweite Vers so lesen: De gaber e del boscheier.
Jedenfalls kann diese Ausnahme nicht das allgemeine Resultat
in Frage stellen, daß Gaimar e und ie gesondert hält.
Im Adam begegnen nur reine Reime, nämlicli 40 e, 19 ie,
zu denen nach Verbesserung der überlieferten Lesart (s. die Aus-
gabe) noch die Reime 396 f. und 659 f. hinzukommen.
Thomas de Kent vermischt, nach Schneegans, nicht
e und ie; s. ZFSL. XXXI, 3.
Im Donnei 67 Reime auf e < a, 36 auf ie; keine Ver-
mischung.
Dies ist das letzte anglon. Gedicht, das e und ie getn-nnt liält.
b) V e r m i s c li n n g v o n e und / c.
Der Streit dürfte als das erste Gedicht bezeiclincl werden,
worin eine bestimmte T(>ndenz e und ie zu vermengen herv»ii'-
tritt. Es gibt da zwar 48 reine Reime auf e < a, 28 auf ie; unter
jenen parier : presmer 467, unter diesen nez und plaet : piclcl
559, 593 (vgl. Voy. ton 86 f.); aber es gibt da auch folgende Bin-
dungen: baner : soner C 429, desconseillee : nee C 619, blasmcr:
guerreer C 705, demiistrel : pechet G 823, presenter : mester H 205;
unsicher ist gaienez : nez C 95 wegen <ler Variante auned : ned.
Samson hat, nach Frl. Hilgers, gegenüber 1350 und 450
reinen Reimen auf e < a und ie, 8 Reime e : ie.
12 Johan Vising.
Im S l. E d m 0 n (I ungefähr 320 Fioimc auf e < «, 130
auf ie; unlor jenen her (engl, here): crier 2719, conqueste : mercie
2973 (Voy. ton. 43, 85). Daneben jedoch conseilier : waimenter
869, jnstiser : mer 1653, espourez : /f/tV/ez 2835, enfiindrer : drescier
3133, cessez : jugez 3189; unsicher ist creez : reneiez 2273, da
67^62 Konj. ist und auch crei'ez lauten kann. (Über t'eir : cercliir
2673 und andere Reime mit anglonorm. Infinitiv er für etr:
ür s. 4)
Im L) e s i r e gibt es von i'einen Reimen 85 auf e < a, 41
auf ie^ nur einen siclieren e : t'e, nämlich chevaucherent : porterent,
S. 34, V. 1. In coche : asprwee, S. 11, \'. 13, kann man, wegen s,
aspreiee vermuten, in avancez : honitez, S. 11, V. 17, honeiez ein-
setzen, und in arere : heuere, S. 28, V. 3, soll man unzweifelhaft
briiere, d. h. hriiiere lesen.
A d g a r hat 545 Reime auf e < o, 390 auf ie. Nur folgende
Bindungen c : ie sind zu verzeichnen: comencier : chajiter, Neuh.
10, 31, : demander, ibid. 19, 111, damnez : reneez, ibid. 17, 323,
cumforter : /?/-eer, i6i(/. 17, 651, preiere : mere, i6id. 17, 791 (wo
indes eine leichte Umstellung im zweiten V. mere chiere einen
reinen Reim auf ie gibt); und nicht weniger als 6 Reime in der
Legende No. 40, nämlich V. 67, 97, 122, 164, 298, 428. Dies ist
auffallend und scheint darauf liinzudeuten, daß Adgar diese
Legende relativ spät verfaßt hat. In den von Herbert in der
Rom. XXXII. veröffentlichten Legenden gibt es keinen einzigen
Reim e : ie gegenüber 100 reinen Reimen auf e < a, und 54
auf ie.
Im S a r d e n a i w u n d e r gibt es gegenüber 33 (e) und
14 (ie) reinen Reimen die Bindung sesser (= cesser) : leisser 25.
Im S c h w e i f r e i m p s a 1 1 e r begegnen, nach Goedicke,
mehr als 200 reine Reime ie : te, und kaum 20 ie : e; vgl. S. 19 f.
Am a das et Yd.: 15 (e) und 6 (ie) reine Reime; da-
neben cite : deshaite II, 1, sevent : levent (= lievent) II, 122.
Dem Verfasser von Tristan kann man nicht eine deut-
liche Neigung absprechen, e und ie gesondert zu halten; ich
zähle 190 reine Reime auf e < a, 144 auf ie. Es kommen indes
auch Bindungen ie : e vor, von denen doch nur zwei unzweifel-
haft sind, nämlich desleer : ovrer 511, : asembler 484. Unsicher
sind dagegen die folgenden: Castel Fer : mener 2216, wo ein
Eigenname vorliegt, und congeiez : essilliez 2503, wo es schwer
zu entscheiden ist, ob der Verfasser die alte Form congeer meint,
oder eine spätere im Anglon. gewöhnliche mit interkaliertem i,
in Analogie mit den Formen, die Stimming in Boeve, S. 238,
anführt, und die sich schon im Cambr. Psalter {haiez-haez) und
in der Hds. L. von Brandan ichaiez) wie bei Anger iempereiour,
Leion usw.) finden; vgl. unten veie:alee in Sie. Osith. Der
Reim venez : purchacez 2239 dürfte als ie : ie aufzufassen sein, da
i^enez ohne Zweifel Konj. ist.
Die E- Laute im Reime der anglonormannischen Dichter. 13
Folie Tristan hat 47 (e) und 31 (ie) reine Reime;
daneben jrere : rivere 501, und als unsicher cunjeiez : chascer 859,
notiner : aler 79; wegen des letzten Reimes vgl. Philipp., S. 10.
Im I p 0 m c d 0 n zähle ich 641 (e) und 417 (ie) reine Reime.
Nach Mussafia, Sulla critica, S. 22, gäbe es dort keine Bindungen
e : ie, da die so gestalteten Reime des Textes 323, 1657, 7099 zu
ändern seien. Die von Mussafia vorgeschlagenen Änderungen
dürften richtig sein; aber außer den genannten drei Reimen sind
zu bemerken efforcee : avisee 2451, desturber (Subst.) : vuer 4981.
Über ai'iser s. oben S. 9; desturber kann möglicherweise der
substantivierte Infin. statt des Subst. desturbier sein (so Hahn).
Im Protheselaüs verzeichnet Kluckovv unter einer
Menge reiner Reime 6 Bindungen e : ie; vgl. seine Abschnitte
192, 202, 204, 208. Wenn es feststeht, dalJ solche Bindungen
im Proth. vorkommen, dürfte man auch einzelne Bindungen
derselben Art für I p o m . annehmen können ; aber im ganzen
neigt Hue zur Scheidung von e und ie.
Im R e n a u t gibt es einige laisses auf e, wo Assonanz-
v*^örter auf ie verhältnismäßig selten sind, z. B. S. 10 — 11, 12 — 14,
27 — 31; aber S. 18 finden sich in einer solchen laisse targier,
guerrier, demorer (Subst.), tnester, otrier; und weiter unten auf
derselben Seite kommen e und ie in steter Umwechselung als
Assonanz vor. Dies bedeutet ohne Zweifel, daß gewisse laisses
ein stärkeres remaniement erfahren liaben als andere, die mehr
von dem ursprünglichen bewahren.
St. Gilles hat 317 (e) und 186 (ie) reine Reime; da-
neben 20 Bindungen e : ie, 7. B. aler : dener 733, ahurtez : eniaillez
1281, usw.
Im H e r o n , wie in den übrigen anglon. Fabliaux, sind e
und ie nicht gesondert. Die Zahlen sind nicht hoch genug, um
Interesse zu haben.
Ste. Marguerite hat 25 laisses mit reinen Reimen
e, er, ez, ee, 5 auf e mit je einem i'e-Reim, 1 (No. 53) auf ie mit
einem e-Reim.
Guischart hat beinahe 700 (e) und 114 (ie) reine
Reime; daneben 4 Wörter auf ie in e-laisses (V. 393, 867, 968,
1724) und 2 auf e in der einzigen i'e-laisse (\'. 651, 698); vgl.
Gabrielson, S. XXX.
St. Laurent: 67 Reime auf e < n, 16 auf ic\ daneben
mester : esprover 7, aorer : delaisser 548.
Hörn vermischt überall e und ie\ so z. B. gibt es in den
husses VI und IX etwa ebensoviel Wörter auf e als auf ie.
Bei Fantosme dasselbe Verhältnis. In laisse XIII z. B.
gibt es etwa 23 Assonanzwörter auf e, 5 auf ie; in XXI 18 auf
ie, 10 auf e; in LVII 7 ie, 8 e, usw.
] 4 Johdn, Vising.
Im lolgondcn gobc ich nur Zahlen an, dif naclioinandcr dio
ifincn Jieimo e < o, die reinen Reime ie : ie und die Reime
c : ie bezeichnen:
S i rn u n (1 : 109—48—47.
R e i m p r e d i g t : 53 — 7 — 17.
B i b 1. Geschichte: 53—16—30.
S t e. O s i t h : 184—56—10.
Am. et Am. : 36—33—30.
E V r a r t : 49—18—26.
Anonymus: 70 — 20 — 50.
Rösurrection : 9 — 2 — 7.
C h a r d r y : 360—100—140.
4. l e : ('. ?, a /, e i, u e.
Im Comp, schon marchels (< mercalis) : icels 551;
Die Vision bindet Michiel : ciel 9, 240, 336;
S a m s 0 n veer : preisier (Hilgers, S. 19) ;
das Adamsspiel hei : ciel 940 (verdächtig) ;
St. E d m 0 n d Michiel : ciel 1315, veir (< videre) : cercher
(geschr. cerchir) 2673;
Ipomedon fere (= jiere) : lerre 7091 ;
D o n n e i contrefere : nianere 941 ;
St. Gilles Michael : cel {= ciel) 3717.
S i m u n d bindet gramer (= gnn>ier) : cLver (= aveir), Rom.
de phil. 431, i>eer : jorveer 1571, seer : reneer^ St. G. 435, 674,
preer : veer 811, neer : veer 1246, 1644, (inert : pert (< perdit),
Rom. de phil. 1243, 1419; Michel : cel (= de/), 6"^ G. 536, 1660.
Reimpredigt reimt saver : averser 50a ;
G a g e u r e sai^er : entier S. 194, V. 27, ai^er (= aveir) : beyser,
ibid. V. 43.
S t e. 0 s i t h hat V. 601 chiiei : met, wo chiiet nicht anders
sein kann als ehielt oder c/iieui (< calet)\ ferner targer : söpe/* 303.
Am. et Am. hat a faire : manere 305, jere (= faire) : czVere
917, manere : ierre 939, örrfe/- : chivaler 539, o(^er (= aveir)
: chevacher 897, : mulier 1235; dazu noch Hds. L. : meruiller : quer
89 (S. 118).
E V r a r t bindet guer : cnueiter 28, : esparnier 67, rfener
: f/uer (= aveir) 141, ^awer : multiplier 160, : anguiser 164, auer
: riguer 190;
Anonymus c/^p/' : poer 35;
C h a r d r y /)oe/- : cunsiller, Jos. 2307, : hier (Subst.) 2913,
preere : afere, ibid. 2831, leger : aver^ P. PI. 1735.
Die Bindungen vom Typus graver : aver sind eigentlich
Bindungen ier : er, seitdem die Infinitivformen -er diejenigen auf
-eir zu verdrängen anfingen, d. h. seit der Mitte des XII. Jahr-
hunderts.
Die E-Laute im Reime der fuiglonormamn sehen Dichter. 15
In den übrigen Fällen handelt es sich zuerst um Bindung von
iel mit ?/, dann um Reime wie faire : tnanere : terre, also um
eine Gleichsetzung von urspr. ie mit e vor / und r, die ein Analogon
teils zur Entwicklung el > gZ, teils zum allmähUchen Übergang
von e < a vor / und r zu ^ bietet; vgl. oben S. 9.
Nun sagt später, etwa im ersten Drittel des XIV. Jahr-
liunderts, die Orthographia gallica, daß Wörter wie bien, rien,
chien, trechier mier (= tres chere mere) , piere, miere (= pere, mere),
die ein i vor e haben, "stricto ore", d. h. mit geschlossenem
Vokal, ausgesprochen werden. Wir sehen hier von dem nasalen
ie in bien usw. ab, da dieser Laut hier nicht behandelt wird.
Was die Regel im übrigen sagt, muß von einem sekundären ie
gelten. Das ursprüngliche ie war nämlich um 1200 untergegangen
oder verwischt, aber in den Hdss. des XIII. und XIV. Jahrhun-
derts tritt wieder ein ie < a auf, das, unabhängig von dem
Bartschen Gesetz, besonders vor l und /', doch auch anders
(piere^ nief usw., s. Stürzinger, in Orth. gall. S. 39) vorkommt.
Es ist wahrscheinUch, daß dies ie aus Westfrankreich stammt.
Da kommt es zu jener Zeit vor (s. Goerlich, Die nordi\'est. Diai.
S. 12, 14), und von da kamen im XIII. und XIV. Jalirhundert
Tausende von Mönchen nach England, wo sie sich gerade mit
Handschriftenverfertigung beschäftigten. Diese Annahme findet
eine Stütze darin, daß zu derselben Zeit in den anglonormanni-
schen Hdss. die Schreibung ee für ? < ai auftritt, z. B. pees,
feere, feet^ s. Stürzinger 1. c. 41, das denselben Ursprung zu haben
scheint, da es ebenfalls in der Bretagne und südlich davon heimisch
ist (Goerhch, /. c. S. 21).
Dies sekundäre ie, bezw. e, muß es sein, das die Ortho-
graphia meint. Es konkurrierte vermutlich im anglonormanni-
schen Sprachgebrauch mit dem früheren offenen e derselben
W'örter; und es mag vielleicht dazu beigetragen haben, das
französische ie und e im Mittelenglischen zum geschlossenen r
zu machen; vgl. Kaluza, Hist. Gramm, der engl. Sprache II,
S. 60—66.
5. Bindungen (l : ai und e : ei.
Bekanntlich hat sich früh ai zu ? im Französischen verein-
facht, besonders vor r und schwerer Konsonanz; s. Voy. ton.
S. 72, Schwan-Behrens § 223. Daher kommen schon in der
Changun de GuiUelme maistre, guaires, faire, rcpairet in weiblichen
laisses auf ? \oi\ \. 161, 456, 477, 944; aber aui-h mais, ait in
einer männlichen laisse auf e, V. 884 f. (sofern sie nicht eint^
eigene laisse bilden). Beispiele von Reimen C : (// finden sich
natürlich auch im Anglonormannischen seit ältester Zeit, z. B.
SiU'estre : maistre, Comp. 485, beste : paistre, ibid. 1427, un<l es
sind deren mehrere im obiaen ant'efülirl.
IC) Jojian Vising.
Dagogen sind die Bindungen ? : ei verhältnismäßig spät.
Die Oindungon der Infinitive, die im Kontinontalfranzösisclien
als er, eir (oir) getrennt waren, beruhen ja auf flexivischcr
Umbildung, wodurch -eir mit -er ersetzt wird. Die in unseren
Texten vorkommenden Beispiele von Reimen mit urspr. -ier und
urspr. -eir wurden schon oben unter 4 angeführt. Sie fangen
an mit Samson de Nantuil, also um 1150, und sind, wie schon
gesagt, nur eine Abart der Bindung er : eir, seitdem ier mit er
gleich war.
Die Bindung urspr. -er : -eir kommt zuerst vor in der Vie
Ste. Catherine, die etwa gleichzeitig mit Samson ist. In diesem
Text findet sich das einzige Beispiel saveir : parier 1-321. Dann
folgen bedeutend später:
D 0 n n e i mit aler : aver 979, aver : doliiser 1143;
St. Gilles mit aler : veir 2495 ;
Ste. M a r g u e r i t e mit aver : diirer 144;
S i m u n d mit tiier : mover 427;
Reimpredigt mit penser : aver 15, recorder : aver 117.
poer : regner 121;
G h e V., s a d a m e etc. mit poer : juer [Reo. gen. II, 227) ;
Ghev. qui fist mit poer : parier, : celer; aler : aver (Reo.
gen. VI, S. 200, 202, 204);
Ste. 0 s i t li mit aler : veer 1451, poseer : apruer 1453;
A m. e t Am. mit amer : poer 81, : voler 129 u. ä. \'. 901.
1059, 1127;
Resurrection mit aver : empr isoner, S. 11, : embler,
S. 19; schließUch Evrart, Anonymus und Chardry
mit -er : -eir überall, z. B. bei dem letzten Jos. 87, 245, 249,
1821 usw. — Der Reim haster : aver (= aveir), Romania XXXII,
419, V. 109, ist vermuthch nicht von Adgar, da er bei ihm völlig
isoliert wäre und seine Autorschaft zu der hier in Frage stehenden
Legende sehr zweifelhaft ist; vgl. 1. c. S. 416.
Also ist gegen Ende des XII. Jahrhunderts die Infinitiv-
endung er für eir ganz gewöhnUch.
Reime e : ei, die eine phonetische Entwicklung be-
zeichnen, kommen zuerst im letzten Drittel des XII. Jahr-
hunderts vor, und auch da spärlich.
S i m u n d hat estre : crestre, Rom. de phil. 517, St. G. 583;
Am. et Am. terre : creire 105;
Evrart crest : est 93, celestre : crestre 176, decres : res
{< rasu) 103, wo decres wahrscheinlich decreis ist;
Anonymus est : acrest 822 ;
Chardry tolet : deget, Jos. 285, crere : terre, P. PI. 843.
In diesen Fällen dürfte also ei zu ? reduziert worden sein.
Vor r und st gibt die Orthographia, die zwar später ist, eine gute
Stütze für diese Annahme, denn Schreibungen wie crere, crestre,
Die E-Laute im Reime der anglonormannischen Dichter. 17
crest sind sehr gewöhnlich neben creire usw. Vor s besonders
zeigt das Mittelenglische in den betreffenden Wörtern e (neben
ei), z. B. pese (peisej, encrese, dees usw., s. Kaluza II, S. 63
und Behrens in Pauls Grundriß^, S. 976.
Hat sich ei immer in diesen Stellungen und auch in anderen
Stellungen zu € entwickelt ? Diese Frage läßt sich nicht auf
Grund der Reime des XII. Jahrhunderts beantworten. Be-
trachtet man spätere Reime und Orthographie, so scheint e?,
als hätte ei eine Doppeltentwicklung gehabt, so daß es neben s
auch ai gegeben hat. Darauf dürften auch die zahlreichen Reime
Adgars, die ai mit ei binden {faire : eire, richeises : malaises usw.,
s. Rolfs, Rom. Forsch. I, 209) hindeuten. Dies gehört aber
in ein spezielles Kapitel über die Reime ei : ai.
Die Reime auf i>eie in Ste. Osith, alee 811, entree 1173,
asenseie 1185, portee 1207, entree 1333 betrachte ich als eie:
eie, worüber Stimming, Boeve, S. 175.
JoHAN Visin G.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/*-
L'architecture des 5jFleurs du Mal".
Baudelaire se proposait d'ecrire la biographie des Fleurs
du Mal}) II y cüt, sans doute, raconte avec force details, la
premiere avcnture du livre, son proces et sa condamnation; il
y eüt rassemble, aussi copieusement que possible, des lettres et
des articles eclairant ses rapports avec ses editeurs et ses critiques.
Mais cette histoire tout exterieure ne l'eüt pas satisfait com-
pletement, lui, le poete meditatif, que l'analyse de sa propre
äme passionnait; il est probable qu'il aurait suivi son oeuvre
dans son developpement intime, et marque les phases differentes
par oü sa pensee avait passe avant que l'oeuvre ne regüt sa forme
definitive. Aussi connaitrions-nous, pour beaucoup de ses pieces
l'evenement special, le special etat d'äme auquel elles doivent
leur naissance; dans son histoire des Fleurs du Mal il se serait
abandonne ä la douceur des Souvenirs sur les mille choses
que des vers de jeunesse redisent au poete. II nous
est impossible maintenant d'ecrire tout entiere cette biographie
que Baudelaire n'a pas ecrite. Nous allons par cette etude en
donner un fragment. Nous tächons ici d'etudier un moment
special, ou pour mieux dire, une serie speciale de moments dans
l'activite creatrice du poete, lorsqu'il fondit ses vers, debris
epars de son travail Interieur, dans une compacte unite. Nous
allons examiner, plus completement et plus profondement qu'on
ne l'a fait jusqu'ici, les correspondances secretes, l'organisation
intime du chef-d'oeuvre baudelairien et illustrer par lä ce que
le poete avait surtout ä coeur: «le seul eloge que je sollicite pour
ce livre est qu'on reconnaisse qu'il n'est pas un pur album et
qu'il a un commencement et une fin — tous les poemes nouveaux
' ) Mon coeur mis ä nu, pag. 100, dans Charles Baudelaire,
CEuvres posthumes et correspondance inedite precedees d'une etude
biographique par Eng. Cr^pet, Paris 1887. Quoique Mon coeur mis
ä nu et Fusees, les deux journaux intimes de Baudelaire, aient reapparu
en 1908, dans une nouvelle edition des CEuvres posthumes, et en 1909,
s6parement, dans une Elegante edition tiree ä cinquante seuls exemplaires,
je renverrai loujours nos lecteurs au vieux volume d'Eug. Crepet.
L'architedure des ,,Fleurs du Mat\ 19
ont ete faits pour etre adaptes ä un cadre singulier que j'avais
choisi».")
Nous ne pouvons pas dater, malheureusement, Torigine de
cette conception. Le cadre singulier existait-il dejä en 1843
quand Prarond et Le Vavasseur voulaient que leur ami se
joignit ä eux pour publier un recueil de vers ? ou en 1846, lors-
quo Baudelaire annongait son oeuvre au public sous le titre Les
Lesbiennes, ou en 1850 lorsqu'il la faisait admirer aux amis magni-
fiquement copiee en deux volumes ä la süperbe reliure, portant
le titre Les Limbes? ou en 1852 lorsqu'il ecrivait ä Watripon
qu'elle allait paraitre chez Levy tout prochainement ?^) Au
mois de decembre de 1856 Poulet-Malassis s'offrait ä lui comme
editeur et Baudelaire lui ecrivait: «nous pouvons disposer en-
semble l'ordre des matieres des Fleiirs du Mal — ensemble,
entendez-vous, car la question est importante. II nous faut
faire un volume compose seulement de bonnes choses: peu de
matiere qui paraisse beaucoup et qui soit tres voyante». Mais
2) II s'exprimait de la sorte, au mois de Dec. de 1861, en envoyant
ä Vigny un exemplaire de son oeuvre, dont une nouveile edition fort
augmentöe venait de paraitre {C h. Baudelaire, Lettres, Paris
1906, pag. 323 et C h a r a v a y, Charles Baudelaire et Alfred de Vigny
candidats ä VAcademie, Paris 1879, pag. 77). Un ami de Baudelaire,
Barbey d'Aurevilly, fit remarquer lui aussi, de la maniere la plus ex-
plicite, cette valeur architecturale de l'ouvrage: «. . . . chaque po6sie
a, de plus que la reussite des details ou la fortune de la pensee, une
valeur tres importante d'ensemble et de Situation qu'il ne faut pas lui
faire perdre en la dötachant. Les artistes qui voient les lignes sous
le luxe et l'efflorescence de la couleur percevront tres bien qu'il y a
ici une architecture secrete, un plan calculö par le poete m^ditatif et
volontaire. Les Fleurs du Mal ne sont pas ä la suite les unes des autres
comme tant de morceaux lyriques, disperses par l'inspiration et ramass^s
dans un recueil sans d'autre raison que de les reunir. Elles sont moins
des poesies qu'une oeuvre po^tique de la plus forte uniteo (Appendice
des Fleurs du Mal, ed. defin., pag. 375). Ce sont los paroles que nous
venonsdeciter qui ont suggerö äM. O uro «so/ son etudeconsciencieuse,
riebe en precieux details, sur les textes des Fleurs du Mal, parue dans
Le tombeau de Charles Baudelaire, Paris 1896; le chapitre consacr6
ä l'architecture secrete dos Fleurs du Mal, malgr6 ses faules et ses
lacunes, ne nous a pas öle inulile. A. Ourousof, du reste, n'a pas
pretendu etre complet, content, dit-il, d'avoir signalö un nouveau
Iravail ä quelque curieux plus favorise par la Fortune et le
Hasard. Quelques donnt^es aidant ä la Solution du problömc se trou-
vent dans Tarticle, souvent confus, de F e l i G a u t i e r, La (•/<? amou-
reuse de Baudelaire, dans le Mercure de France, Janv. 1903 (reapparu
dans la plus grande 6tude Charles Baudelaire, Paris 1903). Je n'ai
rien Irouve dans les etudes insignifiantes que fit paraitre dans le Mercure
de France Gilbert M a i r e; Un essai de Classification des «Fleurs
du Mal» et son utilite pour la critique. Iß Janv. 1907, pag. 200 — 80;
La personnalite de Baudelaire et la critique biologique des «Fleurs du
Mab, 1 F6vr. 1910, pag. 400 — 17; La psychologie aiiioureuse des «Fleurs
du Mal», 10 Juil. 1910, pag. 233—42.
^) Watripon lui avait demande une courlo noiice aulobiographiqu(>
pour un dictionnaire de contomporains.
2*
20 /- ^- lienedeilo.
il ne faut pas croire, ä mon avis, quo Poulet-Malassis a collabore
ä la creation du cadre singulicr; les deux amis ont pu se borner
ä considerer onscmblc co qui pouvait nuire ä rövidence du plan
et k l'unile de I'impression.
Pour etudier Tarcliitecture des Fleurs du Mal il nous faudra
d'abord demeler le criterium logique, ou esthetique, qui a de-
termine ragenccment actuel de l'ouvrage; montrer les diverses
poesies comme les seenes d'un seul drame, comme les atrophes
d'un seul poeme. On indiquera ensuite dans ce drame, dans
ce poeme, les rcflets de la vie reelle de Tauteur. Gar on sait que
dans la poesie de Baudelaire, oü l'art domine, oü l'em.preinte
d'une meditation longue, volontaire et profonde est si visible,
l'art neanmoins n'cst pas tout. Cela est vrai de l'architecture
totale aussi bicn que de chaque poesie prise ä part.
Or c'est surtout gräce ä cette structure generale que Baudelaire
se fit Tillusion d'avoir ete dans son oeuvre objectif et impassible,
Lorsqu'il preparait son livre pour le public, il n'y voyait que ce
que pouvaient ou devaient y voir les lecteurs; il s'interessait
particulierement ä la disposition, ä l'ensemble. II suffit, pour
s'en rendre compte, de comparer la premiere edition ä la
deuxieme. Si celle-ci a une superiorite sur la premiere c'est
precisement parce que les lignes generales y ressortent davantage.
Les poesies etaient devant lui, muettes, sans force d'evocation;
il s'en servait, comme de couleurs, pour remplir un dessin
capricieux. Heureux de la plasticite de ses symboles et de
Tenchainement logique par lequel les echos spontanes et sans
Suite de son äme se transformaient en des seenes impersonnelles
et reflechies constituant tout un drame, l'auteur crut un
moment avoir ete ou pouvoir sembler un pur artiste; il se
vanta aupres des lecteurs et des amis d'avoir joue un röle, en
parfait comedien, et compose ses poesies avec la logique et la
precision d'un mathematicien deduisant ses theoremes. Que
si, pour remplir son douloureux programme, il avait avec soin
etudie son cceur, c'est qu'il sentait en lui, comme Socrate, les
germes de toutes les vertus et de tous les vices. «Le sieur
Baudelaire a assez de genie pour etudier le crime dans son propre
coeur», ecrivait-il lui meme ä un ami."*)
Nous allons prouver par de nouveaux temoignages qu'il
etait bien plus sincere dans le cri qu'il laissa echapper plus tard,
quand la violence irremediable du mal rendait ses remords plus
vifs, sa peur plus grande, et plus necessaire le libre epanchement
dans une äme amie. Je fais allusion ä ce qu'il ecrivait ä M.Ancelle :
«Faut-il vous dire ä vous qui ne l'avez pas plus devine que les
autres que dans ce livre atroce j'ai mis toute ma pensee, tout
mon coeur, toute ma religion (travestie), toute ma haine ? II
*) Lettres, pag. 463, 1 Oct. 1865.
L'architecture des ,,Fleiirs du Mat\ 21
est vrai que j'öcrirai le contraire, que je jurerai mes grands dieux
que c'est un livre d'art pur, de singerie, de jonglerie et je mentirai
comme un arracheur de dents.»^) Tragiques paroles, qui ne
marquent pas seulement le decouragement momentan^ de
Tartiste oblige de reconnaitre que dans l'art la pleine objectivite
n'est pas possible:^) elles sont vraiment les aveux d^chirants
d'un homme.
Le poete nous introduit dans l'enfer du mal oü s'entremelent
confusement les hurlements furieux et les soupirs etouffes, les
extases et les revoltes, les pleurs läches et le rire desesperö; Täme,
dont il chante l'histoire, descend graduellement cet abime. Le
livre dans la premiere edition est divise, ainsi qu'une tragedie,
en cinq parties: Spleen et Ideal, les Fleiirs du Mal, Rivolte, le
Vin, la Mort?) Elles embrassent toute une vie, le volume
8'ou^Tant par l'image du berceau, so terminant par l'image de
la tombe. Leur diverse longueur convient bien ä la vie de Täme,
dont, bien plus que le temps, l'intensite de la douleur
mesure les phases. Ici Baudelaire a pour criterium le progres du
mal. De ce mot, il confond volontiers et utilement les deux diverses
significations : le contraire de la vertu et celui de la sante. Dans
la dedicace de ses vers ä Th. Gautier il ne parle pas de Fleurs
du mal, mais de Fleurs maladives. Le sujet des Fleurs du mal
est Sans nul doute le vice; c'est meme, comme il s'exprime ä la
fin de sa preface, le plus laid, le plus pervers, le plus degoütant
des vices: l'Ennui; mais il l'etudie comme une maladie de Täme.
Dans Spleen et Ideal il en cherche les origines, les symptömes
lointains, les premieres manifestations, pour representer ensuite
la maladie tout entiere dans sa complexite myst^rieuse. Dans
son protagoniste l'ennui de la vie est, peut-on dire, inne. Meme
dans le passe fantastique, que lui cree son Imagination debord^e,
dans une vie anterioure qu'il imagine calme et voluptueuse,
parmi la splendeur des eaux, des parfums et de l'azur, meme dans
la demeure du reve, sous les vastes portiques teints par les
mille feux des soleils marins, dans Taccord puissant des bruits
5) Lettres, 28 Fevr. 18GG.
**) Flaubert, Correspondance, II. 81: «Je nio suis toujours
Ulis dans tout ce que j'ai fait».
') Je renverrai conslamment ä VM. Calinan-Lövy, non qu'elle
Boit r^ellement, ainsi qu'on Tappelle, definitive, mais parce qu'elh-
est possedöe par tout lo n\onde. Les deux premieres Mitions ont paru
en 1857 et en 1861, chez Poulet-Malassis et De Broise. La belle 6d.
Lemerre reproduit l'ordre de la 2c M., et groupe les nouvelles Fleurs
au l'ond du volume. On a suivi la disposition de Ted. d^fin. dans la
riebe 6d. donn6e par la Librairie des Amateurs, Paris 1910. Trds
utile r^dilion que vient de nous donner la librairie Georges Cres et
Cie, Charles Baudelaire, Los Fleurs du Mnl, Texte integral sui^i
de varinvtes . . . Paris, 1911.
22 J'- /' ■ fientdello.
de, la mor avcc les coulcurs du couchant, il no peut se voir
libro de sa secrete langueur:
C'est lä que j'ai vecu dans los voluptes calmes,
Au milicu de l'azur, des vagucs, des splendeurs
Et des esclaves nus tout impregnes d'odeurs
Qui me rafraichissaient le front avec des palmes
Et dont l'uniquc soin etait d'approfondir
Le secret douloureux qui me faisait languir.*)
C'est en vain qu'il demande aux deux seuls moyens que
'homme ait de se rcndre digne du ciel, ä l'Art et ä l'Amour,^)
un remede ä sa tristesse croissante; il porte en lui, des sa
naissance, un amour fatal du reve, une soif inassouvie du
divin; aussi les regrets, los desillusions l'attendent-ils et avec
eux un ennui plus grand. On trouve par consequent dans Spleen
et Ideal, avant que le cycle du vrai Spleen commence, deux cycles
distincts, organismes vastes et complets qui pourraient aussi
exister separement: le cycle de l'Art et le cycle de l'Amour.
Dans chaque cycle le reve et, opposee au reve, l'action. Une
courte partie introductive, oü le but ideal est indique, puis le
recit des efforts inutilement tentes pour y atteindre.
L'organiquo unite du cycle de Tart est demeuree jusqu'ici
inapergue. Ge cycle est constitue par les 16 preraieres poesies dans
la premiere et deuxieme ed., par les 17 premieres dans la troi-
sieme. Le poete, apres avoir celebre la divine origine de la
poesie (I — II) et de fini sa täche ideale (III — VI), passe en revue
les causes qui ont entrave sa noble activite (VII — XVII). La
subtile preciosite de quelques symboles cache un peu, dans
cette derniere partie, l'enchainement des idees et lä oü il parle
des vaines lüttes du poete contre l'implacable destin, on a
cru saisir le souvenir nostalgique d'un joyeux sejour ä Honfleur.^^)
Mais depouillees du symbole, les differentes idees se groupent pres-
que spontanement pour nous repeter, d'une maniere plus concise,
plus personnelle, plus impressionante, le vieux theme si eher aux
ämes romantiques de Thomme superieur, de l'elu sur qui pese la
malediction du ciel. Premieres entraves au poete: la maladie
et la misere. II est malade et pauvre au physique; infirme et
appauvri au moral. C'est du fond du cceur qu'on tire les ma-
teriaux pour les edifices poetiques; il faut descendre au fond
du coeur pour y puiser le vrai; or son coeur est une tombe, un
cloitre odieux, que rien n'embellit; il faudrait pouvoir ressembler
aux anciens moines qui se rendaient dans les cimetieres pour
^) XII, La vie anterieure.
^) C'est lä une opinion de Baudelaire. Voyez XCVIII, La Ranfon.
^°) Ourousof, ouvr. cit., pag. 14.
L'archiiecture des ,,Fleurs du MaV\ 23
glorifier la mort. De plus la jeunesse a disparu. Les tempetes
ont detruit le jardin de son genie et il ne sait si le
terrain desormais aride pourra donner aux fleurs qu'il reve
leur aliment mystique. La mort approche, une mort obscure;
il sent que tout un tresor de chants restera enfoui au
dedans de lui; il repete avec une tristesse infinie Tancien ars
longa vita hrevis et il reconnait la realite d'un destin ineluctable,
empoisonnant nos joies les plus pures, arretant nos plus nobles elans,
comme s'il jalousait notre bonheur et craignait notre hardiesse.
Infini et mystere, contre lesquels Tenergie qui vit en nous, infini
et mystere eile aussi, nous pousse ä une lutte eternelle. Bohe-
miens en voyage, l'Homme et la Mer, Don Juan aux Enfers,
voilä les trois tableaux symboliques representant le grandiose
conflit. Mais plus que dans l'homme en lutte contre la mer, plus
que dans Theroique indifference de Don Juan, nous voyons le
mystere de Thomme fatal et incompris, revant d'insaisissables
choses, dans les bohemiens vagabonds
Promenant sur le ciel des yeux appesantis
Par Ig mornc regret des chimeres absentes.^^)
Le cycle se termine par un ricanement. Le poete qui a
senti la grandeur et la dignite de l'eternelle lutte et qui a donne
a son Don Juan le calme dedaigneux d'un heros enchaine devant
un tyran, sent ä la fin le ridicule de Teternelle defaite et donne
au pauvre athlete la figure du vieux docteur dont la theologie
a trouble la cervelle.^^)
Voilä donc, en onze poesies, toute la douloureuso tragedie
du rate. Elle semble parfois se soulever ä une signification
plus universelle et plus iiaute et nous croyons entrevoir ä travers
la splendeur des symboles philosophiques toute la sanglante
Opposition de la realite brutale et du reve; mais c'est, au fond,
Loujours la douleur particuliere de Tartiste, du poete surtout,
tirant de sa gangue avec peine l'or pur de la parole rythmee.
Baudelaire ecrit /a il/u^ema/flrfe, la Musevenale\ il clot la prcmiere
ed. de son ouvrago par la Mort des artistes. Jamais l'essor des
jeuncs ämes vers la poesie n'avait ete plus general ni plus ardent
et il fallait bien, pour peindre au vrai les agitations et les melan-
colies de la jeunesse du tomps, ne pas oublier cette fievre d'art
qui etait alors et sera toujours une des premieres formes oü
se realise la vague aspiration vers l'ideal. Mais l'auleur n'out
pas tant insiste et avec tant d'amertume s'il se fül simplement
") Dans Mon coeur mis ä nu, pag. 114, il se propose de cel^brer
le vagabondage. C'est ce qu'il fait dans ses Petits poemes en prose
(XXXI, Les vocations).
'■-) Le sonnet Ä Theod. de BanK'iUe, ajoulö dans T^d. posthuine,
pr^cede opportunt^ment Chätiment de rorgueil. La sujct est le mßme:
on porte toujours la peine de loute audace horoique.
24 L. F. Benedetto.
ugi d'une etude objective. Rapproches de cette partie des Fleurs
du Mal, nombre de passages, dans sa correspondance et ses
ceuvres, prouvcnt. ä n'en pas douter, la sincerite de sa plainte.
Un cöte tres interessant de sa vie Interieure, de son pessimisme,
nous apparalt. On constate combien il a souffert, et combien
souvent, du doute affreux qui a ronge tant d'artistes. II n'a
pas la foi dans son genie. II a peur que la source des vers
ne soit tarie en lui; que les beaux moments qu'il appelle de
sant^ poitique n'aient plus ä revenir. Remarquez cette ex-
prssion, et songez que Baudelaire soutenait la souverainetö de
Timagination dans l'art, et la possibilitö, pour une volonte
energique, de reveiller et regier cette faculte presque divine;
songez que, par principe, il ecartait les trouvailles de l'inspiration
spontanee, les cadeaux du hasard. La sante poitique ne signifiait-
elle pas precisement, pour lui, l'ivresse creatrice ä laquelle
allaient ses desirs et ses regrets d'artiste ? Baudelaire n'a pas
dedaigne la gloire. C'est avec tristesse qu'il congoit Tidee
d'une destinee obscure:
Loin des sepultures cüebres,
Vers un cimetiere isole,
Mon coeur comme un tambour volle
Va battant des marches funebres.^^)
et une perspective d'annees glorieuses le console, lorsqu'il fait
ä ses journaux intimes ses dernieres confidences. Mais toujours
il aima l'art plus que l'applaudissement, par dessus tout. II
souffrit d'etre ignore; il souffrit plus encore, plus tard, de ne
pas etre compris;^^) mais sa douleur la plus grande fut de ne
pouvoir arracher ä la poesie toutes les joies reservees aux 61us,
de sentir mourir peu k peu en lui le poete. N'oublions pas que,
alors, l'art representait ou rempla^ait, pour les artistes, la famille,
les amis, la patrie, la beaute, tout en somme; et nous
comprendrons entierement cette douleur.
II peut paraitre etonnant que Baudelaire se soit lamente
de son impuissance d'artiste dans une oeuvre si singuliere de
beaute et d'envergure. Mais les Fleurs du Mal n'etaient ä ses
yeux, lors meme de leur premiere apparition, qu'une partie
^^) XI Le Guignon. On peut voir sur les sources de ce sonnet
J. M. B e r n a r d , A propos d'un sonnet de Baudelaire, dans la Revue
d'histoire liüeraire de la France, 1909, XVI, pag. 792/3.
1*) Dans une lettre ä Nadar de 1859 (N adar , Charles Baude-
laire intime, Paris 1911, pag. 92 3): « . . . il t'a pris fantaisie, ä propos
d'un poete beige ou polonais, de me jeter un mot desagröable ä la
figure. II m'est p6nible de passer pour le Prince des Charognes. Tu
n'as sans doute pas lu une foule de choses de moi qui ne sont que musc
et que roses». Et en 1866 ä M. Ancelle, touchant les Fleurs du Mal:
«On commencera peut-etre ä les comprendre dans quelques ann6es».
L'architecture des .,Fleurs du Mal''''. 25
bien petite de ce qu'il avait projete. Dejä en 1853 il exprimait
ä Poulet-Malassis ses regrets d'avoir ete detourne par les
malheurs et les outrages subis dans le courant de l'annee,
d'öcrire trois comedies et quatre volumes dejä congus.^^) II
savait d'ailleurs que son livrc, qu'il publiait ä trente-six ans,
n'etait pas le resultat total de toute une jeunesse laborieuse,
mais bien plutöt un recueil assez banal des vers germes au hasard
dans une vie mecontente et sterile, recueil qu'il tächait de relever
par Toriginalite piquante et vigoureuse du cadre. II a eu assez
tot la conscience de son impuissance, si le portrait de Samuel
dans son conte juvenile la Fanfarlo, est, comme on le croit,
traee d'apres lui-meme.^^) «Le soleil de la paresse qui
resplendit sans cesse au dedans de lui, lui vaporise et lui
mange cette moitie de genie, dont le ciel l'a doue. Parmi tous
ces demi-grands hommes que j'ai connus dans cette terrible vie
parisienne, Samuel fut, plus que tout autre, Thomme des belles
Oeuvres ratöes, creature maladive et fantastique, dont la poesie
brille bien plus dans sa personne, que dans ses oeuvres et qui
vers une heure du matin, entre Teblouissement d'un feu de charbon
de terre et le tic-tac d'une horloge m'est toujours apparu comme
le Dieu de Timpulssance — dieu moderne et hermaphrodite —
impuissance si colossale et si enorme qu'elle en est epique.» Les
plaintes se fönt de plus en plus frequentes ä mesure que les annees
s"en vont. Et Ton arrive ä la lettre qu'il ecrit ä sa mere le 3 janvier
1865, quand dejä son esprit est tout rempli de pensees funebres,
lettre qu'on ne peut lire sans un attendrissement profond : «Comme
il est difficile, non pas de penser un livre, mais de l'ecrire sans
lassitude ! G'est lä pour moi, maintenant, une idee fixe,
l'idee de la mort, non pas accompagnee de terreurs niaises — j'ai
tant souffert dejä et j'ai ete si puni que je crois que beaucoup
de choses peuvent m'etrc pardonnees — mais cependant liaissable,
parce qu'elle mettrait tous mes projets ä neant, et parce que
je n'ai exöcute encore que le tiers de ce que j'ai ä faire en ce
monde».
II s'est souvent cfforce de s'expliquer ä lui-meme Thistoire
de son talent, de justifier ses deconvenues dans le domaine de
l'art. Dans les Fleurs du Mal il envisage le probleme sous ses
aspects principaux; d'abord le facteur physiquo et le facteur
economique, la maladie et la pauvrete; apres, les facteurs d'ordre
moral, le contenu restreint de son äme, sa conception trop haute
de la poesie. Ailleurs il croit avoir trove la vraie cause de sa
8t6rilit6 littöraire dans sa methode de travail, dans sa haine pour
toute Improvisation, dans le soin trop minutieux donn6 aux d^tails,
qui le faisait rester des heures sur uno page, sur uno phrase,
i'^) Lettres, IC D6c. 1853.
'«) (Euvres, IV, pag. 388.
2V) L. F. ßenedetto.
ä Ja rechorcho (l'une forme plus parfaite; ai les Fleurs du Mol
avaiont puru si tard co n'etait pas uniquoment par la pusillanimite
dos ödit(.'urs quo la rarete du sujot effrayait, inais aussi panx'
qu'il vüulait sc presonter ä son public aussi parfait que possiblc.
De lä la regle qu'il se donno dans Fusees}'') «Debüt d'un
roman, commencer un sujet n'importe oü et, pour avoir envie
de le finir, debuter par de Ires belles phrases»; et dans Mon ccpiir
mis ä nu}^) : «Se mettre tout de suite ä ecrire. Je raisonno
trop».^^) Peut-etre n'a-t-il pas cu Ic courage de s'avouer de
plus dures verites, d'admettre la naturelle pauvrete de son imagi-
nation verbale, la tenuite de son souffle createur. On a pu dire,
et non sans raison, que son vrai chef-d'ocuvre ctait une traduction,
la traduction d'E. Poe. II lui fallut tomber irremediablement
de la poesie ä la prose: quclques-uns des Petits pocmes en prose
sont des fleurs du mal qu'il n'a su appeler ä la vie superieure
de la poesie. Meme dans Les Fleurs du Mal, on apergoit la
tenuite du souffle. II est naturel que certaines idees et certaines
images y maintiennent par leur retour l'unite de la couleur; il en
est ainsi de la mystique metamorphose de tous les sens en un seul,^*^)
du lent corbillard des reves,^^) du debauche qui semble, em-
brassant sa belle, embrasser son tombeau.^^) Mais plusieurs
repetitions semblent plutöt temoigner d'une imagination peu vivo:
XXXI, 14 Et le ver rongera ta peau comme un remords,
et LV, 1 — 3 le vieux, le long Remords.
Qui vit, s'agite et se tortille
Et se nourrit de nous comme le ver des morts.
XLI, 1 — 2 cette tristesse etrange
Montant comme la mer sur le roc noir et nu.
et LVI, 3 La tristesse en moi monte comme la mer,
XLIII, 3—4 ä la tres-belle
Dont le regard divin t'a soudain refleuri.
et GXVII, 9—4 Fugitive beaute
Dont le regard m'a fait soudainement renaitre.
LXVI, 3 Sois charmante et tais-toi.
et XC, 2 Sois belle et sois triste.
") pag. 86.
^8) pag. 122.
^^) Ces mots ne l'ont-ils pas penser ä Fr. A m iel , Journal
mime, I, 90|1, expliquant sa timidite d'action par le «developpement
excessif de la röflexion, qui a reduit presque ä rien la spontaneite,
l'dan, i'instinct, et par lä meme l'audace et la confiance»?
20) IV, 5/8; XII, lOjll; XXIV, 17; XLII, 21,24; XLVIII, 3/4.
21) LXXX, 17; LXXXIV, 11,12.
22) XXII, 19120; XXV, 7/8; XXXIII, 2.
L'architecture des ,,Fleurs du Maf". 27
XXVII, 8 Ces yeux sont la citerne oü boivent mes ennuis
et L, 14 — 11 Mes songes viennent en foule
Pour se desalterer ä ces gouffres amers.^^)
Ce que nous venons de constater n'a pu echapper ä l'oeil
si attentif de Baudelaire. Mais, lä oü nous voyons l'essence d'un
temperament, il ne voyait, lui, que des accidents fortuits. Et
il demandait ä sa volonte, ou parfois ä ropium, de corriger
sa lenteur au travail en reveillant en lui sa vraie nature, et
excitant sa verve assoupie. Et il se plaisait ä l'etude des forces
ennemies qui lui faisaient echec.
[J'abord la Muse malade. Ce n'est pas une nouvelle edition
d'une poesie de Sainte-Beuve.^*) Baudelaire eut bientöt ä
regretter reellement sa sante disparue. II portait en lui d^ la
naissance un germe fatal, puisqu'il a pu s'expliquer la maladie
dont il devait mourir, en se rememorant la trop grande
difference d'äge entre ses parents et la demence de ses ancetres,
«Mes ancetres, idiots ou maniaques, dans des appartements
solenneis, tous victimes de terribles passions»-^) ecrit-il, malade,
sur son Journal. La faiblesse organique innee ne fit que s'accroitre
dans les folles annees de sa vie juvenile, quand il predisait en
riant sa mort prematuree."^) Voulant l'entrainer ä un travail
serieux, ä un tour de force, Mme Sabatier lui disait: «II faudrait
pour cela, renonceräTopium, ä toutes les fantaisies qui vous passent
par la tete et vous accrochent ä chaque pas. Je perds mon temps
et ma peine ä vous precher.» II faut pourtant se souvenir qu'il
ne recourait pas toujours ä l'opium pour rendre plus intense la
vie du reve ni pour jouir d'une ivresse delicieuse des sens, mais
quelquefois aussi pour apaiser la douleur physique. La faiblesse
de la sante fut vraiment un serieux obstacle ä son activite litte-
raire; eile explique aussi, en partie, son indecision, sa paresse,
son penchant au reve.
Vient ensuite la Muse venale. Baudelaire se peint en Chat-
terton. Ici il nous dit sa crainte de n'avoir pas un tison pour chauf fer
sa muse, les soirs d'hiver^^), lä sa honte de ne pouvoirdonner ä la
jolie chanteuse des rues le bijou de vingt-neuf sous qu'elle lorgne
dans une vitrinc;^^) nous le voyons, le menton dans les mains,
contempler du haut de sa mansarde les ciieminees, les clochers
et les cieux^^) et rouvrir sur l'horreur de son taudis les yeux encore
^^) Nous allons bientöt parier d'autres repetitions qui sont pro-
bablement des correspondances voulues.
'^*) Cela a et6 affirmö par M. C a n a t , Du sentiment de la solitude
morale chez les romantiques et les parnassiens, Paris 1904, p. 163.
'^^) Fusees, pag. 84.
-®) (Euvr. posth., pag. 54.
2') VIII, La Muse venale.
'^^) CXII, A une mendiante rousse.
29) CVIII, Paysage.
28 L- ^. ßenedetto.
öblouis des richesscs prodigieuses vues en songe.^^) La tradition
romantiquc a ici exerc^ son influencc et, cvidemment, inspirö
I'üutrancfi de certains traits; mais rinflucnce do la r^alite n'on
est pas moins certaine. Apres quelques annees d'unc discrete
aisance, Baudelaire se trouva engouffrö irremediablement dans
un tas de petites dettes, formant un total d'un peu plus de vingt
et un mille francs. II ne fit pas de veritables folies; il eut toujours
la sörieuse intention de payer entierement tous ses creanciers et
on le voit, non sans admiration, ä la veille de partir ä la mer,
fixer dans son programme deux jours entiers au calcul complet de
se dettes. II lui arrivait parfois d'en rire, mais sa gaitö cachait des
larmes. Lisez, par ex., dans ses Conseils aiix jeunes litUrateursJ^^)
«N'ayez jamais des cröanciers; faitcs, si vous voulez, semblant
d'en avoir; c'est tout ce que je puis vous passer.» Dans lo fait,
la lente tragedie des continuels denüments, ne laissa pas de
contribuer, plus que toute autre chose, ä sa perte. Une grande
partie de sa correspondence renferme des demandes d'argent; ä
Ancelle, ä Poulet- Malassis, ä la Societe des gens de lettres.
Nous avons le droit de soup§onner des crises tres serieuses,^^)
et meme avant l'apparition des Fleiirs du mal. Nous ne parlons pas
de ses dernieres annees, quand il declarait dans son Journal
ne pas avoir encore connu le plaisir d'un plan realise et retragait,
par des notes courtes, coupees, tragiques le vieux reve renaissant
plus fort dans Tavilissement de Tindigence: «Gloire. Payement
de mes dettes. Richesse de Jeanne et de ma mere.»
On comprend aisement que tout cela ait influe sur sa
carriere poötique, soit en empirant sa sante, soit en le detournant
vers de plus humbles travaux. II appelle toutes les annees
de sa jeunesse «seize ans de faineantise» (1842 — 1858) quoiqu'il
ait eu alors des periodes d'activite indubitable. Mais c'etait
pour le gain, plus que pour l'art. L'art ne peut pas, croyait-
il, se separer de la richesse. Le luxe, l'elegance ont ete toujours
pour lui l'ideal de beaute traduit dans la vie; il ne cacha jamais
son mepris pour les poetes qui ne se souciaient guere de se faire
un milieu poetique et il alla jusqu'ä douter, pour cela seul, de
la räalite de leur talent. II aima morbidement les parfums,
l'or, les gravures, les etoffes de soie, les dentelles, les vins
capiteux. Sa muse est amante des palais^^) et le transporte
volontiers, avec sa bien-aimee, au pays de Cocagne:^*)
La tout n'est qu'ordre et beaute;
Luxe, calme et volupte.
Des meubles luisants
Polis par les ans,
30) CXXVI, Reve parisien.
3') CEuvres, III, pag. 287.
32) Voyez la lettre ä M. Ancelle du 24 D6c. 1855.
33) VIII, cit.
3*) LIV, L'Incitation au voyage.
L'architecture des .,Fleurs du Mat\ 29
Decoreraient notre chambre;
Les plus rares fleurs
Melant leurs odeurs
Aux vagues senteurs de Tambre,
Les riches plafonds,
Les miroirs profonds,
La splendeur Orientale,
Tout y parlerait
A l'äme en secret
Sa douce langue natale.
La derniere partie du livre, la Mort, se compose dans la
premiere edition de trois seuls sonnets: la Mort des Amants,
la Mort des Pauvres, la Mort des Artistes, qui ne sont pas des
visions isolees, des confuses Images de la Mort, mais une synthese
finale de ce que le mourant a desire et vainement cherche dans
la vie et qu'il espere maintenant trouver au-delä de la tombe:
avec des reves d'amour et d'art des reves de richesse.^^)
L'etrange sonnet Le mauvais Moine apporte une nouvelle
donnee fundamentale au probleme qui nous occupe, et nous
ßuggere une Solution plus profonde, fondee sur la connaissance
intime de l'äme du poete. L'idee principale du sonnet ne doit
pas nous tromper. Je ne crois pas que le poete ait fui la poesie
pour se derober ä l'etude douloureuse de lui-meme. Certes, la longue
analyse de ses miseres interieures n'a pas ete faite sans tristesse;
Täme qu'il sondait etait trop encombree de choses mortes. Mais
Baudelaire n'a pas ete le mauvais moinc evitant peureusemcnt
^*) Baudelaire voulant attirer particulierement rattention sur
ces trois qualitös de son personnage, amant, pauvre et artiste, avait
congu une nouvelle po6sie qui, le 13 Mars 1860, ötait presque termin^e:
Plutufs, U Amour et la Gloire. Peu content de l'^laboration poätique
il en fit un de ses Petits poemes en prose, XXI, Les Tentation, ou Eros,
Plutus et la Gloire.
II ne faut pas prendre trop au serieux la petite composition cit«^e
plus haut, Conseils aux jeunes litterateurs, ni en dMuire que Baudelaire
n'a pas 6t6, vis-ä-vis de l'argent un idöaliste raffinö, mais plutöt un
pur philistin. Maurice S p r o n c k , Les artisles litieraires, Paris
1889, p. 97/8, d6plore qu'un poete d'une si ardente spiritualit^ s'arrete
ä prouver les avantages matöriels de la poösie. II est ais6 de s'aper-
cevoir, d'abord, que le poete, jeune homme de vingt-cinq ans posant
en conseiller devant ses compagnons de mutier, ne voulait ici qu'elre
piquant et spirituel ; ensuite, qu'il ^tait sous l'influence d'Eug. Delacroix,
ftour qui il avait alors les plus vifs enthousiasmes et dont il 6crivait
(Euvres,\ll, p. 267): «Delacroix aimait ä fa^onner de ces petits catt^-
chismes de morale pratique que les etourdis et les faini^anls qui ne
pratiquent rien altribueraient d^daigneusement c\ M. de la Palisse,
mais que le g^nie ne m^prise pas parce qu'il est apparentö avec la
simplicitö; maximes saines, fortes, simples et dures, qui servent de
cuirasse et de bouclier k celui que la fatalit»^ de son g6nie jette dans
une bataille perp^tuelle».
;^0 /- /''. Benedetlo.
le cimetiöre, oü se glorifie la mort. Au contraire: il s'y est
Hindu, irresistiblomont poussö par dos bosoins de raison, d'imagi-
nation, do sontimont, surtout. Sa raison est assez forte et
pen<''lrante pour saisir les verites les plus profondos, mais los
problemos qu'olle prefero sont les plus compliques, les plus
tourmontants, les plus etranges, les mieux aptes ä saisir
l'imagination et troublor Täme entiere. Car il ignore ou meprise
los sentiments les plus simples et generaloment les plus vifs,
Pas de veritable amour pour sa mere en lui. Sa tendrosse pour
eile deviont dans ses dernieres ann6es intense et delicate; il fait
des programmes de vie serieuse et active dans l'espoir qu'elle
puisse jouir de son changement; il recommande ä M. Ancelle
de ne pas lui laisser deviner rempirement continuel de son mal;
il prie Dieu le soir et lo matin d'en prolonger rexistence. Mais
il faut tout de memo remarquer qu'il a vecu toute sa vie loin
d'elle, en ennemi et qu'il lui revient bien tard quand tout
s'äcroule autour de lui et qu'elle seule lui reste. Ses
amours, ses amities, ses enthousiasmes sont nes en majeure
partie de son imagination et de sa raison. Les sentiments qu'il
aime, qu'il excite, sontceuxquis'emparent de nous completement
et ont en eux quelque chose d'infini. G'est, par exemple, ce
qu'il appelle «l'extase de la vie». II ne s'interesse que tres peu
ä l'aeuite de la Sensation isolee, bicn qu'il soit merveilleusement
doue pour le plaisir et que tous ses sens soient sains, attentifs,
vibrants;^^) quoiqu'il possede des l'enfance le goüt des images,
des couleurs, des lignes et que les sons et les parfums le ravissent.
II raff ine sur ses sensations, il en cree, en les melant, de nouvelles,
surtout il les encadre dans des idees aussi vastes et profondes
que possible; il augmente par le haschisch la capacite de son
ärae; il veut en somme par l'affinement de la sensibilite, l'abon-
dance et l'harmonie des sensations et des idees, sentir plus
puissamment, non une forme particuliere de la vie, mais la vie.
II ecrit dans Fiisees'?'^) «II y a des moments de l'existence oü
le temps et i'etendue sont plus profonds et le sentiment de
l'existence immensement augmente.» Et ailleurs^^): «Qui n'a
connu ces admirables heures, veritables fetes du cerveau, oü
les sens plus attentifs per^oivent des sensations plus retentissantes,
oü le ciel d'un azur plus transparent s'enfonce comme un abime
plus infini, oü les sons tintent nusicalement, oü les couleurs
parlent, oü les parfums racontent des mondes d'idees ?»
^®) Les Fleurs du Mal ne nous temoignent pas seules de la sen-
sibilite du poete; on peut constater d'apres ses travaux critiques qu'il n'y
a pas chez lui d'excitable que l'odorat, mais sa vue aussi et son ouie
n'avaient pas une mediocre puissance.
3') pag. 81.
38) (Euvres, II, pag. 243.
L'archüecture des ..Fleurs du Mat\ 31
C'est surtout le sentiment du mystere, et du plus grand
de tous, la mort. II en aime toutes les formes, qua ce soit
horreur et degoüt devant les corps en pourriture, ou douceur
de regrets, ou dechirement de Tarne lorsque les reves s'effacent
ou tristesse infinie apres les vains efforts pour renouveler le
passe. II cherche volontiers, seduit par le parfum que les vieilles
amours evaporees ont laisse au fond des ämes, les replis les plus
Caches et les plus obscurs de la conscience; il cherche la douceur
des couchants, les silences des nuits de lune, la lumiere brumeuse
et melancolique des jours d'automne. Si, comme Obermann,
il adore les parfums, c'est sans doute pour la meme raison que
lui, ä cause des sensations plus vagues et plus mysterieuses
qu'ils evoquent. Le spectacle de la destruction physique
ne peut ne pas l'attirer. C'est lä surtout que l'eternel ecou-
lement des formes apparait, Les autres aspects de la mort
ne secouent pas d'un frisson aussi violent tout notre etre, ni ne
produisent, comme reaction, un plus grand elan vers l'absolu.
L'idee de la mort, ainsi entendue, domine dans tout le volume.
Qu'on voie surtout le groupe central de poesies qui a pour titre Les
Fleurs du Mal. L'appareil de la destruction s'agite devant le poete
arrive, loin du regard de Dieu, dans les plaines desertes de l'ennui;
il lui semble parfois qu'il perd son sang ä flots sans reussir ä trouver
oü est la blessure; il voit dans l'ile de Venus son image pendue
ä un gibet symbolique; il voit l'Amour, assis sur son cräne,
faisant des bulles avec son sang, avec sa chair, avec son cerveau.
Maint ecoHer hysterique et maint grave erudit a pourtant
cru que tout Baudelaire etait dans la Charogne et dans les Meta-
morphoses du vampire.^^) Et un des plus fins critiques trouva
etonnant le desir de la mort, chez Baudelaire, c'est-ä-dire chez
un homme pour qui la mort n'etait que la mort visible dans
la pourriture des corps, la mort pergue sur le cadavre par le toucher
et Todorat.^*^) Mais il suffit de lire les trois dernieres poesies
du livre, la Mort. II y a dans les deux premieres presque une
serenite tombale et comme un calme religieux et il y a dans le
poeme final, le Voyage, le desir de ce qu'on n'a pas connu, de
^^) Parmi ses confreres meme, beaucoup n'ont pas ete ni ne sont
pas moins myopes. Rien de plus savoureux, par ex., que l'^clat d'anti-
baudelairisme par lequel Joseph Autran clot ses courtes notes sur
la litt^'ature frangaise: «Ne nie parlez pas de ce poetöda. Je n'ai jamais
compris la faveur dont il a joui aupres de certains esprits: je ne Tai
comprise du moins que par ce d^plorable attrait de la corruption souvent
plus fort que l'attrait du talent. Pourquoi n'en pas parier, me dit-on,
il a fait son bruit. J'en conviens: il a fait son bruit comme le fou
qui ouvre sa fencli'c et adresse aux passanIs de bizarres apostrophes,
comme le d6bauche qui sort la nuit d'un nuuivais licu et offense par
ses Chansons avinees la majestö des etoiles.»
^^) G. Lanson. Hist. de la liii. fnui^. Paris 1906, pag. 1043.
:\2 /v. I'\ Benedetto.
ce qui n'est plus notre vie bornee et banale; Ic dösir de Tinfini
et de I'öternel. G'est sous une forme nouvelle, le reve essentiel
du poßte:
Au dessus des etangs, au dessus des vallöes,
Des montagnes, des bois, des nuages, des mcrs,
Par dclä le solcil, par delä les ethers
Par delä les confins des spheres etoilees,
Mon esprit, tu te meus avec agilite
Et comme un bon nageur qui se päme dans l'onde
Tu sillonnes gaiment rimmensite profonde
Avec une indicible et male volupte.
Baudelaire a senti et affronte le mystere qui nous entoure
G'est une superiorite qu'il a sur des genies meme tres grands
et il le savait quand il accusait de paresse Voltaire parce qu'il
haissait le mystere. Mais cette supriorite lui a ete funeste.
Une fois le grand probleme apparu ä son esprit, son äme en fut
toute absorbee et pour toute l'existence.
On voit tout de suite les consequences litteraires de ce
romantique temperament si Ton ajoute qu'il n' a pas ete, comme
poete, profondement et moins sincerement romantique; c'est ä
dire que son art, en plus de la spiritualite, de la couleur, de
l'aspiration vers l'infini, de la richesse des moyens d'expression
devait avoir comme caractere essentiel l'intimite.^^) II ecrit
ä Mme Sabatier: «je pense ä vous en vers.»^^) L'intimite de sa
poesie la porte eile aussi ä l'epuisement. Nous venons de voir
que son experience etait d'autant plus etroite que sa vie interieure
etait plus profonde et plus intense.
II n'eut qu'un sujet. II dit lui-meme de ses Petits poemes
en prose: «En somme c'est encore les Fleurs du Mal.»*^) Et en
effet tout en faisant abstraction de l'intonation commune, ils
peuvent etre consideres comme une appendice ou une suite de la
partie des Fleurs du Mal ayant pour titre Tableaux parisiens
et le lien etait aussi indique par le nom meme que leur donna
d'abord le poete: Le spieen de Paris. Mais il y a un lien encore
plus fort: quelques-uns de ces petits poemes sont de simples
variations en prose;*'*) d'autres etaient destines ä faire partie
des Fleurs du Mal et l'auteur n'a su achever leur Elaboration
poetique,*^) h'Ivrogne, drame qui obseda longtemps son imagi-
4^) (Euvres, II, pag. 86.
'»2) Lettres, 9 Mai 1853.
*^) A Jules Troubat, le 19 Fevr. 1866.
**) XIII, Les Veuves; XVII, Un hemisphere dans une chevelure;
XVIII, Uinvitation au voyage; XXIII, Le crepuscule du soir.
^^) Nous avons dejä vu qu'on peut l'affirmer de Flatus, VAmour
et la Gloire; qu'on ajoute Dorothee. L'epilogue en ternaires a 6U conQu
comme devant servir de conge aux Fleurs; mais apres, heureusement,
l'auteur a condamnö la bizarre poesie ä clore un livre de proses.
L'architecture des ..Fleiirs du Mal". 33
nation et sur lequel il bätit tant d'esperances, a comme germe
le Vin de l'assassin et son protagoniste est, de meme que le prota-
goniste des Fleurs du Mal, un reveur oisif. II medita une Fin de
Don Juan, mais c'est un Don Juan parvenu ä la melancolie et au
spieen. II ebaucha un autre drame, Le marquis du 1^ Houzards,
et il vit specialement dans son sujet, comme, au fond, dans les
Fleurs du Mal, le contraste entre les deux grands principes, entre
Tange hon et le mauvais. Incapable de depouiller sa propre
personnalite, dans le domaine meme de Thistoire, il ne s'interesse
qu'aux figures oü il se retrouve tout ou en partie lui-meme. II
ecrit, en ecrivant la vie d'E. Poe, une grande partie de sa vie;*®)
il emploie pour Delacroix, Manet, Gautier, Guys, Wagner, des
expressions que le critique actuel doit repeter pour lui. Tout,
sous sa plume, devient autobiographique. II aspire ä une
activite originale et glorieuse; il tente de se renouveler et il ecrit
dans Fusees: «Creer un poncif c'est le genie. Je dois creer un
poncif.»'*'') Le seul poncif qu'il put creer, il Tavait dejä cree
depuis longtemps: Les Fleurs du Mal. Mon cceur mis ä nu,
son dernier ecrit, etait destine lui aussi, parait-il, ä une elaboration
artistique; mais comment ne pas voir que ces pauvrcs notes,
touchants reflets de sa bourrasquc Interieure, sont, et seraient
mieux encore une fois elaborees poetiquement, des Fleurs du
Mal elles aussi ? Un exemple suffit. Dans Mon cceur mis ä nu
nous lisons cette confession saisissante :'*^) «Au moral, comme au
physique, j'ai toujours eu la Sensation du gouffre, non seulement
du gouffre du sommeil, mais du gouffre de Taction, du reve,
du Souvenir, du desir, du regret, du remords, du beau, du
nombre etc. J'ai cultive mon hysterie avec jouissance et terreur.
Maintenant, j'ai toujours le vertige et aujourd'hui 23 janvicr 1862
j'ai subi un singulier avertissement: j'ai senti passer sur moi le
vent de l'ailc de Timbecillite.» Rhytmiquement cadence, ce
*^) Les rapports entre E. Poe et Ch. Baudelaire ont ete etudiös,
Sans la profondeur et la precision que m^ritait le beau sujet, par Arthur-S.
Patterson, U injluence d' Edgar Poe sur Ch. Baudelaire, Grenoble 1903.
II est vrai que l'influence du conteur americain a 6t6 tres grande sui-
le poete fran^ais — Baudelaire meme affirme dans un passage de Mon
cceur que Poe et De Maistre lui ont appris k raisonner — mais il n'est
pas moins vrai qu'une ressemblance extraordinaire entre leurs tenipe-
raments naturels, et comme une harmonie pr66tablie entre eux, tout
en nous expliquant cette influence, en diminue ä nos yeux la valeur.
Baudelaire ecrit k Th. Thorö ces paroles qui n'ont pas Vair d'etre une
plaisanterie: «Savez-vous pourquoi j'ai si patiemmont traduit Poe?
Parce qu'il me ressemblait. La premiere fois que j'ai ouvert un livre
de lui, j'ai vu avec ^pouvante et ravissement, non seulement les sujets
reves par moi, mais des P hr a s e s pens6es par moi et <?crites par
lui vingt ans auparavanl».
*') pag. 85.
*^) pag. 119.
Ztscbr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/'. 3
'M />. ^. Benedelto.
passagc devient l'impressionnant sonnet de Fleurs du Mal: Le
Goujfre :
Pascal avait son gouffre, avec lui se mouvant.
— Helas! tout est abime — action, desir, reve,
Parole! et sur mon poil qui tout droit se relevo
Mainte fois de la Peur je sens passer le vent.
En haut, en bas, partout, la profondeur, la greve,
Le silence, l'espace affreux et captivant. . . .
Sur le fond de mes nuits Dieu de son doigt savant
Dessine un cauchemar multiforme et sans treve.
J'ai peur du sommeil comme on a peur d'un grand trou,
Tout plein de vague horreur, menant on ne sait oü;
Je ne vois qu'infini par toutes les fenetres;
Et mon esprit, toujours du vertige hante,
Jalouse du neant Tinsensibilite.
— Ah ne jamais sortir des Nombres et des ßtresL...
Nous avons dejä vu que les dernieres poesies du cycle de
J'art representent Tinsucces du mystique s'efforgant d'echapper
ä l'etreinte de la realite et de se soulever dans une atmosphere
ideale. Pour se convaincre qu'il s'agit toujours du poete, il
suffit de se rappeler les pieces par lesquelles s'ouvre le cycle,
pieces ou l'auteur exalte l'origine du poete et sa täche. Nous
y trouvons ceci, que le moyen pour se soustraire au poids ecra-
sant du reel c'est precisement la poesie. Baudelaire y expose
d'une fagon assez claire et assez complete sa conception de la
poesie et du beau. Arretons-nous un instant. II faut que nous
connaissions au juste le but qu'il se proposait, si nous voulons
bien comprendre sa plainte de ne l'avoir pas atteint. «C'est ä
la fois par la poesie et ä travers la poesie que l'äme en-
trevoit les splendeurs situees derriere le tombeau. Et quand
un poeme exquis amene les larmes au bord des yeux, ces larmes
ne sont pas la preuve d'un exces de jouissance, elles sont bien
plutöt le temoignage d'une melancolie irritee, d'une postulation
de nerfs, d'une nature exilee dans l'imparfait et qui voudrait
s'emparer immediatement, sur cette terre meme, d'un paradis
revele.» Ge sont des paroles d'E. Poe que Baudelaire a fait
siennes. Habitue par son education romantique ä voir dans
les poetes des etres de race divine, il est bien naturel que la poesie
soit, pour lui aussi, un ravissement enthousiaste de l'äme ä des
hauteurs d'oü l'on jouit dejä des splendeurs non terrestres. II
consacre ä cette idee les premieres images de son li-sTe. Le poete,
creature du ciel exilee sur la terre, passe au milieu des derisions
et des haines, portant au front la serenite de sa patrie di\äne;
meprise, insulte, albatros tombe de l'azur au milieu des huees
L'architeciure des ..Fleiirs du Mat\ 35
d'un equipage,^^) il ne voit autre chose que le ciel et benit Dieu.^)
L'existence de la terre est plus lourde pour lui que pour tout
autre; mais lui seul peut vivre la seconde vie, la vie heureuse
de Tesprit aux regions de la splendeur eternelle:
Derriere les ennuis et les vastes chagrins
Qui chargent de leur poids l'existence brumeuse,
Heureux celui qui peut d'une aile vigoureuse
S'elancer vers les champs lumineux et sereins!
Cette elevation de l'esprit, cet effacement complet de tout
souci materiel, ne sont que l'accord preparatoire des puissances
de l'äme pretes ä rendre les voix mysterieuses des choses et ä
oelebrer la beaute.
Dans l'extase mystique l'esprit devient voyant. Les infinies
oorrespondances de la nature se revelent; tout acquiert ä ses
yeux, comme autrefois aux yeux du croyant, la valeur d'un
Symbole ; les associations se fönt plus frequentes, plus inattendues,
plus rapides.
Comme de longs echos qui de loin se confondent
Dans une tenebreuse et profonde unite,
Vaste comme la nuit et comme la clarte,
Les parfums, les couleurs et les sons se repondent.
Ce n'est pas que la nature devienne pour le poete, comme un
grammairien pourrait dire, un grand magasin de metaphores. II
faut saisir sous le jeu du style une interpretation plus harmo-
nieuse, plus profonde, insolite du moins, de la nature, une
faculte exceptionelle d'associer entre elles les sensations les plus
eloignees, de fondr(> ensemble, a un feu mystique, le sensible et
l'ideal.ö^)
■*^) Cette Image, que Baudelaire a tres originalement renouvelee,
est familiere aux poetes romantiques. On la retrouve encore, assez
peu modifiee, cliez le grand champiun du naturalisme, chez E. Zola,
Docunients lilleraires, Paris 1881, ]). 216, ä propos de G. Sand: «Elle
ressemblait ä ces oiseaux de mer qui marchent si difficilement sur
le sable, quand ils ahordent, et qui retrouvcnt leur allure ))uissante
^'t rapide, des qifils hattent les eaux immenses de leurs pattes et de
leurs ailes».
5") Je crois que cest bien cela qui a donne le lilre ä la piece (Soye/.
beni, nion Dieu, qui donnez la souffrance ....)• Suivant M. C a n a t ,
ouvr. eil., p. 154, et, j)arait-il, suivant Theo. Gautier, les Pleura
(hl Mal, p. 30, le lilre Benediction vient de ce que le poete voit sa soul-
l'rance comme une bencdiclion du ciel.
^') Ce qui est sur tout lrai>panl et caracteristique en Baudelaire
est Tassociation des sensations ol facti ves avec les autres sensations.
.Suivant cerlains critiques, Baudelaire n'a pas de titre plus s^rieux
devanl la posk^rit6!
3*
36 L. F. lienedetto.
Quant ä la bcautö, on ne pcut bien saisir la conception
quc s'en fit Je poete, si Ton ne fait pas auparavant une remarque
ossentielle. Pour Baudelaire le poete est aussi un penseur, ou,
comrae il s'exprime, un alchimiste de la pensee: dans quelques
notes autobiographiques, qui se lisent parmi ses ceuvres pos-
thumes, il observe lui-memo en lui cette preoccupation simultanee
de la poesie et de la philosophie. II y a plus: outre que pen-
seur le poete pour lui est un homme aussi; dans les memes notes
il parle de ses efforts pour mettre d'accord son ideal avec la vie.
Or il nepeut ne pas aimer la beaute physique classique: ce serait
ne pas rendre liommago ä la jeunesse, ä la simplicite, ä la poesie.
ä la sante; il ne peut ne pas eprouver un frisson d'epouvante
lorsqu'il compare la force et la beaute disparues aux ridicules
monstruosites de son temps. Mais si la beaute classique contente
son goüt esthetiquc, eile ne satisfait pas son besoin ardent, assidu
d'investigation, de penetration, de construetion imaginaire:
eile ne satisfait pas son sentiment d'homme moderne. II aime
lire dans les traits du visage la vie secrete, l'histoire compliquee
de Täme, decouvrir un frere de douleur, de meme qu'il n'admire
pas dans la nature le grandiose ou le suave des spectacles, mais
il y cherche le sens cache et voit dans la terre une continuelle
all6gorie de ses maux ou une correspondance du ciel. II est
partant seduit par la beaute des races malades:
Nous avons . . . nations corrompues,
Aux peuples anciens des beautes inconnues,
Des visages ronges par les chancres du coeur,
Et comme qui dirait des beautes de langueur.
Mais pourquoi chanter la beaute moderne, ou ce qui est la
meme chose pour Baudelaire, pourquoi etre poetes romantiques.
le sujet etant plein d'une si profonde tristesse ? Le poete a repondu
dans la poesie qui suit: Les Phares. Quel que soit le sujet, l'art
conserve sa prodigieuse vertu de consolation sur les coeurs humains :
il change l'horrible en beau; il excite la joie par la representation
de la souffrance ; que ce soit une plainte ou un hymne, Tart temoigne
de la vie superieure de l'esprit, de l'aspiration eternelle de l'huma-
nite vers une beaute ideale, vers Dieu:
Ces maledictions, ces blasphemes, ces plaintes,
Ges extases, ces cris, ces pleurs, ces Te Deum,
Sont un echo redit par mille labyrinthes:
G'est pour les coeurs mortels un divin opium!
C'est un cri repete par mille sentinelles,
Un ordre renvoye par mille porte-voix:
C'est un phare allume sur mille citadelles,
Un appel de chasseurs perdus dans les grands bois!
L'architecture des ,,Fleurs du MaV". 37
Gar c'est vraiment, Seigneur, le meilleur temoignage
Que nous puissions donner de notre dignite
Que cet ardent sanglot qui roule d'äge en äge
Et vient mourir au bord de votre eternite!
Les six premieres Fleurs du Mal contiennent donc, dans
ses grandes lignes, sa conception de Tart. Son Beau y est natu-
rellement defini. Mais une nouvelle exposition de sa conception
du beau phvsique se trouve au commencement du cycle de Tamour
(XVII— Xfx dans la F« ed.; XVII— XXI dans la 2"»«; XVIII
— XXII dans la 3™®). Ce que nous venons de dire rend assez
logiques et assez claires dans leur enchainement les pieces intro-
ductives du nouveau cycle, que d'autres ont citees pour prouver
que Testhetique baudelairienne est pleine de contradictions et
d'incertitudes.^2) La aussi on oppose ä l'ideal classique qui
reraplit d'admiration le poite, l'ideal romantique qui satisfait
le cceur de Vhomme, «ce cceur profond comme un abime«. La
seule et veritable beaute est celle qui est devant l'imagination
de l'artiste, pure, majestueuse, impassible, semblable ä un reve
de pierre : Baudelaire se sert pour la decrire des memes expressions
dont se sert Lecomte de Lisle pour la Venus de Milo:
Je hais le mouvement qui deplace les lignes;
Et Jamals je ne pleure et jamais je ne ris.
C'est lä aussi la seule beaute qui peut s'appeler eternelle,
tout homme en tout temps pouvant la comprendre: ce sont les
sentiments surtout qui changent et en eile il n'y a pas de sen-
timent. Mais ä cöte de cette forme universelle et imperissable, vous
voyez mille formes particulieres et caduques, durant ce que dure
une flottante attitude du sentiment dans un court moment de
l'histoire. C'est pourquoi La Beaute est suivie de l'ideal et de
la G^ante et, dans la troisieme edition, du Masque, accuse ä tort
par M. Ourousof, qui n'a pas compris ici le vrai criterium de la
distribution, d'affaiblir un peu l'unite du cycle en y melant
dejä l'ennui de la vie. La beaute qui peut satisfaire un cceur
moderne tel quo celui du poete, ne garde du type classique que
la majeste des formes. La Giante, une des plus ancienncs poesies
de Baudelaire qu'attira ici le dernier vers de la poesie pr^cedente,
n'est qu'un magnifique enfantillage, et ne dit rien que ne dise
dejä VIdeal par les deux majestueux sj-mboles de Macbeth et
de la Nuit:
Ce qu'il faut ä ce cceur profond comme un abime,
C'est vous, Lady Macbeth, äme puissante au crime,
Reve d'Escliyle eclos au climat des autans;
*) Spronck, ouvr. cit., pag. 92 et suiv.
38 /- /'. /Irnedetlo.
Ou bien toi, grande Nuit, fille de Michel-angc,
Qui tors paisiblement dans une pose etrange
Tes appas fa^onnes aux bouches des Titans.
En conclusion, un etre ayant Ic corps ot l'ämc vaillants.
alliant le mystere ä l'etrangete. Le Masque ajouto im elemont
nouveau: la douleur.
Le Beau dont on parle ici, dans un chapitre qui precede des
poemes d'amour est evidemment le ßeau physique, mais les
memes choses peuvent s'entendre du Beau en general, le beau
de Baudelaire etant exclusivemcnt le beau liumain, le beau
psychologique surtout. Et en eifet il ne parle pas autrement
quand il ecrit plus tard dans Fusees: ^^'^} «J'ai trouve la definition
du Beau, de mon Beau. G'est quelque chose d'ardcnt et de
triste, quelque chose d'un peu vague laissant carriere ä la con-
jecturc .... Le mystere, le regret sont aussi des caracteres
du beau .... Je ne pretends pas que la Joio ne puisse pas
s'associer avec la Beaute; mais je dis que la Joie est un des orne-
ments les plus vulgaires, tandis que la Melancolie en est pour
ainsi dire Tillustre compagne, ä ce point que je ne concois guere
(mon cerveau serait-il un miroir ensorcele ?) un type de Beaute
oü il n'y ait du malheur». Et un peu auparavant^*) : «Ce qui n'est
pas legerement difforme a l'air insensible, d'oü il suit que l'irre-
gularite, c'est-ä-dire l'inattendu, la surprise, l'etonnement sont
une partie essentielle et la caracteristique de la beaute.»
G'est donc dans Tintuition surnaturelle de la realite inanimee,
dans Texpression de la beaute humaine, dans l'action consolatrice
que consiste, suivant Baudelaire, la triple fonction de Tart. G'est
surtout ä l'expression de la beaute humaine qu'il aima consacrer
ses forces d'artiste. Porte par les quahtes de son esprit ä une
continuelle introspection, sincerement epris, malgre ses frequentes
execrations, de sa ville et de son temps, il prit pour sujet d'etude
l'homme moderne. II vit. pour me servir d'une de ses phrases.
que celui-lä surtout serait un grand peintre qui reussirait ä rendre
le cöte heroique de nos cravates et de nos chaussures de vernis.
«Le choix des sujets c'est l'homme »dit-il,^°) et la chose est speciale-
ment vraie de lui. Etudier l'homme moderne c'etait s'etudier
soi-meme. Dans l'analyse continue de son cceur, il eut des mo-
ments d'un goüt artistique plus pur, d'une sensibiUte fantastique
plus aigue, des moments d'inspiration, de sante poetique, oü sa
Vision a ete plus süre et plus pleine; les Fleurs du Mal sont la
cristallisation de ces intuitions.
Le beau qu'il decou\Tit en contemplant les aspects de l'äme.
que jusque lä, par un facile hommage ä la tradition classique,
53) pag. 79/80.
5*) pag. 78.
^^) CEiivres, III. 430.
L'architecture des ..Fleurs du Mat'. 39
on avait laisses inexplores, avait toutes les principales qualites
de son beau: Tetrangete, le mystere, la passion ardente, la douleur.
II n'idealisa pas les choses laides. II dit sans hypocrisie les as-
pirations steriles d'une race epuisee et malade, les lächetes, les
chutes, l'angoisse des lentes agonies; mais il dit aussi les haines
puissantes, les abimes insondables, le grandiose du martyre;
et en figurant riiomme moderne il figura quelquefois Hamlet ou
Satan. Si, par une metaphore dans le goüt de son temps, il eüt
voulu exprimer l'essence de son volume, il eüt peut-etre parle
d'un coucher de soleil languissant, orageux, avec de grands nuages
que sillonnent des eclairs.
Maintenant en quelle mesure la beaute qu'il realisa dans
ses vers approche-t-elle de l'ideal theoriquement congu ?
Baudelaire a su respecter assez le caractere harmonique de
la beaute. Le principal but de notre etude est de relever ce
caractere special de son oeuvre, montrant combien de soins
il a apportes ä la structure generale.^^) Mais son instinct de
l'ordre, de Tharmonie ne se revele pas uniquement dans le plan,
surplus ajoute apres coup. La meme arcbitecture que nous
revele l'ensemble, parait aussi bien dans la composition de chaque
poesie, et c'est lä la vraie creation de Baudelaire, dans le petit
poeme court, acheve, profond et suggestif; plus suggestif dans
ses etroites limites que ne le sont les grands poemes, de meme
qu'un morceau de ciel vu entre deux cheminees, deux rochers
ou ä travers une arcade, donne une idee plus profonde de l'infini
que le grand panorama vu du haut d'une montagne.^^) Tous
les poemes sont, comme l'oeuvre entiere, dramatises, c'est-ä-dire
que Tidee principale en eonstitue toujours le denouement et vient
ä la fin, dans le dcrnier ou dans les derniers vers, expliquer le
sonnet en le tcrminant. Tout en preparant peu ä peu le lecteur
ä la Vision finale, il fait en sorte que la derniere idee produise
toujours en arrivant une agreablc surprise et laisse derrierc eile
par Tintensite de l'impression un long echo.
Etonner et suggerer, voilä, en effet, les deux regles fun-
damentales de la poetique baudelairienne. II est naturol qu'il
cherche i'etonnement: nous avons dejä vu que l'etrange est p(uu-
^^) D'autres poetes se sont evorlues, avant lui. trinliiKluiro dans
un recueil de poesies lyriques l'unite d'un poömo; leui's pauvres tenta-
tives fönt appr^cicr l'habiletö de notre ^orivain. Qu'on voit, par
ex., le Marcel de Le Flaguais, traitant lo niöino sujot. lo mal du
siecle.
^'^) C'est Baudelaire mt'me qui s'est seivi de cetto innige, Leiires,
p. 238-9, 19 F^vr. 1800, en la tournant contre les longs poemes,
«ressource de coux qui sont incapables d'en faire de courlS'^. Dans
l'emploi du petit poeme symbolique et pliilosophique il est le disciple
de Vigny, duquel le rapproche aussi parl'ois la rüde energie et le
pessimisme d(^sol^.
40 L. f. ßenedellu.
lui uno des partics integrantcs du beau.^^) Et il n'est pas moins
naturel qu'il tächc, lui, lo poete de TElevation et des Phares, de
tenir longtemps le lecteur par le prestige du vers dans les regions
de la fantaisie et de la pensöe, meme quand la courte joie de l'etonne-
ment est finie.
Tout le monde connait scs plus admirables poemes oü les
deux fins d'etonner et de suggerer ä la fois sont atteintes. II
adopta avec enthousiasme la tournure satanique, parce qu'il
croyait, assaisonnant de burlesque l'idee tragique, faire rire et
mediter en memo temps. II y reussit quelquefois.
II decrit dans un de ses meilleurs sonnets, la terreur du
mystere, la peur dont est saisi en tout lieu, en tout temps Thorame
qui leve ses yeux au ciel, et termine ainsi (LXXXVII):
Le ciel couvercle noir de la grande marmite
Oü bout rimperceptible et vaste humanite.
Et dans le Goüt du niant, avec un satanisme froid, amer,
d'effet profond, vraie ironie vengeresse du Vaincu:
Je contemple d'en haut le globe en sa rondeur
Et je n'y cherche plus l'abri d'une cahute!
Avalanche, veux-tu m'emporter dans ta chute ?
Mais trop souvent la recherche de l'effet est excessive; cer-
tains rapprochements d'idees tout-ä-fait disparates se reduisent
ä un jeu; la pensee reste inerte. ^
Pour etonner, Baudelaire n'a pas que la disposition drama-
tique de ces pieces, la nouveaute et la bizarrerie des Images. Ge
qu'il y a surtout de stupefiant chez lui c'est la justesse, la propriete,
la force evocatrice du mot: aucune minutie n'est negligee, ou
pour mieux dirc, il n'y a pas de minuties pour lui; la pensee est
dense dans les phrases nettes, concises, nerveuses, intenses, ine-
xorables, oü le rhytme doux corrige la forme crue. Cela devait
etre, par sa conception de l'art, pai' le choix du sujet, surtout par
sa haine du superficiel et du commun. Continuant, avec quelques
convaincus, les meilleures traditions romantiques, retablissant
le culte de la forme belle, forte, sincere, il prevoyait tout l'effet
que feraient ses vers sur la plus grande partie du public accou-
tume au style simple, courant, flasque, monotone et pödestre.
II en voulut ä mort, toute sa vie, au «style coulant». II s'en souvenait,
quand il rassemblait dans une seule phrase, bien connue, toutes
ses antipathies los plus fortes: «Excepte Chateaubriand, Balzac,
58) Voyez aussi (Euvres, II, 258, Salon de 1859: «Le desir d'etonner
et d'etre ötonne est tres legitime — It is a happiness to wonder — c'est
un bonheur d'etre etonne — ; mais aussi — it is a happiness to dreani
— c'est un bonheur de rever . . . Par ce que le beau est toujours eton-
nant, il serait absurde de supposer que ce qui est etonnant est toujours
beau» Et dans les Petits poemes en prose, p. 79: «L'etonnement, l'une
des formes les plus d^lirates du plaisir».
L' architedure des .,Fleurs du Mal''. 41
Stendhal, Merimee, de Vigny, Flaubert, Banville, Gautier, Le-
<3onte de Lisle, toute la racaille moderne me fait horreur, vos
academiciens horreur, le style coulant horreur, le progres horreur.
Ne me parlez jamais des diseurs de riens.»
La seconde täche, celle de faire mediter et rever, etait plus
delicate et plus difficile ä remplir. Baudelaire resout le problöme
par le lyrisme et la spirituahte du sujet, surtout par la musique
particuliere du vers.^^) On ne peut definir cette musique etrange,
caressante; eile penetre en nous et reveille des echos longs et
profonds. Nee d'un travail patient et reflechi d'aUiterations et
d'assonances , ou sortie spontanement de l'äme avec la
parole, eile est vraiment le fluide vital des Fleurs du Mal et de
beaucoup d'entre les Petits poemes en prose. Elle integre rou\Tage,
oertains etats d'äme ne pouvant se percevoir que par une intuition
musicale; et en prolonge le retentissement dans nos ämes et la
vie dans le temps.
La beaute reaUsee par Baudelaire est donc majestueuse,
etrange, tronant dans l'azur. Cela eüt du suffire si Baudelaire,
tout en se declarant pour la beaute romantique, n'eüt pas cesse
de regretter ce qui lui semblait le supreme caractere du grand
art: la serenite, Timpassibilite inalterable. Le grand poete
lyrique craignait que des eris trop personnels ne rompissent la
superficie calme de roeu\'Te. Doute etrange, qui, pour decou-
rager l'ecrivain, s'ajoutait ä la conscience de n'avoir pas toujours
realise au degre souhaitable les autres caracteres de la beaute.
On vient de voir pourquoi le poete n'a pu trouver dans
Tart un remede ä Tennui. Nous comprenons maintenant son
invocation touchante :*'^) «Arnes de ceux que j'ai aimes, ämes
de ceux que j'ai chantes, fortifiez-moi, soutenez-moi, eloignez de
moi le mensonge et les vapeurs corruptrices du monde, et vous
Seigneur mon Dieu, accordez-moi la gräce de produire quelques
beaux vers qui me prouvent ä moi-meme que je ne suis pas le
dernier des hommes, que je ne suis pas inferieur ä ceux que je
meprise.o Ces mots nous resumcnt tout un drame, le drame de
la premiere et de la plus grave döception.
Ij'Amoiir.
L'amour aussi, tout en lui procurant quelques instants
d'oubli, est une nouvelle deception. Le sujet du nouveau cycle
ne consiste pourtant pas tout entier dans les tourments d'un
amour inassouvi. Une idee nouvelle domino, collo qu'enformait
dejä le cycle de l'art et que le sonnet A Tii. de Bamnlle expri-
mait si nettement, l'id^e de la destruction:
^^) A, Cassagne, Metrique et versification de C/i. Baudelaire,
Paris 1904, a 6te beaucoup trop severe envers notre poete.
^^) Petits poimes en prose, pag. 2G.
42 f- /•'. /ienedello.
I'oetc, notre nnng nous fiiil p.'if cluiqui' [)ori'.
Co n'cst pas seulemont la doulcur do cliorclicr fn vair:
dans la realite cctte beaute et cet amour que son imagination
caressc — et dont il ne nous sera pas difficilo do retrouvcf
les caraclercs cssontiols dans Ics femmos qii'il a aimees — r'cst
surtout le regret do la dostruction l'aLalo apres la floraison du
reve. ßaudolaire, en terminant, dans la deuxiemo ödition. U-
chapilre introductif du cyclo i\e Tamour par VHymne a lo
beaute, y annon^ait lo sujet complexc du cyclo. L'Hymne d la
heautS n'est pas rapothooso d'uno femme particuiiero;''^) c'est
riiymne ä la i'ommo, ä la boautö cn göneral, qui est ciel et abimt'.
couchant ot aurore ä la fois.
Que tu vionnes du ciol ou do Tonior, qu'importe,
0 Boautö! monstro enorme, effrayant, ingenu!
Si ton ocil, ton souris, ton pied, m'ouvrent la porto
D'un infini quo j'aime ot n'ai jamais connu ?
Do Satan ou do Dieu, qu'importe! Ange ou Sirene,
Qu'importe, si tu rends — fee aux youx de velours,
Rhytme, parfum, lueur, 6 mon unique reine! —
L'univers moins liideux ot los instants moins lourds ?
Dans l'edition posthume, le cyclo de l'Amour est nottement
söpare de celui du Spleen. Le poeme LXI, Vers pour le portrait
d'Honore Daiimier, sert evidemmont ä prefacer une nouvelle
partie de l'oeuvro. L'autour avertit que la peinture energique
du mal prouve la bonte du peintre, lä oü commence la vraio
doscription du mal.*^^) D'apres l'ordro suivi dans la redaction
definitive, on peut croiro quo lo douxieme cyclo so torminait,
dans la premiero edition, par la poesie LI, Causerie: les poesies
qui vonaient apres Causerie appartionnont toutes, dans la
troisieme edition, au cyclo du Sploon. L'ancienno distribution
est importanto. II suffit d'un regard, si Ton fait abstraction
des poesios ajouteos plus tard (LVI — LIX dans la 2^ ed.;
LVII — LX dans la 3^), pour s'assurer que les trois sections,
qu'a confusemont entrevues M. Ourousof, existent reoilement.
L'imagination du poete est successivement dominee par trois
l'ommos dont chacune inspire un groupe particulier do poesies
et presente uno physionomio assez nottement caracterisee.
Dans les editions plus recontes d'autros figuros de femme passent
devant les youx du locteur; on domoure incertain, ä la premiere
'■'*) Ainsi croit M. Ourousof, ouvr. cit., pag. 32.
^^) Qu'on remarque combien cette petite poesie approche par
le sens de V Epigraphe pour un livre condamne, placke eile aussi comme
une pr6face au seuil de la section centrale, Les Fleurs du Mal.
L'architecture des ,,Fleurs du .Mat\ 43
lecture, si elles sont ou ne sont pas les anciennes; et cette in-
certitude rend moins nette la vision du cycle entier. Nous
donnerons un nom, pour etre plus clairs, aux differentes sections
et nous les appellerons respectivement, dans notre etude, de la
Venus noire (XX— XXXV dans la F« ed.; XXII— XXXIX
dans la 2®; XXIII — XL dans la 3^), de la femme consolatrice
(XXXVI— XLIV dans la l""^ ed.; XL— XL VI II dans la 2^
XLI — XLIX dans la 3^), de la femme aux yeux verts (XLV — LI
dans la F^ ed.; XLIX— LVI dans la 2^ L— LVII dans la 3^).
La premiere des ensorceleuses est la fee noire. Nous allons
voir combien l'histoire de cet amour est continuc et com-
plete. II nait de la majeste naive de son corps, de sa splendeur
d'ebene, du scintillement froid de ses yeux; de l'impalpable
mystere qui l'enveloppe; tout en eile est enigme bizarre, tout,
de la peau brune et de Täcre parfum des cheveux a l'indolence
des mouvements, ä la tristesse taciturne.
Et t'aime d'autant plus, belle, quo tu mo fuis.^^)
Ce vers, qu'un certain critique a qualit'ie d'incomprehen-
sible,^^) fait allusion evidemment ä cette mysterieuse etrangete
dont nous venons de parier. Fuir n'y peut avoir sa signification
naturelle, la meme femme etant saluee dans le vers suivant
comme Fornement des nuits du poete.
Car eile a la mecanique animalite de l'instinct et l'instinct
est en eile cruel et insatiablc. Elle boit avec ferocite le sang
du mondc; ses deux grands yeux noirs flamboient comme des
boutiques illuminees dans un jour de feto; il faudrait etre le
Stix pour l'assouvir. Le poete ne lui epargne pas les
imprecations ni les injures.
Pourtant il Taime. 11 a dans son amour la tenacite d'un
vicieux et l'adoration d'un mystique. Comme il trouve sur sa
bouclie l'opium consolatour, et quo son etrange parfum reveiile
en lui le souvenir des annees heureuses et le reve de terres loin-
taines, ensoleillees, eile devient ä ses yeux un Symbole,
m^lange de Sphynx et d'ange inviole; buvant l'eau de ses levres,
il croit boire un ciel liquide qui parseme d'etoiles son ca^ur, et,
quand Taspect de la mort et de la decomposition lui apparait,
quand il pense qu'il en sera de meme de sa femme, il l'invoque
avec les paroles du spiritualisme le plus pur.
Etoile de mes yeux, soleil de ma nature,
Vous, mon ange et ma passion!
Alors, o ma beaute! dites a la vermine
03) XXV.
^*) E. S c h e r e r , l^tudes sur la litteralurc contemporainc, \\,
Paris 1873, pag. 287.
44 /- f^- HenedeUo.
Qui vous mangcra do baisers,
Que j'ai garde la forme et l'essence divine
De mos amours döcomposes!
Une illusion devient donc possible. Puisque, malgre les
ivresses momentanees, son ennui s'est accru et une nuit immense
desormais l'environne, oü rien ne console plus son regard,
Ni betes, ni ruisseaux, ni verdure, ni bois,
il croit pouvoir jeter de l'abime, oü il est tombe, un cri de suppli-
cation ä la seule qu'il aime (XXXI). Mais olle demeure im-
passible: eile sait uniquement boirc son sang. Alors la haine
et le desespoir s'emparent de lui; il maudit cette femme qui ne
sait pas le comprendre, ni pleurer avec lui, et ä qui rien ne le
lie que le vice. II voudrait la tuer, mais il sait qu'il en ressusciterait,
de ses baisers, le cadavrc. Elle lui est necessaire, puisqu'elle est
son Letbe; eile ne peut etre remplacee par personne.
La poesie XXXIV, Une nuit que j'etait pres d'une affreuse
Juive, qu'on n'a pas bien comprise jusqu'ici, devient par con-
sequent toute naturelle. II ne s'agit pas, ainsi qu'on le croit
ordinairement, d'un calcul savant de la Venus noire, tächant
par un adroit refus de s'attacher davantage le jeune homme
encore inexpert.^^) Celui-ci n'a pas ete contraint, dans Tattente
de ses faveurs, de se contenter de celles d'une autre. II a voulu,
lui, oublier, aupres d'une autre, celle qui lui etait desormais un
tourment. La forme grammaticale meme prouve que ce fut
lui qui chercha de s'en separer:
Une nuit que j'etais pres d'une affreuse Juive
Gomme au long d'un cadavre un cadavre etendu,
Je me pris ä songer pres de ce corps vendu
A la triste beaute dont mon desir se prive.
Et il confie aux vers suivants la plainte sortie de tant de cceurs
romantiques sur la solitude, l'isolement de Täme dans l'amour:
Gar j'eusse avec ferveur baise ton noble corps
Et depuis tes pieds frais jusqu'ä tes noires tresses
Deroule le tresor des prüfendes caresses
Si quelque soir, d'un pleur obtenu sans effort,
Tu pouvais seulement, 6 reine des cruelles!
Obscurcir la splendeur de tes froides prunelles . .
G'est lä le reve infini dont il fait part au tombeau oü sa belle
tenöbreuse devra dormir afin que ses nuits soient rongees par
le remords.
Gar le tombeau toujours comprendra le poete.
^^) On lit encore cette Interpretation dans l'oeuvre bäclee d'A l p h.
Seche et J u l. B er taut, Ch. Baudelaire, Paris 1910, p. 122:
«Tout d'abord — et par un calcul savant de femme experte au commerce
de l'amour — la noire Venus se refusa au poete, sachant bien qu'elle
serait desiree davantage».
U archiiecture des ..Fleiirs du MaV". 45
Vers parfaitement insipide, s'il ne nous disait pas, lui aussi,
que le poete a ete malheureux parce qu'il n'a pas ete compris,
parce qu'il a reve d'un amour vrai, ä cöte d'une femme froide
et vulgaire.
Malgre cela, il ne peut vivre loin d'elle. II se laisse reprendre
ä nouveau par la bizarre beaute qui Ta seduit autrefois et nous
Tentendons se rememorer ses seductions: splendeur metallique
des yeux, regard profond et froid, souple personne, dangereux
parfum. Nous le voyons evoquer son bonheur d'autrefois sur
le sein de l'amante (XXXVII) Avant de clore le recit de son
premier amour et de se separer de Tetre maudit qu'il a seul
aime sur la terre, le poete developpe, dans la deuxieme edition,
le theme plein de douceur lamartinienne par lequel se terminait
le Balcon:
Ces serments, ces parfums, ces baisers infinis,
Renaitront-ils d'un gouffre interdit ä nos sondes,
Comme montent au ciel les soleils rajeunis
Apres s'etre laves au fond des mers profondes ?
— 0 serments! 6 parfums! 6 baisers infinis!
II ajoute aussi, il est vrai, Duelluni et le Possede; avec le
Souvenir de ces troublantes beautes le regret de la jeuncsse brisee
pour toujours; avec le Souvenir des anciennes ivrosses un deses-
poir furieux. Mais l'addition la plus caracteristique est lo
Fantome. II ne reste plus qu'un fantöme de la femme tant aimee ;
le temps a presque totalement detruit l'ancienne beaute et il
n'a laisse qu'un dessin efface ä la place du süperbe tableau. Mais
le temps ne l'a pas detruite et ne pourra jamais la detruirc dans
sa memoire; eile y conservera toujours son charme d'autrefois.
G'est avec une tristesse inconsolablo, avec une pitie tendre et
calme qu'il contemple le fantome apparu dans ses tenebres.
Par instants brille, et s'allonge, et s'ötale
Un spectro fait de gräce et de splendeur.
A sa reveuse allure Orientale,
Quand il atteint sa totale grandeur,
Je reconnais ma belle visiteuse:
G'est eile! sombre et pourtant lumineuse.
Je ne puis croire qu'il y ait dans le meme livre, en dehors
de ce cyclo, des poesies consacrees ä la meme femme: la
structure en est trop organique, le recit y est trop achev6, la fin
trop definitive (Je te donne ces vers afin que si mon nom . . .). Nous
pouvons donc oxcluro, des maintenant, du cyclo de la Venus
noire Le beau navire (LI II), L'invitation au i'oi/oge (LI\'), Chan-
son d'aprds midi, L' amour du mcnsonge (CXXII), c'est j\ diro
46 /- I' ■ Itcnedeltd.
los no(''.si(!S qu'on melc lo plus frequemment a celles quo nous
vonons d'etudicr. L'etude des autros cyclos no fora quo inioux
«onfirmor ccttc cxclusion.*^)
Memo confirmation pout se tirer du rapport de ce cycle
poetiquo ä la realite vecue. II est tout-ä-fait cortain quo la Venus
noire celöbrec dans les Fleurs du Mal s'appolail de son vrai
nom Jeanne Duval, et que, bien que ramassee sur le trottoir,
olle a pose pour ce que la Vönus noire a de paradoxal,
d'heterodoxe, d'hysterique. Ce qui est moins connu et qui ne
nous parait pas, a nous, moins certain, c'cst que la splendeur
ideale dont lo poete Tenvcloppe souvent lui convient aussi; ou,
pour mieux dire, que Baudelaire, dans ses rapports avec Jeanne,
a vraiment traverse les crises sentimentales parfois tres nobles
qu'il a döcrites dans son livre.
Feli Gautier a ecrit: «Jeanne Duval . . . ne fut point, ex-
clusivement, ainsi qu'on affirme trop gratuitement, la maitresse
de Baudelaire; .... memo jamais il ne se donna ä eile, s'il est
vrai qu'en amour la communion des chairs, sans l'intime com-
munion des ämes, ne soit qu'un mensonge pour endormir la
douleur humaine. Jeanne Duval ne regna sur les sens et sur
l'imagination de Baudelaire que par l'incantation de sa volupte
penetrante et le charme magique de son etrangete. Par la force
de riiabitude eile fut la maitresse de sa vie, pas un seul instant,
en depit quo lui memo l'ait cru, eile n'occupa la moindre place
dans son cceur. Elle est la Fleur du Mal, oui; l'amour de Bau-
delaire, assurement, non.»®') Les choses se sont passees, parait-il,
bien autrement. Baudelaire a aime Jeanne par les sens; il
n'importe de savoir si eile a ete vraiment süperbe ou si, comme
quelques - uns de ses amis Tont affirme, eile a ete un peu moins
que mediocre; Tessentiel pour nous est qu'elle ait paru belle
au poete et un passage de Mon cceur mis d nu ne laisse pas de
doute ä cet egard: «De la haine du peuple contre la beaute. Des
exemples: Jeanne et Mme Muller.»^^) Mais Baudelaire Ta aimee
aussi par le coeur. Les quelques passages de ses lettres et de
ses journaux intimes qui se rapportent ä Jeanne sont tres
signifiants. Dans une lettre ä M. Ancelle du 10 Janvier 1850:
«la sombre solitude que j'ai faite autour de moi et qui ne m'a
lie ä Jeanne que plus etroitement ....>> ; dans une lettre au
meme du 24 decembre 1855: «Je vous supplie de ne pas faire
"*') A. Rasse nfossea donc eu tort, au point de vue stricte-
ment historique, de rompre l'unite du cycle que nous venons d'etudier,
en illustrant par des figures de femme differentes les poesies qui ap-
partiennent toutes au cycle de Jeanne Duval. Je fais allusion ä l'edition
süperbe, tir^e ä 115 seuls exemplaires, Charles Baudelaire,
Les Fleurs du Mal, Paris, Pour les cent Bibliophiles, 1899.
"'') Ouvr. cit., pag. 50.
«») pag. 105.
L'archüeclwe des ^ Fleiirs du Mal'. 47
a Jeanne la moindro plaisanterie ou la moindre allusion sur des
miseres antecedentes. Ce serait vraiment brutal» et dans Mon
eoeur mis d nu les paroles deja citees: «Gloire. Payement de mes
dettes. Richesse de Jeanne et de ma mere.» II ne lui reservait
pos seulement une place dans ses projets d'une nouvelle vie;
il rentoiira de soins dans les infirmites de sa vieillesse prema-
1 uree. Rappclons ses continuels secours d'argent, le ton d'intimite
protectrice avec lequel il lui recommandait le 17 Decembre 1859
de ne pas sortir seulc; nous avons tout le droit de croire qu'il
a reellement cai^esse dans ses rapports avec Jeanne, le reve infini
dont nous parlent ses vers.®^) II y eut, il est vrai, les annees
de libertinage, de passion exclusivement sensuelle, et Th. de
Banville, non sans raison, en 1845 avertissait l'ami par ces vers:
0 poete, il le faut, honorons la matiere,
Mais ne Thonorons point d'une amitie grossiere,
Et gardons d'offenser, pour des plaisirs trop courts,
L'Amour qui se souvient et se venge toujours.'^)
De Banville fut prophete. Dans la lassitude et le decourage-
ment qui succedent aux desordres, Baudelaire congut et desira
une affection plus intime, et s'effor^a vainement de changer
)a maitresse en amie. Nous ne dirons rien de Tinconduite de
Jeanne, de ses trahisons, de ses vices, de sa convoitisc effrontee;
nous ne noterons que ceci, qui nous parait resulter des lignes
qu'il envoya ä un ami avant la funeste tentative, et c'est que
si Baudelaire, un soir, dans un cabaret de la rue de Richelieu,
se frappait d'un coup de couteau pour se tuer, il faisait proba-
blement cela pour la punir, pour lui montrer par un exemple
tragique l'abjection oü il la laissait*^^) : «Je me tue parce que je
suis inutile aux autres et dangereux ä moi meme. Je me tue
parce que je me crois immortel et que j'espere. Montrez-lui'^^)
mon epouvantable exemple et comment le desordre d'esprit et
de vie mene ä un desespoir sombre et ä un aneantissement complet.
Raison et utilite — je vous en supplie.» Si le suicidc le tenta,
il n'est pas impossible que des pensees atroces de poison et de
sang n'aient quelquefois traverse son cerveau et qu'il n'ait dit
vraiment en lui-memc les vers puissants du Vampire:
Toi qui comme un coup de couteau,
Dans mon coeur plaintif es entree;
Toi qui, forte comme un troupeau
De demons, vins, l'ollc et pareo
^^) Maxime Du Camp, Souvenirs litteraires, Paris 1883,
p. 82: «Une ou deux fois il me parla de cette föc noire avec un atten-
<!rissement qui prouvuit iin allachement sincere>>.
^0) Th. de Bativille, Les slalacütes, Paris 1879, pag. 232.
■^M Letttes, pag. 12.
'2) A Jeanne.
48 /- f'- licnedeAto.
De mon esprit humilie
Fair(3 ton lit ot ton rlomaine
— Infame ä qui je suis lie
Comme le for^at ä la chaine,
Comme au jeu le joueur tetu,
Comme ä la bouteille Tivrogne,
Comme aux vermines la charogne —
Maudite, maudite sois-tu.
La violence des deux nouvelles poesies, Duellum et Le
PossHi^ se comprend. Mais l'ardeur de la haine, chez Baudelaire,
s'eteint vite. II faut meme reconnaitre qu'il n'a jamais reussi
ä la hair vraiment. Je ne repeteiai pas avec Feli Gautier:
«comme il souhaite donc que les vers rongent sa peau comme
des remords et que la vermine bourdonnante la mange de baisers
empuantis»''^) Remords posthume n'a rien de satanique ni de
macabre; j'y sens la froideur monotone d'un pretre administrant
TExtreme-Onction. Quant ä la Charogne, c'est Thymne le plus
splendide qu'il ait fait en l'honneur de sa maitresse. Non seule-
ment l'idee de la pourriture y est attenuee par Tidee de la saintete
que les derniers sacrements auront confere ä l'äme; mais toute
la poesie, par un contraste voulu et puissant, tend ä montrer
que, si les corps meurent, l'amour est eternel.
Comment expliquer d'une fagon precise la vitalite etrange
de cet amour ? II nous faut croire avant tout que l'imagination de
Baudelaire trouvait dans Jeanne une quantite de motifs pour
ses bizarres variations, Ce furent d'abord, quand il l'a connue,
au retour de son voyage en orient, des visions de terres orientales,
de paradis lointains, theatres d'amours primitifs; ce furent
ensuite, ä la fin de sa jeunesse, des images des ans disparus.
Une deuxieme raison n'est pas ä negliger: le raysticisme
du poete. II trouvait dans sa conception mystique du mal un
fondement pour sa faiblesse — nos philosophies sont toujours
une emanation et une justification de nos instincts — . Baudelaire
croit ä Dieu et, chose moins banale mais non moins legitime,
au diable. Comment Dieu et le diable se sont accordes
entre eux, ou seulement s'il sont d'accord entre eux, il n'en sait
pas plus que les autres, mais il incline ä croire que Satan travaille
pour le compte de Dieu. Satan a le monopole du mal, et par
suite, de la souffrance. Mais la souffrance est ce qui nous debarrasse
des impuretes terrestres; eile est l'essence qui prepare les forts
aux saintes voluptes ;'^*) c'est en somme le moyen pour conquerir
le ciel. La conclusion se prevoit: qui veut aller au paradis doit
'3) Feli Gautier, ouvr. cit., pag. 60.
'*) Benediction.
L'archüedure des ..Fleiirs du Mat''. 49
se mettre entre les mains du diable. Si Satan nous poursuit
et met notre esprit en proie aux mauvais instincts — il y a
parmi les mauvais instincts l'eternelle Venus, caprice, hysterisme,
fantaisie^^) — c'est parce que Dieu le veut. L'homme peut
rendre plus digne, plus splendide son martyre en sachant le
supporter d'un visage serein, en le rendant volontairement plus
grand. De lä les vers de Lethe:
A mon destin, desormais mon delice,
J'obeirai, comme un predestine:
Martyr docile, innocent condamne
Dont sa ferveur attise le supplice.'^)
Les ascetes du moyen äge etaient reconnaissants ä Dieu de
leurs infirmites physiques; il lui est reconnaissant de ses infir-
mites morales, de ses vices: il aime, comme eux, faire saigner
ses plaies.
II est trop facile de se moquer de ce nouveau genre d'a-
scetisme. A. France n'a pas manque de le faire et il a raille le
poete du peche, pris du vertige de la damnation, ayant un plaisir
fou ä se faire damner'^'^): «La plus miserable creaturc rencontree
la nuit dans l'ombre d'une ruelle suspecte revet dans son esprit
une grandeur tragique: sept demons sont en eile et tout le ciel
mystique regarde cette pecheresse dont l'äme est en peril. II
se dit que les plus vils baisers retentiront dans toute Teternite,
et il mele aux rencontres d'une heure dix-huit siecles de
diableries.>>
Le critique fait ainsi disparaitre sous son ingenieux sourire
la tragique realite d'oü les poesies sont nees, Baudelaire etait
probablement, de bonne foi dans la conception que nous
venons d'exposer. Tres peu gaulois, au fond. il a serieusemont
pense de sa maitresse ce que tant de gens onl dit, en plaisan-
tant, de la leur, qu'elle etait une expiation.^^)
M. Ourousof,'^^) arrive kSemper eadem (XLI) s'arrete incertain,
ne sachant s'il s'agit d'un amour nouveau ni comment oxpliquer,
en ce cas, le titre obscur. A l'aide de quelques analogies avec
'^) Mon coeur mis ä nu, pag. 107.
^") (Eui>r. posth., Paris 1908, pag. 22/3.
"') La vie litteraire, III, Paris 1891, pag. 22.
'^) Les choses que nous venons d'exposer ä propos de Jeanne
Duval ne sont pas du tout infirnu^es par la d^monstration qu'a tenteo
Nadar dans son volunie cite plus haut, portant le sous-titre liardi:
Le poete vierge. II ne r^sulte qu'une chose des Souvenirs de Nadar
et c'est que le poete a eu aussi dans ses rapports avec Jeanne, ainsi
qu'avec Mnie Sabatier plus tard, une premiere p^riode de timidite
respectueuse; mais il ne s'agit que d'une phase et, cette fois, pas tres
longue, de ses amours.
"'■') Loc. cit.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/'. 4
50 L' l'- Jicnedcüo.
Ic Sonnet d'aiitomne (f.XVI) il so decidc a le rangor dans lo cyolo
qu'il appollo de la blanche Margueräe. Semper eadem, ä notn-
avis, marque le commencemenl du nouvcau cyclo de la femmo
consolatricc ; et la poesie ayant ete ajoutee dans la douxiemo
Edition, eile nous parait une des additions les plus heurouses.
Certes la fin nette, evidente du groupo anterieur permoltait au
poete de passer immediatement ä un groupo nouvoau d'ideos;
mais le Hon logique, intime dos doux groupos ne s'apercevail
guere. Gomment donc un douxiemo amour dans Thomme qui
vit avec la Nuit et avec les fantömos du passe ? Le sonnet repond
ä cette question. Le poete y est en teto-ä-tete avec une femmo
belle, pleine de gaite et d'entliousiasmo, ä la voix doucc et au
rire enfantin. Uno tristosse etrango l'envaliit pcu ä peu; il sent do
plus en plus, en face de la vie, so presser dans sa pensee los fan-
tömes funebres, les Souvenirs de la beaute aimee quo le temps
a detruite. La femme lui demande, peut etre en riant, pourquoi
il est si morose; et il la prio, il lui ordonnc presque, d'arreter
la joie de son rire et de sa parole; il veut, ses yeux dans sos beaux
yeux, s'enivrer d'une douce Illusion: quo la «grande taciturne»,
l'ancienne maitresse est encore pres do lui:
Laissez, laissoz mon cceur s'enivrer d'un mensonge,
Plonger dans vos beaux yeux comme dans un beau songe
Et sommeiller longtemps ä l'ombre de vos cils^^!)
Les regards oü il cherche la ferveur et la tendresse de ceux
qui ont brille autrefois pour lui, operent lo miracle; son cceur
refleurit, une vie nouvelle commence. II avait aime jusque lä
une fausse beaute, adore le monstrueux; guide pai* la lumiere de
ces yeux il rentre dans la voie du beau. A la tristesse de la nuit
succede la joie du matin; aux landes torrides, monotones, des
paysages de clarte et de fraicheur:
Ta tote, ton geste, ton air
Sont beaux comme un beau paysage;
Le rire joue en ton visago
Comme un vent frais dans un ciel clair.
Lo passant chagrin que tu fröles
Est ebloui par la sante
Qui jaillit comme une clarte
De tes bras et de tes epaules.^^)
^") Daruty de Grandpre s'est mepris en attribuant cette poesie
ä Jeanne Duval (La plume, ler Aoüt 1893).
^*) A Celle qui est trop gaie, XXXIX de la Ire ed. et dans les CEuvr.
postk., p. 23/4. C'est une des poesies qui donnent le plus d'embarras
ä M. Ourousof, oucr. cit., p. 25. II ne sait se decider ä Toter du cyclo
de Jeanne. Incapable de resoudre le probleme, il avance l'hypothese
que le poete n'aurait exprime qu'un seul amour dilferencie par des
emotions diverses».
L'architecture des „Fleiirs da Mal". 51
La difference entre la Venus noire et la nouvelle femme est
meme plus profonde. Celle-lä etait la bete implacable et cruelle,®^)
l'amazone inhumaine,^^) ä Täme triste d'ennui; celle-ci est bonne
ot heureuse. Le contraste entre eile et le poete n'en est que
plus douloureux. Tout en subissant son charme, tout en admirant
l'harmonie parfaite de sa personne oü il n'y a rien qui ne ravisse
ni ne console (XLII), il sent contre eile des mouvements de haine
non inferieurs ä Tamour; eile est la nature en fete aux yeux d'un
inourant; sa joie, sa sante sont pour lui une derision atroce, et
il savoure en lui-meme la volupte de les detruire. Nous savons
du reste, abstraction faite des conditions speciales de son esprit,
qu'il ne juge point parfaite une beaute exempte de douleui\
Cet obstacle ä sa pleine admiration ne dure pas longtemps.
Reversihilite (XLV) et Confession (XLVI)^^) marquent la
naissance de l'intimite, du devoüment absolu. Appuyee sur
son bras, dans la solennite d'une nuit de lune eile lui revele, eile,
toujours claire et radieuse comme une fanfare dans le matin,
la solitude, le vide triste de Tarne. C'etait au fond son propre
Portrait que le poete avait fait lorsqu'il avait decrit les angoisses,
les haines, les fievres qu'elle devait, eile, ignorer. Mais la femme
gaie, saine, belle, heureuse, laisse echapper la plainte elegiaque:
tout est mensonge, Tamour et la beaute passent, l'oubli engloutit
toute chose. Voilä la sceur, l'amie, celle que l'autre n'avait su
etre. Aux stupides orgies succede l'amour pur.
Harmonie du soir (XLVIII) correspond ä le Balcon; le Flacon
(XLIX) correspond ä Je ie donne ces vers afin que si mon nom.
On pourrait croire, ä la violence energique du contraste,
que ce cycle est sorti tout entier de Timagination de Baudelaire.
S'il en etait ainsi, ce serait lä une de ses inventions les plus dignes.
Mais l'amour a ete reel et Mme Sabatier a eu reellcment dans la
vie du poete la place qu'a la consolatrice dans les Fleurs du Mal.
L'idealisation n'etait pas difficile, cette fois. Bien des oeuvres,
dont eile a ete le modele, temoigncnt encore, outre les Fleurs
du Mal, de son admirable beaute. Son talent, sa culture artistique
sont connus.®^) Elle a ete l'äme d'une de Celles que Baudelaiiv
appelait republiques de l'esprit presidees par la beaute; c'cst
pour cela quo, sur l'exemple de Flaubert, on l'appelait la Prisi-
dente. Notre poete etait du nombre de ses sujets; il etait de ses
r«3unions du dimanche avec les artistes du jour: Flaubcrt, les
«2) XXV.
«=^) XXXVI.
^"*) Je vois eulre ces deux poesies le rapporl qui existe entre la
demande et la reponsc.
^'•) Sa belle voix surtout ötait fameuso. Quolques-unes des ro-
mances de Clapisson ont {)aru telles quo les chantait Mme Sabotier.
li'ariette Äujourd'hui, paroles d'E. Deschainps, musiipie de L. Cla-
pisson, lui est d<§di6e.
52 /- i" • Benedelto.
fr^res Goncourt, Tli. Gautier, Feydeau, Maxime du Camp,
Meissonnier et d'autres. Rien d'6tonnant ä ce qu'il s'en soil
^pris. Lorsqu'il lui etait pcrmis de l'admirer, florissante de
santö et de gräce, r^glant et animant la conversation par son
regard et par son sourire, il ne pouvait pas ne pas se rappeler la
maudite creature ä qui il etait lie pour toujours, ne pas la voir
par l'imagination, blottie aupres dujeu, plongee dans un silence
stupide. II revait alors a ce qu'eüt pu etre sa vie, s'il eüt
connu plus tot cette autre femme. On sent ce regret dans le
vers qui termine le cycle de la consolatrice
liqueur
Qui me ronges, 6 la vie et la mort de mon coeur. .
Lorsqu'il s'eprit de Mme Sabatier, Baudelaire n'etait plus
un collögien; Mme Sabatier n'etait pas, eile, une collegienne non
plus; il s'en faut!^^) L'amour de Baudelaire eut pourtant dans
la realite toute la purete ideale qu'il a exprimee dans ses vers.
Ceux-ci ne disent jamais que Tintimite des deux amants est sortie
de sa phase platonique:
Une fois, une seule, aimable et douce l'emme
A mon bras votre bras poli
S'appuya (sur le fond tenebreux de mon äme
Ce Souvenir n'a point päli).
C'est la douce fraternite de deux etres sachant qu'ils ont ä
se plaindre en 6gale mesure du sort, sentant qu'ils sont lances
hors de leur voie, sans remede. Et en effet, en 1857, lors de
l'apparition des Fleiirs du Mal l'amour du poete etait encore
officiellement ignore. II lui ecrivait, depuis 1852, avec calli-
graphie simulee, sans les signer, des lettres pleines de respect et
de tendresse; il joignait aux lettres les poesies dont eile etait
l'inspiratrice. Ainsi le 9 Mai 1853: «Qu'y faire, je suis egoiste
comme les enfants et les malades. Je pense aux personnes aimees
quand je souffre. Generalement je pense ä vous en vers, et
quand les vers sont faits je ne sais pas resister ä l'envie de les
faire voir ä la personne qui en est l'objet. Mais je vous jure
que c'est bien la derniere fois que je m'expose, et si mon ardente
amitie pour vous dure aussi longtemps encore qu'elle a dejä
dure, avant que je vous aie dit un mot, nous serons bien vieux
tous les deux Quelque absurde que cela vous paraisse,
figurez-vous qu'il y a un cceur dont vous ne pourriez vous moquer
8^) II faut lire les details tres interessants qu'assembla sur les
reunions de l'avenue Frochot l'infatigable Leon Seche, La jeunesse
doree sous Louis Philippe, Paris 1910, pag. 277 294. Ils prouvent
que Mme Sabatier meritait röellement, comme caractere moral, le
jugement que donnaient d'elle, au point de vue physique, les freres
Goncourt dans leur Jowrna/: «une grosse nature, avec un entrain trivial,
bas, populacier». L'imagination mystique, la naive bonte de Baudelaire
ressortent davantage. II nous semble vraiment que nous avons devant
nous un couple plus ancien mais identique: Vigny et Mme Dorval.
L' architeclure des ,.Fleurs du Mal''. 53
Sans cruaute et oü votre image vit toujours.» II avait continue
de lui ecrire, malgre son serment, devenant de plus en plus
enthousiaste, en la remerciant du bien qu'elle lui faisait, merae
involontairement, par cela seul qu'elle vivait, et dans une lettre
du 16 Fevrier 1854, il lui declarait, de la maniere la plus lyrique,
l'intensite de son adoration: »Je ne sais si jamais cette douceur
supreme me sera accordee de vous entretenir moi-meme de la
puissance que vous avez acquise sur moi et de l'irradiation per-
petuelle que votre image cree dans mon cerveau. Je suis sim-
plement heureux, pour le moment present, de vous jurer de
nouveau que jamais amour ne fut plus desinteresse, plus ideal,
plus penetre de respect que celui que je nourris secretement
pour vous.» En 1859, son secret ayant ete decouvert, il laisse
l'anonymat qui peut le rendre ridicule et ecrit, de sa calligraphie
ordinaire, en la signant, une longue lettre destinee ä accompagner
un exemplaire des Fleurs du Mal qui venaient de paraitre.
Mme Sabatier ne pouvait demeurer insensible ä ce prodige de
constance : eile fut ä lui, d'esprit et de corps. Mais Baudelaire
n'etait pas descendu des hauteurs vaporeuses du reve qu'il s'arre-
tait repentant: le 31 Aoüt 1857 il ecrivait ä Mme Sabatier que
tout etait fini, que la foi lui manquait: «....il y a quelques
jours, tu etais une Divinite, ce qui est si commode, ce qui est si
beau, si inviolable. Te voilä femme maintenant.» Mme Sabatier
vit la cause de cet abandon dans le prestige funeste de la Venus
noire. Peut-etre se meprenait-elle. Baudelaire etait poete: il
avait vraiment adore en eile la divinite, non la femme.^^)
Le Poison et Charit d'aulomne (L et LVII dans la 3^ ed.)
parlent, il n'y a pas de doute, de la meme femme, de celle quo
nous avons appelee la femme aux yeux verts.
Ce n'est pas un detail oisif que cette couleur verte des yeux;
le poete y ajoute visiblement une importance particuliere ; on
comprend que c'est lä pour lui le charme principal de cette femme.
Tout cela ne vaut pas le poison qui d^coule
De tes yeux, de tes yeux verts.
Ainsi dit-il dans la premiere poesie, apres avoir celebre
les prodigieux effets du vin et de l'opium. Dans la deuxieme:
J'aime de vos longs yeux la lumiere vordätro,
Douce beaute, mais tout aujourd'liui m'ost amer.
8') Joseph Delorme, dont Baudelaire est le fils spirituel, ne con^oit
pas autrement le lendemain d'un rendez-vous (S a i nte • B e u v e,
Poesies compl. Paris 1863, I, p. 92): «Demain, le chceur saignant
d'une plaie 6ternelle, ' Malgr6 les doux serments relus dans sa prunelle,
! Les baisers, les grands bras prets k me reteair, | Demain, je sortirai
pour ne plus revenir; Car je foule la fleur sitöt qu'elle est ravie, El
mon bonheur, ä moi, n'est pas de cette vie>.
54 /- /•'• Ihnedelto.
Les (Jeux poesics citecs ayant meme sujot, il ost probable
que memo sujot sc retrouvc dans les poesies placees entre elles.
Mais il y a mifuix que cela.
CielbrouilU (LI) et la poösie pröcedentc, le Poison, s'associent:
On dirait ton regard d'une vapeur couvert
Ton oeil mysterieux (est-il bleu, gris ou vert!)
Alternativement tendre, reveur, cruel,
Reflechit rindolence et la päleur du ciel.
U Invitation au voyage (LIV) se rattache ä son tuur, ä Ciel
hrouille
Les soleils mouilles
De ces ciels brouilles
Pour mon esprit ont les charmes
Si mysterieux
De tes traitres yeux
Brillant ä travers leurs larmes.
Nous avons note plus haut que Baudelaire termine ordinaire-
ment ses poesies par l'idee la plus importante. Si cela est vrai,
la poesie Le Chat (LH) doit son existence dans cette partie de
Touvrage ä l'etrange nature des yeux du chat, auxquels on peut
bien appliquer les derniers vers que nous venons de citer. Restent
le Beau navire (LIII), V Irreparable (LV), Causerie (LVI); mai-'i
ce sont lä des elements que Baudelaire considere comme in-
dispensables ä la plenitude du cycle: le cycle de la Venus noire
et le cycle de la consolatrice ont des pieces analogues: les Bijoux
dans le premier cycle, Toute entiere dans le second, correspon-
dant ä le Beau navire; De profundis clamavi dans le premier
cycle, Reversibilite dans le second correspondant ä V Irreparable.
Quant ä Causerie, eile depend de V Irreparable.
Une derniere remarque avant de considerer comme un fait
constate l'existence du nouveau cycle. ^®) Plusieurs motifs deve-
loppes dans le premier cycle reapparaissent. Qu'on rapproche le
Poison de Sed non saiiata (XXX) :
Tout cela ne vaut pas le poison qui decoule
De tes yeux, de tes yeux verts,
Lac oü mon äme tremble et se voit ä Ten vers ....
Mes songes viennent en foule
Pour se desalterer ä ces gouffres amers.
*^) F^li Gautier, dans son etude que nous avons dejä citee plusieurs
tois, p. 56, parle de VInvitation au voyage comme se rapportant ä Jeanne ;
il parle aussi, p. 61, de la poesie le beau Navire, comme ressortissant
au meme cycle. Nous trouvons la meme confusion, ä l'egard de ces
deux po6sies, dans la nouvelle edition, due aux soins de Jacques Crepet
de V Etude biographique d'Eug. Crepet, Paris 1907, p. 62.
L'architecture des „Fleiirs du Mat\ 55
Tout cela ne vaut pas le terrible prodige
De ta salive qui mord,
Qui plonge dans Toubli mon äme sans remords
Et charriant le vertige
La roule defaillante aux rives de la mort!
Mais ii avait dejä dit auparavant:
Je prefere au constance, ä Topium, aux nuits
L'elixir de ta bouche, oü Tamour se pavane;
Quand vers toi mes desirs partent en caravane,
Tes yeux sont la citerne oü boivent nos ennuis.
II dit dans la poesie XXVI:
»Tes yeux illumines ainsi que des boutiques
Ou des ifs flamboyant dans les fetes publiques.»
Ce qui est repete en Causerie:
»Avec tes yeux brillants comme des fetes. >>
Nous trouvons dans le premier cycle, le Chat (XXXV);
la poesie LII du nouveau cycle a pour titre le Chat. Ces quelques
reprises d'anciens motifs ne prouvent pas, ainsi qu'on pourrait
le soupgonner, que Jeanne Duval est ressuscitee. II en est ainsi,
si on le dit metaphoriquement. Le second amour du poete,
sans supprimer les desordres de sa vie, amene un reveil
momentane de sa conscience, l'arrache ä l'obsession du bizarre,
du dif forme, et ranime en lui l'instinct presque eteint de la beaute
saine et joyeuse. Mais ce n'est lä qu'un court arret sur une pente
fatale. Bientöt l'ideal etrange, qu'avait autrefois realise Jeanne
Duval, l'attirc ä lui de nouveau; il cherche de nouveau l'ivresse
et le vertige des sens. La decheance devient de plus en plus
rapide. Le cycle de la femmc aux yeux verts ne marque pas
seulement un retour aux plaisirs sensuels, mais aussi un art plus
savant dans la sensualite. II n'y a plus dans le Beaii navire
l'ardcur dionysiaque des Bijoux, ni Tenthousiasme respectueux
de Tout-entiere: plus rien que le sourire du connaisseur. Qu'on
rapproche V Invitution au voijage de Parfüm exotique; combien la
volupte est devenue plus compliquee, et plus froide, plus calme
ä la fois!
On ne pcut expliquer que par cette interpretation generale
l'addition dans la deuxieme edition, des trois nouvelles poesies
A une Madone (LVIII), Chanson d'apres midi (LIX), Sisina (LX).
Elles marquent probablement, dans l'evolution, la decadence
totale. On mele ä l'amour un element nouveau, le sadisme,
remede desormais necessaire aux sens extenues etcreation supreme
du libertinage raffine.
II est probable que ce troisieme cyclo n'a pas vis-a-vis de
la realite la mcme depcndance que les deux premiers; il a vrai-
semblablement, en tanL que cycle, une origine purement artistique:
en 1857, quand le volume parut, l'amour pour Mme Sabatier
56 /.. /'. lienedetlo.
durait cncore. Dans la vie, dans Ic livro surtout, oü les limites
du temps et les caracteres essentiels ressortent davantage, l'amour
pour Jeanne Duval et Tamour pour Mme Sabatier se suivaiont
röellement comme k un 6t6 torride suivrait un printomps tardif.^^)
Le protagoniste des Fleurs du Mal no pouvait s'arreter lä, c'est
toute une vie que l'auteur nous raconte. Cos femmcs qui lui
semblaient le vivant symbole de Töte et du printomps il les avait
aimöos dans l'etö et dans le printomps tardif de sa vie. Arrive
ä Tautomne, il s'eprend d'une femme automnale, semblable
aux jours blancs voiles, qui fönt plourer les coeurs agites d'un
mal inconnu. La caracteristique du nouveau cyclo est precisement
dans CO je no sais quoi d'automnal dont il a rovetu la nouvelle
femme.
II semble bien que c'est d'apres ce criterium aussi que se
distribuent les differentes sections du cyclo de l'amour. II l'in-
diquait du roste lui-meme clairement lorsqu'il s'ecriait etonne (LI)
0 femme dangereuse, 6 seduisants climats!
Adorerai-je aussi ta neige et vos frimas,
Et saurai-je tirer de l'implacable hivor
Dos plaisirs plus aigus que la glace et le fer?
Theophile Gautier a dit dans sa notice fameuse^) : «Diverses
figures de femmes paraissent au fond des poesies de Baudelaire,
les unes voilees, les autres demi-nues, mais sans qu'on puisse
leur attribuer un nom. Ce sont plutöt des types quo dos per-
sonnes. Ellos represontent Yeternel feminin et l'amour que le
poete exprime pour olles est Vamour et non pas un amour.»
Ce que nous venons d'exposor amene dos conclusions toutes
differentes. Certes, on ne peut pas affirmer que l'amour du
poete vario aussi souvent quo lo type de ses femmes; il y a memo
dans tous ses attachements un caractere permanent, un fond
naturel d'^goismo, son amour n'etant jamais un devoüment,
la femme etant toujours pour lui un delassement, un remede
contre l'isolement, un point de depart ä ses divagations
fantastiques. II est tout naturel qu'il ait aime une Jeanne Duval
et qu'il ne l'ait pas aimee seule. Mais nous avons vu quo son
amour, tout on rostant toujours une forme de son egoisme,
se hausse souvent, par de differentes voies, ä la grandeur
de la passion.
Dans les instants oü la tyrannie du moi est le plus lourde,
oü la solitudo de l'äme se fait sentir le plus, il täche de trouver
l'oubli dans l'ivresse. II pourrait s'enivrer de vin, de vertu,
^*) Moi, si tardil' qu'il füt, je nai jamais vu un printemps suivre
un öte; mais Ton sait que Baudelaire s'amusait souvent, en passant,
ä corriger la nature.
»") pag. 35.
L'archüecture des „Fleurs du Mal". 57
d'autres choses; il s'enivre d'abord de volupte parce qu'il est
artiste et aime la beaute: l'ivresse des sens reste dans une certaine
mesure une ivresse d'art. Mais c'est alors que la realit^ ne
repond plus ä son desir; au Heu des joies ineffables, compl^tes,
il rencontre, sous un aspeet nouveau, le probleme tant redoute;
l'amour vient ä s'identifier pour lui avec la destruction. Un
tour assez frequent que son imagination lui joue c'est de lui
changer ses maitresses en cada\Tes et en vampires. La vo-
lupte du reste, au vrai sens du mot, ne peut guere s'accorder,
quoi qu'il ait dit lui-meme, avec son temperament, oü l'instinct
est si peu de chose, oü la volonte et la conscience ont une si
grande place. Trop de choses dans la realite troublent et entravent
l'ivresse. C'est par l'imagination qu'il goüto reellement et com-
pletement le plaisir. De lä sa vraie volupte: celle des tableaux
lascifs et des rhytraes caressants. «La mignardise tres travaillee
me gäte son sensualisme» a dit M. Ganat,^^) qui peut-etre se
souvenait de Sainte-Beuve.^^) II eüt plutot fallu diro: c'est
dans la mignardise travaillee que son sensualisme consiste.
II est aussi des instants oü, pour briser les barrieres qui
le separent des autres hommes, il entrevoit et il cherche les
formes les plus saines et les plus hautes de l'amour. Nous l'avons
vu poindre, cet amoiir, invocation sans echo, dans le cycle de
la Venus noire; nous l'avons vu remplir de mystique tendresse
le cycle de la consolatrice. Dans les dernieres poesies du demier
cycle nous le voyons naitre ä nouveau, de la lassitude infinie,
de l'epuisement physique et moral:
Et pourtant, aimez-moi, tendre ccBur! Soyez mere
Meme pour un ingrat, meme pour un mechant.
Amante ou soeur, soyez la douceur ephemere
D'un glorieux automne ou d'un soleil couchant.
La vie de Baudelaire eüt ete, peut-etre, tout autre, s'il eüt
eu une autre mere. Les attachements les plus tendres et les
plus salutaires lui ont manquö; et non pas uniquement par sa faute.
Les noms de mere et de soeur resonnent ä la fin de ses chants
d'amour non comme une profanation, mais comme un soupir
nostalgique. On ne peut lire sans de poignantes r^flexions cc
^') Ouvrag. CiL, pag. 162,3.
^2) Les Fleurs du Mal, 6d. döl'., p. 396: «Vous avez voulu arracher
leurs secrets aux d6mons de la nuit. En faisant cela avec subtilit^,
avec raffinement, avec un talent curieux et un abandon quasi precieux
d'expression, en perlant le detail, en petrarquisant .sur l'liorrible, vous
avez I'air de vous etre jou6; vous avez pourtant souffert, vous vous
etes rongö ä promener vos ennuis, vos caucheniars, vos tortures morales ;
vous avez du beaucoup souffrir, mon eher enfant. Cette tristesso
particuliere qui ressort de vos pages et oü je reconnais le dernier Symp-
tome d'une g6n6ration malade, dont les ain^s nous sont trös connus,
est aussi ce qui vous sera compt6.»
58 /- /''• lienedeUo.
qu'il ecrivait sur le bord du portrait do Berthe, dans ses deniior*
ans: «A une horrible petitc fille, souvenir d'un grand fou qni
ckerchait nne fille d adopter.»
lie Spleen.
«II y a dans tout homme, ä toute heure — dit Baudelaire
dans Mon cceur mis ä nu — deux postulations simultanees,
l'une vors Dieu, Tautre vers Satan: l'invocation ä Dieu, oii
spiritualite, est un desir de monter en grade; eelle de Satan,
ou animaliU, est une joie de descendre^^).» Jusqu'ici Tange du
mal n'a pas encore remporte son plein triomphe. On assist^
dans Spleen et Ideal au contraste des deux impulsions eontra-
dictoires, ä la douloureusc conscience de ce contraste; dans la
derniere partie, quand la foi dans l'art et dans Tamour est eteinte,
10 heros du dramc nous apparait dejä agite par des mouvementa
plus brusques, plus passionnes; dejä l'idee du crime traverse son
eerveau et les blasphemes s'echappent de ses levres; il sent dejä
Tattrait de l'oubli: du vin et de la tombe. Mais ce ne sont que
des sursauts d'un instant. Baudelaire decrit ailleurs le vrai
Spleen, non disposition momentanee mais etat habituel de Tarne.
11 a distingue, dans son analyse, plusieurs moments differents.
Gar le Spleen n'a qu'une seule forme; quelquefois Tabandon
las, indifferent, le degoüt de soi-meme et des choses, la nostalgie
du passe, se changent en haine, en desespoir, en amour furieux
du neant. Les Fleurs du Mal, Revolte, le Vin, la Mort, qui suivent,
dans la premiere edition, Spleen et Ideal, representent une plus
lente succession dans son äme des passions qui n'avaient fait
que Toccuper un instant. Des tableaux symboliques defilent
devant nous, oü s'etale la poignante tragedie. D'abord, dans
les Fleurs du Mal, le spectacle du vaincu contomplant ses
propres plaies et jetant de Tabime, oü il est tombe irremediable-
ment, le salut consolateur ä tous les freres de martyre, ä tous
ceux qui ont cherche comme lui de realiser Tinfinite de leur
ideal. Puis vient la revolte, la dedition complete ä Satan.
Se livrer ä Satan qu'est-cc que c'est ? demande-t-il dans Fusees.^*)
Nous avons cite la reponse au commencement de ce chapitre.
Ce n'est pas seulement, ä mon sens, le martyre mystique, Tamour
du mal pour le mal; mais, dans Tagitation violente qui s'empare
de Täme devant 1 irreparable, le ricanement railleur contre Dieu
comme paroxysme, les litanies de Satan comme prostration
finale. La priere ä Satan comme au seul genie tutelaire qui lui
est reste dans sa nuit, montre chez lui le vide devenu plus horrible,
la necessite d'un soutien devenue plus grande. Le neant est
desormais son seul refuge. Le vin precede la mort, l'oubli
^3) pag. 98.
^'•) pag. 86.
L'archüecture des „Fleurs du Mal"'. 39
momentane l'oubli eternel. «Rancunes litteraires, vertiges de
l'infini, douleurs de menage, insultes de la misere, Poe fuyait
tout dans le noir de l'ivresse, comme dans une tombe preparatoire.^
Ainsi ecrit-il d'E. Poe^^) D'apres M. Ourousof, le poete aurait
accouple le vin et la mort, parce que celle-ci est aussi un resultat
de celui-lä; mais Baudelaire, dans le Vin des Chiffonniers (CXXIX)
a indique le vrai licn:
Pour noyer la rancceur et bercer l'indolence
De tous ces vieux maudits qui meurent en silence
Dieu, touche de remords, avait fait le sommeil,
L'hommc ajouta le Vin, fils sacre du Soleil.
Baudelaire disposa, dans la deuxieme edition, les sections
de son livre d'une facon toute nouvelle, et il eut pour but en
cela d'augmenter le tragique de Tensemble. Le Vin ne precede
plus la Mort. Aussi les Fleurs du Mal, Revolte et la Mort restent-
elles plus etroitement unies de maniere ä constituer, par
l'egale intensite de l'accent et la puissante rapidite des visions,
comme l'acte final du drame, la catastrophe. Le Vin, au lieu
de representer un momentde la catastrophe, passe parmi les causes
qui Tont produite. Baudelaire revit aussi minutieusement la
derniere partie de Spleen et Ideal et s'apergut qu'il pourrait par
la suppression de quelques poesies, rendre plus naturel et plus
puissant le crescendo du sentiment. C'est lä la genese des
Tableaux parisiens. Spleen et Ideal, Tahleaux parisiens et le
Vin, se suivent donc dans la premiere edition et nous disent
comment on parvient au desespoir inguerissable. Ce ne sont pas
seulement les soifs inassouvies de l'äme, mais le spectacle aussi de
la civilisation ambiante, corrompue et corruptricc et surtout mal-
heureuse; et apres l'analyse impitoyable du moi, apres les distrac-
lions tristes, le secours misericordieux du vin, assuupissant la
conscience par des chimeres de bonheur. Le vin a eneore une
autre valeur dans le progres desidees: apres l'excitation de l'instant,
Taneantissement est plus grave. Aussi le plan general de rou\Tago
devenait-il ä la fois plus suggestif et plus vrai.
On retrouve, dans la revision des details, la meme intention
d'augmenter le naturel du developpement et de micux faire
ressortir la dramatiquo poesie du sujet. Le leeteur peut s'en
convaincre comme nous en r^flechissant un instant aux
changements apportes par l'auteur ä l'ordre des poesies dans la
derniere partie de Spleen et Ideal. Voici comment elles etaient
disposees, dans la premiere edition.
'•'•') (Eueres, IV, pag. 2Ü.
60
A. h\
lienedello.
LH
lleautontimorounienos
LXVII
Le Crt^puscule du soir
LI II
Franciscue nieae laudes
LXVIII
Le (;r«^puscule du matin
LIV
A uiie dame erhole
LXIX
«La servante au grand
LV
Moesta et errabunda
cceur dont vous 6tiez
LVl
Les cliats
jalouse»
LVII
Les hiboux
LXX
«Je n'ai pas oubliö
LVIII
La cloche f616e
voisine de la ville»
LIX
Spleen
LXXI
Le tonneau de la Haine
LX
Spleen
LXXII
Le Revenant
LXI
Spleen
LXXIII
Le Mort joyeux
LXll
Spleen
LXXIV
S^pulture
LXIIl
Brumes et pluies
LXXV
Tristesse de la lune
LXIV
l/iiTÖmediable
LXXVI
La musique
LXV
A une mendiante rousse
LXXVII
La pipe
LXVI
IjG Jeu
Un ordre existait donc sans doute dans la premiere edition; y
mais ce n'etait pas, ä vrai dire, le mcilleur qu'on put concevoir, v
dans la seconde moitiö surtout. La perception nette, l'aecablante
conscience de son propre etat (LH), le retour de la pensee aux
douces impressions du jeune äge, aux amours naives, aux figures
nobles et bonnes rcncontrees autrefois (LIII — LV) ne constituent
pas encore le spieen vrai et absolu. Les neuf poesies suivantes
le representent dans sa forme la plus generale. Avant tout
l'aspiration au silence, aux tenebres, au songe sans fin (LVI),
l'amour de la meditation melancolique, loin du tumulte et du
mouvement (LVII). Le silence est desormais necessaire au poete.
Si des voix sortent encore de son coeur, elles ressemblent au
räle d'un bless6 qu'on oublie dans le sang, au bruit d'une cloche
felee (LVIII). II voudrait avoir la vigueur de la cloche qui
Jette, malgre les ans, son cri religieux, mais sa vie est froide,
faible, monotone (LIX — LXII). Brumes et pluies (LXIII) con-
tinuent le sujet de Spleen (LXII), dont le fond est precisement
un ciel brumeux et pluvieux; vient ensuite V Irremediable (LXIV),
Synthese exquise du cauchemar multiforme dont le poete est
opprime. L'effet profond de cette derniere poesie est imme-
diatement arrete: les six poesies suivantes detournent l'attention
sur des scenes exterieures d'un dramatique moindre. Elles ont,
elles aussi, leur signification ; ce sont des scenes tristes preparant
r^clat final de la haine (LXXI) et le voeu macabre du Revenant^
son expression la plus forte. Encore un eclat de rire vulgaire
(LXXIII— LXXIV), un sourire triste (LXXV— LXXVI), une
grimace goliardique (LXXVII), et Spleen et Idial est fini.
La manie des fins sataniques, que nous avons dejä constatee
chez Baudelaire, se revele dans la structure des cycles aussi
bien que dans Celles des poesies particulieres. Le dernier tableau
de Spleen ei Idial^ celui, bien entendu, de la premiere edition,
nous presente le poete qui a tant lutte et tant souffert, tout attentif
ä la fumee de sa pipe ; on nous fait contempler, ä la fin des Fleurs
du Mal. la partie la plus poignante du Myto, un Amour assis
L'archiiectiire des ,^Fleurs du yfat\ 61
sur le cräne du poete, faisant des bulles avec son cerveau; quant
ä Revolte, il suffit de dire que le poeme se termine par les
Litanies de Satan; et la Mort, c'est-ä-dire Tentier volume,
aboutit ä la raillerie amere de la Mort des Artistes:
II en est qui Jamals n'ont connue leur Idole,
Et ces sculpteurs damnes et marques d'un affront
Qui te vont martelant la poitrine et le front,
N'ont qu'un espoir, etrange et sombre Capitole!
C'est que la Mort, planant comme un soleil nouveau.
Fera s'epanouir les fleurs de leur cerveau!
Mais le poete s'apergut, en revoyant son ouvrage, que ses
vers les plus sataniques n'etaient pas toujours les plus profonds.
II ajouta ä son livre de nouvelles poesies constituant une fin
plus serieuse; il termina Spleen et Ideal par les poesies les plus
denses et les plus vibrantes. HeaiUontimoroumenos, que la robuste
vigueur de l'accent et de la pensee avaient fait choisir auparavant
comme Ouvertüre du cycle, et Vlrr^mediahle, oü le meme sujet
n'est pas traite avec moins d'energie, ont ete reunis et places
au bout du cycle; on leur ajouta VHorloge qui les integre, en
associant ä la pensee que tout salut est desormais impossible
le regret du temps perdu et la peur du reproche et du jugement
imminents. Ces trois poesies ne fönt qu'un seul tout. Les \dngt
nouveaux poemes ajoutes dans l'edition posthume (LXXXV-CIV)
ont ete inseres de fagon ä en respecter l'unite et ä respecter en
meme temps l'unite indissoluble du groupe precedent. Les six
poesies qui interrompaient, comme nous l'avons remarque,
l'organique structure de l'ensemble, ont ete mises hors de Spleen
et Ideal, premier noyau de la nouvelle section Tableaux parisiens.
Comme le protagoniste devait etre amene peu ä peu ä l'indifferenee,
au goüt du neant, ä tel point que le poete put lui dire:
Pour toi, vieux maraudeur,
L'amour n'a plus de goüt
toutes les poesies relatives ä l'amour sont concentrees au debut
du cycle. Aussi le Revenant a-t-il ete deplace et le Tonneau
de la Haine, qui pouvait se comprendro assez bien dans la premiero
edition et qui empruntait de la poesie suivante, le Rcvenant,
un caractere special de haine contre les femmos, rcQoit de sa
nouvelle place une valeur plus generale de haine contre tous
les hommes, et nous parait comme egarö, sans attache avec
ce qui pröcede, ni avec ce qui suit. Sonnet d'automne (LXVl)
a ete ajoute pour clore le petit groupe du spieen amoureux;
pour s'en persuader il suffit d'y souligner les paroles: «Je hais
la passion». II est aise, en continuant l'examen, de se rendre
compte du degre d'intensite tragique des diff(^rentes poesies,
suivant leur auteur; car, r6petous-le encore, tout est disposö
en vue de l'unite totale, et Tristesse de la liine plein de douceur
62 />• f- /Jenedello.
rornantique, pr6c6de los poesics plus douloureuscs d(; risoloment
vi du rt'vo, la Pipe precedc la Miisiqae, lo tabac elant un conso-
latour moins fort quo la musiquc, ot ainsi de suite.
La dcuxieme edition est, au point de vue de la disposition
des pieces, la plus parfaite. Sa compacte structure a ete gäte,
ä mon avis, par Ics poemes que Baudelaire a intercales par la
suite et dont quclques-uns sont pourtant des chefs-d'oouvre,
Comment expliquor, par exemple, la presonce de ce cantique,
Le Calumel de Paix, fragment imite de Longfellow, dans un
livre consacre aux tempetes de Fäme ? Faut-il y voir la recherche
d'un violent effet de contraste ? Le besoin de mieux affirmer
combien multiforme est le cauchemar du malade ? Do memo pour les
Tableaiix parisiens: l'ordre de la douxicmo edition est le meilleur.
Apres deux compositions de caractere introductif Paysage ot le
Soleil^ se deroulent deux distinctes s^ries de tableaux: les tableaux
diurnes (LXXXVIII— XCIV dans la 2 ed.; CXII— CXVIII dans
la 3^) et les tableaux nocturnes (XCV — CHI dans la 2®ed.-,
CXIX — CXXVIII dans la 3^). Des deux poesies ajoutees dans
l'edition posthume et placees de maniere ä ne pas troubler l'ordre
indique, la premiere, Lola de Valence, n'a rien qui en explique
l'existence dans ce volume, la deuxieme, Lune offensee, pouvait
ais6ment entrer dans la seconde serie de tableaux. C'est lä,
du roste, il faut le dire, la partie des Fleurs du Mal la plus
critiquable. On peut appliquer aux Tableaux parisiens ce que
le poete disait de ses Petits poemes en prose. Ce sont les
vertebres de la colonne vertebrale d'un serpent: si Ton ote
quelques-uns des anneaux, les autres se rejoignent ä l'ins-
tant. Aucun lien necessaire entre eux et, qui pis est, tres
faible parfois le lien entre chaque poesie et le concept general
sur lequel le cycle est fonde. Le sujet etait splendide. Les
creatures d'exception, telles que celle dont il conte l'histoire,
sont possibles, plus que partout ailleurs, dans la cite gigantesque
et il etait bon, comme il se piquait de scrupuleuse exactitude,
de ne pas negliger la formidable vertu du milieu. La partie
relative au Paris nocturne est assez reussie, dans l'ensemble;
s'il ne nous en donne pas une description, il nous en donne, pour
ainsi dire, le sentiment. Mais Baudelaire a voulu aussi developper,
parallelement, un second motif: nous montrer que tout, aux
yeux du protagoniste, devenait un symbole des verites doulou-
reuses qui obsedaient son cerveau. II a fait plus: il a fourre
dans ce cycle tout ce qui n'etait pas exclusivement vie de l'esprit
QU qui ne trouvait pas ä se placer opportunement ailleurs. De
lä les visibles defaillances de cette section et les demandes etranges
que le locteur est parfois oblige de se faire, teile que celle-ci par
exemple, si ce n'est qu'ä Paris qu'on rencontre, en flänant, des
vieilles, des mendiants, des aveugles, des passantes jolies. On
est de memo etonne de revoir dans ce groupe les deux anciennes
I
L' architeciure des ..Fleurs du MaV\ 63
poesies de Baudelaire, Je n'ai pas oublie voisine de la ville (GXXIII)
et La servante au grand coeur dont vous etiez jaloiise (CXXIV)
et avec elles Brumes et pluies. Gomment donc les deux premieres
se tiennent-elles — nous les voyons dejä accouplees dans la pre-
miere edition — et quel est le rapport de toutes trois au cycle
des Tableaux parisiens? La seule reponse possible est qu'elles
nous enseignent deux diverses methodes de passer la nuit ä
Paris. L'une serait (GXXV) :
par un soir sans lune, deux ä deux,
D'endormir la douleur sur un lit hasardeux,
l'autro au contraire de se trouver avec une ancienne maitresse.
Cette derniere methode est moins recommandable; eile excite de
tristes Souvenirs. La presence de l'ancienne maitresse, rappeile
sans donte les goüters delicieux d'autrefois, dans la blanche
maisonnette pres de la ville, mais on revoit aussi l'image de
la vieille bonne, morte maintenant et qu'il faut oublier dans
sa tombe!
Des manquements et des naive tes de ce genre se retrouvent
de meme ailleurs, dans la section le Fm, par exemple, oü le Vin
de VAssassin sort entierement du plan general. Qu'on remarque
que ce petit groupe a lui aussi sa courte preface: l'Ame du Vin
(GXXVIII). Pour les autres poesies, elles s'expliquent aisement
et elles s'expliquaient mieux encore quand le Vin et la Mort
se suivaient. Le Vin des Chiffonniers correspond ä la Mort des
pauvres\ le Vin du Solitaire ä la Mort de Varliste\ le Vin des amants
s la Mort des amants. Nous avons dejä dit que le poete faisait
allusion par lä aux trois caractercs essentiels, suivant lui, de son
protagoniste.
L'histoire d'un etat aussi complique que le spieen est sans
<loute moins facile ä rappeler et ä decrire qu'une histoire d'amour,
pour celui-lä meme qui en a ete le heros. Rien d'etonnant donc
ä ce qu'on ne puisse pas dcterminer aussi nettemcnt combien
le cycle du Spleen renferme, dans sa structure, de Souvenirs per-
sonnels. II me semble pourtant pouvoir affirmer que la derniere
partie de Spleen et Ideal, teile qu'elle etait dans la premiere edition,
rendait assez bien, par son desordre meme, ce qu'on pourrait appoler
le pessimisme normal de son auteur. Et les principales pliases
de la pensee baudelairienne reconstruite par ses biographes,
me semblent correspondre assez bien aux grandcs divisions du
livre, dans la premiere Edition: les Fleurs du Mal, la Rh'olte,
le Vin.
D'abord, comme dans les Fleurs du Mal centrales, la periode
des dostructions audacieuses, inoxorables. 11 se consacre des ses
Premiers ans ä la vie de la pensee, affrontant les obstaclcs avec
Tenthousiasmc qui faisait autrefois quitter la maison paternelle
pour chercher d'iieroiques aventures, ou delivrer quelquo
beaute prisonniere. G'esl lui-meme qui a trouve cette
64 /-. l'- Benedello.
comparaison, si c'est ä lui memo qu'il fait allusion la oü
s'abandonnant au pessimismc le plus sombre, il prrklit la
prochainc disparition de tout ideal, la vonue d'une epoque
d'avide malerialite, oü les cnfants fuiront leur famillo, non k
dix-liuit ans pour immortaliser un taudis par de sublimes pensees,
mais ä douze, pour fonder un commerce, s'enrichir, et faire con-
currence k leur infame papa.^^) Dans le bouge qui l'accueille
presque enfant, seul, inexperimente, plein de vagues esperances,
il fait obscurcir toutes los vitros, sauf une petite partic en haut,
pour ne voir autre chose quo le ciel. La melancolie est dejä
sa compagne. II ecrit dans Mon cceur mis ä nu: «Sentiment
de solitude des mon onfance. Malgre la famille et au milieu
des camarades siirtout. Sentiment de destinee eternellement
solitairo.»^^) II a connu au College «la premiero solitude» et le
second mariage de sa mere l'a blosse et abattu commo uno trahison
et un malheur. L'oisivete acheve de le rendre malhcureux. II
reconnaissaitluimeme, plus tard, quo c'etait en partie par l'oisivete
qu'il avait grandi; qu'il lui devait, il est vrai, bien des chagrins
materiels, mais aussi sa largour d'idees et son originalite litteraire.
II est naturel quo l'amour du reve et la curiosite de l'esprit se
soient alors eveilles on lui et que les problemes les plus generaux
et les plus torribles, coux auxquols le travail quotidien pour
l'existenco et les petits triomphes de la pensee dans des domaines
plus modostes auraient pu seuls le soutraire, l'aiont ravi, inquiete,
obsede. L'inconnu l'attiro et lui donne le vertigo, commo l'abime.
Mais il trouvo une volupte etrange dans cos vertiges de Tosprit;
il les provoque, les prolonge, los repete; il cultive, commo il dit,
son hysterisme. Le travail intollectuel du roste lui doviont non
soulemont agreablo, mais necessairo. Sa raison, souple et forte,
ne se laissc pas intimidor par la gravite ni la tristesse des con-
clusions; il a vite fait de reconnaitre los monsonges, los prejuges,
les sottisos dont se compose la vie. II n'a oncore que vingt an&
et sa mere ecrit de lui ä M. Ancolle :^^) «Co mepris souverain pour
rhumanite, ne pas croiro a la vertu, ne croire ä rion, tout cela
est effrayant». Le jeune hommo, qui so vantera un jour d'avoir
un esprit philosophique clair et sür^^), ne veut pas qu'on donne
le change ä sa raison; il ne veut pas se cacher touto la ridicule
insignifiance de la mesquino humanite; coUe-ci lui apparait
dejä comme uno grando masse d'osclavos que los Dostinees con-
damnent dopuis des siecles ä la repetition monotone des memos
vices et dos memos folios.
3^) Fusees, pag. 89,
9') pag. 96.
^^) J^tude biographiqiie iV Eug. Crepet mise ä jour par J. Crepet,
cit. pag. 26.
^^) Dans une lettre ä M. Toussenel du 21 Janv. 1856: «Ce qu'il
y a de bien certain cependant c'est que j'ai un esprit philosophique
qui me fait voir clairement ce qui est vrai, meme en Zoologie».
L'architecture des ..Fleurs du MaV\ fi5
Sa terreur et son humiliation ont du alors etre bien grandes,
si Ton reflechit ä la grandeur de la reaction. II se revolta contre
cette idee d'une puissance mysterieuse se servant de nous commo
de machines pour des fins qui nous sont inconnues, et embrassa
avec enthousiasme le Systeme qui fait la plus grande part ä la
volonte, ä l'activite reflechie et personnelle: le dandysme. Car
le dandysme n'est pas pour Baudelaire la doctrine de la fade
elegance, risible heritage de Brummel; c'est une haute coneeption
morale. L'humanite se partage pour lui en deux groupes distincts :
d'un cöte le plus grand groupe, le peuple cree pour le fouet que
le courant entraine et l'instinct aveugle pousse sans qu'il sache
qu'il est entraine et pousse; de l'autre cöte une elite restreinte
d'aristocrates sachant l'inutilite de la vie et Timplacable toute-
puissance du destin, mais pleins de Torgueil des vaincus et fiers
de leur conscience. Le dandy doit dormir devant un miroir,
dit Baudelaire; ce qui constitue le dandysme est precisement la
presence continue de soi ä soi-meme; c'est l'effort assidu de
remplacer l'instinct mecanique par le travail de la volonte. La
theorie ne saurait etre plus noble et plus haute: c'est ainsi quo
se forment et le saint et le heros. Mais le heros et le saint different
en ceci du dandy qu'en eux l'heroismo et la saintete s'allient
toujours au desinteressement, ä l'amour des hommes, tandis
que le dandy est egoiste et il ne joue que pour s'amuser sa sainte
ou heroique comedie. De la le precepte baudelairien : «Etre un
heros ou un saint pour soi-meme. »^^) De lä aussi sa definition
historique du dandysme^^^) : «Le dandysme apparait surtout aux
epoques transitoires oü la democratie n'est pas encorc toute
puissante, oü l'aristocratie n'est que partielloment chancelante et
avilie. Dans les troubles de ces epoques quelques hommes declasses,
degoütes, desoeuvres, mais tous riches de force native, pcuvent
concevoir le projot de former une espeee nouvelle d'aristocratie,
d'autant plus difficile ä rompre qu'clle sera basce sur les facultes
les plus precieuses, les plus indcstructibles, et sur les dons Celestes
que le travail et l'argent ne peuvent conferer. Mais le flot montant
de la democratie noie jour ä jour les derniers representants de
l'orgucil humain.»^^^)
Cependant son rcve du parfait dandy, de l'homme supericur
(lui affine toute son cducation, developpe toutes ses enorgies, mais
qui peut au besoin ne vouloir rien de tout cela, toutes fonctions,
tous liens lui etant odieux, se dissipa au contact du reel, ou,
^^) M. CassagnCy La theorie de Vart pour Carl, Paris 1904,
pag. 173, iiote ä ce propos: «Un saint! Eiilendez une conscience artis-
tique irröprochable». Je ne crois pas cette interprt^tation acceptablc.
'"*) Dans son article sur C. Guy, (Euvres, II.
'**-) Gustav Koehler. Der Dandysnms im französischen Roniatt
des XIX. Jahrhunderts, Halle a. S., 1911 (33. Beiheft zur Zeitschrift
für romanische Philologie) fait une place aussi ä Baudelaire dans
son etude, pag. 52|57.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXI X'/'. 5
66 L. F. Benedetlo.
du moins, ne put etre realis6 qu'en partie. Rappeions nous
l'ardente priöre de l'artiste implorant de Dieu la po6sie pour
se soulcver commo cr6aleur au dessus du iroupeau. Sa haine
du troupeau finit par avoir eile aussi des effots tres fäclieux.
Tout Ic mondc sait ce que le dandysme devint dans sa vie
pratique et ä quels exces le conduisit la pcur d'ctre confondu avec
le vulgaire. Le Baudelaire excentrique et bizarre ne nous in-
teresse que par l'augmentation de souffrance que ses excentricites
lui ont value. Apres avoir cherchö l'aristocratique plaisir de
döplaire, apres avoir ahuri, lieurte, fäclio la foule^^^) et s'etro fait
passer pour le plus abominablo des vicieux, il souffrit cruellement
d'avoir ete cru. Sa solitude an devint plus effrayante. Qu'on
ajoute tout ce que nous avons dit plus haut, toutes los causes
d'isolement moral que nous venons d'etudier: on comprendra
son desespoir^^^); sa tentative d'y echappcr par l'action momen-
tanöment bienfaisanto des excitants nous paraitra presque
excusable.^^^) «De quelques rares esprits qui marchent par ces
temps dans la solitude du moi, il est, je pense, le meilleur et le
plus sür de sa route>> ecrivait de lui, en 1852, le Journal pour rire.
Mais combien de tristesses cachees derriere cette assurance de
surface! En cette annee-lä meme, il secouait le joug de ses
dösolantes doctrines et celebrait l'action^^^):
«Disparaissez donc, ombres fallacieuses de Rene, d'Obermann
et de Werther; fuyez dans les brouillards du vide, monstrueuses
creations de la paresse et de la solitude; comme les pourceaux
dans le lac de Genezareth allez vous replonger dans les forets
enchantees d'oü vous tirerent les fees ennemies, moutons attaques
du vertigo romantique. Le genie de l'action ne vous laisse plus
de place parmi nous.»
Le dandysme de Baudelaire n'exclut pas l'action; il contient
meme dans ces principes comme une force heroique; mais ce
n'est point l'action dont il s'agit ici, activite pour le bien des
^<'^) Sa liaine du bourgeois regoit un dementi momentane du com-
inencement de son premier Salon. On y caresse la bourgeoisie et
on remarque qu'en fin de compte c'est eile qui paie les artistes. Sou-
venons-nous de la Muse Venale. II ne s'agit pas d'une vöritable orien-
tation de son esprit vers la litterature utile; Baudelaire, distrait, se
contredit aussitot et ses invectives ne laissent aucun doute sur son
vrai sentiment. Quant au röle qu'il joua dans la revolution de 1848,
il se justifia lui-meme par la mauvaise influenae des lectures scolaires.
^"■*) Son Imagination se peuplait de visions macabres. Quelques-
uns de ses dessins aussi, il faut le noter, reprösentent des scenes effra-
yantes. Si l'on veut trouver quelque chose approchant des cauchemars
d6crits dans les Fleurs du Mal, il suffit de lire la narration qu'il
fait d'un songe horrible ä son ami Asselineau le 13 Mars 1856.
^^^) 11 ne faut pas exagörer, comme on l'a fait, l'influence de Thaschisch
et de l'opium sur la pensöe et sur l'art de notre auteur. A. Pizzini,
// cuore di Baudelaire, dans la Rivista d'Italia, an XI, 1908, II,
835/855, a trop insiste sur ce point.
^^^) An romantique, dans (Euvres, III, p. 20/34.
L'architectnre des ..Fleiirs du Mat". 67
hommes. Le resultat du dandysme est ordinairement Tiin-
passibilite et l'indolence ,parce qu'il ne donne ä raction aucun
but extrahumain ni altruiste, mais il la considere plutöt comme
le jeu savant d'un esprit qui ne veut pas s'ennuyer. Aussi
trouve-t-on, au bout de Fusees, le vrai portrait de Baudelaire,
du Baudelaire de tous les instants, non d'un moment tout
special :^^^)
«Perdu dans ce vilain monde, coudoye par les foules, je
suis comme un homme lasse dont l'oeil ne voit en arriere dans
les annees profondes que desabusement et amertume, et, devant
lui, qu'un orage oü rien de neuf n'est contenu, ni enseignement
ni douleur. Le soir oü cet homme a vole ä la destinee quelques
heures de plaisir, berce dans sa digestion, oublieux autant que
possible du passe, content du present et resigne ä l'avenir, enivre
de son sang-froid et de son dandysme, fier de n'etre pas aussi
bas que ceux qui passent, il se dit, en contemplant la fumee de
son cigare : Que m'importe oü vont ces consciences ?^^^)
Barbey d'Aurevilly terminait en 1857 son article sur les
Fleiirs du Mal par ces mots: «Apres les Fleurs du Mal il n'y a
plus que deux partis ä prendre pour le poete qui les fit eclore :
DU se brüler la cervelle . . . ou se faire chretien.»^^^) L'äme et
les malheurs du poete lui etaient connus; peut-etre ajoutait-il
ces dernieres paroles comme un souhait bienfaisant. Et en
effet nous eprouvons une sorte de soulagement ä voir le poete
s'acheminer sur la nouvelle voie qu'on lui a prophetiquement
indiquee et y trouver la paix dans une derniere illusion.
Baudelaire reprend dans ses dernieres annees ses entrotiens
avec le Dieu, qui l'avait dejä tant de fois ecoute dans son enfance.
'0') pag. 90.
^"^) Ceux qui connaissent la correspondance de Leopardi doivent
se rappeler, ä la lecture de ce passage, un etat d'Ame identique que le
poete italien a döcritdans une lettre ä son amie Targioni-Tozzetti [Epis-
tolario di Giacomo Leopardi, ed. P. Viani, Firenze 1802, II, 424/43):
*I mieiamici si scandalizzano; ed essi hanno ragione di cercare gloria
e di beneficare gli uomini; ma io che non presumo di beneficare e che
non aspiro alla gloria, non lio torto di passare le mie giornate, disteso
SU un sofä, senza battere una palpebra. E trovo molto ragionevole
l'usanza dei turclii e degli altri orientali, che si contentano di sedere
sulle loro gambe tutto il giorno e guardare slupidamente in viso questa
ridicola esistenza\ Deux autres analogies enlre les deux poetes sont
signalees par V. A. Ä r u 1 1 a n i , Leggendo il Leopardi e il Baudelaire,
dans le Fanjulia della Domenica, an XXIII, N. 32.
'"9) Les Fleurs du Mal, ed. d^fin., pag. 376. Ce n'etait pas la
premiere fois qu'il döplorait Timpi^te de Baudelaire. Dans une lettre
ä Trebutien, de 1855, il dit en presentant le poete; «II est un ^crivain
de foroe acquise et un penseur qui ne nianque pas de profondeur . . .
quoique ... oh! il est dans le faux. II est impic .... l.es niaiseries
philosophiques lui repugnent» Je ne trouve pas nioins caracteristique
re qu'il lui mande d'terire sur un exemplaire des Reliquiae do Melle
de Gu^rin destin^ ä Baudelaire: «Une belle fleur blanche ä une belle
fleur noire».
ö*
68 /- F. lienedetto.
On (lirait quolqiiofois qu'il on est honteux et qu'il sont la necossit«?
d(! so justifior: «On pout no pas manquer d'esprit ot oherchor
dans Dicu lo complicc et l'ami qui manquent toujours, Dieu est
reternel confident dans cetto tragödie dont chacun est lo lieros».*^*^)
Mais lo mal cnntinue ä empirer; la mort parait desormais
imminente. La pcur le saisit. II pense aux ans gaspiiles, aux
vieux reves qu'il n'a point encore realises. ««Tout est reparable:
II est encore temps. Qui sait memo si des plaisirs nouvcaux. . .»^^*)
Mais la volonte et la sanle lui manquent. Pour remplir ses
nouveaux devoirs, pour tirer tout le profit possible des jours
qui lui restent, il lui faut un secours; il est necessaire de redonner
les forces ä l'äme au moyen d'une Hygiene speciale et il espere
pouvoir operer une espece de thaumaturgie interieure par la
valeur suggestive de la priere et des sacrements. Aussi ne re-
vient-il pas seulement au Dieu, mais ä la roligion de son cnfance.
Mais il y avait, ä mon avis, dans ce retour, avec l'elan mystique
instinctif, la conscience d'essayer encore un remede, une derniere
espece d'excitant. II n'y pas eu de vraie conversion. A ses
derniers moments, il renonca ä la priere et ä la foi, et retrouva
en face de la mort la stoique fierte de son pessimisme lucido.^*^)
^1°) Mon cceur mis ä nu, pag. 11 6' 7.
11') Ibid., pag. 122.
11-) II nous parait maintenant impossible qu'on alt mis en doute
la sinc6rite du poete. Tout le monde connait le verdict ecrasant d'f.
Scherer, ouvr. eil., 1869, pag. 289 et de Brünettere, Questions
de critique, Paris 1889, pag. 273 et suivv. et Revue des deiix mondes,
ler Sept. 1892. Souverains contempteurs de Baudelaire, convaincus
qu'il ne valait pas la peine d'en causer, ils daignerent neanmoins, par
amour de Thumanite, eclairer lä-dessus le public et demasquer «l'illustre
mystificateur dont l'unique excuse 6tait d'etre lui-meme devenu la
dupe de ses propres mystifications'>. Brunetiere est le moins excusable.
car il ecrivat apres l'apparition de la biographie, des oeuvres et de la
correspondance inedite et, qui pis est, ä propos de tout cela. Ses deux
articles, inexacts et naifs en plus d'un endroit, sortent de la critique
et entrent dans la vulgaire categorie des Insultes. Maurice Spronck,
ouvr. cit., pag. 133, tout en croyant ä la sincerite du poete, s'oppose
ä P. Bourget qui voit dans les Fleurs du Mal le vrai pessimisme et
soutient que ce pessimisme n'est qu'apparent. Baudelaire ne cherche
pas dans la mort le neant, mais le nouveau; il aspire ä des formes plus
nobles d'activite, non au nirvana absolu. Mais l'on peut ais6ment
opposer aux dernieres paroles du livre dont M. Spronck se fait fort,
d'autres döclarations aussi importantes. Dans une preface. par ex.,
projet^e pour son livre (E u g. C r e p e t , ouvr. cit., pag. 6): «J'aspire
ä un repos absolu et ä une nuit continue. Chantre des voluptes foUes
du vin et de l'opium, je n'ai soif que d'une liqueur inconnue sur la terre
et que la pharmaceutique Celeste elle-meme ne pourrait pas m' offrir,
d'une liqueur qui ne contiendrait ni la vitalit6, ni la mort, ni Texcitation,
ni le n6ant. Ne rien savoir, ne rien vouloir, ne rien sentir, dormir et
encore dormir, tel est aujourd'hui mon unique voeu. Voeu infame
et degoütant, mais sincere ». De meme il ne faut pas oublier le sonnet
qui pröcede le Voyage, le Reve d'un curieux (GL), oü l'auteur s'imagine
sur le seuil de l'inconnu, dans l'instant meme de la mort:
L'architecture des ,,Fleurs du Mal'\ 69
Une conclusion tres importante se degage de ce morne recit.
Cette marche continue de la raison et du coeur vers un pessimisme
toujours plus desole — marche que nous venons d'etudier
dans la vie — n'est pas sans avoir des rapports avee
Tevolution, etudiee plus haut dans le livre, vers une forme plus
serieuse et plus triste. Les Fleurs du Mal de 1857 n'ont jamais
€te pour le poete les reliques d'une jeunesse malade et
reveuse, semblables aux vers juveniles que Dominique relisait,
<lans son äge mür, d'un oeil emu, mais l'äme forte et guerie.
Elles resterent tout le temps, ä tres peu pres, son portrait
tidele. Tout changeait chez les autres; on desavouait, on raillait
meme parfois, les anciennes fievres romantiques. Sainte-Beuve,
dans les Consolations, tout en peignant encore la melancolie des
Amaury, des Joseph Delorme, l'enveloppait d'une douceur calme;
l'auteur de Lelia renouvelait ses romans par la genereuse allegresse
de son optimisme; Vigny se relevait de ses decouragements infinis
pour chanter de nouveau, dans la Maison du Berger et dans la
Bouteüle ä la mer sa foi ä la poesie et ä la valeur sociale de l'Idee.
On pourrait citer bien des exemples. Baudelaire demeure, lui,
toujours le meme. Et la cause en est que, pour les autres hommes
de lettres, le pessimisme avait ete une mode ou le melange confus
des mille chimeres du coeur; pour lui c'est surtout un resultat
de la meditation, une deduction de la raison. II a souveraine-
ment hai le niais et banal romantisme des barques sur les lacs,
des pleurnicheries betes, des confidences ehontees; il y a un
niot celebrc de lui: «Tous les elegiaques sont des canailles.» Son
mal n'est pas le mal de Rene, quoiqu'il ait adore Chateaubriand
et qu'il ait en commun avec le grand dandy l'ennui melancolique
et incurable; l'amour de l'infini, de l'ocean et du desert. C'est
plutöt le mal d'Obermann et de Joseph Delorme, c'est surtout
le mal multiforme et complique de Byron.
II ne s'agit pas de modeles litteraires. II a ete reellement
dans la vie ce qu'il avait ete par l'imagination au temps de ses
premieres lectures, c'est-ä-dirc, tour ä tour, un Don Juan vo-
luptueux et sensuel, un Manfred ronge par los remords et avide
de connaitre, un Cain, que le spectacle du mal et de la mort
exaspöre. II a, suivant son liabitude, concentre dans les derniers
vers l'essence du livre:
J'6tais comme Tenlant avide du spectacle,
Haissant le rideau comme on hait un obstacle . . .
Enfin la v6rit6 froide se r6v61a
J'etais mort sans surprise et la terrible aurore
M'enveloppait. — Et quoi! n'est-ce donc que cela!
La tolle 6tait lev6e et j'attendais encore.
El le vers celöbre, qui r6sume une si grande partie de Baudelaire
Ei je cherche le vide et le noir et lo nu?
70 /- /'• Benedello.
.1
Nous voulons, tant cc Icu nous brüle le cerveau
Plongor au fond du gouffre, Enfor ou Cid, qu'importo ?
Au fond d(! l'inconnu pour trouvor du nouveaa!
N'est ce pas lä la pensec du Childo-Harold voulant descendre,
pour changcr de spectacle, dans le royaume meme des ombres,
ou le cri du Giaour qu'il faut eehapper ä l'onnui de la vie, düt-on
y perir ?
Tout le romautismc passa ä travers son äme, en s'y filtrant.
Place aux confins extremes de l'epoque romantique, Baudelaire
la resuma en lui et ce fut lui, plus que tout autre, qui transmit
aux äges nouveaux ce que le romantisme contenait d'experience
douloureuse et de pessimisme metaphysique, c'est ä dire ce qui
devait constituer pendant quelque temps le fond meme de la
poesie fran^aiso.
C'est lä surtout son originalite. Les sources litteraires
n'expliquent pas directement son oeuvrc. 11 a admis lui-meme,
par exemple, que les Poesies de Joseph Delorme avaient ete les
Fleiirs du Mal de la veille. Et en effet, quoique le petit recueil
de vers soit au fond plus galant que tragique, l'admirable preface
et ga et lä quelques courts passages^^^) annoncent dejä Baude-
laire"*) ;
«La Raison morte rödait autour de lui comme un fantome
et l'accompagnait ä l'abime, qu'elle eclairait d'une lueur sombre.
C'est ce qu'il appelait avec une effrayante energie se noyer la
lanterne au cou. En un mot l'äme de Joseph ne nous offre plus
desormais qu'un inconcevable chaos oü de monstrueuses imagi-
nations, de fraiches reminiscences, des fantaisies criminelles, de
grandes pensees avortees, de sages prevoyances suivies d'actions
folles, des elans pieux apres des blasphemes jouent et s'agitent
confusement sur un fond de desespoir.»
Pourtant Baudelaire ne s'est pas inspire de Sainte-Beuve.
II a extrait la beaute de son mal, non de celui de Delorme ; Joseph
Delorme il l'a copie en vivant. Son oeuvre est donc le produit
d'un double romantisme: celui lointain des livres, et celui, plus
proche, de sa vie, qui en etait le reflet.
Nos lecteurs viennent de voir comment ce deuxieme roman-
tisme s'est reflete ä son tour dans les Fleurs du Mal, dans son
architecture surtout. Le capacite du livre en reste comme
agrandie; les vers oü se sont deposees les plaintes isolees de
l'instant, deviennent, ainsi consideres, le Journal intime de
toute une vie, le testament de toute une epoque litteraire.
T 0 r i n o. L. F. Benedetto.
^^^) Poes, compl., I, 106, «Je songe ä mes longs jours passes avec
vitesse, | Turbulents, sansbonheur, perdus pour le devoir, ! Et je pense,
6 mon Dieu, qu'il sera bientot soir!» et I, 13/45 «Sais-tu ce que tu
vaux Belle Ignorante . . . .».
"*) I, 17.
1
Zur ,Vengeance RaguideP.
Da Friedwagner nach eingehender Vergleichung der Ven-
geance Raguidel mit dem Meraugis zu der Überzeugung gelangte,
daß jener Raoul, welcher sich in den Versen 3356 und 6178 der
Vengeance Raguidel als Dichter dieses Romans bezeichnet,
mit dem Verfasser des Meraugis zusammenfalle, so reihte er
die Ausgabe der Vengeance Raguidel in diejenige der Gesamt-
werke Raouls von Houdenc, und zwar als zweiten Band, ein.^)
Doch nahm er hierbei auf abweichende Meinungen in der Ver-
fasserfrage insofern Rücksicht, als er zu der Kennzeichnung
, Altfranzösischer Abenteuerroman' auf dem Titelblatte des
Buches nicht wie auf demjenigen des Meraugis-Bandes die An-
gabe ,von Raoul von Houdenc' hinzufügte. Wenn auch in der
Ordnung dieser von Friedwagner begonnenen Ausgaben eine
Ausgabe der freilich kürzeren und dem Wesen nach verschie-
denen Dichtungen, die neben dem Meraugis unzweifelhaftes
Eigentum des R. von Houdenc sind, vor derjenigen der Vengeance
Raguidel vielleicht den Vorrang verdient hätte, so ist es doch
erfreuhch dieses kulturgeschichtlich selir wertvolle Denkmal,
welches Gel. Hippeau unter dem Haupt-Titel , Messire Gauvain'
im Jahre 1862 unbefriedigend veröffentlicht hatte, in einer
von vielen textliclien Schäden befreiten und mit trefflichen
sprachlichen und sachUchen Erläuterungen begleiteten Ausgabe
schon jetzt zu besitzen.
Eine außerordentlich eingehende Untersuchung wird in (h>r
Einleitung des Werkes der äußeren Beschaffenheit der Dichtung
zuteil. Die Beweggründe, welciie einige Gelehrte zum Zweifel
an dem einheitlichen Charakter der Vengeance Raguidel und zur
Unterscheidung zweier Teile» für diese, eines bis zum \'erse 3356.
nach Kaluza nur bis etwa zum Verse 2700, reichenden älteren,
dessen Verfasser sei es überhaupt sei es ursprünglich von Raoul
verschieden wäre, und eines durch und durch von Raoul lier-
') La Vengeance Raguidel, Altfranzösischer Abenteuerroman.
Herausgegeben von Mathias Friedwagner. Mit Unterstüt/.\uig der
Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien. Halle a. 8.. Max
Niemeyer, 1909. CCVII u. 368 SS.
72 ('• Colin.
i-ührciidi!ii jüngeren, geführt liatlcn, prüft Friedwagnor sorg-
fältig nach. Dem zur Annahme zweier verschiedener Scfiichtcn
in der ersten Hälfte des Romans benutzten Umstände, nämlidi
der ungleichmäßigen Verteilung des reich(;n Reimes dortsolfjst,
muü er die Beweiskraft absprechen, da eine solclie und niclit,
wie man erwarten sollte, gleichmäßige Anwendung dieser Reimart
»luch in der zweiten anerkannt echten Romanhälfte nachweisbar
sei; auch sprächen Laute, Formen und Stil nicht zugunsten
einer Zweiheit von Verfassern. Selbst die plötzliche Bemerkung
Ci comenche Raols son conte im Verse 3356, nach welcher es zwar
scheinen könne, als liege bis zu derselben das Werk eines andern
Dichters vor, beweißt für Friedwagner nicht, daß nunmehr
ein zweiter Dichter, Raoul, im Erzählen fortfahre. Sie erinnere
hinsichtlicli der Wendung ci comenche an ähnliche Übergangs-
formeln in andren Dichtungen; ihr Wert aber bestehe nur darin,
daß der Verfasser sich hier zum ersten Male nenne. Sie unter-
breche in ihrer überlieforten Fassung allerdings, gibt Fried-
wagner zu, die Darstellung eines bestimmten Abenteuers recht
auffällig, und so sei sie vielleicht in Si romanche Raols son conte
zu bessern: der Sinn des nunmehrigen Wortlautes Mais longue
devise n'est preus A dire a cort n'a roi n'a conte, Si romanche Raols
son conte Qui ne fait pas a mesconter sei ,aber eine lange Beschrei-
bung ist nicht vorteilhaft, nicht geeignet am Hofe, vor König
oder Grafen, mit Beifall vorgetragen zu werden {preu ist aber
hier Sbst., , Vorteil', das Gegenteil von domage, vgl. z. B. Mer. 2351),
so dichtet denn Raoul seinen Roman in einer Art, daß er sich
sehr gut zum Erzählen eignet'. Aber die handschriftliche Lesart
Ci comenche findet, darf man gegen jenen Änderungsvorschlag
einwenden, in dem wenige Zeilen später gebrauchten Ausdruck
traire en vient (La matiere gu'il en vient traire Est veritäls), V. 3360,
eine Stütze. Sie gehört also wohl in den kritischen Text. Gleich-
wohl zwingt sie nicht zu der Annahme, daß hier ein neuer Dichter,
Namens Raoul, einsetze. Denn aus dem Inhalt des zu conte
hinzugefügten Relativsatzes Qui ne fait pas a mesconter ergibt
sich, daß conte, eine Meinung, die auch Jordan, Lit.-Bl. 1911,
Sp. 57 vertritt, nicht auf die ganze folgende Romanhälfte, son-
dern nur auf die nächste Episode, die Liebesgeschichte zwischen
Gavain und Ide, hinweise. Qui ne fait pas a mesconter besagt
nämlich nicht ,(die Geschichte) welche sehr gut zum Erzählen
geeignet ist', sondern ,welche nicht ausgelassen, übergangen
zu werden verdient' (vgl. zum trans. mesconter, wörtlich ,nicht
mitzählen', ,nicht einrechnen' auch Par eaus l'eskiele ensi montai,
Qu'ainc escaillon n'i mescontai, Tr. B. II, 230, 872; -XIII- C. mille
sont par conte Sans les menus, c'om i mesconte, Bari. 6146; Son
mesage li a conte, Ne l'en a. i. mot mesconte, Claris 19530; 23156;
des untres, sc. femmes, . . Doit on tout le mal mesconter, J. Cond.
Tl. 203, 12; Watr. 220, 691). Mit derartigen zur Aufmerksamkeit
Zur , Vengeance RagaideV. 73
anregenden Wendungen eröffneten die altfranzösischen Dichter
nicht ungern Teilerzählungen des ganzen Werkes, s. die beiden
von Friedwagner S. CXIV angezogenen Stellen Parise S. 48
und Aiol 8559 oder ferner Or m'entendez, seignurs krestuit, E
si vus pri, ne vus ennuit, Kar une fable orriez vus, E cest est tut
<>eir a estrus^ Ipom. 5551; Seignor, or escoutez, pour Dieu, ne
vous aiiuit, Si orrez vraie estoire, dont li vers sont bien duit, Berte
898; Or escoutes, franc chevalier baron, Si vos dirai d'une bone
chanQon, Cum Auberis fu menes au bricon Par. i. uasltt, . . Mitth.
255,5. Befremdlich ist in dem Verse der Veng. Rag. nur das
Dasein des Possessivpronomens vor conte^ dessen Platz der unbe-
stimmte Artikel einnehmen sollte; vielleicht ist son daher ein
jüngeres Versehen für un, wie die Handschrift der Dichtung
ja viele Verderbnisse aufweist. Auch die übrigen Gründe für
das Vorhandensein eines vorraoulschen Teils der Vengeance
widerlegt Friedwagner. Gewisse mundartliche Besonderheiten
seien auch der zweiten Hälfte des Romans eigentümlich; die
Vengeance Raguidel sei offenbar ein Jugendwerk ihres Dichters,
daher vermische sich in ihr die Sprache seiner Heimat, des Süd-
westens zur ile-de-France, mit derjenigen der lle-de-France,
deren tadellose Reinheit Raoul nicht sofort gefunden habe. Auch
der Stil beider Hälften sei nicht so unähnlich; einige in der zweiten
allerdings wiederholt gebrauchte Redeweisen besonderer Art
fänden sich in der ersten zum wenigsten angebahnt. Nebenher
läßt Friedwagner aber auch die Möglichkeit offen, daß jene
dialektischen Abweichungen und auch sonstige über das ganze
Gedicht verstreute auffällige Formen und Reime^) nicht ursprüng-
lich seien, und er trifft hiermit vielleicht das Richtige, weil es
wahrscheinlich ist (vgl. später), daß die Handschrift, welche den
Roman überliefert, noch nicht das Original desselben, sondern
-) S. P'riedwagiier S. CXXVI, auch S. LXIII. Der Renn dit
(sagt): entendit (statt entendi; , hörte') V. 6075 könnte daher rühren,
daß Que pas ne remanra, ce dit aus ,Ne remanra (genauer remanraiY ,
ce (respon)di entstellt worden wäre. Der Reim Vempainst: as malus,
V. 5083 in den Worten Mais au joster en son venir Le feri et apres Ven-
painsl De la lance que dusqu'as malus Le ferl parml la inamlele liesse
sich durch die Änderung et apres Venpalnst De la lance sl qu^ll rataiust
Dusqu'as malus parml la mamlele leicht beseitigen; dusqu^as malus
an sich ist unanstößig und besagt, daß er dem Gegner die Lanze bis
zu der Stelle, wo er sie hielt, in die Brust stieß, vgl. Et flert le cheval
es costes De Vespee jusqu^eus el heut, V. Rag. 5511; Et II II enpalut en
la guele JJespee et le hroQ jusqu'al coute, ib. 5619, oder anderwärts z. B.
Ch. Ly. 2253. Und der Reim desconfortet (Part. Perl'.!): het \. 1622
würde verschwinden, wenn man Par lui estiens desconfortet, übrigens
Für den Urlext auch um eine Silbe zu lang, in Par lul esllon confus fet
verwandelte (vgl. jaire confus auc. Münch. Brut. 588, rendre confus auc.
Clig. 3874 A, imd zu estiou Friedwagner S. LXXIV; wäre statt des
Indikativs der Konjunktiv Plusquamperf. oder der Konditionalis
überliefert, so hätte sich auch die bekannte Wendung faire conclus auc.
vorschlagen lassen).
74 ('• Colin.
erst eine ungenaue Abschrift dieses wiedergibt (welcher jene
auch ihrerseits nicht immer treu folgt); auf dieser Zwischenstufe
mag auch die echte Mundart des Gedichtes hie und da gelitten
haben.
Auls gründlichste erörtert Friedwagner ferner die von den
Gelehrten teils bejahte teils verneinte Frage, ob der Dichter der
Vengeance Raguidel mit Raoul von Houdenc, dem Dichter de»
Meraugis, des Songe d'Enfer und des Roman des Eies, verschmolzen
werden dürfe. Er gibt zu, daß Vengeance Raguidel und Meraugis
sich im Tone, im Geiste und daher auch in der Sprache vonein-
ander unterscheiden, aber er findet diese Unähnlichkeit in dem ver-
schiedenen Wesen der beiden Dichtungen, sei doch der Meraugis
ein höfischeres, die Vengeance Raguidel ein natürlicheres, jugend-
frischeres Gedicht (aber als ein Jugendwerk wird die letztere
nur vermutungsweise angesprochen!), begründet. Auch die un-
gleiche Bewertung des weiblichen Geschlechts in beiden Werken,
im letzteren im allgemeinen eine ungünstige, zeuge deshalb nicht
gegen die Annahme eines und desselben Dichters für diese; in
der Tochter des Guengasouain schildere Raoul sogar auch in der
Vengeance R. einen vortrefflichen Frauencharakter. Für die
Einheit beider Dichter spreche auch das beiden Dichtungen ge-
meinsame Streben nach hochspannenden Vorgängen. Für be-
sonders triftig hält Friedwagner die von ihm, teilweise an der
Hand bereits vorliegender Arbeiten, sorgfältig verfolgte Über-
einstimmung der Vengeance R. und des Meraugis nach Lauten
und Sprachformen, nach Stil und nach \"ersbau. Mit außer-
ordentlich reichem Beweisstoffe tritt er in diesen Abschnitten
an die Lösung der Frage heran. Seiner vorsichtigen Entscheidung
,man werde, solange nicht eine unmittelbare, jeden Zweifel
ausschließende Nachricht einen andren Verfasser sichere, Raoul
von Houdenc ruhig als Dichter der Veng. Rag. nennen dürfen",
wird man beipflichten dürfen. Denn nicht auszuschließen ist
die Möglichkeit, daß die Namengleichheit beider Dichter ganz
zufällig sei und der Dichter des Meraugis die Vengeance R, nur
gekannt und benutzt liabe. Auch die Gegner der Personen-
einheit beider Raoul würden gewiß kein sicheres Beweismittel
gebrauchen, wenn sie auch d a rauf hinwiesen, daß ein jedes
der beiden Werke gewisse Redewendungen abweichend vom
andren bevorzuge, so die Veng. Rag. verites est oder fu (s. die
Verse 1512, 2258, 2495, 4454, 4618) und der Mer. n'i a plus (s.
die Verse 1058, 1986, 2015, 2283, 2629, 2809, 3403, 3529, 4212, 4475,
4927, vgl. in der Veng. Rag. nur 6119 und vielleicht noch 2534)
oder cui chaut? (s. die Verse 2632, 3554, 3582, 5796). Denn eine
derartige Vorliebe ist wandelbar.
Die Arbeit eines allen denkbaren Aufgaben nachgehenden,
in seinen Betrachtungen gedankenvollen und in seinen Schlüssen
umsichtigen Forschers, der auch allen beziehentlichen Vorunter-
Zur , Vengeance Raguidet. 75
suchungen seitens andrer Gelehrter gerecht \vird, ist auch derjenige
Abschnitt der Einleitung, welcher sich mit dem Inhalte der
Dichtung, ihrem Wesen, ihren Quellen, den in die Haupthandlung
eingeflochtenen Stoffen, dem Schauplatze der Erzählung, den
Namen der in dieser auftretenden Personen und schließUch den
weiteren Schicksalen der Vengeance Raguidel innerhalb und
außerhalb Frankreichs beschäftigt. Daß dieses Dichtwerk nur
eine Art Auszug aus einer umfangreicheren, und zwar sei es
reichhaltigeren, sei es nicht so früh endigenden, Vorlage sei, wie
Friedwagner S. GLX und Anm. zu V. 6182, meint, braucht
aus den Versen Nan iioir car de liii est estraite Et por ce doit estre
auant traite, mit denen der Roman in der Handschrift schließt,
nicht hervorzugehen. Als Zweck dieser dem Schreiber beigelegten
und dem kritischen Texte daher nicht angeschlossenen Worte
vermutet Friedwagner, indem er traire avant als , fortsetzen'
und estraire um des folgenden por ce willen als ,gekürzt wieder-
geben, kürzen' deutet, eine Kritik, eine Berichtigung des Inhalts
der letzten Zeilen oder, falls Nul nel porroit trover plus bei V. 6182,
nicht , finden' (d. h. wohl , befinden für'), sondern, wie wohl in
Wahrheit, ,dichten, erfinden' enthalte (besteht aber zwischen
, kürzen' und , dichten' ein unmittelbarer Gegensatz ?), eine solche
nur des letzten Verses, des V. 6182, der Dichtung. Der Schreiber,
der vielleicht eine umfassende Gavain- Kompilation gekannt
habe, finde es unbegreiflich, daß Raoul mit der Entschuldigung
schließe (s. S. GLXI), er wisse nicht, was er noch weiter erzählen
solle, (oder daß er sich rühme, die Erzählung selbständig erfunden
zu haben, vgl. die Anm. zu V. 6182). In den Versen 6176 bis
6181, Ici faut et remaint Li contes qui ne dure mes. Raols quil
jist ne vit apres Dont ü fesist grinnors acontes. Coment soit non-
mSs? C'est li contes De la Vengeance Raguidel^ sage der Dichter
nämlich wohl ,die Erzählung dauere nicht weiter, sie sei zu Ende,
und er sähe nicht, weshalb er größere, weitere Aufzählungen
machen, weshalb er sie also durch Aufputz oder Zusätze künstlich
verlängern sollte.' Aber die handschriftliche Überlieferung
des Verses 6180 legt für diesen einen andren Wortlaut, zugleich
eine anderartige Verbindung desselben mit seiner Umgebung,
und für den ganzen Abschnitt daher eine andre Auffassung
meines Erachtens näher. Sie bietet für coment^ welches eine
Vermutung Friedwagners ist q^ m., woraus Hippeau qui n'i
machte, welclies dann A. Tobler in acontes Q u e n e soit nomes
verbesserte (,R. fand liinterher nichts, um dessen willen er
längere Aufschübe hätte können eintreten lassen, daß die Er-
zählung (nicht) ihren Namen erhielte'). Sie erlaubt deswegen
folgende Lesung und Deutung: Raols quil jist ne vit apres Dont
il fesist grinnors acontes Qu' i[l] ne soit nomes, c'est li contes, ,De
la Vengeance Raguidel'. Mes.. , Raoul sah hernach nicht ein,
begriff nicht {t^eoir wie V. 3056), wieso er noch größere Rechnungen
76 O. Cohn.
darüber anstellen sollte, daß er nicht j^enannt werden möge,
nämlich der Roman, ,Von der V. R.", mit anderen Worten
,R. begriff nach Abschluß des Romans niclit, aus \v(;lcliom Grunde
er nunmehr noch größere, schärfere Rechcnscliaft (als er durch
die Erzählung selbst tat) darüber ablegen sollte (vgl. zu dieser
Bedeutung von aconte Bes. Dieu 187, Eust. 372), es noch triftiger
begründen sollte, daß der Roman durchaus ,Von der Vengeance Ra-
guidel'genannt wcjden darf.' In Verbindung mit dieser Einrichtung
nebst Auslegung der Stelle ändern sich auch Sinn und Zweck
der beiden Scldußversc der Handschrift, Nan voir^ car de lui
est estraite Et por ce doit estre avant traue. Diese beziehen sich
allein auf die Aussage des letzton vorhergehenden Verses Nus
fiel porroü irover plus bei, 6182. Aber sie berichtigen dieselbe
nicht. Denn rion voir bestreitet hier nicht, sondern bekräftigt;
, Niemand könnte den Roman schöner dichten. Wahrlich niclit;
denn (und dies dient zur erneuten Versicherung der Verfasser-
schaft Raouls) von ihm ist sie, la Vengeance Raguidel (besser
wären die männlichen Formen estraiz und avant traiz, bezüglich
auf conte), erzeugt, geschaffen, von ihm rührt sie her, und des-
wegen darf sie von ihm auch (nicht weitergeführt, fortgesetzt,
sondern) vorgeführt, dargeboten werden' (vgl. zu traire avant
Veng. Rag. 5721 oder Fals testimoinea avant traient, MFce Fab.
4, 35). Dies sind nunmehr ganz natürliche Worte des Dichters
selbst, nicht erst solche eines Schreibers, und so halte ich eine
Vereinigung derselben mit dem Texte für gestattet, dessen Schluß
demnach lautet: Nus nel porroü trover plus bei, Non voir. Car
de lui est estraiz, Et por ce doit estre avant traiz. Der Schreiber
schrieb sodann Explicit li uengance de raguidel und dem hierin
aufgenommenen Titel des Romans hatte er vorher wohl die
Partizipia estraiz und traiz bereits angeglichen.
Noch ein zweiter in diesem Kapitel der Einleitung erwähnter
Umstand regt zu einer Bemerkung an. Den Namen der Jungfrau
vom Gaut Destroit, einer der Hauptpersonen der Erzählung,
nicht zu erfahren (vgl. Friedwagner S. CLXXVI) darf man sich
um so mehr wundern, als die Namen von nur vorübergehend
auftretenden, ja nicht einmal handelnden Personen nicht
verschwiegen bleiben. Teilt der Dichter uns jenen daher doch
vielleicht mit ? Wir lesen V. 3306 : Uns Chevaliers del Gaut Destroit
Que la pucele avoit molt chier, — Et si n'ot miliar Chevalier En
lote lacort lameschine, II avoit non Chalehordine — Cilvint tos caus
a esperon, . . Der hier geschilderte Ritter trüge des weiblichen
Ausgangs von Chalehordine wiegen einen für einen Mann recht
auffälligen Namen; auf dem Festlande pflegen die auf -ine aus-
gehenden Namen Frauen zu benennen, vgl. Laudine, Clarmondine,
Rairnondine, Ivorine, Flandrine. Überdies ist II vor avoit non
3310, erst eine Besserung von Friedwagners Hand aus hand-
schriftlichem eil, welches der häufig in solcher Weise nachlässige
Zur , Vengeance RaguideÜ. 77
Schreiber in der Tat aus der folgenden Zeile vorweggenommen
haben mag. An sich das gleiche Recht, aus jenem inneren Grunde
aber ein noch größeres besteht ge%\iI3 zur Einführung von Ele an der
Spitze des Verses 3310. Es macht nichts aus, daß die Dame schon
2000 Verse früher auf dem Schauplatz der Handlung erschien;
späte, beiläufige Namennennung begegnet auch bei Chretien.
Endlich noch diese Kleinigkeit. Die Landschaft Ermie,
die Friedwagner im Verse 4484 (er schreibt diesen Parmi une
lande en Ermie Chevauchierent la matinee) wahrnimmt, aber
nicht zu bestimmen vermag, s. S. CXCII und die Anm. zum
Verse, hat es wohl nie gegeben. Durch die erlaubte Vereinigung
des scheinbaren Vorwortes en mit dem vermeintlichen Eigen-
namen entsteht vielmehr das hier durchaus brauchbare Adjek-
tivum enermi ,öde, verlassen'.
Eine feste Grundlage zur Beantwortung der Fragen, ob
die Vengeance Raguidel das Werk eines einzigen Dichters sei
und ob dieser sich mit dem gleichnamigen Dichter des Meraugis
decke, schuf Friedwagner sich in einer sorgfältigen, immer nach
Erklärung strebenden und eine weitreichende Kenntnis der
einschlägigen Literatur bezeugenden Untersuchung der Sprache
des Denkmals, zuvor noch der Sprache der Hs. A, und des Vers-
baus desselben. An einige Einzelheiten in den so entstandenen
drei Abschnitten, Sprache der Überlieferung, Sprache der Urgestalt
und Versbau, sei es gestattet eine Bemerkung zu knüpfen. Zu
den S. XXXVIII f. erwähnten lautlichen Veränderungen, die
sich an capentier, an pertruis, an freme offenbaren, vgl. auch die
Ausführungen von A. Risop, Arch. f. n. Sprn. 105, 447; ib. 109,
203 ff. und Begriffsverwandtschaft und Sprachentwicklung
S. 5 f. Die S. XXXIX, § 23 berührte Darstellung von palatalem
n durch einfaches n in der Schrift, wie in grinor^ liegt auch in
dem Worte pine 1844 vor, welches dem Herausgeber, s. die Anm.,
unklar erscheint, jedoch so viel wie pigne, nfr. peigne {: pigne
d'ivoire wie aucli Ch. Charr. 1363) ist. Selbst die Gleichstellung
des s- von savoiL 3838 mit demjenigen von siel, d. i. ciel, 2504,
zu welcher Fried wagner S. XLIII, § 31 geneigt ist, also die Ver-
wandlung von savoit in ga voit (Gavain, Ide und Gaheriet sind
an einen quarejor gekommen und dort abgestiegen, Car pluissors
voies i avoit. Mesire Gavains qiii qa voit Ne set la qiiel i doit torner)
führt nicht zu einer völhg befriedigenden Lesart (in V. 2182
steht fa voit wenigstens in direkter Rede); Friedwagner selbst
schlägt in der Anm. zu dem Verse weitere vor. Das s- von savoil
halte ich für ursprüngHch, für irrig aber das folgende a, das der
Schreiber der Handschrift aus or verlesen iiaben dürfte, kurz
savoit für eine ungenaue Wiedergabe von sorvoit ,übersciiaut,
prüft', dessen Einführung noch die kleine Besserung von qiii
in quis {qais sorvoit ,welcher sie, die voies, überschaut') erforderlich
macht (vgl. zu quis 2110, 5129).
78 G. Cohn.
Dor S. LI, § 2 angofülirto Reim josle : äire 4734 (gegen
corccUs : äirUs 4310) mag an sich zwar dem Dichter zuweisbar
sein, wird aber durch den Mangel des flexivischen -s an äi're,
welches den Nominativ darstellt, als uneclit verdächtig (: Et
eil brisse come .i. escorce Sa lance dont il ot joste. Mesire Gavains
äiH Le fiert el pis sous la mamiele). Denn es ergibt sich aus dem
Verse 3317 und den übrigen in dor Anmerkung zu diesem be-
zeichneten nicht mit Siclierhoit, daß Raoul den Obliquus an
Stelle des Nominativs verwendet habe. In Gahefies se senl fern,
V. 3317, ist jeru aucli sachlich Accusativ, indem es prädikative
Bestimmung zum Objekt ist (vgl. auch Tant ai cntor vos sejorni
Que je ine sent foH et delivre (Worte des Erec) Erec 5273; Amors
celi li represenle Por ciii si fori se sent greve Que. ., (Clig. 619). An
Stelle von el Josse : hon. si ose 2986 schlägt Friedwagner S. 364
nachträglicli selbst es fosses : hon si oses, und gewiß mit Recht,
vor. Der Vers 4404 Et il dist voir que puis l'oi il, Druidain die
Ide, Le plus des j'ors de son ei.Sortili f u des qu'il f u
n e ist Glied eines schwerlich ursprünglichen Verspaares, da die
Worte Le plus des iors de son ee sich zu dem Vb. ot, welchem der
Dichter zweifelsohne den Sinn , bekam, gewann' zugedacht hat
(vgl. yorhev Li Lyons . . Me dist que je l'acrai, 4401), nicht schicken.
Zu andren hier erwähnbaren Stellen sieh später .äire 4734, viel-
leicht sogar gemeinsam mit joste, stammt daher wohl nicht von
Raouls Hand. Mit einem unzulässigen Worte endigen öfter
Verse des Gedichts, vgl. das bereits berührte desconfortet oder
die Verse 1460, 1859, 3508; der Vers 2741 ermangelt sogar des
Reimwortes; von der Fülle der sonstigen Textverderbnisse ganz
zu schweigen. Ich wage somit zu vermuten, im ersten Verse
des Reimpaares, Sa lance dont il ot joste, 4733, sei ot eine jüngere
Zutat, habe joste ursprünglich das Präsens dargestellt und sei
auf joste einst die zu brise, 4732, gehörige Bestimmung en deus
,in zwei Teile' gefolgt, die Schöpfung von ot joste aber habe im
zweiten Verse den Ersatz von ursprünglichem äireus, welches
reich belegbar ist, durch äire nach sich gezogen, kurzum es liege
Entstellung aus Et eil brise . . Sa lance dont il joste en deus. Mesire
Gavains äireus Le fiert . . vor.
Im Verse 5539 (Gavain geht dem siegreich gebliebenen
Guengasouain nach) Cil l'a v'eu et tint son frain Vers lui et il
la contredie (so die Hs., im Texte zu et il la atendie gebessert)
Et dist si que il Ventendie . . ., hält Friedwagner S. LI, § 2, s. auch
die Anm. zu diesem Verse, Verbesserung der unannehmbaren
Lesart il la contredie in il l'a contraliie für erlaubt. Der Begriff
von atendre fügt sich jedoch besser als derjenige von contraliier
in den Zusammenhang, und wirklich ist contredie wohl eine Ver-
derbnis aus contr(at)e(n)die (wiederholt von Godefroy belegt).
Als ursprünglicher Wortlaut des Verses wird also . . Vers lui
et le contratendiS oder vielleicht, wenn la ererbter Befund ist.
Znr ,Vengeance Raguidet. 79
et l'a contratendu (demgemäß dann im folgenden Verse si qu'il
l'a entendii) denkbar. Das ebendort berührte Verspaar 887 f.
mit dem bedenklichen Reim petite : mainnie (für maisniee)
scheint mir unecht zu sein; inhaltlich ist ein jeder der beiden
Verse überflüssig: der erste will die vorangehende starke Ver-
neinung ne-mie, 886, nochmals verstärken, der letzte die Angabe
der Verse 884 f. noch überbieten.
In dem Reimpaar vaillani -. har dement 1151 f. befremdet,
wie Friedwagner S. LII, § 4 hervorhebt, die Bindung von -anl
mit -ent. Auch begrifflich, darf man hinzufügen, stört vaillani
(Ja mais haiaille ne venrois, ,werdet sehen', Dont Li doi soieni
si vaillani). Denn dont^ das auf bataille , Kampf' bezüglich ist,
,welehem zufolge, durch welchen' erfordert die Angabe eines
Zustandes, in den der grimmige Kampf die beiden Gegner
versetzt hat. Daher hat vaillant wahrscheinlich sanglent (621,
oder vgl. Qiie mort qiie pris qiie navre qiie sanglent^ Enf . Og. 6333,
u. B. Gomm. 1336) verdrängt.
Unter den Belegen für die Bindung von ai in geschlossener
Silbe mit ?, S. LIV, § 5, befindet sich auch de pres : mes 2354
(die von Gavain verschmähte Dame sagt Tantost li mals me
reprendroit Qiii or me tient trestos de pres. Ja de cest mal n'arei
je mes Se Dius donne que je le tiengnef). Jedoch ist de pres erst
eine Besserung seitens Friedwagners für überliefertes d'ues^
welches, wenn es deriies derves darstellen sollte (s. Friedwagners
Anm.), auch hinsichtlich des Sinnes nicht ansprechen könnte,
und zwar keine unanfechtbare Besserung; denn tenir aiic. pres,
nicht de pres, wäre zu erwarten (vgl. außer den von Fr. selbst
angezogenen Stellen Julian 341, 995, J. Gond. I, 198, 974). In
d'iies verbirgt sich daher wohl etwas anderes. Der Schreiber
der Handschrift hätte, wie ich meine, du'e, d. i. diire , dauert',
und vor trestos das Bindewort et, kurzum Qiii or me tient et trestos
dure ,und ganz, in seinem vollen Umfange fortdauert' (falls er
trestos nicht etwa für tosiors eingesetzt hat) niederschreiben
sollen. Statt des unklaren mes der nächsten Zeile, 2354, bietet
sich dann als ursprüngliches Reimwort eure , Heilung' dar: Ja
de cest mal n'arai je eure (vgl. Si lor sambla bieti par droiture
C'avoir ne puist de son mal eure, Ke ne l'en coviengne morir, Trouv.
ßelg. I, 216, 58). Zugleich kommt dem Verse 2355 die Lautung
Se Dius ne donne que jel tiengne zu.
Der laut S. LVII § 7 einem Schreiber zuweisbaro Reim plee
(für ploie): arivee, V. 11 {-.Et li vens le fiert, se. la nef, a tel hruie
En la voile que li mas plee. Par tel äir est arivee. .) könnte daher
rühren, daß En la voile für ursprüngliches El voile eintrat, vgl.
zum männlichen voile die Stellen voille tendu, im Reim, 4893
(s. auch die Anm.) und // voiles 5154; auch in V. 4924 könnte
la voile unecht sein (zum doppelten Geschlechtc von voile s. auch
H. Sachs, Geschlechtsweehsel in Französischen 1886. S. 18),
80 ('. Colin.
plee ist dann etwa für plea und est arivee für ele arivu eingeführt
worden. Der Heim se miiet : recel, V. 4883, ist zwar zulässig,
s. Friedwagner S. LIX, § 11, docli offenbart sich in se muct (Tot
maintenant ist de laiens Messire Gavains, qui se muet, Onques
ne torna a recet) möglicherweise auch Verkennung von s'en uet,
in der betreffenden Vorlage vielleicht zu einem Worte verschliffen,
durch einen Schreiber (qui s'en i>et, ,wel(^hor darauf fortgeht', vgl.
qui s'en vait, V. 1655 und zur Ausdrucksfolge eissir s'en — aler s'en:
Fors de la sale sont issu Parmi la porte, si s'en i'ont, V. 1538).^)
Gegen die Echtheit des Reimes dols (zwei): cols (Schläge)
3004 äußert Friedwagner S. LXI § 14 begründeten Verdacht
(die Belagerer haben eine Bresciie in die Mauer der Burg ge-
schlagen; hierüber scherzt Gavain zum Schwarzen Ritter, dem
Herrn der Burg: Mais je sai bien que il me haite Ases plus quc
il ne soloit, Sire^ de ce qu'il n'i avoit C'une porte, or en i a dols.
Ains avront eil de l'ost .c. cols Que i soions par force pris). Das
Sbst. cols erklärt sich vielleicht aus Verkennung oder absicht-
licher Veränderung von teus, ,solche' (sc. portes) durch den Schrei-
ber; mit teus verträgt sich auch der vorangehende innerhalb
der Zeile überlieferte Ausdruck eil dedens, welchen der Schreiber
am Rande, also nachträglich und offenbar der Lesung cols zuliebe,
durch eil de l'ost ersetzt hat. Vgl. zu tel in Verbindung mit einem
Kardinalzahlwort, gewöhnlich vor diesem, hier aber, wohl um
den Reim zu gewinnen, umgekehrt, Se vos estiiez or tel qualre,
N'avriiez vos force vers Jios, Erec 4430; Jeo quid qu'il en i ot tels
Cent Ki feissent tut lur poeir pur . ., M Fee Lanv. 422; et fussions
tels troys cens d'ommes, Si irons nous, Mir. ND. 31, 2743; s'il
estoient tel mil, Dit Rob Di. 98d; itels dous milliers, M Fee Chait.
136, s. auch Gessner, Pronom. II, S. 33, 15 5. AuffäUig bleibt
in Ains avront eil dedens .c. teus die Wahl des Subjektes. Auch
Gavain und der Schwarze Ritter, die hier miteinander sprechen,
verteidigen ja die Burg, wie denn auch der angeschlossene Ver-
gleichssatz Que (als daß) i soions par force pris (1. viell. Que nous
soions) das Verbum in der 1. Pers. des Plurals zeigt. Daher ist
avront eil dedens wohl ein Fehler für avrons ci dedens (zu eil für
ci vgl. V. 5200 und Friedwagner S. XXXVIII und zum Ausdruck
ci dedens V. 2211). Die vier vorangehenden Verse, Mais je sai
bien bis or en i a dols, 3000 bis 3003, hält Friedwagner für ein
grammatisches Ganze, s. S. LXI, Anm. 3; den Satz de ce que
bis porte macht er von il ne soloit, sc. haitier, abhängig und den
Satz or en ia dous, welcher die Stelle eines Nebensatzes einnehme,
knüpft er als Angabe des Gegenstandes, welcher Gavain erfreue,
^) Anläßlich des Ausdrucks movoir se sei des Verses 5299: Se eil
puet son signor abatre Par lui (wenn der Ritter den Herrn des Bären
allein, ohne Hilfe bezwingen kann), ja lors ne [se] mouvra gedacht.
Das überlieferte intransitive movoir ,sich regen' wird in diesem zu
belassen, lors aber in li ors ,der Bär' zu verbessern sein.
Zur . Vengeance RaguideV. 81
an il me hatte. Einfacher erscheint es mir den überlieferten Be-
fund so einzurichten: Mais je sai bien que il (die Burg, castiaus)
me haite Ases plus que il ne soloit. Sire, de ce qu'il n'i avoit C'une
porte or en i a deus (,daraus daß', was hier soviel ist wie , dafür
daß, statt dessen daß', ,es nur e i n Tor hier gab, gibt es jetzt
deren zwei hier'; vgl. zu solchem de ce que: De ce qu'il cuident
joie avoir, Dont ne prandroient nul avoir^ Lor est la mort ases
prochaine, S. Jul. 2949).
Ganz fest darf man dem Dichter viersilbige Messung von
marceandise, s. Friedwagner S. LXII, § 17: 7« ne venissies en ostel
U neirovissies marceandisse, 1833, wohl nicht zuweisen; denn es
wäre möglich, daß u ne den Platz von älterem N'i einnimmt
(vgl. z. B. Nul leu n' avoit tornoiement, Nes i envoiast richement
Apareilliez, Erec 2454). Die V. 566 und V. 5000 überlieferte
Form poitrail, s. S. LXII § 18, ist gewiß erst aus poitral (: cheval
Erec 460, : igal Clig. 4939) durch Suffixvertauschung hervor-
gegangen; sie kam im Laufe des 13. Jahrhdts. auf {poitrails -auch.
Mol 6806 hs. überliefert, neben poitral 3280, 8498; poitrail
: cheval^ Ghev. II Esp. 6330; poitrailim Versinnern, G. Pal. 5515).
Gegen die Echtheit des Reimes sist : <^it 4497, s. S. LXIV,
§ 21, kann der Umstand sprechen, daß s'ele le vit eine den vor-
angehenden Worten nach völlig überflüssige Bedingung aussagt
('.Je ne sai s' Ydain vit ses braies Ne cosse qui au euer li sist Ne
go qu'il titi[t], s'ele le vit). Die Angabe ne go qu'il fist wäre zu
erwarten gewesen. Verdächtig erscheint mir auch der dort
erwähnte gleichartige Reim vit- fist 3329.
Weniger bedenklich als dem Ohliquus chevalier in La jis
si bien que chevalier Ainc ne fist mius en nule place V. 1286, die
Geltung des Nominativs im Urtext zu verleihen, s. S. LXV,
§ 22, ist es del destrier im vorhergehenden Verse, La ot maint
prodonme abatu Jus a la terre del destrier, in des destriers zu ändern,
da für mehr als einen prodonme auch eine Mehrlieit von destriers
in Betraclit kommt (vgl. Einz fiert chascuns si bien le suen, Qn'il
n'ia chevalier si buen, N'estuisse vuidier les argons, Clig. 1325),
und dann chevalier in Chevaliers zu verwandeln.
Das S. LXV, § 22 als flexionsloser Nominativ bezeichneti^
jor, : Puis qu'il i vint, n'escapa jor, Un seul jor qu'il ne fast bulus,
V. 2362, ist ein Akkusativ der Zeit; das Subjekt von escapa
ist ,er', Gahcrict, und so liegt hier die gleiche Redeweise vor wie
an der schon von Ebeling zu Schultz-Gora, Zwei altfr. Dichtgn.
S. 14 angezogenen Stelle Clig. 2016 oder wie in Suivre le pense
(ich den weißen Hirsch) tellement Qu'il n'eschappera nullemenl
Qu'il ne soit pris, Mir. ND. 37, 2860 (vgl. auch Dicux, c'est droiz
que graces vous rende De ce qu'ennuit eschaperay Qn'avec le roi/
pas ne gerray, ib. 31, 265, wo eschaper unverneint auftritt). Übri-
gens ist das auf n'escapa folgende jor wahrscheinlich unecht.
Der Ausdruck por soie amor, mit welciiem der vorhergehende
Ztschr. f. frz. Spr. ii. Litt. XXXIX'/'. 6
82 ('. Cohn.
Vers win Satz Je faiQ Chaher'iet garder En ma prisson por soie
amor, 2361, sclilioßt, befremdet nämlicli, selbst wenn man in ifim
die Abwesenheit des bestimmten Artikels vor der betonten
Possessivform entschuldbar findet (s. Friedwagner, Anm. zu
V. 1375), um seines Inhaltes willen. Wohl nicht ,aus Liebe zu
Gavain' (s. d. Anm. zum Verse) hält die von G. verschmähte
Dame seinen Bruder Gaheriet gefangen und läßt sie ihn qual-
voll martern. Sie hofft vielmehr Gavain hierdurch auf ihre
Burg zu locken, um diesen dann in der geschilderten Fenster-
öffnung köpfen zu können. Sie will also Gavains , habhaft werden'.
So ist amor denn wohl ein Fehler für avoir und soie ein solcher
für lui, die ursprüngliche Lesart also wohl genau wie im Verse
2369 por liii avoir. Das Reimwort jor aber ist vermutlicli an die
Stelle des Adverbiums voir (vgl. Stellen wie 2394, 4122, 4672)
getreten, nach welchem das Komma fallen müßte. Auch in den
Worten Piiis rejostai tels qiiatre fois Por soie amor sos l'eschafaut,
V. 1333, ist por soie amor wahrscheinlich eine Entstellung aus
por li avoir ,um sie, die Dame, zu erringen', welches der vorauf-
gehenden Verheißung Se venquh le tornoiement, M'amor vos
otroi entspräche. Anstelle der schwer zulässigen Ausdrucks-
weise soie guimple, 1375 {A ses .ii. mains Tenoit la Dame soie
guimple) ist entweder une soie guimple, und dann ele oder cele
für la dame, oder, wie in Verites est que je tenoie Une guimple,
V. 2259, die Lesart une guimple, und dann pucele für dame,
denkbar.
Raison V. 5016, s. S. LXV § 22b: Et se ce vos sanhle raisson
(: a maison) ist vermutlich nicht Nominativ sondern Akkusativ;
gleichartig ist die Konstruktion von sembler an der Stelle Car
folie sanhle et anui (: hui) (daher würde auch outrages in Certes,
folie me resanble Et outrages, V. 2821, sein -s verlieren dürfen).
Eine notwendige, nur unbedeutende Änderung gibt der
Nominativform suer, welche Friedwagner S. LXV unten für
Vers 5259 als syntaktischen Obliquus, was suer in Wirklichkeit
zuweilen ist (s. die Anm. Friedwagners,), anspricht und scheinbar
ansprechen muß, ihren Wert als Nominativ im Satze zurück.
Denn der Zusammenhang, in dem sie steht, bleibt nach meinem
Gefühl unverständlich, wenn man getreu nach der Handschrift
Tote la terre que il tient En cest päis, vint de la mere, Et la pucele
si n'a jrere Ne suer qui part i puist avoir liest. Er gewinnt erst
Sinn, wenn man das et vor la pucele mit a und das a vor frere
mit est vertauscht und somit schreibt Tote la terre que il tient
En cest päis vient de la mere A la pucele, si nest frere Ne suer qui
part i puist avoir ,der ganze Grund und Boden, den er in diesem
Lande besitzt, fiel dem Mädchen von der Mutter als Erbe zu
(eine Bedeutung, die venir noch heute hat), und so ist weder
ein Bruder noch eine Schwester da, die daran, an der terre, teil
haben dürfen (dürfen Geschwister von ihr nicht daran teil haben)'.
Zur ,Vengeance Raguidet. 83
Nur n'est frere, nicht n'a frere, ist brauchbar, weil a das Orts-
adverbium i bei sich haben müßte.
Die Schuld an s'est bien Joint in V. 3319, s. Friedwagner
S. LXVI, trägt wohl nicht der Dichter, sondern ein Abschreiber.
Die vermutliche Urform der Stelle ist bien se Joint. In der schein-
baren Femininform grande, V. 5466, s. Friedw. ib., die an sich
zwar schon aus früher Zeit belegbar ist (s. Schwan-Behrens,
Altfrz. Gramm. § 306, 3a), gestattet das Dasein des bestimmten
Artikels, : Si trencans ert L'espee que l'escu depiece^ A terre ciet
la grande piece De grant vertu (indem ich abweichend von Fr.
de grant vertu in diesen Satz, nicht in den folgenden hineinbe-
ziehe), ein Versehen für graindre zu erblicken. Erwähnt seien
im Anschluß an die im § 23 behandelten Stellen auch einerseits
Si n'ot pas le cors a nul fuer Plus lonc d'une espane H demi (: je
vos di) 4227, wo d'une espane jüngere Lesart für d'un espan
zu sein scheint (vgl. zum männl. Wort Erec 944, ChLy. 298),
andrerseits N'aies mie fei mautalent Vers moi 2726 mit fei (vgl.
zu diesem Obliquus Meyer-Lübke, Gramm. II, § 2.3,) anstelle von
felon (708, 903, 4160), so daß ein Schreibfehler für fol i.icht aus-
geschlossen erscheint.
Für viengne und für retiegne, V. 4987 f., s. Friedwagner
S. LXIX, Anm. 1, werden wohl viengnent und retiegnent, letzteres
mit dem verallgemeinernden ,sie' (,man') als Subjekt, einzu-
setzen sein.
Nicht ouvrent, V. 1859, allein, mit seinem in der Sprache
der Veng. Rag. beispiellosen Ton auf der Endung, s. Friedw.
S. LXX, befremdet in den Worten Or dirai de cels qui ouvr^nt
Copes d'or et hanas d'argent As provoires, V. 1895, sondern auch
das Relativpronomen qui, anders ausgedrückt : das Dasein
eines Relativsatzes an sich. Dalier kann die von G. Paris vor-
geschlagene und von Friedwagner in der Anm. zum Verse (jedoch
nicht mehr S. LXX Anm. 1, wo er die Überlieferung zu vertei-
digen sucht,) gebilligte Besserung Or vos dirai (dies der Hs. ge-
mäß) de cel qui vent nicht befriedigen. Der Dichter ist im Be-
griffe die verschiedenen Arten von Handwerkorn und Händlern,
die es in d(>r Stadt gibt, aufzuzählen. An die Erwälmung des
Salbenverkäufers (eil vent boites a ongement) im V. 1849 knüpft
er einen Ausfall gegen die Ärzte. Die Fortsetzung jener durch
letzteren unterbrochenen Aufzählung leitet or dann mit der
Wondung Or vos dirai de cels, 1859 ein. Diese muß daher einen
Satz für sicli bihkm {de cels ,von jenen Leuten, Kaufleuten').
Es folgten im Urtexte notwendigerweise die Worte Cil vent..,
das erste GHed der nun vorgeführten weiteren Reihe von Berufs-
arten und die Entsprechung zu Cil cange, eil est monniers, Cil
fait borses, . . in V. 1862 ff. Kurz, dem Verse 1859 kommt meines
Erachtens die Fassung Or vos dirai de cels. Cil vent Copes d'or. .
zu. Daß es eines redirai (, wieder. .') nicht bedarf, leliren Stellen
6*
84 G. Colin.
wie Am Am. 855, Jourd Bl. 2380, Julian 478, Borte 1455, 2525
u. a. m.
Endlich mögen noch einige Einzelheiten des Abschnittes
über Raouls Versbau berührt werden, in welchem Friedwagner
ebenso gründlich, belehrend und klar wie in den übrigen Kapittdn
der Einleitung, gehörigenfalls an d(!r Hand der bekannten Unter-
suchungen A. Toblers über den französischen Versbau und Frey-
monds über den reichen Heim, auch weiterer einsclilägiger Arbeiten,
zunäciist über die Silbenzählung, dann über den Reim, hier auch
über Wortspiele und Alliteration bei Raoul, und schließhch über
das Enjambement und die Reimbrecliung in der Veng. Rag.
handelt. Dem Dichter wird man die S. LXXIII, § 1 angezogenen
gekürzten Lautungen guerdons (Sos ciel n'a terre.. u je ja mais
vous truisse.., Que li guerdons ne soil rendus), V. 2499, neben
gueredon, 5890, 5942, gueredoner 2018 und corcies (Gavain Ne
sei u vait, ne set iivienl, Tant est corcies de maulalent\ Or vait
ariere^ or vait avant), V. 4659, neben ständigem corecie im Denkmal
schwerlich zumuten dürfen. Für gueredons wäre durch die er-
laubte Streichung von que (vgl. oben S. 81 und s. Meyer-Lübke,
Gramm. III, § 540) leicht Platz gewonnen; vor ne soit rendus
verdient übrigens n'en soit rendus den Vorzug (vgl. Le guerredon
vos an vuel randre, Clig. 1454; Mais ancor vos vuel querre un don,
Don je randrai le guerredon, Erec 632; As pruzdumes avient suvent
damage . . De la cumpaignie as feluns, Malvais en est lur guereduns,
MFce Fab. 78, 42). Und corcies wird, um so eher als ,erzürnt'
neben de mautalent keinen rechten Sinn gibt, für cacies , gejagt'
verschrieben worden sein. Die dreisilbige Messung des Namens
Gaheriet in den Versen 3302 und 3312, s. Friedwagner S. LXXIV
läßt auf ungetreue Überlieferung dieser schließen. Im zweiten
derselben, 3312, handschriftlich Fiert Chaheri tot a bandon, kann
die Üblichkeit des um tot verstärkten a bandon Einschub von
tot und daher Opferung des -et von Gaheriet bewirkt haben
(1. wohl Gaheriet fiert a bandon). Im ersten, 3302, Car mesire
Gavains i ja Et Kaheries a esperon, könnte Et jüngerer Zusatz
sein, als Folge davon, daß Car m. G. i fu etwa an die Stelle von
Car ot monseignor Gavain fu oder Ot monseignor G. i fu (zu ot
s. V. 8,85) getreten wäre; vor a esperon ist, nebenbei bemerkt,
ein Komma am Platze (und hinter der gleichen Wendung in
Quatre furent, a esperon Ne finent le for de cacier Le blanc cerf,
V. 1562, ein Punkt).
Die Belege für quis iqui les)., s. Friedwagner S. LXXV,
sind noch vermehrbar. Der Relativsatz in Et la grans gens
defors asanble Qui s'avironne tot entor, V. 2787, wird erst ver-
ständlich, wenn man das scheinbare Reflexivpron. s' mit qui
zu quis (sie, die Belagerten, von denen bisher die Rede war)
vereinigt. Vgl. ferner die obige Bemerkung zu V. 3838. An
einigen Orten im Denkmal nahm Friedwagner auch Inklination
Zur , Vengeance Raguidel. 85
des weiblichen Pron. le wahr, s. ib. Doch dürfen sei und jel
in Sei truis, par mon cors et par m'ame, Jel ferai ä honte morir
Ains que d'iluec se puist partir, V. 3888 f. mit ses und jes ,wenn
ich sie' bez. ,ich sie' (,sie' nämhch eil qui illuc seront A tot meisme-
ment la dame 3885 f.) tauschen; in dem mit ains que eingeleiteten
Satze wird wieder der Feldherr allein, der hierorts ein Fräulein
ist, Subjekt, wie er dies vorher in S'ele reuient, V. 3882, war. In
dem / von jel an der Stelle Tenez ma foi/ jel plevirai, S'il vos
plest ensi a tenir vermutet Friedwagner nebenher mit Recht
das Neutr. le. Dieses faßt den Inhalt der Verse 1461 bis 1465
zusammen und hängt von plevirai selbst ab, nicht wie die Anm.
sagt, von tenir^ dessen Objekt vielmehr ein neben dem Dativ vos
nicht ausgesprochenes la, bezüglich auf ma foi, ist. Auch die
Stelle 5066 darf, da das Beziehungswort glaive im Texte als
Masc. erscheint, dort ausscheiden. Nicht für nel (aus ne le statt
ne la) wird das in vos ne menres pas, V. 3455, überlieferte ne ein
Versehen sein, sondern für n'en, en in dem von Tobler, V. B. I^, 55
gelehrten Sinne zu verstehen. Die Abänderung von enmi le
pis in en le pis, V. 5449 {[Mesire Gavains durement] Guengasouin
fiert en(mi) le pis) schafft eine vom grammatischen Standpunkte
aus unannehmbare Lesart. Fest steht l'arierebans, V. 2864,
s. Friedwagner S. LXXVI, für den Urtext wohl nicht, da es in
alter Zeit auch rerehan gab.
Ein geeigneteres Mittel zur Kürzung des zu lang überlieferten
Verses Contre Drüidain qui en l'argu Croit (Hs. Drudain) 4430
als die Verschleif ung von qui mit en, welches ja hier nicht das
Adverbium ist, s. Friedwagner S. LXXVI I oben, scheint mir
Vertauschung von Drudain mit celui , jenen' zu sein; auch unter
V in je Vi menrai 4431, das auf kein vorher ausgesprochenes
Subst. beziehbar ist, muß der Hörer sich ja von selbst die richtige
Person vorstellen, vgl. so aucli das le in V. 470. Aucii der Wortlaut
<ier Umgebung des Verses 4430 {: Je l'en menrai par moi esbatre
Devant le roi Baudemagu Contre celui, qui en l'argu Croit certes,
et je Vi menrai) befriedigt nicht durchaus. Einmal ist contre
auc. bei esbatre se ,sich belustigen' unverständlich und wohl
eine Folge von Vertauschung der Reimwörter von 4427 und 4428.
Die auf Keu's höhnische Reden über Gavain Bezug nehmenden
Verse 4426 und 4427 werden also or dou tencier, Or dcl parier,
er del esbatre! und der Sciduß dos Verses 4428 por moi combatre. .
Contre celui (vgl. V. 4371 zur ViM'oinbarung und V. 4813 ff. zur
Verwirklichung des Kampfes) lauten müssen, conbatrc se contre
auc. begegnet auch 3192, 4442 (ein etwaiges a Drüidain, vgl.
797, 4371, oder vers Drüidain, vgl. 4367, hätte der Schreiber
wohl unangetastet gelassen). Sodann fügt je Ven menrai, V. 4428,
sich schlecht in den Zusammonliang, verträgt sich auch mit
et je Vi menrai ,und ich werde sie dorthin inilnehmen', \. 4431,
nicht. Daher vermute ich in menrai 4428 einen Fehler für m'en
86 G. Colin.
irai, welches bei Verschiffung dieses zu einem Worte, menirai,
in der Vorlage von A und bei Forllassung des Striches über dem
i vor r leicht für menrai hat gelten können, und in l'en vor mcnrai
ein durch diese Verkennung veranlaßtes jüngeres Einschiebsel.
Kurz, als echte Fassung der Verse 4427 und 4428 denke ich
mir. . ., or del esbatre! Je m'en irai por moi conbatre. . . .
Unter den S. LXXXa aufgeführten identischen Reimen
hat gewiß nicht wenige der Schreiber der Handschrift selbst,
manche vielleicht auch schon derjenige seiner Quelle, welche
nocli nicht der Urtext gebildet zu haben scheint (vgl. später),
verschuldet. Auf V. 509 f., wo aresta mit sich selbst gebunden
ist, gehe ich nachher etwas nälier ein. In atendre V. 1057 vermutet
Friedwagner sicher mit Recht ein Verschen für defendre; es
begegnet mehrfach, daß ein Wort, welches dem Schreiber aus
dem Vorhergehenden im Gedächtnis haften geblieben oder aus
dem folgenden sich in den Vordergrund des Bewußtseins drängte,
am Platze des rechtmäßigen steht, welches nunmehr natürlich
nur vermutungsweise bestimmbar ist, vgl. so die Verse 1261,
1832, 2062, 2755, die Friedwagner offenbar zutreffend beurteilt
und gebessert hat, u. a. Auch joster hat sich in den Vers Lors
vinrent lor joste joster Li hiraut del tornoiement, 1302, wohl un-
berechtigterweise aus dem vorangehenden, (ein Ritter) S'en
issi des rens por joster, geschlichen, und zwar an die Stelle von
cr'ier ,ausrufen, durch Ausrufen bekanntgeben', vgl. Veng. Rag.
2865, . . . devant Nantes la cite Ot iin tiirnoiement cfie, MFceChait. 74
oder Stellen wie CHg. 1552, MFceFab. 25, 9; lor joste, dessen
lor ein durch Nachklingen des die Zeile eröffnenden lors bewirktes
Versehen, aber auch an sich aus la vom Schreiber verlesen (vgl.
oben zu corcies, und lor maison, 1784) sein kann, wird in la joste
,das von dem Ritter gesuchte Lanzenstechen' zu verwandeln
sein. Aus dem nachfolgenden Verse hingegen mag der Versschluß
vorgewirkt haben, wenn wir Por aventure qui nos viegne Ne voi
je dont secors nos viegne, V. 3055 f., überliefert finden; qui aviegne
könnte im Verse 3055 die alte Lesart sein, vgl. 3052. Entsprechend
mag es um das erste der beiden requier, 3075 f., stehen, welches
den Platz von ehemaligem je quier einnehmen könnte. Verdächtig
ist auch das zweite der beiden tenroit (Si n'est elmes qui ja tenroit
Contrc s'espee), V. 5068, so lange als intr. tenir contre auc. fr.)
unbelegt ist; denkbar wäre Verdrängung von durroit (zu durer
contre.. s. 2248, 5305). Nur zögernd wird man auch das zweite
irai in Dius, u irai? Que ferai je? — Par foi, j'irai Tote la trace!
V. 5373 f. hinnehmen ; vielleicht hat der Vers einstmals Que ferai ? —
Par foi, jel sivrai.., vgl. zur Ausdrucksweise suivre tote la trace
Gh. Ly. 754, gelautet. Zweifelhaft erscheint mir auch die Echtheit
des ersten der beiden abatus, 5565. mal faire, V. 975, in ein Wort
zusammenzuziehen, mal somit als Adverbium aufzufassen darf
der Umstand hindern, daß zu mal, wenn eine Verschärfung oder
Zur , Vengeance Raguidet. 87
eine Verneinung Ausdruck finden soll, ein Adjektivura
hinzutritt: faire grant mal Erec 2763, Clig. 1622, MFceBiscl. 11,
Fab. 43, 7, PoMor. XI, S. 156, Roi de Cambr. 93, jaire greignor
mal Fab. 80, 43, faire nul mal Fab. 91, 19; Dav. Proph. 1013,
und vgl. Arch. f. N. Spr. 103, 212 f.
Auch einige der unter ß zusammengestellten Reime machen
nicht den Eindruck der Echtheit. So mie : mie (je n'irai mie.
Alez i, n'en revenrez mie), V. 647, wofür man sich, im Hinblick
auf V. 639, lä : ja wünschen würde. Ferner il : il 3657 f. und
3863 f. (1. für das zweite il beider Stellen wohl eil und vgl. für
diesen Vorschlag zur zweiten Stelle im besonderen V. .3861).
Sodann mais : mais, V. 4121 f. (das zweite mais in einem offenbar
auch im übrigen verderbten Verse). Und endhch contre lui : contre
lui 4531 (das erste, gewiß den nächsten Versschluß irrtümlich
vorwegnehmende contre celui , Lors s'eslonga Mesire Gavains
contre lui, wohl statt de celui ,er entfernt sich von ihm, um zum
Sturmangriff auf ihn ausholen zu können', vgl. Stellen wie 466.
861, 3498, 4729, 4817, mit einem ebenfalls nur von einem ein-
zigen ausgesagten esloignier se).
Nach einem dankenswerten Rückblick auf die Entwicke-
lungsgeschichte der textkritischen Behandlung von französischen
Denkmälern, die nur in einer Handschrift erhalten sind, durch
ihre Herausgeber kennzeichnet Friedwagner S. XXIII der Ein-
leitung seinen Standpunkt als Herausgeber der Vengeance
Raguidel dahin, er füge sich der augenscheinlichen Forderung
der Gegenwart und gebe die Handschrift, schon w'egen ihrer stark
mundartlichen Färbung, so treu wie möglich wieder: er bewahre
also, selbst gegen die Ergebnisse der Reimuntersuchung, die
handschriftliche Mundart nebst Schreibung, aber er gehe nicht
soweit, sichtliche Verderbnisse und Entstellungen des Wort-
lauts durch Schreiberhand ohne Besserung oder in schwierigen
Fällen ohne einen Vorschlag zur Besserung in einer Anmerkung
oder auch in der Einleitung zur Ausgabe aus der Handschrift
nachzudrucken; er wünsche die Dichtung nahezu in derjenigen
Gestaltung darzubieten, die sie in der Handschrift zeigen müßte,
wenn sie ihren ursprünglichen Wortlaut durchweg bewahrt und
keine andere Veränderung als gelegentliciie Umkleidung in eine
andre Mundart erfahren haben würde. Indem Friedwagner
so an den charakteristischen EigentümUclikeiten der unechten
Mundart festhielt, ward er im Verse 1152 ein Wort zu belassen ge-
zwungen, das der Zusammenhang dortselbst verwirft. Daher ist sein
vermittelnder Standpunkt nicht ganz einwandfrei. Der wünschens-
werteste Weg wäre gewesen von derHandscln-ift zunächst einen diplo-
matischen Abdruck und diesem zur Seite, unter Durchführung (h'r
ursprüngliclien Mundart, die kritische Ausgabe zu liefern; allerdings
mag derselbe aus äußerem Grunde, wegen des Anwachsens dei-
Herstellungskosten für die Angabe, unbetretbar gewesen sein.
8« (^. Colin.
Nur (.'ine Ilandsclnil'l, A gunannl, überlieft'rt die Vfngcanct!
liaguidol vollständig. Eine zweite, B, deren mun(Jartlichon
Cliaraktor Fricdwagner, Einltg. S. L behandelt, enthält nur
150 Verse derselben, V. 3522 bis V. 3672. Trotzdem ist das
Vorhandensein dieses Bruchstückes wertvoll. Es berechtigt
dazu, die Zuverlässigkeit des Schreibers von A, wenigstens
an bedenklichen Stellen, auch außerhalb dieser 150 Verse
in Zweifel zu ziehen, da die Lesarten von A innerhalb
derselben denjenigen von B, das anderwärts freilich selbst
fehlerhaft ist, bisweilen an Güte nachstehen. Es verheißt
aber vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, ob die
Vorlage der Handschrift A wohl die Niederschrift des Urtextes
gebildet habe. Tatsäcldich ist ein beiden Handschriften gemein-
samer Fehler in dem Verse Lors li escrie ,Esta, eslat 3534 offenbar
der Singular esta, estal, statt dessen man den Plural estez, estez!
erwarten würde, da es Brauch in der Dichtung ist, daß ein Be-
siegter seinen Überwinder mit f06r anredet (vgl. auch V. 839) ; nur vos
hatte der dort Redende obendrein vor dem Kampfe angewandt*.)
Die gleiche Form der Anrede wird dann in die beiden folgenden
Verse, 3535 f., die nur von B überliefert werden, hineingetragen
w^orden sein. Auch einige andre auffällige Lesarten, so der oben
erwähnte Reim il : il 3657 f., oder der Ausdruck D'iins et d'autres
et d'un et cl'el (statt D'iines et d'autres., d'un et d'el) 3661 u. a.,
scheinen beiden Handschriften gemeinsam zu sein. Demnach
braucht die Quelle von A, falls dieses zu B, welches etwas älter
als A sein soll, nebenher nicht eine unmittelbare Beziehung ge-
habt hat, noch nicht der Urtext selbst gewesen zu sein; schon
nach dieser Zwischenstufe mögen dann manche der der Hand-
schrift A anhaftenden Textverderbnisse zurückreichen.
Diese sind zahlreich und oft schwerer Natur, Viele von
ihnen hat Friedwagner geheilt. An der Heilung so mancher muß
*) Zur Rückerschließung der Grundform dieses Verses fehlt
jeglicher Anhalt. Man könnte sich die Einführung von esta, estaf
etwa aus der Absicht erklären, reichen Reim zu hasta 3533 zu gewinnen,
aber es bleibt ganz ungewiß, ob man mit dann vielleicht denkbarem
Lors .Estez, estez!' U cria die ursprüngliche Fassung träfe.
,MeiveiMes dites\ fait Gavains, ,Mal resanhles de tel afaire . .\ V.
676, kann ein durch die Anwendung der 2. Pers. Plur. in den vor-
hergehenden Versen hervorgerufener Irrtum für ,Meri>eilles dis\ ce
jaitG. sein. Verdächtig ist auch der Singular in Frans Chevaliers, lai la!
lai la! Mar le tues! laissiez le ester, V. 3398, der auch mit dem höflichen
Epitheton franc im Widerspruch steht (vgl. z. B. auch 3408, 3430).
Man würde hier eher einen Wortlaut wie Vassaus! laissiez la, laissiez
la! erwarten. Auch fragt sich, ob man vos in ,Bien as denonchie ta
feste', Fait Gavains, ,et bien i>os jugies\ V. 1210, ruhig hinnehmen solle
und nicht für einen Fehler, vielleicht für t'es, halten dürfe. Der Anrede
mit vos mag Gavain den besiegten Ritter aus Wohlgefallen an seinem
Bekenntnis, 1212 bis 1215, daß er die Lüge hasse, von V. 1216 ab
wieder gewürdigt haben.
Zur , Vengeance HaguicIeV. 89
er jedoch den Leser zur Mitarbeit einladen. Einige von diesen
haben in den vorhergehenden Ausführungen schon beschäftigt,
einer Reihe andrer, den ersten dreitausend Versen angehöriger,
wende ich mich nun noch zu^).
186. Mais ja ne serres avoies (,hingemesen, belehrt', durch
den bei dem Toten gefundenen Brief) Dont ü est et qui l'a ocis,
Ne honme soi ne son päis. Der von Friedwagner dem letzten
dieser Verse beigelegten Sinn ,weder den Mörder (oder den er-
mordeten Ritter) ,honme, brachte ich in Erfahrung noch des
Ermordeten Heimat' würde das Dasein des bestimmten Artikels
vor honme voraussetzen. Wäre ferner soi das Perfektum von
savoir, so würde, da savoir auc. nicht ,jemandes Namen', worauf
es hier ankäme, sondern ,jemandes Person kennen' besagt (vgl.
Stellen wie Erec 2550, JuUan 2734), son non hier das natürliche
Objekt zu savoir sein (vgl. auch V. 2697). Daher ist honme
wohl ein Versehen oder nur eine undeutliche Schreibung für
nonme, ,er, d. i. der Brief, (das aus dem Zusammenhange von
selbst hervorgehende Subjekt) nennt nicht ihn, d. i. seinen Namen,
noch sein Heimatland' (beides des Toten); nomer wie in V. 5150
und soi im Sinne von liii, s. Friedwagner zu V. 838.
365. Quant il ot le hiaume lade ist wohl den Worten prent
l'escu unterzuordnen; das hinter l'escu gesetzte Semikolon rücke
also hinter lacie. 386. A mains de lui c'uns ars ne tue. Statt
des wenig sinnreichen tue darf rue ,schleudert, schießt', hier
objektslos, Gaufr. 83 ruer une piere (bei Tobler, ^', B. P, 44) in
Frage treten.
467. S'i ont les chevals eslaissies^ Les fers des claves abaissies,
Si qu'il en fönt les fers croissir. In dem zweiten les fers vermutet
Friedwagner gewiß mit Recht eine irrtümhciie Wiederholung des
ersten; auch von fers im Sinne von , Hufeisen' (vgl. zu solchem
ChLy. 753, Eust. 1505. 6) wäre ja croissir keine glaubwürdige
Aussage, estriers, das nach Friedwagner hier eher zu erwarten
stände, würde nur ohne den bestimmten Artikel vor sich in den
Vers hineinpassen und nur als Glied des Ausdrucks les fers
des estriers hier ansprechen (an der diesen aufweisenden Stelle:
der eine Kämpfer gibt seinem Pferde die Sporen Et s'estent si
qu'il fait estendre D'angoisse les fers des estriers, Veng. Rag. 5579
dürfte das zweite estendre, da es keinen Sinn gibt, ein durch das
vorangehende estent hervorgerufenes Versehen für destendrc
, losschnellen' sein). Den Platz des zweiten fers nahm ursprüng-
lich vielleicht ners, die ,Fleciiscn, Muskeln' (der Pf(>rdo), ein. Zu
fers des claves oder glaives vgl., nebenbei bemerkt, fers des lances,
Erec 3774, Clig. 1748 und die erläuternde Stelle Erec 4048.
^) Diejenigen Stellen, an denen die überliet'orto Wortstellung
«ach der Conjunktion que der Regelung bedarf, übergehe ich jedoch.
90 G. (John.
474. Et li Chevaliers l'a jerii Si qu'il li a perchU l'escii Et
percU le hauberc safrL An Stelle des zweiten /?6TCi^, das wiederum
eine Wiederholung aus Unachtsamkeit scheint, wünschte man
sich fauss6 wie 438 (oder auch rompu wie Meraug. 4481) anzutreffen.
509. Ein vaslet erzählt dem König Artus von der Niederlage
und der Verwundung Keus. Der Gegner dieses, sagt er. Tot
maintenant si s'en ala Qu'il ot son anemi ocis Et Ke le senescal
maiimis. Illuques plus n'i aresla De celui que Kex aresta, Qu'il
avoit en son conduit pris. Friedwagner schwankt, ob er die Worte
von Illuques bis pm, 509 bis 511, in die Rede des Burschen mit-
einbeziehen oder als Bemerkung des Dichters fassen solle. Man
wird das erstere tun müssen, weil man erwarten darf, der Bursche
habe dem Könige auch den Anlaß zu Keus Mißgeschick, und
diesen geben die Verse 510 f. an, kurz gemeldet. Im Texte tut
es Friedwagner selbst; in der Abtrennung der letzten drei Zeilen
von den vorhergehenden und ihrer Zusammenfassung zu einem
selbständigen Satzgefüge irrt er aber wohl, da de celui sich mit
n'i aresta nicht zu einem annehmbaren Gedanken verbindet.
Der sprachliche Zusammenhang der Verse 506 bis 511 ist viel-
mehr der folgende: Tot maintenant si s'en ala Qu'il ot son anemi
ocis Et Ke le senescal maumis — Illuques plus n'i aresta — De
celui, que Kex aresta, Qu'il avoit en son conduit pris ,er ging fort,
sobald er seinen Feind getötet und Keu den Seneschall anläßlich
jenes, welchen Keu (d. h. anläßlich des Umstandes, daß Keu
jenen . ., vgl. Behrens' Zeitschr. 24^, 60) festhielt (Perf. im Sinne
des Plusquamperf. wie oft), . . übel zugerichtet hatte.' Zwischen
maumis und De celui schieben sich als Zwischenbemerkung die
Worte Illuques plus n'i aresta ein. Diese sind nicht eben sinn-
reich, da sie die Angabe von 506 nur wiederholen; statt ihrer
würde man den Ausdruck des Gedankens erwarten, daß der
Ritter sich bei Keu mit einem malmetre begnügt hate (vgl. s'i a
laissies Ke et le mort . ., Ne lor quiert faire plus d'anui, V. 486).
aresta wird daher unecht sein und auf irrtümlicher Vorwegnähme
des aresta der folgenden Zeile seitens des oder eines Schreibers
beruhen. Die Stelle desselben könnte demanda , verlangte, be-
gehrte' einst eingenommen haben: Illuques plus n'i demanda
(oder ne demanda, da i vielleicht erst durch das den Zusatz einer
Silbe erfordernden aresta hervorgerufen wurde) ; vgl. zu plus ne
demande: et dist que plus ne demande, V. 5719, auch V. 2404.
Statt Qu'il avoit en son conduit pris, V. 511, wäre übrigens auf
grund von 409, 453 und auch 459 {Qui en conduit le pren'ies,
wie Friedw. S. LXVII .\nm. 3 u. S. LXXV mit Recht vor-
schlägt) Que il avoit en conduit pris denkbar.
537. Jssi est Gavains esgares, K'il ne set u garder celui, Ki
vengier le doit aveuc lui. Bedeutungen wie ,jmdn. treffen, mit
jmdm. zusammentreffen', s. die Anm., kommen garder schwerlich
zu. garder gelangte wohl irrtümlich, durch Nachwirkung des
Zur , Vengeance HaguideV. 91
Klanges von esgarh hervorgerufen, in die Handschrift, welche
etwa trover hätte darbieten sollen.
573. A tant a trove i. pastor [ En un essart de la forest]. Als
Ergänzung ist auch Qiii bues gardoit en la forest, vgl. V. 612 f.,
denkbar. 607. N'onques niil jor n['en] hui fors la, Si en ai puis
eu maint fain. Der Begriff maint befriedigt hier wenig; es fragt
sich daher, ob nicht der Klang von fain beim Abschreiben der
Stelle vorgewirkt und dem schlecht nachprüfenden Schreiber
maint an Stelle von mout ,sehr' (möghche, jedoch nicht erweis-
bare Gestaltungen wären auch grant fain oder S'en ai puis eu
sovent fain) eingegeben habe; vgl. auch zu V. 2134. Zu dem
männlichen Geschlecht, das fain hier trüge, wenn maint richtig
wäre, vgl. für die Anm. zu V. 757 auch K. Armbruster, Ge-
schlechtswandel im Französ. S. 62 und D. Behrens, Beiträge z.
franz. Wortgeschichte S. 399 (ein ferneres Beispiel Julian 3630)
und zu , Hunger (Verlangen) nach einem Getränk' für die Anm.
zum vorliegenden Verse Car j'ay de hoire moult grant fain, Je
ne hu huy. Mir. ND. 3, 410 und ferner ib. 28, 333.
700. Ell cest päis . . ne mourai je ja . ., Aingois irai prendre
l'ostel Por atendre anemi mortel Qui l'ostel me contredira. Vor
anemi mortel vermißt Friedwagner den bestimmten Artikel, da
es sich um einen schon bekannten Todfeind, den Schwarzen
Ritter, handle; er möchte anemi deshalb einem Eigennamen
gleichstellen. Aber Gavain hat noch keine Ursache, den Schwarzen
Ritter als seinen Todfeind oder als einen Todfeind von sich zu
bezeichnen. Seinen natürhchen Sinn ,einen Tod-, Erzfeind"
bewahrt anemi mortel, wofern man nur pour atendre nicht als
,um zu erwarten', sondern als ,selbst um den Preis, um die Strafe
zu erwarten', ,und müßte ich erwarten' deutet; konzessiven
Zweck hat por mit dem Infinitiv häufig: Mes ne fet pas a tres-
passer Por langue debatre et lasser Que del vergier ne vos retraic . .
chose veraie, Erec 5736; Clig. 6600; M. Fee. Fab. 33, 14; Münch.
Brut 2360; Fl. Bl. 3169; Mont. Rayn. I, 42, 549; (mit dem
Acc. c. Enf. nach por) Cliast. S. Gille 168; {Pour a niourir, ce
dist, n'en f ausser a) Enf. Og. 2285.
757. // (Gavain, der an jenem Tage noch nichts genossen
hatte) manga d'un paon pevre Tant qu'il l'ot auques alasqnie.
alasquie ,gelockert, erleichtert', das Friedwagner mit gutem
Grunde hier absonderlicii findet, ist wahrscheinlich ein FeliltM-
für asassid ,gesättigt' {il der Pfau, le den Gavain), dessen Um-
wandlung sich aus Verlesung von as- in al- und zugleich aus der
Nachwirkung des Klanges von alques (oder auch dem ohne Rück-
sicht auf den Sinn durchgeführten Wunsche ein Wortspiel zu
schaffen) erklären und zwar, wenn alques von Einfluß auf die-
selbe war, schon in die Vorlage von A, das ja auques zeigt, zu
verlegen sein mag.
92 ^- Colin.
880. Au Chevalier äisL, qiie il l'ot Mangie: ,Vostre triue est
jaillic! . .' que ist vermutlich oin Irrtum für quant.
885. Se vos av'ies ßmene Deals conpaignons de conpaignie,
Certes, ne vos redou je mie. In conpaignons darf man einen Irrtum
für Chevaliers, welches wohl unter dem vorgreifenden Einfluß von
conpaignie jenem gewichen ist, vermuten, vgl. auch V. 2108 f.
Das Verspaar 887 und 888 ist, wie bereits erwähnt wurde, mut-
maßlich jüngerer Herkunft; nach mie 886 ist nach Ausscheidung
desselben ein Doppelpunkt am Platze. Unwahrscheinlich klingt
ferner im Verse 892, Or vos vuel faire A. ja parti, Prendes le quel
que vos vaures; Li jus est que vos descendes Jus a la terre del cheval, . .
der Ausdruck li jus, dessen Stelle li uns einnehmen sollte. Zwischen
V. 893, Jus a la terre del cheval, und V. 896, Esse raisson? que
vos en sanble Que vos nel vuellies faire issi? (oder vielmehr Esse
raisson — qae vos en sanble ? — Que vos nel vaellies faire issi ?)
vermutet Friedwagner in der Handschrift eine Lücke, die er mit
den Versen [Et quant andui serons el val, Lors si nos conbatrons
ensanblej, in der Anmerkung auch noch auf andre Weise, aus-
füllt. Indessen erübrigt sich die Annahme einer Lücke, wenn
man die überflüssige Bemerkung que vos en sanble ? V. 896 einem
Schreiber, nicht dem Dichter selbst, zuspricht, dessen Worte
vielmehr quant sui el val (vgl. Je sui el mont et vos el val, V. 906),
im Ganzen also Est ce raisons, cjuant sui el val, Que vos nel vueilliez
faire issi? gewesen sein könnten. In Ja ne vos parg je mie issi,
V. 908, verträgt mie sich nicht sonderlich mit ja; der Vers trägt
daher in je mie wohl eine Verderbnis aus le iu, vgl. auch .i. giu
vos part, V. 951 und Qa'il li parti le ja issi, V. 963.
972. Or ne sa je le quel coissir, Car nus nel porroit pas ferir
Taut com 'il fu desus montes. Da tius ne pas eine ungewöhnliche
Häufung ist und der Gedanke, den die beiden Verse, Car bis
montes, entwickeln, in dem sich anschließenden Verspaar Sous
ciel n'est hon de mere nes Qui sor lui (auf dem Pferde) li peast
mal faire nochmals Ausdruck findet, ist porroit wohl Fehler für
porroie und nas jüngeres Einschiebsel. Die Stelle von fu sähe
Friedwagner lieber durch est oder iert eingenommen; auch soit
würde angängig sein (vgl. ,Sire', fet il, ,jo ne purreie, sc. chanter,
Tant cum si pres de mei vus veie', M. Fee. Fab. 66, 8; auch Erec
3751, Fab. 21, 10 u. a. m.). In Vers 978 würde statt sevrer etwa
trover und in Vers 979 statt jeter ent etwa dessevrer der Erwartung
entsprechen.
1002. 4. Mais se j'oi coze qui me griet, Por ce ne le feroie
mie. Se j'oi, por coi je ne l'ochie, Qae raisson me sacies mostrer,
Maintenant . . Me verres a terre descendre. Neben se j'oi, worin
Friedwagner das handschriftliche se ie beider Verse vielleicht in
Anlehnung an j'orai, V. 1000, und an or oi je, V. 1039, wo jedoch
or voi wie in V. 1042 mehr ansprechen würde, gebessert hat,
darf auch se c'est als ursprüngliche Lesart in Frage treten. Der
Zur . Vengeance RaguideV. 93
Conditionalis feroie, V. 1003 sticht auffällig gegen das Futurum
verres 1007 ab; 1. also vielleicht ferai ie.
1030. Se a cheval me conqueres, Ja point de los n'i averes.
In averes liegt offenbar Verderbnis aus aqueres, genauer aquerres,
vor {aquerre los CHg. 167, 1109, 3664, 4161, 4628, Meraug. 1344
V. etc.)- 1058. Et eil ne s'i veut plus atendre. Zvsischen plus
und atendre vermißt man faire, für das nach Streichung des
überflüssigen Et Raum entstände.
1091. Gavain führt mit dem Schwerte einen kräftigen Hieb
gegen den Schwarzen Ritter. Ja just la hataille finee, S'il l'eust
a fer conseu; Maib go qu'il consivi Vescu A molt son cop afebloie
(er zerschneidet ihm nur die Halsberge, berührt ihn selbst aber
nicht). Der Ausdruck a fer entbehrt des rechten Sinnes und
behagt auch Friedwagner augenscheinlich nicht, welcher anmerkt,
,doch wohl nur ,,mit dem Schwerte", ein adv. Ausdruck ad firmum
ist schwerlich anzunehmen.' Auch das buchstäblich naheliegende
a fet, a fait, vgl. nfr. tout ä fait, würde nicht sehr zusagen {'.A vos
trestos le di a fait Que se je vos ai rien mesfait, Por Deu, si le me
pardones, Julian 3937; 2100; 3577; En tant que eis preudons lä
m'ot Confesse, ki empris l'avoit, Mes pechies ä fait me lavoit Uns
clers fluns, B. Cond. 226, 634; 338, 2047; Des espinoches tout a
fet A semees aval la cort, Mont. Rayn. I, 99, 75). Sollte fer un-
vollendet gelassenes ferir (,beim Schlagen') sein ? Dann würde
das ganze Wort eine, in diesem Zusammenhange (vgl. im be-
sonderen auch V. 1089) entschuldbare Verirrung sein, und zwar
mögUchenfalls für (a) cop; vgl. zu a cop ,auf den Schlag', ,so-
gleich', das gerade bei consivre und begriffs verwandten Verben
aufzutreten pflegt, Chax que li dus a a cop conseu, Ont malement
lor louier receu, Mitth. 221, 25; Cui il consiut a coup, merveille
est s'il nel tue, B. Comm. 1574; Ne V atainst pas a coup, car l'espee
est tornee, ib. 1728; ein Beispiel aus der Chans, des Sax. aucii bei
Godefr. 1164. qui ist vielleicht ein Versehen für li.
1207. ,Sire, voles que je vos die?' ,Por cel demanQ que vul
savoir ?' Der Sinn des zweiten Verses ist nicht klar, por cel
verführte den Schreiber von A oder der Quelle von A woiil zur
Einschaltung eines que (, deswegen, weil'), welcher dann ein jel
vor vul zum Opfer fiel: Por cel demang; jel vul savoir. Zu der
Neutralfrom cel, wenn diese hier nicht ein durch [jelj vul ver-
ursachter Lapsus für ce ist, vgl. außer der von Friedwagner
verzeichneten Literatur auch K. Warnke, MFce. Fab. Einltg.
S. XCIX, auch die Bmkg. zum Purg. 176 im Lit.-Bl. 1905, Sp. 284f.
1287. La fis si bien que ... La kann aus V. 1284, Lä ot . .,
irrtümlich für Jel hierher übertragen worden sein, vgl. zu faire
le (es) bien 1257, 3353 und öfter, s. auch d. Anm. zu 1272; im
abhängigen Satze entspräche dann neflj fist mius.
1291. Que eil qui orent fait la cace Et orent fait nos gens füir
Et par force fait departir, Del gue vont desconfit ariere. Der hantl-
94 ^- Cohn.
schriftlichen Lautung der letzten Zeile nach, Del gui tot desconfit
ariere, würde zu eil allerdings das Prädikat fohlen. Aber das
Präsens, welches durch die Besserung vont geschaffen wurde,
hebt sich von den Zeiten der Vergangenheit, die die Umgebung
dieses Verses zeigt, auffälüg ab. Sitz einer Verderbnis ist daher
vielleicht der vorhergehende Vers, Et par force fait departir, in
dem auch die erneute Wiederholung von fait unschön ist. Ein
Schreiber zog diesen Vers vielleicht widerrechtlich in den Relativ-
satz hinein, während er ursprünglich die Fortsetzung zu eil
bildete und das Prädikat dieses übergeordneten Satzes enthielt,
demnach von Rechts w-egen zusammen mit dem folgenden Verse
etwa Par force durent departir Del gue tot deseonfit ariere hätte
lauten sollen.
1331. Die Dame ruft dem Ritter zu: Se venques le tornoiement,
M'amor vos otroi et present, Mon eors et quanques vos vaudrois.
Der leibUche Umgang mit der Dame ist zweifelsohne das, was
der Ritter begehren wird. Mon eors nimmt also die gleiche
Vorstellung, die quanques vos vaudrois zum Ausdruck bringt, in
derberer Form vorweg. Hierdurch verrät mon eors sich offenbar
als Versehen für M'amor: M'amor i>os otroi et present^ M'amor
et quanques vos vaudrois. Über die Wiederholung eines Begriffes
zwecks seiner Zusammenstellung mit einem zweiten, ihn ergän-
zenden s. die Bemerkung zu CUg. 97 in Behrens' Zeitschr. 25, 158
(vgl. auch Stellen wie Dex . . Dit qu'il n'est ehose si obscure, Si
ohscure ne si eelee, Qui ne soit puis manifestee, Ly. Ys. 3327;
Vos ne deves estre escondis, Dist Jul'iens, jel vos pardoins Et tote
m'amistie vos doins, Jel vos pardoing et dex si face, Julian 1913).
1339. Lors comenchierent a cfier: ,Qui veut j oster .i. leceor?'
Die Frage ist unverständUch. Vermuthch schloß sie für den
Dichter mit j oster und nahm die Stelle von .i. leceor ursprünglich
li leceor ein, welches dann das Subjekt zu comenchierent dar-
stellte: Lors comenchierent a cfier: ,Qui veut j oster ?' li leceor. Unter
leceor sind die Herolde zu verstehen, vgl. dazu Scheler, Trouv.
Belg. II, S. 379. 1384. fiardes fquej vos soiis mes drus, Car je
vos doins tote m'amor.' Vgl. die Anm. Friedwagners; doch darf
man die fehlende Silbe auch in dem Pron. la (sc. la guimple)
erbUcken: Gardez la! vos soies (besser wäre serh ,sollt sein')
mes drus , . .'
1460. Ja mais ne serrai si vilains Con soloie estre, et ffust
Gavains] ! Trestoute ma terre tenrafij De vos tant que je viverai.
An Stelle der Vermutung fast Gavains überliefert die Handschrift
et si tenrais, eine undeutbare Lesart, da sich in tenrais das Reim-
wort der nächsten Zeile hineingemischt hat. Neben fust Gavains
enthält Friedwagners Anm. zur Stelle noch die Vorschläge fu
Gavains, der ihm selbst ebenso wie fust G. nicht sonderlich gefällt,
und si ferains. Wer sich auch von ferains ,wild' nicht befriedigt
fühlt, da es nur in einer Partonop.- Stelle, s. God. s. v. ferain.
Zur ^Vengeance Ra^uidef. 95
eine Stütze finde, wird auch bereits et si für unecht halten müssen;
denn ein geeignetes Adjektivum auf -ain scheint es für diesen
Ort nicht zu geben. Dann böte sich als denkbare Lesart die
Wendung c'est del mains ,das gehört zum Geringeren' (s. Tobler
zu Prov. Vil. 88, 3 S. 142), ,das ist das mindere, dies zum wenig-
sten' dar, die häufig begegnet: Bari, 7000, Oleom. 7778, Rutob.
(Jub.) 1112, 268, 556, Tr. Belg. II, 219, 56; M. Rayn. I, 38, 44,
J. Cond. I, 50, 29, Ren. Nouv. 844 (in Prov. Vil. 88, 3
wird der Punkt nach mains mit einem Komma tauschen
müssen). Für tant gue je viverai, V. 1462, ist wohl tant
come je vivrai zu lesen und das den Vers 1463 eröffnende Qiie^
das Friedwagner in Et gebessert hat, könnte auch für Ne ver-
sehen sein.
1535. par l'estricr J est montes de maintenant. Im Anhang,
S. 364, empfiehlt Friedwagner des maintenant zu schreiben, doch
erweisen Stellen \\\e MFceFab. 80, 14; Purg. 2273; Eust. 829, 2216;
Mir. ND. 34, 840; 913 de m. als einwandfrei. 1575. Au premerain
eust trenchie Le cief, se mesire Gavains Li a dit: . . . se li a dit
auf eust trenchie ist zu seltsam, als daß se nicht ein bloßes Ver-
sehen von jüngerer Hand für mais oder quant, das der bedingende
Charakter dieses Satzes verursachte, scheinen dürfte. 1601. Se
je seusse le raisson Que eussiSs le cerf norri, II ne just hui . . Par
eis ocis. que begegnet in dem Sinne von ,warum', den es nach
Friedwagner hier hat, in der Tat auch in indirekter Frage, jedoch
augenscheinlich nur nach der Wendung ne sai (so auch Veng.
Rag. 2422 selbst). Daher ist que eussies wohl eine Verirrung,
und zwar für por quoi avez. 1635. Ce dist Gavains, si les merchie: . .
si ist gewiß mit qui zu vertauschen. 1665. Et eil le siuent l'an-
bleure Parmi le jorest doucement. doucement ist Friedwagners
Vermutung. Die Handsclirift hat durement und bietet in diesem
wohl nur eine undeutliche Schreibung für druement ,diclit bei-
sammen' (vgl. Tant esploitierent que tout apertement Virent venir
Sarrazins druement, Enf. Og. 5202).
1719. Icis Chevaliers me dira Novelles . . De Gavain, mon
trescier ami, Qu'il ne me vuelt venir veoir. E Dius! avrai je ja
pooir Que ja de s'amor juisse liee? Nach Friedwagner ist que,
in qu'il ne me vuelt, entweder soviel wie por coi oder qnil dialek-
tische Schreibung für qui. Nur die letztere Auslegung würde
angehen (vgl. oben zu 1601). Außer dieser jedoch auch die
Auffassung von quil als qu'il ,daß er', wofern man nur den Satz
Qu'il ne me vuelt venir veoir von dem vorlicrgelionden völlig trennt
und mit E Dius! vereinigt (das Komma nacli ami also mit einem
Punkte und den Punkt nach veoir mit einem Komma vertauscht).
que ist in dem hier einmal nachgeschickten Ausruf E Dius!
begründet (wie in Deus ! que ne sont li cors si presQue . . ! Clig. 4514;
He Dex, c'or ne le set li dus, Julian 3370; vgl. zu solchen Sätzen
Tobler, V. B. I^, 61, Ebehng, Zeitschr. f. franz. Spr. u. L. 23, 116).
96 ^. Cohn.
avrai 1720 darf dann ein großes A bekommen; eine ebenso wie
(wrai je ja pooir . . ? gebaute Frage begegnet V. 2055.
1783. . . Que si tost con li Chevaliers Venra, qu'asiecent au
mangier Et facent lor maison joncier. qu'asiecent beruht wohl
auf Mißdeutung von s'asiecent (vgl. 749, 2545) als c'asiecent.
Für lor maison 1. la maison.
1799. Trois portes en la vile avoit A tourreis et as ars vaulis.
tourreis vermutet Friedwagner. Die Handschrift bietet unklares
touures. Ein Wort für Turm ist hier sicherlich am Platze. Aber
näher als das nur aus dem Roman de Thebes bekannte torel
liegt tornele (: Meraug. 4273, Prior. Veg. 9468 u. ö., Claris 12811
und im besonderen: der Ritter ruft vor dem verschlossenen Tore
eines chastel ,Ouvrez la porte!' Es vos en la tornele forte .i. escuier,
qui li escrie: ,Vassaux^ vos n'i enterrez mie, Se vostre non ne me
nonmez!\ Claris 12670). Allerdings würde sich nur der Singular
tornele in den Vers fügen. Aber gerade er ist das Richtige, und
seine Verkümmerung in das pluralisch aussehende touures mag
ebenso wie die Einführung des Plurals as ars (das s in as vielleicht
nur irrige Schreibung) daher rühren, daß ein Schreiber mit der
Mehrzahl portes die Singulare tornele und arc nicht für vereinbar
hielt. Als ursprünglichen Wortlaut des Verses 1798 denke ich
mir also Trois portes en la vile avoit A tornele et a arc voutiz ,drei
Tore mit Turm und mit Bogenhalle gab es in der Stadt'.
1811. Die Straßen der Stadt Sont atornees richement; Mais
tot QO ne monte noient As autres riceces qu'i sont. II n'a rice lionme
en tot le mont Con ne peust Mens trover. rice honme ist kein passen-
der Beziehungsbegriff für die Aussage Con ne p. l. trover., welche
ricece oder auch rice ouvre als solchen voraussetzt. Umgekehrt
ist riceces möglicherweise in den vorhergehenden Vers As autres
riceces qu'i sont durch einen Abschreiber irrig hineingeraten,
oevres von dort verdrängend, und nebst diesem ein zwischen
qui und sont erwünschtes i.
1823. Cil peletier batent lor pials, Cil les heut et eil les estent.
keut ist nicht colligit ,sammelt', das Friedwagner hier mit Recht
befremdet, da ein Sammeln der Häute (,ihr Zusammenlegen
im Gegensatz zu estendre ?') keine berufsmäßige Beschäftigung
bilde, sondern gewiß ungenaue Schreibung für pic. keust, consuit,
,näht' (z. B. Tes keust par cointise ses brasQui. . ., Roi de Cambr.
in Z. f. Rom. Phil. 22, 55, V. 127).
1850. Tels se fet mire qui lor ment, Et tels lor dist qu'il set
fisique QuifsJ tient a jaus plains de *tosique, Mais il lor fait por
sa mers vendre, Si fait as fauls de langue entendre Qu'il lefsj garra
de Vitropie. Friedwagner versteht: ,mancher gibt sich als Arzt
aus, der ihnen (den Kranken) lügt (ihnen den Dienst der Heilung
versagt) und mancher sagt ihnen (den eingebildet Kranken),
daß er etwas von Heilkunde verstehe, der ihnen Krankheiten
andichtet (wörtlich: der sie a faus, ad falsum, fälschlich, be-
Zur , Vengeance RaguideV. 97
trügerisch voll von giftigen Säften hält, dafür ausgibt), oder:
der sie zum Narren hält (indem er sie bezeichnet als) voll von
giftigen Säften (mit zwei prädikativen Akkusativen ?) ; aber er
tut [es] ihnen an, um seine Ware anzubringen'. Der Wortlaut
dieser Verse scheint mir jedoch teilweise fragwürdig überliefert,
teilweise anders auslegbar zu sein. In den beiden ersten Versen
befremdet das Vorhandensein von lor. Dieses Pronomen ist
weder auf vorher namhaft gemachte noch auch auf selbst ohne-
dem leicht vorzustellende Personen beziehbar. Daher hat es dem
Urtexte möglicherweise noch nicht angehört, welcher eher [Mes]
l.els se fait mire qui ment Et tels dist qii'ü sei [de] fisique geboten
haben mag {mentir objektlos wie in V. 1881. zu savoir de wie z. B.
auch in Cil ki sevent de letreure, MFce Fab. Prol. 1 oder Tu ses
de gile et de berate Eust 2242 vergleiche man Tobler, Mise. Gaix-
Can. S. 75 Anm. und Ebeling zu Auberee 105). Bei einem derartigen
Wortlaut würde der S.Vers, QuifsJ tient a jaus plains de*tosique,
zu Beginn seine handschriftliche Fassung Qui tient a jaus plains
de (rausique) bewahren dürfen; er enthält in plains de (rausique)
das Objekt zu tient und soll wohl besagen ,mancher . . ., welcher
Leuten, die voll von (rausique) sind, mit (r.) behaftet sind,
übel mitspielt, Schaden zufügt' (gewöhnlich allerdings tenir
por jol). rausique hält Friedwagner mit Recht für eine Ent-
stellung. Aber tausique, tosique, Mussafias Vorschlag, empfiehlt
sich seiner Bedeutung (,Gift') wegen, s. auch Godefr. Compl.
s. V. toxique, schwerlich als Besserung. Auch caulique, colique
(s. 0. Kühn, Medizinisches aus d. altfrz. Dichtung, S. 15^) käme
als solche kaum in Betracht, da es aus so früher Zeit nicht belegt
ist. Ich neige zu der Annahme, der Dichter liabo hier die gleiche
Krankheit als Beispiel ausgewählt, bei welcher er im folgenden
(V. 1855) verharrt, nämlicli die itropie , Wassersucht', die auch
itropique, idropique (s. Chg. 3023 u. Var.) heißt. Statt lor in
V. 1853, Mais il lor jait por sa mers vendre, erwartet man ferner
le ,es', auf den Inhalt der Verse 1850 f., Tels se jet bis jisique,
bezüglich. Der Ausdruck de langue in Si jait as jauls de langue
entendre, V. 1854, ist, falls von as jauls ,den Narren (d. ii. den-
jenigen, die sich an Ärzte wenden)' abhängig gedacht (s. Friedw.
in seiner Anm. zum Verse), wenig verständlich. Er gehört wohl
zu jait entendre ,gibt zu verstehen, macht weis'. Allerdings er-
scheint ein ,mit der Zunge' neben diesem Verbalbegriff zwecklos,
aber de langue stellt vielleicht, zumal da die Handschrift de
lanque überliefert, ein Versehen für de blanque (vgl. vaque V. 613),
d. i. de blanche (oder de blange) , durch Schmeichelei, Täuschung'
dar; s. zu blanche, blange Godefr. oder Scheler, Jean de Conde T.
S. 383.
1871. Jusles bariuls et escüeles. justes, welches gleichfalls
Bezeichnung eines Gefäßes ist, erfordert ein Komma hinter sich.
1889. Por veoir monsignor Gavain Cei^aucent borgois et vilain.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX','. 7
98 ('■ Colin-
Dor erste Vors findet an den vorliergehenden Satz, V. 1888,
passenderen Anschluß. Cevauccnt, den Satz, wie das Verbum
auch 1942, 1958 tut, eröffnend, erscheint Friedwagner begriff-
lich mit Reclit ungeeignet; vielleicht hat der Schreiber es aus
ceminent verlesen. 1951. Mais gardis que nos respondes. nos ist
vermutlich Irrtum für ne. 1973. le cief lever Por mal vers le
Noir Chevalier. Die Handschrift hat par mal und diese Wen-
dung, ,im Bösen', ist belegbar, s. L. Rois 95, llorn 3483, Eust. 392.
1996. Die Herrin vom Gautdestroit glaubt es ihrer Zofe
nicht, daß der ihr als Schwächling und Prahlhans bekannte Keu
der Ritter sei, der ihre Jäger vor dem gefürchteten Schwarzen
Ritter gerettet habe (in der Tat verbirgt sich hinter Keus Namen
hier Gavain). Li valUs (der die novele von diesem Ereignis
überbracht liatte) öi la tengon . . . ,Dame', fait il a la pucele,
,Qu'aves vos dit del Chevalier ? 11 ne vient pas a vos tencier. Dame,
ahaissies vostre raisson, . .'. ,Es schickt sich für Euch nicht,
steht Eucii nicht gut an zu schelten' laut Anmerkung. Um un-
persönlich verstanden werden zu dürfen, müßte vient jedoch das
Adv. mielz bei sich haben, vgl. außer den von Friedw'agner selbst
angezogenen Stellen auch Glig. 4151, MFceMil. 141, Fab. 36, 27,
PoMor. 277a, 335c, 578a, Julian 454, Trouv. Belg. II, 16, 46 u. a. m.
Man erwartet hier allerdings die Äußerung des von Friedwagner
in den Wortlaut hineingelegten Gedankens. Seine natürliclie
Form wäre // ne vos covient pas tencier. Es fehlt jedoch an einem
Mittel zur Entscheidung, ob der überlieferte W'ortlaut eine Ent-
stellung aus jener bilde, ahaissier sa raison ,die Rede im Tone
herabstimmen', wie das Wörterbuch unter raisson sagt, ist eher
(wörthch ,niederschlagen', daher) , ablassen von', , aufhören mit',
vgl. auch Clef d'Am. 1575.
2021. Vilaine ere (werde ich sein), se il s'en vait Que ne li
soit guerredonne, sc. li Services. Die Flexionslosigkeit des Part.
guerredonne darf befremden. Schwerlich ist sie ursprünglich.
Der Dichter schrieb wohl Que il ne l'ait gueredone ,ohne daß er
ihn, den Dienst, belohnt besitze', ein Schreiber aber hielt ait
gueredon^ irrtümlich für die zusammengesetzte Zeit von guere-
doner und glaubte jenen ihm daher widersinnig erscheinenden
Wortlaut in den nunmehr überlieferten verwandeln zu sollen.
Vgl. zur Behandlung des Partizipiums in der Handschrift auch
die nachherige Bemerkung zu V. 1039. Trois toisses en ont abatu
(sc. von der Mauer), V. 2941, zeigt das Partizipium deswegen
dem vorangehenden Akkusativ nicht angeglichen, weil dieser ein
solcher des Maßes, nicht des Objektes ist®).
") Das nicht in Übereinstimmung mit dem Akkusativobjekt
überheferte Partizipium öi in der Verbindung von öir mit einem In-
finitiv hat Friedwagner an der Stelle de vos biaus cols Que fai tos jors
öi loer, V. 4751, unverändert in den kritischen Text aufgenommen.
Warnke hatte im Hinblick auf die von Tobler, Verm. Beitr. P, 204
beigebrachten Belege für die Übereinstimmung das handschriftliche
Zu?- ,Vengeance RaguideV. 99
2124. Von der Beschaffenheit und dem Bau des kleinen
Fensters in der Altarumfriedung, den beiden Vorrichtungen, um
es herab- und emporschnellen zu lassen und der Art der Ver-
bindung des Messers mit der ersteren derselben, liefert der Wort-
laut der Beschreibung (s. auch die eingehende Anmerkung Fried-
wagners) ein um so weniger klares Bild, als er hie und da Ver-
derbnisse zu enthalten scheint. Schwer deutbare Einzelheiten
sind All soil^ V. 2127, [soil nach Friedw. hier , Rahmen'), das
äußerhch an Ä l'uel, den nächsten Zeilenanfang, erinnert (auch
der Sinn des sogleich folgenden guani- Satzes ist nicht klar, die
Ausdrucksweise mit assembler der im Meraugis 3053 vorliegenden
kaum vergleichbar), ferner die an sich fragwürdigen Wörter
haveure und rateure, V. 2133 f. (das unverständliche tient, schein-
bar von tenir, in Par engien tient V. 2134, ist wohl ein in einem
Nachklingen des Ausgangs von engien begründeter Schreibfehler
für iel^ vgl. auch wiederholt oben, das folgende Semikolon dann
zu streichen, und treffender als gardoit in qui l'engien gardoit,
V. 2135, welchem die Bedeutung ,berührte', s. d. Anm., schwer-
lich zukommt, wäre esgardoit , ansah* ,betrachtete', vgl. beispiels-
weise qui l'esgardoit, V. 3651, so daß auch dieser Vers unzuver-
lässig überhefert scheint) ; in d'iin engien petitet Qui estoit fais
come .i. loquet, V. 2138, fällt der Obliquus loquet auf, daher die
Handschrift wohl auch diesen weiteren Vers nicht in seiner ur-
sprünghchen Fassung aufbewahrt.
2164. et li cors saint . . erent atainl Desus Vautel en casses
d'or. Der verlockenden Änderung von atainl in a^aint .einge-
öi der Stelle Plusurs (sc. lais) en ai öi conter, MFceLüis, Prol. 39 in
öiz verwandelt (vgl. auch Fraisne 238, Yon. 59, 444, Elid. 503). Die
Handschrift der Vengeance Raguidel zeigt auch ein geradezu un-
entbehrliches s zuweilen unterdrückt, vgl. quasse 2949, eslaissie abaissie
3269 f. u. s. auch Friedwagner, Einltg. S. XLI (umgekehrt auch ein
unberechtigtes -s hinzugefügt: issus 1538 oder convoies 1639). Jedoch
ist Friedwagners Verfahren an obigem Orte nicht ohne Beispiel in
andren kritischen Ausgaben; so liest man en lel maniere M'as tu la
precieuse pire Mostrce et jait aperchevoir Que . . , Bari. Jos. 1695; Si
qu' anbedeus a un seul poindre Les a fet a la ierre joindre (trotz des Plurals
in einigen Hsn.), Cllig. 3768; J . jour vint. . A. ii. molins defors Bouloigne,
Que li quens i avoit jait faire; Sa genta jait arriere traire, Eust. 401 f.;
Quant ces moz li a öi dire, De li se part a euer piain d'ire, Mir. ND. 21,
739. Auch könnte dasselbe durch die Überlieferung von unflektiertem
eui'oie (c. Inf.) im Reime (im Zusammenhange mit jaire, veoir usw.
<;. Inf. wohl erwäiinbar) an dem Orte Car fo nos avoit em'oie Madame
tc blanc cerj cachier, Veng. Rag. 1624 gerechtfertigt werden; eine
Änderung von envoie in em'oiez würde jedenfalls zu einer Umdrehung
der aklivischcn Redeweise in dem zugehörigen Ueimverse, Si ( qu' )
ai'ions le cerj laissir, in die passivische, Si ja li rcrs de nos laissiez,
zwingen. Übrigens stellt Tobler a. a. O. die (U)eroinstimmung von
jait, veu usw. c. Inf. mit dem Akkusativobjekt niciil ausdriaklich
als Gesetz iiin; sie war zumal dann wolil nicht erfordoi'Iich, wenn das
Objekt dem Prädikate folgte [11 a jet aparter ses dras, Elid. 931 und
vgl. auch Ses sire V ot enveie querreTreis messages jors de la terre, Elid.ööl).
7*
100 G. Colin.
schlössen', die Friedwagnor vorsclilägt, wird <'S riiclit bodürfon,
da alaindre in der Bedeutung , hervorholen', auch schlechtweg
, holen', belegbar ist: La dame a alalnl da leson L'un des (toten)
hoQus a moull grant paine, Ä poi ne li faäle l'alaLne, Moull fu
au lever traveillie^ MRayn. I, 18, 162; Lora a la male vielle un
pou avant passe, Un loien a ataint, Tybert l'a presente, Berte 445;
(Pierre will beten) Pour ce ne me vueil plus complaindre, Mais
mon livre vueil ci ataindre Et le dire, soit gaing ou perte, Avant
que de ci me departe, Mir. ND. 36, 1511; J'ay fall un peu trop
de demour, Que n'ay pas mes matines dites; Mais afin que j'en
soie quittes, Pour les dire vueil ci mon livre Atlaindre, afin que
m'en delivre, et moy seoir, Mir. ND. 40, 1680.
2234. Et fis cr'ier et comandai Et envoiai Chevaliers quarre.
Die Handschrift überhefert El le fis crier. Eher als das will-
kommene Objekt le empfiehlt es sich, die erste Silbe von co-
mandai zu streichen, also Et le fis crier et mandai Et envoiai
Chevaliers querre ,und entbot ihn zu mir und schickte Ritter aus.
ihn zu suchen', zu lesen.
2302. En cest sarcu seriens mis [Et] bouce a bouce et vis a vis.
Auch tot würde die fehlende Silbe darstellen können, vgl. tot
bouche a bouche Clig. 6438, Julian 3327. 2339. Ceste ensanple
ont öi pluissor Que force n'est mie a amor. A force ne puet niis
amer. Der Gedanke der mittleren Zeile, des essemple (,Lehre'),
müsse, merkt Friedwagner an, , Gewalt (Zwang) taugt nicht für
die Liebe' oder etwas Ähnliches sein; ihre einstmalige Lautung
sei vielleicht Qu'a force ne nest mie amor , gewaltsam, unter Zwang
keimt die Liebe nicht' gewesen. Wenn man aber force und amor
persönlich versteht, so bleibt auch der überlieferte Wortlaut
annehmbar, welcher alsdann besagt: , Zwang steht nicht in den
Diensten der Liebe' [estre ä auc. ,3mdm. zugehören, in jmds.
Diensten stehen', Bien ai este trois anz a lui, sc. a Artu, Erec 654;
Car je ne sui de rien a lui, sc. a Amor, Clig. 521; Ja sui a vos,
si sui vo dame, Julian 2283; Je sui a Wistace le moigne (sagt
der garchon), Eust. 670 usw.). Nicht fern läge allerdings die
Änderung in Que force n'est amie amor ,die Gewalt ist keine
Freundin der Liebe', ,Liebe mag vom Zwang nichts wissen'. Zu
dem in der Anm. behandelten Gescldeclit von essemple s. auch
Sachs, Geschlechtswechsel im Französ., Gott. 1886, S. 24 (ein
paar altfranzösische Belege für das Masc: MFcePurg. 31, mehr-
fach in den Fabeln der Dichterin, PoMor. 577a, Dav. Proph. 978).
2348. Si troveroit macht den Eindruck eines Fehlers für Et s'ifl]
trovoit, Vordersatz zu larroit 2351.
2390. Gavain spricht: Dame, a tort sofre tel mesaise (Gavains
Bruder, den die Dame täglich martern läßt, um Gavain, den sie
unglücklich liebt, auf ihre Burg zu locken). Je ne sai de voir
— qu'il fust aisse Se amissies d'amor loiall — Quel honte, quel
Zur ^Vengeance RaguideC. 101
painne, qiiel mal A deservi ne quel aniii. Der handschriftliche
Wortlaut dieser Stelle scheint allerdings die Annahme einer
Zwischenbemerkung zu erfordern. Der Sinn der letzteren, nach
Friedwagner, ,wie gut ginge es ihm' oder ,denn es wäre ihm gut
gegangen, wenn Ihr aus echter Liebe (besser wohl ,redlich',
arnor loial wie Elid. 944, Salu d'Am. 46 in Gröbers Zs. 24, 360,
wozu das Gegenteil in MFceFab. 59, 15 iricheor lautet) liebtet',
wäre jedoch etwas unklar. Ein ansprechenderer Zusammenhang
ergibt sich, wenn man das ne vor sai für unecht hält, den von
que bis loial reichenden Satz, 2390 f., von sai abhängig macht
und den mit Quel honte beginnenden als direkten Fragesatz auf-
faßt, also schreibt: Je sai dv voir qu'il fust [a] aise^ Se amissies
d'amor loial (mithin tragt I h r die Schuld an seinem Zustande).
Quel honte, quel painne, quel mal A deservi ne quel anui? 2415.
Cose quiflj face apercevoir. Der überlieferte objektlose Wortlaut
liat den tadelfreien Sinn ,etwas, was aufmerken lasse, stutzig
mache' (naturgemäß die Dame) ; vgl. zum absoluten apercevoir
se , aufmerken', das in jener infinitivischen Verbindung das
Reflexivpron. eingebüßt hat, Stellen wie Mar. Fee. Fraisne 269,
291, Fab. 12, 26. 2483. Mes itels est ore li tens Que n'os mostrer
<;o que je pens. Da die Veng. Rag. sonst nur das einsilbige or
kennt, wird die Echtheit von ore im ersten jener Verse zweifel-
haft, welcher somit Entstellung aus Mais tels est orendroit li tens
erfahren haben mag. 2513. Jusqu'a ces portes la avant Le men-
ront le matin batant Troi pautonnier angois que prime. Der tem-
porale Akkusativ prime ,zur Zeit der prime' (gegen a tierce Erec
6698, a midi Clig. 6414, a vespre LyYsop. 3400) verdient Be-
achtung, falls anQois que prime ursprünglich ist und nicht der
Naclilässigkeit eines Schreibers, beispielsweise für ains qu'il sont
prime, entstammt; ob man sich zur Stützung jenes Akkus, prime
auf Dex, con fort eure s' acolchierent, Jul. 3395 (gegen Con a fort
eure fui de ma mere n6s, . .! Venus 56c; Comme a dure heure je
nasqui Quant . ..' Cleom. 9166) berufen darf? 2578. // a l'estrier
ens el pie mis ist offenbar ein Fohler für // a le pie en l'estrier
mis (vgl. C'onques puis n'ot loisir de pie metre en l'estrier, B. Comm.
398; Adonques met pie en l'estriS, Fergus 118, 2). Ein Schreiber
hat pie und estrier irrtümlicherweise miteinander ver-
tauscht.
2581. Gavain verabschiedet sich vom Fräulein von Gaut-
destroit, bei welchem er unter der Maske des Keu geweilt hat.
Cele li a molt encarci6 Paroles, Salus qu'ele munde A celui que
ele comande. Die Worte que ele comande, deren Auslegung
Friedwagner sehr beschäftigt hat, sind unverständlich. Sie
umschlossen ehemals wohl die Bestimmung ä Dieu: . . A celui
qu'ele [a Dieu] comande (sie entbietet die Grüße dem Gavain,
der ja in Wahrheit jener ist, welchen sie Gott empfiehlt, d. li.
welchem sie Lebewohl wünscht). Vorher 1. vielleicht Paroles et
102 '''• Colin.
Salus (ju'cl inanäe. 2586. Gavain verläßt das castel durch eine
poslerne. 11 ne vaiit pur la ville issir. Don Platz von ville sollte
porle einnehmen; ville wurde vielleicht durch qaanl ü fu de
la vile issus, V. 2588, auf das der Blick beim Abschreiben
bereits gefallen war, hervorgerufen. 2647. porront, I. wohl
porent.
2706. Qu'il sei et, croil, si com'il pensse, Si com'il l'en disl
la novele^ Qu'il n'aimme riens iors la pucele (um die überlieferte
Folge der beiden letzten Verse zu bewahren), si com'il pensse
gibt keinen Sinn; si come hierin nimmt daher wohl das nächste
si come irrtümlich vorweg. Aber die Urfassung des Verses (etwa
Qu'il sei de fi et croit et pensse ? zu de fi bei savoir vgl. die Verse
1317, 4776, ferner je croi et sai de fi que . ., Julian 3761) bleibt
ungewiß. Die Auslegung der Worte Quant il refu en sa maisson,
V. 2709, in ,als er das andre Mal, jüngst in seinem Hause war',
als ob das Präfix re- auch den erstmaligen gleichen Zu-
stand bezeichnen könne, dürfte nicht angehen; vielleicht gehört
dieser Vers zum Folgenden.
2724. Onques a nule creature N'avint niais si bele aventure
Come a moi! Quant estes Gavains, Je sui, de qo soies certains.
Lies et joians, si doi je estre; Car des Chevaliers sire et mestre . . . .'
Puis dist Gavains tot maintenant: .N'aies mie fol maulalent Vers
moi, . .' Die Schwierigkeiten, die diese Verse dem Verständnis
bieten, beleuchtet Friedwagner in einer Anmerkung. Der Ansatz
einer Lücke hinter sire et mestre, die etwa mit dem Verspaare
Est ore entre mes mains keus, Ainc si biaus dons ne fu v'eus aus-
zufüllen sei, erscheint ihm unvermeidlich. Doch bedarf es nach
meiner Meinung desselben nicht. Den Vers 2724, Car des Cheva-
liers sire et mestre, denke ich mir nicht mehr zur Rede des Schwar-
zen Ritters, sondern bereits zur Erwiderung Gavains gehörig. Er
enthält, mit car als Fehler für ha! (V. 1200 anzutreffen), die
Anrede Gavains an jenen; obwohl der Schwarze Ritter, bei dem
Gavain mit seinem Bruder Gaheriet Schutz sucht, ihm vor
wenigen Tagen im Zweikampf unterlegen war und für Zeiten
der Not seine Dienste angelobt hatte (s. V. 1458 ff.), fürchtet
Gavain dennoch, da jener sich soeben, bevor Gavain sich ihm
vorgestellt, als seinen Todfeind bekannt hat, Abweisung oder
Verrat, und so redet er ihn denn schmeichlerisch mit des Chevaliers
sire et mestre an. Die Worte Quant estes Gavains, V. 2711, emp-
fiehlt es sich, wie Friedwagner selbst in Erwägung zieht, mit
dem vorhergehenden Satze zu verknüpfen und je sui, V. 2722^
handschriftlich ce sui, entweder in j'en sui oder in s'en sui, vgl.
V. 139, abzuändern. Die bewußten Verse lauteten einstmals
also wohl: ,. . si bele aventure Come a moi, quant estes Gavains,
S'en sui, de qo soies certains. Lies et joians, si doi je estre' ,Ha,
des Chevaliers sire et mestre!' .Puis (1. wohl Ce) dist Gavains tot
maintenant, ,N'aies . . .'
7.iir .Vengeance Ragiiidet. 103
2735. Puis que je jui de vos tornes El bois u je me departi,
Nule cose en terre ne vi Qui me peiist esleecier. u je me departi
finde ich unverständlich. Nun verwendet der Dichter departir
,scheiden' sonst intransitiv, so in den Versen 1501, in welchem
vos Subjektspronomen ist, und 3049, denen sich daher auch 4570
zugesellen darf, reflexiv aber das bedeutungsgleiche partir (: partir
se oder s'en), s. die Verse 931, 1386, 2493, 2583, 2841, 3017, 3250,
6119. me departi hat demnach wohl entweder departi oder me
parti in einer Abschrift verdrängt, nachdem in der ersten Vers-
hälfte eine andre Silbe übersehen worden war. Eine der hier-
nach vorstellbaren Urformen der Zeile wäre Del bois n [fiii] je
me parti {del bois überliefert die Handschrift), dies alsdann Nach-
satz zu Puis que . . tornes.
2741. Der Schwarze Ritter fährt fort: Jv cuidai que par
Chevalier Pior de vos juisse conquis. Par vos ne per je pas mon
pris; Vos estes li miudres [qu'on nomme]. Se tos li mons ert [come]
.i. honme Contre vos asanbles la fors, N'ares vos garde! Sans
mon cors, Tant que je vos puisse sauver, Vos poes cuens comander . ."
Die beiden unvollkommen überlieferten Verse hat Friedwagner
nach Hippeaus Beispiel ausgefüllt. Im zweiten derselben darf
jedoch .1. honme im Sinne des Nominativs, also statt .i. hom,
wie die Regel verlangt und auch die Veng. Rag. durchgängig
sonst zeigt (s. die Verse 298, 805, 2078, 2121, 2336, 2695, 2986^,
3340, 5518), befremden. Mit der Verwandlung von home in fiom
würde aber zugleich die Ergänzung qu'on nomme fallen; doch
fehlt schon zu ersterer, wie auch zur Einschaltung von comc,
wahrscheinlich das Recht, da .i. honme nur als, freilich unzu-
reichender, handschriftlicher Lückenbüßer zu betrachten sein
wird. Die natürUche Vervollständigung des ersten der beiden
Verse, 2741, ergibt sich aus dem Inhalte der vorhergehenden
Zeilen, besonders des letzten derselben Par vos ne per je pas
mon pris. Der Schwarze Ritter vergleicht Gavain hier mit sich,
ganz allein mit sich. Daher kann hinter li miudres nur de nos
fehlen: Vos estes li miudres de nos ,thr seid der tüchtigere von
uns beiden' (vgl. Je vos defi\ . . et je vos! Ja venrons, d. i. verrons,
le plus fort de nos!' Veng. Rag. 4728). .Vuf Se toz li mons ist dann
einstmals vielleicht die Wendung a estros, die dieses Denkmal
häufig aufweist, s. Friedwagners Wörterbuch, gefolgt. Die
Worte Sans mon cors, Tant que je vos puisse sauver, V. 2744 f.,
{tant que für tant com und mit dem Konjunktiv wie 3048 und
3057, s. Fried wagners Anm. zur ersteren Stelle) zöge ich nach
Besserung von sans mon cors in sauf mon cors ,bei Unversehrtheit
meines Körpers, solange ich wohlbehalten, am Leben bin', mit
N'ares vos garde zu verbinden vor.
2760. Ainc ne veistes hui main cors! Der Schwarze Ritter
kann die Anspielung auf die frülimorgentliche GtüBelung Gaheriets,
die in hui main läge, nicht ohne w(Mleres verslanden haben.
104 '''• (^'ohn.
Daher ist hui main, wie auch Friodwagnor offenbar empfindel,
keine befriedigende Lesart. Etwa plus vain cors ,einen scliwäche-
ren, siecheren Leib' entspräche der Erwartung eher. 2782. Qiii
les i veisl atoriier Les armes por lor cors desfendre, II dessist qa'il
deiissmt fettdre Un ost ariQois qa'il fiiissent pris. Man erwartet
an Stelle von fendrc, an dessen sei es bewußter, sei es unbewulitoi'
Einführung das Reimwort desfendre schuld haben wird, das
Zeitwort des Vergleichssatzes, also prendre; un ost hat dann
wohl mit en l'osi ,im Kampfe', vgl. V. 3031, zu tauschen. 2806.
// et si honme plus de. XX. Sont as murs venu por savoir Que
la dame voloit avoir Del suen et por coi l'a asis. Das Relativ-
pronomen que erzeugt für die vorletzte Zeile einen unwalirschein
liehen Gedanken; es wird durch se ,ob' zu ersetzen sein {del suen
,von seinem Besitze', wie Friedwagners Anm. zu Beginn angibt).
Die Frage por coi l'a asis kam im Urtext zu der voranstehenden
schwerlich liinzu, stand dort vielmehr neben dieser gewß zur
Wahl; et vor por coi ist also wohl ein jüngeres Versehen für o
(,oder warum sonst sie ihn zu belagern begonnen habe'). Aucl»
si a requis im nächsten Verse spricht wenig an; mehr täte dies
qui l'a requis. 2840. Je ne sui pas a iel meschief kann die Ant-
wort der Dame sein, die a tant , damit', ,mit diesen Worten' fort-
geht. 2846. Bei Änderung von d'un contrejort in d'uns contrefors,
ist doch ein Strebepfeiler ein G c f ü g e aus quarrians, würde
man die handschriftüche Überlieferung des vorhergehenden
Verses, Quel pari li murs estoit mains fors, die Friedwagner in
Quel pari li mur erent mains fort gebessert hat, nicht anzutasten
brauchen. 2849. Et li fasse erent si piain C'on p'eust venir tot
de piain Lance levee jusqu'al mur. N'ot tant de foihle en tot le
mur. Dem Wortlaut der beiden letzten Verse haften ohne Zweifel
Verderbnisse an. Die von Friedwagner vorgeschlagene Besserung
von en tot le mur in en tot le mont ist sehr ansprechend; für tant
de foible würde dann jnur tant foihle einzutreten haben. Neben
jusqu'al pont, was Friedwagner als Ersatz für jusqu'al mur im
vorhergehenden Verse erwägt, würde auch jusqu'a mont (vgl.
V. 2960 und zum Gegenteil V. 2924) in Frage treten dürfen.
tot de piain, V. 2848, nach Friedwagner ,ganz eben', darf man
wie im Julian 1730 oder im Münch. Brut. 1476 als ,vollkommen,
ganz und gar' verstehen. 2879. •/• hordeis Que eil cledens ont
contre fait, 1. wohl contr'els fait.
2901. Lors comence li jeteis de cels dedens et cels defors. Vor
cels defors hätte sich, da die beiden Haufen ja nicht nach einem
gemeinsamem Ziele schleudern, Wiederholung von de gebührt,
die das Versmaß jedoch verbietet. Daher ist et wohl ein Ver-
sehen für en ,nach, gegen'. 2938. Qu'il l'ont en pluissors lius
hleciS (die Mauer) zeigt blecie mit bemerkenswertem Objekte;
vielleicht handelt es sich daher um einen jüngeren Fehlgriff für
percii, vgl. 2935. 2944. Die Belagerten haben wacker gekämpft,
Zur , Vengeance Raguidel''. 105
mais ricns ne lor vaut\ Car desfense vers tel assaut N'est preus
de traire ei de jeter. Der Wortlaut der beiden letzten Verse ist
unverständlich; die Annahme Friedwagners, daß er Verderbnisse
enthalte, ist daher begründet. Die Wurzel der letzteren scheint
mir car zu sein, in welchem ich eine Zutat von Schreiberhand
vermute. Bevor car dem Verse 2944 angehörte, lautete dieser
in Verbindung mit dem ihm folgenden vielleicht N'est defense
i'ers tel asaut iVe preus de traire et de jeter {preus , Vorteil" wie
auch 2467, 3354). Das de traire und de jeter verknüpfende et,
statt dessen Friedwagner ne lieber sähe, war erlaubt, vgl. Ne
tani sotis n'estes et sages Que . ., Clig. 5583; On ne defent milui
vin hoivre et char tnangier, PoMor. 562b; se retenus Ne sui par
toi et secourus, Tr. Amis 257 u. a. m. 2971. . . En i avera de
<:eus darf man nach dem Muster von V. 2950 in Molt en i avra
de c'eus bessern. 2892. Statt ne qiiident pas würde man ne qui-
dast pas^ Nachsatz zu dem vorhergehenden ^ui- Satze, erwarten,
vgl. V. 2780; sollte nus lor ost nicht für nus hon äst versehen sein ?
3008. ,Vos ne diles pas mesproisson\ Fei li Chevaliers qui
respont, .Mais je redouc et m'espaont; Que la dame ne m'aimrne
mie . .'. Eine Billigung der zuversichtlichen Worte Gavains, wie
sie in Vos ne dites pas mesproison läge, verträgt sich schwerlich
mit der nachfolgenden Äußerung von Furcht und späterhin,
V. 3014 ff., derjenigen der Gewißheit, es werde der Belagerin
gelingen, durch die Bresche in die Burg einzudringen und sie,
den Schwarzen Ritter und Gavain, gefangen zu nehmen. Kein
Sinn ruht ferner in den Worten qui respont und vom sprach-
lichen Standpunkte ist der Mangel des Reflexivpronomens vor
redouQ auffällig. So kann man denn zu dem Verdachte gelangen,
Vos ne dites pas mesproisson kehre den ursprünglichen Gedanken
<fieses Verses um, habe sich also in einer Abschrift an die Stelle
von Sire, vos dites mesproisson gedrängt, und die Negierung
dieses Gedankens habe einerseits zum Zusatz des Bindewortes
mais in Y. 3010 und infolge desselben zur Tilgung eines zwischen
je und redouc- überlieferten me, andrerseits zur Einführung von
qui respont für quil reprent , welcher ihn tadelt' und dieser zufolge
zur Verwandlung von ursprünglichem m'espoent in m'espaont
veranlaßt, kurz, der handscliriftliche Wortlaut besagter Verse
stelle eine Verderbnis aus ,Sire, vos dites mesproisson' , Fet li
Chevaliers, quil reprent; ,Je me redouQ et m'espoent, . .' dar. (Auch
die überlieferte Fassung der Verse 3012 f., Et si n'eust ouan
(unsicher, s. Fußnote) envie Que nos eussons c'une porte, gibt
zum Bedenken Ursache; man sollte hier den Gedanken ,und ich
wäre nicht mißvergnügt, wenn wir nur e i n Tor hätten' aus-
gedrückt finden.)
Audi zu der Fülle der belehrenden Anmerkungen, die Fried-
wagner dem kritisclien Texte nachgeschickt hat, seien schließlich
noch einige Ergänzungen gestattet.
106 ('• ^ohn.
I. In au tens noviel d'esU, nach Friedwagners Auffassung
,/iir beginnenden Sommerszeit', mag d'este auch den Wert einer
iM'Iäulorung zu noviel haben, grammatisch diesem Attribute,
von dem es dann durch ein Komma zu trennen ist, also nel^en-
geordnet sein. Ohne den Zusatz d'este liest man tens novel in
Un jor de Pasque, au tens novel, Erec 27, auch von Friedwagner
angezogen, oder in Eti avril, al tens novel, Brakelmann, Chane,
fr. S. 82, 111, 1; doch folgt au tens novel an diesen Stellen, zum
Unterscliicdc von der vorliegenden, einer auf den Sinn des Aus-
drucks klar vorbereitenden Angabe. 30. Zu tote jor vgl. auch
Stengel, Gal. li Rest. S. 395, welcher die Ilerleitung aus totum.
ad diurnum durch Tobler der Stellung der Präposition ad wegen
ablehnt und Einfluß von tote nuit, zugleich vielleicht Nachwirkung
des w^eiblichen die, vermutet. 149. Einige Belege für chamber-
lent liefert Godefroy, Compl. s. v., ein weiterer ist cambellenly
Brun. Lat. 613 D, S. 262. Die gegen Schluß angeführte Stelle
Vos nos aves en joie mis, Que tuit sonmes joiant de nos Por la con-
paignie de vos, Veng. Rag. 6071, an welcher Friedwagner ,das
(vor sonmes) weggelassene Reflexivum nachträglich in betonter
Form mit de des Bezuges beigebracht findet', scheint mir des
Sinnes zu ermangeln und daher eine Verderbnis zu enthalten:
joiant, offenbar durch joie eingegeben, ist wohl an den Platz von
ursprünglichem saisi ,ganz besitzen wir nun einander' (vgl. 6007,
6012) gerückt. Der Vers Por la conpaignie de vos wird inhaltlich
mit dem ihm folgenden, 6073, zu vereinigen sein. 285. Die an
erster Stelle vorgetragene Auslegung von Puis vont as anials
asüier ,sie gehen an die Ringe, einen Versuch zu machen (oder
eher ,sie gehen einen Versuch an den Ringen machen, machen
an den Ringen einen Versuch') ist die richtigere ; asaier ist hier,
wie auch in vienent asaier V. 262 der Fall war, neutral gemeint
(bei aler wäre sonst das Reflexivpron. zu erwarten gewiesen,
vgl. Se tuit au roi ne se vont rendre, Clig. 2169; Un bris s'alot. .
esbaneier, MFceFab. 33, 3; Or se vont tuit de vos gabant, Erec
2553; . . . s'alot deduiant, Fab. 15, 3; puis s'iront mendiant, PoMor.
537b). 326. Zum Nebeneinander sinnverwandter Ausdrücke
s. Tobler, Verm.Beitr. II, 149. 338. merveilles a eu bedarf sicherUch
der von Friedwagner vorgeschlagenen Änderung in ai v'eu. Un-
persönliches avoir würde hier von dem Ortsadverbium i be-
gleitet sein. Auch in Ceval a bien aparillie, V. 366, heißt a nicht,
v/ie die Anmerkung sagt, ,es gibt' (sondern ,er hat, besitzt ) ;
der vorhergehende quant-Suiz ordnet sich dem Satze prent l'escu
unter. 497. Zu Qui vit quant Kex fu abatus vgl. Que qui verroit
quant la bocke cevre (sie) Ne diroit mie que li dant Ne fussent d'ivoire
QU d'arjant, Clig. 830. 668. Zu a tot le mains, gewiß nicht atot
le mains, vgl. auch ChLy. 1844, JuHan 2467, 3475, Enf. Og. 7212.
710. A Diu soies vos comandes! sind sicher noch Worte des Hirten,
auch der Anredeform wegen. So später Ausspruch von fait i
Zur ,Vengeance Ragiiidet. 107
tritt auch anderwärts entgegen, vgl. MFceYon. 130, Fab. 50, 13,
Julian 3535. Man nehme vor den Worten A Diu s. v. c. eine
kurze Pause an. 757. Zum Geschlecht von fain (männhch auch
JuUan 3630) s. auch Armbruster, Geschlechtswandel im Französ.
S. 62 und Behrens, Beiträge z. französ. Wortgesch. S. 399. Zu
demjenigen von glave, Anm. zu V. 864, auch Armbruster, ibid.
S. 16 und Behrens, ibid. S. 389. 988. le Gavain ,das des G.',
vgl. zum determinierenden Gebrauch des Artikels auch Gessner,
Pronomen I, 33, 9ß. 988. par lui morra. , durch ihn' ist ein-
wandfrei, vgl. zu par beim Intransitivum z. B. Deus saut celui
par cui ressort Joie et leesce a nostre cort, Erec 6375; cele par qui
nus perissuns, Elid. 833; Ne puis garir se par vous non, Salu d'Am.
137 in Gröbers Z. 24, 362; Kar ja par mei n'esforcera, MFceFab.
6,24. 1032. Ja ne venres en cele terre Que vos n'en aies grant honnor.
Für cele stände nach Friedwagners Meinung /mZe, noch eher aber
lele^ zu erwarten, indessen vgl. zu eil in solchem Falle Diez,
Gramm. III, 78 Anm. 1, Meyer-Lübke, Syntax § 540 oder Stellen
wie Biscl. 40, Equit. 244, Lanv. 164. 1039. Keine Überein-
stimmung mit dem vorangehenden Objekte zeigt laut Fried-
wagners Hinweis in dieser Anmerkung das Partizipium Perfecti
in den Versen 2687 f. (?), 3305, 3423, 4481 und 4751. An dem
Orte Kaheries.., Qui bieri a vengie sa prison Que la dame fait
li avoit V. 3305, bezieht que sich jedoch nicht auf prison, sondern
ist das Neutrum ,was' (faire auc. r. ä auc. , jemandem etwas zu-
fügen', wie auch 641, 2495, 3350, in günstigem Sinne ,erwcisen'
wie 2495); der Sixiz Que .. avoit hat den Zweck, das anfänghcji
gewählte Objekt sa prison ,seine Gefangenschaft' zu verbessern,
zu ersetzen, hat also gleich sa prison den Wert eines Objektes zu
a vengie und erfordert somit ein Komma vor sich. Nur scheinbar
liegt auch im Verse 3423, qui tel honte m'a fait, keine Überein-
stimmung vor, da honte ja als Masculinum erweisbar ist, s. Fried-
wagncrs Anm. zu V. 5644 (für das männliclie Geschlecht ist
honte auch an den Stellen 245 und 2771 in Anspruch zu nehmen;
die Literaturnachweise zum Genus des Wortes sind noch ver-
mehrbar um: Scheler in Trouv. Belg. I, S. 327 und in Watr.
S. 472; W. Focrster zu Ly. Ysop. V. 1711; Armbrustcr, Gc-
schlechtswandel im Französ. S. 119). In V. 4481 (Gavain briciit
mit Ide von Artus' Hoflager auf). Et eil de la cort retornerent^
Ains la orent molt convoic, wurde les gewiß erst durch einen
Schreiber, welcher Beziehung auf Gavain und Ide gemeinsam
für erforderlich liiell, an den Platz von ursprünglichem /' ,ihii',
gesetzt; die Person Gavains allein galt dem Dichter liier ebenso
wie im V. 4475 [N'i ot Un solqui a Diu nel coniant), welcher seiner-
seits in der Anwendung von le, der Einzahl, mit V. 4472 zusammen-
stimmt, als Objekt. Die von jenem Schreiber geopferte Silbe
dürfte ein Mais zu Beginn des Verses gewesen sein, das man nach
dem Muster der Verse 520, 2887 und 3204 auch hier vor ainz
108 ^. Cohn.
orwartcl. Zu V. 4751 s. die Anm. oben auf S. 98. 1065. /u
eil voic , hinweg' vgl. aucli Scheler, Jean de Conde 1, S. 390 und
S. 435; Watr. de Couv. S. 492; W. Foer.sler zu Ghev. as II Esp.
3001; Warnke, MFccFabeln S. 364 zu 57, 23. 1094. parmi
toi fo, , trotz alledem', wie häufig zu lesen ist, vgl. z. IJ. MFceMil.
411, Trouv. Belg. II, 9, 29, Dav. Proph. 1063, 1117; zu parmi go
,glcich\vohr s. Berger, Adam de la Halle S. 129. 1128. flors
ne pieres ni remaingnerit Ne en elme ne en escii Que ü n'aient tot
abatn Jus a la ferre et detrenchie. Das den Nebensatz einleitende
gue stellt Friedwagner frei, als Relativpronomen, bezogen auf
flors ne pieres, oder als modale Konjunktion, que ne ,ohne daß*,
aufzufassen. Die Wahl des Neutrums des Relativpronomens
trotz Bezuges auf Substantiva sähe man gern durch einen Beleg
gestützt; an sich würde ein Relativsatz nicht ausgeschlossen
sein (vgl. N'i remaint Chevaliers ne darne Qui ne s'atort por
convoiier La pucele et le Chevalier, Erec 1436; An tot le chdstel
n'a remes Home ne fame, droit no tort, Qui alcr puisse, qui
n'i voise ib. 5701; jusqu'en Alemaingne Chastiaus ne vile
n'i remaingne. Ne citez, ou il ne soit quis, Clig. 6647). Zu-
gunsten des Wertes von que als Konjunktion sprechen Stellen
wie die folgenden: N'i a nul qui remenoir est, Que a la
cort ne vaigne tost, Erec 1929; CHg. 1092; Bari. Jos. 784;
N'i remest ne eil ne cele Ne Chevaliers ne damoisele, Que tuit
n'aillent monier as eslres, Clig. 2887; Je ne sai que terre
remaingne, Por tant que Dex i soit nomes, Que eis sains n'i
soit apeles, Julian 84, denen man auch Devant son cop riens ne
remaint, Que tot ne porfande et deronpe, Clig. 3801 anfügen
darf. 1179. Zu a un fais s. auch A. Tobler zum Julian 2223;
es entspricht hier unserm ,mit einem Ruck'. 1367. Vgl. zur
Sache 1319; die Umstellung von M'ahati jus zu Jus m'abati ge-
winnt dann noch an Berechtigung. 1.381. (La dame..Li escria)
en audiance besagt nicht ,so laut, daß alle', sondern ,daß e r
es hören konnte, für ihn vernehmbar' und ist mit (Cil li
crie) si qu'il l'entent, V. Rag. 4512, (Ei dist) si que il
Ventendie, ib. 5540 gleichwertig. 1388. es plaissih, zum
Plural vgl. luin des hafnes MFceElid. 764 (gegen al hafne,
ib. 809); en ses sales, CHg. 2370; as osteus, Julian 1305; ses
niz MFce Fab. 73, 70. 1436. de fin voir braucht nicht in
de fi, voir verbessert zu werden ; vgl. por fin voir bei Godefroy
s. V. voir, auch Redeweisen wie Che fu lä fine veriUs, Eust.
428, par fin estovoir, BCond. 60, 405, Cleom. 8024 u. ä. 1651.
Li troi ont le quart envoie AI Gaui Destroit a la pucele. Nach
Friedwagners Erachten steht es im Belieben des Lesers, a la
pucele als possessiven Dativ oder als Direktivobjekt zu deuten.
Die zweite Auslegung liegt näher; a la pucele bezeichnet
neben dem allgemeinen, weiteren Ziele das besondere, engere,
vgl. hierzu Stellen wie AI hois alot a la chapele, MFceElid.
Zur ,Vengeance RagnideV. 109
967; Et tuit li Grejois venu furent El tref la reine as puceles^ Clig.
1373; tant . . Qu'il vint en la terre d'Espaigne A un castel bei et
adroit, Julian 1398. 1718. Jl ert a la dame loe En droit consel
que le tenist. Dem Ausdruck en droit conseil spricht Friedwagnor
mit Recht klaren Sinn ab. Die Möglichkeit einer Entstellung
des ursprünglichen Wortlautes, als welcher etwa . . loe^ En droile
prison le tenist denkbar wäre, liegt vor. 1761. Conoistre aucun
come un denier begegnet auch im Rosenroman, s. Littre s. v.
denier, auch an der Stelle Eust. 533. 1820. painz solers steht
auch im Aiol 8275. 1920. jete in La pucele fete les mains ist laut
Anmerkung ,ringt', laut Wörterbuch ,die Hände (vor Freude)
ringen oder ausstrecken'. , Ringen' ist tordre, vgl. Clig. 5811,
Erec 4613 usw. Beim jeter berührten die Hände einander nicht, so
wenig wie es von den Beinen gelten kann, wenn es von Jongleuren
Ceaz qui sevent les jambes encontremont j'eter, PoMor. 517a heißt.
Das Werfen der Hände ist hier ferner nicht ein Zeichen von
Freude, sondern eine der Lebhaftigkeit des Wunsches ent-
sprechende Geberde, um Gavain zum Halten zu veranlassen
(vgl. Arestes vos^ parles a moi! 1923). 2265. venir per c. Inf.,
auch Veng. Rag. 4263, ist eine sehr übliche Konstruktion (Clig.
1765; 6528; Juhan 936; 1477; Macc. 28, 26; 80, 24 u. oft). 2306.
Zum Geschlecht von afaire s. auch Armbruster a. a. 0. S. 12 und
Behrens, a. a. 0. S. 387. 2405. Sollte haut in Si Dius me haut
nicht ein bloßer Schreibfehler für saut sein? 2467. Si ist ,so —
denn', wie oft, z. B. 2095. 2496. rk' a terre que Dius ait erinnert
an par totes les contrees Diu, V. Rag. 2317 und an tote la ricece
Diu, ib. 2210. 2527. Faites ces pautonniers voler Les testes, sc
les consives, nach Friedwagner Hysteron Proteron, kann die
Konjunktion se darbieten. 2528. Vostre frere est si enpenses,
II ne puet sor les pies ester. An dem Begriffe enpenses nimmt
Friedwagner berechtigten Anstoß; an Stelle desselben würde man
sich ,scliwach', und so etwa esnerves, wünschen. 2640. eil qui
furent plus signor, Qui orent la vile a garder. sire in adjektivischer
Verwendung und zugleicli gesteigert tritt auch in les plus signors et
les plus frans, BCond. 276, 249; Aucass. 31, 10 entgegen. 2748.
Sire, angois vuel que me dires Vostre non, car jel vuel savoir. Das
Futurum erscheint als Befehlsform zwar auch im abhängigen
Satze, wie ergänzend bemerkt sei, vgl. Sachiez que a laut pais
en iert, Clig. 3302; Dites lui dont, quant lui plaira, Que de lui
savoir nos laira Qui il est et quel part il niaint, Julian 1848; Voir,
vostre penilance est ainssi ordenee Que vous ne ferez mal a gent
chrestiennee Ne que ne parlerez a creature nee, Dit. Roh. Di. 142b;
Sire, alez nous monstrer le Heu Ou seront mis. Mir. ND. 34, 2399,
indessen vermag ich ebensowenig wie Friedwagner nachzuweisen,
ob auch nach voloir (denn in Mir. ND. 9, 1400 besteht wohl niclit
mehr Abhängigkeit von je vueil). Daher scheint die Güte des
überlieferten Wortlauts anfechtbar zu sein, welciicr beispielsweise
jjO G. Cohn.
aus Sire, angois mon mel me direz verderbt sein könnte. 2783.
Zum Geschlecht von ost s. auch Armbruster, a. a. 0. S. 88 und
Behrens, a. a. 0. S. 402.
Eine höchst nützliclie Beigabe zu dem Werke ist ein Ver-
zeichnis aller in den Anmerkungen behandelter, also sprachliclier
und sachUcher, Gegenstände. Das den Band beschließende
Wörterbuch hat offenbar nicht erschöpfen wollen.
B e r 1 i n. C'- Cohn.
Syntaktisches.
Bei der Besprechung von E. Löseth Notes de syntaxe fran-
Qaise (vgl. Bd. XXXVII, H. 8, SS. 264—280 dieser Ztschr.)
konnte ich angesichts der Fülle der von dem Herrn Verfasser
auf so engem Räume zur Sprache gebrachten Erscheinungen
(40 Punkte auf 18 Seiten!) nicht umhin, mein Bedauern darüber
auszudrücken, daß auch eine Anzahl schwierigerer Fragen, die
entschieden eindringenderer Untersuchung auf Grund eines
umfassenden Beispielmaterials bedurft hätten, nur obenhin
gestreift und mit der Äußerung einer wohl manchmal,
aber keineswegs i m m e r^) zutreffenden Ansicht oder gar bloßen
Vermutung abgetan worden waren. Dabei stellte icli für mehrere
Fälle dieser Art eine eingehendere Erörterung an anderer Stelle
und in anderer Weise, als es im Rahmen einer Anzeige geschehen
konnte, in Aussicht. Es sei mir nunmehr gestattet, das damals
^) So erwies sich die Behauptung, daß ,,// y a longtemps que je
ne vous ai vu der feineren, eleganteren Sprechweise angehöre, während
in der gewöhnhcheren ein pas hinzugefügt werde" einer Ergänzung
durch den Zusatz bedürftig, daß in vielen Fällen der Sinn das pas ebenso
dringend verlange (z. B. // y a longtemps qü'il rCa pas tenu sa parole)
als andererseits jede Negation, auch bloßes ne, nnhedingt ausschließe
(z. B. // y a longtemps qu'il nous a quittes). Oder es zeigte sich, daß
die (auf Sätze wie: Vous Vetes, mal elevees, toutes, les deux gegründete)
Aufstellung, in der familiären Sprache könne ,,ein Partizip"
einem solchen le folgen, insofern überflüssig ist, als eine derartige Pro-
lepsis durch ein le (hczw. la, les) bei jedem prädikativen Wort (Subst.,
Adj., Pron., Adv. usw.) möglich ist; wie denn auch der als Besonder-
heit aufgeführte vulgäre Ersatz c'est-i(l) que — für est-ce que — sich
lediglich als Spezialfall der bekannten Bildung von Fragesätzen durch
Anhängnng von ti (= t-il) an die Verbform des Behan{)tungssatzes
erwies. Oder es konnte durch Sätze wie // etail par lä justement
(„er befand sich gerade i n jenem Stadtteil") gezeigt werden, daü
die bekannte Stelle der Mlle de la Seigliöre: il est dcjä trottant par les
montagnes noch nicht das Vorhandensein der englisrhen Umschreibung
(to be troiling) im Neufrz. beweist, sondern eher im Sinne von il est
dejä, trottant, par les moniagnes (d. h. ,,er ist schon in den Bergen, wo
er umherwande t) aufzufassen ist, usw. usw.
112 Tlicudor Kaleplii/.
gegebene Versprechen einzulösen.-) Ich beginne mit der Er-
örterung des Unterschiedes zwischen:
I. Tons leN deiix und toits dcnx.
Es war dies einer der wenigen Fülle, die der Herr Verf. ver-
hältnismäßig gründlich und unter Heranziehung reichlicherer
Beispiele behandelt hatte. Was er darüber sagte, verdiente
entschieden Beachtung: // semble que Vaddilion de l'article...
serve. ., du moins dans iin graiid nombre de cas, d meltre en reite j
chacun des deux etres separement, ä faire ressortir leur individualile,
iandis que par <<tous deux» ils sonl reunis en bloc et sans distincUon
aucune. Freilich glaubte ich schon mit Bezug auf die hier gegeben^
Charakterisierung einschränkend bemerken zu müssen, daß die
Ausdrücke separement und faire ressortir leur individualite doch
wohl etwas zu weit gingen. „Ist es, wie ich mit Gröber (Grundriß
/, 274) glaube, die Funktion des bestimmten Artikels, Seiende
als bekannte zu bezeichnen (d. h. auf sie als solche
hinzuweisen, von denen bereits ein Bild in der Vorstellung des
Hörers vorhanden ist), dann kann er, in unserem Falle, zwar
ganz wohl die Wirkung haben de mettre en relief les deux etres,
aber nicht auch chacun separement, wozu andere Ausdrucks-
weisen dienen, wie z. B. l'un et Vautre, chacun de son (oder leur)
cot^." Man darf eben nicht vergessen, daß der ,, bestimmte"
Artikel — um diese wenig zutreffende aber eingebürgerte Be-
zeichnung hier beizubehalten — vor einem pluralischen Worte
auch nur die M e h r h e i t der betr. Seienden als ,, bekannt'"'
kennzeichnet. Ob sich dabei auch die Einzelseienden in der
Vorstellung voneinander abheben, ist eine andere Frage. Mag
sie auch unter Umständen zu bejahen sein, jedenfalls ist diese
Bejahung durch Setzung eines les vor dem betr. pluralischen
Substantiv keineswegs unmittelbar gegeben. Man vergleiche
z. B. ein Hommes, femmes, enfants, tous furent emmenes mit Les
hommes, les femmes, les enfants furent emmenes. Während die
durch den ersten Satz erweckten Vorstellungen lediglich allge-
meine, Männer von Frauen, Erwachsene von Kindern unterschei-
dende Merkmale — also Körpertypus und Gewandung einerseits,
Gestalt oder Größe andrerseits — enthalten, werden sich im
-) Zu „Vous m'en direz tanlV\ das der Herr Verf. durch Pas possible l
richtig übersetzt aber weiterhin ni. E. unrichtig erläutert, möchte ich,
da mir von befreundeter Seite meine dortige sehr gedrängte Äußerung
als schwer verständlich bezeichnet worden ist, hier wiederholend
und etwas ausführlicher bemerken, daß ich in ihr den Anfang eines
kondizionalen Satzes von dem Schema Je le pourrais que je ne le ferais
pas (,,Auch wenn ich's könnte, würde ich's nicht tun") zu sehen geneigt
bin, den Ausdruck also in dem Sinne auffasse: ,,Sie mögen mir noch
so viel darüber sagen (ich glaub's Ihnen doch nicht)." Er hieße also
vervollständigt: Vous nCen direz tant, (que) je ne vous croirai pas und
ließe sich ersetzen durch Quand meme vous ni'en diriez ce que vous voudriez
je tie vous croirais pas oder Quai que vous alliez me dire, je. . .
Syntaktisches. 113
zweiten Falle dazu noch gewisse durch die Nationalität, Lebens-
art des betr. Volksstammes bedingte konkrete Züge hinzugesellen
— man denke z. B. an Russen, Türken, Neger usw. — aber damit
ist noch keineswegs Individualisierung oder ein Sichabheben
der Einzelwesen verbunden. Nun wird ja allerdings, wo es sich
nur um zwei vSeiende, von denen schon vorher mehr oder weniger
eingehend gesprochen worden ist, handelt, eine solche indivi-
duahsierende Sonderung durch die Setzung des Artikels in der
Vorstellung des Hörers wohl unwillkürlich immer hervorgerufen
werden — und zwar umsomehr, je verschiedener die betr. Seionden
sind, z. B. Mann und Frau, erhebUch weniger hingegen bei gleich-
artigen, wie z. B. bei ZwiUingen gleichen Geschlechts, Tieren
derselben Gattung usw. — , aber Verfasser will sich bei der Dar-
legung des Unterschiedes doch wohl nicht auf den (allerdings
besonders schwierigen) Zwei- Fall beschränken^) und so wird
denn das von ihm behauptete chaciin separement mit Fug ab-
gelehnt werden dürfen, mögen sich auch unter den von ihm
beigebrachten Beispielen mit dem Artikel zahbeiche finden,
wo nicht nur gesondertes Tun, sondern sogar tatsächliche räum-
liche Getrenntheit der betr. Personen nachweisbar ist.
Was mir aber — besonders in einer ,,s y n t a k t i s c h e n"
Publikation — noch befremdender erscheint, das ist die gänzliche
Ignorierung, Beiseitesetzung der Frage nach dem sprachlicli-
logischen Verhältnis der Ausdrucksbestandteile. Mir scheint,
daß in dieser Hinsicht ein greifbarer Unterschied zwischen den
beiden Fällen existiert: In tous deiix ist das Zahlwort Apposition
zu dem den Hauptbegriff bildenden toiis, in tous les deux dagegen
ist tous dieselbe prädikativische — wenigstens dem Ursprung
nach prädikativische — Bestimmung zu dem nachfolgenden
les deux wie in tous les iiommes zu les hommes =^ ,,die Menschen,
in ihrer Gesamtheit genommen". Freilich tritt gerade bei der
Zweizahl, als der niedrigsten Stufe einer Mehrheit, diese Ver-
schiedenartigkeit am wenigsten deutlich zu tage; wie ich denn
zu der Meinung hinneige, daß sich die in Rede stehende Zwie-
fachheit des Verfahrens zunächst in Verbindung mit den nacli-
folgenden größeren Zahlen entwickelt und festgesetzt habe, und
erst später auch auf den Zwei-Fall übertragen worden sei. Wenig-
stens scheint mir der Sachverhalt bei größeren Mehrheiten viel
leichter erkennbar zu sein. Nehmen wir z. B. den Satz (aus .1.
Lichtenberger, Les Centaures 315), wo von den letzten sieben
nach mörderischem Kampfe mit ihren siegreichen Gegnern,
den Menschen, noch am Leben befindhchen Zentauren gesagt
wird: Puis, ayant affermi leurs massues, ils s'avancent tous
les s e p t ä pas lents s ur un e s e ul e l ig n c. (Dit^ Schluß-
^) Untor seinen Beispielen finden sich auch FiUlo mit drei Be-
teiUgten.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/\ 8
1 1 4 Theodor Kalepky.
Worte hebe ich im Druck hervor, um darauf hinzuweisen, dali
— im Gegensatz zu Löseths Meinung — der bestimmte Artikel
hier keineswegs gesondertes Handeln (chaciin separiment )
auszudrücken oder anzudeuten bestimmt ist). Es braucht nicht
erst gesagt zu werden, daü ein bloßes tous sept an dieser Stelle
genau ebenso gut am Platze gewesen wäre. Aber wenn es sich
— in wissenschaftlicher Syntax ! — nicht darum
handeln kann, eine „Regel" für den Nichtfranzosen aufzustellen,
sondern nur darum, die durch das angewandte sprachliche Ver-
fahren zum Ausdrucke zu bringenden, bezw. gebrachten Vor-
stellungen möglichst genau festzustellen, dann wird man sagen
dürfen: ious les sept bedeutet ,,die sieben — und zwar in ihrer
Gesamtheit", tous sept hingegen ,,alle (nämlich:) sieben an Zahl."
Daß der zu gründe liegende Sachverhalt genau derselbe sein
kann, ganz gleich ob die eine oder ob die andere Ausdrucksform
gewählt ist, liindert nicht, oder ^^elmehr: darf den Sprach-
forscher nicht hindern, diese Ausdrucksformen selbst
als innerlich verschieden hinzunehmen und nach möglichst ge-
nauer Erkenntnis dieses Unterschiedes zu trachten. Nicht
anders liegt ja doch die Sache in Fällen wie: il y ent cent hommes
tues und cent hommes de tues, il ne faut pas qua tu meures und il
faut gue tu ne meures pas usw. usw., wo es sich überall um zwie-
fache sprachliche Wiedergabe ein und desselbenSach-
bestandes, darum aber doch nicht weniger um verschieden
Aufgefaßtes, verschieden Gedachtes, und deshalb
in dieser Verschiedenheit genau Festzustellendes handelt.*) Hält
man sich an den vorhin angegebenen syntaktischen
Unterschied der beiden Ausdrucksweisen, dann wird man es in
vielen Fällen ohne weiteres begreiflicli finden, daß der Sprechende
die eine und nicht die andere gewählt hat. So z. B. wenn es bei
Guillaumin, {Baptiste et sa femme 174) heißt: 31ais le dimanchc,
■*) Auf die Gefahr hin, eigentlich Selbstverständliches allzuoft
zu sagen, benutze ich diese Gelegenheit, um von neuem gegen
die — soll ich sagen ,, kindliche" oder ,, banausische"? — jedenfalls
aber immer noch weit verbreitete Vorstellung zu Felde zu ziehen,
wonach es Aufgabe der Grammatik sei, Regeln für die eine Sprache
„Erlernenden" aufzustellen. Es ist der Fluch der Sprachlehre, daß
bei der erdrückenden Mehrzahl derer, die sich mit ihr beschäftigen,
„praktische" Zwecke im Vordergrunde stehen, sei es, daß sie gewisse
Sprachen sich selber möglichst sicher zu eigen machen wollen (d. h.
aber leider nur: zum Gebrauche zu eigen) oder, was für die
Wissenschaft noch verhängnisvoller geworden ist, sie für andere leicht
erlernbar zu machen trachten. Man stelle sich einmal vor, was aus
der Botanik geworden wäre, wenn sie lediglich von Blumen- und Ge-
müsehändlern behandelt worden wäre. Leider weist infolge des Miß-
brauchs, der in den Schulorganisationen vieler Länder hinsichtlich
des Französischen getrieben wird, das tatsächliche Schicksal
der französischen Syntax mit diesem imaginären der Botanik
eine verzweifelte Ähnlichkeit auf.
Si/ntaktisches. 115
apres diner, personne ne vieni, ils restent t o u s les de u x ,
r i en q u e tous les d e u x , Baptiste et Geneve. Mit dem
einschränkenden rien qiie verträgt sich zwar wohl: ,,Die beiden
(als Gesamtheit, als Ganzes)" aber nicht „alle und zwar zwei".
Denn ich kann wohl sagen: „nur die beiden waren da" aber
nicht: „nur alle waren da". Oder (A. Lichtenberger, Les
Centanres 312) Sons wie decharge de f leckes et de javelines, tous
quatr e (kämpfende Faune) roulent ä terre. Denn als die be-
sondere Wirkung des Pfeil- und Speerregens soll eben das Nieder-
fallen aller angegeben werden: ,,alle (vier an Zahl) rollten
sieh (sterbend) am Boden, kein einziger blieb am Leben".^)
Aber ebenso wird es ohne weiteres einleuchten, daß in einer großen,
ja in der überwiegenden Zahl von Fällen der beregte Konstruktions-
unterschied für die Darstellung des gegebenen Sachverhalts
absolut irrelevant ist, daß es demnach völhg in das Belieben des
Sprechenden oder Schreibenden gestellt ist, welche der beiden
Ausdrucksweisen er wählt. Wenigstens habe ich bei sorgfältiger
J^rüfung und Vergleichung an Hunderten von Beispielen ein
allgemein gültiges Prinzip, irgend welche äußerlichen Gesichts-
punkte, die etwa — neben jenem in ganz vereinzelten Fällen
zu praktischer Geltung kommenden Konstruktionsunterschied —
die Ausv/ahl bestimmten, nicht entdecken können, habe auch
Löseths Vermutungen, sein ,,chaciin des deux etres separement",
nicht bestätigt gefunden. Ist er geneigt, in (E. de Goncourt's)
pendant la tournee que tous les deux faisaient ä travers la France
die Erklärung des les darin zu sehen, daß es sich um deux con-
currents qui ne voyageaient point ensemhle handelt, so heißt es
anderseits bei Farrere (La bataille 178) Vous ^— Amhicaines
et Japonaises) portez toutes deux des robes qui se resseni-
blent, wo das toutes deux sich also auf zwei räumlich vollkommen
gesonderte Gesamtheiten bezieht; und wer, im Banne eines
derartigen Räumlichkoitsprinzips stellend, sich etwa versucht
fühlte, in dem (ebda 143) von der Hausherrin an ihre beiden
Gäste, einen Herrn und eine Dame, gerichteten Satze: Vous
souhaitez tous deux aller dormir eine zum mindesten pein-
liche Anspielung zu sehon — denn die beiden Angeredeten sind
^) Wenn Lückmfj; (§ 264 Anm.) in der artikellosen Vepl)indunj?
von tous, toutes mit einem Zahlwort lediglich einen Arohaismus und
<larin wiederum den Grund für die Seltenheit solcher Verbindungen
über die Zahl vier hinaus sehen will, so scheint er mir damit dem Wesen
<les ,, Artikels", der doch etwas bedeutet, nicht ein bloßes ,,F(u-m-
wort" ist, ebensowenig gerecht zu werden wie A. Tobler, wenn er
Verm. Beitr. IV, 84 Anm. 2 fragt: „Warum sollte man sagen il est
u. n tnedecin, da doch zum Subjekte il das Prädikat sicher nur Singular
.sein kann? (Anders, wo das Subjekt ce ist.)" Beide vergessen,
iiaß les dort und im hier neue Vorstellungselemente zur Rede hinzu-
bringen.
8*
I [('} Tlifotlor Kolcp/ii/.
nicht vorheiratet — würde vollkommen fehlgehen. Dieses Beispit-l
(wie übrigens noch manches andere) spricht auch gegen die Ver-
mutung, daß bei Äußerungen in der 1. und 2. Person Pluralis
der Artikel das Übliche sei, eine Vermutung, zu welcher — abge-
sehen von dem Gedanken an die in solchem Falle unleugbare
größere Anschaulichkeit dos ausgedrückten Zustands oder Wir-
gangs — der Umstand anregen könnte, daß manche Schrift-
steller in solchem Falle den Artikel unverkennbar bevorzugen.
So hat z. B. M. Prevost in Pierre et ThSrdse neben 12 artikellosen
Verbindungen — durchweg in der 3. Pers. (Plur.)! — 8 Fälle
mit dem Artikel und, unter diesen, 7 in der 1. oder 2. Person,
und nur einen in der 3. Person, nämlich: Ils se tiirent quelque
temps, to u s les den X. (S. 227), wo das tous les deux ganz
den Eindruck eines lediglich veranschaulichenden Zusatzes
macht. Übrigens zeigt es, wie auch einige Beispiele bei Löseth,
daß es an Sätzen nicht fehlt, in denen mit Bezug auf zwei bei
einander befindliche, genau das Gleiche tuende Personen tous
les deux gebraucht ist. Auch der von Löseth am Schlüsse ge-
machte Zusatz: «Tous deuo» avec un verhe refUchi se dit quelquefois
pour ü'un rautre>> bedarf — abgesehen von der formellen Berich-
tigung, daß es sich dabei nicht um reflexive, sondern um reziproke
Verba handelt — der Ergänzung, daß ganz dasselbe von tous
les deux gilt, vergl. : Vous passez votre temps ä cous taquiner tous
les deux, mais vous vous aimez hien, au fond. M. Prevost,
Pierre et therhe 26 oder (Henry Bordeaux, La peur de vivre)
Aimez-vous bien tous les deux usw. — Auch die Satzstelle,
die der tous-Ausdruck einnimmt, ist für Setzung oder Weg-
lassung des Artikels belanglos: tous deux und tous les deux finden
sich nicht nur in gleicher Weise als Subjekt, Objekt sowie mit
Präpositionen verbunden, sondern auch (im ersten dieser drei
Fälle) ebensowohl als voranstehendes (echtes) Subjekt (z. B.
Tous les quatre s'assirent) wie als appositionelle Bestimmung
zu einem vorangeschickten pronominalen Subjekt [Ils s'assi ent
tous (les) quatre). So wird denn auch für diesen Fall gelten,
was bei früherer Gelegenheit (vgl. die Abhandlung ,,Vom In-
finitiv mit de und ä nach commencer und in verwandten Fällen'",
Bd. XXXVII, H. 5 dieser Zeitschr. S. 259 f.) in betreff des
sprachUchen Verfahrens bei allen feineren Ausdrucksdifferen-
ziierungen gesagt wurde. Einmal, daß die große Zahl der sprach-
lich minder Geschulten oder weniger Feinfühligen oder auch
weniger Sorgsamen durch Vernachlässigung des von Hause aus
wohlberechtigten Unterschiedes, durch Verwechselung und Ver-
tauschung der Ausdrucksweisen leicht eine gewisse Verdunkelung
ihrer ursprünglichen Sinnesverschiedenheit herbeiführt; sodann,
daß, da es sich bei sprachlichen Differenziierungen meist nicht
um konträre Gegensätze (wde schwarz und weiß), sondern um
kontradiktorische (schwarz und nicht-schwarz) handelt, zwischen
Syntaktisches. 117
den beiden klar untersclieidbaren Extremen immer eine Fülle von
Zwischenfällen liegen, die zwar wohl teilweise, mehr oder weniger
deutlich, dem einen der beiden Enden zuneigen, aber die
sich ihm doch keineswegs alle mit Sicherheit zuweisen lassen, für
deren Behandlung bei der sprachlichen Wiedergabe es daher
vielfach an jedem sicheren Anhalt fehlt. (Es wurde an der an-
gezogenen Stelle besonders auf das Verfahren hinsichtlich der
Tempora (namenthch Imparfait und Passe defini) der Modi
(besonders Indikativ und Konjunktiv) und hinsichtlich der
Stellung (vor oder hinter dem Substantiv) der attributiven
Adjektiva exemplifiziert).^) — Auch Littres Angabe: <<^om5' les
deux» est plus emphatique (der er allerdings die Einschränkung
folgen läßt: «mais personne n'y fait attention>>) , scheint mir für
das heutige Sprachverfahren nicht mehr zuzutreffen. Immerhin
wird man sagen können — und das schwebte wohl auch Löseth
vor — daß ein toiis les deux etwas anschaulicher ist, daß es (durch
den im Artikel liegenden Hinweis auf die Bekanntheit, auf das
Im-Geiste-schon- Vorhandensein, das ,, Vorschweben" der be-
treffenden Seienden) eine inhaltvollere Vorstellung wachruft
als das etwas flüchtigere tous deux — man vergleiche z. B.
de tous cötis mit de tous les cötes oder apres dtner mit apres le
dtner usw.'^)
Unter den modernen Schriftstellern herrscht ^ abgesehen
von vereinzelten eigenartigen Fällen, bei denen sich die
eine oder die andere Ausdrucksweise ohne weiteres aus
der Natur der Sache ergibt, ziemUche Willkür des Ver-
fahrens. Wenn aucli einzelne den Verbindungen m i t dem
Artikel noch einen angemessenen Platz — hier und da
bis zu annähernder Gleichheit mit den artikellosen — ein-
räumen, so geben doch zahlreiche andere — und, wie mir
scheint, die Mehrzahl — den letzteren entschieden den Vorzug;
ja, es finden sich ganze Schriftwerke, Romane besonders,
'') Welches ist ck-im übrigens im Deulschen der Unterschied
zwischen ,, beide" und ,,dio beiden"? Mir scheint, die letztere (etwas
seltenere) Ausdrucksweise wird — konform der Bedeutung des ,, be-
stimmten Artikels" — einmal dann gebraucht, wenn von den in Rede
stehenden Personen bereits eingehender gesprochen, worden ist. auf
sie also mit Recht als auf , .bekannte" hingewiesen werden kann, oder
wenn zwei Personen zu einer größeren oder kleineren Zahl anderer
in Gegensatz gebracht werden und weitere unterscheidende Merkmale
itls diese Zweiheil sich nicht darbieten wollen. (In diesem Falle ist
..beiden" stärker betont als der Artikel ,,die".)
') tHjrigens kennt das Deutsche ja auch ..a 1 1 e beide", gebraucht
es aber im Gegensatz zu dem stark abgeschliffenen und verflüchtigten
tous (les) deux nur als Ausdruck energischer Zusanunenfassung, d. h.
zur ausdrücklichen Markierung der absoluten Gleichzeitigkeit und
Oemeinsamkeit des betr. Seins oder Tuns.
1 18 Theodor KaLepkij.
in denen, neben zahlreichen Lous dcux, Loua Irois usw. auch
nicht ein einziges toiis les deux, tous les trois^) usw. anzu-
treffen ist.^)
") Der VoUsläiidigkeil Iialber sei noch eivvähnl, daU, was inaiicli-
mal bestritten wird, gelegentlich auch (substantivisches) les dcux
oder ces deux allein, d. h. ohne tous, toutes anzutreffen ist. So (bei dpr
Angabe der Ursachen von Unglücksfällen:) Fatigue ou boisson, quelque-
fois le s deux. A. Daudet, La Fedor 18. — (Mit Bezug auf die Ab-
fassung der beiden Teile des Petit Chose:) Entre les de u x se place
un evenement fort inattendu pour moi, ders. Trente ans de Paris 73. —
II n'y a que nous deux qu'on n'a invites ä rien du laut, qu^on a menie
expulses, les deux precisement que tu as eus le plus pres de ton cceur,
ders. La Fedor 57. (Hier, wie in den l)eideii folgenden Sätzen, durch
den Relativsatz veranlaßt). — Pierre la suivait songeant ä ces de u .r.
qui restaient seuls. Zola, Rome 745. — Et eux aussi, l e s de u x qui
passent dans ces sentiers de digitales et de jougeres, participent ä cette
printaniere splendeur. Loti, Ramuntcho 151 usw.
'•') Ist es erlaubt, scliließlich noch auf die zwar äußerlich ganz
verschiedene, aber dem innersten Wesen nach docli auch wiederum
verwandte altfranzösische Erscheinung hinzuweisen, die A. Tobler
in dem 6. Artikel der leider allzufrüh abgebrochenen 5. Reihe seiner
Verm. Beitr. (vgl. Sitzungsberichte der Kgl. preuß. Akad. d. Wiss.
1909, S. 1145 ff.) erörtert? Verwandt insofern, als es sich dabei gleich-
falls lediglich um eine gewisse Veranschaulichung, um den — allerdings
kaum berechtigten — Hinweis auf Seiende als bekannte, als in der
Vorstellung schon vorhandene handelt. Für: ,,Ich habe nicht zehn
gefunden, welche..." sagt der Altfranzose (auch da, wo es sich um
noch gar nicht erwähnte Personen handelt) je n'ai pas trove i a u .s
dis qui. . . (also ,,s i e zehn", d. h. ihrer zehn). Tobler bemerkt dazu,
daß ihm dieses Pronomen (im appositioneilen Verhältnis — nicht
partitiv, wie unser ,, ihrer"!) keine andere Bestimmung zu haben scheine,
„als die in der Zahl begriffenen Seienden schärfer zu sondern, in einen
gewissen Gegensatz zu bringen zu denen, die nicht dazu gehören."
Es leistet also ähnliches wie in den Verbindungen mit tous und einem
Zahlwort der bestimmte Artikel.
Schlachtensee bei Berlin. Theodor Kalkpky.
(Fortsetzung folgt.)
Gustav Gröber.
Unerbittlich räumt der Tod unter der älteren Romanisten-
generation Deutsehlands auf. Kaum sind Adolf Tobler und
Hermann Breymann heimgegangen, trifft die schmerzliche Kunde
ein, daß auch Gustav Gröber nicht mehr unter den Lebenden
weilt. Zwar für ihn selbst ist der 6. November 1911 ein Tag der
Erlösung gewesen, der Erlösung von lioffnungslosem, jahre-
langem Siechtum. Für unsere Wissenschaft bedeutet aber der
Tod des großen Gelehrten einen unersetzlichen Verlust. Für
diejenigen, die zu seinen Schülern zählten, bedeutet er noch
mehr. Wir trauern um Gröber, wie Söhne um ihren Vater trauern.
Möge es mir, der ich unter seiner Leitung studierte, promo-
vierte und mich habilitierte, der ich mehrere Jahre in Straßburg
an seiner Seite dozieren durfte, gestattet sein, als bescheidenes
Zeichen nie vergehender Pietät ein Rild seines Lebens und Wir-
kens zu entwerfen.
Gustav Gröber ist am 4. Mai 1844 als Sohn eines Budi-
druckereibesitzers in Leipzig geboren. Seine Eltern bestimmten
ihn zum Buchhändler und gaben ihn nach absolvierter Schule
zuerst in Leipzig in die Lolire; dann wurde er nach Frankfurt
zur weiteren Ausbildung geschickt. Aber der Knabe hatte zu
diesem Beruf gar keine Neigung; inständig bat er seine Eltern
ihn doch studieren zu lassen, aber umsonst, seine Bitten wurden
nicht erhört. In seiner Verzweiflung wandte er sich nun um Hilfe
an den Direktor der Fürstenscliule zu Meißen. Zugleich trat
ein Freund Gröbers, der spätere Romanist Körting warm bei
seinen Eltern für ihn ein; endlich gaben sie denn auch nach und
gestatteten ihm den Besuch des Gynmasiums. Schon während
seiner Lehrzeit halte Gröber für sich emsig gearbeitet, so daß
er bereits nacii zweijährigem Schulbesuch das Gynmasium ab-
solvieren konnte. Die Energie, mit welciier er schon damals,
allen Hindernissen zum Trotz, seinen Willen durciisetzte, ist
charakteristisch für ihn. Hatte er einmal einen Plan gefaßt,
so fülirte er ihn auch durcli, koste es was es wolle. Gröber stu-
dierte nun in seiner Vaterstadt romanische um! klassisch»? Philo-
logie. Ebert war namentlich sein Lehrer. Bei ihm promovierte
120 Heinrich Schneegans. !
er aucli im Jaliro 1869 auf Grund einer Arbeit über lland-
schrijlliche Geslaltungen der Chanson de geste von Ficrnbras.
Naclidcm er ein Jahr lang Hauslelirer bei einem Grafen Wald-
stein in Böhmen gewesen war, kam an ihn eine Anfrage von
Tüblcr, ob er geneigt wäre, sich als besoldeter Privatdozent in
Zürich für das Fach der romanischen Philologie zu habili-
tieren. Gröber nahm an und siedelte im Herbste 1870 nach der
Schweiz über. Schon ein Jahi' später wurde er Extraordinarius.
In diese seine Scliweizer Zeit fällt seine Arbeit über ..Alljran-
züsische Romanzen und Pastoarellen, 1872". Am 15. November
1873 schlug ihn die philosophische Fakultät der Universität
Breslau einstimmig an einziger Stelle und mit großem Nach-
druck zum Ordinarius vor. Er wurde im Gutachten der Fakultät
bezeichnet als die „unter den jetzigen Umständen tüchtigste
Lehrkraft und geeignet stcPersönliclikeit für die hiesige Professur".^)
Am 13. Dezember wurde er ernannt und trat seine Stelle im Som-
mersemester 1874 an. In Breslau hat Gröber den Grund zu
seiner ausgedehnten Gelehrtentätigkeit gelegt. Dort ist es
gewesen, daß er im Jahre 1877 die Zeitschrift für romanische
Philologie gründete, der sich auch die wichtigste bibUographische
Hilfsquelle der Romanistik angliederte, die bekannten Supple-
mente, deren erstes Heft mit der Bibliographie von 1875/76, 1878
erschien. In die Breslauer Zeit fällt auch Gröbers Arbeit über
die ,, Liederhandschriften der Troubadours 1877". Auch als Lehrer
entfaltete Gröber eine sehr rege Tätigkeit. Auf seinen Antrag
erfolgte zwei Jahre nach seiner Ernennung die Begründung des
Seminars für romanische und englische Philologie. Aus diesem
Seminar sind neun Dissertationen hervorgegangen, darunter
die des späteren Hochschullehrers Koschwitz ^,Über die
Chanson du voyage de Charlemagne ä Jerusalem et ä Constantinople
(vom 7. April 1875). In Breslau begründete auch Gröber seine
Familie. Am 29. März 1875 heiratete er Elisabeth Weitenweber.
Der überaus glückUchen Ehe sind zwei Kinder entsprossen, eine
Tochter und ein Sohn. Nach sechs Jahren wurde Gröber als
Böhmers Nachfolger nach Straßburg berufen. Trotz
eines glänzenden und sehr verlockenden Rufes nach Leipzig,
seiner Vaterstadt, als Nachfolger seines Lehrers Ebert (1890)
blieb er bis an sein Lebensende (also von 1880 — 1911) der Kaiser-
Wilhelms-Universität treu. Er ist eine ihrer glänzendsten Zierden
gewesen. In Straßburg sind die hervorragendsten Arbeiten
Gröbers verfaßt oder herausgegeben worden, die Vulgärlateinischen
Substrate romanischer Wörter in Wölfflin's Archiv für lateinische
Lexicographie (1884 — 1892) und vor allem der Grundriß der
romanischen Philologie, dessen erster Band 1888 (2. Auflage 1904
'~'" ^) Cf. C. Appel, Breslau, K. Jahresbericht f. rom. Phil. 1905
IV p. 26.
Gusiw Gröber. 121
bis 1906) bei Trübner erschien, während der 2. Band in den Jahren
1897 — 1902 publiziert wurde. Welche gewaltige Arbeit im
Grundriß verborgen ist, ahnt der Laie kaum. Wir haben es an
dieser Stelle des Näheren noch nicht zu beleuchten. Erwähnen
wir nur einstweilen, daß auf Gröber allein im ersten Band die
..Geschichte der romanischen Philologie" (1 — 185)^), die .^Aufgabe
und Gliederung der romanischen Philologie (186 — 202), .^.^Die
mündlichen Quellen" (254—266), die Methodik und Aufgaben der
sprachivissenschafllichen Forschung (267 — 317), die Einteilung
und äußere Geschichte der romanischen Sprachen (535 — 563), im
2. Band (1. Abteilung) die Übersicht über die lateinische Literatur
(97 — 432) und die altfranzösische Literatur (433 — 1247) entfällt.
Wie viele stattliche Bände hätten andere nicht aus diesen 1729
enggedruckten Seiten in konzisem, gedankenschwerem Stil
lierausgeschält! Gröber verschmähte aber jedes Prunken mit
äußerem Schein. Ihm galt nur die Sache. Mit eiserner Konse-
quenz und pünktlichster Regelmäßigkeit arbeitete er an seinem
Grundri B. Jahre lang konnte man ihn Tag für Tag in den Morgen-
stunden in der Bibliothek am selben Platze sitzen sehen. Nach-
mittags und bis spät in die Nacht hinein arbeitete er zu Hause.
Und or gönnte sich keine Ferien. Größere Reisen hat er nur
selten unternommen. Er ist nur einmal in Frankreich und Italien
gewesen. Selbst in die Sommerfrische begleiteten ihn seine
Bücher und Korrekturbogen. Eine so intensive Arbeit mußte
schädliche, gesundheitUche Folgen haben. So litt denn Gröber
schon in den 90er Jahren an starker Schlaflosigkeit. Und man
bedenke, daß die Arbeit im Grundriß nicht die einzige war. Es
kam die fortlaufende verantwortungsvolle und zeitraubende
Arbeit der Redaktion der Zeitsclirift, der bibliogi^aphischen
Supplementheftc, denen sich im Laufe der Zeit auch die „Bei-
hefte" zugesellten. Von kleineren Arbeiten, die Gröber daneben
veröffentlichte, wollen wir gar nicht reden.^) Dazu kam die
Lehrtätigkeit, welcher er sich mit dem größten Eifer hingab.
Außer der vierstündigen Vorlesung, die er regelmäßig hielt, die
Seminarübungen. Ferner die Leitung der Dissertationen. Er
regte deren nicht weniger als 84 in Straßburg allein an. Wenn
man sich vergegenwärtigt, welche Zeit die Beteiligung an der
Prüfungskommission für das examen pro facultate docendi und
die zahlreichen akademischen Ämter (Gröber war z. B. immer
2) Ich zitiere nach dei- 2. Auflage.
^) Ich weise namentlich auf folgende hin: Ül)er das Haager Frag
ment, Herrigs Archiv Bd. 84, p. 291— .322; Die Carmina clericoriini,
SludentenlieJer des Miltclnllers ed. dnrniis qunedatu vetus 1890; Zur
Volkskunde aus Coneilbeschlüssen und Capilularien 1894; der Inhalt
des Faroliedes im d'Anconaband p. 583 — 601, Firenzo 1901; das älteste
rätorotnanische Spruchbuch 1907, Zur provenzalischen Versiegende
der h. Fides von Agen 1907; seine letzte Arbeit im Samnielband für
Pio Rajna: Die Entstehung des franz. ieu und ceulautes.
122 Heinrich Schneegans.
Vorsitzender der Stipendienkommission) oineni nocli kosten,
wenn man bedenkt, daß Gröber auch stets das regste Interess.-
an der laufenden Literatur nahm, sehr vieles las, was niciit in
sein Facli gehörte, so macht man sich ungefäiir ein Bild seiner
ganz gewaltigen Leistung. Kein Wunder, daß er bei solchci-
Arbeitslast zweimal die Ehre des Rektorats, die ihm seine Kollegen
vertrauensvoll anboten, ausschlug. — Seiner Gattin gegen-
über äußerte Gröber, daß er während der Herausgabe des
Grundrisses manchmal gefürchtet hätte, unter der Arbeit zu-
sammenzubrechen. Und als endlich das große Werk vollbracht
war, ruhte Gröber nicht. Sofort machte er sich an ein neues
Unternehmen und schuf die Bibliotheca romanica. in der muster-
gültige Texte berühmter romanischer Autoren in biUigen Aas-
gaben mit hterarischen Einleitungen herausgegeben werden
sollten. Und auch hier beteiligte sich Gröber persönlich außer-
ordentlich aktiv. Die Einleitungen von nicht weniger als 14
Bändchen tragen seine bescheidene Unterschrift G. G-^*) Her
rüstigste Körper hätte eine solche Arbeitslast auf die Dauer nicht
ertragen. Von Haus aus hatte Gröber eine eiserne Gesundheit.
Bis in die sechziger Jahre hatte er sich ein jugendfrischos Aus-
sehen bewahrt, über das manche staunten. Man hätte ihn für
weit jünger gehalten. Hatte er doch kaum ein graues Haar.
Da kam aber plötzlich der Rückschlag. Der Leib, den er so sehr
mißachtet, nahm seine Revanche. Zu einer sehr lästigen Augen-
krankheit, der zu Folge er im Laufe der Zeit das Augenlicht fast
ganz einbüßte, traten Lähmungen verschiedener Art ein, die den
Körper fast ganz gebrauchsunfähig machten. \'on Zeit zu Zeit
besserte sich sein Zustand, doch nie dauernd. Fünf Jahre lang
hatte Gröber schwer zu leiden, — und schon die vorhergehenden
sechs war er nicht mehr gesund. So mußte er denn daran denken
seinen Abschied zu nehmen. Er tat es im Sommersemester
1909. Die Leitung der Zeitschrift und der Bibliotheca romanica
behielt er aber bis zuletzt. Mit eiserner Energie benutzte er
jeden AugenbUck, den ihm sein unerbittHches Leiden ließ, um
zu arbeiten. Noch ein Jahr vor seinem Tod gab er seine „Wahr-
nehmungen und Gedanken" heraus {Aus der Zeit, Für die Zeit.,
Zur Klärung. 1875 — 1910 Straßburg, Heitz und Mündel), eine
Sammlung von Aphorismen. Als ich ihn einmal nach seiner
Emeritierung aufsuchte, sagte er mir, jetzt werde er sich mehr
^) Gröber gab folgende Texte heraus: In der französischen Ab-
teilung, die Chanson de Roland, Descartes, Discours de la Methode,
Corneille's Cid, Moheres Tartuffe, Misantitrope, Femmes savantes,
Racine's Aihalie, Restif de la Bretonne: L'an 2000, Beaumarchais
Barbier de Seville, Claude TilUer's Mon oncle Benjamin; in der italie-
nischen Abteilung, Dante's Divina Commedia, die Rime Petrarca's
Boccaccio's Decameron (die ersten Giornate), und in der spanischen,
Calderon's La vidaes sueilo, und zwar jedes mal mit einer Einleitung
in der jeweiligen Sprache des Textes.
Gustav Gröber. 123
mit Philosophie beschäftigen; es sei dies überhaupt von jeher
seine Lieblingswissenschaft gewesen. Doch die Krankheit ließ
ihm keine Muße mehr dazu. Immer düsterer zogen sich die
Schatten des Todes um ihn. In diesem Herbst sah ich ihn zum
letzten Mal. Kaum konnte er sich noch bewegen, und nur stockend
und mit äußerster Mülie vermochte er einige Worte herauszu-
bringen. „Sie treffen mich in sehr reduziertem Zustande" sagte
er mir. Aber er klagte nicht. Als ich ihn fragte, ob er Schmerzen
hätte, wich er der Antwort aus und erwiderte: ,,Ich freue mich,
daß das eine Auge noch etwas sieht". Das war ganz Gröber.
Von seinem Zustand schien er ein klares Bewußtsein zu haben.
Aber er war eine asketische Natur. Zu Jammern und Weh-
klagen ließ sich er nie herab. — Jeder, der ihn lieb hatte, mußte
aber wünschen, daß dieses elende Dasein bald ein Ende fände.
Erlöst wurde er am 6. November 1911.
Wenn man sich fragt, worin Gröbers Bedeutung als Ge-
lehrter liegt, wird man keinen Augenblick zweifeln. Bei Andern
mag man sagen, daß sie eher Sprachforscher oder eher Literar-
historiker oder Textkritiker sind. Gröber war vor allem ein
Enzyklopädiker und Organisator ersten Ranges.
Die Zeitschrift mit Supplement- und Beiheften, der Grundriß,
die Bibliotheca romanica, diese drei Schöpfungen reden eine
deutliche Sprache. Nicht minder die Abschnitte, die er sich
im ersten Bande des Grundrisses zur Ausarbeitung auswählte,
die Geschichte der romanischen Philologie, ihre Aufgabe und
Gliederung, die Einteilung und äußere Geschichte der romanischen
Sprachen. Nicht weniger umfassend war er als Lehrer. Er las
nicht bloß über Sprachgeschichte, er las auch über Literatur
und zwar sow^ohl des alten wie des neuen Frankreichs, bis in die
Klassikerzeit hinein. Die Dissertationen, die er anregte, bewegen
sich auf den verschiedensten Gebieten, und die zahlreichen
Schüler, die er heranbildete, vertreten auf den Lehrkanzeln
Deutschlands die allerverschiedensten Richtungen. Man kann
es wohl sagen. Einen so w'eiten und umfassenden Bhck wie er
hat kaum ein anderer deutscher Romanist gehabt. Eigentüm-
lich ist es gewiß, daß dieser stille Gelehrte, der kaum aus seiner
Studierstube herauskam, soviele Gelehrte des In- und Auslandes
um sich zu gruppieren wußte, um an seinen verschiedenen Unter-
nehmungen tätig zusein.^) Er reiste nicht, er besuchte keine Kon-
gresse, er hielt weder Reden noch Vorträge. Von seinem Schreib-
tische aus leitete er alles, beinahe unsichtbar, nacli festem, über-
legtem Plan, einem modernen Feldherrn vergleichbar, der nicht
in die Schlacht hinaussprengt und an der Spitze der Regimenter
5) Wie sehr er im In- und Auslände geschätzt wurde, beweist
der Umstand, daß BerHn, Wien, Göttingen, Bukarest und Coimbra
ihn zum korrespondierenden Mitglied ihrer wissenschaftliolien Ge-
sellschaften ernannten.
124 llriiiruh Schneegans.
cinliergaloppiert, sondern sitzend, von seinem Feldlierrnzelt aus,
mit Telephon und Telegraph bewaffnet, die Karte vor sicli aus-
gebreitet, den Meisten verborgen, seine Befolile zum Angriff oder
zur Verteidigung erteilt.
Seiner umfassenden Geistesrichtung enlspiechend wolltx'
Gröber die Aufgabe der Philologie nicht etwa wie Tobler auf eine
,, wahre und getreue Vergegenwärtigung des Inhalts fremder
Rede" beschränken; er sah vielmelir den eigentlichen Gegen-
stand der Philologie in der Erforschung der ,,Ersc})einung des
menschlichen Geistes in der nur mittelbar verständUchen Sprache
und seine Leistungen in der künstlerisch behandelten Rede der
Vergangenheit".*^) Sprach^^•issenschaft, Textkritik, Hermeneutik
und Literatur, alle diese Disziplinen gehören nacli ihm mit dem-
selben Rechte zur Philologie. Nach dieser Definition könnte
man auf den ersten BHck glauben, daß es nach Gröbers Meinung
nur für den Nicht-romanen eine romanische Philologie gäbe,
da nur für ihn die Sprache mittelbar verständlich wäre. Aber
diesem Einwand begegnet Gröber selbst, in dem er ausführt, daß
die Muttersprachen, wenn sie auch unmittelbar verstanden
werden, ,,auch als solche nicht ausreichen, um sie selbst oder
ein Erzeugnis künstlerischer Rede in ihnen nach der geschicht-
lichen Seite hin wahr aufzufassen " (I.e. p. 197). Somit würden
sie denn schon,, auf ihrer gegenwärtigen Stufe, bei den Romanen
nicht anders als bei dem Ausländer, Forschungsgegenstand".
Sie seien es ,,in allen ihren Gestaltungen, in ihrer ganzen Dauer
bis hinab zu ihren Anfängen als schlichter Ausdruck des Denkens
im Verkehr der Sprachgenossen, \\\q im schriftstellerischen
Werke". So wäre es denn falsch sich vorzustellen, daß, wenn
im Grundriß die französische Literatur von Gröber nur bis zum
Ende des 15. Jahrliunderts geführt wird, er der Ansicht gewesen
wäre, daß die moderne Literatur kein Gegenstand philologischer
Erforscliung gewesen wäre. Sollte dies seine Meinung gewesen
sein, so hätte er auch die Literatur anderer romanischer Völker
im Grundriß auf das Mittelalter beschränkt. Das ist aber weder
bei der italienischen noch portugiesischen, rätoromanischen
oder rumänischen der Fall, da sie bis in das 19. Jahrhundert
geführt werden. Nur äußere Gründe werden es veranlaßt haben,
daß die katalanische, spanische und französische Literatur nicht
vollständig vorgeführt werden. Hinsichtlich der französischen,
deren spätere Perioden auch Anfangs charakterisiert werden
(Grundriß II, 1, p. 435/6) sagt Gröber selbst: „Nur für die
altfranzösische Zeit steht der Raum hier zur \^erfügung". Also
nur ein äußerlicher Grund hat die neufranzösische Lite-
ratur ferngehalten. Für die umfassende Vorstellung, die er sich
von unserm Arbeitsgebiet machte, Nvird es nicht unnötig gewesen
'■) Cf. Grundriß 1,2), p. 193/194.
Gustav Gröber. 125
sein, sich dies alles klar vor Augen zu führen. Daß Gröber auch
sonst für die moderne Literatur Interesse hatte, weiß jeder, der
bei ihm gehört hat. Er las in regelmäßigem Turnus Geschichte
der französischen Literatur seit Franz L und kam bis tief in die
Regierung Lud^^^gs XIV. hinein. Das erste Semester seiner
Amtstätigkeit in Straßburg las er auch ein zweistündiges Kolleg
über das französische Lustspiel des 18. Jahrhunderts. Die neu-
französischen Texte, die er in der Bibliotheca Romanica heraus-
gab, habe ich schon oben zitiert. Aus zahlreichen Gesprächen
mit ihm weiß ich, wie sehr er auch in der modernsten Literatur
bewandert war. Freihch, sympathisch war ihm die Richtung
der neueren Literatur nicht. Oft hat er geklagt über die Hervor-
kehrung der ,, Elendsgefühle" durch den französischen Naturalis-
mus, über die Animahsierung der Frau in dieser Literatur, über
die Torheit in der Kunst nur Selbstzweck sehen zu wollen. Über
Frankreich überhaupt liat er manchmal liarte Urteile gefällt,
die nicht immer gerechtfertigt sein dürften. So tadelt er in
seinen ,, Wahrnehmungen und Gedanken, p. 33 ff." an den Fran-
zosen, daß sie die Formenkunst zu sehr betonten und der Selbst-
gefälligkeit zum Ausdruck verhülfen, daß, was in Frankreich
nicht eitel sei, dem Eiteln nachlaufe, daß Franzosen wie Frauen
empfänden und wie Juden rechneten. In seinem Urteil konnte
Gröber überhaupt hart sein, und hatte er einmal eine Überzeu-
gung gewonnen, so war er kaum davon abzubringen. Alles,
was in den ,, Wahrnehmungen und Gedanken" steht, dürfen wir
übrigens nicht wohl als den Ausdruck seiner besseren Jahre
ansehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß sie in der letzten Zeit
seines Lebens redigiert wurden, und daß der trübe Schatten der
Krankheit, die ihn folterte, ihm jede Lebensfreude raubte und
eine tiefe Bitterkeit in seiner Seele aufkommen lassen mußte.
Von einer stillen Gelehrtennatur erw-artet man im allge-
meinen nicht, daß sie besonders anregend sei. Und doch ist das
bei Gröber mehr der Fall gewesen als bei den meisten. Wie viele
Anregungen hat er nicht allein im Grundriß gegeben! Denken
wir nur an seine Theorie der Ausbreitung der romanischen Sprachen
von gewissen Sprachzentren aus. Was jetzt die Schweizersciiulc
mit Morf und Gauchat an der Spitze im einzelnen ausführen,
geht doch in letzter Linie — vielleicht unbewußt — auf
Gröbers Grundriß zurück. Hatte er doch schon p. 539 ausge-
sprochen: ,,Die Frage nach der Gliederung der romanischen
Mundarten ist auch die Frage nach den Ausbreitungszentren
romanischer Sprache und nach den Verkelirsgrenzen, die unttM-
den Romanen ehemals bestanden"... und p. 540: ,, Geschicht-
liche Tatsachen müssen mit den sprachlichen Erhebungen sicli
vereinigen, wenn Gebiete, die sich als Höiien lautliciier Ent-
wickelung und als Entstehungsorte herrschenden Sprachge-
brauchs dargestellt haben, als einstige Sprachzentren anerkannt
I2f; Heinrich Schneegans.
werden sollen." Wie Gröbers Anregung hier die Sprachgeographie
im weitesten Sinne befruchtet hat, so hat er auch die Ortsnamen-
forschung namcntlicli durch Anregung von Schülerarbeiten
mächtig gefördert. Wenn für diese Seiten der romanischen Philo-
logie die Geschichte Hilfswissenschaft ist, so für manche andere,
die Gröbers Interesse waclirief, die Psychologie. Die in der Syntax
so wichtige Unterscheidung zwischen subjektiver und objektiver
Gedankendarstellung, zwischen affektischer und verstandes-
mäßiger Rede, die etwa auf die Stellung des Adjektivs oder die
Erklärung des Konjunktivs einen so großen Einfluß ausübt,
ist meines Erachtens von Gröber zuerst im Grundriß ausgesprochen
worden. Wer je an seinen Seminarübungen über französische
Syntax teilgenommen hat, weiß, wie anregend seine Kritik der
Lücking'schen und anderer Grammatiken war, und wie vor-
züghch er es verstand an Stelle der unnötig komplizierten und
äußerlichen Regeln, die den Grund der Sache nicht trafen, die
psychologische Radix der Erscheinungen aufzudecken. Auch
in der Laut- und Formenlehre wußte er stets auf die letzten
psychischen Ursachen aufmerksam zu machen. Man denke
nur an seine Auseinandersetzungen über die vis minima (Grundriß
1,2), p. 298 und die Tendenz der französischen Sprache stets
offene Silben'^) herzustellen. Aber nicht bloß im Grundriß, schon
in seiner ersten Arbeit hatte Gröber gezeigt, daß er ein Pfadfinder
w-ar. Schon im Jahre 1869, in seiner Arbeit über die handschrift-
lichen Gestaltungen der Chanson de geste von Fierabras, hatte
er die Hauptgesichtspunkte der kritischen Herstellung eines
altfranzösischen Textes, also noch vor Gaston Paris' Ausgabe
des Alexiusgedichtes ausgesprochen.
Anregend hat Gröber auch als Literarhistoriker
gewirkt. Er ist der erste, der in Deutschland eine nur wis-
senschaftlichen Zwecken dienende altfranzösische
Literaturgeschichte gegeben liat,^) {Französische Literatur II, 1
p. 433 — 1250). Vor ihm gab es auch in Frankreich nur A u b e r -
t i n's veraltete Histoire de la langue et liüeratiire jrauQaise au
moyen age 1876, 1885,2; Gaston Paris' kurzes Manuel
1888, 1890,2 uj^(j (jig recht ungleichen zwei ersten Bände in P e t i t
de J u 1 1 e V i 1 1 e's Histoire de la litterature franraise 1893. Was
w^ar das im Vergleich zur gewaltigen Leistung Gröbers mit ihren
817 Seiten? Welche Gelehrsamkeit war da aufgestapelt! Eine
') Auch in einer besondern Abhandlung unter diesem Titel in
,,Miscellanca linguisüca in onore di G. Ascoli 263 — 273, 1901.
^) Suchiers Literaturgeschichte erscheint zwar 1900. Aber auf
wie gründhcher Basis sie auch ruht, sie verfolgt doch nicht rein wissen-
schaftliche Zwecke, sondern ist zugleich popularisierend. Sie ent-
behrt auch des bibliographischen Materials. Auch geht sie, wie es
selbstverständlich bei dem verfolgten Zwecke ist, nicht so sehr ins
Einzelne wie Gröbers Literaturgeschichte.
Gustav Gröber. 127
wahre Benediktinerarbeit. Jeder Satz das Ergebnis langer,
gewissenhafter j\rbeit. Man wird es getrost behaupten können,
Gröber hat alles selbst gelesen, durchforscht und sich über alles
seine eigene Meinung gebildet. Oft gibt er in einem einzigen
knappen Satz den Inhalt eines ganzen Epos wieder. Den Voyage
de Charlemagne ä Jerusalem ei Consiantinople analysiert er z, B.
kurz folgendermaßen (p. 465): ,,Karl der Große zieht, in seiner
Eitelkeit von seiner Gemahlin aufgestachelt, aus, sich mit dem
angeblich stattlicheren König Hugo von Konstantinopel zu
messen, gelangt als Pilger nach dem heil. Lande, wo Gott für ihn
Wunder tut und die Reliquien ihm übergeben werden, überzeugt
sich dann von der Überschätzung Hugos durch seine Gemahlin,
unterläßt aber die für diesen Fall angedrohte Strafe bei seiner
Heimkehr an ihr zu vollziehen." Der folgende Satz charakteri-
siert kurz die ,,gabs" . Mit klarem Blick erfaßt Gröber das Wichtige
und rückt es kräftig in den Vorderginmd. Über die bedeutendsten
und schwierigsten Fragen der altfranzösischen Literatur hat er
auch seine selbständige Meinung, So über die Entstehung des
altfranzösischen Epos, schon im Anschluß an das Haager Fragment
in Herrigs Archiv 84 (291 — 322), dann bei Besprechung des
Faroliedes im d'Anconaband (p. 583 — 601), endlich eingehend
im Grundriß, wo er einerseits die carmina regum^ anderseits
die Zeitgedichte als die ersten Epenformen ansieht (Litt. II 1.
447 ff.). Nicht minder originell sind seine Gedanken über die
altfranzösische Lyrik, für die er zwar als Ausgangspunkt eine
volkstümhche Gattung annimmt, dann aber die Ent\\'ickelung
den sozialen Zuständen gemäß im aristokratisierenden Sinne
.sich weiter vorstellt (schon in seinen altfranzösischen Romanzen
und Pastourellen 1872, auch Jahrbuch 12, 91 ff., dann in der
Abhandlung ,,Zur Volkskunde aus Concilbeschlüssen und Capi-
{.ularien 1893'-, in der Literatur p. 444 ff., 475 ff., 659 ff.).
Es dürfte wenig Gelehrte geben, die von dem literarischen Leben
Frankreichs im Mittelalter eine so vollständige Kenntnis ge-
habt haben wie Gröber. Denn er begnügt sich nicht mit der
Darstellung der in französischer Sprache A^erfaßten literarischen
Werke; er zieht auch, wie bekannt, die ganze lateinische Literatur
der Zeit in den Kreis seiner Forschung. Auch hier hat Gröber
i)ahnbrechend gewirkt (Übersicht über die latei-
nische Literatur von der Mitte des 6. Jahr-
hunderts bis 1350, p. 97—432, Grundriß IV).
Es gibt wenige Fragen der romanischen Philologie, zu denen
(iröber nicht das eine oder andere Mal Stellung genommen hätte.
So haben auch die ältesten Denkmäler seine Auf-
merksamkeit gefesselt. Mit den so viel und so oft umstrittenen
Formen der Straßburger Eide hat er sich schon früh befaßt
(Jahrbuch für rom. und engl. Lit. XV 1876, 86 ff.; Zs. für rom.
Phil. II 1878, 184), ebenso mit einigen die Passion, den Leodegar
128 Heinrich Schncegari'--.
und die Stephansepistel betreffenden Fragen (Zs.VI 1872, p.470 ff.i
Aber nicht bloß die französische, auch die andern romanischen
Sprachen haben ihn beschäftigt. Schon während seiner iJreslauer
Zeit 1877 suchte er in den „Liedersammlungen der
Troubadours" die Hss. der provenzalischen Lyriker in
ihre einzelnen Bestandteile aufzulösen und von den Anfängen
der schriftlichen Aufzeichnung derselben ein Bild zu entwerfen.
Einen provenzalischen Gegenstand behandelt auch seine Arbeit
,,Zur provenzalischen Verslegende der heil.
Fides von Agen 1907". Im selben Jahr nahm er mit L.Traubo
zusammen die alträtoromanische Interlinearversion s. t. ,,d a s
älteste rätoromanische Sprachdenkmai
(Sitzungsberichte der Münchener Akademie der Wissenschaften
1907) unter die Lupe. Zu seinen hervorragendsten Arbeiten
gehört auch, last not least, die in den ersten Jahren seiner Straß-
burger Zeit abgefaßte grundlegende lexikographische Arbeit,
,,die vulgärlateinischen Substrate roma-
nischer Worte r", die in Wölfflins Archiv für lateinische
Lexikographie in den Jahren 1884 — 1892 erschienen ist, und eines
der bedeutendsten Hülfsmittel zur Etymologie romanischer
Sprachkunde bleiben wird.
Von Gröbers Wirksamkeit würde man sich aber nur ein
unvollständiges Bild machen, wenn man ihn bloß als Gelehrten
betrachtete. Gröber war zugleich auch ein eminenter Lehrer.
Seine Vorlesungen waren von durchsichtiger Klarheit, bis ins
einzelne ausgearbeitet, dabei von einer solchen Zuverlässigkeit,
daß man auf jedes Wort, das er auf dem Katheder sprach, hätte
bauen können. Wie in seinen wissenschaftlichen \\erken war
er auch hier jedem Scheine abhold. Der Wert seiner Vorlesungen
wird dadurch noch erhöht, daß gar manche von den Kollegs,
die er las, damals noch etwas ganz neues boten, so seine historische
französische Grammatik, seine Enzyklopädie, seine altfranzösische
Literaturgeschichte, seine italienische historische Grammatik.
In den 80er Jahren gab es darüber noch keine nennenswerten
Bücher. Abgesehen von diesen Vorlesungen las Gröber im regel-
mäßigen Turnus, fast immer vierstündig, Geschichte der fran-
zösischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert, und Erklärung
des Bolandsliedes. Im Seminar behandelte er die verschiedensten
Gegenstände; er erklärte altfranzösische Texte, besonders oft
die ältesten Denkmäler, dann aber auch Ywein, CHges, Marie
de France, Joufrois, den Roman de la Poire oder veranstaltete
textkritische Übungen auf Grund der verschiedenen Fassungen
des RolandsHedes, oder trieb kursorische Lektüre mit Zugrunde-
legung von Bartsch's Chrestomathie. Daneben behandelte er
auch Altprovenzahsch, Altitalienisch, auch Boccaccio und Pe-
trarca, und Altspanisch. Besonders behebt waren stets seine
Übungen zur französischen Syntax. Auch Vulgäi'latein und
Gustav Gröber. 129
Lautphysiologie hat er das eine oder andere Mal getrieben. Der
Besuch des Seminars war nicht ^^ie bei einigen Dozenten an eine
bestimmte Zahl oder an die Ablegung einer Aufnahmeprüfung
oder an das Vorlegen einer Bewerbungsarbeit gebunden. Wer
darum bat, wurde eo ipso aufgenommen. Auch herrschte be-
züghch der Übernahme von Seminararbeiten vollständige Freiheit.
Die sich meldeten, kamen zu Wort, die anderen hörten zu. So
beschränkte sich die Diskussion ge\\öhnhch auf die älteren Mit-
glieder. Gröber selbst sparte nicht mit seinem unendlichen
Wissensschatz; freigebigst gab er eine Anregung nach der anderen.
Noch mehr war das vielleicht der Fall denen gegenüber,
die unter seiner Leitung eine Doktorarbeit schrieben. Im Direktor-
zimmer des romanischen Seminars war er morgens zu bestimmten
Stunden täglich zu sprechen und er kargte nicht mit seinem
Rat. Seine Vielseitigkeit spiegelt sich auch in der Mannigfaltig-
keit der Themata, die er erteilte, \^'äh^end seiner Breslauer
und Straßburger Wirksamkeit, 36 Jahre lang, hat er 93 Disser-
tationen angeregt, darunter 25 die altfranzösische Literatur
und Tcxtbehandlung betreffende, 6 über die Sprache eines alt-
französischen Textes, 7 über altfranzösische Lautlehre, ebensoviele
über Formenlehre, 2 über Wortbildung, 5 über Lexikologie und
Ortsnamenforschung, 9 über Syntax, 4 über neufranzösische
Dialekte, 2 über Poetik und Stilistik, 8 über neufranzösische
Literatur, 7 über Metrik, 6 über italienische Sprache und Dialekte,
1 über italienische Literatur, 4 über Provenzalisch und Spanisch.
Gar manche der späteren Romanisten Deutschlands sind Gröbers
Schüler gewesen, so Koschwitz (Über die Chanson du
Voyage de Charlemagne ä Jerusalem et Constantinople, Breslau
1878), Schwan {Philippe de Remi, Sirede Beaumanoir und seine
Werke 1880), Behrens {Unorganische Lautvertretung innerhalb
der formellen Entwichelung des französischen Verbcdstammes 1882),
Freymond ( Über den reichen Reim bei allfranzösischen Dichtern
bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts, 1882), Packscher
(zeitweise in Breslau liabilitiort) {Zur Kritik und Geschichte des
französischen Rolandsiiedes 1885/6), Pli. Aug. Becker {Zur
Geschichte der vers lihres in der neufranz. Poesie 1887/88),
Schreiber dieser Zeilen {iMute und Lautentwickelung des
sizilianischen Dialektes 1888), Fr. Ed. Schneegans {Die
Quellen der sog. Pseudophilomena 1890/91), Hoepffner
{Eustache Deschamps, biograph. Studie l^Oi). Audi Zenker,
der freilicli in Erlangen {Die provcnzalische Tenzone, eine lite-
rarliislorische Abhandlung, 1888) pnniKtvierte, und Voss 1er,
der in Germanistik promovierte, ebenso T h ura u, sind Gröbers
Schüler gewesen. Nicht minder zwei spätere Anglisten, K a 1 u z a
(Über das Verhältnis des mittelenglischen Gedichtes William of
Palcrne zu seiner französischen Vorlage /, 1881, Breslau) und
Wetz {Die Anfänge der ernsten bürgerlichen Dichtung des^
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/'. 9
130 Heinrich Schneegons.
LS. Jahrhunderls, 1885/86) arbeiteten unter Gröbers I.filung.
Die Namen dieser zum größten Teil jetzt noch in Deutschland
und Österreich wirkenden Gelehrten, die in ihrer wissen-
schaftlichen Richtung fast durchweg verschiedene Wege ein-
geschlagen haben, bezeugen wie vielseitig Gröbers Einfluß
gewesen ist,^) übrigens kein Wunder bei seiner enzykln-
pädisch gerichteten Natur, Die Anhänglichkeit von Gröbers
Schülern nahm eine greifbare Form , als sie ihm zur Fei(;r
seines 25jährigen Wirkens als ordentlicher Professor, als Fest-
gabe einen stattlichen Band wissenschaftlicher Abhandlungen
überreichten.^®) Weit über das Grab hinaus wird aber das An-
denken Gröbers in den Herzen seiner Schüler weiterleben. Wir
wußten, daß wir in ihm mehr als einen Lehrer in des Wortes
gewöhnUcher Bedeutung liatten. Wir hatten alle die Empfindung,
daß er uns Hebte wie ein Vater seine Söhne liebt und wir gaben
ihm die gleiche Liebe wieder. ^^) Zwar hätten \\ir es nicht gewagt,
so lange er lebte, ihm ein derartiges Bekenntnis abzulegen, denn
%\ir hätten das Gefühl gehabt, daß er es als übertriebene, über-
schwängliche Redensart empfunden, und unwilUg abgewiesen
liätte. Alles Übertriebene war ihm j a verhaßt. Gefühlsäußerungen
suchte er selber so viel als möglich zurückzudämmen. Deshalb
wird er manchem vielleicht als kalter Verstandesmensch gegolten
haben. Das war er aber durchaus nicht. Im Grunde war er
eine sehr warm fühlende, sogar affektische Natur. Aber er wollte
diese Natur nicht zum Durchbruch gelangen lassen. Er hielt sie
fest im Zaum. Nur manchmal, wenn etwa die Nervosität ihn
übermannte, brach das Temperament bei ihm durch. Auch
^) Ihnen möclite ich den Namen eines zwar nicht an der Universität
als Dozent tätigen, aber mit der Prüfung der Studenten im Staats-
examen in Straliburg betrauten, und wissenschaftUch überaus tätigen
Lothringer Gelehrten hinzufügen: Constant This, der mit der
Arbeit ,,Die Mundart der franz. Ortschaften des Kantons Falckenberg
Kreis Bolchen in Lothringen" 1886/7 promovierte, und sich auf dem
Gebiete der Dialektkunde und Syntax sehr rege beteiügte. This
ist Direktor der Realschule in Straßburg. — Auch Ernst Robert
C u r t i u s , dessen Arbeit {Einleitung zu einer neuen Ausgabe der
quatre licre des rois 1911) von Gröber angeregt wurde, und vollständig
in der Gesellschaft für ronian. Literatur erschien 26 Bd., auch Gröber
gewidmet ist, sei hier genannt.
^0) Beiträge zur romanischen Philologie. Festgabe für G. Gröber,
von Ph. Aug. Becker, Behrens, Freymond, Kaluza, Koschwitz, H. R.
Lang, F. E. Schneegans, H. Schneegans, C. This, G. Thurau, K. Vossler,
W. Wetz, L. Zehqzon, R. Zenker, Halle, Niemeyer 1899.
") Das Verhältnis Gröbers den eingeborenen elsässischen Studenten
gegenüber war stets überaus herzlich. Gröber imponierte durch seine
ungeheure Gelehrsamkeit und Sachlichkeit. Er liat sich von der
Tendenz des sog. Germanisierens stets ferngehalten; er hat weder zu
gewinnen versuclit, noch sein Deutschtum lärmend hervorgekehrt.
Um so größer ist sein Einfluß gewesen. Durch sein objektives Verhalten
in jeder Richtung hat er den Elsässern Achtung vor der deutschen
Gelehrsamkeit und schlichtem deutschem Wesen einzuflößen gewußt.
Gustav Gröber. 131
dann, wenn etwa seine Schüler gewagte Hypothesen vorbrachton,
die vor der Kritik nicht stand hielten. Dann konnte er scharf
«ein, schroff, unerbitthch tadeln. .A±)er das war gut und recht.
Er zeigte uns, daß in der ^Vissenschaft nur GründUchkeit zum
Ziele führen kann, daß Aufrichtigkeit und Ehrhchkeit das erste
Gebot ist. Ihm selber galt die Wahrheit stets als das Höchste.
Er ging darin soweit, daß er sogar alles, w^as durch schöne Form
glänzte, als unwahr brandmarken konnte. So läßt sich das obige
scharfe Urteil über Frankreich erklären.
Ein anderer Grundzug seines Wesens war die Energie. Mit
zäher Beständigkeit setzte er seine Pläne durcli. Er hat keinen
Torso hinterlassen. Seinen Grundriß hat er allen Sclu\ierigkeiten
-Zum Trotz zu Ende geführt. Die Zeitschrift hat er bis zum Schluß
geleitet. Die W^affe in der Hand ist er gestorben, wie ein Krieger
auf dem Schlachtfeld.
Folgende Worte aus seinen ,,Walirnehmungen und Gedanken'"'
charakterisieren ihn vorzüglich. Er sagt z. B.: ,,Wer dem Besten
seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten" will heißen,
wer in seiner Zeit mit Energie geschaffen hat, lebt noch in der
Zukunft". So der rastlose, sich selber liarte, asketische, energische
Arbeiter. — Aber daneben auch der gute Vater, der wohlwollende
Lehrer: ,, Geben ist seliger als nehmen", d. h. bejalien befriedigt
mehr als verneinen. Das Maß des Glückes hängt davon ab, ein
wie reicher Geber jemand ist" p. 123.'' So ist er denn nach seinem
eigenen Ausspruch glücklich gewesen. In der Vereinigung dieser
beiden Züge, Nächstenliebe und Energie, erbUckte er das Höchste:
,,Unvergessenheit, d. i. Unsterblichkeit ist denen zuteil geworden",
sagt er p. 88, ,,die durch Leistungen der Nächstenliebe und der
Energie die Zeitgenossen überragten". Mit stolzem Selbst-
bewußtsein darf er dieses Wort auf sich selbst übertragen. Seinen
Schülern wird er unvergeßlich sein. Die Romanistik, die er so
energisch, so freigebig gefördert hat, wird ihn stets als einen
ihrer Größten verehren.
Bonn. Heinrich Schneegans.
Zu Zeitschrift XXXVIIIS S. 359:
Z. 17 Y. u. ist hinle.' „ins Leben ruft" einzuschieben: Endlich,
vielleicht das Wichtigste, fehlt jede Spur des Rachemotivs,
das der Dümmlingsage eigentümlich ist. Lauter grundsätzliche
Verschiedenheiten, die einen Zusammenhang des Perronnik mit dem
Gral ausschließen.
W. FOERSTER.
^
"h
Beiträge ziir Rolandsforschimg.
III
Tnroldns (2. Fortsetzung.)
Turoldus ohne Bistum.
Am 1. Oktober 1104 hatte sich Turoldus zum zweitenmal
dem päpstlichen Gericht zu stellen.^) Aber er erscheint nicht,
schickt auch keinen Vertreter, auch keine oder doch keine ge-
nügende Entschuldigung.^) So befremdend das auf den ersten
Blick erscheinen mag, es erklärt sich doch aus den kirchen-
politischen Zeitumständen. Unser Bischof sollte ein Opfer des
Investiturstreits werden.
Als Turoldus zum Termin hätte aufbrechen müssen, Spät-
sommer 1104, war der KonfUkt zwischen König Heinrich von
England einerseits und Anselm und der Kurie andererseits noch
brennend. Dazu, im Herbst desselben Jahres, war Heinrich
selbst in der Normandie und griff als Schiedsrichter in die An-
gelegenheiten des Herzogtums ein.^) Es versteht sich, daß sein
Vorgehen schon seit längerer Zeit geplant und vorbereitet war.*)
Bei dieser Lage der Dinge konnte Heinrich nicht zugeben, daß
der Bischof einer der wichtigsten Städte der Normandie sich
dem Schiedsspruch der Gegenpartei unterordnete; er wird ihm
vielmehr ausdrücklich die Reise untersagt haben. Wie manch
anderer geistlicher Würdenträger in jener schweren Konfliktszeit
1) Vgl. diese Zs. XXXVIIP, 1911, S. 135.
2) Porro ille nee uenit in termino nee pro se legatum secundum
canonica decreta mandauit nee ahquas ueras necessitatis causas pro-
bauit (G. Morin, Lettre inedite de Pascal II, in: Revue d'hisloire
ecclösiastique, 5, 1904, S. 285).
^) Curriculo sequentis anni [1104] rex et frater suus causis inter-
cedentibus discordati sunt. Misit igitur rex mihtes in Normanniam,
qui a proditoribus consuHs recepti praedis et combustionibus non
minimam cladem rebus consularibus ingesserunt (H e n r i c u s Hunten-
donensis, Historia Anglorum, Lib. VII § 24, ed. by Thomas Arnold,
London 1879, S. 234).
*) George Burton Adams, The history of England from tlie
Norman conquest to the death of John <1066— 1216>, London 1905,
S. 140.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Littr. XXXIXV- 10
134 Wilhelm Tavernier.
hatte Turoldus zu wählen zwischen König und Kurie. 5) Per-
sönliche Beziehungen w(!r(len unsern Dichter mit (lern geist-
vollen Ilcrrsclier verknüpft iiahen,^) und jedenfalls war Turoldus
schon durch seinen dem Beauclerc geleisteten Eid (diese Zeitschr.
XXXVII^, S. 123) an dessen Sache gebunden. Heinrichs Sache
aber war zugleich die der Ordnung, er war die Hoffnung aller
Wohlgesinnten in dem völliger Anarcliie preisgegebenen Herzog-
tum. Also ließ Turoldus notginirungen den Termin verfallen,
nur die Vertreter des Kapitels von Bayeux erschienen vor dem
Papst. Zu den drei Klagpunkten von 1103 (diese Zs. XXXVIIP,
S. 133 f.) fügen die Gegner noch einen neuen: qiiod uiolenter
reclamaniibiis et contradicenlibus clericis aecclesiam inuasisset
(Morin 285)."^)
Durch sein unentschuldigtes Ausbleiben zum festgesetzten
Termin hatte sich Turoldus dem geltenden Recht nach selbst
das Urteil gesprochen®) : er wurde also für abgesetzt erklärt®)
und ,, Klerus und Volk" von Bayeux durch päpstliches Schreiben
vom 8. Oktober 1104 aufgefordert, zur Wahl eines Nachfolgers
zu schreiten.^®) Dieses Breve scheint denn auch zur Folge ge-
habt zu haben, daß Turoldus freiwillig oder gezwungen seine
Residenz verließ.
Aber als das päpstliche Schreiben in der Normandie ankam,
war Heinrich, des Turoldus Gönner, schon entschlossen, sich
^) Eine ähnhche Zwangslage wird in jener Zeit in einem Brief Ivos
von Chartres an Bischof Turgis von Avranches geschildert (Patrologiae
cursus completus, accur. J.-P. Migne, Series latina, 162, Parisiis
1889, Sp. 273): Cogit enim vos ex una parte legatio apostohcae sedis,
ut praeceptis ejus obediatis; urget vos ex altera regia potestas, ut
rpsistri tis
6) Vgl. diese Zs. XXXVIP, S. 123. 1096 „Henry took service
under Rufus" (The encyclopaedia Britannica, 11. ed., XIII, Cam-
bridge 1910, S. 280), von dem ihm die Grafschaften Coutances und
Bayeux (außer den beiden Städten Caen und Bayeux) verliehen wurden
(La grande encyclopedie, XIX, Paris o. J., S. 1088). Schon von daher
ergeben sich persönliche Beziehungen zwischen dem Beauclerc und
dem Bischof von Bayeux; sie werden nicht erst begonnen haben, als
Heinrich König geworden war und Bayeux besetzt hielt.
') Ob das erst nach der Heimkehr von Italien geschehen ist,
oder ob es sich um ein weiter zurückliegendes Ereignis handelt, das
zu entscheiden ist nicht für unsere Stelle, vielmehr mit Bezug auf
eine vielleicht weiter unten zu streifende Hypothese von Belang.
^) Quibus ex causis ipsum in se dampnationis dixisse sententiam
sinodalia scripta confirmant; Patet siquidem eum omnia quae dicta
sunt comprobare cum ipsa quoque iuxta beati bonefacii uocem pro
confessione procurata totiens constet absentia (Morin 285).
^) ...uobis litteris praesentibus intimamus ut uidelicet idem
Toraldus ab omni deinceps episcopali ordine depositus habeatur;
Nee uUo modo baiocensem perturbet aecclesiam (Morin 285).
^^) Vobis igitur omnibus. . . praesenti praeceptione mandamus.
ut ...episcopum ...sacris canonibus congruentem ...eligere ...stu-
deatis (Morin 285).
Beiträge zur Rolandsforschung. 135
vollends zum Herrn des Herzogtums zu machen. Frühjahr 1105
landete er in Barfleur, und bald wird Bayeux im Sturm ge-
nommen und eingeäschert.^^) Der prächtige Bischofspalast geht
in Flammen auf^^) ^^d auch die Kathedrale wird zum größten
Teil zerstört. Die Seele der Verteidigung war das Turoldus so
feindlich gesinnte Kapitel^^j . ^j^g gehen wir aus Serlos unten
zitiertem Gedicht.
Zweierlei interessiert uns vor allem an diesen Versen. Be-
zeichnender Weise geschieht in der lebhaften Schilderung jener
Schreckenstage des Bischofs keine Erwähnung; er scheint sich
nicht in der Stadt befunden zu haben, war vielleicht im Gefolge
des siegenden Königs. In dessen Heer kämpften entscheidend
mit die Manceaux (Serlo, V. 8. 102, im: Recueil XIX, S. CXI ff.)
unter ihrem edlen Grafen Hellas, der dem Turoldus nicht un-
bekannt gewesen sein dürfte (diese Zs. XXXVII^, Anm. 19 auf
S. 110; XXXVIIP, S. 117), der Landesherr Hildeberts; ferner
die Angeviner unter dem jungen, heldenhaften Herzog Gottfried^^)
(über Gejreid d'Anjou le rei gunjanunier 0 lOß unten mehr).
Bemerkenswert ist ferner, was Serlo über die Größe der
Stadt und die Pracht und Zahl ihrer öffentUchen Gebäude er-
kennen läßt; wenigstens 11 Kirchen hat sie besessen (V. 161)
und nach den Zahlenangaben des Dichters muß auf eine Gesamt-
bevölkerung von 10 000 bis 15 000 Seelen geschlossen werden
(vergl. Böhmer, Serlo 732), deren vornehmlicher Erwerbszweig
^M Zur Chronologie vgl. H. Böhmer, Der sogenannte Serlo
von Bayeux und die ihm zugeschriebenen Gedichte, in : Neues Archiv
der Gesellschaft f. ältere deutsche Geschichtskunde XXII, 1897,
S. 719, Anm. 1. Danach ist Bayeux 1105 eingenommen worden, nicht
1106, wie nach Ordericus Vitalis, Lib. XI 17 (Ordericus Vitalis, Historia
ecclesiastica, emend. Augustus Le Prevost, Tom. IV, Parisiis 1852,
S. 219) Delisle, Freeman und wir selbst (Wilhelm Tavernier, Zur
Vorgeschichte des alth-anzösischen Rolandsliedes, Berlin 1903, Anm.
364 auf S. 194) wiederholt haben.
^2) Praclucens grata specie perit aula cremata,
Miro p i c t a modo, quam praesul condidit Odo,
Tali digna viro, casu pessundata diro,
Tecta decore pari desperant se reparari —
(Serlo, Versus de capta Bajocensium civilate, 1G7 ff., in: The
Anglo-latin satirical poets and opigrammatists of tlie twelfth centurv,
ed. by Thomas Wriglit, Vol. II, London 1872, S. 240; auch im: Recueil
des hisloriens des Gaules, XIX, Paris 1833, S. XCIV). — Voll schöner
Malereien war also des Turoldus Palast, so wie er selbst den des Mar-
silius beschrieben hat [Plusurs culurs ad peintes et escrites 2594).
^^) Die Bürgerschaft war weniger auf Widerstand versessen und
gab bald den Kampf auf.
Ne l'osoent borgeis servir
A plusors se faiseit hair,
sagt Wace mit Bezug auf Herzog Robert (W a c e , Roman de Rou,
hrsg. von Hugo Andresen, Bd. II, Ileilbronn 1879, V. 10955 f.).
") Bei Henricus Huntendonensis, Lib. VII § 25 (ed. Arnold,
S. 235) heißt es von König Heinrich: Conquisivit igitur Cadomum
pecunia, Baiocum armis, et auxilio consulis Andegavensis.
10*
136 Wilhelm Tavcrnier.
der Handel war. Bequem drei Bischöfen hätte die Stadt zur
Residenz dienen können, sagt ein andrer zeitgenössischer Dichter. ^^)
Es ist nicht ohne Belang, sich auf Grund dieser Zeugnisse die
Umgebung vorzustellen, in welcher der Rolanddichter eine Reihe
seiner besten Mannesjahre hindurch gelebt iiat, tutes les rües
u li burgeis eslunt 2691, das Gewimmel einer volkreichen Stadt
voll prächtiger Bauten.
Wie tief einen feinfühlenden Mann, als welchen wir Turoldus
kennen, das Schicksal seiner Residenz getroffen haben muß, das
ist leicht auszudenken. Violleicht hat er sich selbst angesichts
der rauchenden Trümmer Vorwürfe nicht erspart. Denn die
Opposition des Kapitels gegen den königsfreundlichen Bischof
wird mit den Widerstand gegen den Beauclerc veranlaßt haben.
Wir möchten die Spanienreise unseres Diciiters am ehesten in eben
dieses Jahr 1105 setzen, wo Turoldus in aller Form abgesetzt und
ohne Residenz war. Machen wir den Versuch, diese Wallfahrt ein-
zufügen in den Verlauf der geschichtlich bezeugten Ereignisse.
Von der persönlichen Seite der Angelegenheit abgesehen
war die Absetzung des Turoldus ein Glied in der Kette der
drohenden Maßnahmen, durch welche die Kurie den König von
England zum Einlenken im Investiturstreit zwingen wollte.
März 1105 folgte die Exkommunizierung mehrerer vertrauter
Räte des Königs. Und Anselm ließ durchblicken, daß Heinrich
selbst an die Reihe kommen werde. Wie dieser aber mit der
Eroberung der Normandie Ernst machte, mußte ihm an einer
Aussöhnung mit Anselm gelegen sein, der sich im Herzogtum
des höchsten Ansehens erfreute, der eine moraHsche Macht war.
Anselms fromme Freundin, die Gräfin Adele (Heinrichs Schwester)
und Ivo von Chartres machten die Vermittler, und am 21. Juli
1105 kamen der König und der Primas in Aigle zusammen.^®)
Ein vorläufiger Kompromiß in der Investiturfrage wurde ge-
schlossen^'^) ; die endgültige Entscheidung w^urde von der Zu-
stimmung des Papstes abhängig gemacht. Eine Gesandtschaft
sollte zu diesem Zweck nach Rom abgehen.
^^) Marbod von Hannes (Carmina varia, XXI, bei Migne, Patro-
logia latina, 171, Paris 1893, Sp. 1658) schreibt zwischen 1096 und
1108 an den Bischof von Worcester:
Quo si forte vocas citus occurram Bajocas,
Sedes praesulibus sufficit illa tribus.
Mit Bezug auf die oben (diese Zs. XXXVIIP, S. 118) vorausgesetzten
Reiserouten ist es von Interesse, daß hier Bayeux als eventueller
Treffpunkt zwischen Rennes und Worcester vorgeschlagen wird.
^^) Eadmerus, Historia novorum in Anglia, ed. by Martin Rule,
London 1884, S. 166. 183; Eadmerus, Vita sancti Anselmi, Lib. II cp.
56, mit dess. Eist. nov. von Rule hrsg., S. 411.
^'^) ,,Der König erklärte sich hier bereit, auf die Investitur mit
Ring und Stab zu verzichten, vorausgesetzt, daß die Prälaten nach
wie vor den Lehnseid leisteten (Heinrich Böhmer, Kirche und
Staat in England und in der Normandie, Leipzig 1899, S. 160).
Beiträge zur Rolandsforschung. 137
So die Fakten (vgl. Adams 141 f.); das Folgende ist unsere
Vermutung. Nach der Aussöhnung des Königs mit Anselm
wird auch des Turoldus Sache im Sinne der Verzeihung weiter
betrieben worden sein. Vielleicht ist Turoldus dem Primas
schon bis Chartres, wo Anselm Adeles Gast war, entgegengereist
und hat ihn um seine Fürsprache ersucht. Sie wird dem Wohl-
täter des Klosters le Bec nicht gefehlt, der Primas wird dem
Papst Milde gegenüber dem Bischof empfohlen haben. In der
Tat sehen wir aus einem Brief des Paschalis an den Erzbischof
von Ronen vom 3. April 1106,^^) daß der Papst des Turoldus
Prozeß wiederaufgenommen und die Sache zunächst dem Erz-
bischof Hugo von Lyon, dem Primas von Gallien, Anselms
intimsten Freund, zur Erledigung übertragen hat. Vor dem
1. Oktober llOö^^j noch sollte sich Turoldus beim Primas in
^^) Phihppus J a f f e , Regesta pontificum romanorum ad annum
MCXVIII, ed. 2, cur. Loewenfeld, Kaltenbrunner, Ewald, Tom. I,
Lipsiae 1885, Nr. 6077. Nach Stephanus Baluzius, Miscellanea,
LilD. VII, Lutetiae Parisiorum 1715, S. 134 haben wir Vorgeschichte
Anm. 364 auf S. 194 den Text beinahe vollständig abgedruckt; er-
gänze nur zwischen Bajocensem Episcopum und ante confratrem nos-
trum die Worte: in proximis kalendis Octobribus; ferner am Ende:
Data Salerni III. kal. Aprilis. Der Brief ist also ohne Jahreszahl,
doch haben sich nach dem Herausgeber im Recueil XV, Paris 1808,
S. 33 sowohl Jaffe-Loewenfeld als neuerdings Morin 287 für 1106 ent-
schieden; dann muß freilich für ,,III. kal. Apr." eingesetzt werden:
„III. non. Apr." Überhaupt bietet das Schreiben noch ungelöste
Probleme. Ist es vollständig erhalten ? Pariser Leser würden durch
einen Vergleich mit der Handschrift (s. Baluzius) vielleicht der Sache
dienen.
^^) So verstehen wir den ersten dem Turoldus gestellten Termin,
und treffen darin mit Wilhelm Luhe: Hugo von Die und Lyon,
Legat von Gallien, Straßburger Diss., Breslau 1898, S. 20 zusammen.
Nicht leichten Herzens weichen wir in dieser Frage von des verehrten
Dom Morin Auffassung ab, der sich für den 1. Oktober 1106 entscheidet
(S. 287). Es scheint uns schwer denkbar, daß der Papst gleichzeitig
zwei gleichgeordnete Instanzen, den Primas von Gallien und den von
England, mit der Regelung der Angelegenheit betraut, und daß
er Turoldus nach Lyon zitiert, wo doch Anselm, der letzthin die Sache
zu entscheiden hat, damals in der Normandie, also den streitenden
Parteien ganz nahe war. Eher läßt sich der 1. Oktober 1105 als erster
der gestellten Termine erklären. Erzbischof Hugo hat vielleicht bei
dieser Vernehmung unscrm Bischof, der sich durch sein Ausbleiben
vor dem päpstlichen Gericht 1104 mindestens formal ins Unrecht
gesetzt hatte, eine Wallfahrt nach Compostella (s. u.) angeraten oder
als Buße verordnet. Das wird der Primas dem Papst mitgeteilt, viel-
leicht auch gebeten haben, da doch Anselm, Hugos vertrauter Freund,
inzwischen in der Normandie Aufenthalt genommen hatte, diesen mit
der endgültigen Schlichtung der unerquii'klichon Streitsache zu be-
auftragen. Wegen seiner persönlichen Beziehungen zu König Heinrich
wie zu Turoldus und der unbegrenzten Verehrung, die er im ganzen
Herzogtum genoß, war der Erzbischof von Canterbury die gegebene
Persönlichkeit, um einen friedlichen Ausgleich herbeizuführen. Daher
denn der Papst im Frühjahr 1106, ohne denx zuständigen Primas zu
nahe zu treten, vielmehr auf dessen eigenen Wunsch hin die Sache dem
138 Wilhelm Tavernier.
Lyon zu seiner Vcrnelmiung einfinden. Diesen Termin wird er
nicht versäumt haben, und vielleicht hat damals Hugo dem
Bischof eine Wallfahrt nach Santiago zur Buße auferlegt oder
doch zum Heil seiner Seele angeraten. Der Primas hatte .selbst
im Jahre 1095 das Beispiel einer Pilgerfahrt nach Compostella
gegeben (Luhe 126. 1.35).20) Turoldus mochte die Wallfahrt
als eine Buße ansehen oder einen Trost inmitten jener schweren
Zeit, da die Bischofsstadt in Asche lag.
Turoldus in Spanien.
So wäre die Spanienreise des Rolanddichters etwa von
Herbst 1105 bis Frühjahr 1106 anzusetzen. Um nur die wahr-
scheinlichsten der mögliclien Reiserouten zu skizzieren, ist Turoldus
von Lyon wohl über Vienne, Valence, Marsanne, Viviers,^!) Arles,
Anselm als außerordentUchem Bevollmächtigten übertrug. — So
oder ähnlich wäre wenigstens eine MögUchkeit der Erklärung für die
beiden in unserm Brief erwähnten Termine und Instanzen gewonnen.
"^) Au debut du XI I^ siecle, le pelerinage (ä S. Jacques) commence
ä battre son plein. On lit que, vers l'an 1108, des ambassadeurs arabes
. . .rencontrerent aux approches de la Galice des pelerins en tel nombre
que la reute en etait encombree: vix patebat Über callis ( J. B e d i e r ,
La chronique de Turpin et le pelerinage de Compostelle, in: Annales
du midi, XXIII, 1911, S. 448).
21) Vgl. diese Zs. XXXVIIP, S. 124 f. wegen Vienne, S. 125 f.
wegen Valence und Marsanne, S. 126 f. wegen Viviers. Man wird
mit gewissem Recht bemerken, daß die Erwähnung dieser vier Orte
im Rolandslied kein Argument mehr für eine Italienreise des Ver-
fassers bleibt, wenn wir die Namen als Erinnerungen an die Spanien-
reise des Dichters von Lyon aus deuten. Doch ist zu erwidern, daß
damit nicht alle Spuren jener Romfahrt beseitigt sind. Es bleibt die
Mont-Cenis-Straße wenigstens angedeutet durch Saint-Antoine und
die Maurienne. Ersteres liegt unweit der Isere, und ist von der Saöne-
Rhöne-Straße doch nur durch einen erheblichen Abstecher zu er-
reichen. — Übrigens haben, wie wir schon Vorgeschichte 143, Anm.
265 erkennen ließen, die Reliquien des Basileus in Saint-Antoine
nichts mit der Erwähnung des heiligen Basilius im Roland 2346 zu
tun. Und was zu diesem Vers S. 142 unserer Vorgeschichte gesagt ist,
ist dahin zu ergänzen, daß Basilius allerdings auch vor dem Kreuzzug
zu den bekannteren Heiligen im Abendland gehörte. Das könnten
wir durch Zitate mannigfach belegen, doch wollen wir dies der schon
längst angekündigten und nicht aufgegebenen Abhandlung über das
Religiöse und Kirchliche im Rolandslied vorbehalten, inzwischen
auf den Artikel Basilius in der Bibliotheca hagiographica latina, ed.
socii Bollandiani, I, Bruxellis 1898/99, S. 153 f. verweisend. Daß der
Kreuzzug den Heiligen noch bekannter gemacht hat als er schon vor-
her war, bleibt richtig; ein chronologisches Indizium ist die Erwähnung
im Rolandslied keinesfalls.
Durch das Tal der Isere geht es aufwärts bis an das der Maurienne,
durch welches die publica strata dann weiter ansteigt zum Mont Cenis
(Adolf S c h a u b e , Handelsgeschichte der romanischen Völker des
Mittelmeergebiets, München 1906, S. 335 f.). — Die in dieser Zeit-
schrift XXXVIIP, S. 122 f. noch ausgesetzte Entscheidung zwischen
Morienval und der Maurienne fällen wir mit aller Entschiedenheit
Beiträge zur Rolandsforschung. 139
Saint-Gilles,22) Beaucaire, Montpellier, Beziers, Narbonne,^^)
G e r 0 n a , Barcelona, Tarragona nach T o r t o s a gekommen.
dahin, daß Morienval nicht in Betracht kommt, Moriane 2318 die Mauri-
enne bedeutet, wie Bedier richtig erkannt hat. Schon kurz vor Mitte
des 11. Jahrhunderts finden wir die Form Morianna bei Rodulfus
Glaber, Historiarum lib. IV, cp. III (Raoul Glaber, Les cinq livres
de ses histoires < 900 — 1044 >, publ. par Maurice Prou, Paris, 1886,
S. 97) : Nee tamen M o r i a n n e , vel Utzetice, seu Gratinone urbium
presules ... diligentiam hujus inquirende rei adhibuere. — ^Dieselbe
Form Morianna haben wir dann in einem Brief Anselms von 1103
(diese Zs. XXXVIIP, S. 121), 1120 wiederum Maurienna in einem
Brief des Papstes Calixt II. (die Jahreszahl 1220 in dieser Zs. XXXVIIP,
Anm. 9 beruht auf einem Druckfehler). — Entscheidend ist, daß Karl
der Große sehrwohlmit Savoyen zu tun gehabt hat (diese Zs. XXXVIIP
S. 123 fälschlich bestritten), daß er, auf dem Marsch von Genf nach
dem Mont Cenis, wirklich durch die Maurienne gezogen ist. Die Annales
regni Francorum berichten unter dem Jahr 773 (Annales regni Fran-
corum inde ab A. 741 usque ad A. 829, post edit. G. H. Pertzii recogn.
Fridericus Kurze, Hannoverae 1895, S. 34. 36): tunc synodum ...
gloriosus rex tenuit generaliter cum Francis lenuam civitatem. Ibique
exercitum dividens iam fatus domnus rex, et perrexit ipse per montem
Caenisium et misit Bernehardum avunculum suum per montem
lovem cum aliis suis fidelibus. Damit ist die Maurienne als Marsch-
route gegeben, aber doch nur für einen, der die Geographie jener Gegend
genauer kennt. Den Namen unseres Tals bieten die Annalen nicht,
und aus Einhard's Vita Karoli Magni, vom Rolanddichter unzweifel-
haft benutzt, konnte Turoldus überhaupt nichts über den von Karl
gewählten Weg erfahren. Wenn man selbst Kenntnis auch der Annales
regni Francorum seitens des Rolanddichters voraussetzen wollte, es
bliebe noch immer die Annahme nötig, daß er jener Gegend nahe-
gekommen. Faktisch wird sich die Sache so verhalten, daß Erinne-
rungen an Karls des Großen Heerzug in der Maurienne noch nicht
völlig ausgestorben waren, und als unser Bischof das Tal durchritt,
werden ihm Geistliche oder Mönche im Quartier nicht ohne Lokalstolz
davon erzählt haben. Darum das Moriane 2318 ein wohl beachtens-
wertes Indizium für die Romreise des Rolanddichters bleibt. Dazu
kommt dann noch, was wir diese Zs. XXXVI IP, S. 131 ff. an ita-
lienischen Erinnerungen im Rolandslied zusammengestellt haben.
Nachträglich sei die dort erwähnte Stelle Suger's zitiert, die den Mons
gaudii bei Rom betrifft (cp. IX): in eo qui dicitur Mons Gaudii loco,
ubi primum adventantibus limina apostolorum beatorum visa occurrunt
(Vie de Louis le Gros par Suger, publ. par Auguste Molinier, Pai'is 1887,
S. 29). — Eine Überfülle von Ortsnamen, die zum Feldgeschrei ge-
worden sind, hat neuerdings aus den Chansons de geste Paul E r f u r t h ,
Die Schlachtschilderungen in den älteren Chansons de geste, Hallenser
Diss., Halle 1911, S. 26 gesammelt.
Noch ist zu bedenken, daß die vier eingangs dieser Anmerkung
aufgezählten Orte an der Rhone (Viviers, Marsanne, Valence, Vionne),
dazu St. Gilles auch auf der Rückreise von Italien gegen Ende 1103
berührt worden sein könnten, wenn Turoldus etwa den Weg nahm,
auf dem ungefähr ein halbes Jahrhundert später in umgokoijrter Rich-
tung Rabbi Benjamin von Tudela nach Rom kam (The ilinerary of
Rabbi Benjamin of Tudela. Translated and edited by A. Aslier,
Vol. I, London and Berlin 1840, S. 35 ff.) Dann wäre unser Bischof
in Marseille gelandet (,,IIere people take ship of Genoa", Benjamin I 36;
und die Annales regni P^rancorum zum Jahie 773 (ed. Kurze, S. 34):
missus domni Adriani aposlolici, nomine Petrus, per Älare usque ad
140 Wilhelm Tavernier.
Dieser Wegverlauf von Sainl-Gillos hisTortosa {Turtoluse91ß. 1282)
mit den im Roland vorkommenden Etappen Narhonne und
Gerona [Gironde 2991) wird durch das Itinerar des Rabbi Ben-
jamin I 31 ff. bestätigt. Es ist kein Zufall, daß unserm Dieliter
in der einen Laisse 217 (nach Stengel'« Zahlung) auf der Suche
nach o-e-Assonanzen zwei Orte einfallen, die an derselben großen
Heerstraße liegen, Gerona und Narbonne (2995); selbsterworbene
Ortskenntnis hat unbewußt die Brücke geschlagen.
Von Tortosa geht es dann den Ebro aufwärts, auch diese
Strecke bis Zaragoza durch Rabbi Benjamin^*; als Reiseroute
bezeugt. Daß der Rolanddichter denselben Weg genommen hat,
beweisen unwiderlegUch die durch sein Epos hin zerstreuten
Lokalerinnerungen: vor allem das katalanische Sebre ^= S'Ebru
Massiha et Inda terreno ad domnum Carolum regem (in Diedenhofen)
iisque periungens) und dann die Rhone herauf oder entlang
gereist.
Auch die Erwähnung von Dijon und Beaune (diese Zs. XXXVIII'-,
S. 123 f.) kann sowohl mit dem Hin- oder Rückweg nach (bezw. von)
Italien 1103 als mit der Reise nach Lyon 1105 in Beziehung gesetzt
werden. So oder so betrachtet, bleibt das Vorkommen so zahlreicher
Orte der Saöne-Rhöne-Tal-Straße im Rolandshed immer ein Argument
(neben vielen) für unsere These, daß der Dichter identisch mit Turoldus
von Bayeux ist, der sicher einmal nach Italien und mit großer Wahr-
scheinlichkeit ein anderes Mal nach Lyon reiste.
22) Vgl. diese Zs. XXXVIIP, S. 128; und Pio R a j n a (Archivio
storico italiano, Serie 4, Tom. 19, 1887, S. 51): di coiä (St. Gilles)
parimenti si trovava a passare, portata dalle strade prima ancora
che dalla fama del santuario, una parte assai ragguardevole di coloro
cheeran direttiaS. -Jacopoone facevan ritorno.
23) Roland 2995, 3683. Also hat der Dichter doch sicher die Lage
von Narbonne gekannt, was uns Vorgeschichte, Anm. 354 auf S. 189
nur möglich schien. J u 1 1 i a n's geographische Bedenken (Roma-
nia XXV, 1896, S. 169, n. 2: II ne peut pas s'agir de Narbonne (Vers
3683). Si ignorant qu'on suppose l'auteur de la Chanson, il n'a pu
commettre une teile erreur sur une route admirablement connue)
sind unberechtigt. Wir haben uns nach dem Rolandslied vorzustellen,
daß Karl nach Eroberung von Saragossa den Rückweg nicht wieder
über Roncevaux nimmt. So auch Wilhelm W i 1 k e , Die französischen
Verkehrsstraßen nach den Chansons de geste, Halle 1910, S. 76: ,,Der
zweite Rückzug Karls aus Spanien, den das Rolandslied erzählt, scheint
auf der Küstenstraße der Ostpyrenäen vor sich gegangen zu sein....
Die Reihenfolge Narbonne — Bordeaux — Blaye^Aachen hat nur Sinn
bei Benutzung der Ostpyrenäenstraße." Eine alte Römerstraße
führt nämlich nach Wilke 76 von Narbonne über Carcassonne, Toulouse,
Auch, Agen bis Bordeaux.
Interessant und weiter unten zu verwerten ist eine Notiz in dem
Ivo von Chartres zugeschriebenen Chronicon de regibus Francorum,
wo es von Karl dem Großen heißt (Migne, Patr. lat. 162, Sp. 615):
Hispaniam ingreditur, destruit Pampiloniam, Saracenos subjugat.
PerNarbonam et Vasconiam (vgl. Roland 819: VirentGuascuigne. . .)
revertitur.
2^) I first set out from the city of Saragossa and proceeded down
the river Ebro to Tortosa (ed. Asher, I 31).
Beiträge zur Rolands forschiing. 141
aus SU Ebru^^^) und an oder nahe dem Strom so entlegene Orte
wie Pina [Pinc 199), unweit davon die Landschaft Los Monegros
2^) So mit Wendelin Foerster, (Sebre im Roland, in:) Zs. f. roman.
Philologie XV, 1891, S. 518. — Doch auch die andere Erklärung würde
Anwesenheit des Dichters in jenen Gegenden Spaniens vermuten
lassen: nach Baist, Variationen über Roland 2074, 2156 (= S. 213—232
in: Beiträge zur romanischen und englischen Philologie, Festgabe für
Wendelin Foerster zum 26. Oktober 1901, Halle 1902), S. 5 (= Bei-
träge 217) wäre Sebre ,,aus Ebro und dem von Urgel und Lerida ihm
zuströmenden Segre gekreuzt". Am Segre liegt allerdings ein Balaguer
(Roland 63, 200, 894) und unweit davon ein Tamarite — Tamarie
will Baist Vers 956 nach der varia lectio lesen (Variationen 6 = Beiträge
218), doch denkt er an ein ,,Tamarit am Ausfluß des Caya, unterhalb
des erst 1128 wieder bevölkerten Tarragona". — Etwas nordwestlich
vom ersterwähnten Tamarite liegt, bei Barbastro, Berbegal, das Baist
mit Wahrscheinlichkeit in Brigal 889, 1261 erkennen zu dürfen glaubt
(Variationen 5 = Beiträge 217). Wenigstens Erwähnung scheint
uns auch Felix Liebrecht's Hypothese zu verdienen, wonach Brigal
Berga am Llobregat, nordöstlich von Barcelona (Zur Chanson de
Roland, in: Zs. f. roman. Philol. IV, 1880, S. 371).
Jedenfalls eine Fülle von Namen aus der Gegend zwischen Ebro
und Pyrenäen, wenn man die im Text aufgeführten dazurechnet. Ab-
zuziehen ist allerdings Tamarite. Gerade weil der Rolanddichter mit
der Geographie Spaniens vertraut ist, kann für 955 f. Margariz de
Sibilie, Cil tient la tere entre quascaz marine wohl nur Almeria in Betracht
kommen, wie V J T mit Recht deuten, vgl. auch Pseudoturpin. Ein
Reich von Sevilla bis Tamarite bei Balaguer ließe keinen Raum für
die Emirate von Zaragoza und Los Monegros, ein solches von Sevilla
bis Tamarit bei Tarragona nicht für die Emirate von Burriana und
Tortosa. Ganz klar hat sich Turoldus die politischen Besitzverhältnisse
Spaniens zur Zeit Rolands ausgemalt: vom ,, König" von Zaragoza
ressortieren der Herr von Berbegal oder Berga {Brigal 889), der Emir
von Balaguer (894), ein ,,Almansor" von Burriana (909), ein ,,Graf"
von Tortosa (916 f.), der Herr von Valtierra (931), Margariz von
Sevilla, dessen Lehn bis Almeria reicht, endlich der Herr von Los
Monegros (975).
Eine geographische Sachkenntnis gleichen Grades ergibt sich in
bezug auf den Ebro und seinen Verlauf. Nur dieser Fluß, nicht
der Segre, kann 2465, 2488a, 2642, 2728, 2758, 2798 gemeint sein;
und ein Durcheinanderwerfen der beiden Flußnamen verträgt sich
kaum mit der sonst bewiesenen geographischen Kenntnis jener Gegenden.
Daher wir denn die Erklärung Baist's zugunsten der Foersterschen
ablehnen. S'Ebru ist wie n'' Aimes nicht erlesen, sondern unterwegs
gehört worden, ist Reiseerinnerung. — Daß ein Abschreiber auf den
entlegenen Segre verfallen wäre und dann die beiden Flußnamen
kontaminiert hätte, das wäre ein seltsamer Zufall, eine unwahrscheinliche
Möglichkeil, die außer Betracht bleiben kann.
Wenn also auch der Segre im Rolandsepos nicht erwähnt ist,
selbst in Sebre keine Spur zurückgelassen hat, so ist doch nicht ausge-
schlossen, daß unser Dichter gerade den Segre entlang ge/.ogen ist.
Vielmehr bietet sich mindestens die gleiche Wahrscheinlichkeit wie
für die Route Narbonnc — Gerona — Tortosa für folgendos Itinerar:
Narbonne — Carcassonne (385) — über den Pyrenäonkamm durch die
Cerdagna (Sardanie 2312; dazu Stengel's Glossar) und weiter den
Segre hinunter an Balaguer vorbei bis zum Ebrotal. Nicht weitab
von der Segre-Straße liegen Berga östlich, Berbegal westlich, und noch
näher dann Los Monegros.
142 Wilhelm. Tavernier.
{Muneigre 975),26) ^j^g bekanntere Tudela (Tiiele 200)2?) ^j^,i
wieder das unbedeutende Valtierra {Valterne 199. 662. 931. 2488a).
Man beachte die Reiseanekdoten, die dem Dichter anläßhcli
dieser Namen wieder einfallen: die schwarze Öde der sonnen-
verbrannten Monegros (Vers 980 ff.), nur gut als Pissoir für
die Teufel (so hat man dem Turoldus erzählt, Dient alquant . . .
983); Valtierra hat jahrelang wüst gelegen (664). — Schon Baist
hat die Rast entre Sebre et Valterne 2488a in ihrer Bedeutsam-
keit erkannt. 28) Valtierra liegt wenige Kilomter vom Ebro ab,
der Stieler'schen Karte^^) nach am Rand des Flußtals; also ein
allergenauestes geographisches Detail. Die so liebevoll ausge-
malte Lagerszeno unter freiem Himmel, in stiller Mondnacht
(L. 184 ff., besonders Vers 2490 ff., 2521 ff.) wäre dann vom
Dichter erlebt, obschon er Anregung zur Darstellung und einige
Züge derselben seinen antiken Mustern verdanken wird. Sich
selbst, die eignen Reisebeschwerden mag Turoldus im Sinn ge-
habt haben, wenn er 2524 nachdenklich schließt:
Mult ad apris ki bien conuist ahan.^®)
Den Ebro aufwärts kam Turoldus auf den Camino frances,
auf ihm nach Santiago. Zurück nach Frankreich ist er dann
über Roncevaux gezogen; da lebten die Distichen des Carmen
2^) Mila y Fontanals' zutreffende Deutung wird von Gautier in
seinem Glossar ohne jeden Grund zurückgewiesen; die oben Anm. 25
in bezug auf die Lehen der heidnischen Pairs gemachte Aufsteüung
erweist deuthch, daß Los Monegros in den Zusammenhang gehört.
Schon die Nähe von Pina (Pine 199) hätte Gautier eines Besseren
belehren können. — Das durch O V^ gesicherte, auch von C \'^ n ge-
botene g von Muneigre sollte Stengel im Text belassen haben.
2") . . .illexerat sibi quosdam affines Maurorum reges, etCaesar-
augustanum scilicet, et Oscensem, pariter et Regem de
Tudela (Monachus Silensis, Chronicon; in: Espana sagrada XVII,
Madrid 1763, S. 313).
2^) ,,und dann würde ich gerne in Valterne einen Fehler des Autors
[oder wohl eines Kopisten ? Tav.] für Valtierra <Valterra> am Ebro
oberhalb Tudelas sehen, wozu die Rast ,,entre Sebre e Valterne"' in der
V^-Gruppe zu 2488 fast zu gut paßt" (Variationen 5 = Bei-
träge 217).
29) Stielers Hand-Atlas, 9. Aufl., Gotha 1905, Bl. 33.
^^) Baist (Variationen 5 = Beiträge 217) läßt es zweifelhaft,
ob Balaguer ,,das alte Städtchen am Segre oder der gleichnamige
Paß und Seeplatz <Castillo de Balaguer> zwischen Tarragona und
Ebromündung." Zu den Orten am Ebro würde noch Miranda de
Ebro hinzukommen, wenn Stengel's Lesart von 198 (Noples et Morinde)
nach V'CndR akzeptiert wird; vgl. Gustav Brückner, Das Verhältnis
des französischen Rolandsliedes zur Turpinschen Chronik und zum
Carmen de prodicione Guenonis, Rostock 1905, S. 42 ff. Miranda
würde in 198 allerdings gut zu den 199 darauf folgenden Orten
Valtierra und Pina passen. Nur dünkt uns die Lesart Stengels
gegenüber dem präzisen Commibles von O nicht allzu gesichert;
,, zweifelhaft" auch Baist (Variationen 6 = Beiträge 218, Anm. 3).
Beiträge zur Rolandsforschung. 143
im gottbegnadeten Dichterherzen schöner, farbiger v^ieder auf.
Zwar G. Paris hat recht, ,Al n'y a jamais eu de tradition locale
ä Roncevaux ni aux alentours."^^) Nicht irgendwelche Details
der Rolandsage hat Turoldus von Roncevaux mitgebracht,
aber die tiefere Ergriffenheit gegenüber dem schon vor ihm
dichterisch verherrlichten Geschehnis, neben einiger couleur
Jocale.^^) Denn daß liier in Roncevaux historischer Boden, daß
^1) Roncevaux, in: Revue de Paris. Annee 8 : 1901, T. 5, S. 244. —
^-) Die Frage, ob die Schilderung der PjTenäen in unserm Epos
auf eigener Anschauung des Dichters beruht, oder ob der Verfasser
,,a jait ses descriptions de chic et n'a ja?nais i-isite les Pyreiiees" (Gaston
Deschamps) ist viel erörtert worden. Wir selbst haben seinerzeit
gegenüber G. Paris, der auf einer Reise nach Roncevaux von der Treue
der Landschaftswiedergabe im Epos betroffen mit Lebhaftigkeit für
Ortskenntnis seitens des Dichters eingetreten war, zu bedenken ge-
geben, ob nicht Turoldus seine Schilderungen auf Grund von Em-
hards Vita Caroli gedichtet haben könnte (diese Zs. XXI V-. 1904.
S. 151).
Daß der Rolanddichter Einhards Leben genau gekannt und mehr-
fach benutzt hat. kann nicht bezweifelt werden (Vorgeschichte 32
zu Vers 116 ff.: S. 34. zu 164: S. 133. zu 2031: S. 15 0: Anm. 366 auf
S. 174, zu 2611; S. 200 f.; 214; 223). Ja, er scheint das betreffende
Kapitel in Einhards Werk noch einmal überflogen oder aufgeschlagen
vor sich gehabt zu haben, als er den Griffel ansetzte zur eigenen Dich-
tung. Denn schon in der ersten Laisse findet sich der wörtliche Anklang
Xi ad c a s t e 1 ki deuant lui remaigne,
Mur ne c i t e t ni est remes a fraindre (0 4 f.)
an 0})}nibus quae adierat o p p i d i s atque castellis in deditionein
acceptis in der Vita 9 (Einhardus, Vita Karoli Magni, post G. H. Pertz
rec. G. Waitz, 4. ed., Hannoverae 1880, S. 9).
Aber für die Schilderung des PjTenäengebuges konnte Turoldus
bei Einhard nur zwei bezeichnende Einzelzüge finden, die angustiae
und die opacitas siharuiu, quarwn ibi maxima est copia (cp. 9).
Die destreiz ?7}eneillus finden wir denn auch in der ersten der
beiden ausgeführten Ortsschilderungen, L. 67, wieder, destreiz auch
805. 809; ebenda erinnern die i-al tenebrus 814 an opacitas bei Einhard,
und so sind 1830 die piii: tenebrus. Statt des allgemeinen sik-ae hat
Turoldus einmal (993) — und das verdient Beachtung — das genauere
sapeie. Daß Berg und Tal, bei Einhard angedeutet {in summi fuontis
vertice, subiecta i-allis), im Epos öfter vorkommen (814 Halt
sunt li pui et li i'al tenebrus; 1830 f. Halt sunt li pui e tenebrus e grant,
Li val parfunt. . . ; 1755 Halt sunt li pui. . . ; 2185 Cercet les '.•als et si
cercet les ?nunz). will nicht viel besagen.
Um festzustellen, ob in der Pyrenäenschilderung des Roland-
dichters eigene, von seinen literarischen Vorlagen unabhängige Züge
aufbewahrt sind, müssen wir auch einen Blick auf das Carmen de pro-
dicione Guenonis, des Turoldus Haupt quelle, werfen. Da beschränkt
sich nun die Beschreibung des unbenannten Gebirges auf die wenigen
Worte juga ardua, i'olles terribiles (213 f.); kurz vorher ist von scopuli
die Rede (212), wie 457 von einem scopulus, und 222 begegnet wieder
i'allis; endlich, doch nicht mehr aufs Gebirge allein bezüglich, kommen
371 f. hinzu :
Mirantur sonitumque stupent hunc omnia: montes,
Arva. nemus, valles. equora. terra, polus.
In der Darstellung der eigentlichen Schlacht verliert der Verfasser
des Carmen die Gebirgsszenerie ganz aus den Augen.
144 Wilhelm Tavernier.
er auf Karls des Großen Wegen wandere, das wußte der gt-
schichtskundige^^) Dichter gewiß, und obendrein erinnerten ja
Wie anders im Rolandsepos. Immer schwebt dem Dichter der
Schauplatz, grüne Täler, dunkle Felsen, Berge ringsum, lebendig vor,
und ganz im Gegensatz zur Vorlage, dem Carmen, werden wir durch
beiläufige Bemerkungen des öfteren daran erinnert, daß die Schlacht
sich im Gebirge abspielt (z. B. 1449, 2185, 2399, 2434). Das ist aller-
dings von Bedeutung.
Aus dem Carmen konnte Turoldus so gut wie nichts für die Schil-
derung der Pyrenäen entnehmen, aus Einhard einiges, doch gehen
auch über dessen knappe Andeutungen hinaus: in den beiden ausge-
führten Beschreibungen (L. 67 \md 140) die roches bises 815 und die
ewes curanz, was beides geschaute Details sein könnten. — 2225 En
Rencesvals ad un' ewe curant entspricht der Wirklichkeit (G. Paris,
Roncevaux 248).
Treten wir nun der Frage näher, ob aus diesem Schimmer von
Lokalkolorit auf Ortsanwesenheit des Rolanddichters geschlossen
werden muß, so scheint uns Edw. F r y die rechte Entscheidung
vorweggenommen zu haben, wenn er (Roncesvalles; in: The English
historical review, XX, 1905, S. 30) urteilt: The descriptions of scenery
contained in the Chanson are somewhat vague and general, and do
not impress one with the notion that the writer sought for topographical
exactitude, and may leave it at least doubtful whether
the writer had ever visited the scene he describes; but the local colour,
the mention of the woods, the hüls, the defiles by the special Pyrenean
name of porz — as in St. Jean Pied de Port — all these are, to say the
least, consistent with Roncesvalles. Allzukühn hatte A. Pakscher,
Zur Kritik und Geschichte des französischen Rolandsliedes, Berlin
1885, S._70 gefolgert: ,,Die Umstände, unter denen, die Gegend, in
der der Überfall von Ronceval stattgefunden hat, sind so anschaulich
geschildert, wie dies nur ein Bericht von Augenzeugen vermag." Die
Ortsschilderungen allein würden nicht ausreichen, um Anwesenheit
des Rolanddichters in den Pyrenäen zu erweisen, ob schon etwas
von Lokalkolorit von vornherein für solche Annahme spricht. Man
muß die Pyrenäennamen hinzunehmen, außer Rencesvals noch die
porz de Cisre (583, 719, 2939) und die porz d' A spre (870. 1107),
deren Lage durchaus richtig vorgestellt ist. Das bezeichnende porz
ist mit Fry zu betonen; beachtenswert ist auch, wie das unbekannte
Cisre von OV '' in Cipre, von O selbst einmal in Sirie verballhornt
wird, und daß letzterer Kopist Aspre beidemal durch Espaigne ersetzt.
— Weiter kommt, und ausschlaggebend, die Fülle der Namen von den
PjTenäen bis zum Ebro hinzu, über die wir oben S. 140 ff. gehandelt
haben, noch in den Pyrenäen die Cerdagne, dann Gerona, Balaguer,
Berbegal, und am Sebre mit der verräterischen Namensform Tortosa,
Los Monegros, Pina, und stromaufwärts von Zaragoza: Tudela, Val-
tierra, wozu allenfalls noch Miranda kommen könnte (s. Anm. 30).
Daß ein Dichter von Rang und Bildung Cördoba kennt, ist nicht
verwunderlich; man vgl. die Verse 12 ff. in Hrotsvitha's Pelagius
(Hrotsvithae opera, ed. Karolus Strecker, Lipsiae 1906, S. 54):
Partibus occiduis fulsit darum decus orbis,
Urbs augusta, nova Martis feritate superba,...
Corduba famoso locuples de nomine dicta,
Inchta deliciis, rebus quoque splendida cunctis, . . .
Necnon perpetuis semper praeclara triumphis.
Auch Sevilla war durch den großen Isidor unter Gebildeten wohl-
bekannt, und so könnten Namen wie Coimbra, das 1064 nach 6 monat-
licher Belagerung durch Fernando L von Castilien genommen war
Beiträge zur Rolandsforschung. 145
die „Kapelle Karls des Großen" und die crux Caroli den Reisenden
an den Rückzug des Kaisers (G. Paris, Roncevaux 245 ff.). So
(R. Dozy, Histoire des Musulmans d'Espagne, IV, Leyde 1861, S. 124);
Gustav Diercks, Geschichte Spaniens I, BerUn 1895, S. 347; G. Baist,
in: Romanische Forschungen I, 1883, S. 453. Bistum; Conimbria
illarum partium maxima civitas heißt es beim Monachus Silensis 319),
Toledo (1568) und, vom Cid her, Valencia und Burriana (Rodericus autem
permansit in Burriana tamquam lapis immobilis, Historia Roderici
Didaci Campidocti, in: Manuel Risco, La Castilla, Madrid 1792,
S. XXXIV; noch S. XLII: Rodericus vero moratus est Burriana in
partibus Valentiae) sich allenfalls weitergesprochen haben. Aber das
ist doch ausgeschlossen für die entlegenen Namen der Gegend zwischen
Ebro und Pyrenäen, die wir oben zusammenstellten. Mit Recht hat
Paul Graevell, Die Charakteristik der Personen im Rolandslied, Heil-
bronn 1880, S. 144 gefragt: ,,Wie soll man sich das denken, daß die
Franzosen im 11. Jahrhundert über eine solche Fülle nordspanischer,
zum Teil ganz unbedeutender Ortschaften verfügen? Durch die Tradi-
tion von der Zeit Karls des Großen her kann diese Kenntnis doch nicht
fixiert worden sein!" Graevell findet die Lösung des Problems in der
irrigen Annahme, daß das Rolandslied in Südfrankreich herangebildet
w^orden sei. ,,Bei den Provenzalen erklärt sich die Kenntnis jener Ge-
genden leicht." Doch an provenzalische Herkunft des französischen
Epos wird heute niemand mehr glauben. Baist, dem wir das Meiste zur
Aufhellung der Bezeichnungen des Rolandsliedes zu Spanien verdanken,
hat nicht mit der gleichen Schärfe wie Graevell das Auffallende der
Ortskenntnisse in Nordspanien betont, doch eine Lösung des Problems
angedeutet. Er weist (Variationen 5 f. = Beiträge 217 f.) darauf
hin, daß Balaguer, Berbegal, Valtierra usw. ,,um 1100 äußerste Vor-
posten des Maurentums waren, um welche zweifellos gekämpft worden
ist, wenn uns auch die dürftige Zeitgeschichte nur den Fall des be-
nachbarten Huesca 1096, Tudela 1114 berichtet: so daß man
auf dem Pilger weg über Jaca von ihnen hören
m. ochte." Diese Erklärung genügt nur, wenn man den Rolands-
dichter selbst jenen Weg gehen läßt. Vom bloßen Hörensagen, aus
mündlichem Bericht heimgekehrter Pilger oder Kämpfer konnte
nicht eine Gruppe so ferner, meist unbedeutender, z. T. geographisch
eng verbundener Namen einem normannischen Dichter beim Kon-
zipieren in die Gedanken kommen. Dazu haften solche von andern
gehörten Namen viel zu wenig tief. Wir rechnen es zu unsern vielen
Jugendirrtümern, daß wir selbst einmal (diese Zs. XXVI-, 1904, S. 152)
die Vermutung geäußert haben, Turoldus m.öge ,,wohl einen ritter-
lichen Freund von Spanien haben erzählen hören, nicht einmal nur,
sondern manchen Winterabend im Kloster, so daß sich die Namen
einprägten." Kein Heutiger würde beim Dichten auf Namen wie die
in Frage stehenden verfallen, es sei denn, er hätte sie aus Büchern oder
von eigenen Reisen mit heimgebracht. Und das gilt noch viel mehr
für die Dichter jener Zeit, die so viel abhängiger beim Sciiaffen waren,
so durchaus an Vorbildern hingen. Schriftliche Quellen, die alle
jene entlegenen Namen böten, lassen sich nicht nachweisen, ja kaum
denken, wenn man sich den Namenbestand des Mönchs von Silo oder
der Historia Roderici Didaci vergegenwärtigt; Pseudoturpin und
Compostella-Baedcker sind lange nach dem Rolandsepos verfaßt
(G. Paris' bezw. unsere eigenen irrigen Ansichten in dieser Frage
sind von Baist, Mitteilungen zu Roland-Turpin, in: Veriunidlungen
der 43. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Köln
1905, Leipzig 1896, S. 96 f.; H. Friedel, Etudes composteilanes, in:
Otia Merseiana, I, Liverpool 1899, S. 86; Baist, Variationen 7 = Bei-
146 Wilhelm Tavernier.
hat denn das dichterische Phantasiobild von Rolands und seiner
Helden Sterben damals erst die rechten Farben und den recliten
träge 219; Ph. Aug. Becker, Grundriß der altfranzösisclien Literatur,
Heidelberg 1907, S. 45 f.; zuletzt von Bedier, La chronique de Turpin
433 korrigiert worden); ferner, mit Bezug auf Baist's oben angeführten
Satz, Huesca kommt im RolandsUed nicht vor, sein Fall hegt fast
ein Jahrzehnt vor Abfassung unseres Epos, wie der Tudeias um fast
ein Jahrzehnt nachher. — Nicht einzugehen braucht man meJir auf
die mystischen Hintergründe von 0. Paris' Anschauungen, die wir,
diese Zs. XXVI^, 1904, S. 152, abgelehnt haben. — „On peut
meme croire que l'auteur de la premiere chanson— noyee dans les
accroissements successifs qu'elle a regus — etait ä Roncevaux avec
l'arm^e de Charles" (Roncevaux 250). So wenig wie Vergil im
Gefolge des frommen Äneas ist der Rolandsdichter in Karls Heer
zu suchen. Der Rolandsdichter, denn auch über den andern Satz
kann man nach der Arbeit des letzten Jahrzehnts stillschweigend
hinweggehen: L'auteur de la Chanson de Roland s'appelle Legion.
Nur die trotz allem noch vorwiegende Annahme einer selbständigen
Baligantepisode erinnert an vergangene Irrwege der Forschung. Aber
wie bald wird auch dieser Zopf fallen und darüber Einmütigkeit herr-
schen, daß ein Epos wie das Rolandslied auch nur einen Dichter
hat. — An der eben zitierten Stelle (S. 250) fährt Paris fort: Parmi
ceux qui. . . auraient le droit de se lever pour repondre ä l'appel que
nous adresserions ä cet auteur, il serait bien temeraire d'affirmer qu'il
n'y en a pas un qui ait passe par Roncevaux, ä une epoque oü tant
de gens y passaient. Diese Worte führen, wenn man die mystische
Hülle abstreift, von selbst zu unserer These hinüber, daß der Rolands-
dichter in Spanien gewesen ist. Das hatte als Möglichkeit schon Pio
Rajna angedeutet (A Roncisvalle; in: Homenaje ä Menendez y Pelayo,
II, Madrid 1899, S. 392): Bisogna teuer conto della possibilitä che
il poema sia stato foggiato, o rifoggiato, da taluno dei tanti guillari
che andandosene a S. Jacopo o alle corti spagnuole, oppure tornan-
done, ebbero a passare da Roncisvalle. Entschiedener hat Becker,
Grundriß 36 geurteilt: ,, Hätte aber ein günstiges Geschick nicht
den schaffenslustigen und schaffenskundigen Dichter nach Ronce-
vaux, Blaye und Bordeaux geführt,... und hätte er beim Anblick
der Bergkuppen und Felsenschluchten und beim Erzählen seiner Ge-
währsleute nicht die gefallenen Franken um sich aufstehen sehen und
Rolands Hornruf klagend ersterben hören, so besäßen wir kein
Rolandslied."
Turoldus ist in Roncevaux und in Spanien gewesen; daher die
Fülle der Namen zwischen Ebro und Pyrenäen, daher das landschaft-
liche Sehre, daher die zutreffende Schilderung von Roncevaux und
dem Port de Cise. So erklärt sich auch erst recht die überraschende
geographische Kenntnis von Spanien überhaupt (vgl. oben Anm. 25).
Niclit nur bekanntere, sondern auch weniger bedeutende Städte werden
erwähnt, Toledo, Noblejas (Noples 198. 1775, nach Hugo An-
dresen, Romanische Forschungen I, 1883, S. 452), Coimbra (Commibles
198; bezeichnend ist das spanische hl für br, Baist, Roman. Forschun-
gen I 453), Sevilla, Cordoba, A 1 m e r i a (vgl. oben S. 141), Valencia,
Burriana. ,, Spanisch-französisch sind... adouber, ...almasour"
(G. Baist, Arabische Beziehungen vor den Kreuzzügen, in: Verhand-
lungen der 49. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner
in Basel 1907, Leipzig 1908, S. 128); ,, Almagor und tabor im Roland. . .
stammen, jenes sicher, dieses wahrscheinlich aus Spanien" (Baist,
Variationen 8 = Beiträge 220). Es sei an den Algalifes, mit arabischem
Artikel, erinnert, und an arabisch anklingende Namen wie Amalris
Beiträge zur Rolandsforschung. 147
Rahmen bekommen. Etwas von dem Duft, der über dem Rolands-
epos liegt, ist Wandererinnerung.
Auch die Rührung, welche im Lied Karls Heer ergreift,
als es wieder Frankreichs heilige Fluren von ferne sieht/(818 ff.),
liat der Dichter selbst erlebt. Wie er hinunterzog in die Gascogne,
betrat er die Staaten eines Dichterfürsten, der ihm kein Fremder
gewesen sein wird. Wilhelm VII. von Poitiers hatte gegen Aus-
gang des 11. Jahrhunderts als Gast und Verbündeter seines
Namensvetters in der Normandie geweilt und an König Wilhelms
Seite gekämpft. ^^) Inzwischen hatte der Troubadour einen
Kreuzzug nach dem Orient absolviert, war nun wieder daheim
in seinem schönen Land und ließ vor Freunden und Fremden
(vgl. et interfecto Duce Sarracenorum Amalmater, Chronicon des
Ado von Vienne, in: Bouquet, Recueil des historiens des Gaules et
de la France, VII, Paris 1749, S. 55); Amelmasser eorum princeps
cum multi Sarracini... occidit, Andreae Bergomatis historia, in:
Monum. Germ. Hist., Script, rer. langobard., Hannov. 1878, S. 227.
In Spanien mag Turoldus das Schachspiel kennen gelernt haben (vgl.
Baist, Beziehungen 128). Zum spanischen Kolorit gehören auch der
Lorbeer, und das Maultier in dem so gesehenen Vers 861 Sur un
mulet od un bastun tuchant. In der Rolle des Algalife und seiner
Schwarzen, die zuletzt in den Kampf eingreifen, verbirgt sich ge-
schichtliche, im Land erworbene Erinnerung. So haben die Almo-
raviden aus Afrika den Sarazenen Spaniens Hilfe gebracht und sich
den Christen furchtbar erwiesen. Zu beachten ist auch der Berber
Corsabrins 885.
Daß der Rolandsdichter in Spanien gewesen ist, ist nicht nur unsere
Meinung. Fragt man weiter, welche Beziehungen der Bischof Turoldus
von Bayeux zu Spanien hatte, so erfahren wir allerdings nichts darüber,
daß er etwa nach Compostella gepilgert sei. Unwahrsclieinlich aber
ist solche Fahrt nicht, wenn man die Lage des Turoldus nach der
Einäscherung von Bayeux bedenkt, und den Umstand, daß der Legat
von Gallien, der seine Sache zu entscheiden hatte, selbst in Santiago
gewesen war (vgl. oben S. 138).
Wenn Turoldus damals, 1105/06 nach Spanien hineingekommen
ist, hat er vom Cid Campeador erzählen hören, und fand er unter einem
großen ,, Kaiser", Alfonso VI, fast die ganze Christenheit geeint.
Kreuzzugsslimmung und Kreuzzugsbegeisterung mußten im Dichter-
herzen von daher neue Nahrung erhalten.
^^) Zwar bei den Geschichtsschreibern fand er nirgends den Schlacht-
ort angegeben. Aber in den Annales regni Francorum wie in den soge-
nannten Annalen des Einhard stand zu lesen, daß Karl von Pamplona
aus den Rückzug über die PjTenäen angetreten habe. Ora, chi dice
Pamplona dice Roncisvalle. Gli e per Roncisvalle che si scende per
solito a quella cittä; gli e a Roncisvalle che si conduce di norma chi
di lä muove verso la Francia (Pio Rajna, A Roncisvalle, in: Homenaje
ä Menendez y Pelayo, II, Madrid 1899, S. 388). Und sollte Turoldus
obige Stelle nicht gekannt haben, so gab es ja Geistliche und Mönche
unterwegs, die dem reisenden Bischof, und wie gern, von den großen
Erinnerungen ihrer Gegend erzählt haben werden, wenn er bei
ihnen einkehrte.
3-*) Ordericus Vitalis, Lib. X 5; ed. Le Prevost IV, S. 25 f.;
Achille L u c h a i r e , Les premiers Capetiens <987 — 1137>, = His-
toire de France, publ. par Ernest Lavisse, T. II, 2, Paris 1901. S. 307.
148 Wilhelm Tavernier.
in Liedern das Vergangene aufleben: miserias captivitatis suac,
ut erat jocundus et lepidus, postmodum, prosperitate fultus,
coram regibus et magnatis atque Ghristianis coetibus, multotiens
retulit rythmicis versibus, cum facetis modulationibus (Ordericus
Vitalis, Lib. X 20; ed. Le Prevost IV, S. 132). Es ist nicht zuviel
Pliantasie, sich vorzustellen, daß der normannische Grandseigneur
auf der Durchreise durch Wilhelms Staaten dem Landesherrn,
dem berühmten Dichter, dem Freund seines verstorbenen Königs
seine Aufwartung gemacht hat. Führte doch die große Straße
vom Süden her nach Bordeaux (Wilke 73) und weiter über Blaye
nach Poitiers (Wilke 64) oder Limoges (W'ilke 71), also gerade
durch die wichtigeren Städte des fürstlichen Troubadours.^^)
Man beachte auch, wie reichlich Wilhelms Länder im Rolands-
epos mit ehrenvollen Anspielungen bedacht werden: da tritt an
die Stelle des farbloseren Gallia der Vorlage^^) die Guascuigne 819,
auch, und gut, vertreten durch den Pair Engelier de Guascoigne,
de Bürdete (796b, 1289, 1494, 2407). Bordeaux erhält 3684 das
schmeichelhafte Prädikat la citet de renom (so Stengel; Gautier,
Cledat: de valor)^ und die kostbare Rolandreliquie in Saint-Seurin
wird nicht vergessen (3685 ff.). In Gedanken sieht der Dichter
2^) Luchaire, Capetiens 308: Guillaume IX ...temoigne au pape
(Urbain II) une amabihte extraordinaire, l'engage ä traverser ses
Etats, le reQoit magnifiquement ä Limoges, ä Poitiers, ä
Saintes, ä Bordeaux.
^^) Es sind die Verse 195 ff. des Carmen de prodicione Guenonis
(G. Paris, Le Carmen de prodicione Guenonis et la legende de Ronce-
vaux, in: Romania XI, 1882, S. 471):
Tot Gallis visis ibi Galha visa videri:
GaUia? sed visis GaUia visa minor.
Aus diesen etwas dunklen Versen hat der Rolandsdichter das gemacht,
was seiner Art am nächsten lag, ein rührendes Wiedersehen der Heimat.
Was der Verfasser des Carmen wirklich gemeint, hat G. Paris in der
Anmerkung zu obiger Stelle treffend gemutmaßt: A la vue de tant
de Frangais on peut croire voir la France elle-meme; la France? non:
eile semblait moins grande que ces Frangais qu'on voyait. So etwa
hat kürzlich auch Arthur Livingston in einer sehr verdienstlichen
kommentierten Übertragung des Carmen (The Carmen. . .translated
into English, with textual notes, in: Romanic Review II, 1911, S. 68)
den Sinn der beiden Verse wiedergegeben: At the sight of so many
Gauls, Gaul seemed smaller than those there seen.
Aus dem Vergleich dieser Verse mit den entsprechenden des
Rolandsepos erweist sich in voller Deutlichkeit die Abhängigkeit des
französischen Dichters von seiner lateinischen Vorlage. Turoldus
hat sich nicht die Mühe gegeben, in den verzwickten Sinn der Stelle
einzudringen; die Worte Gallia visa genügten ihm, um danach die
schönen Verse 819 ff. zu dichten. Statt einer Geistreichelei bietet er
Schönheit, aus Steinen weiß er Brot zu machen.
Mangel an Zeit, nicht an Beweisen, hat uns bislang an der Fort-
setzung unserer Arbeit über ,, Carmen de prodicione Guenonis und
Rolandsepos" (diese Zs. XXXVIP, 1910, S. 83 ff.) gehindert, und noch
sehen wir keine Möglichkeit, so bald auf den Gegenstand zurückzu-
kommen. Daß schon unsere dam.aligen Ausführungen unsern verehrten
Beiträge zur Bolandsforschung. 149
auch die großen Schiffe^'^) wieder auf der Garonne^®) die Gironde,
wo ,,an Traubenbergen" vorbei ,, meerbreit ausgehet der Strom",
und drüben die Stadt Blaye mit ihren weißen Heldensärgen.
Denn daß in L. 269 handgreifUche Reiseerinnerungen vorUegen,
das ist schon vor uns gesagt worden und bedarf nicht mehr der
Betonung. — Wie sichs gebührt, bilden in Karls Heer die Peüevin
und die haron d'Alverne^^) ein statthches Kontingent (L. 224).
Chevals iint bons et les armes miilt beles (3064), und sie allein segnet
der große Karl mit seiner Rechten (3066). So fehlen Poiteviner
und Auvergnaten auf des Kaisers Hoftag in Aachen nicht (L. 277.
291), und dabei werden letztere auffallend ausgezeichnet durch
3796: Icil d'Alverne i sunt li plus curteis. Das hat auch Baist
bemerkt (Variationen 18 = Beiträge 230): ,,Ci75 d'Arverne^ in
beiden Teilen, und nach der Lage in den Zusammenhang passend,
ist im Verhältnis zu den übrigen großen politischen Körpern
auffallend unbedeutend, gehört zum Herzogtum Aquitanien,
und ist wohl nur wegen der Sippe Ganelons aufgenommen."
Dieser Erklärungsversuch ist zurückzuweisen. Pur Pinabel se
cuntienent plus quei 3797 bezieht sich doch augenscheinhch auf
die Gesamtheit der Ratsgenossen, von der 3805 f. Tierri allein
ausgenommen wird. Mit der Sippe Ganelons haben die
Auvergnaten nichts zu tun, nur ihres Lehnsherren willen sind sie
von unserm Dichter so auszeichnend erwähnt worden.'*®) Und
ihn selber, den fürstlichen Troubadour, hat Turoldus ehrenvoll
in den Heldensaal vaterländischer Geschichte und zeitgenössischer
Größen aufgenommen, der sein Epos sein sollte; 3938 heißt er
sub rosa Willalmes de Blavie, so nach einer seiner bedeutenderen
Städte.^i) Eine artige Aufmerksamkeit des Rolanddichters
Promotor Suchier von der Richtigkeit der These, daß das Carmen die
Vorlage des Rolanddichters, überzeugt haben, haben wir inzwischen mit
Freuden erfahren.
^^) Passet Girunde a granz n^s qu i i sunt (3688).
^°) Que le nom de Gironde se seit etendu ä cette epoque ä la
Garonne devant Bordeaux, c'est ce qui resulte de textes nombreux
(Camille Juliian, La tombe de Roland ä Blaye, in: Romania XXV,
1896, S. 169, Anm. 6).
39) Die Grafschaft Auvergne war Vasallenstaat Wilhelms VII.
(Luchaire, Capetiens 307).
''*') Bemerkenswert ist nicht die Erwähnung der Auvergnats,
sondern das hohe ihnen gespendete Lob. Man vergleiche die Zu-
sammenstellung eines Zeitgenossen des Rolanddichters, des Raimund
von St. Gilles (Recueil des historiens des croisades, Historiens occiden-
taux, III, Paris 1863, S. 244): namque omnes de Burgundia e t A 1 -
v e r n i a , et Gasconia, et Gothi, Provinciales aiipellantur, ceteri
vero Francigenae.
*^) Luchaire, Capötiens 307. Daß gerade Blaye, die Stadt,
wo Roland, Olivier und Turpin ruhen, den Beinamen hergobon nuiß,
ist bedeutungsvoll und in hohem Grade ehrenvoll für den fürstliciien
Troubadour. Man muß wissen, wie frei die Zeit des Holandiiichters
in der Wahl solcher geographischen Beinamen war, und daß die aller-
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX»/'. 11
150 Wilhelm Tavemier.
gf!g(!nübor suinoni fürsllichen Kollegen bedeutet es aucli, daß
die Bayern in unserm Epos so belobt werden; sie sind Karl die
liebsten nach seinen Franken (oder Franzosen), 3031 f. Das
macht, sie waren der Provenzalen treue Kampfgenossen auf
verschiedensten Beziehungen einen Mann mit dem Ortsnamen ver-
knüpfen konnten, der ihm als Beiname gegeben wurde.
So heißt Wilhelm, des Eroberers Kapellan und Biograph, bis heute
,,von Poitiers", weil er da studiert hatte — geboren war er in Pr^aux
(üep. Eure) in der Normandie. Noch bezeichnender ist eine Stelle
bei Willelmus Malmesbiriensis, De gestis regum Anglorum, § 396; ed.
by William Stubbs, Vol. II, London 1889, S. 473: Robertus (de
Belesmo), cum fratribus Ernullo ... et Rogerio Pictavensi, quod
ex e a regione uxorem acceperat sie dicto, Angliam per-
petuo abjuravit. Bei Fürsten war damals die Bezeichnung nach
Burgen und Lieblingsresidenzen üblich (vgl. Gottfried von Bouillon,
Raimund von Saint-Gilles, u. s. f.); ,,das beginnende XII. Jahrhundert. .
liebt auch bei Fürsten die Bezeichnung nach Residenzen und Burgen
anstatt nach Ländernamen" (Eduard Heyck, Die Kreuzzüge und das
heilige Land, Bielefeld und Leipzig 1900, S. 25). Diese Sitte erklärt
schon einigermaßen die Andeutung Willalmes de Blavie. Faßt man
nicht so sehr die Stadt als die Herrschaft, die ,,Viguerie" Blaye ins
Auge, so fehlt es nicht an Belegen dafür, daß Herrscher von Schrift-
stellern nach einem, oft entlegenen, Teil ihres Gebiets zubenannt
werden. Eine bezeichnende Parallele würde das Rolandsepos selbst
bieten, wenn man mit Stengel 171 lesen dürfte: Richarz li t'ielz, et
de G a l n e Henris. Das sinnlose Galne (noch O 662) wäre dann in
Gates zu bessern, d. i. Wales (vgl. Wace, Rou 11471. 11473). König
Heinrich wird nach dieser Provinz zubenannt, weil sie ihm reichen
Kriegsruhm eingebracht hat. Walenses rex Henricus, semper in
rebellionem surgentes, crebris expeditionibus in deditionem premebat
(Willelmus Malmesbiriensis, ed. Stubbs, §401, Vol. II, S. 477); Wallenses
semper Anglis rebelies ita subditos habebat, ut per omnem terram
eorum vel ipse, vel satrapae sui, illis invitis, munitiones aedificarent
(Fortsetzung der Gesta ducum normannicorum des Guillaume von
Jumieges, Lib. VIII, cp. 31, bei Migne, Patrologia lat. 149, Sp. 899).
Allerdings ist Stengel's Lesart et de Galne nichts weniger als ge-
sichert; das auffallende vone Garmes in dR steht dem et sun ne[vud]
von O gegenüber, an das sich Gautier und Cledat gehalten haben.
Beiläufig wäre auch mit letzterer Lesart auf des Turoldus Landes-
herrn und Gönner angespielt; so wenig wie das lateinische nepos (da-
rüber mit Bezug auf eine Urkunde von 1104, worin für nepos ,,die
Übersetzung Neffe völlig ausgeschlossen ist", Luhe 4: ,,Der Begriff
nepos ist viel zu schwankend und dehnbar, um auf einen bestimmten
Grad schließen zu lassen.. . . Es kann mit nepos auch Verwandtschaft
bezeichnet werden, die erst durch Heirat zustande gekommen ist.")
ist das altfranzösische nies auf die Bedeutung ,, Neffe" beschränkt,
wie ein drastischer Beleg bei Godefroy lehrt {eil qui nest de mon fil
et de sa jeme est mis nies et ma niece). Daß Roland für Turoldus gar nicht
der N e f f e Karls zu sein braucht, verdient beachtet zu werden.
Noch seien zu dem oben besprochenen Willalmes de Blavie (und
gegebenenfalls Henris de Galne) zwei Parallelen aus einem zeitgenössi-
schen lateinischen Schriftsteller beigebracht: Fulcher von Chartres
nennt in seiner Historia hierosolymitana (Lib. I, cp. V, 1; hrsg. von
Heinrich Hagenmeyer, Heidelberg 1913, S. 145) imperator Baioariorum
und sagt von ihm (Lib. I, cp. I, 1 ; S. 119) regnante in Alemannia Henrico
imperatore sie dicto. Auch hier also pars pro toto, ein Teilgebiet fürs
ganze Reich, denn wegen der erstgenannten Stelle scheint es uns nicht
ausgemacht, daß Alemannia, wie der gelehrte Herausgeber meint,
Beiträge zur Rolandsforschung. 151
dem Kreuzzug d. J. 1101 gewesen ;^^) Wilhelm wird oft genug
ihr Lob gesungen haben.
So spricht auch im Rolandslied manches dafür, daß der
fürsthche Troubadour dem normannischen Dichter nicht gleich-
gültig, nicht unbekannt gewesen ist. Es entbehrt nicht des Reizes,
sich den Grandseigneur Turoldus als Reisegast, als Zuhörer
Wilhelms von Aquitanien vorzustellen, die beiden Männer zu-
sammen zu denken, die ihre Volkssprache zuerst in die große
Literatur hinaufgeführt haben. Daß unser Bischof nachher
ein Epos in der Heimat lieben Lauten gedichtet hat und nicht
lateinisch, dazu mag ihn des Troubadours Beispiel ermuntert,
ermutigt haben.
Boemimd in Frankreich.
Wenn, wie oben (S. 138) angenommen, die Spanienreise des
Turoldus etwa Herbst 1105 angetreten, die Rückreise durch
Wilhelms von Poitiers Staaten also Anfang des Jahres 1106
erfolgt ist, dann könnte unser Bischof schon auf dem Wege zur
Heimat dem Kreuzzugshelden begegnet sein, der damals als
Frankreichs Gast von der ganzen Nation umjubelt wurde, Boe-
mund von Antiochien.
Im Februar oder in den ersten Tagen des März war er, von
dem päpstlichen Legaten Bruno von Segni begleitet, in Frank-
reich angekommen. *3; ,,Das erste Ziel der Reise bildete die Grabes-
(S. 119, Anm. 4) hier schon Gesamtdeutschland bezeichnen sollte-
Jedenfalls bleibt der Imperator Baioariorum, welche Tendenz auch
bei Fulcher mit hereingespielt haben mag, ein stiHstisches Seitenstück
zu unserm Willalmes de Blavie.
*-) Darauf hatten wir schon in ,Über einen terniinus ante quem
des altfranzösischen RoIandsUedes', S. 16 (in: Philologische und volks-
kundliche Arbeiten Karl Vollmöller dargeboten von G. Baist,
K. Gruber [u. a.] Erlangen 1908), hingewiesen. Zwar Stengel scheint
unserer Deutung ablehnend gegenüber zu stehen (diese Zs. XXXV-, S. 3) ;
aber nichts wüns('hten wir mehr, als daß ihm eine plausiblere gelänge.
Denn daß der Rolanddichter sein Lob mit vielem Bedacht verteilt,
daß sein Epos voll feiner Anspielungen und allerlei darin hineingeheim-
nißt ist, das wird sich in unserer weiteren Darstellung ergeben. Darum
denn allerdings die Frage zu beantworten ist: was haben dem nor-
mannischen Dichter gerade die Bayern angetan, daß er sie so auf-
fallend lobt?
*^) Es ist sehr bedauerlich, daß wir über den bedeutendsten der
Führer des ersten Kreuzzugs noch keine wissenschaftliche Monographie
besitzen. Diese Lücke baldmöglichst auszufüllen, wäre wohl des
Schweißes eines Doktoranden wert.
Was gelegentlich über Boemunds Reise durch Frankreich i. J. 1106
zusammengestellt worden, ist unzulänglich und widerspruchsvoll.
Die meisten Forscher haben sich durch einen Gedächtnisfelder des
doch so prächtigen Ordericus Vitalis irreführen lassen, der gewisse
Ereignisse der Jahre 1105 und 1106 durcheinanderwirft (vgl. oben
Anm. 11 zu S. 135). Auch die jüngste und beste Darstellung bei Bernhard
11*
152 WlUlcUu Tuvcnücr.
kirclu! des hl. Loonlianl" (St. Leonard-lo-Noblac) bei Limogos,
wo Hoomund ein Gelübde zu lösen hatte (Gigalski 58). Daß
Limoges eine der Hauptstädte des fürsthchen Troubadours
Wilhelm und auf einer der beiden großen Straßen von Bourdeaux
nach Paris lag, haben wir bereits oben bemerkt (S. 148). Wenn
aueli nicht ausdrücklich bezeugt, so ist doch als wahrscheinlich
anzunehmen, daß es sicli Wilhelm nicht nehmen ließ, den ge-
leierten Helden persönlich zu begrüßen. Drängte sieh doch alles
auf Boemunds Wegen, um den berühmten Kreuzfalirer zu sehen
(Gigalski 58 f.). So mag auch Turoldus, falls ihn in jenen Wochen
gerade die Reise nach Südfrankreich führte, es nicht versäumt
haben, seinen großen Stammesgenossen aufzusuchen. Und
wenn nicht schon im Limousin, so war in der Folgezeit Gelegenheit
genug, Boemund zu treffen, als dieser mit dem päpstlichen Legaten
von St. Leonard weiter langsam durch Mittclfrankreich zog.
Quadragesimali tempore Galliarum urbes et oppida peragravit,
et ubique tam a clero quam a plebe venerabiliter susceptus,
referebat varios eventus quibus ipse interfuit. Reliquias vero
et pallas olosericas et alia concupiscibilia sanctis altaribus revc-
renter exhibuit, et ipse, in monasteriis ac episcopatibus favora-
biliter exceptus, tripudiavit, ac pro benignitate Occidentalium Deo
gratias retulit Multi nobiles ad eum veniebant, eique suos
infantes offerebant, quos ipse de sacro fönte libentersuscipiebat, . .
(Ordericus Vitalis, Lib. XI 12; ed. Le Prevost IV, S. 212).
Auf dem weiteren Triumphzug kam der Kreuzzugsheld
— wo, wissen wir nicht — mit dem König von Frankreich zu-
sammen, der ihm die Hand seiner Tochter zusagt (Ordericus
Vitalis XI 12; ed. Le Prevost IV, S. 213). Gräfin Adele von
Chartres, die hochsinnige Tochter des Eroberers, die Schwester
des Beauclerc, rüstet prächtig die Hochzeit zu. Der Bräutigam
läßt sein Gepäck und den größten Teil seines Gefolges in Char-
tres*^) und reist in die Normandie,*^) um auch dort für den
Gigalski: Bruno, Bischof von Segni, Abt von Monte-Cassino
<^1049— 1123>, Münster 1898 (= Kirchengeschichtliche Studien,
Bd. 3, H. 4), S. 56 ff. bedarf der Nachbesserung. Wir werden gegebenen-
orts unsere Abweichungen von Gigalski's Itinerar begründen.
**) Carnoti, ubi famiUa et pene tota supellex Boemundi reditum
ejus praestolabatur (Eadmerus, Historia novorum 180).
45) Gigalski 60 läßt die Reise in die Normandie nach der Hochzeit
in Chartres stattfinden. Das führt zu ünwahrscheinlichkeiten in
seiner Darstellung der Ereignisse: es bleibt, wenn die Hochzeit ,,bald
nach dem Osterfeste <25. März>" gehalten worden ist, kein ge-
nügender Zeitraum für die Zurüstungen zu dem doch prächtig ge-
feierten Fest (convivium abundans) übrig. Schon eine bürgerliche
Hochzeit pflegt, außer in dringenden Fällen, nicht so Hals über Kopf
vollzogen zu werden, wie es Gigalski's Itinerar für die Heirat der
Königstochter von Frankreich verlangt.
Daß die Hochzeit „bald" nach dem Osterfest stattgefunden hätte,
geht aus den Quellen nicht hervor; post Pascha, sagt Ordericus Vitalis
Beiträge zur Rolands forschung. 153
Kreuzzug zu werben, wohl ferner um — vergebens — auf den
König von England zu warten, der Boemund eine Zusammen-
kunft auf dem Festland in Aussicht gestellt hatte.^^j In der
XI 12 (ed. Le Prevost IV 213), weil vorher (S. 212) von der Reise
quadragesimali tempore die Rede war.
Zurückzuweisen ist die Darstellung bei Reinhold Röhricht,
Geschichte des Königreichs Jerusalem <1100 — 1291>, Innsbruck 1898,
S. 64: ,, Boemund hatte vor Ostern <9. April 1106> in der Normandie
mit König Wilhelm eine Zusammenkunft". König Wilhelm war seit
1100 tot, eine Zusammenkunft mit dem damaligen König Heinrich
hat nicht stattgefunden (s. darüber Anm. 46), Ostern fiel jenes Jahr
nicht in den April und endlich kann Boemund nicht vor dem 9. April
in der Normandie gewesen sein, erst recht nicht vor Ostern (s. Anm.
47 zu S. 154).
^^) (Buamundus), antequam Gallias attingeret, legatos suos in
Angliam direxerat, et de adventus sui causa in Ausoniam regi man-
daverat, et quod ad curiam ejus transfretare vellet insinuaverat.
At contra providus rex, metuens ne sibi electos milites de ditione sua
subtraheret, mandavit ei ne discrimen hibernae navigationis subiret;
praesertim cum ipse rex in Neustriam ante azymorum celebria trans-
fretaret, ibique satis secum colloqui valeret. Quod et ita factum
est (Ordericus Vitalis, Lib. XI 12; ed. Le Prevost IV 211). Die letzten
Worte klingen sehr unbestimmt; vielleicht sind sie mit ,Und dabei
blieb es' am richtigsten zu übersetzen, vielleicht wollte auch Ordericus
den Ausgang der Angelegenheit, über den er nichts Genaueres wußte,
absichtlich im Unklaren lassen. Sollten die Worte aber so gemeint
sein, daß die geplante Zusammenkunft wirklich stattgefunden hat,
so läge schlechterdings ein Irrtum des Ordericus vor. Er erzählt
nämlich weiterhin (XI 13. 14. 17; ed. Le Prevost IV 214 f., 218 ff.)
unter demselben Jahr 1106 Ereignisse des Jahres 1105 (vgl. Anm. 11
zu S. 135). Frühjahr 1105 ist König Heinrich in der Tat nach der
Normandie gekommen (vgl. oben S. 135). Auch im Frühjahr 1106
hatte der Beauclerc dasselbe vor; insoweit ist Ordericus an der oben
zitierten Stelle im Recht, wie der von Eadmerus, Historia novoruin
177 wiedergegebene Brief Heinrichs an Anselm erweist (Nee tibi sit
incognitum brevi intervallo temporis me transfretaturum) — vgl.
Adams 143.
Boemund mag also vor allem deshalb nach Ronen gereist sein,
um dort den König von England zu erwarten, der ihm wie später dem
Anselm seine Ankunft in Aussicht gestellt hatte. Aber Heinrich
kam zunächst nicht, und Boemund konnte der bevorstehenden Hoch-
zeit wegen nicht aufs Ungewisse hin lange bleiben. So ist denn aus
der Zusammenkunft nichts geworden, ein Ausgang, den der kluge
Politiker Heinrich nicht bedauert haben wird. Itwas nearly August be-
fore Henry's third expedition actually landed in Normantly (Adams 144).
Durch die unklare oder irrtümliche Bemerkung des Ordericus,
,Quod et ita factum est' am Ende der oben zitierten Stolle iiaben sich die
meisten Forscher verleiten lassen, von einer wirklich orfolglon Zusam-
menkunft Boemunds mit dem englischen König zu sprechen; so zuletzt
Röhricht (s. vVnm. 45 oben). Auch Gigalski 61 erzäiilt den Tat-
sachen zuwider, König Heinrich sei ,,im Frühjaiire IHK) nach Frank-
reich herübergekommen" und , .schon in der zweiten ILUfte des Mai"
sei der Krieg mit seinem Bruder Robei't ausgebrociien. Vorsii'htigei"
fährt Gigalski fort: ,,0b (Boemund) mit... lleini'ich die früher ver-
sprochene Zusammenkunft abhielt, läßt sich niciil feststellen."
Wir hielten es der Mühe für wert, festzustellen, daß diese Zu-
sammenkunft nicht stattfand. Klarheit auch in solchen Detailfragen
154 Wilhelm Tavernier.
zweiten Hälfte des April^'^) verhandeln der Fürst von Antiochien
und der ilin begleitende Legat in Ronen persönlich mit Anselm
und dem Erzbiscliof der Normandie.'*®) Der Primas von Eng-
land liatte in Rouen eine kirchliche Synode besucht, die bei
Boemunds Ankunft wohl noch zusammen war und dann natür-
lich auch zusammen blieb>^) Die in König Heinrichs und
Anselms Auftrag nach Rom abgegangene Gesandtschaft, dar-
unter der uns schon bekannte Wilhelm von Veraval,^®) war
nämlich nach Le Bec zurückgekehrt. In Rouen wurden nun die
Briefe des Paschalis verlesen, die Wilhelm für Anselm und den
Erzbischof Wilhelm von Rouen mitgebracht hatte. Der erstere
ist vom 23. März,^^) der andere vom 28. März datiert. ^^^ Wegen
des Turoldus hat der Papst, wie wir oben (s. S. 137) sahen, am
30. März oder 3. April an Erzbischof Wilhelm geschrieben. Aus
dieser Datenfolge läßt sich zweierlei schließen. Wie Pasch alis
auf Anselms gewichtige Fürsprache und die Bitten des könig-
lichen Gesandten hin die Sache des suspendierten Erzbischofs
in Gnaden wieder aufnimmt,^^) so wird auch sein milde dila-
torisches Verhalten dem Turoldus gegenüber auf die Intervention
des Primas und des Königs zurückzuführen sein. Man sieht,
scheint uns unbedingt geboten. Man kann nicht in das Verständnis
des Rolandsepos eindringen wollen, ohne die allergenaueste Kennt-
nis der Zeitgeschichte. Da bleibt noch viel zu tun.
*') ,,Die Anwesenheit Bohemunds und Brunos zu Rouen fällt
etwa in die Mitte des April" (Gigalski 61). Sie ist vielmehr ein wenig
später anzusetzen, wie die in unserem Text folgende Darstellung er-
gibt. Die von Rom kommenden Gesandten bringen Papstbriefe vom
23. und 28., wahrscheinlich auch 30. März oder gar 3. April mit. Rund
3 Wochen sind wohl für die Reise von Benevent bezw. Salerno bis
le Bec zu veranschlagen, und Boemund kommt ja erst in Rouen an —
so scheint es nach Eadmer's Darstellung — , als Anselm und die Ge-
sandten schon da waren und schon ihre Sache auf der Synode vorge-
bracht hatten. So werden wir bis gegen Ende April als Termin für
die Verhandlungen Boemunds mit Anselm geführt.
^^) Anseimus... actis cum pontifice Rotomagensi et Boemundo
ac Jerosolimitanis quae videbantur agenda, Beccum revertitur (Ead-
merus, Historia novorum 180).
^^) (Anseimus) ivit ergo Rotomagum, et in synodo clericorum,
quae tunc erat adunata, adventus sui causam exposuit (Eadmerus,
Hist. nov. 177). Eadmer erzählt weiter, daß die päpstlichen Schreiben
vor der Synode verlesen werden, und fährt (S. 17 ) fort: His diebus
venit Rotomagum Boemundus. . .
^^) de Warelwast (Eadmerus, Hist. nov. 185). Vgl. über ihn
diese Zs. XXXVIIP [1911], S. 135; und über sein Ansehen beim
Papst Anm. 53.
51) X. kal. Aprilis. — Jaffe-Lcewenfeld I 724; N*' 6073. Der
Brief bei Eadmerus, Hist. nov. 178.
52) Beneventi V. kal. Aprilis. — Jaffe-Loewenfeld I 724; N*' 6074.
Der Brief bei Eadmerus, Hist. nov. 177 f.
5^) Licet causae tuae qualitas patientiam nostram plurimum
gravet, pro reverentia tarnen fratris nostri Cantuariensis episcopi
et dilectione latoris praesentium filii nostri Willelmi (de Warelwast),
qui pro te apud nos vehementius intercesserunt, paterna penes te benig-
nitate movemur (Eadmerus, Hist. nov. 177 f.).
Beiträge zur Rolandsforschung. 155
wie die Kurie nacheinander die durch die Gesandten über-
mittelten Streitfälle bearbeitet und beantwortet. Und zweitens
dürften alle drei Briefe der Gesandtschaft auf den Heimweg
mitgegeben worden sein, wenn es auch ausdrücklich nur für die
beiden Schreiben vom 23. und 28. März bezeugt ist.
Bedenken wir die Lage des Turoldus. Er wußte, daß seine
Sache durch die Gesandten des Königs und Anselms bei der
Kurie vertreten wurde. Wie er, von Spanien zurückkehrend,
sich Anfang 1106 seiner Heimat näherte, mußte er mit der größten
Spannung die Rückkunft der Boten und den Bescheid des Papstes
erwarten. Und da die Gesandtschaft, aus geographischen Grün-
den, auf der Heimreise zunächst den Primas von England auf-
zusuchen hatte, so wird unser Bischof in der Nähe des heiligen
Anselm den Urteilsspruch der Kurie abgewartet haben, d. h.
im Kloster Le Bec. Dort, an der Stätte seiner einstigen Wirk-
samkeit, hat der Primas fast ununterbrochen von Sommer 1105
bis September 1106 geweilt.^'*) In dem, auch wegen seiner Gast-
freiheit, berühmten Kloster war Turoldus gewiß ein besonders
lieber Gast, nicht nur als ein geistvoller und freundUcher Herr,
sondern schon um der bedeutenden Schenkung willen, die er der
Abtei zugewandt hatte (diese Zs. XXXVIP, S. 108). Des Turoldus
Residenz Bayeux konnte noch nicht völUg wieder aufgebaut sein,
das Verhältnis zum dortigen Kapitel war noch nicht geregelt, die
Besitzungen des Bistums infolge der unter Herzog Robert herr-
schenden Anarchie eine Beute anderer geworden,^^) da war ja
ohnehin Le Bec, der geistige Zentralpunkt der Normandie, nahe
der Hauptstadt Ronen, der gegebene Aufenthaltsort für einen
angesehenen und geistig interessierten Kleriker außer Funktion.
Genug, und das ist von Wichtigkeit, wir dürfen uns das Kloster
Le Bec als den hauptsächlichsten Aufenthaltsort unseres Bischofs
nach seiner Rückkehr aus Spanien vorstellen. — Daß er im
April von Le Bec aus die Synode von Ronen 1106 besucht hat,
an der Anselm und die aus Italien heimreisenden Gesandten
teilnahmen, kann nicht zweifelhaft sein. Dort wurden ja die
mitgebrachten Bescheide der Kurie in den normannisch-eng-
lischen Streitfragen öffentlich verkündet, und Turoldus, der
noch im November als Baiocensis episcopus zeichnet, rechnete
sich damals gewiß erst recht als zum normannischen Klerus
gehörend.
Wir sehen, und darauf kommt es an: der Wog, den unser
Bischof auf der Heimreise von Spanien durch Wilhelms von
Poitiers Staaten und weiter, vielleicht über Chartres, bis zu
Le Bec zu machen hatte, deckt sich im wesentliclien mit dem
Triumphzug Boemunds vom Limousin bis Ronen. Da auch
5*) Por^e, Histoire de l'abbaye du Bec, I, fivreux 1901, S. 260 ff .
^^) Vorgeschichte, Anm. 364 auf S. 194. Wir werden weiter unten
die in Betracht kommenden Briefstellen abdrucken.
156 Wilhelm T(wernier.
zeitlich die beiden Reisen nahe aneinander zu liegen kommen,
so könnte Turoldus schon unterwegs den Kreuzzugsliclden ge-
troffen und vielleicht ein Stück mit ihm zusammen gereist
sein. Zog doch der Weltruf des riesenhaften Antiocheners alles
auf seinen Weg, und für unsern Bischof kam ein gewichtigerer
Grund hinzu, um Boemund aufzusuchen: in dessen Begleitung
reiste der Legat, der Generalbevollmächtigte des Papstes, in
dessen Hand letzthin des Turoldus Schicksal lag. In der Tat
haben Bruno von Segni nicht nur Kreuzzugsangelegenheiten
beschäftigt, sondern er hat damals als Schiedsrichter an Papstes
Statt eine ganze Reihe von Streitfällen entschieden, die vor
ihn gebracht wurden.^^) Sollte aber Turoldus die Staaten Wil-
helms von Poitiers passiert haben, ehe Boemund im Limousin
eintraf, so würden sich die beiden doch jedenfalls in Rouen
gesehen haben, das keine Tagereise weit vom Bec entfernt ist.
Das also ist festzuhalten, und von Belang auch für das
Verständnis des Rolandslieds und seines Stimmungsgehalts:
Turoldus hat den größten Kriegshelden seiner Zeit, den be-
deutendsten der Kreuzzugsführer persönlich gekannt. Daß es
nicht bei flüchtiger Begegnung gebheben ist, läßt sich denken;
mächtig muß des Bischofs Dichterherz ergriffen worden sein
von der wuchtenden Größe der Heldengestalt Boemunds, und
andrerseits war Turoldus, von seinen persönhchen Eigenschaften
abgesehen, schon wegen seines hohen Ansehens und seiner vor-
nehmen Herkunft, uir in terra sua potens et nohilis (diese Zs.
XXXVIIP [1911], S. 134), nicht einer, den man mit einem
Händedruck abfertigen kann, wenn man, wie Boemund, als
Werber kam für eine Lebenssache.
Als nicht ohne Interesse mag hier eine Notiz Eadmers, jene
Tage in Rouen betreffend, wiedergegeben werden. Er erzählt
von Ilgyrus, dem magister militum Boemunds (Historia novorum
179 f.): Hie ab adolescentia sua notus Anselmo multa fuerat
ejus beneficia consecutus. Familiariter itaque cum eo agens,
inter plurima quae ipsi de superatis bellis, de urbibus captis,
de situ locorum, aliisque nonnullis, quae in expeditione lerosoli-
mitana acceperat, delectabili allocutione disseruit . . .
Wenn schon ein Mönch von der Art Eadmers diese Kreuzzugserinne-
rungen entzückend fand, wie mag erst eines Turoldus Herz
höher geschlagen haben, wenn auch er damals den tapferen
Soldaten von den Wundern und Wundertaten des fernen Orients
erzählen hörte.
Über Rouen kann Boemund nicht wohl oder doch nicht
weit nach Norden und Osten hinausgekommen sein,^'^} denn in
56) Vgl. Gigalski 61 ff., 65 f., 67 f.
^') ,, Ebenso fehlen uns nähere Nachrichten darüber, wie weit
Bruno und Bohemund ihre Reise nach Nordosten, nach Flandern zu,
ausgedehnt haben" (Gigalski 61). — Setzt man die Hochzeit in Chartres
Beiträge zur Rolands jor schling. 157
die erste Hälfte des Mai^^) fällt die denkwürdige Hochzeitsfeier
in Chartres, die zu einem nationalen Fest wurde: das französische
Königstum vermählte sich gleichsam mit der Kreuzzugsidee,
indem Boemund die Königstochter Konstanze zur Gattin und
für seinen Neffen Tankred die Hand einer andern Königstochter
Cäcilie erhielt. ^^)
Die Hochzeit der französischen Königstochter.
Von dem Glanz und der Begeisterung jener Maientage in
Chartres mögen uns die zeitgenössischen Berichte ein Bild geben.
(Buamundus) post Pascha Carnoti eam desponsavit; quibus
Adela comitissa convivium abundans omnibus praeparavit. Ibi
rex Francorum cum magna multitudine suo-
rum affuit ... Tunc idem dux (Buamundus), inter illustres
spectabihs, ad ecclesiam processit, ibique ante aram Virginis
et Matris in orcistram conscendit, et ingenti catervae,
quae convenerat, casus suos et res gestas enarravit, o m n e s
armatos secum in Imperatorem ascendere
commonuit, ac approbatis optionibus urbes et oppida
ditissima promisit. Unde multi vehementer accensi sunt, et
quasi ad epulas festinantes, iter in Jerusalem arripuerunt. —
So Ordericus VitaHs (Lib. XI 12; ed. Le Prevost IV, S. 213).
Und Suger erzählt (Vie de Louis le Gros, publ. par Aug. Molinier,
Paris 1887, S. 23): Callebat princeps Anthiochenus, et tam donis
quam promissis copiosus, dominam illam celeberrime sibi copulari
Carnoti, presente rege et domino Ludovico, multis astan-
V 0 r den Aufenthalt in Rouen, dann bleibt allerdings Zeit übrig für
die doch recht unsichere Reise nach Bergues St. Winnoc.
^^) Terminus post quem ist die Zusammenkunft Boemunds mit
Anselm in Rouen, gegen Ende April (s. Anm. 47 zu S. 154); terminus
ante quem die Synode von Poitiers vom 26. Juni (über dies Datum
vgl. Gigalski 64, Anm. 1; danach ist Luchaire, Louis VI, S. 22, No. 36
zu berichtigen), an der Boemund teilnahm. Doch nötigen zwei Gründe,
möglichst weit gegen den terminus post quem zurückzugehen : einmal
die Angabe bei Ordericus post Pascha eam desponsavit (s. diese S. oben),
was zwar nicht ,, gleich nach Ostern" heißen muß (s. Anm. 45 zu S. 152),
aber doch die Zeit von Pfingsten (13. Mai) an auszuscliließen scheint.
Es kommt hinzu, daß wir den päpstlichen Legaten, der aucli die Hoch-
zeit mitgemacht hatte, am 17. Mai in Le Mans finden (Gigalski 61),
etwa zwei Tagereisen westlich von Chartres. Wahrscheinlidi wird
Boemund mit Bruno ziisammengereist sein, Poitiers als Ziel, jedenfalls
war da die Hochzeit vorüber.
Andrerseits sind dem bezeichneten terminus post quem ein paar
Tage für die Rückreise Boemunds von Rouen nach Chartres zuzu-
rechnen, und so kommen wir denn zu dem im Text gegebenen Termin.
^^) Ita ducta uxore filia regis Francorum, et altera Tancredo
missa, repetivit Appuliam (Willelmus Malmcsbiriensis, De gestis regum
Anglorum, Lib. IV § 387; ed. by Slubbs, II, S. 454). — Vgl.
Rölu'icht 65 (,, ...so daß die Interessen des Königreichs Frankreich
und Fürstentums Antiochien aufs engste verbunden wurden").
158 ]]'ilhelm Taveniicr.
l i b u s archiepiscopis, c p i s c o p i s et rcgni proceribus, devote
promoruit. Astitit etiam ibidem Romane sodis apostolice Ic-
gatus..., a domimj Pascliali papa, ad invitandam et con-
fortandam sancti Sepulchri viam dominum Boamundum
comitatus.
Wir sehen also, daß um den König von Frankreich und
seinen Sohn und Mitregenten, um Boemund und den päpst-
lichen Legaten in jenen Frühlingsfeiertagen ein großer Teil des
französischen Adels und zahlreiche Erzbiscliöfe und Bischöfe
versammelt waren, und daß unter den Anwesenden die Kreuz-
zugsbegeisterung aufs hellste aufgelodert ist. Wenn wir bedenken,
daß Chartres so nahe den Grenzen der Normandie lag, vom
Kloster Le Bec im besonderen leicht zu erreichen, so ist die
Vermutung von vornherein wahrscheinlich, daß auch Turoldus
in jener Festversammlung zu denken ist. War doch Gastgeberin
die hochgebildete und Dichtern holde Schwester seines könig-
lichen Herrn und Gönners Heinrich; da w^erden auch norman-
nische Große unter den Gästen nicht gefehlt haben. Für unsern
Bischof kam hinzu, daß er keine Residenz mehr, und, da sein
Prozeß noch schwebte, kaum die Möglichkeit zu einer beruflichen
Betätigung nach der geistlichen Seite hin hatte.
Wir dürfen uns Turoldus unter den Hochzeitsgästen der
Adele vorstellen. Nicht aber gebunden an diese Wahrschein-
lichkeit drängt sich die wichtigere Frage auf: ist das Rolandslied
damals in Chartres zuerst gesagt und gesungen worden ? Zur
Feier des Festes gedichtet, dem Heldenbräutigam zu Ehren ?
Oder ist es doch unter den berauschenden Eindrücken jener Tage
konzipiert worden? Kurz, besteht irgend ein Zusammenhang
zwischen unserm Epos und dem begeisterten Nationalfest 1106
in Chartres ?
Für die Möghchkeit spricht manches. Vorweg bemerkt
würde sie das erfüllen, was, von ganz andern Erwägungen aus-
gehend, Baist in bezug auf Heimat und Verfasser unseres Rolands-
liedes postuhert hat (Variationen 19= Beiträge 231): ,,Wenn
wir eine Bestimmung versuchen wollen, scheinen mir die Land-
schaften von Chartres und Dunois den Vorzug zu verdienen,
ohne politisches Eigengewicht, an der Grenze der Erhaltung
von ew-Kons. und €^ und, was nicht gering anzuschlagen ist,
direkt empfohlen durch die Karlsreise 406 und 654, als Haupt-
stützen königlicher Tradition." Und noch wichtiger ist S. 20
= 232: ,, Danach würde sich ergeben, daß unser Roland von
einem Normannen auf franzischem Gebiet
fürFrancier nach franzischer Vorlage bearbeitet worden ist,
im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts." Die Frage nach der
Vorlage kommt hier nicht in Betracht: wir halten daran
fest, daß, wie die älteren Literaturwerke überhaupt, so auch
das Rolandslied nach dem Lateinischen gedichtet worden
Beiträge zur Rolandsforschiing. 159
ist.^^) Wenn wir danach den letzten Satz Baist's ändern und
statt ,für Francier' ein allgemein französisches Publikum, dar-
unter vorwiegend Francier, einsetzen, so sind alle Forderungen
Baist's durch die Sachlage bei Boemunds Hochzeit erfüllt: ein
normannischer Dichter, doch die Dichtung in oder für Chartres.
Ja selbst der entgleiste Kleriker, den Paris und Baist als Ver-
fasser angenommen haben, käme gewissermaßen zu seinem
Recht, insofern als des Turoldus geistliche Stellung damals
umstritten und zweifelhaft geworden war. Allerdings ist dies
Zusammentreffen ein mehr zufälliges; aus dem Lied selbst kann
mitnichten auf ein Aufgeben der geistlichen Laufbahn geschlossen
werden, so fromm und heilig wie es ist. Bald sollte der Dichter,
durch den Übertritt zum Mönchtum, in ganz anderer Richtung
umsatteln, als im Sinne der Paris-Baist'schen Annahme liegt.
Das Wahre daran beschränkt sich auf den Umstand, daß die
ungeregelten, zerrütteten Verhältnisse seines Episkopats unserm
Bischof ganz besonders viel Zeit Heßen zu ausgiebiger mwidana
cogitatio.^^)
Darmstadt. Wilhelm Tavernier.
^^) Vgl. oben Anm. 36 zu S. 148. — Was dem Nibelungenlied
recht ist, sollte dem Rolandsepos gegenüber billig sein. Wegen der
lateinischen Nibelungias vgl. S. Singer, Mittelalter und Renaissance.
Die Wiedergeburt des Epos, Tübingen 1910, S. 41.
^M Anhangsweise sei ein Versehen in dem ersten Abschnitt dieser
Abhandlung verbessert, ehe es Schaden anrichtet. Diese Zs. XXXVIP,
S. 120 ist der Satz: ,,Die höchste Würde des Kapitels ... hatte er
übersprungen" zu streichen. Der Dekan folgt im Rang auf den
Bischof. — Ein bezeichnendes Gegenstück zu dem kirchlichen Avan-
cement unseres Turoldus ist der Fall Gaudri in Laon (1106). Riche
en effet . . ., Gaudri, chasseur et soldat plus que clerc, n'avait aucun
titre aux fonctions ^piscopales. Aussi, pour donner ä ce choix
l'apparence de la 16galit6, lui avait-on conf^rö ä la häte le titre de
sous-diacre avec un canonicat dans l'eglise de Ronen (Bernard
Monod, Essai sur les rapports de Pascal II avec Philippe ler
<1099— 1108>, Paris 1907, S. 48).
Textkritisches zum Chevalier au barisei.
Schultz-Gora hat der zweiten Auflage seiner „Zwei alt-
französischen Dichtungen" (Halle 1911), deren zweites Stück
die hübsche Erzählung von dem Ritter mit dem Fäßchen bildet,
die Varia lectio der drei außer der zugrunde gelegten Hand-
schrift A bekannten Handschriften beigegeben, allerdings nicht
alle, sondern nur die ,, irgendwie wichtigen" Lesarten aufgeführt.
Ein ganz klares Bild der handschriftlichen Überlieferung ist
damit freilich nicht gewonnen. Der von Barbazan-Meon kom-
binierte Text (Fabliaux et contes des XI, XII, XIII, XIV et
XV^s. I 208 — 242) weist eine nicht unbeträchtliche Zahl von
Lesarten auf, die bei einer streng kritischen Textbearbeitung
doch Beachtung verdienen dürften. Sch.-G. hat festgestellt,
daß B C D eine Gruppe gegenüber A bilden, mit der Einschrän-
kung, daß B nicht selten mit A gegen C D zusammengeht. Nach
Ansicht des Hrsg. steht A im großen und ganzen dem Originale
am nächsten, weil es einmal an vielen Stellen die bessere Lesart
aufweise und ferner gegen Schluß zahlreiche Verspaare erhalten
habe, von denen man nicht annehmen könne, daß sie von A
oder dessen Quelle hinzugedichtet seien, sondern deren Fehlen
sich einfach als Kürzung darstelle. Demgegenüber ist zunächst
daran zu erinnern, daß auch A eine Reihe von Versen fehlen,
die in B C D erhalten sind (nach 48, 116, 192, 428, 658, 805/6)
im ganzen 20 Verse, denen rund 90 in C D fehlende, aber in A
erhaltene gegenüberstehen. Nur einmal ist auch B an einer
in C D vorhandenen ,, Lücke" beteiligt: 663/4. Die genaue
Prüfung dieser Lücken scheint mir für die Beurteilung des Hand-
schriftenverhältnisses von großer Wichtigkeit. A priori ist ge-
wiß beides möglich: die Kopisten können gekürzt oder Zusätze
gemacht haben. An Stelle absichtlicher Kürzung wird auch
mit bourdons, versehentlichem Überspringen von Versen bei
der Abschrift, zu rechnen sein. Im ganzen ist aber, denke ich,
bei einem offenbar so beliebten und dem frommen Sinn des
Mittelalters so zusagenden Gedichte, wie der Ritter mit dem
Fäßchen, von vornherein viel mehr Wahrscheinlichkeit für
Zusätze als für Kürzungen vorhanden. Man darf so weit gehen
Textkritisches zum Chevalier au barisei. 161
zu sagen, daß es auffallend wäre, wenn nicht der eine oder andre
Abschreiber in dem Bestreben, die hübsche Erzählung noch
wirkungsvoller zu gestalten, hier und da Zusätze gemacht hätte.
Wo also die Überheferung ohne die zunächst fraglichen Verse
lesbar bleibt und dem Inhalt der Erzählung kein Abbruch ge-
schieht, möchte ich allein des Stoffes unsres Gedichtes wegen
viel eher an Zusatz als an Kürzung glauben. So z. B., wenn
937 ff. geschildert wird, wie dem reuigen Ritter, der, nachdem
er seine Beichte abgelegt, sich zum Sterben anschickt, von dem
Eremiten das Abendmahl gereicht wird, eine offenbar besonders
rührende Stelle, bei der der fromme Leser gern verweilte: (Ritter
zum Eremiten:) ,,Hastes vous quar morir m'estuet." Et li sains
hom s'i abandone, Le cors Dieu tout entir li done {Et eil le prent,
ne se degoit, En bien tres grant bien le reQoit, En amor et en verite.
Et en tres grant humilite]. Quant il fu acommeniez^ Si fu si purs etc.
Die in [ ] stehenden Verse sind nur in A B überliefert, in C D
fehlen sie. Daß grade diese die heihgste Handlung schildernden
Verse von einem Abschreiber gestrichen worden seien, halte
ich für unwahrscheinlich, für unwahrscheinhcher wenigstens,
als daß sie in frommem Eifer hinzugesetzt wurden. Für den
Gang der Erzählung sind sie vollkommen entbehrlich. — Zu
ähnlichen Überlegungen geben die Verse 953/4 Anlaß, die gleich-
falls in C D fehlen. Der sterbende Ritter sagt zum Eremiten:
Biaus douz pere, je m'en irai, Proiez por moi, ja jinerai-^ Je ne
puis plus ci remanoir, Querre m'estuet autre manoir; [Li cuers
me faut, peres tres dous, Je ne puis plus parier a (^ous.] Tres
douz pere^ a Dieu vous commant, Mes en la fin vous di itant Que
vous metez voz braz sor mi. Man braucht kein Gewicht auf den
Widerspruch zu legen, daß der Sterbende erklärt, nicht mehr
sprechen zu können und trotzdem weiter spricht. Aber die
Stelle gewinnt eher, wenn die in [ ] stehenden Verse wegbleiben,
als daß die Streichung ihr Eintrag täte. — 870 ff. handelt es
sich um die Schilderung des Wunders, daß die dem Auge des
reuigen Ritters entgleitende Träne in das Fäßchen fällt und es
bis zum Rande füllt, so daß der Iniialt noch überschäumt: (870)
Ce nous raconte l'escripture (871) que li baris fu si emplis (872)
et de la lerme raemplis (1. de cele lerme et raemplis) [(873) Que
li combles de toutes pars (874) En est espanduz et espars; (875)
Cele lerme fu si ardanz (876) de repentance et si boillanz] (877)
Que li boillons en vint deseure. Die VWirte que li combles — espars
besagen inhaltlicli dasselbe wie que li boillons en v. d., nur daß
sie das Wunder unmäßig übertreiben. Schon dieser Umstand
macht sie verdächtig. Zudem schließt 877 que li boillons en
vint deseure sich zwar sehr gut an 872, aber nur mangelhaft an
875/6 an. Auch einem mittelalterlichen Leser mutet doch der
Dichter viel mit der Vorstellung zu, daß, eine Träne der Reue
so brennend und so schäumend (!!) gewesen sei, daß der Schaum
1G2 Alfred Schulze.
davon iihcrquoir'. Die Wortf; c/ue U holllons en vinl deseure
gehören grammaLisch sowolil zu cele lerme fu si ardanz de repenlance
wie zu (cele lerme fu) si boillanz. Zu ersteren gonornmon bleibt
die Stelle sinnlos, mit letzteren ergibt sich fast eine Tautologie.
Dagegen ist die Lesart von C D: ce nous raconte VescrlptureQue
li baris fu si emplis De cele lerme et raemplis Que li hoillons en
i'int deseure ganz einwandfrei. — G53 — 56 und 663 f. Iiandelt es
sich um die Beschreibung des abschreckenden Aussehens des
gottlosen Ritters, der nach jahrelangem Umherirren zerlumpt
und völlig verkommen ist, eine Situation, die zu Zusätzen ge-
radezu herausforderte.
Aber ich gebe zu, daß hier und an anderen Stellen Ent-
scheidendes nicht zu sagen ist: der Text ist möglich m i t den
fraglichen Versen und ohne sie. Verdächtiger sind Stellen,
in denen die Lesung mit den nur in A (oder A B) überlieferten
Versen Schwierigkeiten grammatischer, stylistischer oder metri-
scher Art bereitet, während sie ohne diese glatt ist.
855 ff. (Der Ritter hat aufrichtige Reue gezeigt, das Fau-
chen ist aber noch leer. Gott kommt ihm mit dem Tränenwunder
zu Hilfe.) (855) Et Diex, qui vit son desirrier (856) qu'il se voloit
a droit aidier [(857) qu'il ni avoit point de faintise, (858) lors
fist Diex une grant franchise] (859) et une bele cortoisie. So
A B. Die Anmerkung des Hrsg. macht schon darauf aufmerksam,
daß hier eine doppelte styHstische Schwierigkeit vorliegt: ein-
mal, daß zu ci7 2 Objekte {son desirrier und der ihm folgende
Objektssatz) vorhanden sind, zweitens, daß hinter faintise der
Satz von neuem anhebt, ohne daß der vorhergehende zu Ende
geführt ist. Die Handschrift C bietet Unverständliches: Et
Diex qui v. s. d. Qu'il li u. a d. aidier Et une bele cortoisie. Nur
D ist einwandfrei: Et Diex, qui i'. s. d. Et li voloit a droit aidier,
la li fist une cortoisie.
Bemerkenswert sind die Verse 677 ff. Es ist berichtet, daß
der Ritter in entsetzlichem Zustande ein Jahr lang herum-
gewandert ist und das Fäßchen an jedem Gewässer vergeblich
zu füllen versucht hat. Er ist so schwach, daß er sich kaum
aufrecht erhalten kann: (674) Li barisiaus mout li greva (675)
q'uil (1. qu'il) ot parte sanz nul sejor (676) un an et par nuit et
par jor. [(677) Que vous diroie ? En tel ahan (678) fu li siens
cors trestout un an. (679) Merveille est qu'il a tant dure. (680)
Tant a souffert et endure (681) qu'il set mout bien que plus ne
puet. (682) Grant chose a ou fere l'estuet. ^(683) Arriere dist qu'il
s'en rira, (684) mes ja l'ermite n'en rira, (685) ainz plouerra, mes
qu'il le voie. (686) A tant se met eil a la voie (687) tout apoiant
de son baston, (688) sovent se plaint a mout haut ton. (689) Toute-
voies tant s'esforga (690) qua l'ermilage s'adrega. (691) Au chief
de Van, le jor m'eisme (692) qu'il departi del leu saintisme (693)
le jor del tres grant vendredi, (694) trestous si fez que je vons di
Textkritisches zum Chevalier an barisei. 163
(695) a Vermitage s'en revint. (696) Huimes orrez com lui ai'int:
(697) Leenz entra mout dolcreus . . . Für C gibt die Var. lect. an,
daß 677 — 688 fehlen. D müßte eine ganz unverständliche Lesart
haben, wenn ihm wirkhch, wie die Varianten angeben, 677 — 683
fehlten. Es ist wohl anzunehmen, daß es heißen muß ,,677 — 682
fehlen G D" und darauf „683—688 (statt 684—688) fehlen C".^)
So daß D läse wie Meon : Li barisiaus mout li greva Qu'il ot parte
s. n. s. Un an e. p. n. e. p. j. Arriere dist q. s. r. etc. bis 694
wie oben — (695 — 696 fehlen wieder CD) — Leenz entra m. d.
— Die Verse 677 — 682 sind inhalthch völhg entbehrhch. Teils
wiederholen sie schon Gesagtes (678 = 676), teils (677, 679—682)
enthalten sie Plattheiten, die die Erzählung nicht fördern. Auch
683 — 688 sind verdächtig: 683 ist auffallend, weil niemand da
ist, mit dem der Ritter sprechen könnte, 684 und 685 sind jeden-
falls ganz überflüssig, 686 paßt wenig, da der Ritter sich schon
unterwegs befindet, 687 ist Wiederholung von 672 (A un
baston l'estuet tenir). 688 lesen B D a mout bas ton. Und
das wird das Richtige sein. Denn sieht man 683 — 688 näher
an, so zeigt sich, daß alle drei Verspaare homonyme Reim-
wörter haben rira : rira, voie : voie, baston : bas ton.^) Sie
kennzeichnen sich damit auch äußerlich als eine zusammen-
gehörige Reimspielerei. Endlich 695 — 696 sind wieder ganz
überflüssig. Dafür daß G mit seiner kürzesten auch die beste
Lesart hat, spricht auch der Umstand, daß 689 sich besser an
676 als an 688 anschließt. Auch inhaltlich sind 689/90 wenig
angemessen, da wiederholt gesagt ist, daß der Ritter sich auf
dem Wege zum Eremiten befindet. Man müßte den Kopisten
von G geradezu bewundern, wenn er so geschickt zu kürzen
verstanden hätte. Wollte man andrerseits annehmen, daß er
die ihm fehlenden Verse aus Flüchtigkeit übersprungen habe,
so müßte das sonderbarste Spiel des Zufalls vorliegen.
Die Handschrift G steht aucli an einer zweiten Stelle ganz
allein: es feiden ihr die Verse 283 — 295 oder vielmehr, nnic es
statt 295 in der Varia lectio wird heißen müssen: 294 — andern-
falls würde sich kein Zusammenhang ergeben und zu 296 der Reim
fehlen — und 297 — 300. Der Eremit dringt in den Ritter, seine
Sünden zu beiciiten . . (281) que vous connoissiez voz pechiez;
(282) l'escouterai, or commenciez! ADD bericlilen nun: (283)
Lars le regarde li tyranz (284) qui fei estoit et mal qneranz. (285)
Li preudom ot paor mout fiere, (286) ne garde l'eure eil le fiere;
^) Frl. Hedwig; Ilagon, die gegenwärtig: in Paris weilt, hatte die
Güte, an dieser Stelle (und einigen weiteren) die Handseiiriften für
mich einzusehen und bestätigt mir, daß 683 in D steht.
2) Letztei'er Reim begegnet schon an einer früheren Stelle, was
freiüch aus der Var. lect. nicht ersichtlich wird. 198 ff. heil3t es
Adont s'en vait tout apoiant (199) //" joibles hoin a un baston (200)
esraunient a dil ou l>aron. Für 200 bietet M^on: Au sijinor dist a
mout bas ton.
10} Alfred Schulze.
(287) mes il met loul cii avcnlare, (288) sc li ranientoil l'escripture
(289) et li disl moiit tres doucement: (290) Frere, por Dieu om-
nipotent, (291) dites moi viaus un seul pechie; (292) se vous
aviiez commencie, (293) bien sai que Diex vous aideroit (294)
a raconler vo vie a droit. (295) Ritler: ,,Ja voir, fei il, nul n'en
orrez." — (296) Eremit: „Si ferai voir." — Rittor: ,,Voas non
ferez." (297) Eremit: „Commenl? Si ne m'en direz rien (298)
ne si ne vaudrez fere bien?" (299) Ritter: „Non voir; a tont cest
duel morrez, (300) que ja rien dire ne m'orrez." — (301) Eremit:
„Si ferai voir, cui qu'il anuit." Und nun beschwört er den Ritter
bei Gott und allen Heiligen, seine Sünden zu beichten und schließt
energisch ainz vous commant. . . que vous loz voz pechiez me dites
et si n'alez plus atendant. Die Verse 297 — 299 fehlen außer C
auch D. Mir ist nicht zweifelhaft, daß auch an dieser Stelle C
(und für 297 — 300 auch D) im Rechte ist. So eindrucksvoll es
zunächst sein mag, zu hören, daß der Mönch Gefahr läuft von
dem Ritter geschlagen zu werden, tatsächlich sind die Verse
283 — 294 nicht nur überflüssig, sondern auch störend. Kein
irgend sorgfältiger Dichter kann dem Leser zumuten zu glauben,
der Eremit habe zunächst in ganz kategorischer Form den Ritter
zum Beichten aufgefordert, dann aber plötzlich — ohne daß
dazu irgend welche Veranlassung vorläge — aus Furcht Schläge
zu erhalten, ihn in ganz sanfter Weise gebeten, wenigstens eine
seiner Sünden zu nennen und, da der Ritter sich dessen standhaft
weigert, ihn nun wieder in schärfster Weise bedrängt, unver-
züglich alle Sünden zu beichten. Das ist ein Hin und Her,
das man auch einem viel weniger gewandten Dichter, als der
Verfasser des Chevalier au barisei ist, schwer zutrauen wird.
Streicht man dagegen mit C (D) die Verse 283—294 und 297—299,
so ergibt sich nicht nur eine ganz glatte Lesart, sondern auch eine
sehr wirksame Steigerung in dem Auftreten des Eremiten: (281)
Eremit: que vous connoissiez vos pechiez; (282) j'escouterai, or
commenciez! — (295) Ritter: ja voir, fet il, nul n'en orrez. — (296)
Eremit: Si ferai voir. — Ritter: Vous non ferez. — (301) Eremit:
Si ferai voir, cui qu'il anuit, (302) Ainz serez ci dusqu'a la nuit
que je Ji'en suche aucune chose. Es kommt folgendes hinzu: 295
schheßt sich tadellos an 281/282 an, während nul und en in diesem
Verse (295) bei der jetzt im Text stehenden Lesart auf ein vier
Verse zurückliegendes W'ort Bezug nehmen. Ferner ist 301 si
ferai in dem jetzigen Texte unklar. Einerseits verlangt die Gram-
matik als Widerspruch des Mönchs zu des Ritters Worten (ja
riens dire ne m'orrez) ein si ferai (d. h. si vos orrai dire riens),
andrerseits ist doch der Sinn der Worte des Ritters ja ne dirai
riens, und d a s zu bestreiten ist andrerseits der Sinn der Worte
des Eremiten, so daß si ferez, wie A liest, aber vom Herausgeber
geändert ist, wohl angemessen wäre. Tatsächlich gibt weder
si ferai noch si ferez einen befriedigenden Anschluß an Vers 300,
Textkritisches zum Chevalier au bar i sei. 165
während si ferai sich ausgezeichnet an 296 anschließt: (295)
Ritter: Ja voir., nul n'en (sc. de mes pechiez) orrez. — (296) Eremit:
Si ferai voir. — Ritter: Vous non ferez. — (301) Eremit: Si ferai
voir, cui qu'il anuit. Ainz serez ci dusqu'a la nuit. . . . Grade das
unmittelbare Aufeinanderfolgen des si ferai macht den vom
Dichter beabsichtigten und trefflich in den Zusammenhang
passenden Eindruck der Hartnäckigkeit des Eremiten, die ihn
schließlich sein Ziel erreichen läßt. Auch von dieser Stelle gilt
das von der vorigen Gesagte: Läge wirklich eine Kürzung vor,
so wäre der Abschreiber, der mit so sichrer Hand zu streichen
wußte, zu bewundern. Und nicht nur eine ungewöhnliche Ge-
schicklichkeit setzt die Annahme der Kürzung voraus, dieser
Geschicklichkeit mußte an beiden Stellen noch der Zufall zu
Hilfe kommen, daß der Zusammenhang der Erzählung der
Kürzung keinerlei Hindernis in den Weg legte.
Ein entschiedenes Zeugnis für bessere Überlieferung scheint
mir auch das Fehlen der Verse 552 und 554 in C D. Es wird
geschildert, wie der Ritter bei Wind und Wetter mit seinem
Fäßchen umherirrt. Und nun lesen die verschiedenen Hand-
schriften folgendermaßen:
1) A: .4 chascune eue qu'il ataint (550)
San barisei met et esprueve (551)
Mes mout poi li profite s'uevre (552)
Quar neu puet goute recevoir (553)
Por nul travail qu'il puist avoir (554)
2) B: .4 chascune eve qu'il ataint (550)
Son barisei met et espaint (551)
Et li resprueve et li respaint (552)
Mais il neu puet nis goute avoir (553)
Por nul travail qu'il puist avoir (554)
3) C: A chascune eve qu'il ataint (550)
Son barisei met et esfroie (551)
Mais il n'en puet goute rechoivre (553)
4) I): .4 chascune eve qu'il ataint (550)
Son barisei boute et reboute (551)
Mais il n'en puet rechoivre goute (553)
Die Gruppierung der Handschriften ist klar: A geht mit B,
C mit D zusammen. Allen Hss. gemeinsam ist nur V. 550, der
überall gleich lautet, der Anfang des folgenden Verses (551) und
V. 553. Daß C und D oder ilire Vorlagen zu ihrer Lesart durch
Kürzung gekommen seien, ist recht unwahrscheinlich, wenigstens
wenn A die ungekürzte Lesung darstellen soll. Es wäre dann doch
anzunehmen, daß V. 551, wie er in A lautet, von G und D über-
nommen, 552 alsdann gestrichen und gleichzeitig 553 auf 551
gereimt worden wäre, um danacii auch V. 554 zu streichen, der
durch die Paarung von 551 und 553 reimlos geblieben wäre.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/'. 12
166 Alfred Schulze.
Aber (Jas ist nicfit möglicli, da V. 551, wio A ilin überliefert,
weder in C noch in D stellt. Und aueh B geht hier nieht mit A
zusanim(!n. Der Text von B ist dadurch besond(!rs benK-rkenswerl,
daß die vier Verse 549 — 552 sämtlich auf ainl reimen. Das ist
offenbar so zu erklären, daß V. 551 in seiner zweiten Hälfte in
der Vorlage von B verstümmelt oder unleserlich war, so daß der
Kopist sich entschloß selbst zu reimen. Hierbei versah er sich
insofern, als er den zu flickenden Vers 551 mit dem vorangehenden
(also V. 550) statt mit dem folgenden reimte, also übersah, daß
V. 550 schon mit V. 549 (ot bien changie et noir ett aint) reimte.
Dies Versehen zwang ihn, nun nochmals auf aint zu reimen:
so kam V. 552 in B zustande.^) Daß dies der wirkliche Sach-
verhalt ist, scheint auch aus A hervorzugehen. Auch A fand für
den zweiten Teil von 551 in seiner Vorlage nichts Braucld^ares.
Er half sich damit, daß er Vers 530 (son baril i met et esprueve)
wiederholte und zu diesem nun aus Eigenem V. 552 reimte bezw.
assonierte, da ihm das Reimen nicht gelang. (Daß der Dichter
selbst sich nach 20 Versen wiederholt habe, ist nicht anzunehmen.)
Damit erklärt sich sowohl die völlige Verschiedenlieit von 552
in A und B wie das Fehlen dieses Verses in C und D. Auch G
bietet V. 551 Ungenügendes: esfroie befriedigt im Reim auf
rechoivre formell nicht und bleibt auch dem Sinne nach unklar.
Einwandfrei ist nur D. Nimmt man an, daß 553 ursprünglich
wie in D lautete, so wird im Zusammenhange mit dem eben
Bemerkten alles klar. Nachdem A und B jeder nach seiner Weise
das Verspaar 551/2 geschaffen, blieb 553 (Mais il n'en puet
rechoivre goute) reimlos übrig. Es mußte also zu ihm ebenfalls
ein Vers hinzugedichtet werden; aus diesem Zwang ergab sich
V. 554, nachdem in V. 553 durch Änderung der Wortfolge goute
aus der Reimstellung in das Versinnere gerückt war. Bemerkens-
wert ist nun die Übereinstimmung von 554 in A und B (Por
nul travail qu'il puist avoir ). Lag A dem B vor oder umgekehrt ?
Mir scheint die letztere Annahme mehr für sich zu haben. Denn
B hätte, wenn ihm A vorgelegen hätte, keinen Grund gehabt,
551/2 von ihm abzuweichen, während bei umgekehrtem Ver-
hältnis A allerdings bei einiger Aufmerksamkeit sofort den Fehler
sehen mußte, daß in B vier Verse hintereinander auf aint reimten
und dadurch zu selbständiger Änderung gezwungen wTirde. 553
ist unter dieser Voraussetzung auch A's Änderung von dem den
^) Derselbe Irrtum begegnete B auch an einer zweiten Stelle.
717 ff. lauten bei Sch.-G. : (717) quar onques puis ne revint ci: (718)
mes or me di par ia merci (719) quels hom tu es et si te nomme, (720)
ainz mes ne vi si tres povre komme. Die zweite Hälfte von 719 stand
B nicht zur Verfügung; er reimt selbständig und zwar wieder fälschlich
mit dem vorangehenden Verse, der schon in 717 seinen Reim hat:
quels hom tu es et s i me di , muß infolgedessen nochmals auf -i
reimen, was er hier durch Änderung der Wortfolge erreichte: ains
mais si povre komme ne vi.
Textkritisches zum Chevalier au barisei. 167
Vers beginnenden mais in quar erklärlich, da mes bereits für
552 von A verbraucht war. Wie aber ist G zu beurteilen ? Auch
C hatte einen verstümmelten Vers 551 und flickte ihn so gut
als möglich. Auch ihm war goute als Reimwort unbequem; er
änderte (wie A und B) die Wortfolge, brachte aber trotzdem nur
die Assonanz esfroie : rechoivre zustande. Somit ergäbe sich
folgendes Handschriftenverhältnis: D stellt die beste Überlieferung
dar, A, B und G gehen auf eine Vorlage mit verstümmeltem
Vers 551 zurück. B und G stehen auf gleicher Stufe der Über-
lieferung, A aber setzt B voraus, würde also den jüngsten Typus
der Überlieferung darstellen.
Bei dieser Auffassung bleibt allerdings auffällig, daß V. 551
die beiden Worte (son barisei) met et und die erste Silbe des
Reimwortes es- in A B G gleichmäßig überliefert sind und doch
von jedem der drei Schreiber (nach unsrer Annahme) selbständig
hinzugefügt worden sein sollen, nicht aber auf eine gemeinsame
Quelle deuten sollen. Aber so gut sich A der erst zwanzig Verse
früher geschriebenen Worte met et esprueve erinnerte, konnten
es auch B und G, so daß denn schließlich die gemeinsame
Quelle doch in V. 530 vorhanden wäre. Bei B deutet ja auch
der Anfang von 552 (Et li resprueve ) darauf hin, daß er für
den vorangehenden Vers ein esprueve wenigstens im Sinne hatte.
Ich möchte noch auf die in G D fehlenden Verse 781/4 und
815/6 hinweisen. Die Stellen sind so parallel, daß für beide
notwendig die gleiche Erklärung wird gelten müssen. An der
ersten (781 — 784) ruft der Eremit Gott um Gnade für den Ritter
an (780) que vos fetes cestui merci (781) qui par moi est en tel
destrece. (782) Diex., ne suejres que sa povrece (783) soit perdue
par vo pitance^ (784) mes tornez li a penitance! An der
zweiten Stelle (815—816) bittet der Ritter Gott: (815) Diex,
ne souffrez que ceste paine (nämlich die Betrübnis des Eremiten
um ihn, den Ritter) (816) Soit a m'ame vuide ne vaine. Daß
G D diese beiden, ganz gleichartigen Stellen versehentlich über-
sprungen haben könnten, ist ausgeschlossen; daß sie sie ab-
sichtlich gestrichen hätten, wenig wahrscheinlich. Nimmt man
folgendes hinzu: der Ritter bittet Gott 813/4, er möge den Ere-
miten trösten, der so trostlos über ihn sei [er hält sich sogar
für schuldig an seinem, des Ritters, harten Geschick!]. Dann
folgen die in G D felilenden beiden Verse, darauf (817) toutes
voies por mes pechiez (818) me fu li barisiaus carcJäez, (819) et
je por mes pechiez le pris. Die Worte „Immerhin wurde mir doch
das Fäßchen meiner Sünden wegen aufgeladen" schließen sich m. E.
so eng an jene Bitte zu Gott (813/4) an, daß sie niclit (durch
815 — 816) davon getrennt werden dürfen: ,,der Eremit ist zwar
untröstlich über mich, aber ich habe doch durch meine Sünden —
nicht durch des Eremiten Schuld — mein Unglück verdient" ist eine
untrennbare Gedankenfolge, in der 815/6 als Fremdkörper stecken.
12*
1Ü8 Alfred Schulze.
So scIiciiiL mir die nähere Prüfung der Lücken in diesen
— und noch weiteren Fällen — mehr für als gegen die Hand-
schriften G D zu sprechen. Anders bei den in A fehlenden Versen:
48 ff., 116 ff., 192 ff., 207/8, 428 ff., 658 ff., 805/6, 821 ff. An
den meisten dieser Stellen g (! w i n n t m. E. der Text durch
Aufnahme der in B C D überlieferten Verse. 805/6 hat auch
der Hrsg, das anerkannt und die A fehlenden Verse in seinen
Text aufgenommen. Ich möchte auch für die zwischen 116 und
117 in BCD fehlenden Verse ein empfehlendes Wort sagen.
Die Begleiter des gottlosen Ritters wollen ihn veranlassen, mit
zum Eremiten zur Beichte zu kommen: (111) ^,Confesser ?, fet il,
.C. diable! (112) Enterrai je de ce en fable? (113) Ifoniz soit
qui por ce ira (114) Ne qui les piez i portera. (115) Mes s'il
avoit auques a prendre (116) je iroie bien por lui pendre." Nach
dieser schroffen Ablehnung scheint es mir unmöglich, daß die
Begleiter dem Ritter erwidern: (117) Sire, fönt i7, i vendrez vous?
In B G D folgen auf 116 zunächst noch des Ritters Worte: car
aiitrement n' iroie mie. Worauf man ihm erwidert: Si feres viaus
par compaignie. ,,So kommt wenigstens zur Gesellschaft mit,
wollt Ihr ? Tut uns das zur Liebe." Das ist ohne Zweifel die
glattere Lesart. Und auch die motiviertere. Denn es ist wesent-
lich, daß die Begleiter den Ritter bitten, zur Gesellschaft
mit ihnen zu kommen; darauf läßt er sich ein, während er
vorher sich weigerte, weil nur davon die Rede war, er solle
beichten. Nach der bei Sch.-G. stehenden Lesart müßte
der Ritter glauben, seine Begleiter blieben bei dieser Bitte (zu
beichten), nur daß er sie ihnen zu Liebe erfüllen solle.
Es ist also anzunehmen, daß A aus Flüchtigkeit das Reimpaar
zwischen 116 und 117 übersprang.
Das Gleiche wird der Fall sein bei den in B G D auf 820
folgenden Versen. Die Stelle lautet (820) Douz Diex, se je i
ai mespris, [Vrais diex^ a vous m'en renc coupables. Merchi vous
pri, rois veritables.] (821) Or en fetes vo volente, (822) et vez me
ci tot apreste. Die in [ ] stehenden in A fehlenden ^Worte sind
eigentlich die Hauptsache, denn mit ihnen bekennt
der sündige Ritter vor Gott seine Schuld
und bittet ihn um Gnade. Mir scheint, man kann
sie inhaltlich gar nicht entbehren. Bei der jetzigen Lesung ist
ein wirkUches Sündenbekenntnis des Ritters vor Gott gar nicht vor-
handen, sondern nur zu erschließen. Der Irrtum in A mag
darauf zurückzuführen sein, daß zwei aufeinanderfolgende Verse —
übrigens sehr wirksam, um die Zerknirschtheit des Ritters zu
bezeichnen — mit der Anrede an Gott dous (bzw. vrais) diex
beginnen. Das Auge des Abschreibers übersprang infolgedessen
den zw^eiten dieser beiden Verse und geriet auf dessen Reim-
vers merchi vous pri . . ., der später, weil nun reimlos, getilgt
wurde. — Ein bourdon kann auch vorliegen zwischen 428 und
Textkritisches zum Chevalier au barisei. 169
429. Der Ritter taucht das Fäßchen nach allen Richtungen
ins Wasser, ohne daß doch ein Tropfen eindringt: (428) a poi que il
Ti'ist fors del sens. [D ont se commenche a airer Et mort et plaies
a jurer (429).] D ont cuide qu'il l'ait estoupe. Das Auge des
Kopisten geriet, nachdem er das erste dont niedergeschrieben,
sogleich in das zweite der beiden mit dont beginnenden
Reimpaare. Jedenfalls passen die in B G D stehenden Verse
vortreffhch in den Zusammenhang und machen die Schilderung
viel wirksamer : daß der Ritter bei seinen erfolglosen Versuchen",
das Fäßchen zu füllen, zornig wird und fürchterlich flucht, ist
doch gewiß zu sagen nicht überflüssig.
Auch 201 ff. halte ich die von B C D gebotene Lesart für
besser. Der Eremit, ein schwacher, sich am Stock stützender
Greis, heißt den gottlosen, vor seiner Kapelle hoch zu Pferde
haltenden Ritter willkommen: (201) Sire, bien soies vous venus !
(202) on doit bien (1. mit Meon hui) metre toz maus jus (203) et
repentir et confesser (204) et doucement a Dieu penser. (205)
Ritter: S'i penssez, bien! (so würde icli interpungieren) Qui
vous desfant? (206) Que je n'i pensserai neant. A fährt fort
(207) Si ferez voir, biaus sire chiers; (208) puis que vous estes
Chevaliers, (209) vouz (1. vous) devez avoir gentil euer. — B G D
dagegen haben hinter V. 206: L'ermites l'ot, n'en ot point d'ire,
AI out humlement (B doucement) li prist a dire: Car descendes,
biaus sire chiers, (208) puis etc.^) — Der Eremit geht zunächst
ganz zart mit dem Ritter um, vor dem er sich fürchtet — V. 200
heißt es bezeichnend Au signor dist a ?nout bas ton bei Meon
(wofür freilich Scli.-G. ohne varia lectio liest: esraument a dit
au baron) — und steigert erst seine Eindringlichkeit, nachdem
er den Ritter in die Kapelle geführt liat. Es paßt somit viel
besser in den Zusammenhang, daß der Eremit an unsrer Stelle,
wo das Zwiegespräch eben begonnen hat, in aller Unterwürfig-
keit und ohne, wie später, zornig zu werden, den Rittor bittot,
vom Pferde zu steigen, mit der Begründung, da er ein Rittor sei,
müsse er ein gentil euer haben. Wer das hat, d. h. über ein feines
Empfinden verfügt, wird niclit am Karfreitag vor einer Kapelle
hoch zu Roß halten — das ist ein einwandfreier Gedanke, (knw
B G D Ausdruck geben. Aber kaum kann man es (mit A) als
Mangel an feinem Emj)findon bezeichnen, wenn man am Kar-
freitag nicht an Gott denkt; dieser Ausdruck ist schief und un-
genügend. — Ich halte es, wenn man eine Erklärung für das
Fehlen der in B G D überlieferten Verse in A verlangt, für wohl
*) Der bei Sch.-O. stehende Text ist aus A uiui BCI") kombiniert.
A hat 204 statt a Dieu penser, was durch 205 absohit gesichert ist
a Dien orer, das der Hrsg. mit Hecht abloluit. Ebenso sicher ist 209
die gleichfalls von Sch.-G. mit Recht al)gelehnte Lesart von A: Vous
devez estre sanz orgueil falsch, weil 210 statt des von A gebotenen je
vous recueil offenbar wieder BCD das Riihtige (si i'ous requier) bieten.
1 70 A Ifred Schulze.
möglich, daß sie absichtlich von einem Kopisten gestrichen
wurden, der, selbst geistlichen Standes, an der Unterwürfigkeit
des Eremiten gegen den Ritter Anstoß nahm.
Offenbar ist A im Unrecht 192 ff., wo das Auge des Kopiston
von car il ne veut por riens (Meon liest noiis !) venir, dem ersten
der von B C D überlieferten und in A fehlenden Verse, abirrte
auf (193) quar il ni veut venir por nous. Hier liegt ein ganz un-
zweifelhaftes bourdon vor.
Die Verse 305/6 fehlen allein B, und wenigstens insofern
scheint B im Rechte zu sein, als die Verse ursprünglich a n
dieser Stelle nicht gestanden haben können. Der Text,
wie er jetzt zu lesen ist, lautet: (304) Or vous di tanl a la parclose:
(305) Je vous conjur de Dieu meisme (306) Et de la graut vertu
hautisme. (307) // est hui jors que Dieu souffri (308) la mort et
en la croiz peiidi; (309) je vous conjur de cele mort (310) qui l'anemi
destruit et mort^ (311) des sainz, des saintes, des martirs, (312) que. . .
Auf die Worte or vous di tant a la parclose muß eine M i 1 1 e i 1 u n g
und kann nicht eine Beschwörung, d. h. die denkbar stärkste
Aufforderung folgen. Dem genügt B mit seinem Text:
or vous di tant a la parclose: il est hui jors que Diex etc. Nun ist
freilich schwer anzunehmen, daß die von A, C und D überlieferten
Worte (305/6), die auch gut in den Zusammenhang passen, nicht
ursprünglich sein sollten. Aber es liegt auf der Hand, daß sie i m
Zusammenhang mit den übrigen Beschwörungen
(309 — 311) ihre Stelle haben, wo sie die Wirkung der Anrede des
Eremiten vermehren, während jetzt durch das Dazwischen-
treten von 305 — 306 diese Wirkung abgeschwächt wird. Die
Verse werden hinter 308 einzuordnen sein, so daß zwei aufeinander-
folgende Reimpaare mit je vous conjur anfingen. Unter dieser
Voraussetzung konnte sehr leicht von einem Kopisten durch
bourdon das erste ausgelassen werden. Nimmt man an, daß es
korrigierend am Rande wieder hinzugefügt wurde, so konnte
über die Stelle, wo das am Rande stehende Verspaar einzufügen
sei, Unklarheit und dadurch die jetzt herrschende Verwirrung
entstehen. Ebenso leicht konnten die am Rande stehenden
Verse bei der Abschrift ganz übersehen werden.
Führt eine genauere Prüfung der ,, Lücken" nicht zu der
Meinung des Herausgebers, daß A dem Original am nächsten
stehe, so wird dieses Resultat durch die — weiter unten zu be-
legende — Tatsache gestützt, daß die von B C D gebotenen
Lesarten viel häufiger dem bei A überlieferten Text vorzuziehen
sind als umgekehrt. Der Herausgeber hat schon selbst in nicht
wenigen Fällen der Lesart von B C D vor der von A den Vorzug
gegeben. Man wird darin noch viel weiter gehen müssen. Auch
folgendes spricht gegen A und für die anderen Hss.: V. 81/2
stehen im Reim zweisilbiges jeuner und dreisilbiges desjeuner,
V. 85 dagegen dreisilbiges jeunes, während B C D diesen Wider-
Textkritisches zum Chevalier au barisei. 171
Spruch nicht aufweisen. Der Herausgeber macht in der Anm.
zu 85 auf die Diskrepanz aufmerksam, begründet aber sein Ver-
fahren, V. 85 gleichwohl bei A zu bleiben, nicht. — Die Nominal-
flexion ist in dem Gedichte grundsätzlich gewahrt. Gleichwohl
heißt es 666 ff. von dem Ritter in dem jetzigen Text: des les
orteus jusques es aines (667) ne n'ot ne tissu ne file; (668) mout
est noir et taint et halle. Diesen Verstoß gegen die Grammatik
meiden B C D. — 698 liest unser Text Vermite estoit leenz toz
seus. Daß der Dichter die regelrechte Nominativform anwandte,
zeigt der Reim 313/4: li hermites : dites. Nun gibt zwar die Var,
lect. zu 698 keine Variante, doch Meon liest Vermites i estoit
ious seus. B, G oder D haben also die korrekte Lesart. — Weitere
Verstöße gegen die Flexion in A sind zw-ar nicht beweisend,
seien aber hier angeführt: 709 quel hesoing vous amena qü? Meon:
Ques hesoins. — 755: tu es pires c'uns sodomites ne chien ne leu
ne autre beste. Meon: chiens ne leus. — 665: les ners li perent.
Meon: li nerj. — 843: Si grant dolor (Meon: si grans douleurs) au
euer li toche. — 866 une grant (B C D grans) lerme si s'adrece. —
Endlich die Schlußformel: Explicit le dit du barisei. In B fehlt
ein Explicit, C und D lesen richtig explicit du Chevalier au barisei.
Im einzelnen möchte ich noch folgendes bemerken:
V. 22. In diesem Vers und in drei weiteren (103, 153, 892)
begegnet die Wendung ce est la somme. Das Glossar übersetzt
somme mit ,, Summe, Schluß". Vielmehr ist die so häufige altfranz.
Redensart wiederzugeben durch ,,das ist ausgemacht". Aus-
gehend von somme ,, Inbegriff einer Saclie": an ne puet pas dire
la some De buene dame et de prodome (Yvain 785); N'en poroie
dire la somme De sa biaute (Rieh. 170) — bedeutet somme das
was genau der Wahrheit entspricht und hat in ce est la somme
im wesentlichen die Kraft nachdrücklichen Hinweises auf die
Tatsächlichkeit des Berichteten. Vgl. Barisei 1041: Or vous
ai dit toute la somme (die ganze, genaue Walirlieit) que il avint
a cel haut homme. Vie des peres 29: briernent vous en dire la some.
V. 32. II n'espargnoit ne clerc ne moine (33) renclus n'ermite
ne chanoine. Der Herausgeber sieht renclus als zu moine gehöriges
Adjektiv an, da ein Unterschied zwischen subst. renclus und moine
schwer zu erkennen sei. Hiergegen spricht niciit nur das un-
gewölmlich starke Enjambement (das durch den Hinweis auf
1015/6: por ce qu'il ne sorent comment / morut. . . . m. E. niciit
gerechtfertigt wird, da die syntaktische Verbindung 32/3 viel
enger ist), sondern auch die Tatsache, daß die Roklusen wirklich
,,eine besondere Art von Einsiedlern waren, welclie sich als , Ge-
fangene Christi' in einei- Zelle auf Lebenszeit einschlössen"
(Streber in Wetzer & Weites Kirolienlexikon). Vgl. auch van
Hamel in der Einleitung zu seiner Ausgabe der Gedichte des
Reclus de Moiliens p. GLXXXVI. Dem einen von Ebeling in
dieser Ztschr. XXV, 2, S. 23 gegebenen Belage füge ich hinzu
172 Alfred Schulze.
R Car VI 9 ff. : O dies moines, o ches hermites Culdai ke tu (sc. Cari-
tas) fusses cnlrec, Ou o ches renclus encartree ki dures voies onl eslites.
V. 89. si fera il certes encore. Der Anfänger müßte auf rjfn
Unterschied zwischen si fera und si fera il, si ferai und si ferai
je etc. aufmerksam gemacht werden, den ich in der Zeitsclir.
f. rom. Phil. XX 404 dargelegt habe. Si und non bedeuten in
Verbindung mit dem verb. vic. faire bei ausgesetztem pronf»-
minalen Subjekt Zustimmung, bei nicht ausgesetztem pronom.
Subjekt Widerspruch zu einer vorangehenden Äußerung: Si
faz je (,das tu ich auch*), aber si faz (,ich tu es doch'); non
faz je (,das t u ich auch nicht'), non faz (,ich tu es d o c h nicht').
Den a. a, 0. gegebenen Belogen füge ich hinzu: Gardez, ne l'ohliez
vos mie! — Non ferons nos, voir, doiice amie ! (das werden wir
auch nicht tun) Karre 712. — La dameisele... li prie Que por
li lest qu'il ne l'ocie, Ei il dit, si fera voir (er werde es wahrlich
doch tun) ib. 903. — Qu'ele cuida qu'il fast pasmez. Si iert il
(und er war es auch), autant se valoit ib. 1445.
V. 107—110. Meons Text hat die Reihenfolge 109. 110.
107. 108, die deshalb recht bemerkenswert scheint, weil 111 sich
besser an 108 als an 110 anschließt. Die Varianten geben leider
nicht an, in welchen Handschriften diese Versfolge überliefert ist.
V. 159 — 160. ses piez regarde mout sovent si se rafiche fiere-
ment. Meon liest ses piez regarde fierement si se rafiche si s'estent
viel bezeichnender für den trotzigen Ritter, der, im Sattel sitzend,
wild zu Boden blickt, sich dann wieder festsetzt und ausreckt.
Eine vortreffhche Schilderung, leider gibt die var. lect. auch hier
keine Auskunft, in welchen Hss. Meons Text steht.
V. 185. Die Begleiter des Ritters haben dem Eremiten ihre
Sünden gebeichtet: et Vermites, si come il seut, les a rassaus mout
doucement. Für rassaudre gibt das Glossar die Bedeutung:
,, absolvieren". Damit bleibt das Präfix re aber unübersetzt,
das hier, wie so oft, (z. B. auch V. 1018 in reconforte) ,, andrer-
seits, hinwieder" bedeutet. Vgl. Suchier zu Aue. Nie. 16, 31.
V. 202. Meon liest statt On doit bien metre toz maus jus
zweifellos besser On doit hui m. t. m. /., denn es kommt alles
darauf an, daß die Worte am Karfreitag gesprochen werden.
V. 252. Der Eremit will den Ritter ohne Beichte nicht
ziehen lassen: (246) „Por tant me porriez decoler (247) que vous
ja mes m'eschapissiez (248) por rien que fere peussiez, (249) si
m'avrez dite vostre i>ie." (250) Cil qui fei ert et plains d'envie (251)
li respont: ,,Certes, non ferai, (252) et por tant, voir, vous tuerai,
(253) quar ja de moi n'orrez neent. Die Anm. zu 252 erklärt:
por tant ,um so viel', nämlich, daß Ihr mir derartig zusetzet,
so dreist in mich dringt. Ich kann mich dieser Auffassung nicht
anschließen. Wenn der Dichter das wirklich hätte sagen wollen,
so hätte er sich mit einem so inhaltlosen Hinweis wie por tant
kaum begnügen dürfen. Mir scheint auf der Hand zu liegen,
Textkritisches zum Chevalier au barisei.] 173
daß por tant in den Worten des Ritters ganz parallel dem por
tant ist in den Worten des Eremiten (V. 246), also wie dieses
aufzufassen ist und durch dieses seinen Inhalt erhält. V. 246
sagt der Eremit: „Für soviel, daß Ihr mir je entwischtet, könntet
Ihr mich köpfen." Das Bild ist dem Kauf entnommen: dem
Ritter wird vorgeschlagen, zu zahlen für {por) eine Leistung des
Eremiten. Letztere besteht darin, daß er den Ritter entwischen
ließe und für diese — angenommene — Leistung schlägt der
Eremit dem Ritter als — angenommenen — Preis vor, ihn (den
Eremiten) zu köpfen: ,,ich würde Euch freigeben, wenn Ihr micli
köpftet," d. h., nur um den Preis meines Lebens — also unter
keiner Bedingung — lasse ich Euch frei. Und auf diesen Vor-
schlag geht der Ritter mit por tant voir vous tuerai ein: ,,für
soviel (daß Ihr mich freigebt) w^erde ich Euch wirklich
töten," denn die andere Möglichkeit (zu beichten) lehne ich ab. —
Mit V. 248 fällt der Eremit gewissermaßen aus dem Bilde und
fährt fort, als hätte er in ganz schlichten Worten gesagt — was er
dem Sinne nach ja tatsächlich gesagt hat: Vos ne m'eschaperez.
V. 266. Ja certes ne rnentremetrai. Meon liest 7a, fait il,
ne m'en meslerai. Ebeling hatte mit Recht bemerkt, daß soi
entremetre d'a. r. eines en nicht wohl entbehren könne und deshalb die
erste Silbe von entremetrai als aTiö v.o'.vo\^ gebraucht angesehen. Die
Anm. weist darauf hin, daß auch bei soi aperqoivre nicht selten ein
für unser Gefühl unentbehrliches en fehle. Von diesem Gebrauch hat
G. Cohn in dieser Zeitschrift Bd. 27, 1, S. 13 7 zu Cliges 4882 gehandelt.
V. 286. Li preudoni ot paor mout fiere, (287) ne garde l'eure
eil le fiere. Das so oft begegnende seltsame ne garder l'eure wird
in der Anmerkung so erklärt, daß ,, nicht auf die Stunde (d. h.
einen bestimmten Zeitraum) achten" gleichbedeutend sei mit
,,wfarten, daß etwas geschehe", also „jeden Augenblick darauf
gefaßt sein müssen". Ich gestehe, daß mir die sonderbare Wen-
dung durch diese Erklärung nicht durchsiclitig wird. Wer wartet,
daß etwas geschehe, achtet doch in der Regel gespannt auf den
Moment des Eintreffens des Ereignisses, so auch speziell in
unserm Beispiel. Auch was Ebeling vorschlägt, befriedigt nicht:
,,er achtet nicht auf die Stunde, daß der Ritter ihn schlage"
meine ,,er braucht sich vor der Stunde, da der Ritter ihn schlagi',
nicht erst zu hütcm, sie sei schon da". Das wäre glticiibedcutend
mit ,,der Ritter schlägt ihn", nicht aber mit dem, was gesagt
werden soll: ,,er muß darauf gefaßt sein, daß der Ritter ihn
schlägt." In seiner trefflichen Arbeit über den Konjunktiv bei
Chrestien hat Fiitz Bischoff S. 87 f. vor langen Jahren auf andere
Weise versucht, dem Sinne der \\'en(luiig näher zu kommen,
nachdem er die von Perle in Gröbers Zeitschrift II S. 9 gegebene
Erklärung als unzureichend abgelehnt hatte. Er gibt garder
die Bedeutung ,, bewachen". Was man bewache, dafür übernehme
man die \'erantw()rtung: so drücke ne garder l'eure ilas Ablehnen
174 Alfred Schulze.
der Verantwortung für einen bestimmten Zeitpunkt des Ein-
tretens einer Handlung und damit die Erwartung des Eintretens
in jedem Augenblick aus. Mir scheint diese Erklärung noch
immer die annehmbarste.
V. 301. Hinter anuit muß m. E. Punkt oder wenigstens
Semikolon stehen.
V. 312. Als der Ritter sich standhaft weigert zu beichten,
beschwört ihn der Eremit: Je cous conjur de cele mort qui Vanemi
destruit et mort . . . qiie voz ciiers ne soit plus entirs, Ainz vous
commant . . . Que vous tos voz pechies me dites. Die Anm. erklärt:
„das Herz soll nicht länger ganz sein, d. h. es soll sich öffnen."
Mir scheint ein ,, geöffnetes" Herz kein Gegensatz zu einem
,, ganzen"; der Gegensatz zu ,, geöffnet" ist ,, verschlossen", und
der zu ,,ganz" — ,, geteilt, beschädigt, unvollständig" u. a.,
aber nicht ,, geöffnet". Ebeling erinnert daran, daß entier noch
heute ,, halsstarrig, eigensinnig" bedeute und will diese Bedeutung
auch hier erkennen. JuHan 580 Doucement et de euer entir s'en-
trehaisent übersetzt er ,, aufrichtigen Herzens", wieder anders
(aber wie?) sei euer entir zu verstehen eb. 944: Or fu ses cners
fers et entiers Por la penitance qu'il a. — Wir haben uns zunächst
zu fragen, welches die Grundbedeutung von entier ist und 2.,
welches seine spezielle Bedeutung in Verbindung mit euer ist.
Die Antwort auf die erste Frage muß ohne Zweifel lauten ,, un-
versehrt": Li escu ne sont pas entir, N'i a celui ne soit troes Durm.
4458. — Et taute targe qui fu bone et entiere Ans. 5829. Den
Übergang von dieser eigentlichen Bedeutung zu der übertragenen,
die in Verbindung mit euer vorliegt, zeigt vortrefflich ein bei
Littre aus Perceforest angefülirtes Beispiel: La vertu et proesse
des quatre Chevaliers estoit joieuse a regarder; car sans heaulmes
et sans escuz estoient en estant, le roy Perceforest, le roy Lyonnel,
le roy Gadiffer et le chev alier dore son frere, qui navoient
d'e iit i er s q u e les cuers. Nur das Herz der Helden war un-
versehrt, ihre Rüstung überall beschädigt. Das unversehrte
Herz der Helden bedeutet natürlich ihren ungebrochenen Mut,
das Herz ist also unversehrt durch feige Gedanken. Wie von
Mut kann ein Herz von Liebe erfüllt sein; euer entir bedeutet
auch dann ,, unversehrtes Herz", nur daß das, was das Herz
versehren könnte, ein andres, nämUch Untreue, ist, so daß sich
der Sinn ,,treu, unwandelbar" für entir ergibt; z. B. Contre le
douc tans de mai Se doit chascuns esjo'ir; Mais jou qui euer ai
entir En piain yver chanterai Maetzn. Altfrz. Lieder XXV 3;
deshalb findet sich entir in diesem Sinne gern mit loial gepaart:
mes fins cuers loiaus et entiers sera Stimming, Altfrz. Mot. Mü.
14, 10. — Ains ere ades corageus et hardis De li amer de loial euer
entier Maetzn., Altfrz. Lied. XIX 14. — Und so bedeutet die
Unversehrtheit des Herzens je nach der Regung, die das Herz
erfüllt, etwas andres: Julian 580 (s. oben) unversehrt durch
Texihritisches zum Chevalier au barisei. 175
Falschheit, aufrichtig; eb. 944 unversehrt durch Schwanken,
Unschlüssigkeit, d. h. entschlossen. Ferner: Ju Nie 1443 en lui
(nämlich Sankt Nikolas) est mes cuers si entirs gue jamais ne
querrai autrui — unversehrt durch Zweifel, d. h. gläubig, glaubens-
voll. So endlich an unsrer Stelle: unversehrt durch Reue, d. h.
trotzig. Es ist im Deutschen je nach dem Zusammenhang eine
besondere Übersetzung zu wählen, aber festzuhalten ist, daß
die zugrunde liegende Bedeutung überall ist: „unversehrt durch
fremde, entgegengesetzte Gefühle, unwandelbar." Anstelle von
euer kann natürlich auch ein andrer Ausdruck treten: je ne suis
si entier en mes o p inions gue je reconnaisse facilement ma
faute (bei Littre s. v. entier, Historique zitiert), oder entier kann
auch ohne Zutritt eines Substantivums den bezeichneten Sinn
haben: Tant com je vos sarai entir Et vers moi fin amant et urai
De tot mon euer vos amerai Durm. 680. Weitere Belege bei
Godefroy. Vgl. auch unsre deutschen Wendungen: ,,von gan-
zem Herzen lieben, sich freuen, trauern, hassen" usw.
V. 320 hinter Comment setze Fragezeichen. Es handelt sich
um zwei Fragesätze: 1. die Bestimmungsfrage: Comment?
2. die Bestätigungsfrage: estes vous teus gue. . . ?
V. 323 ist le (mit BD) in les geändert, während die Anm. nach
wie vor von le spricht. — In demselben Verse haben BCD
statt maugre moi die charakteristische Wendung maugre mon nes
(vgl. Toblers Glossar zu seinen Mitteilungen), die als lectio diffi-
cilior sich empfiehlt.
V. 341. Lies in der Var. lect. statt 346 — 341.
V. 363 — 366 wird man besser als zusammenhängende Rede
des Ritters auffassen, statt wie jetzt als Zwiegespräch zwischen
ihm und dem Eremiten. Der Eremit schlägt dem Ritter vor,
zur Strafe für seine Sünden einige Zeit zu fasten und zwar Freitags
ungefähr 7 Jalu-e lang. Und nun erwich'rt der Ritter (363) „F//
anz, fet il? Non ferai." (1. VII anz? fet iL Non ferai.) — Eremit:
,,Trois'\ (364) Ritter: ,,Non, voir." Eremit: Les vendredis d'un
mois." (365) Ritter: Tesiez vous en, riens n'en feroie, (366) C'est ce
gue fere ne poroie." Ich möchte statt dessen so interpungieren:
VII anz? fet il. Non ferai trois, Non voir les vendredis d'un mois;
Tesies vous en, riens n'en feroie, c'est ce gue fere ne poroie.
V. 400 1. s'i statt si.
V. 405 hinter moi ist Komma verdruckt für Punkt.
V. 406. Or avez penitance a moi. Der Hrsg. übersetzt jetzt
a moi im Glossar ,in reichlicher Weise', wie Ebeling statt der
Übersetzung der ersten Auflage ,nach Maß* verlangt hatte,
und begründet seine Ansicht ausführhch in einem besonderen
Artikel ,afz. a moi reichlich' in Gröbers Zeitschrift XXXV,
733 — 736. Ebeling hatte zwar für a moi (bzw. mui) die Bedeutung
,reichlich' in Anspruch genommen, sie aber einerseits nicht diircii
Beispiele erhärtet und zweitens a moi (mui) in diesem Sinne
176 Alfred Schulze.
für die vorliegende Stelle für unzulässig erklärt.
Sch.-G. gibt zunächst noch mehrere Belege und erklärt ferner
die Bedeutung ,reichlich' insofern für möglich auch an der vor-
liegenden Stelle, als die Worte ironisch gemeint seien. Auch
den Einwand Ebelings, daß modium in der Sprache des Ge-
dichtes miii, nicht moi geben müßte, sucht Sch.-G. als nicht
stichhaltig zu erweisen. — Ich möchte die Frage nach dem Etymon
von moi von der nach der Bedeutung des Wortes vollkommen
trennen. Daß a moi aber wirklich ,reichlich' heiße, scheint mir
durch die von Sch.-G. gegebenen Belege nicht erwiesen. Wenn
es Fl. u. Bl. heißt: Claris les garde en hone foi Et si les sert moiit
hien a moi, so liegt der Begriff des Reichlichen doch offenbar
in mout hien: sehr gut abgemessen, abgewogen ist eben reichlich
gemessen. Desgleichen in je li donrai loier si grant et si a moi
gu'a. c. douhles li est son hien guerredones: Hier kommt der Be-
griff ,, reichlich" durch den Satz mit que zustande. Wenn der
Lohn so ,, abgemessen" (si a moi) ist, daß der in dem qiieSsitze
ausgedrückte Erfolg eintritt, so ist er eben sehr reichlich. Dieser
Sinn ergibt sich, ohne daß a moi etwas andres als ,,nach Maß"
zu bedeuten braucht. Und zweifellos ist doch dies der Sinn
der Wendung z. B. im Ju Nie 659: Puis qu'il est taillies a no moy
(im Reim auf das Pronomen moy) und ebenda 1072: Ceste est
hien au moy de le tieue. Es liegt aber auf der Hand, daß der
Begriff ,, abgemessen", wenn er prägnant gebraucht wird, eben-
sowohl zu der Bedeutung ,, reichlich", wie zu der gegenteiligen
,, kärglich" (vgl. unser ,, mäßig") führen kann, je nachdem man
unter ihm versteht entweder 1. es fehlt durchaus nichts an
dem rechten Maße oder 2. es ist durchaus kein Überschuß
über das rechte Maß vorhanden. So daß denn in dem von Sch.-G.
aus Godefroy zitierten Kanque en lui remire tout li est hon a moi
ohne Schwierigkeit der Sinn sich ergibt ,,in vollem Maße, an dem
nichts fehlt", also ,, vollkommen". Für unsere Stelle aber kommt
man m. E. mit der ursprünglichen Bedeutung, die Sch.-G. für
die erste Ausgabe angenommen hatte, sehr gut aus: penitance
a moi ist ,Buße nach Maß'. Das Maß für die Buße können offenbar
nur die Sünden abgeben: je größer sie sind, um so größer die
Buße; je geringer das Vergehen, um so kleiner die Buße. ,Buße
nach Maß' ist also eine den Sünden entsprechend große Buße.
Die Stelle wird nun völlig klar, wenn man die Worte ore aves
penitance a moi allerdings als ironisch, aber als ironische Frage
auffaßt: ,,Habt Ihr nun eine Euren Sünden entsprechende
Buße ?" (oder findet Ihr die etwa auch noch zu groß wie alle
übrigen, die ich Euch vorgeschlagen habe ?)
V. 412 steht bei Meon v o r 411, eine m. E. recht bemerkens-
werte Variante.
V. 414 et eil ausi com lui ne chaille prist le haril mout vistement.
Ebeling weist in dieser Zeitschrift XXV, 2, 38 auf die Verschieden-
Textkritisches zum Chevalier au barisei. 177
heit der Tempora in prist und chaille hin. Da prist und prent
in historischer Darstellung beständig wechseln, so könne auch
bei prist das stehen, was streng genommen nur bei prent stehen
sollte, wie denn auch umgekehrt nach ausi com das Imperf. Conj.
bei präsentischem Hauptsatz begegne: ausi con ce fussent pailles
Fet del hauberc voler les mailles. Tatsächlich ist aber, \Ae die
Anm. mit Recht hervorhebt, im Vergleichssatz der Konj. Imperf.
die Regel: Et chiet pasmez con s'il just morz (Erec 4605), nicht
con s'il soit morz. Vgl. Bischoff, Konjunktiv bei Chrestien S. 118,
der konstatiert, daß nur in einem Falle der Konj. Praesentis bei
Chrestien steht: Et la dameisele autresi Va regardant anviron li
c'on s'ele ne sache qu'il a (Yvain 3053). Eine Handschr. (G) Uest
auch hier seust. Auch Klapperich (Historische Entwicklung der
syntakt. Verhältnisse der Bedingungssätze im Altfranz. S. 25)
stellt fest, daß auch bei präsentischem Hauptsatz imVergleichsatz
in der Regel der Konjunktiv Imperf. oder Plusquamperf. steht.
So daß denn zu erwarten wäre: ausi com lui ne chausist — oder
auch indikativisch (Bischoff a. a. 0. S. 118, Klapperich a. a. 0.
S. 26 f.) chaloit. Man kann nicht umhin daran zu denken, daß
chaille, wie Tobler, Ztschr. f. rom. Phil. XVIII 298 und BerHner
Sitzungsberichte 1902 S. 99 f. zeigt, in der Wendung ne me {te etc.)
chaille gleichsam erstarrt ist und oft für chaut eintritt. So könnte
es auch hier stellvertretend für chaloit oder chausist stehen.
V. 421 liest Meon statt Li besser si.
V. 446 mort durement s'afiche et jure. Das Glossar übersetzt
soi afichier ,,sich fest (trotzig) hinstellen". Das rofl. Verbum
ist zv.'ar in der Bedeutung ,,sich fest (zumeist im Steigbügel)
aufstellen" oft nachzuweisen. Gleichwohl bin ich der Ansicht,
daß Ebeling im Recht ist, der es an unsrer Stolle mit ,, beteuern,
versichern" wiedergibt. Außer der von ihm angeführten Stelle
aus RViol. vergl. Durm. 1789: Lors dist et si s'ajicha bien Qu'ains
mais ne vit si laide rien. — Anseis C 7113 Vint mite sont et cascuns
s'afica ke pour paiiens ichel jor ne fuira. Zudem begegnet grade
die Verbindung von afichier mit furer wiederholt, wofür schon
Ebeling zwei Belege bringt. Vgl. auch Che jure bien, mais anchois
k'il l'ataigne Chou k'il afice, ara male gaaigne. (Leider habe ich den
Fundort dieses Beispiels, in welchem jiirer völlig synonym mit
aficier gesetzt ist, nicht notiert.) Auch der Zusammenliang spricht
für Ebelings Auffassung: der Rittor, der von seinem kläglichen
Mißerfolg berichtet, hat keinen Grund, sich trotzig hinzu-
stellen.
Hinter V. 454 muß Koniina slchcu.
V. 456 Adonc apela Ic rendu ist auffällig, weil der Ritter
schon seit 447 mit dem Mönch spricht. Diesen Widerspruch
vermeiden B C D, in denen der Ritter die Worte 447 ff. zu dem
Eremiten und seinenLoutcn spricht, so daß 456 gerecht-
fertigt ist; denn 457 ff. gelten nur dem Eremiten.
178 Alfred Schulze.
V. 466. s'erenl mi covent atendu. Auch lüer vordienen B C I)
(s'arai cest couvenl atendu) den Vorzug, da nur v(jn einem
Gelübde, dem das Fäßchen zu füllen, die Kode sein kann, mi
in A ist unschwer dadurch zu erklären, daß das Auge des Schreibers
auf den vorhergehenden Vers abirrte (mi ongle).
V. 482 ist fous verdruckt für vous.
V. 490 hat MeonsText für bien die bonierkensworte Variante Z>ia.
V. 495 scheint wieder B C L) viel besser als A, der liest:
Se vous de moi öez parole Ne leur en dites nule escole. Dagegen
B C D : Senusde moi vous aparole. Die Weisung ne leur (oder besser
mit D li) en dites n. e. paßt doch nur zu dem Vordersatz: ,,\Venn
man euch nach mir fragt", nicht zu ,,wenn ihr von mir hört".
V. 500. quar je sui eil qui ja mes n'iere (501) jor sanz travail
ne sanz escil. Es ist lehrreich, auf die Verscliiedenlieit der Be-
deutung hinzuweisen, die an dieser Stelle und dagegen 735:
je sui eil que vous confessastes die Identitätserklärung durch
estre mit dem Demonstrativpronomen hat. Vgl. m. Fragesatz
§ 115 und Maetzners Anm. zu Altfranz. XV, 1.
V. 524 hat Meon statt mes die bessere Lesart mains.
V. 537 hat Sch.-G., Ebeling folgend, die Lesart von A
(par ire met tout en la mine) wieder eingeführt, während die
erste Ausgabe an Stelle ihrer C folgte und las par grant äir tous
enlumine, das übrigens auch bei Meon (also wohl in D) steht,
der doch G nicht kannte. Mir scheint der Zusammenhang die
Wiederherstellung des Textes der ersten Ausgabe gebieterisch
zu fordern. Ich sehe nicht, was es bedeuten soll: ,,Aus Zorn
setzt er alles aufs Spiel, aber (so!) als er sieht, daß ihn der Hunger
packt, muß er sein Kleid verkaufen." Der Ritter hat ja nichts
aufs Spiel zu setzen, als daß er sogar sein Kleid verkauft.
Folglich kann eben dieses Verkaufen des Kleides nicht mit mes dem
metre tout en la mine gegenübergestellt werden. Dagegen ist
tadellos: „Aus großem Zorn ist der Ritter ganz glühend, aber
(es hilft ihm nichts), als er sieht usw."
V. 556 sind ganz augenscheinlich B C D wieder besser als A,
der mit seinem mout avoit povre vesteure nur wiederholt, was
wir längst wissen, während der Text von B C D (sa cauchemente
petit dure) die Erzählung nicht nur um ein neues Moment be-
reichert, sondern auch durch den folgenden Vers (tost fu escillie et
alee) bestätigt wird. Cauchemente, das bei Godefroy fehlt, steht
z. B. Rencl. Mis. XXVIII 10, eb. CXXVII 9 Court d'Arr. 470.
V. 570 or ne puet il trover ostel. Die Var. lect. bemerkt
or t. il A. Wie liest also A?
V. 580. En lui n' avoit ne geus ne chans, (581) mes tont
grant ire et grant anui. Et tant vous puis dire... Wenn die Anm.
erklärt, mit tant sei ,,so großer" Zorn gemeint, wie 50 Verse
früher geschildert worden sei, so dürfte es doch beispiellos sein,
daß tant so weit reichende demonstrative Kraft aufwiese. Mir
Tedthritisches zum Chevalier an barisei. 179
ist wahrscheinlicher, daß tant 581 nur Fehler des Kopisten ist.
dessen Auge auf 582 abirrte.^) Ich möchte gegen alle Hss. lesen:
mes que grant ire et g. a. (Tobler, V. B. III^ 92). Übrigens
liest Meon (also wohl D ?) statt geus — ris, was gut in den
Zusammenhang paßt. Geu ist nicht, wie das Glossar lehrt, mit
,, Spiel", sondern mit ,, Scherz" wiederzugeben.
V. 594 or sont passe tuit si dangier. Dangier erklärt der Hrsg.
im Glossar jetzt im Anschluß an Ebeling durch ,, herrisches,
willkürliches Verhalten". In der Einleitung wird S. 80 sehr
treffend auf die Ähnlichkeit der vorliegenden Stelle mit SJul.
4106 (Or sont passe tot lor dangier., Del pain menguent quant il
ont...) hingewiesen, aber bemerkt, dangier erscheine im Julian
in etwas anderem Sinne gebraucht. Tobler hatte dort die Über-
setzung ,, launischer Übermut, wählerische Willkür in bezug
auf die Nahrung" gegeben. Mir scheint diese Übersetzung auch
an unserer Stelle passend; auch hier handelt es sich doch um
das Essen : or l'estovra par force aprendre a truander, s'il veiit mengier
heißt es unmittelbar vor 594, und wieviel Gewicht der Ritter auf
das Essen legt, ist an verschiedenen Stellen des Gedichtes hervor-
gehoben (47, 65 ff., 83, 366). Vgl. auch Rieh. 182: O lui l'a fait
tous ioiirs mangier. Cele i mangue sans dangier. Aise im folgen-
den Verse (595) qiiar ja mes aise n'avera ist das reichliche Maß
im Essen und Trinken; vgl. bei Littrö: c'est un mol Chevalier
qui ne veuf autre chose que ses aises de boire et de mangier.
V. 618 in der Var. lect. verdruckt für 617.
V. 629 1. s'i statt si.
V. 630. [et s'i a mis toute sa force (viz. das Fäßchen zu füllen)]
Et plus et plus ades s'esforce. So A. B C D verdienen auch hier
mit et tous iors (D ades) croist s'ire et esforche m. E. den Vorzug.
In A ist 630 nach 629 wenig angebracht: hat der Ritter schon
seine ganze Kraft aufgewendet, so ist es ein Widersprucli
fortzufahren: ,,Und mehr und immer mehr strengt er sicli an".
Aber vortrefflich ist die in B C D stehende Bemerkung, daß
sein Zorn — infolge der vergeblichen Bemühungen — täglich
wächst und stärker wird. Zu esforcier in diesem Sinne vgl. E
Samuel crui et esjorcha (bei Godefroy und Littre aus LRois zitiert).
V. 647 tant que ses cors fu si atains. Das Glossar lehrt ataindre
,, erreichen", P. Pf. ataint ,, erschöpft". Es kann damit der Glaube
erweckt werden, die Bedeutung ,, erschöpfen" bestehe nur für das
P. Pf. Daß dem nicht so ist, lehrt z. B. Cliges 2993. Übrigens
würde ich lieber ,, geschwächt, angegriffen" als ,, erschöpft"
übersetzen, das m. E. nicht stark genug ist.
V. 651 les cheveus Ions et hericiez wird in der Anm. als absol.
Akkusativ erklärt. Es ist aber sehr auffälhg, daß ein solcher
^) Ich sehe nachträKÜch, daß schon Ebehng in dieser Zeitschrift
XXV, 2, S. 45 dieselbe Vermutuncr äu(3ert.
180 Aljred Schulze.
absol. Akkus, ohne Hauptsatz stehen sollte. Meon liest besser
Caveus ot Ions et h.
V. 665 hinter vaines setze Komma oder Semikolon.
V. 682 grant chose a ou fere l'estuet. Zu dem Sprichwort
hatten schon Tobler in den Gott. gel. Anz. 1874, und W. Foerster
in Gröbers Zeitschr. III 243 Parallelen gegeben.
V. 702 desfait , verunstaltet' wie ProvV 161, 4.
Hinter V. 715 und V. 719 würde ich stärkere Interpunktion
setzen.
V. 730 würde ich interpungieren: ,,IIa/ Je? Comment?"
fet il, „amis."
V. 736. . Von dem in der Anm. erwälmlen Konstruktions-
wechsel handelt Tobler, V. B. IIF 15.
V. 748 1. s'i. In der Var. lect. lies 747—748 st. 746—747.
V. 749. Der Hrsg. bemerkt mit Recht, daß que (am Anfang
des Verses) nicht befriedigt. Meon liest einwandfrei: et. Aber
zu erwägen ist, ob hier nicht eine allen Hss. eigene Lücke vor-
liegt. In der Erzählung des Ritters fehlt offenbar: [durch das
viele Umherirren, durch Hunger, Durst und Kälte bin ich so
elend geworden] que bien sai que par tens morrai.
V. 751 in der Var. lect. ist wohl Druckfehler für 753.
Hinter V. 759 muß mindestens ein Komma stehen.
V. 774 ff. Der Eremit ruft die Jungfrau IVIaria um Fürsprache
für den sündigen Ritter an: (774) Sainte Marie^ douce mere^ (775)
quar proiez Dieu vo souvrain pere (776) par son plesir que il le
gart (776) et de ses Maus iex le regart! Der Text, den die Hss.
außer A bieten, ist m. E. hier wieder unvergleichlich besser.
Zunächst scheint mir sehr beachtenswert, daß 774 Meon bietet
Sainte Marie, fait il, mere (in der Var. lect. nicht angeführt).
Maria wird damit in ihrerEigenschaft als Mutter
angerufen (,, heilige M., die du Mutter bist") und dazu stimmt
vortrefflich D im folgenden Verse: Car prie a diu ton f i l, ton
pere. Durch den Zusatz von douce zu mere und das Streichen
von ton fil werden die so wirksamen Worte völlig abgeschwächt.
Weiter lesen C D 775: Par sa douchour que il Vesgart. Die Var.
lect. führt zwar sa douchour als Variante für son pleisir nicht
auf, es steht aber in Meons Text. Also: ,,daß er (Gott) ihn (den
Ritter) mit seiner Milde richte" (über esgarder als Jurist. Terminus
s. Foerster zu Yvain 2005. Cliges 1442. Marie de France, Lan-
val 382). Wie viel wirksamer und treffender wiederum als ,.daß
er ihn durch seine Huld bewahre" bei A! Endlich 776 CD:
et de ses pius iex le regart ,,und ihn mit seinen milden, gnädigen,
Augen anblicke". Dagegen A: und mit seinen schönen
Augen anblicke ! Ich denke, hier kann ein Zweifel über die Echt-
heit von C D nicht obwalten.
V. 784. Diex, ne suefres que sa povrece soit perdue par vo
pitance, Mes tornez li a penitance. Die Anm. übersetzt: ,, Wendet
Textkritisches zum Chevalier au harisel. 181
ihm sein Elend zur Buße, machet daß ihm aus seinem Elend
Buße erwachse." Besser: „Rechnet ihm sein Elend als Buße
an." Vgl. Maetzner, Altfrz. Lieder XXXV 1 N'est pas sages
ki me tourne a folie Ce k'amours fait de moi sa volenti.
V. 785. Diex, s'il i muert par m'achoison. . . Achoison ist hier
„Schuld" wie Erec 3472: träizestes. . . Sans achoison et sanz forjet.
V. 786. Meon liest statt rendre me couvendra reson besser
rendre m'en c. r.
V. 797 que eis hom ci ne m'apartient^ (798) ne tant ne quant
a moi ne tient. Apartenir a aucun „Gemeinschaft haben mit"
begegnet so auch Cliges 3478: Quant Cliges le voit seul venir^ Qui
ainz ne vost apartenir A recreant de euer failli... Wegen des
V. 798 begegnenden tenir a aucun s. Tobler zu Prov Vil 47, 3,
wo unsere Stelle herangezogen wird.
V. 800. Meon liest besser et si se destruit chi por moi. Für
den Ausdruck des Gegensatzes ist hier ein starkes Bedürfnis
vorhanden: dieser Mensch geht mich nichts an und doch
verzehrt er sich meinetwegen in Sorge.
V. 823 et vez me ci tout apreste. Die Anm. verweist auf Toblers
Erklärung (Arch. 94, 462) von voici = vides (im Sinne von videsne)
ecce hie, eine Frage im Sinne einer Aufforderung, wie aus afz.
voiz ci oder vez ei hervorgehe. Diese Formen schließen m. E.
zunächst nur die Imperativische (z. B. von Suchier in Gröbers
Grundriß I 619 vorgetragene) Auffassung von voi in voici aus,
nicht aber die asserierende, die u. a. Englaender in seiner Disser-
tation über den Imperativ im Altfrz. S. 42 und Sachs im Wörter-
buch verteidigen: voiz (vez) kann ebensowohl ,,du siehst" wie
,, siehst du ?" sein, und aucli dem Sinn von voici würde Frage
wie Assertion genügen. Aber freilich müßte man, wenn eine
Assertion zugrunde läge, erwarten, daß gelegentlich auch mit
ausgesetztem Subjektspronomen gesagt werde tu voiz ci, vos
veez ci, und das scheint bisher nicht nachgewiesen. Andrerseits
sind Fälle wie Erec 4559: Dameisele! Veez vos ci Tot lie et joiant
vostre amie oder das von Perle in seinem Programm Voici und
voilä (Halberstadt 1905) angeführte: le euer, ves le vous ci (Berte
357, 32) niclit beweisend. Es können Fragen oder Imperative
sein. Beweisend wäre a) für den Imperativ: voi tu ci oder tu
voi ci oder b) für die Frage: voiz tu ci.
V. 837. Die Var. loct. gibt saillein BCD (statt sailloii in A)an
Es ist liinzuzufügen, daß — nach Meon wenigstens — auch 835
gete (statt getoit) und 836 samble (statt sambloit) überliefert ist.
V. 862 ff. (862) mes or oiez que Dex fist donques (863) por
son ami reconf orter (864) qui mout se poi desconf orter: (865) Parmi
ses iex a grant deslrece (866) une grant lerme si s'adrece. Statt
der inhaltlosen Redensart, die A V. 864 liat, bieten BCD ein
anschauliches, wirksames Bild: de son euer fait l'iaue monter.
V. 908 am Versschluß setze Komma.
Zlschr. f. frz. Spr, u. Litt. XXXIX'/'. 13
182 Alfred Schulze.
V. 963. In der Anm. wäre hinzuzufügen, daß neben batre
sa coupe und clamer s. c. auch conoistre sa coupe begegnet, z. B.
Benoil Chroniquo 27049.
V. 966 ses barisiaus. . . qui li a jel moiit mieux qiie pis ist
sehr merkwürdig und hätte eine Anmerkung verdient. Man erwartet
gui li a fet mout plus de bien que de mal. Es handelt sichja nicht um
eine Steigerung der Begriffe ,gut' und ,schlecht'., sondern es soll
die Menge des Guten als größer im Vergleich zur Menge des Bösen
hingestellt werden. Zu einem pis liegt also keinerlei Anlaß vor.
V. 974 li cuers travaille et li cors paine. Das Glossar setzt
irrtümlich die Infinitivform painer statt pener an.
V. 993. Der Eremit sah den Kampf zwischen Engeln und
Teufeln: quar il estoit esperitex. Das Glossar übersetzt ganz
zutreffend, aber vorsichtig mit ?, esperitex durch ,, jemand, dessen
Geist erleuchtet ist, der in himmlische Dinge eingeweiht ist."
Das Wort begegnet z. B. noch Rencl G 73, 4, wo zum Priester
gesagt wird: Mius senles cose esperitel (überirdisch) Et angle
ke home mortel. Ebenda 210, 9 heißt es von Hiob: Haut et bas
fu esperitieus. Bezeichnend sind auch ein paar Stellen in den
von mir herausgegebenen Predigten des S. Bernhard: Vos, ce
dist li apostles, qui estes espiritel, estruiz cestui qui est de tel maniere
(viz. den sündigen Bruder) en Vespirit de suatime (115, 25). Es
ist die Übersetzung von Galater 6, 1 (ufiet? 61 T:v£U|xaxoy.oO,
und: car li entendemenz des choses esperitels et niant-visibles est
li vrais pains de l'ainrme (38, 32).
V. 1000 .. que si chev alier proprement.. Vindrent cel jor
(CD: laiens) ... Proprement heißt m. E. weder wie der Hrsg.
übersetzt ,, eigens", noch wie Ebeling (a. a. 0. S. 45 f.) will, ,,in
eigner Person". Beides scheint mir in dem vorliegenden Zusammen-
hange — der Ritter ist, nachdem er reuig seine Sünden bekannt,
eben selig gestorben, als seine früheren Begleiter .proprement'
in die Kapelle zu dem Eremiten kommen, um, da Karfreitag
ist, zu beten — nicht möglich. Die Bedeutung ist vielmehr:
, passend, angemessen', d. h. hier zu rechter Stunde: Car le fanon
taut proprement Nome an de suour suaire Rencl C XCV 5.
V. 1011. In der Var. lect. lies 1011—1013 fehlen C D.
V. 1029. In der Var. lect. muß es offenbar statt 1029—1032
heißen 1030—1032. Den Reim zu l'ensevelirent gibt V. 1029
das (nicht in der Var. lect. aber in Meons Text stehende) firent
(statt eurent in A) ab.
V. 1031 mout doucement Vensevelirent. Der Hrsg. verweist
für die Bedeutung von ensevelir im Glossar freundlich auf meine
Bemerkung Arch. 110, 472. Ich sehe nachträgUch, daß schon
Risop Arch. 109, S. 211 die richtige Bedeutung für ensevelir
(in ein Leichentuch hüllen) gegeben hat.
Königsberg i. P. Alfred Schulze.
Beiträge zur Geschichte
der politischen Literatur Frankreichs in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Dritter TeU:
Die politisclien Tlieorien.
Es kann und soll hier nicht meine Aufgabe sein, eine
erschöpfende Geschichte der politischen Theorien des 16. Jahr-
hunderts zu geben. Für meine Zwecke handelt es sich zu-
nächst^) allein darum, den der Erforschung bedürftigen Einzel-
fragen nachzugehen und die so gewonnenen Resultate für die
Klarlegung der geschichtlichen Entwicklung der politischen
Theorien zu verwerten.
Die Erforschung der Probleme, welche die politische Literatur
der zweiton Hälfte des 16. Jahrhunderts in reicher Fülle bietet,
führt uns bereits in die ersten Anfänge jener mäciitigen Geistes-
bewegung hinein, welche im 18. Jahrhundert als ,, Aufklärung"
in der französischen Literatur zur Herrschaft gelangt ist und,
durch die Literatur in die weitesten Kreise getragen, einen ge-
waltigen Einfluß auf allen Gebieten des menschhchen Denkens
und Lebens ausgeübt hat. An frülierer Stelle^) ist bereits gezeigt
worden, wie das politische Element um die Mitte dos 16. Jahr-
hunderts in der Literatur Fuß faßt und dem Bilde, welches die
Literatur damals bietet, neue Züge aufgeprägt hat. Selbst auf
die Plejadedichlung, welche ihrem ganzen Charakter nach der
Erörterung religiöser und politisciier Zeitfragen fernsteht, hat
der in der Literatur eindringende politische Charakter seine
Wirkung ausgeübt.^) Der Gang der Untersuchung hat mich
schon damals darauf geführt, zu zeigen, wie mit der Beschäfti-
gung mit den polilischen Fragen der violbewegten Zeit die kritisclie
^) Ich werde noch an anderer Stelle auf manche der hier behandelten
Fragen zurückkommen.
2) Vgl. diese Zeitschrift XXXP S. 102 ff. XXXIl^ S. 238 ff.
S. 310 ff. XXXIIP S. 44ff.
3) Vgl. diese Zeitschrift XXXIV^ S. 212 ff.
13*
184 f^ii'i f'laser.
JJotracliLung und LheoroLisclie Erörleiung Hand in Hand gehen,
Sicli anfangs in bescheidenen Grenzen fialtcnd, wird die Theorie
})ald 7Air beherrschenden Macht.*) Die von der Reformation
in rehgiösen Dingen geübte Kritik wird aucli auf die Erörterung
staatlicher Fragen übertragen. Sie findest ihre Ergänzung und
ihren Abschluf.) in der Schöpfung theoretisclier Systeme, an
deren Ausbau und Vervollkommnung das 18. Jahrhundert
mit neuem und rastlosem Eifer gearbeitet hat. Das Werk, welches
das 16. Jahrhundert hinterlassen, griff das 18. Jahrhundert
wieder auf, um so eifriger und stürmischer, je länger die Ent-
wicklung der Ideen unter der Herrschaft des Absolutismus unter-
brochen worden war, um so leidenschaftlicher, je mehr die herr-
schenden Klassen unter dem Druck des absoluten Systems an
innerer Kraft verloren hatten, ohne doch auf ihre Ansprüche
gegenüber anderen Ständen zu verzichten. Auch das 16. Jahr-
Jmndert hat seine ,,Aufklärung'"' gehabt. Es hat bereits die
großen staatsphilosopliischen Probleme, welche die Geister im
18. Jahrhundert beschäftigen sollten, aufgeworfen und ihrer
Lösung entgegengeführt. Seine Tätigkeit war eine großartige
Vorarbeit für die gewaltigeren Leistungen des 18. Jahrhunderts.
Die Aufklärung im 16. Jahrhundert ist wesentlich das Werk
der Reformation. Aus protestantischer Quelle entsprossen,
ist der aufklärerische Gedanke in eigentümlicher Wandlung
zu einer auch den katholischen Teil des französischen Volks
interessierenden Geistesbewegung geworden. Das Eine ist
der Bewegung geblieben — auch im 17. Jahrhundert unter der
Herrscliaft des absolutistischen Systems — nämlich, daß der
Protestantismus und seine Anschauungen stets starken Anteil
an der Aufklärung genommen haben. Die umstürzlerische
Tendenz, wie sie sich in der Literatur des 16. Jahrhunderts
bemerkbar macht, ist auch über das siede de Louis XIV hinaus
erhalten geblieben. Sie war ursprünglich religiöser Natur, aber
erst mit ihrer Übertragung auf das politische Gebiet gewannen
die Ideen des Umsturzes und des Fortschrittes eine schöpferische
und gestaltende Kraft. Der politische Zug ist der Bewegung
geblieben. Wir sehen hier ein Beispiel, das glänzendste und
schlagendste sogar, welches uns zeigt, wie die religiösen Ideen
auf die Entwicklung des Geisteslebens einwirken auf dem Um-
weg ihres politischen Niederschlags. Wir können ermessen,
welchen gewaltigen Einfluß die Herausbildung des politischen
Charakters der Reformationsliteratur auf die Gestaltung der
Gedanken ausgeübt hat, welche zur Aufklärung geführt haben.
' Es hieße die französische Aufklärungsbewegung verkennen,
wenn man in ihr nur eine Schöpfung des 18. Jahrhunderts er-
blicken und die Anregungen vergessen oder unterschätzen wollte,
4) Vgl. besonders diese Zeitschrift XXXIIP S. 98—100.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 185
welche sie früheren Perioden zu verdanken hat. Eine richtige
Würdigung des Wesens der Aufklärungsliteratur ist ohne ein
Zurückgreifen auf die Reformation und ihre Ideen nicht möglich.
Nicht als ob schon das Reformationszeitalter die Probleme,
welche nachmals die Aufklärungsliteratur beschäftigt haben,
in der Fassung, in welcher wir sie im 18. Jahrhundert vorfinden,
erörtert hätte. Dafür war die Zeit noch nicht gekommen; aber so
viel hat doch schon das 16. Jahrhundert erreicht: es hat die ver-
schiedenartigsten Erscheinungen und Probleme des Staats-
lebens zum Gegenstand seiner Erörterungen gemacht; es hat
die großen staatsphilosophischen Fragen klar und scharf for-
muliert und seine Ideen und Theorien in die Form fertiger Systeme
zu bringen gewußt; es hat — rein äußerlich betrachtet — der
Aufklärung zwei seiner wesentlichsten Züge hinterlassen: den
starken theoretischen Charakter und die Tendenz, für die Ideen
der Zeit Propaganda zu machen.
Auf die Entwicklung und Fortbildung der politischen Lite-
ratur hat der theoretische Charakter den nachhaltigsten
Einfluß ausgeübt. Die politische Theorie des 16. Jahrhunderts war
keine reine Theorie, keine Theorie allein um der Theorie willen.
Sie war ein Erzeugnis der Zeit. Die geschichtlichen Vorgänge
und Wandlungen haben die Fragen gestellt, an deren Beant-
wortung und Lösung die Theoretiker gearbeitet haben. Große
Aufgaben religiöser wie politischer Art zu stellen, dazu waren die
Zeitverhältnisse in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
in besonderem Maße geeignet. Wie selten ein Ereignis in der
Geschichte hat die Reformation die in den Tiefen der Volksseele
schlummernden Kräfte geweckt und alle Teile der Nation in den
Kampf um große und hohe Fragen und Ziele hineingezogen.
Mit der Übertragung auf das politische Gebiet gewinnt der Gegen-
satz zwischen Katholizismus und Reformation eine noch größere
Schärfe und zugleich eine höhere Bedeutung. Aus einem Gegen-
satz der Religionen erweitert er sich zu einem Ringen um die
Macht und Herrschaft im Staate. Weite Teile des Volks scharen
sich gegen das an dem katholischen Glauben festhaltende König-
tum zusammen. Eine gewaltige Oppositionsbewogung gegen
die seit Ludwig XL mit unumschränkter Machtfülle gebietende
Monarchie durchzittert das Land.
An die Spitze der Opposition tritt der Adel. Schon seit
Jalirzehnten ein willenloses und gefügiges Werkzeug in den
Händen des Königs und dabei doch immer wieder zur Auflehnung
gegen die Knme geneigt, begann er sieli aufs Neue zu rühren
und versuchte noch einmal eine große Rolle zu spielen. Schon
frühzeitig war er in den Kampf um die Religion hineingezogen
worden. In seinem größten und besten Teile der Reformation
zugetan, war er mit dem starr am Katliolizismus festhallenden
Hofe zerfallen. Seine seit den Tagen Ludwigs XI. schein-
186 Kurt Glaser.
bar überwundene Oppositionslust gegen das Königtum lebte
in neuer Form und mit neuer Kraft wieder auf, seitdem
religiöse Fragen in den Gesichtskreis der Zeit getreten waren.
Mit der Oppositionslust des Adels gegen die Krone paarte sich
ein unverkennbarer Hang zur Verteidigung ständischer Interessen.
Allenthalben in Europa begannen damals die ständischen Ge-
walten zu erstarken oder doch sicii zu regen. In Frankreich
wie anderwärts tritt der Adel in Gegensatz gegen das Königtum,
das durch Unterdrückung der ständischen Rechte grofj und
mächtig geworden war.
An der Opposition gegen das Königtum beteiligten sich die
weitesten Kreise des französischen Volks. Mochten bei dem
Kampf, den der Adel führte, schheßlich doch die politischen
Rücksichten die religiösen überwiegen: für die große Masse des
Volks gab das Bewußtsein eines um religiöse Ideale und Forder-
rungen geführten Kampfes den Ausschlag. Die Reformation
war schon frühzeitig in den niederen Schichten des Volks einge-
drungen und hatte gerade hier ihre überzeugtesten Bekenner
und mutigsten Märtyrer gefunden. Die Verfolgungen, die das
Königtum und seine Organe gegen die Anhänger der neuen
Lehre einleiteten, dienten nur dazu, auch in den niederen Schichten
des Volks die Feindschaft gegen den Katholizismus zu schüren
und den Haß gegen die Monarchie zu entflammen. Anfangs
auf kleinen Raum beschränkt, ergriff die Bewegung bald die
weitesten Teile des Volks.
Mitten in diese Bewegung hinein sah sich das französisclie
Königtum gestellt, in einem eigentümlichen Konflikt befangen.
Seit Ludwig XI. mit unumschränkter Machtfülle bekleidet,
begann es seit dem Tode Heinrichs II. immer mehr an Ansehen
einzubüßen. Je mehr aber seine Macht sank, um so mehr strebte
es, unter Aufbietung aller Kräfte, mit guten ^vie mit schlechten
Mitteln, seine wankende Stellung im Widerstreit mit den ihm
feindlichen Gewalten zu behaupten.
Auch die katholische Kirche, mit dem Königtum aufs Engste
verknüpft, sah sich bis tief in die politischen Kämpfe und Händel
der Zeit hineingezogen. Wenn auch nicht in wankelloser Treue
dem Throne ergeben, bildete sie doch, wenigstens für Jahre
hinaus, eine feste Stütze der Monarchie im Kampfe gegen die
sich immer stürmischer und umstürzlerischer gestaltenden Be-
strebungen der Reformationspartei.
Die Theorien sind das Abbild der politischen Strömungen
und Störungen der Zeit. Inmitten kriegerischer W^irren gereift,
bilden sie den Tummelplatz der verschiedenartigsten Forderungen
und Wünsche. Kleine wie große Fragen werden mit Eifer und
Leidenschaft erörtert. Mit kühnem Griff ziehen die Theoretiker
die schwierigsten Probleme in den Kreis ihrer Betrachtungen.
Die Fragen, die sie mit Vorliebe erörtern, sind aus den Zeit-
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 187
umständen erwachsen, aber sie haben weit über die Grenzen
der Zeit hinaus allgemeinere und höhere Bedeutung zu bean-
spruchen. Die Theorie lehrt die Fragen der Zeit in neuem Lichte
und in höherem Sinne zu erfassen. Sie sucht die inneren Zu-
sammenhänge in den poUtischen Wandlungen und Strömungen
auf. Sie eröffnet weite Ausblicke auf die in den äußeren Vor-
gängen und Verhältnissen gegebenen Bedingungen des politischen
Daseins nicht minder wie auf die das menschliche Denken und
Handeln beherrschenden, in dem Menschen selbst liegenden
Ideen. Sie lehrt die pohtischen Gedanken und Strebungen
nicht mehr bloß in ihrer Bedeutung für die Zeit, sondern auch
in ihrem Wert oder Unwert schlechthin zu erfassen. Aus dem
engen Zirkel alltäglicher Erörterungen hinaus führt sie zur Höhe
philosophischer Betrachtung empor und gibt so der politischen
Publizistik schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
den Charakter, den wir im Zeitalter der Aufklärung als herr-
schende Eigentümlichkeit der Literatur wiederfinden werden.
I. Michel de ^.'Hospital.
Ein Kampf um hohe rehgiöse und politische Ideale bringt
allezeit die Geister in eine mächtige Wallung und läßt Ideen
reifen, die oft erst in späteren Tagen ihre Verwirklichung finden.
So ist inmitten der sturmbewegten Zeit der französischen Refor-
mationskriege die Idee der religiösen Toleranz entsprossen.
Sie hat nicht nur bei Theologen wie Sebastien Castalion,^) sondern
auch in den Kreisen der Laien ihre Verfechter und Vertreter
gefunden. Ein Staatsmann und Staatstheoretiker war es, der
die Notwendigkeit der religiösen Duldung im Zusammenhang
eines großzügigen Programms zu entwickeln unternahm und,
seiner Zeit vorauseilend, zum erstenmale den Grundsatz der
Glaubensduldung auch praktiscli durchzufüiiren bestrebt war:
Michel de L'H o s p i t a 1.
Seine politisclie Schriftstollerei, das Abbild seiner staats-
männischen Wirksamkeit, steht in schroffem Gegensatz zu der
Richtung, welche die politische Literatur um die Mitte des 16.
Jahrhunderts einschlägt. Mit den Tagesfragen, mit den großen
und kleinen Geschehnissen jener bewegten Zeit, mit den politisch
hervortretenden Persönlichkeiten, mit guten und gutgemeinten
Wünschen und Forderungen beschäftigen sich zalillose Pamphlete.
Auch die Poesie bemächtigt sicii gern der politischen Stoffe,
um in einer oft mehr leidenschaftlichen als glückliciien Form
die Zeitereignisse zu behandeln. Selbst die Dicltter der Plejade
5) Vgl. schon diese Zeitschrift XXXIIP S. 44 ff. und besonders
F. Buisson, Schaslien Cdstcllian, sa \'ie et son ccmre. Paris 1892
(2 Bände).
188 A'//ri (i Laser.
ergreifen in dem Streit der Meinungen Partei. Hohe Ideen
trifft man in der den Tagesfragen gewidmeten Publizistik aller-
dings nur selten. Die Tagesschriftstoller sind eben mehr leiden-
schaftliche und kriegerische Naturen als denkende Köpfe, Gegen-
über der Art und Weise, wie die Pamphletisten und Poeten die
politischen Dinge behandeln, bezeichnet L'Hospitals Standpunkt
einen wesentlichen Fortschritt. Als erster sucht er die Forde-
rungen seiner Zeit mit höheren staatsphilosophisclien Begriffen
in Einklang zu bringen und von der Hölie der Theorie Staat und
Gesellschaft zu mustern.
Mit L'Hospital kehren wir zu der ersten Periode der Bürger-
kriege zurück, zu der Wandlung, welche mit dem Tode Franz' II.
in der Regierung Frankreichs vorgegangen ist. Katharina von
Medici hat die Zügel der Regierung ergriffen und ihre Regent-
schaft mit dem Versuch eingeleitet, durch eine Versöhnung
der Katholiken und Kalvinisten den Frieden im Lande zu sichern.
Waren für die Entschließungen und Maßnahmen der Königin
Ehrgeiz und Eitelkeit die treibenden Beweggründe, so fußte
L'Hospitals Haltung auf einer aus tiefer philosophischer
Bildung schöpfenden, von idealer Auffassung seines Berufs
getragenen wahrhaft staatsmännischen Einsicht. In ilim lebte
die Fähigkeit zu entsagungsvoller selbstloser Arbeit im Dienste
des Staates und der Religion, eine hohe und erhabene Auffassung
seines schweren Amtes, welche ihn die W^ahrheit über alles
schätzen lehrte und ihm die Kraft verlieh, selbst gegenüber
seinem König wie gegenüber dem Papst^j seine Meinung mit
Freimut zu vertreten.'^) Inmitten einer von Selbstsucht be-
herrschten und ver\^drrten Zeit hat er sich die Festigkeit eines
edelen Charakters bewahrt, die Fähigkeit, nach hohen und er-
habenen Zielen zu trachten und ohne Rücksicht auf äußeren
Schein das Beste für Volk und Land zu erstreben. .,En toutes
vos affaires j'ay plustost oublie mon profit qiie vostre servyce. et
suivy tousjours le grand chemin royal, sans me destoiirner ä droicte
ny ä gauche, ne m'adonner d aalcune privee faction^ (II. S.,496.
497), so konnte er, seinen Lebensw^eg überschauend, kurz vor
seinem Tod seinem König zurufen.
^) Vgl. seinen Brief an Plus IV. (Oeuvres, publ. par F. J. S. Dufey.
Paris 1824. II. S. 476 — 479). Er wehrt sich hier gegen die Anklagen,
welche von verschiedenen Seiten gegen ihn erhoben worden sind und
denen selbst der Papst sein Ohr geliehen hat. Er schreibt an den
Papst: ,,Je ne me serois nullement inquiete, si vous n^aviez fait que les
(d. h. die Anschuldigungen) entendre; mais des que feus appris que
vous aviez ecrit aux vötres d'exciter la reine ä ne point croire ä mes paroles,
et ä se garder de moi comme d'un pestifere, fai cru que je ne devais differer
plus long-temps de me justifier dans votre opinion . , . ." \ er beteuert:
,,.../e n'ai jamais rendu haine pour haine, inimitie pour inimitie. . ."
'') Vgl. besonders sein Schreiben an Karl IX. und die Königin-
Mutter II. S. 253 ff. Er sagt darin (S. 255): ,,car ez choses qui touchent
le roy, je regarde plus ä choisir les choses profictables que agreables . . ."
Beiträge zar Geschichte der polit, Literatur Franhr. etc. 189
Mit seinen Ideen ist L'Hospital zum erstenmal gelegentlich
der Versammlung der Stände zu Orleans im Dezember 1560
hervorgetreten. Er hatte selbst die Berufung der Stände bewirkt,
in der Absicht, den Frieden im Lande zu sichern. Überall klingt
diese Absicht in der Rede durch, die er damals vor den Ständen
gehalten hat.^j Gleich im Eingang seiner Ausführungen greift
er mitten in die brennenden Fragen der Zeit hinein, indem er
die viel erörterte Ständefrage aufrollt und den Nutzen und Vorteil
der Reichsstände zu verteidigen unternimmt. Er nimmt gegen
den Kardinal von Lothringen Stellung, welcher den König zu
der .Ansicht zu bekehren versuchte, daß die ständischen Tagungen
nur dazu angetan seien, um die königliche Autorität und Würde
zu schmälern. Die Widerlegung dieser allein aus egoistischen
politischen Erwägungen geschöpften Anschauung führt ihn zur
Betonung seiner idealeren Auffassung vom Berufe eines Monar-
chen: ,,/e dis qu'il n'y a acte tant digne d'ung roy, et tant propre
d luy, qiie tenir les estats. que donner audience generale ä ses subjects,
et faire justice ä chascung. Les roys ont ete esleus, pr emier enient
poiir faire la justice, et n'est acte tant royal faire la guerre, que
faire justice/' Schon hier drängt sich ihm die Scheidung des
Königs vom Tyrannen auf: ,jles tyrans et les maulvais fönt la
guerre autant que les roys, et bien souvent le maulvais la faict mieulx
que le hon." ,,Car^ de vouloir dire que toutes grandes assemblees
sont ä craindre, et doivent estre suspectes: ouy, aux tyrans, mais
non aux princes legitimes, comme est le nostre". (S. 384.) Der
Anblick der beginnenden Unruhen im Lande führt ihn zu einer
Reihe weiterer Erörterungen über die politischen Verhältnisse
in Frankreich und über die zur Beseitigung der herrschenden
Unruhen notwendigen Mittel. Wir sehen die Ansätze zur theo-
retischen Ausgestaltung seiner Gedanken überall durchbhcken.
Seine Theorie der Verwerflichkeit des Aufruhrs, seine Forderung
des leidenden Gehorsams gewinnt hier zum erstenmal ihre Formu-
lierung in dem Satze: „Mais, premier, je supposeray une chose
qui n'a aulcun doubte, que toute sedition est mauvaise et pernicieuse
es royaumes et republiques, encore qu'elle eust banne et honneste
cause; car il vault mieulx ä cehiy qui est autheur de sidition de
souffrir toutes pertes et injures, qu'estre cause d'ung si grand mal,
que d' amener guerres civiles en son pays" (S. 387). Eine Heilung
der Schäden erwartet er von einer vernünftigen Einsiclit aller
Glieder des Volks. Dazu sollen zunächst die Könige selbst mit-
helfen : „Les roys debvroient estre contens de leurs pays et royaumes,
oster Vambition qui leur fait desirer aultres nouveaulx royaumes"
(S. 391 — ein Satz, dessen Gültigkeit durch historische Belege
^) I. S. 379 ff. Ich zitiere nach der Ausgabe von Dufey, obwohl
deren Text nicht überall einwandfrei ist. — Einiges Brauchbare zur
Kenntnis von L'Hospitals Theorien enthält F. Geuer, Die Kirchen-
politik des Kanzlers Michel De UHospital. Leipzig, Diss., 1S77.
190 l\url Glaser.
erwiesen wird). Wichtiger ist die w^oitere an den Monarchen ge-
stellte Forderung, welche in die aus römisch-rechllichr'n He-
griffen hergeleitete Anschauung von der Superiorität des Königs
über das Gesetz ausklingt: ,,7e vouldrois aussi que les roys se
contentassent de leur rei>enu, chargeassent le peuple le moins qu'ils
pourroienl, estlmasseni que les biens de leursdids sahjecls leur
appartiennent, imperio, non dominio et proprietate. Aussi les
suhjects Vaimassent et reconnussent pour roy et seigneur, Vaidassent
de leurs personnes et biens, luy obeyssent, non de bouche, consen-
tement seulement, et par luy faire reverences et aultres semblables
honneurs, mais par vraye obeyssance, qui est de garder ses vrays
et perpetues commandemens, cest-ä-dire ses loyx, edicts et ordon-
nances, ausquelz lous doibvent obeyr, et y sont subjects, excepte
le roy seul" (S. 392). Jedem Glied im Staatsorganismus zieht
L'Hospital seine Grenze: die Kirche soll den großen Einfluß
bedenken, den sie auf die Gemüter ausübt; sie soll nicht ver-
gessen, daß die Güter ihr zur Nutznießung gegeben sind, daß
sie den Armen spenden soll, daß sie keine Bezahlung für die Spen-
dung der Sakramente annehmen darf. Der Adlige hat die großen
Privilegien, er hat keine Steuern zu zahlen, er hat die ersten
Ehrenstellen inne; aber er soll sich nicht überheben. „Et d'autant
qu'il a plus de force et puissance, d'autant doibt estre plus hamain
et gratieux, user de l'espee contre l'ennemy, et ä la conservation des
amys et povres subjects du roy'. Das Volk endlich soll in fried-
licher Landarbeit sein Glück suchen. L'Hospitals Ausführungen
gipfeln in der „Conclusion, si chascung estit se contente de sa
fortune et biens, s'abstient du bien d'autruy, et de faire infures ä
aultres, se sousmet ä l'obeyssance de son prince, et de ses loyx et
ordonnances, nous vivrons en paix et repos". (S. 394.)
Mit dieser auf rein politische Dinge beschränkten Schluß-
folgerung hat L'Hospital nur eine Seite der schwierigen Auf-
gabe gestreift, deren Lösung die große Frage der Zeit bildete.
Er erkennt, daß die wirkliche Ursache für die politische Spaltung
tiefer liegt und in dem Gegensatz zwischen Katholizismus und
Kalvinismus wurzelt. Die Ansicht, daß die Religion als solche,
die christliche Religion zumal, die Ursache für die Unruhen und
Aufstände im Lande werden könne, lehnt er von vornherein ab.
Die christliche Religion lehrt dulden und leiden, aber nicht kämpfen.
Auch die Entschuldigung, daß die Gläubigen die Waffen zum
Kampf für die Religion ergreifen, ist nicht stichhaltig. „Nostre
religion n'a prins son commencement par armes, n'est reteneue
et conservee par armes" (S. 395). Wenn die Untertanen behaupten,
daß sie zu ihrem Schutz die Waffen ergreifen, so ist das eine
Entschuldigung, welche wohl gegen das Ausland gilt, aber nicht
gegen den König: „car il n'est loisible au subject de se defendre
contre le prince, contre ses magistrats, non plus qu'au fils contre
son pere, soit ä tort, soit ä droict, soit que le prince et Magistrat
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 191
soit maulvais et discole, ou soit qu'il soit bon. Encore sommes
nous plus teneus d'obeyr au prince gu'au pere" (S. 395). So haben
die Christen ehemals noch für die Kaiser, ihre Verfolger, gebetet.
,,Et nous chrestiens, ne debvons recevoir ny approuver l'opinion
des Grecs et Romains touchant Vhonneur qu'ilz baiilent aux tyranni-
cides . . ." (S. 396). Eine solche Auffassung von der Friedfertig-
keit der christlichen Religion mußte L'Hospital in einen eigen-
tümlichen Widerspruch verwickeln: er sucht den Einfluß der
Religion auf die Politik abzuschwächen durch die Betonung der
Forderung des leidenden Gehorsams, muß aber dabei doch den
Gegensatz der Glaubensmeinungen als den die politische Gestal-
tung der Dinge eigentlich treibenden und regulierenden Faktor
anerkennen. Mit großer Wärme legt er seine Abscheu dar vor
den verderblichen Folgen der Glaubensspaltung, welche die
Familie und den Staat zerreißt und die Untertanen mit rebellischer
Gesinnung gegen ihren Herrscher erfüllt. ,^C'est follie d'esperer
paix, repos et amytie entre les personnes qui sont de diverses religions.
Et n'y a opinion^ qui taut perfonde dedans le cceur des hommes,
gue l'opinion de religion, ny tant les separe les uns des aultres"
(S. 396). ,,iVo«s V experimentons aujourd'huy^ et veoyons que
deux FranQois et Anglois qui sont d'une mesme religion^ ont plus
d'amytie entre eulx que deux citoyens d'une mesme ville, subjects
ä un mesme seigneur, qui seroient de diverses religions. Tellement
que la conjonction de rcligion passe celle qui est ä cause du pays;
par contraire, la division de religion est plus gründe et lointaine
que nulle aultre. C'est ce qui separe le pere du fils^ le frere du frere,
le mary de la femme . . . C'est ce qui eslongne le subject de porter
obeyssance ä son roy^ et qui engendre les rebellions" (S. 397). ,,La
division des langues ne faict la Separation des royaumes^ mais
celle de la religion et des loyx, qui d'ung royaume en faict deux"
(S. 398). Weitblickende und hohe Theorien zu entwickeln und
diese in Forderungen umzusetzen wäre nocli verfrüht gewesen.
Zu fordern war überhaupt nicht seine Art. Was er erstrebte,
war die Wirkung auf die Gemüter. Er suchte durch Warnungen
zu wirken, durch den Hinweis auf die schlimmen Folgen der
Zwietracht, wie sie einst der Kampf der Weifen und Ghibellinen
zum Schaden des Landes und zum Verderben beider Parteien
entfesselt. Er gibt sich noch dem Glauben hin, daß ein Konzil,
daß eine Reformation der Kirche helfen könne. Er sucht zu
wirken, indem er zur Eintracht mahnt, indem er an die Gehorsams-
pflicht der Untertanen, an die Mitarbeit der Stände appelliert.
Er mahnt zum Zusammenhalt unter dem König, auf dessen
bedrängte Lage er hinweist. Der Augenblick, die Forderung
der Glaubensfreiheit für die Bekenner der neuen Lehre zu er-
heben, war noch nicht gekommen.
Die Idee der Toleranz ist in L'Hospital erst allmählich
gereift. Was ihn zu dieser Idee führte, war das sich ihm unter
192 Karl Glaser.
dem Einfluß der Zeitvcrhültnisse mit immer größerer Notwendig-
keit aufdrängende Bewußtsein, daß die religiöse Streitfrage
mit Rücksicht auf die von ihr lierbeigeführten politischen Ver-
wicklungen einer Lösung harre und daß eine solche nur auf güt-
lichem Wege und in friedlichem Sinn erfolgen könne. Unter
diesem Gesichtswinkel ist die religiöse Streitfrage der stete
Gegenstand seiner Betrachtungen und Reflexionen geworden.
Hier ist der Punkt, wo seine Theorie der Toleranz einsetzt. Schon
vor dem Pariser Parlament hatte er (im Jahre 1561) seine Be-
fürchtung vor der Gefahr ausgesprochen, welche die Einführung
der neuen Religion, die Zähigkeit, mit welcher sie Eingang ge-
funden, bedeutet.^] In einer denkwürdigen Rede, welche er
am 26. August 1561 vor den Reichstständen in Saint-Germain-en
Laye gehalten hat, kommt er mit größerer Ausführlichkeit
auf den rehgiösen Zwiespalt zurück.^**) Schon hier faßt er die
RcHgionsspaltung in ihrer politischen Tragweite auf^^)
und wirft die durch die Zeitumstände nahegelegte Frage auf,
ob sich der König auf die Seite der einen oder anderen Partei
stellen dürfe. Er antwortet in negativem Sinn: der Herrscher
muß den Streitigkeiten in seinem Lande fernbleiben, er darf
nicht selbst Partei werden. Selbst der Sieg, welchen er mit
Hülfe einer der beiden Parteien erfechten würde, müsse doch
stets ein bedauerUcher Sieg sein. Die Lösung der religiösen
Streitfrage bleibt auf einem anderen Wege zu finden. Und
diesen Weg beschreitet L'Hospital hier zum erstenmal, indem
er sich der politischen Seite der Religionsfrage zuwendet und
zeigt, wie die durch den Aufruhr großgezogene Verachtung von
Gesetz und Ordnung den Umsturz des Staates herbeiführen muß.
Auch die Rede, welche L'Hospital kurz darauf zu Poissy
gehalten hat,^-) beschäftigt sich wieder mit der Toleranzfrage.
Die nun einmal von politischen Rücksichten untrennbare Frage
der Duldung des kalvinistischen Glaubens N\ird gleich von vorn-
herein wieder in ihrer politischen Eigenheit gestreift: ,,La question
de la religion est de teile importance, qu'il est hesoing qu'on y procede
avec la plus meure deliberation qiie faire se pourra, sans qu'on
soyt transporte d'aultre affection particuliere : ains conduict
seulement d'ung sainct desir d'ycelle decider au salut des hommes
et de la tranquülite publicque". Zum ersten Male geht L'Hospital
hier mit AusführHchkeit in seinen weiteren Ausführungen auf
die religiöse Seite der Toleranzfrage ein und legt dar, daß man
gerade in religiösen Dingen mit Schonung verfahren müsse.
Zwang könne in Gewissensfragen nur schaden: ,,/a conscience
9) I. S. 419 ff.
'") L S. 441 ff.
^^) Er will ausdrücklich behandeln: ,,seulement ce qui appartient
la police, pour contenir le peuple en repoz et tranquülite"' (S. 449).
12) I. S. 469 ff.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 193
est de teile nature qu'elle ne peult estre forcee^ mais doibt estre en-
seignee, et n'estre point domptee ny violee, mais persuadee par
vrayes et süffisantes raisons; et mesme la foy seule estre contraincte,
eile nest plus la foy'' (S. 471). Dem Glaubenseifer, mit welchem
die Märtyrer der neuen Religion in den Tod gegangen sind, zollt
er seine höchste Bewunderung. Die Überzeugungstreue, mit
der die Kalvinisten an ihrer Religion hängen, bringt ihn zur
Einsicht ,,qu'il appert clairement par cela que telles genz sont resoleus
et persuadez qu'ilz tiennent une bonne doctrine, et ne sont comme
plusieurs seditieux qui ont mauvaise conscience" (S. 473). Er
ahnt die Gefahr, welche die Vergewaltigung der Gewissen be-
deutet und richtet an den König die Aufforderung, mit Milde
zu verfahren. „Pour lesquelles choses il appert que s'il piaist
ä la majeste du roy d'avoir soing de la conscience et salut de ses
subjectz, comme il est tres-raisonnable, il doibt user de moyen doulx,
paisible et propre; ä quoy il fault adjouster la consideration du
Service du roy et repoz de son peuple" (S. 473. 474). Die Beharrlich-
keit, mit welcher die Kalvinisten an ihrem Glauben hängen,
bildet in seinen Augen einen Grund mehr dafür, ein bewaffnetes
Einschreiten gegen sie zu unterlassen. Ihre Festigkeit und vor-
treffUche Organisation macht eine Bekämpfung nicht gut möglich,
zumal zur Zeit der Minderjährigkeit des Königs. Sie werden
doch an ihrem Glauben festhalten und ihre Versammlungen
nicht einstellen, denn diese gehören nach ihrer Meinung zur
Religion, und daran lassen sie sich nicht rühren. Ihre Versamm-
lungen tragen keinen aufrührerischen Charakter, im Gegenteil
hier beten sie zu Gott für den König. Die Eingriffe der welt-
lichen Macht allein nützen nichts; Gott muß das Seinige dazu
tun: ,,ne fault persuader que les menaces seules puissent bien ployer
las coeurs des subjectz ä Vobeyssance de leur prince, s'il ne s'entend
en eulx que Dieu les auroit ä ce obligez: et par ce moyen rendront
tousjours ä leur prince une obeyssance d'aultant plus durable qu'elle
sera prompte et volontaire" (S. 477). Und so ergibt sich ihm
auch aus diesen die religiöse Seite betreffenden und doch stets
die politische Tragweite berücksichtigenden Erwägungen die
Folgerung, daß es nur der Anwendung weiser Milde gelingen
kann, die Hugenotten im Gehorsam gegen den König zu eriialten:
,^La conclusion donc est que despuis qu'il semble pour le mieulx qu'on y
doibt proceder doulcement, et niettre fin aux poursuytes accoustumees^
tant pour le repoz de la conscience des subjects du roy que pour
le bien de son Service : il est besoing en attendre plus ample resolution
par bon concile, ne se formalisant contre les evangeliJes, et avoir
seulement Vceil qu'il n'y ait aulcune sedition, et empescher les esmeutes
du peuple, seule cause des seditions, et par ce moyen entretenir
les subjects du roy en paix et en son obeyssance" (S. 478).
Den Gedanken, daß die Forderung religiöser Toleranz ein
Gebot politischer Klugheit, zugleich aber auch eine Forderung
194 A'i^^ (Haser.
der Billigkeit und des Gewissens ist, hat L'Hospital nocli einmal
in einer seiner bedeutendsten Schriften, dem ,,But de la guerre
el de la paix, ou discoiirs du chancelier L'IIospilal poiir exhorler
Charles IX d donner la paix u ses subjecls" (1570. 11. S. 175 ff.)
ausgesprochen. Die Sclirift hat er nach seiner Abdankung
zwisciicn den Jahren 1568 und 1570 verfaßt.^^) Er folgt hier
einem ähnlichen Gedankengang wie in seiner Rede zu Poissy.
Er beginnt: ,,Le bat de la guerre c'est la paix, laguelle s'acquierl
ou par cornposition, ou par pleine el entiere victoire" . Aber der
Sieg ist, auch mit überlegenen Kräften, wie sie der König hat,
zw'eifelliaft; er ist eine Gabe Gottes. Oft bedient sich der Himmel
böser Menschen als Werkzeuge, so jetzt der Protestanten: ,,i7 y
a doncques apparence que ces genz icy, quelque meschantz que
nous les estimions, soyent fleaux de sa <>engeance, et, de faict, nous
veoyons que toutes choses jusques icy ont succede fort ä propoz
contre esperance et discours des hornmes . . ." (S. 176). L'Hospital
zollt dem Eifer, mit welchem die Hugenotten für ihre Sache
eintreten, seine Bewunderung. Dagegen bedauert er, daß im
Lager des Königs alles drunter und drüber geht (S. 178); er
entsetzt sich auch über die Hereinziehung fremder Kriegsvölker
nach Frankreich. Der Sieg über die Hugenotten wird nicht
viel helfen: sie wählen eher den Tod, wie sie das bisher schon
so oft getan haben, als die Knechtung ihres Gewissens {„la servi-
tude de leur conscience" S. 182). Nur durch Gewissensfreiheit
kann die Ruhe im Lande gewährleistet werden. Der Krieg,
der bisher getobt und alles verwirrt hat, ist nur ein Vorspiel ver-
hängnisvollerer Kriege, die noch kommen werden. Das Schlimmste
bei allen diesen Kriegen ist die Gefahr, daß die königliche
Autorität erschüttert und vernichtet wird: „C'est le mespriz
et contemnement de Vauthorite du roy, des loyx et de la justice,
dont an commenQoit ä gouster la doulceur . . .'' (S. 188). Natürhch
wird dadurch auch Frankreichs Ansehen nach Außen leiden.
Überall, in dem Verhalten des Volks, der Großen im Staat wie
des gewöhnUchen Bürgers, gibt sich der Mangel an Autorität
in erschreckender Weise kund; alle tun, als ob der König nicht
mehr existierte. Als Ergebnis dieser Erörterungen drängt sich
L*Hospital auch hier mit zwingender Notwendigkeit die Frage
auf, wie dem Staate zu helfen sei. Daß mit Gewalt nichts zu
wollen ist, ist ihm von vornherein klar. Ein von ihm vielfach
gebrauchtes Bild aufgreifend, sagt er: „Vray est qu'il fault retran-
cher le membre pourry, mais c'est quand il n'y a plus esperance
de guerison; car tant qu'il y a tant soil peu de lumiere d'amen-
dement, le medecin seroit meurtrier et bourreau, s'il le coupoit.
II faut donc en user de mesme aujourd'huy, et avant que de prononcer
une sentence de tel poinct, ou il s'agit de la vie non d'ung, ny de
^3) Vgl. Notice preliminaire S. 171 ff.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 195
Cent, ny de mille, mais de plusieurs milliers et millions de personnes,
tous suhjects d'ung mesme roy, et des enfans de la maison, encore
qu'ilz soient desbauchez, s'enquerir diligemment et regarder si le
mal est incurahle pour user des remedes selon le besoing. Aultrement
ce seroit comme qui enterreroit son enfant vij malade sans essayer
les moyens de le guerir". (S. 192. 193). Den Hugenotten gesteht
er — zu optimistisch allerdings, wie die Folgezeit lehren
sollte — unbedingte Königstreue zu. Wenn sie sich trotzdem
dem König widersetzen und ihm ihre Forderungen aufdrängen
wollen, so kommt das daher, daß sie ganz von ihren Leiden-
schaften beherrscht sind. Sie glauben recht zu handeln, aber
ihre Leidenschaft macht sie wie verrückt: ,Jls sont donc malades
de l'esprit? Ouy, certainemeni" (S. 194), und gerade deshalb
müssen sie geheilt, aber nicht verfolgt und bekriegt werden.
„Ainsy le nom du roy. plein d'amour et charite paternelle, ne peull
souffrir wie si sanglante et felonne ohstination d'exterminer une
si gründe partie de ses suhjects, s'il y a moyen de les r amener ä
leur dehvoir et les reconcilier ensemble, puisquen cela gist le salut
de la republicque" (S. 197). . . . „Le moyen que j'y trouve, c'est
de faire cesser au plustost les injures et violences reciproques, leur
faire poser ä tous les armes, et, par une loy benigne, rappeler les
desvoyes d l'obeyssance de leur prince, donnant fin ä ceste sang-
lante et brutale guerre" (S. 197. 198). Das einzig wirklich wirk-
same Heilmittel kann nur die Gewährung der Gewissensfreiheit
sein. ,,Quoy il (d. h. der König) leur dornte? II leur dontie une
liberte de conscience, ou plustost il leur laisse leur conscience en
liberte" (S. 199). „Si le roy leur ostoit la liberte qu'ilz luy demandent,
Hz seroient ses esclaves, et non pas ses subjects: aar la principaulte
est sur les hommes libres; donc, en leur accordant ceste liberte, il
se constitue vrayement leur prince et protecteur, et eulx se declarent
ses subjects, obligez ä mainienir son cstat" (S. 199). L^nd nun
beginnt er in schwungvollen Worten die moralische und faktische
Notwendigkeit religiöser Toleranz darzulegen und den Anteil
des Königtums an der Lösung dieser Aufgabe, der edelsten und
schwersten der Zeit, zu bezeichnen. „C'est ce qui conserve ä nostre
roy le nom et titre de hon prince, quand il maintiendra les ungs
et les aultres dans l'obeyssance de ses edicts et de la foy publicque.
L'observation de laquelle est l'appuy et soutennement de son estat. . ."
(S. 201). „Rien n'est plus honorable et magnifique ä ung Roy que
de donner la loy ä ses subjects sans diminution de ses debvoirs;
rien n'est plus louable d ung saige prince qui cognoist que les fureurs
et dissensions civiles sont la nwrt des grands estals, d'y appliqner,
par sa prudence, le remdde convenable, et si dextrement manier
les esprits qu'il guerisse leurs playes, et saulve de ruyne, par ce
moyen, ses subjects et sa seigneurie" (S. 202). Eine solche kluge
Politik hat ungleich mehr Erfolg als joghclier Sieg: „ainsy ä
bon droict sera le tiltre de tres grand donne ä nostre roy, s'il pacifie
|<)() Ah/7 (ilaser.
son peuple" (S. 205). ,,Finissant donc cesle triste et cruelle guerre,
reliiyra iine ires joyeuse et tris aimable paix, qa'd bon droicl j'appelle-
rai/ luie precieuse et sacree conqueste, laquelle rendra sa majeste
redoutable ä tonte l'Europe, qiii a sceu la grandeur des deux paissances
qiie le roij remellra soiis sa mairi'' (S. 206). Wenn man seit 1562
nach den Grundsätzen der Toleranz und Milde verfahren wäre,
so stände jetzt manches anders im Lande. Jetzt ist durch Ver-
liandlungon und Kriege das Mißtrauen dermaßen gewachsen,
daß kaum noch eine Einigung zu erlioffen ist. ,,Toutesfois, devant
qiie condamner leurs entreprinses, mettons, je vous prie, la maiii
en nos consciences: y a-il donc esprit si bening et si repose qui
n'en just, ä la jin, ejjaroiiche ?" (S. 208). So rät L'Hospital immer
von neuem zum Frieden, ,, . . .la paix, dont la doiilceur et le desir
ordonne commencement aux roys et aux loyx, et a jaict cognoistre
au plus jort le plus joible, et assubjectir volontairement les ungz
aux aultres" (S. 212). In seine Ausführungen spielt auch hier
die Sclieidung des Königs vom Tyrannen hinein. ,,Le prince
qui abhorre la paix, et qui se paist du sang principalement de ses
subjectz qui sont ses membres, perd d bon droict ce nom tant beau, et
pour l'aultre, tant abominable, qui est de tyran, c'est-ä-dire, d'ung
ennemy du genre humain et de la nature. L'afjection du prince
a este de tous temps comparee d la paternelle: le pere crutl envers
ses enjans est ung monstre denature et execrable, s'ejjorgant de
despiter le i>ray et commun pere des hommes et de la nature. Arriere
donc ces pestes qui, d'ung cceur jelon et sanguinaire, pour assouvir
leur vengeance particuliere, taschent de corrompre ce que Dien detourne
d la na'ijve et naturelle bonte, clemence et benignite de nostre prince,
de la royne sa mere, de messeigneurs ses enjans, qui les veulent
jaire degenerer de l'ancienne, tant celebre et plus chrestienne qu'hu-
maine debonnairete de leurs majeurs roys de France envers leurs
subjectz, qui est le seul bien qui a si long-temps entreteneu ceste
seule couronne, reconneue et servye d'ung cceur jranc en jidelite
jrangaise, et non par tyrannie, ejjusion de sang, cruaultes . . .^^)
„Pour y obvier, n'y a aultre moyen, sinon que le roy use de clemence
envers son peuple, ajin qu'il eprouve celle de Dieu . . ."■^^)
So verquickt sich für 1/Hospital die Toleranzfrage mit der
Frage nach der rechthchen Stellung des Königtums. Ohne den
König war die ersehnte Beseitigung der Rehgionsspaltung nicht
gut zu erhoffen. Das Maß seiner Teilnahme bei der Lösung einer
so schwierigen Aufgabe, wie es die Beseitigung des Rehgions-
gegensatzes und des damit zusammenhängenden politischen
Parteigegensatzes bildete, hing nicht bloß von der Größe der
ihm gerade (vorübergehend) zur Verfügung stehenden Macht,
sondern zugleich von der Fülle der ihm (theoretisch) kraft seines
") S. 213. 214.
15) S. 214.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 197
königlichen Amtes zukommenden Befugnisse ab. Eine Ab-
grenzung der Rechte des Herrschers und seiner Pflichten gegen
sein Volk war darum auch in dem Zusammenhang der L'Hospital-
schen Gedanken notwendig, ebenso notwendig, wie eine Klar-
stellung der Rechte und Pflichten der Untertanen gegenüber
dem König. L'Hospitals Ansichten in diesen beiden Punkten
laufen auf die zwei Gedanken hinaus: daß die Könige von Gott
zur Herrschaft über die ihnen anvertrauten Völker eingesetzt
sind und für die meisten ihrer Gedanken der göttlichen Vorsehung
Dank schulden^^) — daß die Untertanen ihrerseits dem Herrscher
zu Gehorsam verpflichtet sind.^'*)
In diesen Rahmen reihen sich alle weiteren Ideen ein.
Der König steht über dem Gesetz ;^^) er schuldet nur Gott Rechen-
schaft für seine Amtsführung: ^fi'est bien au roy ä le s^acoir,
puisqu'il fault qu'il en reponde devant Dieu" (II. S. 75). Bei
Ausübung seines Herrscherberufs stehen dem Könige zwei Mittel
zur Verfügung: Gewalt und Gerechtigkeit. Beide werden scharf
getrennt: die Gerechtigkeit (justice) muß gegen die Untertanen
zur Anwendung kommen, die Gewalt dagegen darf nur gegen
die auswärtigen Feinde oder gegen rebellische Untertanen —
im letzteren Fall aber auch nur nicht ohne große Not — gebraucht
werden. ,,Les deux principaulx poincts qui contiennent ung
royaulme sont les armes et la justice: l'ung regarde le dehors et la
^^) Am 9. September 1561 sagt er in Gegenwart des Königs und
kathohscher und protestantischer GeistUcher: ,,Les roys sont commiz
de Dieu pour gouverner son peuple, et la pluspart de leurs intentions
sont regies par sa providence. Est ä croire que sa bonte alt mue les
mceurs de nos princes pour remesdier au mal pullulant par ce royaulme.
En pourvoyant ä cecy, il ne faut imiter le medecin, lequel, . . ." (I. S. 485).
Die Abhängigkeit der Fürsten von Gott rückte L' Hospital auch in seiner
am 17. August 1563 vor dem Parlament von Ronen gehaltenen An-
sprache (II. S. 53 ff.) näher ins Licht; er sagt dort u. a.r ,,Grace ne
se pouvoit reprendre par jorces humaines, et que le conseil, Ventreprinse,
la prinse et execution sont de Dieu; seulement luy roy est ministre" (S. 55).
^') So ruft er z. B. dem Parlament gelegentlich der Eröffnung
seiner Sitzungen am 12. November 1561 die Pflicht des Gehorsams
gegen den König ins Gedächtnis: ,,Nostre roy, jeune, ne peult Com-
mander, et on ne veult obeyr; ä V empeschement du roy, n^y a faulte
syenne: le suhject qui n'obeyt, a le tort, et du double si la desobeyssance
vient par mespryz du roy ou de son aage, auquel qui bien regardera debvra
aveoir plus de pitie pour servir ä la conservation de Vestat, que d'user
d'aulcune rebellion ou desobeyssance"' (S. 9. 10). Bei dem Verhältnis
der Untertanen zum König darf die Hoffnung auf äußeren Gewinn
nicht maßgebend sein: ,,... ils monstrent qu'ilz ont ser^'y pour leur
profict, et leur semble que le Service faict ä ung enfant est perdeu; ne
veulent faire service que les rescompenses ne soient prestes, ressemblent
aux moHsches, qui ne bougent de nos cuisines tant y a graisse ou sucre;
alors quHl n'y en a plus, se retirent sans scn^ir pour rhonneur et debvoir
au roy et bien de la patrie, non pour esperance du gain'' (S. 11).
^^) I. S. 392: ,,. . . par vraye obcyssance, qui est de garder ses vrays
et perpetuels comniandemens, c'esl-ä-dire ses loyx, edicts et ordonnances,
ausquelz tous doibvent obeyr, et y sont subjects, excepte le roy seul.^'
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIXT- 14
198 Kurt Glaser.
conservation de Veslal conire les voisinz et ennemis; l'autre le dedans,
(jiii concerne le suhject et son prochain en paix; c'est la justice,
et Vung ne peult sans l'aultre. II n'est plus dangereuse ny plus
cruelle chose au monde que les armes, sans justice, ou VinjustUe
armie: experience des choses veues depuis ung an en fä; aussy
la justice qui est sans armes ne peult du tont faire ce qu'il appartient.
Si chascung estoit juste, l'ung feroit justice ä l'aultre; mais cela
n'est poinct: et par ce, Dieu a ordonni sa puissance aux roys.
lesquelz s'aydent des armes contre leurs subjectz desobeyssans, comme
contre les estrangers et malveillans" (II. S. 27). ,, • . . le propre
estat et office d'ung roy est de faire la justice ä ses suhjects, et de
ne venir jamais aux armes sans grand besoing" (S. 29). Vor dem
Gesetz hat L'Hospital die größte Achtung. Es muß über den
Richtern stehen: ,,il fault que la loy soit sur les judges, non pas
les judges sur la loy" (II. S. 108). Dem Parlament von Rouen
ruft er die Worte zu: „Messieurs, messieurs, faictes que V ordon-
nance soit par-dessus vous. Vous dictes estre souverains'. V ordon-
nance est le commandement du roy, et vous n'estes pas par-dessus
le roy. II n'y a nuls , soit princes ou aultres, qui ne soient teneus
garder les ordonnances du roy" (II. S. 68). Er verlangt Gehorsam
gegen den König, aucli für den Fall, daß der König im Unrecht
zu sein scheine: „Si vous trouvez, en praiiquant V ordonnance,
qu'elle soit dure, difficile, mal propre et incommode pour It pays
ou vous estes juges, vous la debvez pourtant garder, jusqu'ä ce que
le prince la corrige, n'ayant pouvoir de la muer, changer, ou cor-
rompre, mais seulement user de remonstrance" (S. 68). „Si les
roys commandent quelque chose qui semble injuste, il y fault user
de modestie, et prudence de conseil; non pas s'opposer d leurs volon-
tez . . . Ainsy doibt on faire: non s'opposer droictement aux volontez
et commandemens des roys, lesquelz sont jaloux de leur puissance,
sans vouloir estre vaincuz. Mais doibt on user de remonstrances
humbles et doulces dans ces caz, ils sont teneus ä les oiiir et rece-
bvoir . . ." (II. S. 87, 88).
Die reUgiöse Duldung stellt sich für L'Hospital als Forderung
des höchsten und idealsten Begriffes, zu dessen Verwdrklichung
der Staat dient, dar: als Forderung der justice. Hier liegt L'Hos-
pitals theoretische Stärke, hier entfaltet sich die ganze Kraft
seines Geistes, die ganze Fülle seiner Gedanken. Er sucht die
justice ihrem Wesen und Wert nach zu bestimmen und die Mittel
und Wege zu ihrer VerwirkHchung im staatlichen Leben darzu-
tun. Das ist der Zweck seines Inhalts- und gedankenreichen
„Traite de la reformation de la justice". Der Traktat ist von dem
Herausgeber der Werke L'Hospitals, Dufey, aufgefunden und
zum erstenmale in zwei Bänden (1825 und 1826) veröffentlicht
worden. An Beispielen, die L'Hospital hier — wie sonst — vor-
nehmhch der römischen Geschichte entnimmt, legt er dar, daß
alle staatlichen Ordnungen sich auf dem festen Boden der justice
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 199
aufbauen. Die Herrschaft der injustice bedeutet den Ruin eines
Landes. Die vornehmste Aufgabe eines Herrschers besteht
darin, dafür zu sorgen, daß die justice als Stütze und Grundlage
aller staatlichen Ordnung erhalten bleibt. Wenn der Fürst diese
Aufgabe nicht erfüllt, wird er zum Henker seines Volks, zum
Feind des Menschengeschlechts.^^) L'Hospital erwartet die
Reform der Zustände in Frankreich von der Mitarbeit aller
patriotisch gesinnten Franzosen, ,,tout komme de bien et bon
FrariQois doibt contribuer ä ce travail selon sa portee, merite et
capacite, ou selon le zele, courage et vertu qu'il a pleu ä Dieu luy
inspirer" (S. 10). Mit dieser Erwägung rechtfertigt er den Ent-
schluß zu seiner Schrift. Auf Grund seiner reichen, fast 30 Jahre
umfassenden Erfahrung will er seine Ansichten darlegen und die
Mittel und Wege zur Heilung der bestehenden und tief einge-
wurzelten Schäden im Lande aufzeigen. Er geht dabei Schritt
für Schritt zu Werk. Zunächst sucht er den Zusammenbruch
so vieler Staats\vesen auf psychologischem Wege aus der mensch-
lichen Natur heraus zu erklären. Den Erklärungsgrund findet
er in dem dem Menschen innewohnenden Gelüste, sich gegen die
Vernunft (raison) aufzubäumen: „sinon que la craye economic
de ce petit monde qui est l'homme, recueil et abrege de l'univers,
dont la structure est si admirable, est troublee, gastee et renversee
miserablement, et que les subjects, qui sont les passions, les cupiditez
et afflictions sensuelles., veulent donner la loy et Commander ä la
raison, qui neantmoins est leur royne, dame et princesse soubveraine.
ä laquelle naturellement appartient l'authorite, le pouvoir et l'office
de Commander et d'estre obeye" (S. 15). Nur die Herrschaft der
auf Vernunft gegründeten Gesetze verbürgt Ruhe und Ordnung.
Als weitere Bedingung fügt L'Hospital eine Forderung hinzu, die,
so selbstverständlich sie auch klingen mag, doch recht wohl ihre
Berechtigung hat in einer Zeit, in welcher das Königtum an
Ansehen und moralischem Halt viel eingebüßt hatte — die
Forderung, daß der Fürst seine Pflicht recht erfüllen muß. Als Ob-
liegenlieiten seines Amts rückt L'Hospital den Fürsten vor Augen
„conserver les villes en union, les gouverner par une doulce police,
et surtout les conduire par clemence et misericorde, qui est la vraye
liaison du bon prince avec ses subjects, et dont s'engendre ung amour
qui vault trop mieulx que tous les thresors qu'on luy s(;auroit amasser,
forts et citadelles quon luy pourroit jamais bastir"' (S. 37). ,,En
somme, il fault tenir pour la plus certaine maxime d'estat, et ne
me lasseray point de le repeter souvent, que le principal office des
roys et princes soubverains, est de judger et faire justice" (S. 38),
Mit dem Hinweis auf die beglückende Wirkung der justice
und der verderblichen Folgen der iujustice wirtl auch der 2. Teil
des Traktates eröffnet (S. 53 ff.). Zur Bekräftigung des immer
^'•') „c'est ung bourreau, c'est ung enneniy du genre huinain." S. S.
14*
2(J0 Kurt ('daser.
und immer wiederholten Grundgedankens, daß allein die justice
dem Staatswesen Dauer und Bestand verleiht, wird hier noch
darauf hingewiesen, daß selbst Tyrannen und Usurpatoren
nicht der in der justice liegenden staatserhaltenden Kraft ent-
raten können: sie suchen vielmehr ihre Herrschaft wenigstens
mit dem Schein des Rechts zu umkleiden (S. 59). Nachdem so
noch einmal die Bedeutung der justice für den Staat festgestellt
worden ist, wird zu mehr theoretischen Erörterungen über das
Wesen der Gesetze übergegangen. Welches ist das wahre Gesetz ?
Jedes Volk, jeder Fürst gibt Gesetze nach den besonderen Be-
dürfnissen des Landes, dabei müssen aber alle Gesetze, wenn sie
wirklich gut sein wollen, der einen Bedingung genügen, ^,que
la raison soil tousjours l'ame de la loy; aultrement eile ne pourroit
pas estre de duree, non plus que le corps humain ne peult subsister
sans l'assistance de l'ame qui le vivifie" (S. 61). Die wahre Ge-
rechtigkeit trägt zW'Ci untrügliche Kennzeichen an sich: die piete
und die equite. Beide werden charakterisiert. Die piete wird
kurz abgetan: ,,La piete consiste en la cognoissance de Dieu. en
V Observation de ses commandemens et de sa divine loy" (S. 63).
Ausführlicher verbreitet sich L'Hospital auch hier wieder über den
Begriff der Gerechtigkeit, welchen er in den Mittelpunkt seiner
Ausführungen rückt; er stellt auch jetzt wieder die justice der
injuotice gegenüber und entwirft von der letzteren das Bild
absclireckendster Scheußlichkeit: ,,...c'est une fille volaige,
impudicque, mensongere, bigarree de toutes couleurs, et merveil-
leusement ejjrontee, sortie des enfers pour tourmenter et opprimer
les innocents en ce monde, porter et javoriser les meschans, les combler
pour ung temps des richesses acquises par rapines..." (S. 68)
,,Le5 compaignes et suites ordinaires de la justice sont la verite,
la raison^ l'equite, la franchise, la fidelite, les quatre vertus cardinales
. . .L'escorte, garde et satellites de Vinjusiice sont le mensonge,
l'hypocrisie, le parjure, la trahison, la flatterie, l'impudence, la
violence, l'iniquite, la rebellion et desobeyssance aux magistrats,
la guerre, la peste et le desespoir, les assassinats, la vengeance et
pauvrete, la sequelle de tous les vices du monde, et finablement la
ruyne publique" (S. 70). Die injustice ist die Ausgeburt der Selbst-
sucht und weckt auch wieder solche; die justice dagegen übt
und pflegt die Entsagung.
Des weiteren wird die Bedeutung der justice für die Erhaltung
eines Staates veranschauUcht durch die Erörterung der in der
staatsphilosophischen Literatur jener Tage vielfach wieder-
kehrenden Frage, ob ein Staatswesen seine Größe und seine Dauer
allein der Gewalt {force) zu verdanken hat. L'Hospital lehnt
die Ansicht, daß die Gewalt die Grundlage der Macht eines Staates
bildet, entschieden ab. ,^Pour moy, je dis que tels discoureurs,
qui soubtiennent ceste maxime, sont sophistes ou flatteurs, courtisans
ou des ignorans, si ce n'est qu'ilz veulent en leur jargon establir
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 20 1
des principaultes tyrannicques, et non pas des monarchies royales
et legitimes'' (S. 77). „Les estats cruels ont heaucoup de terreur,
mais fort peu de vie . . . Le hon prince ceult bien estre crainct, mais
comme le pere de ses enfans; c'est-d-dire, crainct et ayme tout
ensemhle. Pour parvenir ä ce poinct, je luy veulx enseigner ung
chemin bien court] c'est de faire justice" (S. 78). Im Zustand
der injustice ist der Schwache die Beute des Starken. Gewalt
darf man aber nicht anwenden. „II ne fault donc poinct faire
estat de la force^ sinon de celle qui est la servante de la raison, qui
luy obeyt en ses com.mandemens, qui se rend executrice et tient la
main forte aux mandemens et ordonnances de justice" (S. 81).
Das Elend der Zeit kann nur gehoben w^erden, wenn die Fürsten
die Herzen ihres Volkes zu gewinnen wissen und wenn andererseits
die Untertanen selbst unter sich in Frieden zu leben trachten.
Als erste Bedingung dazu ist die Einkehr in das eigene Herz
erforderlich: „Cherchons donc premierement cest accord, ceste
consonnance et ceste harmonie en nous mesmes, puisqu'elle est
cause d'ung si grand bien et tranquillite en la conscience, et qu'elle
nous nuit et conjoinct avec Dleu, en quoy consiste le soubverain
bien de Vhomme\ et puis, si nous avons quelque pouvoir, employons
le tout ä faict pour faire que ceste niesme harmonie se trouve au
Corps de la cite, de la respublicque ou de l'estat, afin que chascung
venant en repos, content du sien, et n'entreprenant rien sur son
prochain que pour luy bien faire, Dieu soit servy sehn sa volonte
et purete de sa parolle''' (S. 111. 112).
Über solche allgemein gehaltene Erörterungen kommt
auch das 3. Kapitel (S. 115 ff.) nicht hinaus. Die Bedeutung
der justice für das Staatsleben wird im Eingang in der Form
einer Vergleichung veranschaulicht: „Tout ainsy que l'oeil est
le guide, le conservateur et gardien de tous les corps, et cy dessus nous
Vavons compare ä l'ame\ aussy l'oeil du corps politique, c'est la
justice, laquelle est administree par les roys et princes soubverains,
comme aussy par leurs lieutenans, gouverneurs, officiers et ma^i-
strats, qui n'ont ou ne doibvent rien avoir en plus gründe recomman-
dation, que de garder les peuples que Dieu leur a commiz, les preserver
de toute oppression, injustice ou violence, faire vivre soubs la dic-
cipline de leurs equitnbles loyx et ordonnances, et soubs l'heureuse
protection de la justice" (S. 115). In dem Ton liöchster Lob-
preisung feiert L' Hospital die justice als eine den Fürsten anver-
traute Himmelsgabe und erläutert dann diesen Gedanken des
Langen und Breiton an dem Beispiel der biblischen Fürsten. Seine
Erörterungen bieten wenig neues; Beachtung verdient vielleicht
nur der eine Satz, in welchem L'Hospital das Verhältnis des
Herrschers zu Gott einer -, und zu den ihnen anvertrauten \'ölkern
andererseits formuHert: „je dis qu'ilne tient jamais qu' aux princes
souhverains qu'ilz ne soient riches, puissans, aimez et obeys de leurs
subjects, et pour le comble de toutes felicites agreables d Dieu le
202 J<url Glaser.
createur, ä SQavoir, en praticquant eulx mesmes Lous les premiers,
et puis faisant fort aisement ä leur exemplc praticquer par leurs
subjecls ces deux verlas, pike et justice, c'est ä dire rendre d Dieu
ce qui est ä Dieu, et aux hommes ce qui leur appartient, en commen-
{^ant aux plus grands, et de degre en degre descendant jusqu'aux
plus petits, qui sont, ä vray dire, les liens de la societe publicque.
Quand le monarque faict le debvoir de bon prince en commandant
en equite et justice, et les subjects obeyssant avec humilite et en
toute fidelite, et iceux rompeus, il faut, par necessite, que toui aille
pesie mesle, en desordre, ruyne et conjusion universelle" (S. 130.
131). Die Heilige Schrift spielt in dem Zusammenhang dieser
Ausführungen eine wichtige Rolle. ^^) Ihr entlehnt er auch
die moralischen Maßstäbe seiner Beurteilung. In den Gescheh-
nissen der Welt gewalirt er ein stetes Eingreifen Gottes (S. 137).
Wenn die injustice und perfidie in ein Land eindringen, so ist
das ein sicheres Vorzeichen nahen Untergangs; dafür werden
wieder die üblichen Beispiele angehäuft (S. 137 ff.), sogar die
Sintflut muß als Beleg und Beweis herhalten (S. 138). Etwas
leicht Moralisierendes klingt durch alle diese in weitläufiger
eite gehaltenen Betrachtungen von dem Verfall von Staats-
wesen und dem ständigen Wechsel von Glück und Unglück in
dem Leben der Völker und Fürsten.^^) Von aktueller Bedeutung
werden die Betrachtungen L'Hospitals erst durch die Erörterung
der Frage des Gehorsams der Untertanen gegenüber der Obrig-
keit. Die Lehre Calvins von dem Widerstandsrecht der Unter-
tanen gegen eine das rehgiöse Gewissen vergewaltigende Obrigkeit
überträgt L'Hospital auf das politische Gebiet. Er fordert von
den Untertanen wilhgen Gehorsam gegen Obrigkeit und Gesetz,
mit Ausnahme des einzigen Falles, daß das Gebot des Herrschers
gegen Recht und Vernunft verstößt: ,,// n'y a rien non seulement
plus juste, mais plus necessaire, principallement en l'estat monar-
chique, que d'obeyr aux commandemens et volonte du prince soub-
verain; mais cela s'entend quand elles sont conf armes d la justice
et d la raison. L' equite est le nerf, veoire l'ame du commandement;
et quand cela est, il faict obeyr purement et simplement; aultrement
^^) „Je dis donc que Vhistoire sacree est ma seule et fidelle guide,
mon vray but et mon etoile polaire, ä laquelle je vise perpetuellement
et pour prendre jnes mesures bien plus justes que sur les nombres de
Piaton et aultres conceptions des astrologues'' (S. 136. 137).
-^) S. 172: ,,Les monarchies, les respublicques, les cites, les famüles,
les hommes sont subjects ä changement: mais, en Dieu et en ses comman-
demens, il n'y en a point; et, quand Hz se vouldroient donner le loisir
de mediter et songer ung peu ä cela, Hz trouveront au bout de leur compte
que ceulx qu'ilz appellent bonnes gens estoient plus vertueux et trop plus
couraigeux et saiges, avoient la craincte de Dieu pour guide de leurs
actions; et, sous ceste heureuse et seure conduicte, ils n' avoient garde
de se fourvoyer du droict chemin de la piete et de la justice, qu'ilz reveroient
sur toutes choses. . ."
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 203
le noeud de la societe civile seroit rompeu, il n'y auroit plus de diffe-
rence entre le roy et le subject, et feroit ung beau mesnaige, pour
auquel obvier est fort raisonnable que la force demeure au roy et
d sa justice: mais aussy, quand le commandement se trouve preju-
diciable au public, est il pas vray qu'il redonde et rejaillit sur le
prince mesme? Lequel, comme chef de Vestat, est tellement uny
it joinct ä ses membres, qu'il ne peult offenser ny endommaiger
qu'il ne s'en ressente tost ou tard; et comme le prince est homme,
el peult avoir este surpris ou par inadvertance, ou par maulvais
et insidieux conseils: mieulx informe, changera d'advis; et, en ce
cas, le refus tant s'en fault qu'il soit impute ä desobeyssance et
desservice, que c'est ung des plus grands et notables Services qu'on
luy SQauroit faire, parce que vraysemblablement sa volonte n'est
pas de nuyre et prejudicier ä son peuple, mais plustost de luy pro-
curer tous hiens et prosperitez, veoire de postposer son profict parti-
culier ä celuy de ses subjects." (S. 205. 206). Ein auf Einsicht
beruhender Widerspruch gegen das Gebot oder die Laune eines
Fürsten ist sehr wohl gestattet: ,, et y a trop de difference . . .
entre desobeyr et ne pas approuver ce qui est contre l'estat public,
foule et oppression du peuple, et, le plus souvent, contre l'intention
du prince soubverain, qui accorde beaucoup de choses par impor-
tunite, et ne le feroit pas si librement s'il eslimoit que ses officiers,
sur la conscience et fidelite desquelz il se repose, les deussent passer
Sans les eplucher et deument examiner. ..." (S. 210). Wenn
die Fürsten vielfach in ihren Maßregeln daneben greifen und das
Volk bedrücken, so sind daran oft genug ihre Ratgeber und
Beamten schuld (S. 211. 212), und oft genug hat gerade die Festig-
keit der Beamten gegenüber unbilhgen Befehlen die Ehre der
Fürsten gerettet und den Staat in seiner Größe erhalten („a
saulve l'honneur des princes, et reteneu la respublicque en sa gran-
deur". S. 213).
Als weiteres Symptom für den Zusammenbruch eines Staates
wird die mit dem Zerfall der Rechtsanschauungen und sittlichen
Grundsätze verbundene Zerrüttung des Justizwesens liingestellt.
Mit Schmerz sieht L'Hospital, wie die einst so viel geachtete und
viel bewunderte französische Justiz ihr Ansehen in den Augendes
Auslands eingebüßt hat: „Hz (d. h. les estrangers) nous mettent
en leurs papiers, nous dimlguent pour les plus grands plaideurs,
leb plus injurieux formalistes, les plus grands chicantienrs. la
plus corrompeue, perfide et desloyalle nation qui soit soubs le ciel"
(S. 234). Mit dorn Verfall der Justiz steht der Zusammenbruch
der staathchen Ordnung in engem Zusammenhang. Das Beispiel
des römischen Reichs ist dafür beweisend genug. Montesquieu
vorauseilend, legt er die Ursachen für die Größe und den Verfall
des Römerreichs dar und zeigt, wie die Blütezeit des Staates
zugleich eine Blütezeit der justice war, wie dagegen der Zusammen-
bruch der staatlichen Ordnung mit der Zerrüttung aller Rechts-
204 f'^urt Glaser.
anschauungen und Rechtsbogriffe Hand in Hand ging. Die
Einzelheiten des Naciiweises, welchen L'Hospital hier unternimmt,
haben mehr liistorisches Interesse, Von theoretischem Wert
ist allein der aus der Betrachtung der Gescliichte des Römerreichs
hergeleitete Grundgedanke über die Bedingungen der Größe und
des Verfalls eines Staates. Hier wie so oft läßt es L'Hospital nicht
an der üblichen Beigabe einer in direktem Hinblick auf seine
Zeit formulierten Moral fehlen: .,^Comme de vray, on ne sgaiiroil
desirer ung plus heureux estre en ce motide qiie soubs Vcstat monar-
chique et royal, royalement gouverne: soubs ce tnot, la justice, qui
est la vraye vertu royale, est comprinse, comnie l'injustice n'est
propre que pour les tyrans et oppresseurs du genre humain" (S. 244).
Er schwenkt dann sofort, die römische Geschichte verlassend,
zur Betrachtung der in dem Gerichtswesen des eigenen Landes
herrschenden Mißstände über (S. 245 ff.). Die tief eingerissene
Prozeßsucht erfüllt ihn mit banger Besorgnis für die Zukunft
seines Volks. Seine Meinung — er hat sie schon bei der Betrach-
tung der römischen Geschichte geäußert — ist, daß der Ruin
eines Landes mit dem Prozeßelend Hand in Hand geht. In frühe-
ren Zeiten wurden viel weniger Prozesse geführt; darum waren
auch viel weniger Richter nötig. Jetzt aber hat die Justiz unter
schweren Mißständen zu leiden: unter der Vermehrung und
Korruption des Richterstandes, unter der Käuflichkeit der Ämter,
unter der schriftlichen Behandlung und der damit unvermeidlich
verbundenen Verschleppung der Prozesse. Alle diese Mißstände
deckt L'Hospital mit Freimut auf. Seine Kritik gewinnt durch das
überall hervortretende Bestreben, durch eine Besserung und Be-
seitigung der Schäden im Justizwesen auch auf das französische
Volkstum reformatorisch einzuwirken, noch eine besondere
Bedeutung. Man merkt seinen Ausführungen den gerechten
Zorn an, in dem sie geschrieben sind, die Liebe zu Volk und Vater-
land, welche das Herz des patriotisch denkenden Mannes bewegt.
Das nächste (5.) Kapitel (IL S. 3 ff.) zeigt uns noch deutlicher,
wie sich L'Hospital die Heilung der Schäden in Justiz und Staat
vorstellt. Sie ist in erster Linie Sache und Pflicht des Königs, und
niemand ist dazu geeigneter als er. Sein Lob singt I..' Hospital
in den höchsten Tönen. ,,Nostre vray Esculape sera, s'il luy piaist,
nostre heros et victorieux prince, non moins juste que vaillant;
non moins desbonnaire et jaloux de l'amour de ses bons subjects,
quaspre dompteur et ennemy des rebelles et audacieux; non moins
pitoyable envers les affligez, que severe vengeur des süperbes, violens
et oppresseurs de son peuple (S. 10). ,,Les temples et autels que
nous lui dresserons ne seront pas mauldicts et perissables, mais
seront des hynuies, cantiques et louanges des ses heroiques actions. . ."
L'Hospital verwahrt sich dagegen, daß man ihn mit einem rein
spekulativ raisonnierenden Theoretiker verwechselt, wie es Plato,
Xenophon (als Verfasser der Cyropaedie) und Thomas Morus
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 205
sind, ,,qiii ont excellement discoureu, et miz par escript de belies
et eslevees conceptions\ mais ce sont friiicts gui n'estaient plus de
Saison. Aussy n'ont i7z, pour la plus part, gueres servy qu'aux
escoles et academies, ou pour entretenir les gens de lettres, mais
non pas pour adapter leurs preceptes et enseignement ä Vetablisse-
ment d'aulcune police et gouvernement" (S. 12). Ihm kommt
es auf die praktische Vervsirklichung seiner politischen Ideale,
auf die tatsächliche Durchführung seiner Reformvorschläge an.
Er will von der Notwendigkeit seiner Reformen überzeugen;
er rechnet auf die Einsicht seiner Landsleute, deren Freilieits-
stolz und Treue zu dem angestammten Fürstenhaus das höchste
Lob gespendet wird: ,,nous sommes Fran^ois, portant sur le front,
mais beaucoup mieulx dans une ame frangoise, la marque de nostre
liberte, laquelle tant s'en fault que nos roys ayent jamais entreprins
de nous oster \ qu'au contraire, leur plus gründe gloire est de Com-
mander ä des Frangois, c'est d dire, ä ung peuple ennemy jure
de servytude et subjection, aultre que Celles des enfans envers leurs
peres et meres. Aussy, se piaist il infiniment d'obeyr ä son prince
soubverain d'une amour filiale, laquelle ne doibt jamais empescher
les fonctions de la vraye liberte, et croit que d'estre Frangois et en
servytude sont deux choses non moins incompatibles que le jour et
la nuict" (S. 17, 18). Von dem Amt des Herrschers bei der Er-
füllung dieser me anderer Aufgaben hat L'Hospital die erhabenste
Vorstellung: er vergleicht die Fürsten mit den Hirten der Völker;
er ruft ihnen zu, ihre Gewalttätigkeiten zu unterlassen, ihren
Stolz abzulegen und sich als Ebenbilder Gottes zu führen (S. 50).
Eine Beseitigung aller Schäden ist nur dann zu erhoffen, wenn
alle im Lande frei und freudig mit Hand anlegen. Die Beamten
haben sich jeder Bedrückung und Gewalttätigkeit zu enthalten,
denn Vergewaltigungen und Eingriffe in fremde Rechte müssen
mehr als anderes den Gerechtigkeitssinn verletzen. In dem
Volke muß das Gefühl der Zusammengehörigkeit stark sein.
Das Bewußtsein der Unterordnung unter das alle umfassende
und alle beherrschende Gesetz bildet eine sichere Gewähr für
die Herrschaft der justice. Dem König allein räumt L'Hospital
Vortritt vor dem Gesetz ein; er hat nur Gott über sieh und ist den
gerade dadurcli am meisten befähigt und verpflichtet, ein Hüter
von Recht und Gerechtigkeit zu sein: ,,Le roy seul est exem.pt
de la censure des loyx pönales, et n'est justiciable que de Dieu, lequel
luy sgaura bien rendre compte des torts et griefs qu'il aura faicts
en sa Charge, quand son heure sera veneue; et toulesfois et quantes
qu'il pennet ou dissimule les injures, les indignilez et injustices,
il commet trois lourdcs faultes tout d'ung coup. La premiere va
contre la majeste divine, en ce qu'il abuse de la puissance que Dieu
luy a mise en main pour empescher les malfaicts et punir les injus-
tices ... La seconde, en ce qu'il rend l'oppresseur plus meschant,
plus hardy, insolent ... La troisiesme (ceste cy regarde son autho-
206 Kurt Glaser.
rite), en ce gu'il argue et manifeste sa craincte et son impuissance,
de n'oser, pour qiielque respect et consideration humaine, rendre
librement et ouverlement la justice ä son paiwre subjecl. qui la liuj
demande comme ä son roy ..." (S. 59. 60. 61). Solche allgemoinon
theoretischen Auslassungen über das Amt des Fürston und sein
Verhältnis zu Gott wechseln ab mit Erörterungen, welche sich
mehr den Fragen des praktischen Staatslebens zuwenden.
L'Hospital führt hier bitter Klage über die Bedrückungen, denen
das niedere Volk durch die Adligen ausgesetzt ist. Der Hochmut
der Großen hat schon manchen Staat ruiniert. Mit Schmerz sielit
L'Hospital, daß Rechtsverletzungen und Gewalttätigkeiten des
Adels in Frankreicli häufiger sind als anderswo. Es ist deshalb
mehr als je eine Pfhcht des Königs, hier einzugreifen. Er ist zum
Schutz seiner Untertanen da, allein schon das Recht der Be-
steuerung seines Volks müßte ihn dazu verpflichten, wenn nicht
noch über ihm der lobendige Gott waltete, ,,qui est le soiibverain
des soubi>erains, et en comparaison diiquel le plus grand prince
du monde ne monte non plus qu'ung grain de sable en comparaison
de l'univers, se reserve particulierement ce droict, privatement ä
tous aultres, d'oster les sceptres et les couronnes aux roys qui en
abusent par injustices, oppressions, violences et indeues exactions
sur leurs pauvres subjects" (S. 68).
In dem Zirkel solcher Betrachtungen bewegen sich L'Hospitals
weitere Ausführungen auch noch in den beiden folgenden Kapiteln
(VI. S. 97 ff. und VII. S. 283 ff.). Um Ordnung im Lande her-
zustellen, sind gute Gesetze ebenso notwendig wie gute Beamte,
,,car il est bien certain que le magistrat est l'ame de la loy; c'est
celuy qui luy donne la force, vigueur, action et mouvement, et sans
lequel la loy seroit comme chose morte et inutile ..." (S. 103. 104).
Und so redet L'Hospital wieder ganze Seiton lang von den Rechten
und Pflichten eines Fürsten, von den Tugenden eines guten Herr-
schers, von der Zerrüttung und Verrottung unter der Beamten-
schaft, von der Bestechlichkeit der Richter und der Käufhchkeit
ihrer Ämter. Das bis ins Unsinnige angewachsene Beamtenheer
muß verringert werden, die Käuflichkeit der Ämter muß auf-
hören, wenn der französische Staat erhalten bleiben und nicht
wie das römische Reich einem sicheren Verfall entgegengehen
soll. Die Beseitigung der Mißstände muß auf gesetzmäßigem
Wege und nicht auf gewaltsame Weise vor sich gehen (S. 148. 149).
L'Hospital gibt dazu eine ganze Fülle eingehender praktischer
Ratschläge und Winke. Seine Ausführungen tragen, auch in
der Form, einen stark persönlichen Charakter und lassen den
unter den Eindrücken einer verkommenen Justiz und in den
Fährnissen des Staatslebens gereiften Politiker erkennen. Er
weiß sehr wohl, daß er mit seinen Reformvorschlägen manchem
zu nahe tritt, aber über jeghchem Sonderinteresse steht ihm
das Wohl der Allgemeinheit.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 207
Es ist L'Hospital nicht beschieden gewesen, seine Ideen in
den verwirrten Verhältnissen jener Tage zu verwirklichen. Die
Kriegsgelüste und Intriguen der Guisen waren stärker als der
edle Sinn, der den friedfertigen Kanzler erfüllte. Er mußte
ihrem Einfluß weichen und den Hof verlassen (1568). Seinen
Sturz hat er nur um wenige Jahre überlebt. Unter dem grausigen
Eindruck der Greuel der Bartholomäusnacht ist er, in seiner
Hoffnung auf Herstellung des Friedens gebrochen, im Jahre
1573 verschieden. Manche schöne Hoffnung hat er mit sich ins
Grab genommen, manchen schönen Gedanken hat er unver-
wirklicht lassen müssen. Sein Lieblingsgedanke zumal, die
Idee der religiösen Toleranz, hat nur bei wenigen seiner Zeit-
genossen Verständnis gefunden. Die Zeit, große Ideen zu ver-
wirklichen, war noch nicht gekommen.
II. £stienne Pasiqnier.
An L'Hospital reihen wir einen Mann an, der eine Natur
von L'Hospitalschem Schlage war: Estienne Pasquier, auch er
ein Vertreter und Verfechter des Toleranzgedankens. Wir haben
ihn schon früher als solchen kennen gelernt. ^2)
An der Spitze der pohtischen Pubhzistik Pasquiers stehen
zwei Werke, welche beide dem Jahr 1560 angehören: das erste
Buch der „Recherches" und der ,,Pourparler du prince". Beide
sind in ihrem Wesen und Zweck grundverschieden: in dem ersten
Buch der ,, Recher ches", wie auch in den späteren Büchern,
nimmt die Theorie nur einen nebensächlichen Platz ein — in
dem ,,Pourparler du prince" dagegen ist sie Endzweck. W'ir
haben hier einen in Dialogform abgefaßten staatstheoretischen
Traktat vor uns, in wxdchem Pasquier seinen pohtischen Ideen
die Form eines abgeschlossenen Systems zu geben unternommen
hat. Mit seinem ,,Pourparler" hat Pasquier indessen noch nicht
das letzte Wort gesprochen. Er war, als er seinen Traktat
schrieb, kaum über 30 Jahre alt und erst an der Schwelle seiner
schriftstellerischen Tätigkeit angelangt. Die reiche Erfahrung
des Mannesalters fehlte ihm noch ebenso wie die Fülle neuer
Anschauungen und Ideen, welche die Zeit der Religionskriege
bringen sollte. Und doch enthält der ,,Pourparler" schon einen
großen Reichtum wohldurchdachter Anschauungen, welche zwar
in einzelnen Punkten im Laufe der Zeit und unter dem EinfluT)
späterer Lebenserfahrungen noch Berichtigung und Weiler-
bildung, aber keine tiefgehende Wandlung und Änderung mehr
erfahren haben.
-) Vgl. diese Zeitschrift XXXIIP S. 45—54.
208 A'"^/ Glaser.
Der „Pour parier" ''^^) trägt die Form eines Wechselgesprächs
von vier Personen, von denen jede ihre besondere Meinung vom
Fürsten vertritt. Bei aller Verschiedenheit der Ansichten sind
alle vier Sprecher in der Notwendigkeit eines monarchischen
Regiments einig: „leur opinion se ferma pour le soastenement
d'un hon Roy'' (S. 191 v" = I. S. 1017 C). Der Escolier, der zuerst
das Wort ergreift, kleidet seine Ausführungen in einen Schwall
hochtrabender Redensarten. Er stellt die Musen, die Genien
der Wissenschaften, als Urgrund aller staatlichen Ordnung hin.
Der Fürst wird seines Amtes dann am besten walten, wenn er
ganz und gar dem Studium guter Schriften lebt und in der Förde-
rung und Begünstigung von Wissenschaft und Dichtkunst seine
Hauptaufgabe erblickt. Von einem solchen Fürsten verspricht
sich der Escolier die Erfüllung der höchsten Hoffnungen: durch
seine gelelirten Neigungen wird er ein einsichtsvoller Bewahrer
der Grundfesten aller staatUchen Ordnung sein und mit klarem
und selbständigem Urteil auch die verschiedensten an ihn heran-
tretenden Aufgaben selbst zu lösen wissen. ,^Quel cas mieux
advenant au pri?ice, que de respondre de soymesme, et non par
gens interposez, aux ambassades, et accompaigner ses responses
d'iine commodite d'histoires, tirees ä son avantage? Oii quelle
chose plus brave., que voir un prince bien emparle, trafiquer par
une elegante parole le cueur de sa gendarmerie, captiver sous un
beau parier l'amitie de son ennemy, et conime Tyrtee le poete, ores
que Ion soit inhabüe au jaict des armes., reduire toutesfois les ex-
peditions en bon train, par une douce faconde, lorsque elles sont
deplorees? Bref., tenir les esprits des soldats en transe, les animer,
aigrir, adoucir, et ne leur faire sentir alteration de ioye ou douleur,
que Celle qu'on leur veut departir? Et si, non content du present,
pour se revanger encontre l'injure des ans ü pretend manifester ä
la posterite les secrets de ses pensees: quel plus grand lieur pourroit
avenir au prince, si non mourant, laisser pour gage perpetuel de
sa vie quelques ceuvres bien faQonnees?" (S. 196= I. S. 1021 A.).
Nach dem Escolier ergreift der Philosophe das W'ort. In
schwungvoller, an den Fürsten gerichteter Apostrophe preist
er die allein aus der Philosophie fließenden Tugenden der Mäßi-
gung und Selbstbeherrschung als die höclisten und notwendigsten
Gaben eines Herrschers. Die Philosophie wird ihn lehren, auch
die Wandlungen und Schickungen des Lebens zu ertragen; sie
wird ihn vor der törichten Überschätzung seiner eigenen Person^*)
-^) Im folgenden zitiert nach der Ausgabe von 1571: „Des recherches
de la France, livres premier et second. Plus, Un Pour parier du Prince.
Le tout par Estienne Pasquicr, Advocat en la Cour de Parlement
de Paris." S. 190 v° bis 239 v". Die übrigen Zitate sind nach der
Ausgabe der Werke Pasquiers von 1723 (2 Bände) gegeben.
2^) Hier khngen demokratische Gedanken in Pasquiers Aus-
führungen hinein, besonders in der folgenden Stelle: „Tous lesquels
propos serviront pour vous monstrer, que les Rois, se voians assis entre
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr, etc. 209
und vor der Überschätzung des Wertes weltlicher Güter und
weltlicher Macht bewahren; sie wird ihm den jähen Glücks-
umschlag, wie ihn einst Karl der Kühne erlebt hat, ersparen
helfen. ,,Ceste est donc la philosophie que je veux apprendre ä
mon Prince, une asseurance d'esprit, fondee au contemnement de ce
monde: contemnement^ que je veux qu'il accompagne de ce perpetuel
pensement: qui est, que s'il rapporte tout ä nature, ny luy, ny
hornme quelconque ne se trouvera jamais pauvre: mais si d l'opinion
du monde, non seulement ceux qui sont moyennement riches, mais
semblablement les monarques, ne trouveront en quoy contenter leur
esprit" (S. 206. 207= I. S. 1026 C).
Den mehr geistreichen als ernst zu nehmenden Ausführungen
des Escolier und des Philosophe tritt der Curial mit der kühl
berechnenden Art des Weltmanns entgegen. Er ist ein Feind
schöner Worte und schönklingender Theorien. Den von leerem
Pathos erfüllten Auslassungen des Philosophen über die Be-
deutung der Philosophie für die Gründung und Erhaltung von
Staatswesen stellt er den nüchternen Satz entgegen: ,,i7 est
certain que toutes republiques bien ordonnees prindrent leur premier
avancement par les armes, et lors qu'elles embrasserent les lettres,
commencerent ä s'aneantir". Die wahre Philosophie des Fürsten
ist einzig und allein seine Größe: „la principale Philosophie que
doit avoir un prince, est sa promotion et grandeur, sans autre con-
templation" (S. 211 r" = I. S. 1028 CD). Der Fürst ist nicht
für sein Volk, sondern das Volk ist für seinen Fürsten da; es
muß die Sünden seines Herrschers an sich büßen; es ist ihm
mit Gut und Leben verschrieben. 2^) Der Fürst verkörpert eben
den Staat in sich, und so muß sein (d. h. des Fürsten) eigenes
Wohl seine erste und vornehmste Sorge sein. Wenn er anders
handelt, so ist das allein sein freies Wohlwollen, seine „debonnairete
trop ardente" (S. 212 r" = I. S. 1029 B.). Das Verhältnis des
Fürsten zu seinen Untertanen erläutert der Curial durcii eine
Betrachtung der Grundlagen der fürstlichen M acht, welche
in seinen Augen gleichbedeutend ist mit dem fürstliclien Rech t.
tant de richesses, pendant leurs grandes prosperitez doivent mettrc en
conlrebalance la crainte et hazard des dangers, et penser qu'ilz sont jils
de mesme ouvrier que tout le demeurant du peuple"' (S. 205 v" = I.
S. 1026 A.) etc. Vgl. aucli Baudrillart, Etienne Pasquier, ccrk'ain
politique. in: Scances et travaux de Vacadeniie des sciences morales et
politiques (Paris 1863). S. 465.
-^) „Comme oinsi soit que les Rots li'en sont point nez pour leurs
peuples, mais leurs peuples sont nez pour eux: Qui est la cause, pour
laquelle non point es histoires prophanes, ains dans les sainctes escritures,
les suiects simples et innocens se trouvent avoir este punis de mort pour
un peche de leur Prince..." (S. 211 r'* = I. S. 1028 D.). „Parquoy
estans tous noz biens des appartenances du Prince, et luy au contrnire
ne dependant en aucune sorte de nous, est ceste proposition injaillible,
que nous sommes nez pour noz Rois, non eux pour nous"' (S. 211 v*^ =
I. S. 1029 A.).
210 KurI (Unser.
Recht und Macht flicßon aus zwei Quellen: aus der Autorität
der Gosotzo, aus dar Gewalt der Waffen. Statt die Gesetzx' als
Ausfluß und Verkörperung der Idee des Reclits aufzufassen,
sieht der von MachiavolUschem Geist beseelte Höfling in ihnen
nur ein bequemes Mittel, um die Untertanen unter der Botmäßig-
keit des Herrschers zu erhalten und den Vorteil des Fürsten zu
wahren. Auch das zur Ausübung der Gesetze notwendige Be-
amtenheer wird eine Säule der fürstlichen Macht abgeben. Kurz,
die staatsrochtliclic Stellung des Fürsten bestellt in den Augen
des Curial darin, daß alles im Staatswesen in den Dienst des
Herrschers tritt. Nicht Recht oder Unrecht, der Nutzen allein
entscheidet. ,,Fefi qu'ä prendre les choses ä leiir entier, il ne
fallt halancer le juste ou injiisie, qu' au poix seidement de l'utilitS
qui. en oieni" (S. 214 v" = I. S. 1030 B.). Auch die Waffenmacht
ist nur ein Mittel zur Größe und zum Vorteil des Fürsten. Sie
gibt ihm die MögUchkeit, die Grenzen zu schützen und das eigene
Volk in Unterwürfigkeit zu erhalten, ja, im Notfall einen Krieg
zu entfesseln, der dann ein passender Anlaß wird, um dem Volke
durch neue Steuern sein teueres Geld aus der Tasche zu locken.
Nach dem Curial kommt der Polüiqiie an die Reihe. Seine
Darlegungen machen den Hauptinhalt des ,,Pour parier" aus.
In ihnen gelangt Pasquiers eigene Auffassung vom Beruf des
Monarchen zu Wort. Der Politique beginnt damit, daß er die
Unhaltbarkeit der von seinen Vorrednern aufgestellten Prinzipien
erweist. Weder von der einseitigen und übertriebenen Pflege
und Wertschätzung der Wissenschaften und Literaturen, noch
von der Weisheit des Philosophen, noch endhch von dem Nütz-
lichkeitsprinzip des Curial ist Heil und Glück für einen Staat
zu erhoffen. Der Staat muß vielmehr auf der Herrschaft der
Gesetze beruhen. ^^) Grundsatz im Staate muß es sein und
bleiben, daß Fürst und Volk in dem Verhältnis gegenseitigen
Vertrauens zueinander stehen: .„Consequemment se doit porter le
Roy ä Vendroict de son peiiple, comme il voudroit que Ion fist envers
soy, s'il estoit souz la puissance d'autriiy" (S. 226 r'^ = I. S. 1036 C.).
Der Fürst hat sein eigenes Interesse dem Wohl des Staates unter-
zuordnen. Hier tritt der Politique in Gegensatz zu den Aus-
führungen des Curial. Er legt dar, daß weder die Gewalt noch
auch irgend ein anderes der von dem Curial angepriesenen Mittel
dem Staate Dauer und Festigkeit verleihen könne; falsche und
unredliche Mittel, nicht minder wie der Mißbrauch der dem
Fürsten anvertrauten Macht, müssen nur zum Ruin des Landes
führen. Dafür bietet die Geschichte des römischen Weltreichs
das klassischste Beispiel. Mit Entschiedenheit verwahrt sich der
Politique gegen den Mißbrauch des Gesetzes im Dienst des Fürsten
2^) „Et c'est une regle asseuree qu'il est requis en toute Repub. bien
policee, que le peuple soit subject au magisirat, et le magistrat ä la loy'''
(S. 225 V« = I. S. 1036 B.).
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 211
und legt seine Auffassung vom Wesen und der Heiligkeit des
Gesetzes dar in den Worten: ,^Quand ie vous parle de la loy,
i'entetis, non pas (comme tu faii, Curial) ceste puissance que les
tyrans tirent ä leur particulier avantage: mais ceste reigle qui nous
apprend ä tenir les ordres en hon ordre, et entretenir d'une teile
armonie et convenance les grans avec les petits, que aussi content
et satisfaict vive le petit en sa petitesse, comme le grand en sa
grandeur" (S. 232 r» = I. S. 1039 C). In deutlicher Sprache
führt er dem Fürsten zu Gemüt, daß die Rücksicht auf das Wohl
des Staates das oberste Gesetz seiner Philosophie sein muß.
,,Parquoy pour te dire au vray mon avis de la Philosophie de nostre
Prince, est ceste conclusion bonne, et qui deust estre engravee en
la teste des Princes: que toutes choses sont mauvaises en un Roy,
qui n'avise le bien public: aimant mieux, par ceste devise estre
excessif au trop, qu'au trop peu. Car tout le but, dessein, proget,
et Philosophie d'un bon Roy, ne doit estre que l'uiilite de son peuple"
(S. 232 vO=L S. 1039 D. 1040 A.). Ein vielgebrauchtes Bild
aufgreifend, vergleicht er den Staat mit dem menscldichen Körper,
dessen Haupt der Fürst, dessen Glieder die Untertanen sind.
Die Gheder sind zu gegenseitiger Hilfe wie zum Schutz des Hauptes
da. Auf die üblichen Beispiele aus der antiken (römischen) Ge-
schichte, mit welchen dieser Satz belegt wird, folgt die Wendung
zur Erörterung der französischen Verhältnisse. Der Politique
verteidigt schon hier die von Pasquier hinfort immer und immer
wieder vertretene These, daß die französischen Könige selten
etwas aus eigener Machtvollkommenheit unternommen haben:
,, . . . noz Rois par une debonnairete, qui leur a este familiaire,
iamais de leur puissance absolue fi'entreprindrent rien en la
France . . ." (S. 234 r» -= I. S. 1040 C.). Sie ließen sich von den
zwölf Pairs und später von dem aus dem Pairsrat hervorge-
gangenen Parlament beraten. Das Parlament, welches ursprüng-
lich ohne festen Sitz war, später aber in Paris ständig wurde,
hat immer dazu beigetragen, die könighchc Macht zu zügeln
und den König auf den Weg der Vernunft und des Reclits zu
führen. Selbst ein Monarcli, der so herrisch gewesen ist wie
Ludwig XL, ist den Vorstellungen seiner Großen stets zugänglich
und gefügig gewesen. Gerade diese Unterordnung des Königs
unter die Gebote der Gereciitigkeit hat der französischen Monarchie
ihre Stärke verliehen und Achtung im Ausland verschafft. Die
Spitze dieser Ausführungen Helltet sich gegen die Anschauungen
des Curial. Der Fürst steht nicht über dem Gesetz; nur schlechte
Fürsten können sich über das Gesetz erhaben dünken. Im
Anschluß daran entwickelt der Politique (und Pasquier mit ihm)
in Kürze seine Anschauungen von dem Wesen des Gesetzes.
Das Gesetz muß mit der Vernunft in Einklang stehen. Wider-
streitet es der Vernunft, so hört das Gesetz auf, Gesetz zu sein,
wie der Fürst, welcher sicli über das Gesetz stellt, aufhört, Mensch
212 Kurt (ildscr.
zu sein: „pour bien dirc, Ciiriul, ou la loij est raison, ou conlre-
venante ä icelle. Si coiilrcvenanle a icelle, quoy rjue soiiz honnesle
pretextc les Roys prelendent en abuser, si ne merile elLe nom de
loy: mais si eile se rend conjorme ä une equiti naturelle, d'estimer
que le Roy soit encores dessus la raison (au moins comme l'entend
le vulgaire, pour en trancher par ou hon leur semble) ceux, qui
souz cesle puissance leur voulurenl ainsi applaudir au Heu de leur
gratifier, direnl en un obscur langage, que les Roys n'estoient point
hommes, ains Lyons, qui par le moyen de leur force s'estimeroient
avoir commandement sur les hommes" (S. 236 r° = I. S. 1041 C).
Aus einer solchen Auffassung vom Beruf des Fürsten spricht
ein gesunder monarchischer Sinn. Der Herrscher ist der Ver-
treter und Vollstrecker des Volkswillens. Er handelt im Ein-
klang mit dem Willen des Parlaments und muß sich jeder tyranni-
schen Eigenmächtigkeit enthalten. Das Bild des Herrschers,
wie es Pasquier durch den Mund des Politique zeichnet, ist eine
Schöpfung reiner Theorie. Der „Pourparler" gehört nicht zu
den staatsphilosophischen Traktaten, welche unter dem Einfluß
der Zeitumstände und unter dem Druck der politischen Vorhält-
nisse entstanden sind und in den Dienst bestimmter staatlicher
Zwecke und Ziele treten; er ist kein Produkt parteipolitischen
Eifers; er ist das Bekenntnis eines Idealisten, welcher sich in
theoretischen Ausführungen gefällt und an die Macht der Theorie
glaubt. Wie L'Hospital hatte sich auch Pasquier hineingelebt
in den Glauben an eine friedliche, aus vernünftiger Einsiclit
zu gewinnende Lösung der schwebenden Fragen der Zeit, aber
auch er sollte nur zu bald erkennen, daß eine Theorie erst dann
Leben und Lebenskraft gewinnt, wenn sie sich über die Forde-
rungen und Bedürfnisse der Zeit erhebt, wenn ihre Brauchbarkeit
in den Fährnissen des Staatslebens erprobt wird.
Diese Auffassung gelangt zum erstenmal zum Durchbruch
in der Behandlung der Toleranzfrage, auf welche Pasquier durch
L'Hospital geführt worden ist.
Pasquier hat sich L'Hospitals Theorie der Toleranz zu eigen
gemacht. Er hat sie in seiner ,,Exhortation aux princes et seig-
neurs du conseil priue du Roy, pour obuier aux seditions qui
semblent nous menacer pour le faict de la Religion ' ausge-
sprochen, welche sich als eine Rede ausgibt, die der Verfasser
vor den zu Beginn des Jahres 1561 nach Paris berufenen ,. princes
et seigneurs du conseil prive du Roy'''' gehalten haben will.""^)
Pasquier gibt hier nicht mehr Tlieorie um der Theorie willen;
ganz im Sinne L'Hospitals faßt er die Toleranzfrage vom Stand-
punkt des praktischen Pohtikers auf. Er begründet die Not-
wendigkeit der rehgiösen Duldung mit dem Hinweis auf die
poUtischen Verhältnisse in Frankreich und legt dar, daß die
27) Vgl. diese Zeilschrift XXXIIIi S. 45—54.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 213
politische Erstarkung der kalvinistischen Partei die Duldung des
kalvinistischen Bekenntnisses zu einer unabweisbaren Not-
wendigkeit mache. Seiner Beweisführung gibt er durch den
Hinweis auf die verhängnisvollen Folgen eines Bürgerkrieges
sowie durch den Appell an die patriotische Gesinnung seiner
erlauchten Zuhörerschaft noch besonderen Nachdruck. Wir
treffen hier auf die beiden Züge, welche wir in Pasquiers pohtischer
Schriftstellerei allenthalben wiederfinden: die aus der Betrach-
tung geschichtlicher Tatsachen gewonnene historische Erkenntnis
und Belehrung — die in einer edlen Auffassung nationaler Pflichten
wurzelnde, von wahrer VaterlandsUebe getragene Beschäftigung
mit den seine Zeit bewegenden Fragen.
Beide Züge geben auch den ,^ Recher ches'% Pasquiers Haupt-
werk, ihren Charakter.
Des Verfassers Absicht war es, ein historisches Werk zu
liefern, wenngleich es ihm nicht darauf ankam, ,,d'ecrire un corps
d'histoire, mais seulement une suite de chapitres detaches sur divers
Sujets" (Dupin, Eloge de Pasquier. S. 29). ,,Ce sont icy des
meslanges'% sagt Pasquier selbst gelegentlich einmal [Rech. VI.
44. I. S. 671. C). ,,// n'est pas dit qu'une prairie diversijiee d'une
infinite de fleurs, que nature produit sans ordre, ne soit aussi agreable
ä l'oeil, que les parterres artistement elabourez par les J ordinier s."
In der Fülle der Tatsachen und Beobachtungen, welche er in
den neun Büchern seiner ,,Recherches" in bunter Mannigfaltigkeit
anhäuft, nimmt die geschichthche Erörterung den Hauptraum
ein. In dem ersten Buch greift er zurück auf die frühesten Perioden
der französischen Geschichte und die nationalen Eigenheiten der
ältesten Einwohner Frankreichs und gibt eine warme und be-
geisternde Schilderung der ,,bons vieux peres" seines Volks, um
derentwillen man sein erstes Buch treffend eine Rehabilitation
des gallischen Volkscharakters genannt-^) und in ihm den Aus-
druck des nationalen Stolzes gefunden hat, mit welchem der
Verfasser zu den Galliern, den Vorfahren seines Volks, als zu
den Überwindern der Römer emporsieht. Eine planmäßige
historische Darstellung, auf welche das erste Buch keinen An-
spruch maciit, kann man schon eher dem inhaltlich reicheren
und bedeutenderen zweiten Buch zusprechen, insofern es wichtigen
Verfassungs- und Gesellschaftsfragen Frankreiclis nachgelit und
mit einem Reichtum interessanter und riclitig beobachteter
Einzelheiten eine Fülle großer Gesichtspunkte verbindet. Das
dritte Buch geht auf die in den beiden ersten Büchern mehrfach
gestreiften auswärtigen Beziehungen Frankreichs ein und be-
schäftigt sicli fast ausschließlich mit dem Verhältnis Frankreichs
zum römischen Stuhl und kirchenpolitischen Fragen. In einen
ganz anderen Gedankenkreis füiirt das vierte Buch ein, indem
28) Feugere, Estiennc Pasquier (Paris 1848). S. 66.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIXT. 15
214 Kurt Glaser.
es die nachmals viel erörterten Wechselbeziehungen von Gesetz
und Sitte zum Gegenstand wählt und in einer sich bis in die
kleinsten, z. T. in buntester Mannigfaltigkeit aneinandergereihten
Einzelheiten erstreckenden Erörterung darzulegen unternimmt.
Eine Erörterung und — tatsächliche oder bloß versuchte —
Kritik geschichtlicher Tatsachen enthält erst das fünfte und
sechste Buch, denen sich das siebente und achte mit der Be-
handlung der französischen Literatur und Sprache anschließt.
Pasquiers Vaterlandsliebe und Vaterlandsstolz gibt sich hier
in der Bewunderung, welche er für die Literatur seines Volkes
empfindet, zu erkennen. Er blickt mit Stolz auf die Fortschritte,
durch w^elche sich die französische Literatur der antiken und
italienischen Literatur zur Seite stellt (VIL 8. 9. 10); er erhofft
für sie eine glorreiche Zukunft (VIL 6. vgl. auch Feugere, Esiienne
Pasqiiier. Paris 1848. S. 84). Das neunte (und letzte) Buch
der ^.Recherches" endlich befaßt sich mit Auseinandersetzungen
über das französische (insbesondere das Pariser) Universitätswesen,
dessen Einrichtungen Pasquier seit seinem berühmten Konflikt
mit den Jesuiten ein besonderes Interesse entgegenbrachte.
In der Vielheit und Vielartigkeit großer und kleiner Fragen,
welche die .,^ Reeller dies' berühren, treten Pasquiers Meinungen
und Anschauungen über die seine Zeit bewegenden Fragen vor
der historischen Erörterung, die sein Werk erfüllt, in den Hinter-
grund. Das theoretische Beiwerk kommt vor dem gelehrten
Charakter der „ Recher ches" nur wenig zur Geltung. Die Be-
ziehungen der geschichthchen Verhältnisse und Vorgänge zur
Gegenwart des Verfassers werden mit Ausführlichkeit dargelegt,
aber überall ist Pasquier dabei mit dem Eifer des die Wahrheit
suchenden Forschers bemüht, sich über die Parteien und ihre
oftmals mit willkürlicher Auslegung geschichtUcher Verhältnisse
verbundenen Meinungen zu stellen. Wie die ,,Recherches" bieten
auch die Briefe Pasquiers manch theoretische Auslassung. Sie
sind eine reiche Fundgrube wissenschaftlicher Forschung und
Belehrung, dabei zugleich aber auch eine Fundgrube für unsere
Kenntnis und Kritik von Pasquiers eigenen Anschauungen über
pohtische und religiöse Fragen. Wir finden hier wie dort die
gleichen Züge: die von nationalem Stolz eingegebene Verteidigung
des französischen Wesens,-^) die edle, von Hingabe an das König-
es) ,,Parce que le jour d'hier je vous vis soustenir ä outrance, que
les Romains avoient este superieurs aux Gaulois, en prouesse et vaillantise,
et qu'au regard des bonnes lettres nous n'entrions en nulle comparaison
avec eux, ayant depuis ä part rnoy recueilly mes esprits, fay pense de
vous en escrire man advis, non pour une envie que faye de vous contre-
dire, mais parce que de nostre opinion en est issue une, de plus dangereux
effect entre nous, par laquelle nous autres Frangois estimons n'avoir
rien de bon que ce que nous avons emprunte de la ville de Rome ... Je
vous atlegueray les victoires qWobtindrent jadis nos Gaulois, en Italic . . ."
Lettres I. 12. I. S. 19 B.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 215
tum getragene vaterländische Gesinnung, die bei aller Frömmigkeit
gegen die Mißbräuche in Kirche und Kirchenlehre nicht gleich-
gültige AnhängUchkeit an die kathoUsche Religion, die Über-
zeugung von der Notwendigkeit einer straffen poUtischen und
kirchlichen Einheit im Staate. Pasquiers Theorie gipfelt in
der VerherrHchung des Vaterlandsgedankens und in der Über-
zeugung von der Notwendigkeit einer starken Monarchie. Das
Königtum soll sich über die im Lande hadernden Parteien erheben,
seine Autorität und seine überHeferten Rechte und seine Stellung
über den Parteien wie auch seine Selbständigkeit und Unabhängig-
keit gegenüber der kirchlichen Macht sollen ihm gewahrt werden.
Die königliche Macht darf indessen nicht unbeschränkt sein.
Ihr ist eine doppelte Schranke gesetzt: sie unterhegt der Ab-
hängigkeit von Gott;^*^) sie ist an die geltenden Gesetze gebunden.
Die Achtung vor der Heiligkeit des Gesetzes hatte Pasquier
schon in seinem „Pourparler du Prince'''' durch den Mund des
Politique verkündet. Er kommt noch später wiederholt darauf
zurück. In dem „Pourparler de la loi"^^) rückt er den Begriff
des Gesetzes in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. An
anderer Stelle preist er das Gesetz als eine starke Stütze der
monarchischen Gewalt.^^) Das Gesetz ist die Grundlage und
Seele des Staates. ^^) Er hält das Gesetz nicht bloß um des Ge-
setzes willen, sondern auch um des Vaterlandes willen hoch.
Alle seine Ideen münden in die Verherrlichung des Vaterlands-
gedankens. In ihm wurzelt auch die Beharrhchkeit, mit der er
an den einmal als gut und zweckmäßig erprobten staathchen
Einrichtungen festhält. In religiöser wie in politischer Beziehung
ist er ein Gegner unnötiger Neuerungen. Eine Änderung in der
Religion führt zu einer Umwälzung im Staate und birgt not-
wendig Gefahren in sich.^'*) Pasquiers Theorie deckt sich in
^^) „Nous sommes les gettons des Roys, qu'its fönt valoir plus ou
nioins, comme il leur piaist, et les Roys sont les gettons de Dien." Rech
V. 29. I. S. 507 C.
31) I. S. 1045—1052.
3-) Rech. II. 1 (I. S. 4ÜB.): ,,... nos Roys se contentans de leurs
frontieres, comniencerent au Heu de leurs armes, ä se fortifier par loix
paar entretenir leur grandeur...''^
33) Diesen Gedanken spricht Pasqnier auch in einer Rede aus,
welche er am 30. September 1587 in der Chanihre des Comptes gehalten
hat: ,,// est certain que le jondement de touttc republique cest la loy, ie
ne diray poinct fondeinent, ie dis que cest lame, saus laquclle la republique
ne peult auoir vie en jagon quelconque"' (Rei'ue de la Renaissance. VIII.
1907. S. 16. 17 = Leilres XII. 2. S. 326. 327).
34) /jec/i. III. 34 (I. S. 294 D. 295 A.): „De ma part, encores que
je sgache bien que sehn la corruption des moeurs il faul proceder ä nou-
veaux reniedes, si seray-je tousjours d'avis qu'il faut esprouvcr en chaque
sujct toutes extremitez, avant que d'annuller une loy anciennc, et quil
n'y a chose en la Republique, oü. le soucerain Magistrat dnii'e apporter
tant de circonspection, crainte, et prudence, qu'en la novnlite de sa loy. . . "
— Rech. VIII. 12 (I. S. 783 B. C): „// n'y a rien quil faille tant craindre
15*
216 Kurt Glaser.
ihren Hauptgedanken mit L'IIospitals Anschauungen. Hatte
aber L'Hospital die Überordnung des Königs über die Gesetze
ausgesprochen, so drückt Pasquier seinen Gedanken in einer
viel weniger scharfen und krassen Form aus. Schon in seinem
„Pour parier" '^^) und ebenso noch später-^'') stellt er die Unter-
werfung der französischen Könige unter das Gesetz als einen
Akt ihrer ^,debonnairete" hin. Der König darf und muß Gehorsam
verlangen. Sein Volk muß ihm mit Hab und Gut zu Diensten
sein. Dafür schuldet er ihm eine gerechte Regierung: ,,Nous
devons aider noslre Roy de nos biens, selon les occurences de ses
affaires: mais en contre-eschange^ il nous est debiteur de la Justice. . ."
[Lettres VI. 2. II. S. 156 D. 157 A.). Pasquier ist kein Ver-
fechter des absolutistischen Gedankens. Jegliche Tyrannei ist
en une Repuhlique que la nouveaute . . . " — Lettres IV. 13 (II. S. 92 A.):
„Ceux ordinairemcnt qui pensent bien discourir sur le fait (Vune Re-
puhlique, sont cfadvis que tout ainsi que le fondement general d'icelle,
depend principalement de V establissetnent de la Religion, par la crainte
et reverence de laquelle, tout sujet est autant et plus retenu, que par la
presence du Prince: aussi quHl faut sur toutes choses que le Magistrat
empesche, ou mutation de Religion, ou diversite sous un niesme Estat:
comme ainsi soit que cela apporte partialitez et discordes intestines, qui
se tournent en guerres civiles, lesquelles apportent les fins et periodes
des Republiques.'' — Lettres V. 11 (S. 134 CD.): ,,... comme bon
Chrestien, je seray tousjours pour la Religion Catholique, Apostolique,
Romaine: et comme bon citoyen, fabhorreray le changement de l^ Estat,
qui advient ordinairemcnt par le changement des Religions . . ."
^^) „Parquoy estans tous noz biens des appartenances du Prince,
et luy au contraire ne dependant en aucune sorte de nous, est ceste pro-
position infaillible, que nous sommes nez pour noz Rois, non eux pour
nous: consequemment que leur principale consideration se doit rapporter
ä eux seuls: et si autrement ils le fönt, cela leur part d'u n e d e b o n -
nairete trop a r d e n t e" (Worte des Curial. S. 211 v". 212 r"
- I. S. 1029 A. B.).
36) Lettres VI. 1 (II. S. 146 B.C.): Ohne die Zustimmung des
Parlaments kann nichts Wichtiges geschehen. „Non que pour cecy
nos Roys ayent estime se mettre sous la tutelle d'autruy: mais reduisans
par ce moyen leur puissance absolue sous la civilite de la loy, ils se sont
garentis de Venvie publique, et des importunitez de ceux qui pour leurs
faveurs particulieres, abusoient de la debon nairete de leurs
Maistres: se rendans par ce moyen aimez de leurs sujets sur tous
les Princes de VEurope: chose qui a conserve leur grandeur successive-
ment, depuis onze cents ans jusques ä huy: et a produit cela tel fruict,
que tout ainsi quHl n'y a eu peuple au monde tant obeissant ä son Roy
que le Frangois, par le passe; aussi ne se trouverent jamais Princes
tant debonnaires et favorables envers leurs sujets, que nos Roys,
n'y ayant chose qui les ait tant unis en cest entre-las de volontez, que
ce Heu general de la France, ce grand et general Parlement.'''' — Lettres
XIX. 15 (II. S. 576. 577): ,,Au regard de nostre France, nous fusmes
plus retenus: car combien que VOrdonnance soit le vray ouvrage de nos
Roys, non moins souverains dedans leur Royaume, que les Empereurs
dedans leur Empire (gemeint sind hier die römischen Kaiser), toutesfois
leurs Ordonnances n'ont aucun effect, qu'elles n'ayent este premierement
publiees et verifiees par les Cours Souveraines, des Parlements, des
Comptes, des Aydes, chacune en droit soy, selon que le subject y est dispose:
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 217
ihm verhaßt.^'^) Sie muß den Herrscher, der sie übt, ins Verderben
stürzen; sie muß dem Staat, in dem sie blüht, verhängnisvoll
werden.^^) Gerade die französische Geschichte zeigt, was die
Hochachtung vor dem Gesetz und die Verehrung der Monarchie
vermag. Vor allem aber hat das Parlament sein Verdienst an
der glorreichen Entwicklung, die Frankreich genommen. Es
war und ist der Grundstein für die Erhaltung und Fortdauer des
Staates.^^) Seinem weisen Eingreifen in die Entscheidungen
der Könige und in die Entwicklung und Gestaltung der Ver-
hältnisse, verdankt Frankreich zum besten Teil seinen Macht-
aufschwung: ,,6'i jarnais ordre politic fut sainement et sainctement
observe en quelque Republique gue ce soit, je puis dire franchement,
et est vray^ gue c'est en nostre Monarchie: car nos anciens recognois-
sans gue combien gu'entre les trois premieres especes de Republigue,
il n'y en ait point de plus digne et excellente gue la Royaute, et
encores Royaute gui vient par droict successif en ligne masculine,
et mesmement ä Vaisne, (toutes particularitez gui se trouvent en
nostre Estat) toutesfois parce gu'il peut guelguefois advenir gue
la Couronne tombe es mains d'un Prince foible et imbecille, ils
establirent un perpetuel et general Conseil par la France, gue Von
appella Parlement, non pour servir de controlle ä nos Roys, ains
par les hu?nbles remonstrances duquel se passoient les confirmations
des affaires gener ales: et V establirent non seulement dans Paris,
ville capitale de France: mais gui plus, dans le Palais, sejour ancien
et avant que les publier, elles les peuvent modifier, selon le devoir de
leurs consciences. Ce que nos Roys ordinairement regoivent de bonne
part, et ne pensent pour cela leurs Majestez en estre amoindries, ains
accreues. Que si ces modifications ne leur plaisent, on procede par humbles
remonstrances envers eux: et souventes fois s'en rendent capables: autre-
ment, il faut passer par leurs volontez: mais avec ceste condition, que
l'on insere aux Registres, les letlres avoir este publiees, verifiees, et
enregistrees par Vexpres commandement du Roy. Ce sont les Jasons
que nous apportons en ceste France, en la puhlication d'un Edict, lequel
estant verijie [qui nous tient Heu des affiches de Rome) adoncques nos
Roys, par une bienveuillance naturelle quHls portent ä
leurs subjects, reduisants leur puissance absolue saus la civilite de la
Loy, obe'issent ä leur Ordonnance.'''
37) Vgl. z. B. Lettres VI. 2 (II. S. 155 A.B.): „Vray Dieuf que
ce Quadrain de Monsieur de Pibrac me piaist:
Je hay ces mots de puissance absolue.
De piain pouvoir, de propre mouvement:
Aux saincts Decrets ils ont premierement,
Puis ä nos loix, la puissance tollue.''''
38) Lettres X. 6 (II. S. 270 B.C.): „... je ne douteray point de
dire a pleine bouche et cceur ouvert, qu'encores que la tyrannic soit odieuse
ä Dieu et au monde, et qu'ä la longue eile perde son autheur. . ."' —
Lettres XVI. 7 (II. S. 478 D.): ,,// n'y a rien qui soit de plus perilleuse
consequence ä un Prince Souverain, que quand cette opinion se löge en
luy, de pouvoir tout ce qui luy piaist.'"
3^) „...sinon que voulions dire, et justement, le Parlement de
Paris avoir este de toute anciennete, et estre la pierre fondamentale de
la conservation de nostre Estat." Rech. III. 18 (I. S. 237 B.C.).
218 KurL Claser.
de nos Roys, pour monstrer combien les effects de ceste compagnie
estoient augustes, sacrez et vcnerables" (Leitres \'l. 1. II. S. 146 A.
B.).
Mit seiner Betonung der Bedeutung und der Rechte des
Parlaments tritt Pasquier nicht in Widerspruch zu seiner Ver-
ehrung der monarchisclien Regierungsform. Er erbHckt in ihm
vielmehr eine Stütze der königlichen Macht, ein Gegengewicht
gegen etwaige tyrannische Übergriffe. Er legt sich die Frage vor,
wer berechtigt sei, die königliche Macht einzuschränken. Ehe-
mals, wie unter Hugo Capet, vermochten noch die Pairs de France
dem König entgegenzutreten. Heute ist ihr Titel ein bloßer
Schall. Auch die Etats generaux haben keine wirkliche Be-
deutung mehr. Den Glauben an die Macht der Stände, welchen
die politischen Schriftsteller sonst mit Eifer und Überzeugung
vertreten haben, teilt Pasquier nicht. ^^) Statt sie mit seinen
Zeitgenossen auf das alte Maifeld zurückzuführen, erblickt er
in ihnen eine von den französischen Königen geschaffene und
darum auch den Königen und ihrer Macht dienstbare Einrichtung.
Nur das Parlament, das er als die Fortsetzung des Maifeldes
auffaßt, hat noch sein Recht im Staate behauptet.
Die Methode der ,,Recherches" brachte es mit sich, daß
Pasquier seine Theorie an seine historischen Erörterungen an-
knüpfte. Sie ist ihm nicht Endzweck seiner Darlegungen, sie
stellt sich im Laufe der Untersuchung fast von selbst ein. Seine
Erörterungen tragen historischen Charakter; was er schreibt,
bezeichnet er selbst als ,,m« article d'histoire, non de foy" (III. 6.
I. S. 179 C.). Aus dem Charakter eines um rehgiöse Fragen
ringenden Zeitalters erklärt es sich, wenn Pasquier die Rechte
des französischen Königtums im Verhältnis zum Papsttum
ausführlich erörterte. Die Untersuchungen, welche er im 3. Buch
seiner „Recherches" über die Beziehungen von Rom zu Frankreich
und über kirchhche Fragen überhaupt anstellt. Hefern ihm das
Material dazu. Er entrollt ein wohlgelungenes Bild der all-
mählichen Entwicklung des Papsttums von seinen ersten kleinen
Anfängen bis zur Entfaltung seiner höchsten Macht, vor der
selbst die gewaltigsten Fürsten der Welt erzittern. Er geht
dabei auf die Beziehungen ein, welche das Papsttum schon früh
mit den französischen Königen angeknüpft hat, und rückt den
Anteil, welchen die letzteren an der Ausgestaltung der päpstlichen
Macht genommen haben, in das rechte Licht: „ü faut estre du
tout menteur en l'Histoire, oii recognoisire que la premiere grandeur
des Papes, en leur temporel^ procede tont de la protection que liberalite
des Franpois" (III. 4. — I. S. 170 A.). In seinen Ausführungen
*^) Allerdings hat er noch in seinem ,, Pour parier du Pri?ice"
(1560) in den Ständen ein Gegengewicht gegen die königliche Macht
erblickt. Er hat seine Ansichten in diesem Punkt später geändert.
Vgl. auch Rech. II. 1. 2. 3. 4. 7. 10.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 219
tritt der Widerspruch gegen die Eingriffe der Päpste in die fran-
zösischen Angelegenheiten bald als der beherrschende Gedanke
in den Vordergrund. An Hand der geschichtlichen Tatsachen
zeigt er, daß die Päpste unter den ersten französischen Königen
nichts im Lande zu suchen hatten (III. 9. 10.). Diese Erkenntnis
gibt ihm die Grundlage, auf welche er seine weiteren Ausführungen
aufbaut. Sie zeugen von der Gründlichkeit und dem Scharfsinn
des Forschers; sie sind belebt von der Kraft der Kritik und der
Schärfe des Spottes. Pasquier legt dar, wie der Einfluß der
Päpste in Frankreich mit dem Niedergang der königUchen Macht
und der Unwissenheit und Unfähigkeit der französischen Geist-
lichkeit Hand in Hand ging. Wohl hat es an Widerspruch gegen
die überhandnehmende Macht des Papsttums auch in den Reihen
der Geistlichen nicht gefehlt (III. 12), aber die Furcht vor den
päpstlichen Strafmaßnahmen wie das Bewußtsein der Interessen-
gemeinschaft und der Abhängigkeit von der römischen Kurie
ließen keinen Widerspruch aufkommen. Pasquier geht dem
päpstlichen System mit seinem auf den Gewissen lastenden
Druck, seiner die äußeren Ehren und Würden im Dienste der
Kirche ausbeutenden Diplomatie hart zu Leibe. Hier findet
er die eigentliche Stütze der Herrschaftsgelüste des Papsttums
und seiner sich bis auf das weltliche Gebiet erstreckenden Macht-
ansprüche. Hier ist auch der Punkt, wo seine politische Auf-
fassung zu Wort kommt. Seine Hingabe an die katholische
Religion verblendet ihn nicht über die Verwerflichkeit der welt-
lichen Machtpolitik, welche das Papsttum zum Schaden seiner
rehgiösen PfHchten treibt. Seine patriotischen Gefühle tragen
den Sieg davon. Sie bäumen sich auf gegen fremde Anmaßungen,
Ein mutiger Verteidiger der königlichen Rechte gegen die päpst-
lichen Herrschaftsgelüste, bestreitet er dem Papst jegliches
Verfügungsrecht über die weltlichen Throne, natürlich auch
über den französischen Thron: ,,Et finalemeiit quelque superiorite
gue les Papes aycnt au spirituell toutesfois ils ne peuvent par leurs
consequences mesler ä leur advantage le iemporel dedans leur spirituell
ny transferer nostre Royaume, d'une main ä autre, quelque forfait
qu'ils pretendent avoir est6 commis par nos Roys contr'eux. Sous
ces propositions et maxirues, nostre France s'est heureusement
maintenue sous la puissance des Papes, et de nos Roys: Et les
Papes ont sagement vescu en leur superiorite, tant en Rome et
Italie, qu'es autres Eglises, ainsi qu'il estoit de Dieu ordonne.
Tellement gue nos Roys ont porte tout honneur et reverence au
sainct Siege, sans rien perdre de leur authorit^, et peuvent dire
,Divisum Imperium cum Jove Caesar habet. Teile est nostre
ordinaire creance, et en icclle tout hon Franx-ois veut viirc et mourir\
(III. 13. S. 217 A.). Die Beziehung zu den Verhältnissen der
Zeit gibt Pasquiers patriotischen Worten noch eine besondere
Bedeutung: er schrieb sie in den Tagen, in welchen Frankreich
220 Karl Glaser.
unter dem Druck der durch die Liga entfesselten Religionskriege
seufzte — er sclirieb sie angesichts der Ansprüche eines Sixtus V.
Pasquicr will den französischen Staat auf seine nationale Grund-
lage gestellt wissen und weist jede Einmischung von Seiten des
Papstes zurück.*^) Mit Entschiedenheit betont er die Freiheiten der
gallikanischen Kirche^-) wie die Unabhängigkeit der französischen
Könige gegenüber Rom.^^) Klar und scharf bezeichnet er die
Schranken, an denen jeder Übergriff des Papstes oder seiner
Ratgeber scheitern muß: ,,Nous seiils entre toutes les aulres nations,
avons eil ce privilege special de nestre exposez aux passions dereglees
de ceux qui pour estre pres des Papes vouloienl abuser de leur aiitho-
riU ä nostre desadvantage. Car nous avons eu de tout temps et
anciennete, trois grandes propositions qui nous ont servi de bouclier:
Propositions non point fondees sur la voye de fait, ains de droict,
n'ayans oppose aux cetisures Apostoliques que le glaive spirituel.
La premiere est que le Roy de France ne peut estre excommunie
par l'authorite du Pape. La seconde, que le Pape n'a nulle Juris-
diction QU puissance sur le temporel des Roys: La derniere que
le Conseil general ei universel est dessus le Pape'' . . . III. 16. S.224 D.
,,Foi7d en somme les trois propositions par lesquelles, nous avons
fait bouclier contre les assauts de la Cour de Rome, lors que sans
sujet eile s'est voulu armer contre nous . . ." S. 226 B. Gegen den
Mißbrauch der Religion zu weltUchen Zwecken erhebt er ebenso
entschiedenen Einspruch*^) wie gegen die jesuitischen Grund-
sätze, die unter der Maske der Religion doch nur zu Umsturz
im Staate führen müssen.*^) Der Eifer, mit welchem er gegen
das Papsttum und seine Trabanten auftritt, läßt ihn nicht ver-
gessen, daß auch die französischen Könige nicht alles und jedes
■*^) „Or en ce qui concerne ces deux grands Estats de Rome et de
France, je vous dirai que chaque Republique a ses loix, par le moyen
desquelles eile se maintient. Le Frangois ne doit pas peu an Romain
pour sa conservation, ny pareillement le Romain au Frangois pour la
sienne. Mais tout ainsi que le Frangois ne sHngere nullement d'entre-
prendre sur le Romain en quelque fagon que ce soit, aussi le Romain
doit faire le semblable sur la France; sinon qu'en voulant perdre par
quelques opinions bizarres, il se veuille perdre soi-mesme. On ne peut
desnier au Pape sa superiorite sur le spirituel, ny a nostre Roy sur le
temporel, en et au dedans les limites de son Royaume. Qui fut cause
qu Innocent III parlant des Roys de France, est d'accord qu'en leur
temporel, ils ne recognoissent autre Superieur que Dieu et Vespee.'"
Rech. III. 17. S. 227 D.
■*'-) Vgl. z. B. Rech. III. 15 (S. 222 C): „Les libertez de nostre
Eglise Gallicane sont telles, que jamais Papes ne censurerent nos Roys,
et qui plus est, ne peurent faire sortir effect ä leurs censures, ores qu'ils
en eussent volonte."
^^) III. 18. S. 231A.
^*) III. 25. S. 258 A.: ,,Ores que la Religion soit Vun des principaux
instrumens par lequel toute Republique se contienne en son devoir, toutes-
fois c'est une impiete d^user de nostre Religion Chrestienne, comme d'une
af faire d'Estat."
"5) III. 43 ff. (S. 323 ff.), besonders S. 358.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 221
Recht gegenüber dem Papsttum haben, daß auch der weltUchen
Macht ihre Schranken gesetzt sind. Er ruft ihnen ins Bewußtsein
,,qu'il existe pour eux un plus grand juge que le pape qui transjere
les royaumes\ que ce juge chätie non-seulement ceux qui forlignent
de leur devoir, mais punit encore les enjants des fautes commises
par les peres".'^^)
Auch über die Notwendigkeit der Duldung des Kalvinismus
hat sich Pasquier wiederholt ausgesprochen. Die seit L'Hospitals
Tagen viel erörterte Frage beschäftigt ihn mehrfach in seinen
Briefen. Er erörtert und entscheidet sie ganz in demselben
Sinne wie in seiner ,.,Exhortation": die Anwendung von Gewalt
gegen die Hugenotten weist er mit Entschiedenheit von der Hand,
weil sie eine Vergewaltigung der Gewissen bedeutet und weil
ein Religionskrieg gegen die pohtisch nun einmal mächtig ge-
wordenen Hugenotten nur zum Ruin des Landes führen muß.*^)
Es lag im Zuge der Zeit, wenn Pasquier bei der Darlegung
seiner politischen Ansichten auch zu Machiavellis Staatstheorien
Stellung nahm. Er tut dies in einem Brief an Chandon. ^^) Er
beginnt im Tone der höchsten sittlichen Entrüstung: ,,/e meure,
s'il ne falloit faire mourir Machiavel et son livre, dedans un feu,
lors que dedans son institution du Prince il fut si imprudent, de
nous faire un chapitre de la Sceleratesse (ainsi se dit-il) par lequel
il enseigne comme le Prince peut parvenir ä une Principaute, et
s'y maintenir par meschancete. Mon Dieu! se peut-il faire que
ceste proposition monstrueuse soit entree en la teste d'un qui se
disoii Chrestien ... Je ne pense point qu'il y ait au monde, discours
qui contienne plus d'impiete, d'enseigner ä celuy qui doit estre la
vraye image de Dieu en ce bas estre, d'acquerir une souverainete,
par mal faire, et de luy vouloir faire accroire, par exemplc, qu'il
s'y pourra conserver. Je dy que c'est errer en l'histoire, je dy que
c'est se foun'oyer non seulement en discours, ains en sens commun."
Die Unhaltbarkeit und Verwerflichkeit der Theorie Machiavellis
tut er an dem Beispiel der römischen Königsgeschichte dar; er
wählt mit Absicht ein Beispiel, dessen Vernaclilässigung er
Machiavelli, dem Kenner des Livius, zum Vorwurf maclit. Er
zeigt, wie die Fürsten zwar durch Mißbrauch ihres Amtes zu
Macht gelangen, wie sie aber durcli dieselben verwerflichen Mittel
auch wieder ihre Maclit verheren und wie nur eine auf recht-
mäßige Weise erworbene Machtstellung behauptet \N-ird. Er
schheßt seine Betrachtung mit den Worten ab: ,,En effect, voilä
la fin des premiers Roys de Rome, qui voulurent ou parvenir ou
<<■■) III. 18.
*') IV. 10. 13. 15. Vgl. auch 17: ,,/a paix vaut mieux que la guerre."
IV. 24 sagt er im Schlußsatz: „qu'entrc toutes les Religions, la Chresti-
enne, se doive gaigner par prieres, exemples, bonnes inceurs, et sainctes
exhortations, et non par le tranchant de /'espee" (S. 114 B.).
4") IX. 7. — II. S. 231 ff.
222 Kurt (Hascr.
se maintenir par sceleratesse, en leurs Royautez. Au contraire,
vous Irouverez un Numa, iin Hoslilius^ iin Marlius, avoir eii fins
douces, calmes, et tranquilles, telles qu'avoient este leurs dignitez,
ausquelles ils estoient arrivez, et s'y estoient maintenus par les
i'oyes ordinaires qui fönt regner les bons Roys. Flaust or' d Dieu
que Machiavel^ au Heu de plusieurs autres discours, nous eust
servy de ce premier mets, comme faict ce grand Tite-Live: je croy
que ceste seure leQon, eust mieux vallu pour V instruction de nos
Roys que tout ce qu'il a deduit dedans ses trois livres'. ou pour le
moins cela luy eust servy de bride, pour ne faire point dans son
Princc, an chapitre de la nieschancete." Schließlich geht er dann noch
auf das Beispiel Borgias ein, auf welciies Machiavelli seine Theorie
basiert hat. An Hand der Geschichte des mißglückten Ver-
giftungsplanes, durch den Borgia seine politischen Widersacher
beiseite räumen wollte, legt er dar, daß wir hier das Bild fürst-
licher Verworfenheit vor uns haben, für welche die Rache Gottes
die richtige Strafe bildet. ,,Nous sommes les joüets des Roys,
les Roys sont les joüets de Dieu. Ils fönt les procez au peuple:
le peuple d eux, au semblable, par les benedictions ou maledictions
qu'il leur donne selon leurs merites ou demerites: sur lesquels Dieu
le grand Juge de nous, interpose puis apres, ses parties."
HI. Pbilippe de Commyiies.
Der Aufschwung, welchen die Staatstheorie im Laufe des
16. Jahrhunderts in Frankreich genommen, kann man in seinem
vollen Umfang erst dann ermessen, wenn man den Widerspruch
gegen das monarchische System, wie er sich zu Anfang des Jahr-
hunderts in der Form eines bescheidenen Zweifels hervorwagt,
mit der machtvollen und selbstbewußten Opposition vergleicht,
welche sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts allenthalben
breitmacht. In dieser Ent^^^cklung liegt eine ganze Summe
von Erkenntnissen und Ergebnissen verborgen; in ihr spricht
sich ein machtvoller und gewaltiger Aufschwung aus, durch den
die Erörterung der staatsphilosophischen Fragen auf ein neues
Niveau erhoben worden ist. Die Staatstheorie des 16. Jahr-
hunderts sah sich von Anfang an vor eine ähnliche Aufgabe
gestellt, wie nachmals die des 18. Jahrhunderts. Sie sah sich
einer unumschränkt gebietenden oder wenigstens um. die Be-
hauptung unumschränkter Machtbefugnisse ringenden monarchi-
schen Gewalt gegenüber. Die Verteidigung oder die Bekämpfung
des absolutistischen Systems bildet das Hauptthema ihrer Er-
örterungen und gibt den Ausgangspunkt weiterer Deduktionen
ab. ItaHen, das um die Wende des 15. Jahrhunderts in nahe
Berührung mit Frankreich getreten ist, übt einen starken Einfluß
zugunsten der absolutistischen Staatsanschauungen aus, welchem
Machiavelhs Theorie vom Fürsten Inhalt und Richtung gegeben
Beiträge zw Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 223
hat. Dazu tritt, die monarchische Theorie vielfach fördernd,
vielfach hemmend, die Anregung, welche das französische Geistes-
leben aus der Antike und aus der Bekanntschaft mit den Staats-
theoretikern des Altertums geschöpft hat. Zu Anfang des Jahr-
hunderts befanden sich die Verteidiger der monarchischen Staats-
form unbestreitbar im Besitz der Überlegenheit. Noch ist die
Theorie der Opposition zu schwach, um sich auf eigene Füße
zu stellen und an hohe Fragen zu rühren; noch lebt sie zu
stark von Widerspruch, und selbst der Widerspruch, den sie
übt, ist mehr gelegenthcher Natur und hat noch keine fest-
umrissene Gestalt angenommen. Die Opposition erstarkt erst
allmähhch. Ihr Aufschwung aus bescheidenen Anfängen zu
machtvoller Entfaltung bietet ein Bild, wie wir es so oft in der
Entwicklung des Geisteslebens beobachten können: aus kleinen
und unscheinbaren Anfängen heraus entwickeln sich die Ideen
zu einer das menschliche Denken beherrschenden und bannenden
Macht. Die Gedanken, die anfangs zerstreut auftreten, sammeln
sich und drängen nach Gestaltung in der Form des ordnenden
Systems. Der behutsame Zweifel wird zur kühnen Verneinung.
Die Idee verdichtet sich zur Theorie.
Was diesem Bilde allmähhchen Werdens in der politischen
Denkweise des 16. Jahrhunderts einen besonders eigentümUchen
Zug verleiht, ist, daß der erste Versuch eines Widerspruchs,
welchen die absolute Monarchie als System erfährt, hart
bei der Verherrlichung Hegt, mit welcher die Person ihres
Schöpfers selbst überschüttet wird. Beide, Widerspruch und
Verherrlichung, sind mit dem Namen des Mannes untrennbar
verbunden, der als der bedeutendste unter den französischen
Staatstheoretikern zu Beginn des 16. Jahrhunderts die nationale
Tradition fortsetzt, mit dessen Werk die poHtische Geschichts-
schreibung in Frankreich erst recht eigentlich beginnt"*^) : mit
dem Namen Philippe de Commynes. Es ist gewiß eine auffallende
Erscheinung, daß die ersten Bedenken gegen das unumschränkte
Hoheitsrecht des Fürsten gerade einem Manne gekommen sind,
der wie Commynes ein Bewunderer der Persönlichkeit und Ver-
dienste des Begründers der absoluten Monarchie gewesen ist und
die seltene Ehre genossen hat, der Vertraute des verschlossensten
und argwöhnischsten Monarchen zu sein, den Frankreich jemals
besessen hat.
Auf die Gestaltung der politischen Ideen und Theorien hat
Commynes einen entsciicidenden Einfluß ausgeübt. Er ist zum
,, Vorläufer der großen Oppositionsbewegung des 16. Jalir-
hunderts"^^) geworden, indem er als erster gegenüber dem Dogma
^^) Vgl. Sainte-Beuve, Causeries du lundi I (185 7). S. 243.
^^) Cardauns, Die Lehre vom Widerstandsrecht des Volks gegen
die rechtmäßige Obrigkeit im Luthertum und im Calvinismus des 16.
Jahrhunderts. Bonn, Diss. 1903, S. 29. 30.
224 KuiL Glaser.
von (lor Unfclilbnrkeit dos Absolutismus auf das Reicht dfr Stände
liinge wiesen und damit gerade diejenige Idee ausgesproc}i(;n hat,
auf die der erste große politische Theoretiker der Reformation,
Fran^ois Hotman, sein System gründen sollte.
Als Vorläufer Hotmans gewinnt Gommynes ein neues
Interesse im Zusammenhang unserer Untersuchung. Er erscheint
uns nicht mehr bloß als der Biograph und Lobredner seines
königlichen Herrn, sondern zugleich als der Mann, der durch
seinen Zweifel an der Güte und Brauchbarkeit der Monarchie
den kommenden Umsturz im Staate mit hat vorbereiten helfen.
Gommynes' Memoiren lassen, soweit es sich um die Würdi-
gung ihres literarischen Wertes handelt, eine Betrachtung unter
einem doppelten Gesichtspunkt zu, je nachdem man sie auf ihre
geschichtliche Zuverlässigkeit und Objektivität, oder aber auf
den von dem Verfasser in ihnen niedergelegten Ideengehalt,
d. h. auf die in der Beurteilung der geschichtlichen Dinge und
Personen zum Ausdruck gebrachten subjektiven Anschauungen
des Verfassers hin prüft. Die erstere Aufgabe muß der Ge-
schichtsforschung vorbehalten bleiben; sie ist, soweit ich sehe,
bis jetzt noch nicht erschöpfend geführt,^^) obwohl eine solche
Arbeit zu ähnlich dankenswerten Resultaten führen dürfte wie
die kürzlich von Gourteault geheferte Untersuchung über Monluc.^^)
Für die Geschichtsforschung kann es dabei gleichgültig sein, ob
Gommynes dieses oder jenes Ereignis so oder so beurteilt ; wenn er es
nur zuverlässig und richtig darstellt. Mit den subjektiven Zugaben,
mit denen Gommynes sein Werk reichlich versieht, braucht sich
die historische Kritik zunächst nicht weiter auseinanderzusetzen.
Anders liegen die Dinge bei der Erledigung des zweiten
Teils der Aufgabe, wie \mv sie eben bezeichnet haben. Hier
handelt es sich wesentlich darum, den Ideengehalt, der in Gom-
mynes' theoretischen Erörterungen liegt, zu ergründen. Gom-
mynes liebt es, in seiner Schilderung der geschichtlichen Ereig-
nisse Betrachtungen und Erörterungen theoretischer Natur ein-
zufügen, die, wie er an einer Stelle sagt, den ,,princes ou autres
gens de Cour" als ,,bons advertissemens" dienen sollen.^^) Theo-
^^) Vgl. Loebell, De Philippi Cominsei fide historica. Bonn 1831.
De Mandrot, Sur Vautorite historique de Philippe de Commynes in:
Revue historique. LXXIII. S. 241—257; LXXIV. S. 1—38. Nicht
gesehen habe ich: Bourrilly, V.-L. Les idees politiques de Commines
in: Revue d^histoire moderne et contemporaine. I Nr. 2 (citiert diese
Zeitschrift XXIP S. 115).
^^) Gourteault, Blaise de Monlue historien. Paris 1907.
^^) Vgl. auch die Worte: „Je ne dis ces choses principallement
que pour donner ä entendre comme les choses de ce monde se sont conduictes,
et pour s'en ayder ou pour s'en garder, ainsi qu'il pourra servir ä ceulx
qui ont ces grans choses en main, et qui verront ces Memoires: car combien
que leur sens soit grant, ung peu d'' advertissement sert aucunes fois." ed.
Dupont, Paris 1840 ff. II. S. 172. 173. Diese Ausgabe liegt den fol-
genden Zitaten zugrunde.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 225
retische Belehrungen zu geben, den Großen seiner Zeit An-
weisungen und Ratschläge zu erteilen, dazu war Commynes
mehr als andere befähigt durch die reichen Erfahrungen, die er
im Laufe seiner langjährigen Tätigkeit im Dienste der Politik
gesammelt hatte. Reifes Urteil, praktischer Sinn und reiche
Erfahrung des in Staatsgeschäften viel bewanderten Mannes
sprechen sich in diesen Ratschlägen und Erörterungen aus, in
denen große wie kleine Dinge berührt werden, von den hohen
Fragen der Politik und weiten AusbUcken auf die von Gott
gewollte ,,morahsche" Weltordnung bis hinab zu alltäghch
klingenden Ratschlägen, wie der banalen Warnung an die Fürsten,
den unter dem Eindruck genossener Mahlzeiten erteilten Rat-
schlägen nicht zu trauen. ^^)
In allem, was Commynes über staatliche Fragen sagt, steht
ihm das Bild des Fürsten vor Augen, der wie Ludwig XL im
Dienste der Politik aufgeht und sich ohne Rücksicht auf die
Wahl seiner Mittel einzig und allein die Größe seines Landes
und die Macht seines Thrones zum Ziel gesetzt hat. Ihn hat
uns Commynes geschildert, noch frisch aus der Anschauung und
Erinnerung, mehr mit seinen guten, als mit seinen schlechten
Eigenschaften, mit all seinen Ränken und Intriguen, durch die
er seine Gegner zu umgarnen und zu bezwingen wußte; ihn hat
er uns auch geschildert, wie er selbst noch nach dem Tode Karls
des Kühnen, seines gefährUchsten Feindes, nicht zur Ruhe
kommen kann. Als er, bereits mehrfach vom Schlagfluß ge-
troffen, schheßHch seine Kräfte abnehmen sieht, rafft er sich
gewaltsam zusammen. Noch kaum fähig, seine Gedanken zu
sammeln, läßt er sich die einlaufenden Berichte vorlegen und
nimmt sie selbst zur Hand wie in den Tagen, da er noch im Be-
sitz seiner geistigen Kräfte stand. Gleichzeitig läßt or für große
Geldsummen Pferde und Jagdhunde in fernen Ländern kaufen,
um dadurch im Ausland den Anschein zu erwecken, als ob er
wieder völlig genesen wäre — aber er sieht sich die Tiere kaum
an. Alles das geschieht nur, um sich und andere zu täuschen.
So hat Commynes die Gestalt des großen Königs in den
Mittelpunkt seines Geschichtswerks gestellt. Bewundernd und
verherrlichend, oft über Maß und Gebühr die Scliwächon
und Fehler verschweigend, hat er Ludwigs verschlagene und
vielverschlungene Politik geschildert, die wie keine andere in
jener Zeit für Belehrungen und theoretische Auslassungen über
politische Fragen ein weites Beobachtungsgebiet und einen reioh-
lialtigen Stoff abzugeben geeignet war.
^^) I. S. 124. Bodin g,-iff diesen Gedanken später wieder auf
in der Forderung, daß die Beratungen des ,,senal" (d. li. dos Parlaments)
stets nur am Vormittag stattfinden sollten. Vgl. auch Baudrillart,
J. Bodin et son temps. Paris 1853. S. 309.
226 l'^url Glaser.
Commynos hat von seinem königlichen Herrn ^fflcrnt. Er
hat sich die Grundanscliauung, die dieser in seiner Regierung
vertreten, zu eigen gemaciit, die Überzeugung von der Not-
wendigkeit einer in der Hand eines einsichtsvollen und gut be-
ratenen Herrschers ruhenden Monarchie. Der Wichtigkeit und
Heiligkeit des Fürstenamts, der Vorteile einer guten Monarchie,
ist er sich ebenso bewußt wie der Gefahren, in welche ein schlechter
Fürst durch die Vernachlässigung seines hohen Amts sich selbst
und das ihm von Gott anvertraute Volk stürzen muß. „Ainsi . . .
nie semble qiie Dieu ne peiilt envoyer plus grant plaj/e en ung pays,
que d'iing prince peii entendii: car de lä procedent ious aultres
maulx. Premierement en vient division et giierre: car il met Ious
jours en main d'auüruy son auctorite, qu'il debvroit plus vouloir
garder ^ que nulle aultre chose: et de cesle division procede la famirie
et mortalite, et les aultres maulx qui despendent de la guerre . . ."^^)
.,Et ce qui ne les (d. h. die „princes qui veullent vivre bestiallement" )
faict tant hlasmer, c'est la grant charge et grant office que Dieu
leur a donne en ce monde. Ceux qui sont insensez, on ne leur doibt
riens reprocher; mais ceulx qui ont bon sens, et de leurs personnes
bien disposez, et n'employent le temps en aultre chose que ä faire
les folz et d estre oysifz, on ne les doibt point plaindre, quant mal
leur advient; mais ceulx qui despartent le temps, et selon leur aage,
une fois en sens et en conseil, aultresfois en festes et en plaisirs,
ceulx lä sont bien ä louer, et leurs subjectz bien heureux d'avoir
tel prince."^^) Mit der Anschauung von der Notwendigkeit der
Monarchie hängt zusammen die Überzeugung von dem Recht
des Fürsten, die ihm zu Gebote stehenden Mittel im Dienst des
Staates zu gebrauchen. Commynes' Geschichtswerk ist wie ein
fortlaufender Kommentar zu dieser Anschauung. Es war ihm
ein leichtes, eine solche Auffassung gerade der Geschichte Lud-
wigs XI. zu entnehmen, die er selbst mit durchlebt, in deren
Ränken ihm das Verständnis für das Wesen der Politik und ihre
Künste aufgegangen war. An dem Beispiel der Regierung
Ludwigs XL hat es Commynes sehen und beweisen können,
wie ein Fürst mehr durch List als durch Gewalt, mehr durch die
kleinen Künste der Diplomatie als auf den offenen Wegen ehr-
licher Verhandlungen sein Ziel zu erreichen vermag. Der Ein-
druck der gewaltigen Erfolge von Ludwigs Politik hat Commynes
geblendet; er hat ihn verblendet über so manche Treulosigkeit,
die den Handlungen des Königs im einzelnen so reichlich an-
haftet. Hier liegt ein wichtiger Punkt für die Beurteilung Com-
mynes': die Bewunderung, die er seinem Helden im Großen zollt,
trübt seinen Blick für seine Fehler im Kleinen und Einzelnen.
Wohl ist er sich der Schwächen, welche Ludwig XL anhaften,
55) I. S. 158.
5«) II. S. 188.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 227
bewußt, „ii/z. luy et tous aultres princes qua j'ay congneu ou
servy, ay congneu du bien et du mal: cor Hz sont hommes comme
nous" (I. S. 2), aber er hebt sogleich hervor, daß die edlen und
lobenswerten Eigenschaften das Lasterhafte seines Wesens über-
strahlen und ihn eines guten Angedenkens {,,grant memoire et
louenge") würdig machen. Dem Vorwurf, die unedlen Züge
und Handlungen seines Helden beschönigt zu haben, sucht
Commynes von vornherein durch den Hinweis auf die Ludwig
wie jedem Menschen eigene natürliche Schwäche zu begegnen.
Den richtigen Standpunkt für die Beurteilung, der er Ludwig
unterwirft, sucht er durch die Vergleichung seines Helden mit
anderen Fürsten zu gewinnen, eine Vergleichung, die in seinen
Augen nur zugunsten des französischen Königs ausfallen kann.
,,Et tant ose je bien dire de luy, ä son loz, qu'il ne me semble pas
que jamais j'aye congneu nul prince ou il y eust moins de vices
que en luy, ä regarder le tout."^"^) ,,Une grace luy feit Dieu: car^
comme il Vavoit cree plus saige, plus liberal et plus vertueux en
toutes choses que les princes qui regnoient avec luy ei de son temps,
et qui estoyent ses ennemys et voisins, avec ce qu'il les passa en
toutes choses, aussi les passa il en longueur de de; mais ce ne
fut de gueres. Car le duc de Bourgongne Charles, la duchesse
d'Austriche sa fille, le roy Edouard, et le duc Galleasche de Millan,
le roy Jehan d'Arragon, tous ceulx lä estoient mors peu d'annees
paravant luy; et de la duchesse d'Austriche, du roy Edouard et
de luy, n'y eut comme riens ä dire. En tous y avoit du bien et
du mal, car Hz estoient hommes; mais, sans user de nulle flaterie,
en luy avoit trop plus de choses appartenantes ä office de roy et de
prince que en nul des aultres. Je les ay presque tous veuz, ei sceu
ce qu'ilz scavoient faire."^^) Er wird nicht müde, Ludwigs Vor-
züge vor anderen Herrschern zu schildern.^^) Daß ein Mensch
57) I. S. 3.
58) II. S. 252.
53) ,,Et entre tous ceulx que j'ay jamais congneuz, le plus saige pour
soy tirer cfung mauvais pas, en temps cfadversite, c'estoit le roy Loys XI,
nostre maistre, et le plus humble en paroUes et en habitz; qui plus trafailloit
ä gaigner ung honinie qui le povoit servir ou qui luy povoit nuyre.'' I.
S. 83. ,,Et s'it (Ludwig XI.) n'eust en la nourriture aultre que les seig-
neurs que j'ay veu mourir en ce royaubne, je ne croy pas que jamais
se just ressours: car ils ne les nourrissent seullement que ä faire les folz
en habillemens et en parolles . . ." I. S. 85. ,, . . . entre tous les princes
dont j'ay eu la congnoissance, le Roy nostre maistre Va le mieulx sceu
faire . . ." I. S. 157. ,,Mais quant on pensera aux aultres princes,
an trouvera ceulx cy grans, nobles et notables, et le nostre tres saige: lequel
a laisse son royaulme acreu, et en paix avec tous ses ennemys . . ." I.
S. 279. „ . . . il congnoissoit bien s'il estoit temps de craindre ou non.
Je luy ose bien porter ceste louange [et ne scay si je Vay dict ailleurs; et
quant je Vauroye dict, si vaull il bien estre dict deux fois) que jamais
je ne congneuz si saige komme en adi'ersite." I. S. 304. ,, . . . nostre
Roy conduisit tout saigemenf. et sera bei exemple pour ces seigneurs
jeunes, qui follcmcnl cntrcprennent sans congnoistre ce qui leur en pcull
228 Knrl Glaser.
und ein Fürst irren und felilen, daß er von anderen getäuscht
werden kann, ist ihm dabei eine selbstverständliche Tatsache:
,,Mng prince ou aultre komme qui ne fut jamais tromp^, ne scaiiroit
estre qii'une beste, ne avoir congnoissance du bien el du mal, ne
quelle difference ü y a."^^) ,,. . . il est bon a penser qu'il n'est
nul prince si saige qu'il ne faille bien aucunesfois, et bien souvent,
s'il a longue vie\ et ainsi se trouveroit de leurs faictz, s'il en estoit
dict tousjours la verite. Les plus grans senatz et conseilz qui ayent
jamais este, ne qui sont, ont bien erre et errent bien, comme on a
veu et i^oit chascun jour."^^) Man kann sich vorstellen, daß eine
solche Meinung von der Scliwäche der menschlichen Natur,
verbunden mit der immer und immer wieder beteuerten Über-
zeugung von Ludwigs Vorzügen im Vergleich zu anderen Fürsten
unseren Geschichtsschreiber dazu berechtigen konnte, über
manche Schattenseite im Wesen und Mandeln LudvNigs XI.
hinwegzusehen. ,,Les cronicqueurs n'escripvent que les choses ä
la louenge de ceulx de qui Hz parlent, et laissent plusieurs choses,
ou ne les scavent pas aucunesfois ä la verite" (II. S. 86). Für
den Argwohn, mit welchem Ludwig in den letzten Zeiten seiner
Regierung selbst seine vertrautesten Ratgeber verfolgte, hat
Gommynes die entschuldigenden Worte: „Quant ä estre sous-
pesonneux, tous grans princes le sont, et par especial les saiges,
et ceulx qui ont eu beaucoup d'ennemys et offense plusieurs,
comme avoit faict cesiuy-cy" .^^) Es empört Gommynes nicht,
daß er die Einwohner von Lüttich gegen Karl den Kühnen
aufhetzt, um sie schließUch schmähUch im Stiche zu lassen, daß
er gegen sein Versprechen Städte verbrennt, ^^) daß er die Diener
Eduards IV. von England erkauft und einen derselben, den
Großkämmerer, noch besonders lobt und schätzt, weil er über
das empfangene Geld keine Quittung ausstellen will.^^) Wenn
Ludwig ferner trotz des zu Conflans beschworenen Vertrags
unter geschickter Benutzung der Uneinigkeiten der Großen
advenir . . ." IL S. 13. ,,Et en cest article ay congneu au Roy, nostre
maistre, un grant sens: car jamais prince n'eut plus grant craincte de
perdre ses gens que luy.'^ IL S. 44. ,,La cause estoit que le sens et vertu
de nostre Roy precedoit celluy du roy Edouard d' Angleterre, qui pour
lors regnoit, combien que ledict roy Edouard estoit prince tres vaillant,
et qui avoit gaigne en Angleterre huict ou neuf batailles, esquelles tous-
jours il avoit este ä pied, qui estoit chose de grant louenge pour luy . . ."
IL S. 164. 165. Vgl. auch S. 205. 208. 251. 252. 269. 270 ff., 273:
„A la verite, il sembloit mieulx pour seigneurir ung monde que ung
royaulme.''
60) I. S. 139.
") IL S. 86.
62) IL S. 224. Besonders kraß wird Ludwigs Argwohn IL S. 263
geschildert.
63) Vgl. auch V. Karwowski, Die altfranzösische Geschichts-
schreibung in ihren vier Vertretern: Ville-Hardouin, Joinville, Froissart
und Comines. Leobschütz. Progr. 1886. S. XIX.
64) IL S. 170.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 229
seinem eigenen Bruder Karl die Normandie entreißt, so findet
sich Gommynes mit dieser Tatsache ab, indem er aus der Un-
einigkeit der Großen und dem entschlossenen Vorgehen des
Königs die Lehre abstrahiert, daß ein ,, weiser" Fürst, dem
10 000 Mann zu Gebote stehen, mehr zu fürchten sei als zehn
Fürsten zusammen, von denen jeder einzelne über 10 000 Mann
verfüge. ^^) Gommynes hält seinen Herrn sogar für fähig, Geiseln
zu stellen und dieselben mit kaltem Gleichmut preiszugeben,
wenn es sein Interesse erheischt. Und alles dies \vird in gelassenen
Worten geschildert, ganz wie es Gommynes' Art ist,^®) ohne An-
flug von Entrüstung, ohne Versuch einer richtenden Kritik. In
demselben Tone gleichgültigen Berichts erzählt Gommynes von
der Grausamkeit und den diabohschen Erfindungen des Königs,
von den eisernen Ketten mit schweren eisernen Stäben und
Kugeln, den berüchtigten ,,fillettes du Roy", von den Käfigen,
in denen er seine Opfer einzuschließen und Jahre lang gefangen
zu halten pflegte, „de rigoureuses prisons, comme caiges de fer,
et d'aultres de boys, coucertes de plagues de fer par le dehors et
par le dedans, avec terribles ferrures de quelque huict pieds de large,
et de la haulteur d'ung homme, et ung pied plus."^"^)
Solche Züge von Perfidie und Grausamkeit vermögen das
leuchtende und prächtige Bild des Königs nicht zu trüben.
Gommynes gleitet über die Schwächen im Gharakter des Königs
und über die Treulosigkeiten seiner verschlagenen Pohtik hinweg,
von dem Bestreben beseelt, die in der Wahl der Mittel rücksichts-
lose, weil einzig und allein auf die Erreichung ihrer Ziele gerichtete
Politik des großen Königs zu schildern. Den Maßstab für die
Beurteilung einer Handlung, ihrer VortreffHchkeit oder Ver-
werfUchkeit, bietet allein ihr Erfolg oder Mißerfolg. Wir müssen
es gestehen: in diesem Punkte ist Gommynes ebenso skrupellos
wie sein königUcher Herr. Er hat ihm aus der Seele gesprochen,
wenn er an einer Stelle seiner Memoiren, die so persönlich ist
wie wenig andere, offen den Grundsatz proklami(!rt: ,,d la fin
du compte, qui en aura le prouffit, en aiira Vhonneur,'"^^) und
ähnlich äußert er sich an einer anderen Stelle: „ceulx qui gaignent
en ont tousjours l'honneur."^^) Und docli trägt Gommynes den
Glauben an eine moralische Weltordnung, den Glauben au das
gerechte Walten Gottes immer und überall zur Schau. Ob
dieser Glaube wohl aufrichtig ist? Man könnte es bezweifehi
ßS) I. S. HO.
"'') Vgl. Tiinpe, Philippe de Commines, sa i'ie et ses memoircs.
Lübeck. Progr. 1879. S. ;}2.
«'') IL S. 264.
'=**) I. S. 2GG. Ein Nachklang dieser Worte bei Montaigne L 5
(ed. Sti'owski S. 27): „Qunnd ä noiis moings superslitieux, qui tenons
celuy auoir l' honneu r de la guerrc, qui en a le pro fit ..."
«9) IL S. 60.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX';'. 16
230 Kurl Glaser.
und lijil OS bezweifelt.''^) Aber es gibt der Mischungen, der kleinen
und großen Gegensätze in Commynes' Wesen und Denken so
viele, daß es nicht unerhört wäre, seinen Glauben an eine mo-
ralische Ordnung der Dinge doch für ehrlicli zu halten.''^) Nicht
bloß, daß ihm das Eingreifen Gottes in die Geschicke der Men-
schen ein beliebtes und, so dürfen wir sagen, bequemes Erklärungs-
motiv'^) für die Entscldioßungen und Handlungen der gescliicht-
lichen Pcrsönliclikeiten sowie für die oft genug gegen alle menscli-
liche Berechnung''^) sich vollziehenden Wendungen und Wand-
lungen im Gang der Ereignisse liefert — es gibt keinen Gedanken,
den er mehr und mit solchem Patlios und auch mit solcher
Überzeugungstreue ausgesprochen hätte, als den Glauben an
Gottes Gerechtigkeit. Er führt den Segen, mit dem die Fürsten
überhäuft sind,^^) den Reichtum an Gaben, deren sie sich als
die Leiter ihrer Völker erfreuen,''^) auf Gottes Gnade zurück;
er erblickt Gottes Fügung, die ^^disposition dwine", wie er ein-
mal sagt (I. S. 70), in dem gnädigen Geschick, welches Frankreicli
vor allen andern Ländern beschert ist."^^) Gottes Zorn offenbart
sich ihm in dem Eifer, mit dem das Böse bestraft und gesühnt
wird.'''') Gott erhebt und stürzt die Fürsten; er beschützt und
bedrückt die Völker;''^) er erweckt ihnen Feinde und Wider-
sacher, um sie zu strafen und zu züchtigen.''^) Niemand hat
Gottes Hand mehr gefüldt als Ludwig XL, zumal in den letzten
Zeiten seines Lebens, als er sich, auch durch die glänzendsten
'^) Sainte-Beuve, l. c. S. 245: ,,Commynes mele jrequemment
Dieu et le Ciel ä ses considerations, et Von peut se demander quelquefois
s'il le fait avec une eniicre franchise, et si ce ri'est pas pour mieux couvrir
ses hardiesses et ses malices . . ." Vgl. auch S. 251: ,,// y a lä dans
sa morale un cöte faihle que je ne pretends pas dissimuler/'' Auch W. Ar-
nold, Die ethisch-politischen Grundanschauungen des Philipp von Comynes
(Dresden. Progr. 1873) spricht S. 6 von der „oft zweifelhaften Moralität
des Comynes.^''
'1) Dieser Meinung sind, mit der bei Commynes stets notwendigen
Einschränkung, auch v. Karwowski /. c. S. XIX und Arnold /. c. S. 20.
''2) Vgl. I. S. 20. 131. 303. 337. 395. 401. — IL S. 10. 50. 52. 61.
66. 80. 85. 131. 165. 176. 181. 210. 292. 321. 333. 365. 378. 379. 496.
'3) I. S. 219. 282.
'*) I. S. 86.
75) \. S. 229; II. S. 182.
'6) I. S. 353; II. S. 196.
") I. S. 232.
'8) II. S. 67.
■^^j I. S. 70; II. S. 132 ff. {,, Discours sur ce que Ics guerres et
dii'isions sont permises de Dieu pour le chastiement des princes et
du peuple mauvais; avec plusieurs bonnes raisons et exemples advenuz
du teinps de Vauiheur, pour Vendoctrinement des princes"; S. 153 ff.
besonders S. 162: ,,Et fault donc congnoistre, i-eu la mauvaistie des
hommes, et par espccial des grans qui ne se congnoissent ny ne croyent
quHl est ung Dieu, qu'il est necessite que chascun seigneur et prince
alt son contraire pour se tenir en craincte et humilite ou aultrement
nul ne pourroit vivre souhz eulx ny aupres d'eulx."
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 23 1
Erfolge seiner Politik nicht befriedigt, selbst seine vertrautesten
Ratgeber mit Argwohn verfolgend, in die Einsamkeit seines
Schlosses Plessis-lez-Tours zurückzog. Seine Schilderung der
letzten Leiden des Königs schließt Commynes mit einer rück-
blickenden Betrachtung ab, in welcher er die Summe geschicht-
licher Wahrheit aus Ludwigs Lebensarbeit noch einmal in Kürze
zusammenfaßt: ,,. . . ne luy eust il point mieulx valUi et ä tous
aultres princes, et hommes de moyen estat, qui ont vescu souhz ces
grans, et vivront soubz ceulx qui regnent, eslire le moyen chemin
en ces choses ? C'est asscavoir moins se soucier et moins se travailler,
et entreprendre moins de choses: plus craindre d of fenser Dieu,
et ä persecuter le peuple et leurs voisins, par tant de voyes cruelles
que assez ay desclarees par cy devant, et prendre des ayses et
plaisirs honnestes ! Leurs vies en seroient plus longues; les malla-
dies en viendroient plus tard; et leur mort en seroit plus regrettee
et de plus de gens, et moins desiree\ et auroient moins de doubte
de la mort. Pourroit Von veoir de plus beaux exemples pour con-
gnoistre que c'est peu de chose que de l'homme, et que ceste vie est
miserable et brieji'e, et que ce nest riens des grans ne des petiz des
ce qu'ilz sont mors: que tout homme en a le corps en horreur et
vitupere., et qu'il fault que l'ame, sur Vheure qu'elle se separe d'eulx,
aille recevoir son jugenient."^^) So drängt sich die Erinnerung
an die über dem Menschen und seinem Tun waltenden höheren
Mächte, der AusbHck und AufbHck auf eine sittliche Ordnung
des Weltenlaufs in die verherrhchende Schilderung ein, welche
Commynes von der verschlagenen, allein von krassesten Nütz-
hchkeitsrücksichten eingegebenen Politik Ludwigs XL entwirft.
Wir stoßen hier auf eine EigontümUchkeit in Commynes' Ge-
schichtswerk, welche schon wiederholt zur Kritik herausgefordert
hat: auf den Gegensatz, der zwischen dem Lob besteht, welciies
Commynes sogar den liäßlichsten Maßregeln und den verworfen-
sten Regierungshandlungen seines fürstliclien Herrn si^^ndet,
und dem moralischen Pathos, welches er dabei doch immer und
immer wieder zur Schau trägt und bis in sein Schlußurteil über
Ludwigs Lebenswerk hineinklingon läßt. Allein dieser Gegensatz
ist mehr scheinbarer als tatsäcldicher Natur. Man hat versucht,
ihn in einen W i d e r s p r u c h umzudeuten und seine Er-
klärungsursache darin zu finden, daß es Commynes an Moral
fehle und sein Glaube an eine waltende Gerechtigkeit nur ein
fades und falsches Kokettieren sei. Aber eine solche Auffassung
wird Commynes' Eigenheit nicht gcreelit und läuft zu stark
auf eine Gleichstellung Commynes' mit Machiavelli hinaus. Sie
läßt den Unterscliied außer aciit, welcher zwischen beiden Männern
waltet. Machiavelli bringt seine Ansichten in die Form eines
geordneten Systems; Commynes dagegen verzichtet auf eine
80) II. S. 289.
16*
232 ^\'"^ (Unser.
pluiunäl.ligo Daislellung seiner politischen und staalstheoretisclion
Gedanken und ist darum der Gefahr der Inkonsequenz nicht
ganz entgangen. Machiavelli ist Theoretiker; Commynes ist
Historiker. MachiavelH betrachtet die geschichtUchen Vorgänge
im Lichte seiner Theorie und lehnt jegliciie Anerkennung morali-
scher Rücksichton und Normen in politischen Fragen grund-
sätzlich und bedingungslos ab. Commynes abstrahiert seine
Ideen aus der Beobaciitung der geschichtlichen Ereignisse und
kommt um die Anerkennung von Moralgeboten auch für das
staatliche Leben nicht herum, aber er gibt seine sittlichen Grund-
sätze zu leicht preis zugunsten der devoten Bewunderung, welclie
ihm die durch eine skrupellose Staatskunst errungenen blenden-
den Erfolge seines Helden abnötigen. Wir sehen, wie tief in
Commynes' Gedankenkreis, wie tief in seiner ,, Moral" der sein
ganzes Werk beherrschende Gegensatz eingreift: der Gegensatz
zwischen der Bewunderung, die ihn ,, dämonisch unlöslich"^^) an
Ludwig XL fesselte, und den Bedenken, die ihm sein Regierungs-
system als solches erweckt.
Commynes' politische Anschauungen erschöpfen sich nicht
in der Bewunderung von Ludwigs Größe und in der — sei es
auch nur stillschweigenden — Billigung seiner Regierungs-
handlungen. Er, der sich zum treuen und gehorsamen Verfechter
und Bewunderer von Ludwigs Regierungshandlungen macht,
entfernt sich in seinen politischen Anschauungen in vielen Punkten
von dem absolutistischen System des Königs. Hier liegt gerade
der Fortschritt, das Selbständige in Commynes' Ansichten. Was
er über den König sagt, ist mehr historisch, eine Würdi-
gung seiner Taten, so wie sie sich einem dabei beteiligten, dem
König persönHch verpflichteten^^) Beobachter darstellen. Das
persönliche Element, die Meinung des Geschichtsschreibers,
macht sich hier allein in der Form des Lobes, das den Taten des
Königs gezollt wird, oder in der Enthaltung von jeglichem Tadel
gegenüber den schlechten und verwerf hohen seiner Handlungen
bemerkbar. Für die gerechte Würdigung des Bildes, das Com-
mynes von Ludwig XL entwirft, ist es, wie wir schon hervor-
hoben, von Wichtigkeit zu beachten, daß Commynes das Lob,
das er seinem König spendet, mit der für seine ganze Beurteilung
und Auffassung des Königs grundwichtigen Einschränkung ein-
leitet, daß Ludwig das ihm gespendete Lob vielfach nur im
81) Arnold l. c. S. 53.
82) Das meint Commynes, wenn er in dem „Prologue" S. 4 von
den „graces que fay receues de Im/' (d. h. von Ludwig XL) spricht.
Desgl.: „II pourra semhler au temps advenir ä ceulx qui verront cecy,
que en ces deux princes (gemeint ist Ludwig XL und Karl der Kühne)
n'y eut pas grant foy, ou que je parle mal d'eulx. De Vung ne de Vaultre
ne vouldroye pas mal parier: et ä nostre Roy suis tenu, comme chascun
scait'\ L S. 278.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 233
Hinblick auf andere Fürsten verdient.^^) Ludwig ist vollkom-
mener als es andere Fürsten sind, aber das Ideal eines Herrschers
sieht Commynes auch in ihm, dem „prince digne de tres excellente
memoire"^^) nicht unbedingt verkörpert. Ein solches Ideal der
Vollkommenheit ist auf Erden nirgends zu finden. „A Dien
seid appartieni la perfeciion."^^) ^,Nulle creature n'est exemptee
de passion, et tous mangent leur pain en peine et en doiileur"^^)
und oft hat niemand mehr zu leiden als gerade die Fürsten.^')
Die Überzeugung, daß auch einem so vortreffhchen Fürsten,
wie es Ludwig XL in den Augen Commynes' ist, Mängel anhaften,
bildet für Commynes nicht bloß eine Entschuldigung für die
Nachsicht, mit der er seinen Helden behandelt, sondern auch
einen Antrieb und Anlaß, seine eigenen Ansichten über Staat
und Politik darzulegen, die sich mit denen des Königs nicht
immer und überall decken.
Gegenüber den absolutistischen Gelüsten, wie sie Ludwig XL
verkörpert, rückt Commynes mit einem Freimut, der seinem
königlichen Herrn nicht behagt haben würde, das Recht des
Volks in den Vordergrund. Er sucht, ohne die Notwendigkeit
der Monarchie zu bestreiten, das richtige Verhältnis zwischen den
Rechten des Herrschers und den Rechten des Volks herzustellen.
Der Steuerdruck, unter welchem das französische Volk in jenen
Tagen mehr als unter anderen Lasten zu seufzen hatte, legte es
ihm nahe, seine Erörterungen über die Befugnisse des Herrschers
und die Rechte des Volks^^) mit einer Kritik der willkürlichen
Besteuerung,^^) welcher die französischen Könige ihre Unter-
tanen unterwerfen, einzuleiten. ,,Donc . . . y a il roy ne seigneur
siir terre qui ait poi'oir^ oiiltre son domaine, de mettre iing denier
sur ses subjectz, sans octroy et consentement de ceiilx qui le doibvent
payer^ sinon par tyrannie ou viollence ?"^^) Alle Gründe, welche
für das unbeschränkte Steuererhebungsrecht des Königs sprechen,
räumt er beiseite: ,,0n pourroit respondre qu'il y a des Saisons
qu'il n,e fault pas attendre l'assemblee, et que la chose seroit trop
longue ä cornmencer la guerre et ä l'entreprendre. Ne se fault point
taut haster ^ on a assez temps: et si vous dis que les roys et princes
^^) Auf diese Einschränkung möchte ich mehr Wert legen, als auf
das, was Arnold S. 22. 23 sagt.
8*) \. S. 2.
85) I. S. 2.
8C) II. S. 540.
8') Vgl. auch II. S. 263 ff., S. 267 („il n'est nul homme, de quelque
dignite qu'il soit, qui ne soujfre, ou en secret ou en public, et par especial
ceulx qui fönt souffrir les nultres") und l)esondei'S S. 271 ff. ,, Discours
sur la misere de la vie des hommes, et principallement des princes'".
^^) II. s. 141 fr.
8^) Schon an seiner früheren Stelle I. S. 19 ff. hat Commynes an
dem Beispiel Burgunds darauf hingewiesen, daß es für ein Land be-
glückend ist, von willkürlichen Steuerauflagen verschont zu bleiben.
'■"') II. S. 141.
234 A'"/Y Glaser.
en sont irop plus jors quant Uz enlreprennent du conseil de leurs
subjedz, et en sont plus crainctz de leurs ennemys. Et quant se
vient ä soy deffendre^ on voit venir ceste nuee de loing, especialle-
menl quant c'est d'estrangiers: et d cela ne doibvent les bons subjectz
riens plaindre ne refuser: et ne scauroit advenir cas si soubdain
oü Von ne puisse bien appeller quelques ungz et personnaiges telz
que Von puisse dire: «II n'est pas faicl saus cause>, et en cela ne
user point de fiction, ne entrelenir une petite guerre ü voulenle et
saus propos, pour avoir cause de lever argent. Je scay bien qu'il
jault argent pour deffendre les frontieres et les environs garder,
guant il n'est point de guerre, pour n'estre point surprins\ et le
tout faire moderemenl: et ä toutes ces choses sert le sens d'ung saige
prince: car s'il est bon, il congnoit qui est Dieu et qui est le monde,
et ce qu'il doibt et peult faire et laisser.'"^^) Montesquieu voraus-
eilend, verweist er auf das Beispiel Englands: ,,ör, selon mon
advis, entre toutes les seigneuries du monde clont j'ay congnoissance,
oü la chose publicque est mieulx traictee, oü regne moins de viollence
sur le peuple, oü il n'y a nulz ediffices abbatuz ny desmolis pour
guerre, c'est Angleterre; et tonibe le sort et le malheur sur ceulx
qui fönt la guerre". ^^) Englands Lob hat Gomm;^Ties schon an
einer früheren Stelle^^) seines Geschichtswerks angestimmt,
indem er rühmend des engUschen Parlaments gedachte, dessen
Bewilligungsrecht die enghschen Könige zwar in Abhängigkeit
hält, ihnen dafür aber an der bereitwilHgen Unterstützung des
Volks einen starken Rückhalt sichert : ,, . . . le Roy ne peult entrc-
prendre une teile oeuvre sans assembler son parlement (qui vault
autant ä dire comme les trois Estatz), qui est chose tres juste et
saincte; et en sont les roys plus fors et mieulx servis. . ." Commynes
spricht damit in Kürze einen Gedanken aus, auf welchen er im
Zusammenhang seiner Erörterungen über das Verhältnis von
Herrscher und Volk nunmehr noch einmal mit AusführUchkeit
zurückkommt: den Gedanken, daß die ständischen Befugnisse,
statt die Rechte des Königs zu schmälern, vielmehr dazu geeignet
sind, die königliche Autorität zu stärken. Es ist eine Auffassung,
welche durch den Hinweis auf die große Königstreue des fran-
91) Vgl. dazu eine spätere Stelle II. S. 225: Karls VII. eigen-
mächtiges Vorgehen findet Commynes noch entschuldbar in Anbetracht
der besonderen Umstände, unter denen die Steuerauflagen während
seiner Regierung erfolgt sind: ,,pour lors y avoit grans matieres, tant
pour garnir les pays conquis que pour despartir les gens des compaignies
qui pilloient le royaulme, et ä cecy se consentirent les seigneurs de France,
pour certaines pensions qui leur furent promises pour les deniers qu'on
levoit en leurs terres". Aber die Fortdauer und Steigerung der Steuer-
auflagen unter Ludwig XI. haben dem schon durch die Leiden des
Kriegs hart mitgenommenen Lande unsagbaren Schaden gebracht,
das Vertrauen des Volkes auf den König erschüttert und den König
mit Mißtrauen gegen seine eigenen Untertanen erfüllt.
92) II. S. 142.
»3) I. S. 314.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frcinhr. etc. 235
zösischen Volks und der französischen Reichsstände eine be-
sondere Bedeutung gewinnt. .,.Est ce donc sur telz subjectz que
le Roy doibt alleguer privilege de povoir prendre ä son plaisir;
qui si liberallement luy donnent?"^^) Hier wie so oft wendet sich
Commynes gegen die schlechten Ratgeber in der Umgebung
eines Königs. Sie wissen nur vor der Berufung und Befragung
der Reichsstände zu warnen, unter dem für schwache Könige
schmeichelhaften Vorwand, daß die Stände bloß eine Schmäle-
rung der königUchen Autorität bedeuteten. Commynes durch-
schaut solche Höflinge; er nennt sie verächtlich ^.quelques ungz
de petite condition et de petita vertu" und sieht in ihren Warnungen
nur die Befürchtung, durch die Stände in ihrem Treiben ertappt
und entlarvt zu werden. Seinen Ausführungen über die Aliß-
achtung bestehender Rechte sucht er einen breiten Hintergrund
zu geben, indem er sich in weitschweifige allgemeine Erörterungen
über die Versündigungen der Menschheit und insbesondere über
die Fehler und Mißgriffe der Großen stürzt. ,^Les plus grans
maulx viennent voulentiers des plus fors: car les foibles ne cherchent
que patience."^^) Es ist Commynes' Art, seine Betrachtungen
mit rehgiöser Beigabe zu würzen. So findet er hier die Ursache
der menschlichen Irrungen und der Übergriffe von Seiten der
Großen in dem Mangel an Glauben. „En ce cas, je dis que c'est
faulte de foy^ et, aux ignorans, faulte de sens et de foy ensemble;
mais principallement faulte de foy, dont il rne semble rjue procedent
tous les maulx qui sont par le monde, et par especial les maulx
qu'ont partie de ceux qui se plaignent d'estre grevez et foullez d'aultruy,
et des plus fors."^^) „S'ilz avoient donc ferme foy, etqu'ils creussent
ce que Dieu et V Eglise nous commande sur peine de darnpiiation,
congnoissans leurs jours estre si briefz, les peines d'enfer estre si
horribles, et sans nulle fin ne remission pour les dampnez, feroient
Hz ce qu'ilz fönt ? II fault conclurre que non, et que tous les maulx
inennent de faulte de foy".'^'^) Auch hier wieder fühlt sich Commynes
dazu berufen, den Glauben an eine über den Fürsten stehemle
strafende Gerechtigkeit Gottes zu predigen und ihr Walten an
Beispielen aus der Geschichte des Langen und Breiten klar-
zumachen.^^)
Wir dürfen uns durch solche frommen Ergüsse nicht über
den wahren Ciiarakter von Commynes' Werk täuschen lassen. ^'•^)
9*) II. S. 145.
95) II. S. 140.
«6) II. S. 147. 148.
"') II. S. 149. Ähnlich später II. S. 162: „tous ces maulx pro-
cedent de faulte de foy".
98) II. S. 153—163.
99) Das ist der Felder Arnolds, der entschieden zu weit geht,
wenn er (S. 25. 26) den religiösen Charakter der Memoiren zu stark
betont: ,,Nun leitete ihn (Coniniynes) seine nalürliche Anlage, sotvie
seine zeitweilige Stimmung noch besonders darauf hin, das Werk
236 A'///-/ Glaser.
Das religiöse Element ist nur eine Beigabe. Der Charakter seines
Werkes selbst wird dadurch niclit berührt. Glaubensfragen
waren noch nicht in seinen Gesichtskreis getreten. Sein Denken
und Sinnen war allein auf weltliche Dinge gerichtet. Mit dem
Blick des nüchtern erwägenden Staatsmanns, der überall nur
den Vorteil sucht, musterte er die Geschehnisse seiner Zeit und
die Geschichte der Völker und Fürsten. Selbst als politischer
Theoretiker und Systematiker zu glänzen entsprach nur wenig
seinem Geschmack. So hat er denn auch die Fragen von Herrscher-
macht und Herrscherrecht nur behutsam gestreift. Die Be-
denken, welche er gegen die Vorzüglichkeit der unumschränkten
Monarchie geäußert, flössen ihm in eigentümlicher Mischung
mit der Verehrung zusammen, die er der Person ihres Begründers
entgegenbrachte. Andere folgten ihm, aber auch sie vermochten
keinen Schritt vorwärts zu tun.'^) Die absolutistische Staats-
theorie, von schwächlichen Schmeichlern verfochten, dafür aber
mit um so größerem Pathos verkündet, herrschte zu Anfang
des 16. Jahrhunderts noch unumschränkt. Es bedurfte
erst einer so umstürzlerisch und doch so fördernd in alle
Verhältnisse des Lebens und Denkens eingreifenden Be-
wegung, wie es die Reformation gewesen ist, um die von Commynes
in Umlauf gesetzten Ideen zu neuer Stärke zu erw^ecken und
die von ihm in die Wege geleitete Oppositionsbewegung mit
Kraft und Nachhaltigkeit zu erfüllen. Wie niemals vorher oder
nachher sollten religiöse Ideen über die Gestaltung politischer
Theorien entscheiden.
W'ir kommen hier an den Punkt, w^o wir zum erstenmal die
Reformation in die politischen Anschauungen der Zeit eingreifen
und eine Entwicklung vorbereiten sehen, welche, sich immer
umstürzlerischer gestaltend, Ideen und Theorien zeitigte, die
die Grundlagen der monarchischen Staatsordnung in Frankreich
erschüttert haben und, mit dem Erstarken der monarchischen
Gewalt im Zeitalter des Absolutismus vorübergehend zurück-
gedrängt, in der Aufklärungsliteratur am Vorabend der großen
Revolution eine neue Auferstehung erleben sollten. Wenn wir
schon jetzt das Verhältnis der Aufklärungsliteratur zur Refor-
mation auf eine kurze Formel bringen wollen, so können wir
sagen, daß die Aufklärung, obwohl sie ihrem Charakter nach
(d. h. die Memoiren) religiös zu vertiefen .. . Dieses Werk sollte auch
der Klerus in korrekter Orthodoxie utid humaner Tendenz approbieren
können; man merkt es ihm überall (/) an, daß es zunächst an die Adresse
eines geistlichen Herrn gerichtet ist: es sollte nicht nur für die Politik,
sondern auch für die Erkenntnis einer sittlichen Weltordnung ein
Hülfsmittel sein; in diesem Bestreben werden dem Verfasser die Per-
sonen zu tragischen Helden und ethischen Typen. . . ."
100) Vgl. besonders G. Weill, Les theories sur le pouvoir royal en
France pendant les guerres de religion. Paris 1891. S. 10 ff. und Marcks,
Gaspard von Coligny. I. (Stuttgart 1892). S. 182 ff.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Fraukr. etc. 237
keine religiöse Bewegung war und sein wollte, die freiheitlichen
Anschauungen der Reformation übernommen und in einer den
veränderten Umständen und Zielen entsprechend modifizierten
Gestalt neu belebt und fortgeführt hat. In dieser FormuHerung
des Anteils, welchen die Reformation an der Aufklärungsbe-
wegung in Frankreicli genommen, hegt kein Widerspruch. Die
Reformation hatte schon früh aufgehört, eine rein rehgiöse An-
gelegenheit zu sein. Einem reUgiösen Neuerungsbedürfnis
entsprungen, war sie zu einer mächtigen Bewegung geworden,
welche sich die Durchdringung alles geistigen Lebens zum Ziel
gesetzt hatte. Mit der Übertragung auf das pohtische Gebiet
erwuchsen der Reformation neue Ideen und neue Aufgaben.
Der Kampf gegen die Autorität des Papstes erweitert sich zu
einem Kampf gegen die Hoheitsrechte der Fürsten. Mehr als
auf anderen Gebieten hat sich die Reformation hier von ihren
ursprüngUchen Zielen entfernt und ist, bis zu den umstürzlerischsten
Anschauungen fortschreitend, zu Theorien gelangt, welche der
in dem Lager der Reformationspartei entstandenen Publizistik
einen revolutionären Charakter verheben haben.
Umstürzlerische Ideen lagen Calvin, dem Begründer der
Reformation in Frankreich, ebenso fern wie Luther, dem Be-
gründer der Reformation in Deutschland.-'^^) So umstürzlerisch
Luthers Auftreten auf religiösem Gebiete wirkte, er war und bheb
in politischen Dingen ein Gegner durchgreifender Neuerungen.
Er zog das Hoheitsrecht der Fürsten nicht in Zweifel. Die welt-
liche Obrigkeit erschien ihm vielmehr als eine von Gott gewollte
Einrichtung;^^-) er predigte den Gehorsam gegen die Obrigkeit
und fand die einzig möghche Schranke für die Ausübung der
Pfliclit des Gehorsams in einem dem göttlichen Gebot zuwider-
laufenden Befehl. 1*^^) Die Völker dürfen nicht zur Selbsthülfe
greifen, sie müssen die Befreiung von einem Tj^annen Gott
anheimstellen: er ,,mag frembde Oberkeit erwecken" \^^^) er
bekämpfte alle mit dem Vorwande seiner Lehre umkleideten
1°^) Vgl. M. Lenz, Luthers Lehre von der Obrigkeit in Preuß. Jahr-
bücher 75, S. 426 — 441. E. Brandenburg, Luthers Anschauung iom
Staate und der Gesellschaft. Halle 1901. Cardauns, Die Lehre vom
Widerstandsrecht des Volkes gegen die rechtmäßige Obrigkeit im Luther-
tum und im Calvinismus des 16. Jahrhunderts. Bonn Diss. 1903. S. 1 ff.
H. Lureau, Les doctrines democratiques chez les ecrivains protestants
jrangais de la seconde moitie du XV le siede. Bordeaux 1900. S. 20 ff
i«2) Vgl. Weimarer Ausgabe XIV. S. 453 und XXIV. S. 586. Schon
im Jahre 1520 schrieb Luther: ,,weltlich gewalt [ist] gar ein gering
ding für got, und vil zu gering von yhm geacht, das man umb yhrer-
willen, sie thu recht oder unrecht, sollt sich sperren, ungehorsam und
uneinig werden" (VI. S. 259).
103) XXIV. S. 257—286 (Ermahnung zum Frieden); S. 287— 294
{Wider die mörderischen und räuberischen Rollen der Bauern); S. 294
bis 319 (Ein Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern).
10^) XXII. S. 263.
238 Kurt Glaser.
iimstürzlcrisclion Roslrfbungon und scliricb seine zornige Schrift
„llVrfer die mörderischen und räuberischen Rollen der Bauern"-,
er gab den protestantischen Fürston in der Verfügung über die
Landeskirche eine neue und starke Stütze ihrer Macht. Ahnlich
Calvin. ^^^) Die beste Regierungsform ist in seinen Augen die
Herrschaft eines einzelnen. \^ ie Luther lehrt auch er die göttliche
Einsetzung der Obrigkeit. Er faßt sie nicht allein als ein welt-
liches, sondern auch als ein kirchliches Amt auf. Der Staat ist
eine notwendige Ordnung Gottes, begabt mit Pflichten politischer
und sittlicher Art. Die Obrigkeit soll die wahre Lehre verbreiten,
sie ist vor Gott verantwortlich für die Seelen der Untertanen.
Ein Fürst, der sich gegen Gott erhobt, entsetzt sich selbst seiner
Macht und wird unwürdig, noch unter die Zahl der Menschen
gerechnet zu werden. Die staatliche Ordnung steht unter der
göttlichen Ordnung. Auch Calvin fordert, daß sich der gläubige
Christ dem Gebot der weltlichen Obrigkeit, der guten wie der
schlechten, der milden wie der tyrannischen, unterwerfen soll.
Als einzige Ausnahme läßt er den Fall gelten, daß der Herrscher
an die Religion rührt und in das Gewissen seines Volks eingreift.
Der Gottesgehorsam bildet die Grenze für den Gehorsam gegen
die Obrigkeit. Es ist eine Einschränkung, welche in einer religiös
bewegten und um religiöse Forderungen und Ideale kämpfenden
Zeit von größter und folgenschwerster Bedeutung werden mußte.
Calvins Formulierung eines Ausnahmefalls in der Gehorsams-
pflicht der Untertanen gegen die weltliche Obrigkeit sollte der
Ausgangspunkt und zugleich die Rechtfertigung für die sich
im Schöße der neuen Kirche in Frankreich mehr und mehr ent-
wickelnden demokratischen und revolutionären Tendenzen werden.
Gegenüber dem polemischen Charakter, welchen die Literatur
bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts trägt, gewinnt in der zweiten
Hälfte des Jahrhunderts die theoretisierende Tendenz die Herr-
schaft in der politischen Literatur.^^^) Die anfänglich nur zer-
streut und behutsam auftauchenden Ideen sammeln und klären sich
und verdichten sich zu fest umrissenen Theorien. Die Ver-
teidigung und Rechtfertigung von Fall zu Fall, wie sie die huge-
nottische Publizistik anfänglich geübt, genügt bald niclit
mehr. Die Zeitumstände, welche sich mit immer größerer Schärfe
zu einem Kampf der katholischen und hugenottischen Parteien
um die Herrschaft auf französischem Boden zuspitzen, erfordern
eine Abwehr der feindlichen Angriffe auf der ganzen Linie und
eine mutige Bekämpfung des gegnerischen Systems in allen
'^^^) Über Calvins pohtische Theorien vgl. auch Mealy, Les publicistes
de la Reforme sous Frangois II et Charles IX. 1903. S. 41 — 52 und
Marcks 1. c. S. 296 ff. S. 333 ff.
106) Vgl. Lenient, La satire en France ou la litterature militante
au XV le siede (Paris 1866). S. 320. 321 und diese Zeitschrift
XXXIIIi S. 98—100.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 239
seinen Teilen; sie erheischen vor allem auch systematisch ge-
ordnete Darlegungen und ausführUche Rechtfertigungen der
eigenen Parteibestrebungen und politischen Machtansprüche
gegenüber den Forderungen und Ansichten des Gegners. Die
Theorie greift in die schwebenden Zeitfragen ein und tritt in
den Dienst beider Parteien, in deren Interesse die theoretischen
Erörterungen neue Mittel und Waffen zum Kampf werden.
Den entscheidenden Wendepunkt in dieser Entwicklung
bezeichnet die Bartholomäusnacht.^*^'^) So stürmisch und kriege-
risch auch der Ton der politischen Schriftstellerei und Poesie
bisher gewesen war, so mannigfach auch die umstürzlerischen
Gedanken waren, welche namentlich in der hugenottischen
Publizistik zum Ausdruck kamen — vor der Person des Königs
und vor der königlichen Würde hatten auch die verwegensten
Neuerer Halt gemacht. Da, wo das Eingreifen des Königs schwer
zu leugnen oder zu verkennen war, hatte man bisher die Schuld
seinen Ratgebern gegeben, die, wie der Kardinal von Guise,
einen maßgebenden Einfluß auf den Gang der Politik ausgeübt
hatten. ^**^) Seit der Bartholomäusnacht tritt die Person des Königs
selbst in den Vordergrund und wird zum Ziel der Angriffe von
Seiten der Hugenotten. Du Plessis-Mornay zeichnete die Situation
richtig, wenn er in jenen Jahren (1576) schrieb: ,^l' Estat s'est
crevasse et ebranle clepuis la journee de Saint- Barthelemy, depuis,
dis-je, que la foi du prince envers le sujei et du sujet envers le prince,
qui est le seul ciment qui entretient les Estats en un, s'est si outra-
geusement dementie}^'^) Die bisher übliche Scheidung des Königs
von seinen Ratgebern macht einer neuen Scheidung, welche
aus dem Begriffe Monarch selbst hergeleitet ist, Platz: der Schei-
dung von König und Tyrann. Die Angriffe gegen die Person
des Königs erweitern sicli zum Angriff auf das Königtum als
solches. Verfassungsfragon allgemeiner Natur werden jetzt
Gegenstand der Erörterungen. Die Rechte der Untertanen
werden den Recliten des Monarchen entgegengesetzt. Die Vor-
züge und Nachteile der verschiedensten Verfassungsformen
werden gegenseitig abgewogen. Seit der Bartholomäusnacht
treten die staatstheoretischen Erörterungen somit in ein neues
Stadium ein. Sie gewinnen neue Ziele, sie finden neue Stoffe.
Durch die Ausbildung zu festen Tlieorien nehmen die politischen
Ideen eine klarere und deutlichere Gestalt an. Die Form des
ordnenden Systems verleiht ihnen eine Kraft und Wirkung,
welche ihnen bei allem Schwung und aller Kühnheit bisher doch
immer noch gefehlt iiatte.
1"'') Baudrillart, J. Bodin et son temps. Paris ISiiS. S. 49.
108) Vgl. diese Zeitschrift XXXIP S. 243 ff.
10^) Remontrance aux Estats de Blois pour la paix, sous la personne
d^un catholique roniain, ran 1576. S. 36 = Memoires de Du Plessis-
Mornay (Paris 1824) II. S. 70.
240 ^\"^/ Glaser.
IV. Fran^oiN Ilotman.
Die Umwandlung, welcho seit der Bartholomäusnacht in
dem Charakter der pohtisclien Literatur vorgeht, findet in Hot-
mans ,^Franco-Gallia" iliren frühesten und prägnantesten Aus-
druck.^^^) Hier haben wir zum ersten Male ein wohldurchdachtes
fertiges System vor uns.^^^) Mit seiner ,,Franco-Gallia" hat sich
Hotman zur Höhe der philosophiscli-historischen Betraclitung
erhoben. Seine bisherige größte Leistung auf dem Gebiet der
pohtischen Schriftstellerei, sein „Tygre" war noch ganz und
gar im Geiste politischer Leidenschaftlichkeit und Invektive
gehalten und übertraf alle anderen Produktionen jener Tage an
Wucht und Wirkung der Sprache. ^^2) Und noch die Bartholo-
mäusnacht hat ihm den Stoff zu einem Pamphlet geliefert,^^^)
in welchem er unter dem Pseudonym Varamundus die Anstifter
des Mordens als Verräter an der Sache des Vaterlandes hin-
stellt und offen zum Abfall von dem König, dem Mörder seines
Volks, auffordert. Diese Periode stürmischer Schriftstellerei hat
Hotman mit seiner ^^Franco-Gallia" überwunden. Den neuen
Aufgaben, welche die durch die Bartholomäusnacht geschaffene
Lage an die Publizisten stellt, sucht er gerecht zu werden, indem
er die neuen Probleme auf neuem Wege zu lösen sucht. Er
verbindet die historische Untersuchung mit der theoretischen
Spekulation und sucht so zu dem Erweis seiner These von der
Schädlichkeit der absoluten Monarchie und der Notwendigkeit
eines starken ständischen Regiments vorzudringen. In groß-
artiger Weise unternimmt er den Versuch, zum ersten Male die
1^°) Zuerst in lateinischer Ausgabe erschienen unter dem Titel:
,, Franc. Hotomani Jurisconsulti Francogallia. Ex ojficina Jacobi
Stoerii. 1573." Verglichen habe ich damit die französische Über-
setzung: ,,La France -Gaule'' in den ,,Memoires du regne de Charles
/Z" (Middelbourg 1578. 11. S. 375 v« ff.). Von lateinischen Ausgaben
habe ich sonst die noch von Hotman selbst besorgte, erweiterte von
1586, sowie eine in Frankfurt 1665 gedruckte herangezogen.
1^1) Völlig verkehrt ist das Urteil von Dareste: „sa (d. h. Hotmans)
politique a ete ce qu'elle devait etre, une politique de circonstance. Appor-
tant dans sa polemique les memes habitudes d'esprit que dans Vetude du
droit, des lettres et de la theologie, il fit des plaidoyers et des consultations
plus que des theories ... Ce serait donc peine perdue que de discuter
ä fond ses arguments comme on discute un Systeme'' [Revue de Icgislation
et de jurisprudence. Paris 1850. S. 288).
112) Vgl. diese Zeitschrift XXXIIi S. 250—260.
1^^) „De furoribus gallicis." Die Autorschaft Hotmans wird
neuerdings von Elkan, Die Publizistik der Bartholomäusnacht (Heidel-
berg 1905) S. 31 ff. bestritten. Elkan vermutet den Verfasser in
Ricaud, einem Prediger in Lyon, und meint, daß die Schrift auf An-
regung Bezas verfaßt ist und ,, gewissermaßen das offizielle hugenottische
Geschichtswerk über die Blutnacht" darstellt (S. 33). Indessen kommt
Elkan selbst nicht ganz um Hotmans Autorschaft — oder wenigstens
Mitarbeiterschaft — herum. Er sagt S. 35: „Beza (und vielleicht
auch Hotman) hat aber offenbar an der Redaktion teilgenommen."
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 241
geschichtlichen Tatsachen und Verhältnisse zugunsten der kon-
stitutionellen Ideen zu verwerten. Die Geschichtswissenschaft
wird ihm aus einem Inventar historischer Ereignisse zu einem
Beobachtungsgebiet, aus welchem er für die Gegenwart seine
Lehren gewinnt.
Wenn auch die Subjektivität der Auffassung unseren Ver-
fasser oft zu willkürlicher Beurteilung und Auslegung geschicht-
licher Tatsachen, zu manch verkehrter Behauptung, zu manch
irrigem Schluß hat gelangen lassen, so behält doch gerade dieser
stark persönliche Zug seinen eigentümlichen Wert für die Ge-
schichte der politischen Theorien. Ohne ein stark hervortretendes
subjektives Element ist die Erschaffung neuer Theorien, ist eine
Theorie überhaupt nicht möglich. In Hotmans „Franco-Gallia"
blickt die Theorie überall durch, weniger allerdings in der An-
lage des Werks, welches im großen und ganzen der chronologischen
Ordnung folgt und, von wissenschaftlichem Standpunkt betrachtet,
als der ,, erste Versuch einer auf eingehenden Quellenstudien
fußenden Darstellung der französischen Verfassungsgeschichte"^^*)
gelten darf, um so mehr aber gewinnt für die Zwecke unserer
Untersuchung die Art und Weise an Bedeutung, wie der Ver-
fasser mit dem von der Geschichte überlieferten Material ver-
fährt. Hotman sucht die Geschehnisse der Vergangenheit mit
den Ereignissen und Situationen der Gegenwart in Beziehung
zu setzen und aus der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart
zu gewinnen. Er beginnt mit dem Satz: ,,Cogitanti mihi de
Francogalliae nostrae institutis, quantum ad usum Reipub[licae]
nostrae^ et horum temporum opportunitatem satis esse videbitur,
conscribere . . ." In welchem Sinne diese Aufgabe aufgefaßt
wird, lehrt schon die Vorrede, die dem Werk vorausgeschickt
ist als Widmung an den Pfalzgrafen bei Rhein, dem Hotman
mehrfach nahe getreten war.
Wir haben hier keins der nichtssagenchm konventionellen
Widmungsschreiben, sondern vielmehr die Ankündigung eines
weitblickenden Programms und zugleich den mannhaften Aus-
druck einer külm und mutig zur Tat auffordernden Vaterlands-
liebe vor uns. Hotman sah sich, als er zur Feder griff, um seine
^^Franco-Gallia" zu schreiben, vor eine doppelte Aufgabe gestellt.
Eine theoretische Begründung der politischen Haltung der
kalvinistischen Partei war seit der Bartholomäusnacht zu einer
zwingenden Notwendigkeit geworden. Niemand mochte das mehr
empfinden als'llolman, der sich durch seine juristischen Studien
den Bück für die Fragen und Erscheinungen des öffentlichen
Lebens geschärft hatte und schon wiederliolt in iliplomalischen
Missionen tätig gewesen war. Zugleich aber forderten in der
Theorie, die Hotman zu geben unternahm, die Zeitumstände
"*) Cardauns S. 61.
212 A';//-/ Glaser.
gebieterische Rücksicht. In den eigentümlich verwickelten und
verworrenen politischen Verhältnissen des damaligen Frankreichs
konnte eine Theorie nur dann Anklang finden und Wirkung aus-
üben, wenn sie die brennenden Fragen der Zeit aufgriff und den
Forderungen des Tages Rechnung zu tragen wußte. So tritt
in der .,Franco-Gallia" die Beziehung zur Zeit von vornherein
mit Deutlichkeit hervor. Den Blick auf das Frankreich seiner
Tage richtend, schreibt er den Satz: ,, Verum enini vero, dicet
aliqais, clelira interdum patria est, mentisgiie errore afficitiir: ut
Plalo de sua locutus est: interdum etiam furore amens crudeliter
bacchatur, atque in sua viscera saevit. Primum cautio est, ne
alienam culpam innocenti patriae ascribamus." Zum Beleg seiner
Behauptung zitiert er Beispiele aus der antiken Geschichte,
aber man merkt es ihm an, daß er Frankreich im Auge hat.
Mit dem düsteren Bild, das die Erinnerung an das Elend seines
Vaterlandes wachruft, verknüpfen sich für ihn Erinnerungen
persönlichster Natur. Er preist diejenigen glücklich, die auf
heimischem Boden bleiben und ihre Tage in Frieden verbringen
können. Ein solches Glück, so klingt es uns aus seinen Worten
entgegen, war ihm selbst nicht beschieden gewesen. Nach seinem
Übertritt zum protestantischen Glauben hatte er, erst 24 Jahre
alt, vor dem Zorn seines Vaters aus dem väterlichen Hause
fliehen und sich nach der Schweiz wenden müssen (1548). Sein
Leben war hinfort ein rastloses Wandern von Ort zu Ort ge-
wesen. Von der Schweiz war er schließlich an die Universität
nach Straßburg übergesiedelt, stets rastlos arbeitend, für die
Sache der Reformation eifrig werbend und unermüdUch in diplo-
matischen Sendungen tätig. Auch seine endliche Rückkehr auf
französischen Boden im Jahre 1567 hatte ihm nicht die ersehnte
Ruhe gebracht. Von Bourges, wo er als Professor der Rechts-
wissenschaft wirkte, war er von der katholischen Bevölkerung
vertrieben worden. Die Bartholomäusnacht, welche allenthalben
im Lande Nachahmung gefunden, hatte ihn mit noch schlimmeren
Gefahren bedroht. Er war ihnen nur mit genauer Not durch
seine Flucht nach Genf entgangen, von wo er dann seine „Franco-
Gallia" in die Welt hinausschickte.
Von dem traurigen Bild, das Frankreich bietet, erhebt
Hotman den Blick zu dem Pfalzgrafen, Er ruft ihm ins Ge-
dächtnis zurück, daß er seit bereits 16 Jahren in Ruhe und Frieden
über sein Land regiert; er fordert ihn auf, auch fernerhin seines
Herrscheramts mit Wohlwollen und Friedfertigkeit zu walten:
,,Anni sunt, ut opinor, sexdecim, Princeps illustrissime, ex quo
Deus Opt. Max. partem Germaniae Rhenanae non exiguam fidei
ac potestati C. T. commendavit. Vix dici potest, quantam ex eo
tempore tranquillitatem, et tanquam in pacato mari malaciam
toto Palatinatu videre licuerit: quam pacata semper sedataque
omnia, quam pie, sancte, et religiöse constituta. Made igitur isla
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 24-3
mansuetudine, clementissim^ Princeps: quod ego, quantum et
animi et corporis viribus contendere possum, iterum exclamo:
macte isla virtute placida et mansueta: non quemadmodum Seneca
memoriae prodidit, moris apud Romanos fuisse, ut sanguinolentis
et ex acie redeuntibus, Macellinis denique cruore madentibus
diceretur, Macte virtute. Sed macte ista mansuetudine animi,
dementia, pietate, iustitia, facilitate, et imperii ac ditionis tuae
tranquillitate."^^^) Die Beziehung zu Frankreich und seinen
kriegerischen Machthabern, welche in diesen Worten steckt, tritt
im folgenden noch deutlicher hervor: auch ideell hat Frankreichs
Ansehen schwer gelitten. Der Zudrang der studierenden Jugend
zu den französischen Universitäten, welche ehemals einen Ruhmes-
titel des Landes gebildet, hat merklich nachgelassen: ,.nunc
illas (d. h. nostras Academias) quasi maria pyratis infesta horrent,
neque secus quam cyclopicam barbariam execrantur." Hier spricht
der Universitätslehrer, der bei seiner Übersiedlung nach Bourges
zahlreiche seiner Straßburger Zuhörer nach sich gezogen hatte
und sich an der wachsenden Zahl seiner Schüler erfreuen konnte,
bis der rehgiöse Haß die fanatische Menge gegen ihn, den Huge-
notten, entflammte und einen wilden Aufruhr entfesselte, bei
dem seine Wohnung gestürmt und geplündert, seine Bibliothek
verwüstet, er selbst zur Flucht gezwungen wurde. In seinem
Schmerz um das Unglück des Landes bricht Hotman in die
Klage aus: ,,... Cuius rei meum pectus memoria exulcerat: cum
cogito miseram et infortunatam patriam duodecim iam fere annorum
spatio incendiis civilibus exarsisse. Sed multo nie acerbior excruciat
dolor, cum considero non modo tarn multos esse otiosos incendioruni
spectatores. . . . verumetiam flammas illas impiorum quorundam
vocibus ac libellis, tanquam flabellis, excitari: ad eas autem ex-
tinguendas perpaucos ac fere nullos accurrere." Aus einer solchen,
tief aus dem Herzen kommenden schmerzbewegten Erregung
heraus hat Hotman seine „Franco-Gallia" geschrieben. Er
glaubt noch an die Macht des Wortes. Er greift zur Feder, um
retten zu helfen, was nocli zu retten ist. Bei dem Brand, der
Frankreich verzehit. will er mutig zugreifen. Die bewegte, bald
wehmütig klagende, bald mutig dröhnende Sprache, in der das
Widmungssclireiben zum Dienst des Vaterlandes aufruft, klingt
allenthalben in der Schrift selbst wieder.
115) Die französische Fassung ist hier, wie vielfach, weiter und
klarer; vgl. besonders den folgenden Satz: ,,Parquoi, Prince tres-
hiunain continucz et parseverez hardiment en ceste vostre douceur et
clemcnce accoustumce, ainiant ?)neux la louange et la reputation proce-
dante de bonte et de iustiee, que celle qui procede de puissance et de force:
et suivant plusiost le train heureux de Vequite et droiture diinne, que
celui de la i'iolence et iniquitc des Roys et Princes, qui prennent plaisir
au sang humain, et qui estans retournez d'une hataille tous rouges et
sanglans veulent estre suruommcz joudroyans, victorieux, et conquerans"
(Mhnoires S. 377 v").
244 A''v/-/ Clascr.
Die Tliose, die die .^Franco-Gallia" zu erweisen unlorniniint,
findet sich in ilirom Grundgedanken gleichfalls schon in der Wid-
mung entwickelt. Es ist der Gedanke, da(j alles Elend in letzter
Linie auf dem Verfassungsumsturz beruht, welchen die Begründung
des Absolutismus durch Ludwig XL herbeigeführt hat: „Caussam
autem conjirnio esse plagam quam annis abhinc circiter cenlum
(ib illo accepil, quem constat primuni omniam praeclara majoram
nosirorum inslituta labejactasse." Den von Ludwig XL ge-
schaffenen neuen Verhältnissen setzt er die Schilderung der
Zustände entgegen, welche vorher, und zwar schon seit den Tagen
der alten Gallier, in Frankreich geherrscht haben. In der Rück-
kehr zu den Zuständen der früheren Zeiten erblickt er das Heil
für eine gesunde Neugestaltung und Entwicklung des Staates.
,,Superioribiis qiiidem mensibus in tantariim calamiiaLum cogäatione
defixus, veieres Francogalliae nostrae historicos omnes et Gallos
et Germanos evolui^ summamque ex eorum scriptis confeci eius
Status, quem annos amplius mille in Rep\iiblica'\ nostra viguisse
testanlur: ex qua incredibile dictu est quantam maiorem nostrorum
in conslituenda Republ[ica] nostra sapientiam cognoscere liceat.
ut mihi quidem nequaquam dubium esse videatur, quin ab illa
certissimum tantorum malorum remedium petendum sit. Nam
mihi atientius in istarum calamitatum caussam inquirenti, sie
Qidebatur: sicuti corpora nostra vel externa impulsu atque ictu,
vel intestinis humorum vitiis, vel senio intereunt: ita Herum publi-
carum alias hoslili impetu, alias domesticis dissensionibus, alias
vetustate confici . . . Quemadmodum autem corpora nostra externo
aliquo ictu luxata sanari, nisi membris suum quibusque in locum
et naturalem sedem restitutis, non possunt: ita Rempublicam
nostram tum denique sanatam iri confidimus, cum. in suum anti-
quum et tanquam naturalem statum divino aliquo beneficio
restituetur . . ."
Von vornherein kündigt sich so der Gegensatz zwischen den
Zuständen des alten und des neuen Frankreichs als der die Aus-
führungen der ,,Fra}ico-Gallia" beherrschende Gedanke an.
Hotman faßt diesen Gegensatz in seiner verfassungsgeschicht-
lichen Eigenheit als Gegensatz zwischen dem auf das Erbrecht
gegründeten allgewaltigen Absolutismus und der der Wahl
unterliegenden, durch die Rechte des Volks beschränkten Mo-
narchie. Durch eine aus der Vergangenheit geschöpfte Prüfung
der staatsrechthchen Stellung des französischen Königtums sucht
er die Verderblichkeit der von Ludwig XL geschaffenen absoluten
Monarchie und die Notwendigkeit einer ständischen Mitregierung
zu erweisen. Das Recht der Stände ist das Evangelium, das
Hotman verkündet. Dem Glauben an die Macht der Stände
zollt er unumwunden seinen Tribut. Er steht ganz im Bann-
kreise der ständischen Bewegung seiner Zeit. Gerade in den
Tagen, da Hotman schrieb, begannen sich die ständischen Ge-
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Fratikr. etc. 245
walten allenthalben, in Frankreich wie im übrigen Europa, zu
regen; im französischen Adel zumal war das ständische Ideal
niemals ganz geschwunden. ^^^) Die Begeisterung, mit der Hot-
man das ständische Ideal verherrhchte, diente nur dazu, der
Bewegung neue Kraft zu verleihen. Hotman ist wie geblendet
von seinem ständischen Ideal. Er sieht es schon in der Regierungs-
form^ des alten Galliens verwirklicht. Bereits die alten Gallier
kannten ständische Vertretungen oder doch wenigstens Anfänge
zu solchen. ^'^) In jeder Versammlung aus gallischer Zeit sieht
er die Keime zu ständischer Organisation. Die Volksvertretungen
sind die den Staat erhaltenden Faktoren ; sie sind die Trägerinnen
der staatlichen Größe und befinden sich im Vollbesitz der Macht.
Das gallische Königtum war ein Wahlkönigtum und kein Erb-
königtum. Die Könige der zahlreichen kleinen Staaten, in welche
das Land vor der Eroberung durch die Römer zerfiel, waren an
den Willen des Volks gebunden. ^^^) Lobenswertes weiß Hotman
von den gallischen Kleinkönigen, die er verächthch ,,Regulos"
nennt, nicht zu berichten. Sie waren gerade gut genug, um
sich von den Römern beherrschen und mißbrauchen zu lassen
und um eine kläghche, dem Lande schädliche PoHtik zu treiben.
Dem verächtlichen Urteil, das Hotman über die gallischen
Potentaten fällt, merkt man leicht an, daß es nicht auf die galli-
schen Verhältnisse allein abzielt, sondern dem Königtum als
solchem, besonders dem im eigenen Land, gilt. Das Bild, so Nvie
er es von der Monarchie für die Zwecke seiner Theorie kon-
struiert, findet er schon bei den alten Galliern in seinen wesent-
lichsten Zügen fix und fertig vor: die königliche Würde ist nicht
erblich, sie wird von der Vertreterschaft des Volks, d. h. von
dem Volke vergeben; die Könige haben nur beschränkte Befug-
nisse. Ein solches Ergebnis ist für Hotman mehr als eine schlichte,
durch geschichtliche Nachforschung gewonnene Erkenntnis; es
ist eine Tatsache, die im Zusammeniiang seiner Darlegungen
zugleich hohen theoretischen Wert gewinnt. Die ganze Art und
Weise, wie Hotman das Schlußergebnis seiner Untersuchungen
über die altgullisciien Vorliältnisse formuliert, ist bezeichnend
116) s. Marcks L S. 215 ff.
11') ,,. . . sed ita divisam in Civitates Galliam universam fuisse,
ut pleraeque Optimatum consilio rcgerentur, quae Liherae diccbantur:
ceterae Reges hnbercnf. omnes quideni hoc institutum ienerent, ut certo
anni tempore publicum gentis concilium agerent: quo in concHio quae
ad summam Reipub[licae'\ pertinerc videbantur, constituerent"' (tkl. 1573.
S. 2).
11^) ,,/« Ulis porro regnis illud observatione dignum, ncque Id'iter
praetereundum i-idetur: primum quod haereditaria non cront, sed a
populo propter juslitiae opinionem deferebantur: deinde quod Reges
non injinitum, solutum et ejfrenatum imperium habebant: sed certis
legibus ita circumscriptum, ut non minus ipsi in populi, quam populus
in ipsorum ditione ac potestate esset: ut fere illa regna nihil aliud, nisi
tnagistratus perpetui viderentur"' (^d. 1573. S. 7. 8).
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX*/'. 17
21 G Kurt (Hauer.
liicrfiir: w bcgnügl sich nicht damit, für das Bild dor altgallischon
Verhältnisse, so wie er es auf Grund seiner Quellen entwirft,
den Anspruch auf geschichtliche Treue und Zuverlässigkeit zu
erheben und seine Untersuchungen als rein historische Betrach-
tungen hinzustellen; vielmehr erweitert sich ihm das, was er auf
dem Wege historischer Untersuchung gewonnen, zu der Erkennt-
nis, daß die Verfassung der alten Gallier die bestmögliche Ver-
fassung schlechthin gewesen sei. Plato, Aristoteles, Polybius und
Cicero, die größten Kenner der antiken Staatsverhältnisse,
werden aufgeführt, um durch ihr Urteil die Richtigkeit einer
solchen Feststellung zu bekräftigen. ^^^) Alles muß herhalten,
um Hotmans Theorien zu stützen. Jeder Anlaß ist ihm recht,
um seine Ideen anzubringen. Selbst in einem Kapitel, das (wie
das 2.) der so abliegenden Frage, welche Sprache die alten Gallier
geredet haben, gewidmet ist, finden wir den Ausdruck seiner
Gesinnung wieder. Hotman führt hier aus, wie das Lateinische
in Galhen eindrang und Amts- und Gerichtssprache wurde. In
der Herrschaft der lateinischen Sprache erblickt er eine doppelte
Gefahr: einmal war sie von einer unwürdigen Prozeßwut begleitet,
der die von der katholischen Kirche um ihre Güter und Einkünfte
geführten ewigen Prozesse nur noch Vorschub geleistet haben,
dann aber diente die Anwendung des Lateinischen auch wesent-
lich dazu, um die Herrschaft der römischen Päpste auf galUschem
Boden zu befestigen. ^^^)
^^^) „Quam optimam et praestantissimam Reipub[licae] formam esse,
propterea Plato, et Aristoteles, et Polybius, et Cicero iudicarunt, quod
Regalis dominatus, si sine jreno (ut ait Plato) rdinquatur, ubi in tanta/n
omnium rerum potestatem, tanquam in lubricum locum, venerit, jaeillime
in tyrannidem delabitur. qua de caussa optimatum et delectorum aucto-
ritate, quibus eain potestatem populus permittit, tanquam jreno coercendus
est'' (ed. 1573. S. 8. 9).
^'^^) Die Stelle (Schluß des Kapitels) fehlt noch in der lateinischen
Erstausgabe von 1573. Sie lautet in den späteren Ausgaben: ,,Itaque
tantum in Gallia Latinae linguae consuetudo valuit, ut non modo leges
ad summam Regni et Reipublicae pertinentes Latinis literis conscri-
berentur . . . verum etiam Latine et litigaretur, sententiae pronuntiarentur :
ac praesertim litigandi rabiosa quadam consuetudine atque arte ex
Pontijicum Roman, curia in Galliam introducta: potissimum autem
ubi de sacerdotiis et eorum opimis vectigalibus litigari coeptum est ..."
— ,,. . • quae res dici non potest, quantam et Gallicis ecclesiis caliginem
offuderit, et poniificibus R. in auctoritatem in negotiis religionis tri-
buerit . . ." Die französische Fassung lautet: ,,Et pourtant la coustume
de parier Latin estoit tellement introduite en France, que non seulement
les loix concernans Uestat du Royauiyie, estoient escrites en Latin . . .
mais aussi Ion plaidoit et pronongoit - on les sentences en Latin: speciale-
ment depuis que la Chicanerie de la Cour de Rome se glissa en France,
y introduisant un desir jurieux de plaider: mais nommement depuis
qu'on commenga ä debattre touchant les benejices d' Eglise et revenus
(Viceux ..." — ,,0n ne sauroit dire combien cela a embrouille les Eglises
Frangoises, et quel credit a donne aux Papes sur les affaires de la Religion''.
(Memoires S. 388).
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 247
Gegen alles, was aus Rom kommt oder mit Rom zusammen-
hängt, hat Hotman die Abneigung des patriotisch denkenden
Protestanten. Die Römer, welche Galhen erobern, erscheinen
ihm wie die ^, Magna Bellua (quemadmoclum in sanctis literis
appellatur)".^^^) Seine Sympathie ist ganz und gar auf Seiten
der Gallier. Er vermerkt mit Genugtuung, daß Cäsar wie Tacitus
die Gallier über die Germanen stellen. Vor der Unterwerfung
durch die Römer waren die Gallier ein mutiges und tapferes
Volk, vor dem die Welt erzitterte. Schon in den ältesten Zeiten
schickten sie 300 000 Mann außer Landes. Die Heimat war nicht
imstande, die wachsende Volkszahl zu beherbergen. Bis nach
Rom wanderten ihre Scharen und brannten die eroberte Stadt
nieder. Nach Ungarn hinein trugen sie ihre Waffen und, die
ersten seit Herkules, wagten sie es, die Alpen zu übersteigen.
Griechenland, Makedonien und Asien wurden ihre Beute. Bei
ihrem Namen erzitterte die Welt: ,,tantusque terror Gallici nominis
erat, ut etiam Reges non lacessitij ultro paceni ingenti pecunia
mercarentur" (ed. 1573. S. 19). Die Römer erscheinen Hotman
als Ausländer und Feinde. Sie haben das edle und tapfere Volk
der Gallier um seine Freiheit und Tugend gebracht. Die Er-
oberung Galhens durch Cäsar ist in seinen Augen ein Frevel,
die Verwaltung des Landes durch die Römer ist eine stete Folge von
Rechtsverletzungen und Gewalttätigkeiten. Er belegt die Römer-
herrschaft mit dem schlimmsten Wort, das seinem Sprachschatz
zur Verfügung steht, mit dem Wort ,,tyrannis" (ed. 1573. S. 22.)
Dieselben Verhältnisse wie in der Verfassung von Altgallien
findet Hotman im Frankenreich wieder. Er bricht mit der bis
in seine Zeit hinein viel geglaubten Fabelei, daß die Franken
ihren Namen von dem Trojaner Francus herleiten, und führt
des Langen und Breiten aus, daß ihr Name die ,, Freien" be-
deutet.^^^) Diese Feststellung kommt ihm für die Beurteilung
des Verhältnisses, das er sicli zwischen Volk und Horrsclier
konstruiert, sehr zu statten. Gerade darin, daß das Volk nur
sich und nicht einem seiner Herrscher den Namen verdankt,
findet er einen Beweis für die Selbständigkeit des Volks gegen-
über seinem Herrsclier.^"^) Selbst die \\'ortdeutung wird ihm
^21) ^d. 1573. S. 17. In der französischen Fassung: „grandc beste
(ainsi qu'clle est appellee par Daniel le Prophete)'\ {Menioires S. 389 v").
^22) Kapitel IV: „De orlu Francorum, qui Gallia occupato, eins
nomen in Franciam vel Francogalliam mutarunt." V: ,,De Francorum
nomine, variisque excursionihus, et quo tempore regnum sibi in Gallia
constituerint.''''
^'^'■^) ,,D'avantage veu que les Francois eslisoyent Icur Roy ... il
n'y a propos d'estimer que le Roy ait donnc nom au pcuple: plutost
jaudroit-il dire que le pcuple auroit donne nom au Roy'' (Menioires
S. 400 r''). — ,,Drinde cum Uli populi Regem sibi crearcnt . . ., perabsur-
dum est, existimare populum a Rege potius, quam Regem a populo
denotninatum.'' (Fehlt noch in der Ausgabe von 1573.)
17*
248 Kurt. Glaser.
so zu oinem Mittel, um dio Thoorio dos froien Frankrciffis zu
rcchtfortigon. Es ist ein prüclitigos und bedeutungsvolles Zu-
sammentreffen gewesen, daß gerade demjenigen Volk, das die
Tyrannei abschüttelte und sich ehrenvoll seine Freiheit zu be-
wahren verstanden hat, der Name der ,, Freien" zugefallen ist.
Die Fassung, welche Hotman diesem Gedanken gibt, ist stark
persönlich gehalten: ,,...fe/, quod mihi verisimilius videtar,
fictam ex re et occasione appellationem fuisse: cum ii, qiii se
libertatis reciiperandae principes atque auctores profiterentur,
Francos se nominassent" . . . (ed. 1573. S. 36 . . . . ,,Valeat igitur
omen, ut Franci vere proprieque dicantur, qui Tyrannorum Ser-
vitute depulsa, honestam, etiam sub Regum auctoritate, libertatem
sibi retinendam putarunt" ... (S. 37). Der Schluß des Satzes
ist so recht bezeichnend für seine Art. Die Formulierung ist hier
mit vollster Absicht geschehen: er will die Gelegenheit wahr-
nehmen, um seine Vorstellung von dem Verhältnis zwischen
Volk und Königtum klar zu machen, und diese wieder ist mit
seiner Auffassung vom Wesen des Königtums aufs engste ver-
knüpft. Das Königtum ist nicht mit der Tyrannei zu iden-
tifizieren. Die Freiheit hat den Grundzug der fränkischen Staats-
verfassung gebildet. Die Königsherrschaft der Franken ist keine
unumschränkte gewesen. Sie haben sich ihre Könige selbst
gesetzt und haben niemals Tyrannen gehorchen wollen. ,,Itaque
reges semper Franci habuerunt, etiam tum, cum assertores se ac
vindices libertatis profitebantur: et cum sibi reges constituerunt,
non tyrannos, aut carnifices: sed libertatis suae custodes, prae-
fectos, tutores sibi constituerunt . . ." (ed. 1573. S. 37). ^2*) Auch
für die fränkische Zeit kommt Hotman somit durch eine genaue
Prüfung seiner Quellen zu dem Ergebnis, daß das Verhältnis
zwischen Volk und Herrscher sich als Abhängigkeitsverhältnis
des Herrschers vom Volk darstellt.
Das Verhältnis von Herrscher und Volk wird im nächsten
KapiteP^^) noch nach einer anderen Seite, aber doch stets unter
demselben Gesichtswinkel des Genaueren erörtert. Hotman
wirft hier die Frage auf, ob die fränkischen Könige ihre Krone
12^) ÄhnHch ed. 1573. S. 55: ,, Atque hoc quidem praeclarum ac singu-
lare maioruni nostrorum facinus eo diligentius notandum est, quod in pri-
mordiis ac prope incunabulis regni gestum, quasi quaedam testificatio
iuisse videtur ac denuntiatio. Reges in Francogallia certis legibus creari:
non Tyrannos cum imperio soluto, lihero, et infinito constitui" (— Me-
moires S. 399 r"). In späteren Ausgaben vgl. noch die folgende Stelle:
,,Ex quibus perspicuum esse arbitramur, quod initio diximus. Majores
nostros, qui vere Franci ac libertatis custodes fuerunt, non Tyrannum
sibi aut carnificeni imposuisse, qui suos cives in pecudum loco ac numero
haberet: sed ab omni tyrannica et Turcica dominandi lihidine abhorruisse:
divinumque illud preceptum arcte retinuisse: Salus populi suprema
lex esto . . ."
12^) ed. 1573. Kap. VI: ,,Regnum Francogalliae utrum hereditate,
an suffragiis deferretur, et de Regum creandorum T7iore" (S. 46 — 58).
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 249
dem Erbrecht oder der Wahl verdanken. Wie es seine Art ist,
registriert er die über die verschiedenen W^ahlen erhaltenen
Quellenzeugnisse. Er häuft Beleg auf Beleg und findet so, daß
die Frankenkönige ,,populi potius, hoc est ordinum, et (ut nunc
loquimur) statuum iudicio ac studio, quam hereditario iure con-
stitutos fuisse" (ed. 1573. S. 52).^-^) Auch hier verliert er in seinen
Ausführungen die Gegenwart nicht aus dem Auge. Er stellt die
alte Zeit als Muster hin und mißt die Zustände der Gegenwart
an den Verhältnissen der Vergangenheit. Er führt aus, daß
den Ständen allein das Bestimmungsrecht über die Thronfolge
zustand und daß die Söhne des Königs, wenn sie weniger als
24 Jahre zählten, nicht gewählt werden durften. Die Lehre,
welche sich ihm hieraus für die Betrachtung seiner Zeit ergibt,
ist eine ebenso kurze wie herbe Kritik der unter den jugendlichen
und unfähigen Königen in Frankreich eingerissenen Mißwirt-
schaft.^27)
Zu den Ubelständen, an denen ein Staat kranken kann,
rechnet Hotman auch die Herrschaft einer Frau. In einem
besonderen Kapitel^^^) führt er des Langen und Breiten aus,
daß nach dem salischen Gesetz die Frauen im Frankenreich
von der Thronfolge ausgeschlossen sind. Die Vorteile einer
solchen Erbfolgeordnung legt er mit großer Ausführlichkeit dar.
Seine Ausführungen klingen wie eine Klage über den Verlust
eines alten, durch die Praxis der Vorfahren geheiligten Rechts-
grundsatzes. Die Beziehung zu dem Weiberregiment der Katha-
rina von Medici, welche in diesen Darlegungen steckt, tritt noch
deutlicher in den Ausführungen hervor, die Hotman an späterer
Stelle^^^) der Frage widmete, ob Frauen wenigstens vorüber-
gehend die RegierungsgescJiäfte führen dürfen. Er beantwortet
natürhch auch diese Frage ablolmend. Er spricht den Frauen
jegliches Herrschcrtalent und jedes Anrecht auf Einmischung
126J Yg] aucli S. 58 (ed. 1573): „Haec autem omnia eo pertinent,
ut doceamus, regnum Francogalliae antiquitus non hereditatis iure, ut
privata patrimonia: sed ordinum ac populi iudicio et suffragiis deferri
solituni juisse'^ (= Memoires S. 407 r'^). In späteren Ausgaben noch:
,,. . . quae, ut vera essent, tarnen illud confirmarent, usque ad Caroium
Magnum Francogalliae regnum non haereditate, sed populi arbitrio
delatum fuisse.''
^^^) ,,En quoi Ion peut remarquer la sagesse de nos ancestres: qui
n''estoient nullement d'avis de commettre les affaires d'estat ü ieunes
gens, qui onl af faire de conseil mesmes en leurs affaires particuliers''
{Memoires 8. 414 r'^). ,,Qua ex re de maiorum nostrorum saf)ientia
existimare licet: qui Reipuhlicac suae gubernacula ei aetati committenda
non exisliniarunt, quae alieni consilii, etiain in pri^-atis rebus suis
administrandis, indigeret'' (Fehlt nocli 1573).
128) VIII (t^d. 1573): ,,De lege Salica, et iure niulicrum in Jieguin
parentum hercditatihüs'" (S. 65 — 71).
^2^) XIX (od. 1573): ,,An mulieres, non ut ab hereditate Regni,
sie ab eius procuratione, Francogallico iure, arceanlur"' (S. 148 — 161).
250 Kurt Glaser.
in Staatsangelegenheiten ab und führt eine lange Reihe von
verworfenen und unfähigen Königsfrauon auf, um die Scliädiicli-
keit eines Weiberregiments darzutun. Direkte Hinweise auf
Katharina von Medici fehlen zwar auch hier, aber man begreift
leiclit, was Hotman im Auge hatte, wenn er von der ,,infirmitas
consilii" der Frauen sprach^^^) und seinem Herzen Luft machte,
indem er mit dem alten Cato ausrief: ^,Date frenos impotenti
naturae, et indomito animali, et sperate ipsas modiim licentiae
facturas."^^^)
Das 10. Kapitel führt nach der Abschweifung des 9. („De
iure Regalis capillitii" ) wieder mitten in das Thema der „Franco-
Gallia" hinein, Hotman faßt das Resultat seiner bisherigen
Untersuchungen in dem Satz zusammen, daß dem Volk alles
Recht im Staate gehöre. ^^^) An das Königtum logt er den Maß-
stab an, den er sich nach dem Urteil der alten Philosophen über
die Begriffe von Monarchie und Tyrannei gebildet hat. Drei
Züge sind es, die das Wesen der Tyrannenherrschaft im Gegen-
satz zur Monarchie ausmachen: zunächst die Gewalttätigkeit
des Herrschers — aber diese wird bei den Franzosen durch die
Rechte des Volks und die Autorität der Stände gemildert; sodann
die Gewohnheit der Herrscher, zu ihrem Schutz fremde Kriegs-
völker ins Land zu ziehen — eine Gewohnheit, die, wie Hotman
„gewissen Hunden von Höflingen" '^^^) zum Trotz behauptet, bei
den französischen Königen keine Stätte findet, denn diese ver-
trauen ihre Person nur ihren Untertanen an. Ein drittes Merk-
mal der Tyrannei findet Hotman endüch darin, daß in einem
tyrannisch regierten Staat alles nur zu gunsten des Fürsten und
nichts zum Wohle des Staates geschieht. Nachdem so der Be-
griff der Monarchie (im Gegensatz zur Tyrannenherrschaft)
klargestellt ist, tritt Hotman an die Beantwortung der Kardinal-
frage seiner ganzen Untersuclmng heran, an die Frage nach dem
Wesen der besten Staatsform. Ihm ist diese Frage mit der Ord-
nung des ständischen Systems aufs engste verknüpft. Die Stände
sind die den Staat erhaltenden Mächte; das gegenseitige Ver-
1^'') ed. 1573. S. 149 [„imbecillite de iugement et de conseil qui est
en ce sexe-lä." Memoires S. 467 v^).
1^1) 6d. 1573. S. 151. 152 (,,Laschez la bride ä ceste nature [der Frau]
qui ne se peut gouverner soi-mesme, et ä cest animal rebours et farouche.""
Memoires S. 469 r^). — An anderer Stelle nennt er die Regierung
der Königin Bianca eine ,,muliebrein audaciam'''' (= ,,audace de femme".
Memoires S. 467 r*^). (Fehlt noch in der Erstausgabe von 1573.)
^^2) ,,Ac superius quidem populum non modo creandi, verumetiam
abdicandi Regis poiestatem sibi omnem reservasse, docuitnus" (S. 76) und:
,,. . . docuimus iam antea, summam populi tum in deligendis, tum in ab-
dicandis Regibus potestatem fuisse"' (S. 77) = Memoires S. 422 r**.
^^^) ,,. . . et canibus aulicis, qui nobis antehac allatrarunt, ora
obturemus" = ,,. . . que nous fermions la gueule ä certaines chiens
courtisans qui ci-devant ont abboye contre nous" (Memoires S. 423 r").
Dieser Seitenhieb ist ein späterer Zusatz zum Text der ersten Auflage,
Beiträge zur Geschichte der polit. Literalur Fraukr. etc. 251
hältnis, in dem die einzelnen Stände als Glieder des Staats stehen,
ist für die Gestaltung und Lebensfähigkeit des gesamten Staats-
organismus wesentlich bestimmend. Die beste Gliederung der
staatlichen Gewalten ist die Dreiteilung: König — Aristokratie
— Volk.^^^) In dieser Gliederung findet er mit Plato, Aristoteles,
Polybius und Cicero das Musterbild einer staatlichen Regierungs-
form. Sein Ideal ist eine Verfassung, welche sich auf der orga-
nischen Verschmelzung von Monarchie, Demokratie und Aristo-
kratie aufbaut. Volk und Monarch sind ihrer Natur nach zu
verschieden, sie müssen durch ein Bindeglied zusammengehalten
werden, und dieses findet Hotman in der Aristokratie. ^^^) In
einem gut regierten Staate hat Günstlingswirtschaft keinen Raum.
Sie erscheint Hotman gefährlich für den Staat und entwürdigend
für den König. Günsthnge sind notwendig schlechte Ratgeber,
schon deshalb, weil sie sich nur der Person des Herrschers ver-
pflichtet fühlen und dadurch allzuleicht die Pflichten gegen den
Staat vergessen. Hotmans Scheidung zwischen den Ratgebern
des Königs und denen des Königreichs^^^) war zwar an sich
nichts Neues (schon die Flugschriften, welche die Hugenotten
zur Rechtfertigung des Putsches von Amboise veröffentlicht
hatten, hatten mit dieser Scheidung operiert' ^'^), aber Hotman
verlieh ihr eine neue Kraft, indem er ihr in dem ganzen Zu-
sammenhang seiner Ausführungen einen höheren Grad von Wahr-
scheinlichkeit zu geben wußte, als es ehemals die in augenblick-
licher Verlegenheit befangenen kalvinistischen Literaten ver-
mocht hatten.
Der entscheidende Einfluß, in dem Idealstaat den Hotman
konstruiert, kommt den Ständen zu. Durch sie allein (oder
doch durch sie am besten) wird das oberste Gesetz des Staates
1^^) In späteren Auflagen wird diese GHederung der Einteikmg
entgegengesetzt, welche Claude de Seissel in seiner „Monarchie de
France'' von den Ständen gegeben hatte: Adel — Beamten- und
Kaufmannswelt — Handwerker und Bauernstand.
^^^) ed. 1573. S. 78. 79: ,,.. . paulo posterius docebinius, sumniani Begni
Francogallici administrationeni penes publicum et solenne gentis con-
cilium fuisse: quod posterior aetas Com'entum trium Statuuni appellavit.
Huius enim Regni Status is fuit, quem Philosophi veteres, in his Plato
et Aristoteles, quos Polybius imitatus est, optimum ac praestantissimum
iudicarunt: nimiruni qui e tribus generibus Regali, Optima, et Populari
mixtus ac temperatus esset: quam Beip[ublicae] formam Cicero in suis
de Reip[ublicae] libris unani ex omnibus comprobamt. ^am cum Regius
et popularis dominatus natura inter se dissideant, adhiberi tertium aliquem
oportet intermedium, et utriusque communeni, qui est Principum, sive
Optimatum: qui propter splendoreni generis et antiquitatem, ad Regiani
dignitatem acccdit: propter clientelam, et (ut i'ulgo loquimur) subiectionem
a plebeio genere tninus abkarret.''
i^") ,,primum aliud est Regni, aliud Regis consiliarium esse. Ille
Reipub[licae] uniirrsae, et in commune cansulit: hie unius hominis
commodis atque utilitatibus servit." (ed. 1573. S. 81 = Memoires S. 426 r*^).
13") Vgl. diese Zeitschrift XXXIP S. 24i ff.
252 Kiirl Glaser.
erfüllt, das Wohl dos Volks. ^^^) Auch hier wieder begründol
Ilolman seinen Standpunkt durch langatmige historische Aus-
einandersetzungen. Ständcversammlungcn hat es sclion im alten
Griechenland gegeben. Auch die Deutschen haben die Vorteile
der ständischen Einrichtungen erfahren. England, dem gelobten
Land ständischer Freiheiten, zollt er seinen Tribut. Selbst auf
das Beispiel Spaniens weist er liin und zeigt, daß lii(;r wie ander-
wärts die Stände einen maßgebenden Einfluß ausgeübt und die
Könige gezügelt und auf den Weg der Vernunft geführt
haben. ^^^)
Die Betrachtung der ständischen Verhältnisse bei den ver-
schiedensten Nationen führt Hotman zu dem Ergebnis, daß die
Rechte der Stände einen Teil des Völkerrechts bilden und dem
Schutze des Völkerrechts unterliegen.^*^) Eingriffe der Herrscher
in die Befugnisse der Stände erscheinen ihm als Verbrechen,
die an die Verletzung des Völkerrechts grenzen. Sie sind auch
Verbrechen an der Wohlfahrt des Staates, denn das oberste
Gesetz im Staatsleben ist und bleibt das Wohl des Volks, und
darüber haben die Stände zu wachen. Herrscher, die die Stände
an der Ausübung ihrer Rechte hindern, vergreifen sich an der
Freiheit des Volks, ,,illam sacrosanctam libertatem" (ed. 1573.
S. 86) und sinken zu Tyrannen herab. Der Name Tyrann ist
noch zu gut für sie. Die Ausführungen der Erstausgabe er-
weiternd, fügt Hotman in späteren Ausgaben noch den Hinweis
auf Fl. Constantinus ein, der unter Honorius in Gallien herrschte.
Er war ein Tyrann, aber er hat wenigstens nicht an die ständischen
Einrichtungen zu rühren gewagt. Mit Behaglichkeit und Genug-
tuung teilt Hotman den Wortlaut seines Erlasses über die Ein-
berufung der Stände nach Arles mit. Besonders der Schlußsatz,
in dem der Zusammentritt der Stände als eine Maßregel von
großem Nutzen für das Land hingestellt wird, mußte dabei ganz
in seinen Ideenkreis passen. ^*^) Und dieser Mann w-ar ein Tyrann!
Hotman läßt den Hintergedanken erraten: sindjidiejenigen,
^^^) Kap. X (ed. 1573): ,,Qualis Regni Francogallici constituendi
forma fuerit."
139) ed. 1573. S. 85 (= Memoires S. 428 r»).
1*^) ed. 1573. S. 86: ,,Quae cum ita se habeant, cum, inquam, gentium
ac nationum omnium commune hoc institutum semper fuerit, quae quidem
regio ac non tyrannico imperio uterentur, perspicuum est, non modo
praeclaram illam communis consilii habendi libertatem partem esse
iuris gentium, verumetiam Reges qui malis artibus illam sacrosanctam
libertatem opprimunt, quasi iuris gentium violatores, et humanae societatis
expertes iam non pro Regibus, sed pro tyrannis habendos esse." (= Me-
moires S. 428. 429).
1*1) ,,Nous entendons avoir procure le grand bien de nostre peuple
par une teile provision ..." [Memoires S. 430 r^) = „Qua provisione
plurimum et proviticialibus nostris non intelligimus, utilitatisque prae-
stare ..." (Fehlt noch 1573).
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 253
welche die ständischen Rechte mit Füßen treten, nicht viel mehr
als Tyrannen ?^*^)
An zwei weiteren Stellen desselben (10.) Kapitels tritt die
Beziehung zur Zeit noch deuthcher hervor. Hotmans Sprache
wird derber. Er schildert die alten Parlamentssitzungen und
fährt nun fort: ,,Nam ubi dies Concilii venerat., Rex ea pompa
in constitutum atrium deducebatur, quae magis ad populärem
moderationetn, quam ad Regalem magnificentiam accommodata
videbatur. Quam etsi perditis hisce temporibus aulicis assentatoribus
irrisui ore non dubitamus, tarnen quoniam pietatis pars est, Maiorum
sapientia delectari, ex antiquis monimentis exponemus. Carpento
igitur Rex in atrium vehebatur bubus tracto, quos auriga slimulo
agebat" (ed. 1573. S. 87).^"*^) Eine solche Erinnerung war einem
Hofe gegenüber, der ganz in Prunksucht und äußerem Schein
aufging, wohl am Platze. Nicht minder zeitgemäß war es, wenn
sich Hotman gegen die Herabwürdigung des Majestätstitels,
wie sie zu seiner Zeit an dem französischen Hofe überhand ge-
nommen hatte, wendete. Der König ist nur dann wirklich
Majestät zu nennen, wenn er mit seinen Ständen tagt und die
Fragen der Regierung berät, aber nicht, wenn er sich Vergnügungen
und Lastern hingibt.^"**)
Eine Beziehung zur Zeit möchte ich auch in den Ausführungen
wiederfinden, welche Hotman im 12. Kapitel dem Hausmeiertum
zur Zeit der Merovinger gewidmet hat. Der Gedanke, ein Kapitel
über die merovingischen Hausmeier zu schreiben, mußte ihm
um so näher liegen und um so eher kommen, als gerade in den
letzten Jahren der französisclicn Geschichte, wie einst unter
Chlodwigs Nachfolgern, wiederholt ehrgeizige Männer zum
vSchaden der königlichen Rechte die Herrschaft im Staat an sich
gerissen oder doch an sich zu reißen getrachtet hatten. Die
Beziehung, welclic sich aus der Botraclitung der Verhältnisse
zur Zeit der Merovinger für die Beurteilung dos Königtums
der letzten Valois ergibt, ist für das letztere nichts weniger als
schmeichelhaft. Die Könige mußten schon schwach und ohn-
mächtig sein, wenn es ehrgeizigen Strebern gelingen konnte,
die Träger der Krone unter ilu-en Willen zu beugen. Wenn
Hotman scin-ieb: „penes Regem vero, nudum atquc inanc nomen
1''-) ,,. . . Reges qui malis arlibus illani sacrosanciam libertatem
opprimunt, quasi iuris gentium violatores, et humanac societatis e.vpcrtes,
iarn non pro liegihus, scd pro tyrannis habcndns esse. Quanquarn quid
eos tyrannos appellennis, ac non ctiani atrociore vocabulo ulantur?"
(Der iotzte Salz „Quanquam . . ." fehlt noch 1573) = Mcmoires S. 429 r".
143) = Mcmoires S. 430 v«.
i-*^) M. 1573. S. 88: ,,Et profecto ita est, ut ibi denium Regalis
maiestas vere proprieque dicatur, ubi de summa Reipuh[licae] consilium
agitur: non, ut imperitum vulgus usurpare seiet, sive rex ludat, sive
saltet, sive cum mulierculis garriat, ut scmper Maiestatem Regiam
nominet". = Memoires S. 431 r*^.
254 l^^itrl Glaser.
manebat. Quod eodem modo in Francogallia nostra tum accidit:
oblata videlicet occasione, et Crescendi facultate ex Regum aliquot
inertia, desidiaque" (ed. 1573. S. 103)^^^) — so entwirft er damit
ein Bild, das auf die Könige seiner Zeit ebenso gut zutraf wie
auf die letzten Morovinger. Mag die Analogie auch bloß zufällig
sein, so bhübt docli das eine bestehen: der Hinweis auf Zeiten,
in denen die königliche Gewalt so tief gesunken war wie unter
den letzten Merovingern, mußte gewaltig wirken in Tagen, die
sich den Kampf um Reciit und Macht der königlichen Würde
in neuer Form abspielen sahen. Man vermeint eine Flugschrift
jener Tage zu lesen, wenn man da auf die Sätze stößt: ,,Itaque
dum Uli Magistri Palatii omnia ReipubflicaeJ munera obirent,
et siquod gerendum esset bellum, exercitibus praeessent, hi donii
nudo atque inani Regum nomine contenti, propter desidiam in
otio vivebant" (S. 103. 104).^'*^) „Reges Franciae ante tempora
Pipini Magni, qui Maior domus erat, expertes omnis administra-
tionis et regiminis, solo nomine regnabant: sed Maiores donus
universam Regni administrationem habebant" (S. 104).^^'^) ,,Abhinc
Francorum Regibus a solita fortitudine et scientia degener antibus,
regni potentia disponebatur per Maiorem domus, Regibus solo
nomine regnantibus: quibus moris erat principari quidem secunduni
genus, et nil agere, vel disponere" (S. 104. 105).^^^) Die folgenden
Ausführungen schränken zwar das harte Urteil über die Ohn-
macht des Königtums wieder ein, aber so genau sah das 16. Jahr-
hundert nicht zu. Einer Zeit, die ganz in Kampf und Feindschaft
lebte, war ein Wort bitterer Kritik stets willkommen.
Die Beziehung zur Zeit blickt auch in den Ausführungen
des sich inhalthch hier anschheßenden Kapitels über die Würde
und Rechte des Konnetabels und der Pairs de France^^^) durcli.
Das verfassungsgeschichtliche Ergebnis, zu dem Hotman in der
Erstausgabe seiner Schrift über die Rechte des Konnetabels und
der Pairs de France gelangt war, genügt ihm nicht mehr. Seine
politische Denkweise drängt sich hier wie auch sonst erst in
späteren Ausgaben durch: er bespricht die Zusammensetzung
des Pairsrates und erwähnt, daß sich auch Bischöfe darunter
befanden. Sofort benutzt er die Gelegenheit, um einen Ausfall
gegen die Bischöfe und die schon früh beginnende Verweltlichung
und Herrschsucht in der kathohschen Kirche zu machen. Die
katholischen Würdenträger dachten nicht an Gott und ihre kirch-
lichen Pfhchten, sie strebten nur danach, sich zu bereichern. ^^*^)
145) = Memoires S. 439 r».
146) = Memoires S. 439 r«.
147) = Metnoires S. 439 r".
148) = Memoires S. 439 r».
149) Kap. XIV ed. 1573. S. 116—124.
1^^) ,,Quibus ex verbis cognosci potest, non eosdem fuisse per id
tempus Pares Franciae, qui posteriorib[us] temporibus fuerunt: magnain-
que illorum partem, pro illorum teniporum super stitione, Archiepis[copos]
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 255
Durch keinen Gedanken aber hat Hotman mehr und nach-
haltiger auf seine Zeit und die Gestaltung ihrer politischen Ideen
eingewirkt, als durch die großartige Verteidigung der Vorzüge
des ständischen Regiments. Das 10. Kapitel hat das Idealbild
eines nach ständischsn Prinzipien geregelten Staates gezeichnet;
gleich das folgende KapiteP^^) verleiht diesem Bilde noch klarere
und schärfere Züge. Es prüft und erörtert die einzelnen Rechte
der Stände. Sie erheben und stürzen die Könige, sie beschließen
über Krieg und Frieden, sie geben Gesetze und verfügen über
die höchsten Ehrenstellen, sie haben in allen den Staat betreffen-
den Fragen das entscheidende Wort. Ihnen allein steht auch
das Verfügungsrecht über die Staatsländereien zu. Der Fürst
darf nur über seinen Privatbesitz verfügen. Alles andere Land
ist öffentliches Eigentum. ^^2) Für die damahge Zeit waren solche
Fragen von höchstem Interesse und größter Bedeutung. Alle
Welt erhob oder vernahm den Ruf nach Ständen, aber nur wenige
mögen sich über das, was sie forderten, klar gewesen sein. Da
kam Hotman und entrollte vor seinen Zeitgenossen das ver-
lockende Bild ständischer Rechte und Befugnisse, ein Bild, das
durch die Schilderung ehemals glänzender Zeiten doppelt ver-
führerisch wirkte.
Die Darlegung der ständischen Rechte tritt als der die
weiteren Ausführungen der „Franco-Gallia" belebende und
beherrschende Gedanke immer deuthcher in den Vordergrund.
An Hand der Geschichte wird gezeigt, daß, falls der König einen
minderjährigen Sohn hinterließ, die Stände die Vormundschaft
bestellten^^^) — auch das ein Hinweis, der für eine Zeit von Be-
deutung war, in der die Frage der Regentschaft im Falle der
et Episcopos juisse. Nam cum Episcopales sedes iis in locis coiisti-
luerentur, qiiibus opiniactfructuosa praedia et tanquam satrapiae attributae
Regum liberalitate fuerant, jacile cum Ulis opibus superbia Sacerdotum
crevit: ac tum praesertim. cum sacerdotia et Episcopatus non propter
muneris Ecclesiastici junctionem., sed propter opum et potentiae magni-
tudinem ad homines illustri familia natos deferri coepti sunt . . ." \ gl.
Memoires S. 449 r*': ,,. . . depuis que les benefices et Ei'eschez commen-
cerent ä tomber es mains des gentilshommes, non point pour penser au
Service de Dieu et de V Eglise, ains seulement pour s'agrandir et enrichir.''
^^^) XI (ed. 1573): ,,De sacrosancta publici Concilii auctorilate,
et quibus de rebus in eo agcretur."' S. 92 — 101.
^^'') 6(1. 1573. 8. 93: ,,Primum de creando i'el abdicando Rege: tum de
pacc et bello, de legibus pubticis: de su)nmis honnribus, praefecturis, et pro-
curationibus lieip[ublicac] de assignanda patrimonii parte liberis defuncti
Regis, vel dote jiliabus constituenda: quod Gcrmanico i'crbo Abannagium,
quasi exclusoriam partem, appellarunt: denique de iis rebus omnibus,
quae vulgus etiamnunc Negotia. Statuum populari verbo appellat: quoniam
de nulla (ut di.ri) Reip[ublicae] parte nisi in staluum sivcOrdinuni concilio
agi ius esset. Ac de creandis quidem aut abdicandis Regibus superius,
tum ex Caroti Magni testamento, tum cdam ex nliis ncloribus salis mutta
testimonio protulimus . . ."
i^-"*) yil (6d. 1573): ,,Pluribus extantibus Regis demorlui liberis,
quid iuris in hereditate observaretur.'' S. 58 — 65.
256 Kwi Glaser.
Minderjährigkeit des Königs einen hart umslrittonon Punkt
bihletc. Übcrliaupt wurde, wie zalilreiche goschichtHclio Bei-
spiele lehren, nichts ohne die Stände vorgenommen. In alle
großen und wichtigen Fragen haben sie entscheidend eingegriffen.
Ein Herrscher wie Karl der Große hat trotz seiner glänzenden
und glorreichen Siege nicht an die Macht der Stände zu rühren
und irgend etwas ohne ihre Zustimmung zu unternehmen gewagt,
und das hat weder seiner Macht noch seiner Würde Eintrag
getan. ^^*) Auch unter den Kapetingern blieb die Autorität der
Stände gewahrt. Ein ganzes Kapitel (das 17.) dient diesem
Nachweis, der, auf historische Quellen gestützt, von einer wuchtig
und faßt stoßweise hervorbrechenden Polemik belebt wird. Über-
all her trägt Hotman die verschiedenartigsten Zeugnisse dafür
zusammen, daß das ständische Bewußtsein niemals ganz ge-
schlummert hat, selbst nicht unter der Herrschaft eines Monarchen,
der so absolutistisch gesinnt gewesen ist wie LudNvig XI. ^^^) Auch
ihm gegenüber haben die Stände ihre Rechte zu vertreten gewußt,
und mehr als einmal hat er Beschwerden und Forderungen seiner
Stände zu hören bekommen. Die Verteidigung der ständischen
Rechte gegen die Krone wurde von dem Adel mit Mut und Ent-
schlossenheit, obgleich im wesentlichen erfolglos geführt. Hier
liegt aber mehr als bloß eine einfache Erhebung des Adels zu-
gunsten ständischer Rechte vor; hier handelt es sich zugleich
um einen großartigen Kampf, den der Adel im Interesse des
Staatswohls gegen die Krone geführt hat: wenn der Adel gegen
die Krone opponierte, so tat er es zugleich im Interesse des Staats-
wohls. Mit Recht hat die Geschichte deshalb auch jene Oppo-
sitionsbewegung mit dem treffenden Namen eines „Bellum
boni publici" (S. 141) bezeichnet.
Die Beurteilung der Adelsopposition gegen Ludwig XI. ist
für die ganze Anschauungsweise Hotmans bezeichnend. LudwigXI.
ist ihm das Urbild des Despoten, der durch frevlen Rechtsbruch
die alten guten Gebräuche der Vorfahren umgestürzt und die
fürstliche Willkür an die Stelle rechthcher Ordnungen gesetzt hat.
Jeder Widerstand gegen sein Regiment ist erlaubt und gerecht-
fertigt, besonders wenn er zu gunsten der ständischen Rechte
erfolgt. Ständische Rechte und Staatswohl sind für Hotman
gleichbedeutende Begriffe. Auch hier weiß er aus der Vergangen-
heit Lehren für die Gegenwart zu gewinnen. Die Erwähnung
der Adelsopposition gegen den Despotismus der Krone gibt ihm
den Anlaß, sich allgemein über das Widerstandsrecht der Unter-
tanen gegen die Krone zu äußern und seine Ansicht von der Be-
rechtigung oder Verwerflichkeit des Aufstandes vorzutragen.
So verwerfhch auch der Aufstand an sich sein mag, so berechtigt.
154) Kap. XV 6d. 1573. S. 124—131 (= Memoires S. 451—456).
155) Memoires S. 459 r".
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 257
ja notwendig erscheint er ihm für den Fall, daß es sich um den
Widerstand gegen einen tyrannisch regierenden Herrscher handelt,
um einen Kampf, den das Volk unter der Mitwirkung und Leitung
der Stände gegen eine tyrannische Regierung führt. Kurz und
klar fasst er seine Meinung in den Satz: ,,Et si omnes molestae
semper seditiones sunt, iustas tarnen esse nonnullas, et prope ne-
cessarias . eas vero iustissimas maximeque necessarias videri,
cum populus Tyranni saevitia oppressus, auxilium a legitimo
Civium conventu implorat" (S. 142). i^^) Solche Worte klingen
wie eine Rechtfertigung der politischen Haltung seiner Partei,
wie ein Appell an die Öffentlichkeit zu mutiger Verteidigung
der Rechte des Volks gegen das durch tyrannischen Mißbrauch
seiner Machtbefugnisse sündigende Königtum.
Die historischen Erörterungen erweitern sich unter Hotmans
Händen zu theoretischen Deduktionen prinzipiellen Charakters.
Schon das 13. Kapitel ist dafür bezeichnend. Seinem Titel
nach^^'^) ist es einem rein geschichtlichen Ereignis, der Entthronung
des letzten Merovingers durch Pipin, gewidmet; aber Hotman
weiß das Ereignis, dessen hohe historische Wichtigkeit er ge-
bührend in den Vordergrund rückt, in seiner prinzipiellen Be-
deutung zu fassen. Er prüft die Frage, wer Pipin zum König
gemacht hat. Die Antwort ist rasch gefunden: die Ständever-
sammlung der fränkischen Großen ist es gewesen, die Childerich
gestürzt und Pipin auf den Thron erhoben hat. Die Stände allein
haben ja das Recht, Könige ein- und abzusetzen. Den Anteil
der Großen übertreibt Hotman natürlich auch hier, ganz im
Sinne seiner These. Die von römischer Seite vertretene Be-
hauptung, daß der Papst Zacharias die Absetzung Childerichs
und die Erhebung Pipins verfügt habe, wird in fast erregtem
und leidenschaftlichem Tone zurückgewiesen. Der Papst hat nur
einen Rat erteilt, die Absetzung selbst ist yon den Großen vor-
genommen worden: ,,aliud est enini Regem creare, aliud creandi
consilium dare . aliud ius creandi habere, aliud ius consilii dandi"
(S. 112).^^^) Die Ansprüche der Päpste auf Verfügung über die
weltlichen Throne beruhen alle sonst auf Unwahrhaftigkeit
und zeugen von der Gewissenlosigkeit, mit der die Päpste ihre
Behauptungen in die Welt schleudern. ^^^)
Gegen die Monarchie füiirt Hotman den schwersten Schlag,
indem er die Absetzbarkeit des Herrschers proklamiert. Die
Absetzung kann durch die Stände im Namen des Volks aus-
gesprochen werden. Aus dem Rechte der Königswahl leitet
sich auch das Absetzungsrecht her. Das Volk hat dieses Recht
156) = Menwires S. 464 r«.
'^^'^) „Utrum Pipinus Papae an Francogallici concilii auctoritate
Rex f actus fucriC 6d. 1573. S. 108— HG.
158) ^ Memoires S. 443 r".
159) öd. 1573. S. 113 (= Memoires S. 443 r»).
258 A'w/Y Glaser.
zum orston Molo ausg(uil)t, indem es Cliildoricli des Thrones
verlustig erklärte, und Cliilderich war der erste französische
König, insofern die Verschmelzung der als Eroberer ins Land
eingedrungenen Franken mit den von ihnen unterworfenen
Galliern unter seiner Regierung zur Tatsache geworden war.i^*')
So gipfeln Ilotmans Ausführungen in der Proklamierung der
Volkssouveränität.^^'^)
Die Ideen Ilotmans über diesen Punkt sind in der ersten
Auflage der „Franco-GaUia" noch weniger ausführlich ausein-
andergesetzt als in der Ausgabe von 1586. Erst die Verwicklungen,
welche die Regierung Heinrichs III. herbeiführte, erheischten
eine eingehendere und entschiedenere Stellungnahme zu einer
Frage, die wie keine andere in das politische Leben der Zeit
eingriff. Hotman hat seine Auffassung in einem neuen KapiteP^-)
mit Ausführlichkeit dargelegt. Unter steter und gewissenhafter
Nennung seiner Quellen zählt er eine ganze Reihe von Fällen
auf, in denen fränkische Könige wegen Tyrannei, Unfähigkeit
oder sittenlosen Lebenswandels ihrer Herrschaft entsetzt worden
sind. Seine Beispiele wählt er aus den ersten Zeiten der frän-
kischen Geschichte. Sie sind ihm doppelt wertvoll und beweis-
kräftig, weil sie die rechtliche Stellung des Königtums noch in
ihrer ursprünglichen Reinheit erkennen lassen.
In allen seinen Ausführungen scheidet Hotman scharf zwischen
Herrscher und Staat.^^^) Der Staat steht überall und unbedingt
über dem Herrscher, Das Wohl des Staates ist das oberste Gesetz.
Das Verhältnis von Herrscher und Staat, das die erste Auf-
lage der ,,Franco-Gallia" nur kurz gestreift, wird in einem späteren
Kapitel, welches Hotman der Auflage von 1586 einfügte,!^*) noch
schärfer gefaßt. Hier wie mehrfach zeigt sich, wie Hotman das
Bedürfnis empfunden hatte, durch eine präzisere Formulierung
seiner Theorien dem sich verschärfenden Widerstreit der Meinun-
gen Rechnung zu tragen. Der König wird als Oberhaupt des
Staates definiert: „rex, princeps est unicus ac singularis, ac
tanquam caput Reipublicae." Nicht das Volk ist um des Königs
willen, sondern der König ist um des Volkes willen da: „non
populus Regis, sed Rex populi caussa, quaesitiis ac repertus est."
Ein Volk kann ohne König bestehen, aber kein König kann
ohne Volk sein: „Potest enim populus sine Rege esse, veluti qui
optimatum aut suo ipsius consilio paret, itemque in interregno.
160) 6d. 1573. S. 43.
161) Ygi auch Janet, Histoire de la science poUtique II. S. 30.
162) ^^Be summa populi potestate in Regibus caussa cognita con-
demnandis et abdicandis.'^
163) Ygi 2. B. S. 81 (,,. . . aliud est Regni, aliud Regis consiliarium
esse'') und S. 83 {„ut [Senatores] ad extremum non Regni, et Reip[ublicae]
consiliarii, sed Regis unius assentatores, et ministri cupiditatum et
Regiarum, et suarum quoque appareant").
164) ^^j)e summa inter Regein et Regnum differentia."'
Beiträge zur Geschichte der polii. Literatur Frankr. etc. 259
At sine populo ne fingi quidem cogitando Rex potest: non magis
quam pastor sine grege." Des Königs Aufgabe ist es, für das
Glück seiner Untertanen zu sorgen. Er ist nur ein einfacher
Sterblicher, der Staat selbst dagegen ist unsterblich: „Rex aeque
ut quivis privatus^ mortalis est: Regnum perpetuum, et certe (vel
ominis caussa) immortale." Wie der König sind auch die höchsten
Beamten Diener des Staats, der ihnen ihre Würde verliehen hat,
und nicht Diener des Königs. Schon rein äußerlich gesehen,
knüpfen ihre Titel sie an den Staat: „At qui regni et Reipubl[icae]
universe magistratus erant, eos Majores nostri adjecto amplissimo
Franciae nomine designarunt: quem morem etiam nunc retinemus:
ut cum dicimus Comestabulum Franciae: Amiralium Franciae:
Cancellarium Franciae et cum antiquitus non a Rege., sed a populo
eas dignitates acciperent, neque ipsius morte aut mutatione desine-
bant: neque ipsius arbitrio abdicabantur: itaque ne nunc quidem
magistratus Uli sumnii, quos (^ulgus Coronae officiales appellat,
Rege mortuo magistratus esse desinunt: neque iis adimi dignitas,
nisi cum vita^ hoc est, nisi rei capitalis damnatis potest. Quin
ne illud quidem summae populi potestatis argumentum praeter-
mittendum est, quod quibus tribus in rebus Reip[ublicae] summa
consistit, re militari, jurisdictione, et aerario, iis rebus qui cum
summo imperio praefecti sunt, non a Rege, sed a Regno et Francia
denominantur : nam ut modo diximus, is ad quem rei militaris
summa pertinet, Comestabulus, aut Marescallus, aut . . . Senes-
chalhis Franciae dicitur: qui vero classi et maritimis copiis praeest,
Amiralius Franciae: qui iurisdictioni, Cancellarius Franciae:
qui tributis et aerario, Quaestor generalis Franciae."
Gegenüber den Versuchen, die absolute Gewalt des Herrschers
als den maßgebenden Faktor im staatlichen Loben liinzustellon,
rückt Hotman überall die Rechte des Volks in den Vordergrund.
Er erwartet alles Heil von der Wahrung der Autorität des Staates,
und diese ist ihm mit der Durchführung des ständischen Systems
gleichbedeutend. Die Stände sind die Träger der Rechte des
Volks. Ihnen gegenüber hat der König nur eine beschränkte
Macht. Die Ausgabe von 1586 bringt auch über diese Frage
in einem besonderen KapiteP^^) eine ausführlichere Behandlung,
welche wie die anderen von Hotman am Texte der Erstauflage
vorgenommenen Erweiterungen und Änderungen nicht nur eine
Präzisiorung, sondern zugleich auch eine Verschärfung bedeutet.
Die Gesetze, an die die Könige gebuntlen sind, sind selir zahl-
reicli.^^^) Ihrer aclit werden noch im besonderen aufgezählt.
An Hand zahlreicher geschichtlicher Beispiele und juristischer
Quellen wird gezeigt, wie der Wille des Volks und der Sinn der
^^^) „Regum Francogalliae non infinitani in suo regno doininationeni
habere, sed certo iure certisque legibus circumscriptain.''
^^'') ,,Ac leges quidem, quibus Beges asirictos esse constat. pcrmultae
sunt."
260 A'»/i Gldscj.
Gesetze, bis in die Erbfolgeordnung hinein, den Ausschlag gibt.
Von einer SolbsLändigkcit der königlichen Gewalt kann kaum
noch die Rede; sein. Hotman nimmt ilir auch den letzten Schein
von Macht. Drohend erhebt er seine Sprache gegen die Könige
und ruft ihnen zu, daß sie es vergeblich versuchen würden, an
den bestehenden und altgeheiligten Rechten und Einrichtungen
zu rütteln. ■^^'^) Ein König handelt niemals besser, sei es vor Gott,
sei es vor seinem Volk, als wenn er sich unter die Hoheit rlor
Gesetze beugt. Nur so wird er sich des Ehrennamens eines allor-
christlichsten Königs würdig erzeigen und der Gefahr entgehen
können, ein Schandfleck der Menschheit, ein Tyrann zu werden. ^^^)
Die Ausführungen Hotmans über die Rechte der Stände
würden des Abschlusses entbehrt haben, wenn er nicht aucli die
Stellung der Stände zu den religiösen Fragen der Zeit berührt
hätte. Die Erstauflage der ^^Franco-Gallia" freilich enthält
noch nichts über diesen Punkt; erst spätere Ausgaben fügten
ein besonderes Kapitel ein. Auch hier ließen die Zeitverhältnisse
stets neue Aufgaben erwachsen, denen Hotman bei der Neu-
bearbeitung seiner Schrift Rechnung zu tragen wußte. Er
knüpft an ein tief in die Geschichte Frankreichs und in den Gang
der weltgeschichtlichen Entwicklung überhaupt eingreifendes
Ereignis an: den Kampf Philipps des Schönen mit Bonifatius VIII.
Er zeigt, wie Philipp als Antwort auf die päpstlichen Anmaßungen
die Stände berief und ihnen das päpstliche Schreiben vorlesen
ließ. Kurz und klar teilt er den Wortlaut des päpstlichen Briefes
und die schneidige und derbe Antwort mit, welche die Stände
auf die päpstlichen Anmaßungen im Namen des französischen
Volks erteilt haben. Das Kapitel, so wie es die französische
Fassung gibt, zählt nicht mehr als zwei Seiten; es entbehrt jeden
Kommentars, es wirkt allein durch die Wucht der Tatsachen
scharf, schneidig, durchdringend. ^^^) —
Man kann Hotman nicht nachrühmen, daß er bei seiner
Argumentation immer und überall mit Glück und Geschick ver-
fahren ist. Sein Nachweis, daß die von ihm erstrebte Reform
keine umstürzlerische Neuerung ist, sondern nur die Wieder-
^^'^) ,,Tertium frenum, quo Reges Franciae ccercentur est poliiia,
hoc est instituta et mores regni multas per aetates comprobati, et longinqua
consuetudine retenti: quorum abrogationem non suscipiunt: et si forte
susciperent, frustra id tentarent ..."
^^^) ,,Iteruni dico: Regem non posse gratius obsequium Deo praestare,
aut suorum civium iitilitati, aut suae dignitati atque existimationi melius
consulere, quam illas Regni leges observando. Tum enim honi et Christi-
anissimi Regis ..."
169) Memoires S. 462. In späteren lateinischen Ausgaben hat
Hotman noch eine Anzahl weiterer Seiten hinzugefügt. Auch das
Kapitel ,, Alterum eiusdem publici Concilii jacinus insigne in Papa
Renedicto XIII. damnando et repudiando'' gehört in diesen Zusammen-
hang.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankr. etc. 261
aufrichtung der altgeheiligten, durch den frevlen Rechtsbruch
Ludwigs XI. umgestürzten Verfassung, steht auf schwachen
Füßen und hält der Kritik nicht immer stand. Hotman fehlt
eben die historische Schulung. Er ,, spiegelt die Wünsche der
Gegenwart als angeblich erfüllte Tatsachen in die Vergangen-
heit hinein"^'^^) und interpretiert die Ereignisse in einer mitunter
recht willkürlichen, allein seiner vorgefaßten Meinung ent-
sprechenden Weise. So, wenn er in der Absetzung eines un-
bedeutenden und nichtsnutzigen fränkischen Königs einen großen
und hochherzigen Akt sieht und aus diesem Beispiel den Schluß
zieht: „Reges in Francogallia certis legibus creari: non Tyrannos
cum imperio soluto, libero, et infinito constitui."^"^^) Mehr als
einmal muß Hotman den Tatsachen zu gunsten seiner Theorien
Gewalt antun. Er weiß sich mit dem seiner Wahltheorie ent-
gegenstehenden salischen Gesetz nur dadurch abzufinden, daß
er es als eine auf private Verhältnisse zugeschnittene Bestimmung
deutet.^^^) Ähnlich gerät er auch bei dem Versuch, den Ursprung
der Formel ,,quia tale est nostrum placitum" {,,car tel est notre
plaisir") zu erklären, in die Enge. Er kann sich schließlich nur
damit helfen, daß er annimmt, die Unkenntnis oder der böse
Wille der königlichen Schreiber habe jene Formel, die sich ur-
sprünglich auf die Beschlüsse der ständischen Vertreterschaft
(placitum) bezog, in recht willkürlicher Verdrehung zum Kenn-
wort des Absolutismus gestempelt. ^"^)
Das Bestreben, die Tatsachen der Vergangenheit für seine
Auffassung der Gegenwart verwertbar zu machen, läßt ihn oft
genug die Bedeutung gewisser Vorgänge, welche ihm gelegen
sind, überschätzen. Er sieht in der keltischen Zeit, unter den
Merovingern und Karolingern die Volksversammlung stehen,
welche die Könige ein- und absetzt und in manch wichtiger
Angelegenheit das entscheidende W^ort führt, und er merkt dabei
nicht, daß er mit dieser Anschauung den modernen Begriff des
ständischen Systems auf eine Versammlung überträgt, die eine
Identifizierung mit den Etats generaux nicht zuläßt. ,,Die
Entthronungen merovingischer Könige durch einen wilden hall)-
barbarischcn Adel werden ihm zu Rechtshandlungen des in
seiner Freiheit gekränkten Volks; setzt Karl der Große mit Zu-
stimmung der Großen seine Nachfolger, so ist die Monarchie
ein ^^'ahlrcich; mit Hilfe des Maifeldes macht Hotman den
absoluten Frankenherrscher zum konstitutionellen Monarchen."^'*)
1'") Elkan S. 43.
171) M. 1573. S. 55.
^"'-j 6d. 1573. S. 65 ff. (Kap. VIII: „De lege Salica, el iure mulienini
in Regum parentum hcredilatibus"').
"3) 4d. 1573. S. 99 ff.
174) Cardauns S. 61.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIXV'. 18
202 Kurt Glaser.
Kein Geringerer als Augustin Thierry liat in den ,,Con-
sld^ralions sur l'histoire de France", welche er seinen „Recä.^
des temps merovingiens" I (Paris 1842) S. 50 ff. vorausschickle,
zum ersten Male auf das Unliistorischc in der Auffassungsweise
flotmans liingewiesen. Aber wir dürfen uns niciit durch die
geschichtliclien Irrtümer, die Hotmans Ausführungen im Kleinen
und Einzelnen anhaften, zu einem falschen und ungerechten
Gesamturteil über sein Werk als solches verleiten lassen. In
der Auffassung und Beurteilung der einzelnen geschichtlichen
Tatsaclien geht er oft genug fehl, und doch hat er den Zug der
Entwicklung, welche die französische Geschichte im Großen ge-
nommen, richtig und treffend erfaßt und den stets und ständig,
bald in dieser, bald in jener Form betätigten Hang zur Freiheit
als den im französischen Volk liegenden Drang klar und deutlich
erkannt.^'^^) Eine solche Entdeckung, in einer Zeit gemacht,
die unter einem bis auf das religiöse Gebiet hinübergreifenden
absolutistischem Drucke seufzte, mußte gewaltig wirken und
der „Franco-Gallia" eine weite Verbreitung und einen nach-
haltigen Einfluß sichern.^'^^) Nicht die wissenschaftliche Exakt-
heit, sondern der starke theoretisch-philosophische Zug, die
kühnen Ideen, zu deren Verkündiger Hotman wird, haben seinem
Buch Wert und Wirkung geliehen.
Den ständischen Gedanken, den Commynes zuerst ausge-
sprochen, greift Hotman wieder auf. Er verleiht ihm eine neue
Fassung. Was er gibt, sind keine Reflexionen mehr, die ein in
der Diplomatie ergrauter Staatsmann mit verschmitzter Miene
anstellt. Mitten im Kampf der Parteien stehend, entwirft er in
kühner Sprache sein Programm, das eine völlige Neugestaltung
der staatlichen Ordnung auf der Grundlage der ständischen
Rechte fordert. Die ständische Theorie, welche einst Commynes
als eine aus der Betrachtung der geschichtlichen Tatsachen und
Vorgänge der Regierungszeit Ludwigs XI. gewonnene Erfahrung
verkündet hatte, ist für Hotman ein Glaubenssatz geworden,
der ihm die Grundlage seines auf die Beseitigung der monarchi-
schen Gewalt berechneten politischen Systems abgibt. Über
seine Vorgänger hinaus hat Hotman einen bedeutungsvollen
Schritt getan, indem er die politischen Forderungen seiner Partei-
genossen in der Form des Systems historisch zu begründen
und juristisch zu rechtfertigen unternahm. Der Abstand, in dem
sich Hotman von Commynes befindet, ist bezeichnend für die
Entwicklung, welche die politischen Theorien seit den Tagen
^'^^) P. Moussiegt, Hotman et Du Plessis-Mornay. Theories poli-
tiques des Reformes au XVI« siecle. (Gabors 1899) S. 51 ff., besd. S. 57 ff.
M^aly, Les publicistes de la Reforme sous Frangois II et Charles IX.
(1903). S. 200 ff.
176J Thierry, Recits des temps merovingiens I (Paris 1842). S. 59.
Labitte, De la democratie chez les predicateurs de la Ligue (1841). S. LIV.
Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Franhr. etc. 263
Ludwigs XI. durchlaufen haben. Man merkt die Wandlung,
welche die absolute Monarchie seit ihrer Begründung bis zu dem
Augenblick ihrer ersten tiefgreifenden Erschütterung durchlebt
hat. Die Theorie hat mit der Gestaltung der politischen Verhält-
nisse Schritt gehalten. Aus der Umgebung des Königs hat sie
sich in die Kreise des Volks geflüchtet. Sie blüht bei einer Partei,
die gegen das Königtum in Waffen steht und vermöge ihrer geisti-
gen Überlegenheit in höherem Maße an der Weiterführung der
poUtischen Theorien zu arbeiten befähigt war als die in rück-
ständigen Anscliauungen befangene kathoUsche Partei.
(Fortsetzung folgt.)
Marburg i. H. Kurt Glaser.
18*
Eine unbekannte Handschrift
der „Pucelle d'Orlöans" von Voltaire.
Die Herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel, die so reich ist
an Schätzen der französischen Literatur, besitzt eine höchst
interessante Hs. der ,,Pucelle d'Orleans" von Voltaire,^) die
Herr Oberbibliothekar Prof. Milchsack 1908 im Kataloge eines
Antiquars gefunden und angekauft hat. Er hat mir liebens-
würdiger Weise die Bekanntgabe dieser für die Textgeschichte
der Pucelle äußerst wichtigen Hs. überlassen, wofür ich ihm
auch hier meinen Dank ausspreche.
Ein unansehnlicher Pappeinband mit kleinem roten Rücken-
schild, das in Golddruck La Pucelle d'O r 1 e a n s trägt,
umschließt 2 leere Blätter, das Titelblatt, dann, unnumeriert,
264 Seiten und am Endo wieder ein weißes Blatt. Die Größe
des Bändchens ist 19 X 14 cm, des Zeilenbildes 14 — 15 X 8 — 10,
die Zeilenzahl schwankt zwischen 19 und 25. Geschrieben ist
das Ms. in einer gleichmäßigen Handschrift, und zwar offenbar
nach Vorlage. Korrekturen von der gleichen Hand und mit der-
selben, etwas verblaßten Tinte sind nicht selten:
Des gens de ia=G"- bien a la Cour protegös
oder :
ä ces funestes mots
eile sentit redoubler ses ^\^ijQ^XeK sanglots
<^d6r= en
ä L'archeveque il prit x fantaisie
Daß man es hier mit Versehen beim Abschreiben zu tun hat,
ergibt sich aus dem Zusammenhang. In der Schreibung sind
die Akzente sehr willkürlich, u und v werden ohne Unterschied
verwendet, die Formen -oit und -oient überwiegen. Verzie-
rungen bei Anfangsbuchstaben, Schnörkel am Schluß der Gesänge
und das Ineinanderziehen des letzten und ersten Buchstabens
zweier Worte beweisen, daß man es mit einer gewandten Schreiber-
handschrift zu tun hat.
1) Signatur: 1003. 1 Nov.
Eine unbekannte Handschrift der ,,Pucelle d'Orleans'' etc. 265
Der Titel der Hs. lautet: LaPucelle D'Orleans
ou JeanneD'arc Poeme heroi-comique en
Chants Par M. D. V. Die Dichtung hat in der Wolfen-
büttler Hs. 14 Gesänge; vom letzten fehlt leider ein Stück. Der
letzte vorhandene Vers ist der 263. desselben Gesanges im ersten
Druck (Louvain A^) 1755):
quand on est deux, est-il quelque suplice
Die Vermutung, daß die Hs. 15 Gesänge wie die ersten Drucke
gehabt habe, wird dadurch hinfällig, daß in dem eng gehefteten
Bande wohl 2—3 Blätter, die den Schluß des 14. Gesanges ent-
hielten, fehlen können, für soviel Blätter aber, als für den 15.
Gesang nötig wären, kein Raum ist. Wir haben es also mit einer
Hs. zu tun, die tatsächlich nur 14 Gesänge enthält, und das
erleichtert einigermaßen die Feststellung der Abfassungszeit.
Nach B e u c h o t^) und M o 1 a n d begann Voltaire die
Pucelle vor 1730 und war bis 1736 mit den ersten 10 Gesängen
fertig. Colini^) behauptet, daß der 14. Gesang 1752 in Pots-
dam vollendet und der 15. im Februar 1753 begonnen wurde.
Er berichtet weiter, daß ihm Voltaire bei seiner Verhaftung
in Frankfurt einige Papiere mit den Worten übergab: „Cachez
cela sur vous". Colini fand, daß das Paket den gesamten,
bis dahin fertiggestellten Text der Pucelle enthielt. Danach
stammte also die Wolfenbüttler Hs. frühestens aus dem Jahre
1752 und wäre vor Voltaires Abreise in BerUn hergestellt. Daß
schon damals Abschriften existierten, geht aus einem Briefe
Voltaires an Mme Denis vom 3. Januar 1751 hervor. Voltaire
hatte bereits 1750 eine Abschrift der fertigen Gesänge durch
seinen Sekretär Tinois für Friedrich d. Gr. herstellen lassen. Dieser
fertigte aber heimlich auch eine Kopie für den Prinzen Heinrich
an und wurde für diesen Vertrauensbrueh später entlassen. )
Es ist nun nicht unmögUcli, daß auch 1752 heimhch Abschriften
des Gedichtes gemacht worden sind und wir in der Wolfenbüttler
Hs. eine solche vor uns haben. Jedenfalls schreibt B e u c h o t
daß 1754 die Kopien „etaient multipUees tellement que Vol-
taire regardoit l'impression comme inevitable et comme ,uno
bombe qui dcvait crever tot ou tard pour l'ecraser'."
Anderseits könnU^ die Wolfenbüttler Hs. vor Beendigung
des 15. Gesanges hergestellt sein. Nach B e u c h o t^) luit Darget
im Mai 1755 einigen Freunden aus einem Manuskript von 15
Gesängen vorgelesen. Unsere Hs. stammt also spätestens
aus dem Anfange dieses Jalnvs, und damit wäre die Zeit zwisciien
1752 und Anfang 1755 als Abfassungszeit festgelegt.
-) Vgl. Bengesco, S. 126.
^) Avertissement, S. 4.
•») „Mon Sc/our aupres de Voltaire'', S. 31 u. 59 (Beuchot).
^) Beuchot, a. a. O. S. 4.
'■') A. a. O. S. 5.
266
Constaiitin Bauer.
Daß die WolfonbüUlor nicht die einzige gewesen ist, war
schon erwähnt. Nach P a 1 i s s o t'^) hat Voltaire sogar selbst
eine ganze Anzahl anfertigen lassen und B e u c h o t sagt noch
1832: ,,Je possedo quatre ms. du poeme de la „Pucelle": j'en
ai vu beaucoup d'autres."^) Um so erstaunlicher ist es, daß
nur noch eine einzige Hs. und wenige Bruchstücke vorhanden
sein sollen.^) Es besitzt nämHch die Münchner Hof- und
Staatsbibliothek einen schönen Lederband in Folio, welcher
enthält: a) 14 Gesänge der Pucelle, b) in kleinerem Format,
schlechterem Papier und andrer Handschrift angebunden einen
8. und c) einen 16. Gesang. ^*^) Einige wenige Bruchstücke besitzt
die Genfer Bibliothek, aber ihr Text stimmt mit dem von
M. überein. Endlich haben die kgl. Bibliothek in Dresden
und das Arsenal in Paris je ein Exemplar des Druckes Louvain
B 1755 mit handschriftlichen Varianten. Diese wiederum stimmen
beide mit denen in der Köhler Ausgabe von 1784 gegebenen Vari-
anten überein, bieten demnach nichts neues. Es kommen zur Text-
vergleichung also nur in Betracht: W, M, Mi, M2, 1755 und Mol.
Vergleicht man zunächst die Anordnung der Gesänge nach
Überschrift und Inhalt, so ergibt sich, abgesehen von Varianten,
folgendes Schema:
w.
M. Ml
M2
1755
Mol. 1
1—7
= 1—7
8
= 1—7
= 1-7
= 8
9
8
= 8
= 8
= 10
9
= 9
= 9
= 11
10
= 10
= 10
= 12
11
= 11
= 11
= 13
von Vers 36 an
12
= 13
= 12
= 14
13
= 13
= 15
von Vers 2 an
14
= 14
= 20
mit den Varianten
von 1756
12
= 16
= 15
= 21
mit der Variante
(p. 341 f.)
= 14 in d. Ausg. 1756
'') ibid. S. 5.
^) Die Bibhothek B e u c h 0 t s ist Eigentum der Nat.-Bibl. ge-
worden, wo aber sind seine Hs. der Pucelle ? Prof. L a n s 0 n schickte
auf meine diesbezüghche Anfrage seinen Sekretär nach der N. B,.
dieser hat die Hs. aber nicht entdecken können.
^) Ich habe in 23 Bibhotheken des In- und Auslandes angefragt.
^^) Die Herkunft und Bedeutung dieser Münchener Hs. hat Leo
Jordan aufgedeckt. Vergl. Herrigs Archiv Band 127, S. 129 ff.
Ich bezeichne im folgenden die Wolfenbüttler Hs. mit W; die
Münchener mit M, Mi und M2, den ersten Druck, Louvain A 1755
Eine unbekannte Handschrift der „Pucelle d' Orleans' etc. 267
Der 14. Gesang in M. ist zu finden im 21. Gesang bei Mol.
(S. 347), im 15. und im 20. Gesang, enthält aber Varianten, die
noch unveröffentlicht sind.
Aus dieser Aufstellung geht zweierlei hervor:
1. Bis zum 11. Gesang stimmt die Reihenfolge von W und M
überein; No. 12*in W ist aber No. 13 in M und No. 12 in M kommt
garnicht in W vor, ist also später als W entstanden; folglich muß
W älter sein als M.
2. W stimmt in der Anordnung der Gesänge vollständig
mit dem Druck von 1755 überein, nicht aber M. Also liegt dem
Drucke 1755 ein nur in Varianten abweichendes, im ganzen aber
mit W gleiches Manuskript zugrunde. Nur der 15. Gesang von
1755 ist aus einem M oder M2 ähnlichen Manuskripte hinzu-
gefügt.
Die Tatsache, daß W älter als M ist, geht aber auch aus der
Textvergleichung im einzelnen hervor.
So lautet die erste Zeile des 5. Gesanges:
W. Mes bons amis, \'ivons en bons chretiens
M. 0 mes amis! vivons en bons Chretiens
Mol. = M.
Die Abweichung rührt daher, daß ein doppeltes ,,bons
vermieden werden sollte.
Auch finden sich in M und den Drucken Verse, die in ^^ noch
nicht stehen, so 1. Gesang Vers 130:
W. du feu d'amour, ils vont droit ä la table
Davor sind in M und allen Drucken zwei Verse eingeschoben:
Trois mois entiers nos deux jeunes amants
Furent livres ä des ravissements
(Mol. hat. . . k ces ravissements). Dann kommt
Du lit d'amour, ils vont droit ä la table.
M ist überhaupt vollständiger und stimmt mitunter mit der
Ausgabe von 1756 überein. So I. 26 ff.
W. je n'en veux point, c'est pour la motte houdart
oü pour quelqu'vn de notre academie
1755 u. Mol.:
je n'en veux point, c'est pour la Motte Houdart
Quand l'Iliade est par lui travestie
An diese Verse fügt dann M und 1756:
Ou par quelqu'un de son academie.
Wie verscliicden oft die Lesarten überhaupt sind, zeigt
folgendes Beispiel: 1. Gesang
W. 148 en chatoüillant les f ihres des Cervaux
149 Portent un feu qui s'exhale en bons mots.
150 Le diner fait. . .
mit 1755, die Ausgabe von M 0 1 a n d 1877, 9. Bd., welche den Text
von 1774 nach der Kehler Ausgabe nüt allen Varianten der früheren
gibt, mit Mol.
208 Conslanlin Bauer.
M. 148 Dans los cervcaux portont un fou brillant;
149 Mille bons mots en partent ä l'instant.
150 Le diner fait. . .
1755. = W mit der Variante
149 Y porte un feu
Mol. 148 En cliatouillant los fibres dos corveaux (= W)
149 Y porte un feu qui s'exhale en bon mots (= 1755)
150 Aussi brillants que la liqueur legere
151 Qui monte et saute, et mousse au bord du vorre:
152 L'ami Bonneau d'un gros rire applaudit
153 A son bon roi, qui montre de l'esprit
154 Le dinor fait. . .
Dazu gibt Kehl folgende Variante, die Ähnlichkeit mit
M hat:
148 Dans le cerveau portait un fou brillant,
149 Mille bons mots en partent ä l'instant.
150 Apres diner. . .
Die Beispiele ließen sich noch unendlicli vermehren. Eine
kritische Ausgabe der Pucelle ist also sehr nötig. Vielleicht
gelingt es auch noch, mehr Hs. des Gedichtes zu finden; unter-
dessen dürfte das Wolfenbüttler Manuskript die älteste Hand-
schrift genannt werden können.
Wolfenbüttel. Constantin Bauer.
Syntaktisches.
(Fortsetzung.)
H. Pas plus qu' un und Terwandtes.
Noch summarischer als bei tous Ics deux und tous deux, die
wir im ersten Artikel behandelt haben, ist Löseths Verfahren
bei der Erörterung der Frage, ob vor einem un (iine) — als
Zahlwort — jAiis qiie oder plus de zu stehen habe {Notes de syntaxe
frariQaise p. 12, merkwürdigerweise in dem mit Ä'Oms de nomhre
überschriebenen Abschnitt!). Es heißt dort kurz und bündig:
On sait qu'il faul: <<plus d'un, plus d'une fois». Chassang dit: «Si
on mesure une quantite, on emploie plutöt d e apres p l u 5.» La
langue famüiere peut se servir de q u e: «Allons..., une question
encore, mais pas plus qu'une, car...» (diseuse de honne avcnture
dans Xai>. de Montepin «L' Agentur ier» V, 112), — par analogie
avec des expressions oü mm est article indefini: «c'est plus qu'une
faiblesse, c'est une faute« et avec d'autres oü «plus« est temporel:
«plus qu'une heure d'attente (= ü n'y a plus que)». Selon Plattner
(IV, 72) on dit: «il est plus que huit heures»; je crois qu'on prefere:
«il est huit heures passees>> (dans les livres: «il est plus de huit heures^^).
Gewiß ist in den angeführten Bemerkungen das meiste von dem,
was für die Beurteilung des in Rede stellenden Falles in Betracht
kommt, kurz erwähnt, aber es fehlt eben überall das tiefere
Eindringen, die präzise Feststellung des Wesens der Sache.
Das macht sich teilweise schon rein äußerlich — in der For-
mulierung — peinlich bemerkbar. Wie bedenklich muß z. B.
der Satz: «On sait qu'il lauf, plus d'un, plus d'une fois» erscheinen,
wenn man sich daran erinnert, daß es — entsprechend dem
bekannten Quatre yeux voient plus que deux — immer nur heißen
könnte: Deux yeux voient plus qu'un und niemals plus d'un,
wenigstens heutzutage nicht. ^^) Da ist schon Chassangs Si on
"*) Es ist bekannt, daß das Altfranzösische — ebenso wie noch
heule manche andere romanische Sprache — im Gebrauche des de
in Vergleichunfjen viel weiter ging, als die moderne. (\gl. Meyer-
Lübke III, § 283.) A. Tobler macht im 8. Artikel der fünften Reihe
seiner Vennischten Beiträge — dem letzten, der seiner unermüdlichen
270 Th. Kalepky.
mesiire une quantite, on emploie platul <<de>> apres «/?/^^.<^> nkzoptabler
insofern, als hier de (nach plus) ausdrücklich auf quantitative
Feststellungen beschränkt wird (wie auch Lücking mit kühner
Knappheit sagt: „plus de addiert zu einem Quantum,
moins de subtrahiert von einem Quantum" und da-
mit den Fall qualitativer oder modaler Vergleichung,
(!. h. einer Vergleichung der Leistungen, Zustände, des Wertes usw.
ausschließt, v^ie er bekanntlich immer dann vorliegt, wenn sich
das Vergleichungsglied zu einem Satze ergänzen läßt, vgl. Deux
yeux voient plus qu'un hingegen: J'eii vois plus d'un . . .), während
andrerseits freilich das Wort mesurer dem komparativischen
Charakter der Aussage zu wenig gerecht wird.
Besonders befremdend aber wird die kategorische Behauptung
erscheinen müssen : «La langue familiire peut se servir de qu e»
(nämlich statt de nach plus) — da doch die familiäre und die
volkstümliche Ausdrucksweise sonst meist eine gewisse Vorliebe
für Altertümliches zeigen, wohl gar Veraltetes bewahren und
in den uns beschäftigenden Fällen de entschieden das Ältere,
que das Modernere ist. Freilich spricht auch Plattners Aufstellung
bezüglich der Zeitangaben zugunsten einer Vorherrschaft des
que in familiärer Ausdrucksweise. Aber einmal könnte hier
lediglich ein Übergreifen des bei den sehr häufigen Verbindungen
mit midi und minuit ganz natürlichen que auf die anderen Fälle
mit wirklichem Zahlwort vorliegen. Sodann dürfte
in all diesen und ähnlichen Fällen die Wahl zv.ischen que und de
denn doch nicht lediglich durch den Charakter der Ausdrucks-
weise — familiär oder schriftgemäß — sondern auch durch die
Eigenart des jedesmaUgen Gedankens, den Sinn, bedingt sein.
Wer einfach auf die Frage, wieviel Uhr es sei, antwortet, oder
ohne eine solche Frage, von sich selbst aus, die Zeit angibt, dürfte
doch wohl // est plus de huit heures, plus de midi bevorzugen.
Wer hingegen auf ein vorausgegangenes // est huit heures, il est
midi berichtigend erklärt, daß es m e h r, daß es später sei,
wird voraussichtlich in den meisten Fällen zu que greifen, also:
// est plus que huit heures, que midi sagen. Mit anderen W'orten:
Bei plus de ruht der Nachdruck der Aussage auf der Stunden-
Feder entflossen — darauf aufmerksam (s. Sitzungsher. d. Kgl. Preuß.
Ac. d. Wiss., 1909, S. 1147), daß sich, von echten Komparativen abge-
sehen, ein solches ,, vergleichendes" de nicht bloß nach kornparativ-
artigen Wörtern, wie z. B. autre findet, was schon von Diez (III 3 400)
erwähnt und mit Beispielen belegt ist, sondern auch nach Gleich-
heitsausdrücken wie si, aussi, tant, autant, autel, z. B. Nuls
s i riches de lui ne vit. — Man könnte dabei auch an die von Haase,
Franz. Synt. des XVII. Jahrh. § 105 (c) erörterte Setzung von de im
Anschluß an mime erinnern, z. B. Langlade a pense mourir de la m e m e
maladie d e Madame de C, wofür Meyer-Lübke a. a. O. auch je ein
italienisches, portugiesisches und spanisches Beispiel (hier mit egual)
bietet.
Syntaktisches. 271
angäbe, bei plus qiie auf plus}^) Und damit wäre dann eine
Möglichkeit der Erklärung des auffälligen qiie gegeben, diese
nämlich: Die Sprechende \\\\\ nicht einfach sagen ,, nicht mehr als
eine Frage", sondern: ,,(eine Frage noch, aber auch) nicht
mehr als eine". Bei dieser Annahme ergäbe sich für das pas
plus qu'une eine gewisse Sinnesnuance (gegenüber dem „zu er-
wartenden" pas plus d'une). Denn lediglich äußerlichen, for-
mellen Einfluß des plus que in Uhrausgaben — mag es auch,
wie Plattner behauptet, in der Umgangssprache das Häufigere
sein — auf den uns beschäftigenden Fall ( . .une question encore
mais pas plus qu'une, car. . . ) anzunelimen, erscheint mir darum ge-
wagt, weil hier, bei un, doch wohl das stereotype plus d'un, plus
d'une (= ,,gar mancher") ein ausreichendes Gegengewicht ge-
boten hätte. Und dasselbe Bedenken wäre gegen die Annahme
der Beeinflussung durch Fälle mit dem unbestimmten Artikel
{c'est plus qu'une faiblesse, c'est une faute), ja, auch durch den
vielleicht noch am ehesten in Betracht kommenden Fall eines
,, temporalen" plus (z. B. plus qu'une heure d'attente = ü n'y a
plus qu'une heure d' attcnte )^^) geltend zu machen.
Wie denkt sich übrigens der Herr Verfasser die Sachlage
in diesem letztgenannten Falle ,,oji plus est temporel" ? Ich
kann mich nämlich, wenn ich ihn von der Mögliclikeit eines
Einflusses dieser Ausdrucksweise auf die unsrige reden höre,
des Verdachts nicht erwehren, daß er auch hier das que in un-
mittelbare Verbindung zu plus setzt und — unter Annahme
,, temporaler" Bedeutung des plus, die ja keinenfalls in Abrede
gestellt werden kann — dieses plus qu'une heure d'attente als
, .nicht länger denn eine Stunde Wartezeit" deutet. Diese Be-
fürchtung war m i t einer der Gründe, die mich ein gewisses
Bedauern darüber aussprechen ließen, daß Verfasser vielfach
die von ihm zur Sprache gebrachten Erscheinungen nur flüchtig
gestreift und sich häufig auch da mit bloßen Vermutungen be-
gnügt hat, wo gründliches, sorgsames Eingehen auf das eigen-
artige Wesen des Falles — wofür z. B. A. Tobler in seinen Ver-
^^) Daß in allen solchen Fällen si)rachlicher Duplizität Flüchtig-
keit der Rede, mangelnde Schärfe des Sprachgefühls allmählich zu einem
gewissen Promiskueverl'ahren bei der großen Masse des Volkes führt,
ist bei früheren Anlässen schon wiederholt bemerkt worden. (\'gl.
z. B. Bd. XXXVII, IL 5/7 dieser Zcitschr. S. 259.)
^-) Übrigens könnte jemand hier in qiiune heure ebenfalls den un-
bestimmten Artikel zu sehen geneigt sein, wie er z. B. vorliegt in:
II y a une heure dans les jetcs niondaines — parfois moins q u'u n e
heure, quelques niifiutes, un instant — oii Icur caractcre se Iransforme
M. Prövost, Pierre et Therese 204. Indes würde, wie hier weiter aus-
geführt werden wird, auch bei zweifellosem Zalilwort z. B. dcux heures,
trois heures, nur que möglich sein. So heißt es z. B. ebenda 204: // n'y
eut plus que quelques personnes . . . «plus que di\r>> (eile Ics conipta) . . .
«plus que qualre'> und schließlich konstatiert sie: «plus qu'une dame
affolee>>.
272 Th. Kalepkij.
mischten Beiträgen ein geradezu klassisches und scliwerlich
je zu übertreffendes Vorbild gegeben — ihn sei es zu sicheren
Ergebnissen geführt oder, falls tatsäclilich eine Mehrheit von
Möglichkeiten vorlag, ihn instandgesetzt hätte, diese Mehrheit
genau zu umgrenzen und die möglichen Auffassungen präzise
zu formulieren.
Um es gleich hier zu sagen — diese <<plus qii'ime heure>>-
Konstruktion scheint mir in der Tat den Schlüssel zur Lösung
des uns beschäftigenden Rätsels zu enthalten. Nicht freilich
in dem Sinne, daß das äußerliche, das räumliche
Nebeneinander von plus und qiie zu einer Verbindung beider in
dem Satze pas plus qu'iine geführt, gewissermaßen auf unseren
Fall ,, abgefärbt" hätte, sondern so, daß die Gedankenbildung,
die Konstruktion in dem letzteren Satze sich als im Grunde
gleichartig mit der jenes plus ^ae- Ausdrucks erweisen lassen dürfte.
Eine genaue Untersucliung und Feststellung derselben
ergibt sich danach als erste und dringendste Aufgabe. Dabei
wird man dann erkennen, daß in plus qu'une heure d'attente das
que — allem äußeren Scheine zu^^'ide^ — gar nichts mit plus
zu tun hat, sondern lediglich das Schlußglied eines — nicht
geäußerten — negativen Anfangsgedankens einführt, daß also
der in Rede stehende ,, verkürzte" Statz genau genommen bedeutet:
,,mehr nur eine Stunde Wartezeit." ^^) Die in dem ,, vervoll-
ständigten" Ausdruck: // n'y a plus qu'une heure d'attente uns
entgegentretende Verbindung ne... plus que führt übrigens
schon Lücking in seiner von bewundernswürdiger Denkschärfe
und Gründlichkeit, vor allem aber von einer geradezu erstaun-
liclien Systematisierungsgabe zeugenden Französischen Gram-
matik § 398, Anm. 6 unter denjenigen auf, in welchen ,,«e . . . que
durch Adverbien (hier also plus) modifiziert" ist, unmittelbar
vor dem — eine Art Seitenstück zu ihm bildenden — encore queM)
^^) Wen diese Behauptung befremden sollte, der sei daran er-
innert, daß wie die , .negativen Ergänzungswörter" (personne, rien,
aucun, nul, pas, point, plus, jamais), ohne Verb gebraucht, für sicli allein,
(d. h. ohne ne) vollen negativen Sinn haben, so auch que ohne Verb
(bei dem natürlich ein ne stehen müßte), für sich allein ,,nur" heißt,
z. B. Cest facile ä comprendre. — Que trop ! Scribe, Le verre (Teau IV, 6.
Oder: Dejä! Non , ce n'est que Frederique et. . . — Que qa, Frederique!
(,,Nur das, F.! = ,,Nur sie F.!") Augier Pierre de touche IV, 4.
Zwei weitere Beispiele hat A. Tobler, Vertu. Beitr. III, 98 (zur Recht-
fertigung der Verwendung von ne. . . pas que im Sinne von ,, nicht
nur") gegeben. Interesse dürften auch Sätze von der Art des nach-
stehenden beanspruchen: U Autriche ti'a qu'une fenetre sur V Adriatique,
V Allem agne que des cötes basses, froides et grises. Bazin, La douce
France 4. Danach kann dann wohl auch ein völlig isoliertes que (,,nur")
nichts Auffälliges mehr haben.
^^) So könnten z. B. mit bezug auf ein kinderreiches Elternpaar
die beiden Sätze geäußert werden: A ce temps ils n'avaient encore
que deux enfants.. und (nachdem mehrere gestorben sind) A present
ils n'ont plus que trois enfants, wobei die Analogie der Funktionen
Syntaktisches. 273
Dieser Sachverhalt nun (daß que unabhängig von plus ist)
legt, wie mir sclieint, eine andere Auffassung des uns beschäftigen-
den Satzes nahe als die von l.öseth gegebene und als die an einer
früheren Stelle (S. 262) von uns für mögUch erklärte, die nämüch
daß pas plus für sicli allein ,, nicht mehr" heiße und qu'une dann
(als nachdrückUche Fortführung, zugleich als Ergänzung zu dem
voraufgehenden une question encore) ,,nur eine" bedeute, also
eine Auffassung, wie sie sich ohne weiteres als selbstverständhch
darstellen würde, wenn zwischen pas plus und qu'une ein Komma
stände, der Satz sich in d e r Form darböte: Allans. . . une question
encore^ mais pas plus, qu'une . . .
Ich bin nun vollkommen darauf gefaßt, den Einwand zu
hören^^): ,,Ge\\'iß! Aber ebenso gesichert ^^•ie diese Deutung
von encore und plus (als Modifikationen von ne. . . que) ohne weiteres
in die Augen springt. — An einer anderen Stelle freilich, wo er von
Negationswörtern spricht, geht der ausgezeichnete Grammatiker zu
weit, nämlich § 397, Anm. 1, insofern er zu der richtigen Regel: ,,Die
durch ne negierten Maßbestimmungen und indefiniten Pronomen oder
Adverbien besitzen, wenn dem Satze das Verb fehlt und folglich auch
ne fehlen muß, an sich einen n e g a t i ve n Sinn" unrichtiger-
weise (mit bezug auf Adverbien) den Zusatz macht: ,,Auch plus,
aber nur vor partitivem rfe;z. B. Plus de larmes". Es
fällt nicht schwer, Belege auch für anderweitiges Auftreten eines verb-
losen, negativen plus (selbst wenn wir die plus ^Me-Fälle beiseite lassen)
beizubringen. So mit dem ,, unbestimmten" Artikel: Plus un mot
lä-dessus, Augier und Sandeau, Le gendre de M. Poirier II, 1. — Oder
ganz ohne Artikel: Plus trace de cette ferveur tendre ! M. Prevost, Pierre
et Therese 151 (wonach man auch wohl unbedenklich von jemand,
dem eine plötzliche große Freude Hunger und Durst vertreibt, würde
sagen dürfen: Plus faim ni soif . . . !) — Oder mit adverbialer Bestim-
mung: («Je vous aime<>, worauf die schmerzliche Erwiderung der Ge-
liebten:) Plus comme autrefois ! M. Tinayre, La maison du pcche 213. —
Bezüglich des verblosen plus de sei noch darauf hingewiesen, daß,
wenn auch «Plus de marais, plus de cigognes^y bei R. Bazin, La douce
France 107 im Munde des mißvergnügten Elsässers negativen
Sinn hat: ,, Keine Sümpfe mehr, (daher denn auch) keine Störche
mehr, und nicht: ,,Je mehr Sümpfe, desto mehr Störche", andrerseits
das Plus de lumiere, moins de chaleur, plus de chaleur, moins de lumiere,
in Coulevain, Sur la branche 224 positiv aufzufassen ist: ,,Je
mehr Wärme, desto weniger Licht usw.", wie denn auch in R. Bazin
a. a. O. 42 Les anges sont cenus. . . et ce ne sont pas des plunies blanclies
ou vermeilles qu'ils laissent en s'envolant, mais des pensees nieilleures
dans le cceur de ceux qui ont prie, plus d e f o r c e , plus de t e n -
d r e s s e , plus cCe sperance, trotz des fohlenden ( allerdings
auf Grund des wais leicht zu ergänzenden positiven) Verbs die plus-
Ausdrücke positiv aufzufassen sind. Ob danach nicht flu' Goethes
,,Mehr Licht" (außer: Un peu plus de j. oder Faites entrer plus de f.)
mit bestimmter Betonung auch bloßes Plus de jourl möglich wäre?
'^) Vielleicht auch noch den anderen, daß beim Fehlen eines sich
anschließenden Vergleichsgliedes nicht plus, sondern dai-antage zu
setzen sei, wie merkwürdigerweise sogar der Dict.gcncr. lehrt: ^«Davan-
tage 2 = plus, s a n s c o m p l e ni e n t , par rapport a un ternie prece-
demment enonce». Und doch findet man ebensowohl da^antagc m i t
que (z. B. Qu^est-ce qui i'ieillit d a k' a n t a g >: q u c les oui'ragcs d'histoire.
271 Th. Kaleplnj.
im Falle dos Vorhandenseins eines Interpunktionszeichens vor
fju'une ersclieinen müßte, ebenso ausgeschlossen muß sie jetzt,
bei dem tatsächlichen Fehlen desselben gelten." Icii will mich
nun gar nicht erst hinter der Möglichkeit eines Druckverseliens
verschanzen, sondern — unter Annahme korrekter Wiedergabe
der Interpunktion des Autors — jenem Einwand gleich die Er-
klärung entgegenstellen: Das Interpunktions verfahren des Fran-
zösischen ist — nicht nur in der Setzung, sondern noch mehr
in der Weglassung der Kommata — derartig impulsiv, von
bloßer Empfindung (statt von verstandesmäßigen Er-
wägungen) geleitet, es bietet so viele Fälle logisch unmotivierter
Setzung einerseits, wie — durch abschleifenden Gebrauch und
Schnelligkeit der Rede herbeigeführter — ^^'eglassung der Kom-
mata andererseits, daß ich der Berufung auf Interpunktions-
verhältnisse in Fragen sprachlich-logischer Analyse nicht ohne
weiteres entscheidende Kraft zuerkennen kann. Ist denn z. B.
in den (gar nicht seltenen) Sätzen wie Lui^ refusait de mourir
Sans avoir couche ä Rome Zola, Rome 131 oder Lui, aurait prefere
voyager ä sa fantaisie ebda 169 — das Pronomen liii, weil es durch
Komma vom folgenden Verb getrennt ist, etwa weniger
Subjekt seines Satzes als in Lui etait ne au Palatin ebda 181,
wo ein solches (natürlich ein gewisses gegensätzliches Markieren,
ein momentanes Innehalten ausdrückendes) Komma nicht gesetzt
ist ? Liegt etwa eine irgendwie anders geartete Beziehung von
qiie zu rien vor als die gewöhnliche, wenn diese beiden ^^'örter
durch Komma getrennt sind? Z. B. in: Claude ne pouvait rien,
(jue la suivre. M. Tinayre, La douceur de vü're 76 oder: Je ne
desire rien, que les choses qui ne s'acheleni pas. Zola, Paris 381.
Oder: muß der Sachverhalt in logischer Beziehung, — denn
nur von dieser, nicht von der psychologischen, spreche ich
hier — in dem exakt interpungierten En voilä, des ideesl bei
G. Duruy, Sans dieu ni maitre 80 als verschiedenartig von dem
in Richepin, Cadet 248 (beide von A. Tobler, Verm. Beitr. III
22 zitiert) aufgefaßt werden, weil im letzteren Falle, flüchtiger
Weise derselbe Ausruf (wie fast immer!) ohne Komma
hinter coild gedruckt ist ? — Zu dem von A. Tobler a. a. 0. 23
als ,, einzigen" ihm begegneten Falle mit Komma aufgeführten
En voilä, une queslion\ (der eine Weiteren t^^dcklung der eben
erwähnten Konstruktion darstellt) habe ich mir Zeitschr. f. rom.
Phil. XXXIII, 716 noch vier andere beim Lesen gefundene Fälle
eines derartigen Interpunktionsverfahrens beizubringen erlaubt,
und auch weiterhin sind mir, wenngleich die kommalose Form
was Lücking S. 398 aus R. d. d. m. 1878 zitiert) als plus ohne solches
z. B. Le Cent qui souffle un peu plus, fait danser. . . Loti, Ramuntcho
255. — La cloche sonne, sonne, emplit toujours plus l'air de son
appel eb. 252. — Peut-on demander plus ä un metier? Bazin, La
douce France 274.
Syntaktisches. 275
in dieser Ausdrucksweise bei weitem überwiegt, noch vereinzelte
Beispiele m i t Komma entgegengetreten, die ich zu notieren
mir nicht mehr die Mühe genommen. — Was ferner das ver-
gleichende icl ohne que betrifft (z. B. // sauiillait tel un chien qui
fait le beau) so ist ebda XXXIl, 681 gezeigt worden, daß sicli
solche Vergleiche teils dem Satzganzen organisch einverleiben,
d. h, ohne jedes trennende Interpunktszeichen vorfinden (wie in
dem eben angeführten Beispiel), teils aber durch Kommata, ja
teils sogar durch Gedankenstriche von dem Reste der Aussage
abgesondert sind. Auf eine Reihe analoger Fälle, wie sie il y a
mit Zeitraumangabe, piega^ naguere, peiU-etre, on ne peut plus
(in Verbindung mit Adjektiven oder Adverbien z. B. il est on ne
peut plus malheureux) und andere mehr darbieten, ist an der
genannten Stelle der Zeitschr. f. rom. Phil, hingewesen worden,
so daß ich mir hier ein näheres P^ingehen darauf ersparen und bereits
auf Grund der eben gemachten Ausführungen die oben getane
Behauptung bezüglich der Un Zuverlässigkeit der Interpunktion
als eines Kriteriums für das logische Verhältnis der Bestandteile
eines Satzes als er\\-iesen ansehen kann. Doch ist die Beanstan-
dung jenes Interpunktionseinwandes selbstverständlich nur in
dem Sinne gemeint, daß dem Fehlen des Kommas ZN\'ischen
pas plus und qu'une z\\-ingende Beweiskraft für die Unmittel-
barkeit des Zusammenhanges der beiden Ausdrücke abgesprochen
wird, so daß daraus also nur die Zulässigkeit der Auffassung
derselben als zweier von einander unabhängiger, geN^ssermaßen
koordinierter Bestandteile der Rede — namentlich bei lebhaftem
Sprechen — hergeleitet wird, einer Auffassung, die das Anspre-
chende hat, daß bei ihr jede Anomalie in dem Vergleichungs-
verfahren noch plus in Wegfall käme. Sie als die zweifellos
richtige, oder gar als die allein richtige hinzustellen, liegt
mir durchaus fern. Ich werde sie gern und ohne Säumen aufgeben,
falls es Herrn Löseth gelingt, durch eine ausreichende
Zahl von einwandfreien Beispielen die von ihm, \\ie
mir scheint, allzurasch aufgestellte Behauptung zu erhärten,
daß da, wo es sich in Vergleichungcn mittels plus (und moins)
lediglich um numerische Aufstellungen handelt, die familiäre
Sprache — auch außerlialb der Zeit-, d. h. der Uhrangaben —
statt zu dem üblichen de zu que greift.
Schließlich bietet sich aber für diejenigen, die sich mit keiner
der beiden bisher erörterten Möglichkeiten zu befreunden ver-
mögen, und wiederum auch Bedenken tragen, mit H. Löseth,
eine einfache Vertauschung von de und que infolge von Analogie-
einflüssen anzunehmen, noch eine dritte Möglichkeit. Bekannt-
lich zeigt, wie im XVII. Jahrhundert sogar die klassische Sprache
(vgl. Haase S. 164,) heute noch die Volksspraclie, ja wohl auch
die familiäre, gelegentlich Neigung, pas bezw. point auch da zu
setzen, wo die gute Sprache sie heute ausschließt und zwar nicht
276 Th. Kalepky.
nur — in vollständigen Sätzen — zu einem anderen negativen
Bestimmungs- oder Verstärkungswort, z. B. A quoi pensez-vous,
Tom? — /ie/i, que ce n'esL pointguire la place ici cl'un
jeune homme comme vous, Lavedau, Le hon temps 166, oder Quoi-
(ju'elle ne connüt pas les veritables besoins de son organisme delraque
et n'eut pas su dire d'a u cun homme qu'il repondait ä son
ideal, eile avait.... Frapie, Marcelin Gayard 280 (vielleicht
wogen des voraufgegangenen ne... pas) — sondern aucli in un-
vollständigen Sätzen, sogar in solchen, wo beim Vorhandensein
eines Verbums zwar ein ne aber kein pas oder point stehen dürfte.
Siede führt z. B. in seiner bekannten Dissertation ,, Syntaktische
Eigentümlichkeiten der Umgangssprache weniger gebildeter
Pariser" (Berlin 1895) S. 60 (aus Henri Monnier) an: Et toi aussi. . .
tu m'amusais mieiix dans ce temps — Id, que n o n pas ä present . .
So bliebe dann — unter der Voraussetzung allerdings, daß die
Sprechweise jener ,,Diseuse de bonne aventure" auf einem niedri-
geren Sprachniveau als dem der Gebildeten steht, noch als letzte,
die Möglichkeit, in dem pas vor plus qu'une eine volkstümliche,
dem Verfahren der guten Sprache zuwiderlaufende Verstärkung,
eine Art Ersatz für das infolge mangelnden Verbs unmögliche,
in vollständigen Sätzen jedoch den üblichen Vorläufer von que
(,,nur") bildende ne zu sehen — eine Auffassung, die ich hier
abernur erwähnen will, um die Reihe der sich darbietende Mög-
lichkeiten zu vervollständigen, und die ich mir nicht eher zu
eigen machen möchte, als bis weitere zuverlässige Belege für ein
derartiges pleonastisches pas vor plus que (,,nur noch") nach-
gewiesen worden wären.
(Fortsetzung folgt.)
S c h 1 a c h t e n s e e bei Berlin. Th. Kalepky.
Zeitschrift ' ' ^
für
französisclie Sprache unl litteratur
begründet von
Dr. G. Koerting und Dr. E. Koschwitz
Professor a. d. Universität z. Kiel weil. Professor a. d. üniver». z. Königsberg i. Pr.
herausgegeben
von
Dr. D. Behrens,
Professor an der Universität zu Giessen. , .
Band XXXIX. >^•f>
Referate und Rezensionen.
Chemnitz und Leipzig.
Vorlag von \\' i 1 h e 1 m G r o n a u.
1912.
INHALT.
Referate und Rezensionen, seite
Barth s. Lai du Conseil 184
Baudissin s. Moliere.
Belletristik, neuere (M a r t i n S c h i a n) 89, 224
Becker, Ph. Aug., s. Moliere.
Berret, P. Le Moyen äge dans la Legende des Siecles et les
sources de Victor Hugo (M. Rössler) 213
Bonnet, J. CEuvres inconnues de Jean Racine (Georges
Doutrepont) 204
Bueve de Hantone, Der -festländische, Fassung I, lirsgb. von A.
Stimming (E. B r u g g e r) 155
Castedeüo, W. Die Prosafassung der Bataiile Loquifer und des
Moniage Renouart (P h. A u g. B e c k e r) 188
Chateaubriand, Correspondance generale de, p. p. Louis Tliomas
(D. B ehr ens) 81
Chatenet, H . E. Le roman et les romans d'uae feninie de lettres
au dix-septieme siecle. Mme de Villedieu (Walther
Küchler) 204
Crisci, A. Essai sur Louis XIV et les ecrivains de son siecle
(Wal ther Suchier) 197
Des Oranges, Ch.-M. Histoire de la litterature Iran^aise (W a 1 -
therKüchler) 153
Destree, J. Les Arts anciens du Hainaut (L u c i e n - P a u 1
Thomas) 220
Diehl s. Inschriften.
Effer, H. Beiträge zur Geschichte der französischen Literatur
in Belgien (L u c i e n - P a u 1 T h o m a s) 214
U Enfant sage hrsgb. von Walther Suchier (Jean Ach er) . 14
Faguet, E. Rousseau contre Moliere (P h. A u g. B e c k e r) . . 207
Fort, P. L'aventure eternelle (L u c i e n - P a u 1 Thomas) 229
Haas, J. Frankreich, Land und Staat (G. R o 1 o f f) . . . . 224
Hartmann, H. Die literarische Satire bei Molieie (H ei n r i c h
Schneegans) 59
Hilka s. Petrus Alfonsi imtl Sammlung mittellateinischer Texte.
Inschriften, vulgärlateinische, hrsgb. von Ernst Diehl ( K. Meiste r) 140
Lai du Conseil hrsgb. von A. Barth (W a 1 l li e r S u c h i e r) 184
Lees, ./. The Anacreontic poetry of Gerniany in the eighteenth
Century, its relation to French and classical poetrv (W.
Martini) "... 205
Lehrbücher, neue, der fi'anzösisciien Sprache (Au g u .>> t S t u r m -
fels) 98
Lektüre, franzosische, in neuen Schulausgaben (A u g u s f
S t u r m fe 1 s) 93
Lescoeur, Ch. La division et rorganisalion du tciiitoiro i'rancais
(G. Rolo f f) 224
Liebrecht, H. Histoiro de la litterature lielge (rox|iii'ssi(in Ii;mi-
Qaise (L u c i e n - P a u 1 T h 0 m a s) 214
Longnon, H. ■ Pierre de Ronsard. Essai de biograpiiie (11 u g u e s
V a g a n a y) 44
Magne, ßmile. Voiture et les oiigincs de riloti>l de IxainlHiuillet
(J ose f Fr a nk) 50
Seite
Marichal, J. ./. Die Mundart von Gueuzaine-Weismes (P.
M a r c h 0 t) 144
Melotte, P. Essai sur le theätre l'utur (Lucien-Paul
Thomas) 222
Meyer-Lübkc, W. Romanisch-etymologisciies Wörterbuch (D.
Behrens) 81
Molieres sämtliche Werke, übersetzt von Wolf, Grafen ßaudissin,
hrsgb. von Ph. Aug. Becker (H. Schneegans). . . 198
Mulomedicina Chironis, Proben aus der, hrsgb. von Max Nieder-
mann (H a n s IVl e d e r t) 142
Niedermann s. Mulomedicina.
Die Noblessen i>on Bretagne hrsgb. von H. L. Zeller (Jean
Ac h e r) 16
Northup, Cl. S. The present bibliographical Status of modern
philology (P. H ögb er g) 133
Oulmont, Ch. Les debats du Clerc et du Chevalier dans la litt.
poetique du moyen age (K a r 1 V o s s 1 e r) 16
— — La poesie morale, politique et dramatique ä la veille de la
Renaissance (P h. A u g. B e c k e r) 189
Petrus Älfonsi. Disciplina Clericalis hrsgb. von Aliens Hilka und
Werner Söderhjelm (F r i e d r i c h P f i s t e r) .... 1
Price, W. R. The symbolism of Voltaire's novels with special
reference to Zadig (P. T o ! d o) 208
Racine s. Ronnet.
Remppis, W. Die Vorstellungen von Deutschland im altfran-
zösischen Heldenepos und Roman und ihre Quellen
(Fri tz Ker n) 5
Rochette, Aug. L'Alexandrin chez Victor Hugo (H. H e i s s) . . 71
Sammlung m.ittellateinischer Texte hrsgb. von Alfons Hilka
(Friedrich Pfister) 1
Scherping, W. Die Prosafassung des ,,Aimeri de Narbonne" und
der ,,Narbonnais" (P h. A u g. B e c k e r) 188
Söderhjelm s. Petrus Älfonsi.
Stimming s. Bueve.
Strohmeyer, Fritz. Französische Stilistik [(T h e o d o r K a 1 e p k y ) 100
Suchier, Walther s. Enfant sage.
Thomas, Louis s. Chateaubriand.
Toldo, P. L'oeuvre de Moliere et sa fortune en Italie (H.
Schneegans) 59
Vogel, E. Taschenwörterbuch der katalanischen und deutschen
Sprache (FritzKrüger) 88
Wechssler, E. Moliere als Philosoph (Heinrich Schnee-
gans) 59
Westerhlad, C. A. Baro et ses derives dans les langues romanes
(E 1 i s e R i c h t e r) 86
Zeller, H. L. s. Noblessen von Bretagne.
Zettl, J. Aucassin und Nicolette in Deutschland (Wolfram
Suchier) 7
MiSZELLEN.
Cohn, G. Nachtrag zu Zschr. XXXIXS 71 ff 233
Kalepky, Th. ,, Kommentar überflüssig"?? . 234
Lion, C. Th. Zu Racines Britanniens Vers 208 (I, 2, 80) . . . 233
Spitzer, L. und Th. Kalepky. Zu französisch lä 107
Stenhagen, A. Ein analogisches Imperfekt des Konjunktivs . . 109
Vaganay, H. Le premier et les derniers sonnets imprimes de
Philippe Des Portes 230
Novitätenverzeichnisse 110, 238
Eeferate und Rezensionen.
Petri Alfonsi Disciplina Clericalis von A 1 f o n s H i 1 k a
und Werner S ö d e r h j e 1 m. I. Lateinischer Text.
Acta Societatis scientiarum Fennicae tom. XXXVIII No. 4.
Helsingfors 1911. Druckerei der Finnischen Literatur-
gesellschaft. XXXVII und 78 S.
Nammlnng: mitlellateinisclier Texte herausgegeben
von Alfons H i 1 k a. Heft I: Die Disciplina
Clericalis des Petrus Alfonsi (das älteste Novellenbuch des
Mittelalters) nach allen bekannten Handschriften heraus-
gegeben von Alfons H i 1 k a und Werner Söder-
hjelm (Kleine Ausgabe) Heidelberg 1911. Carl Winters
Universitätsbuchhandlung. XV und 50 S. — Heft II:
Exempla aus Handschriften des Mittelalters herausgegeben
von Joseph Klapper. Ebenda 1911. X und 87 S.
Das Jahr 1911 ist für die mittellateinische Philologie
von einer gewissen Bedeutung gewesen. Einmal schenkte es
uns den ersten Band der Geschichte der lateinischen Literatur des
Mittelalters von M. M a n i t i u s , ein Werk, das zwar nicht
den nahehegenden Vergleich mit dem entsprechenden Standard-
werk der Schwesterwissenschaft, mit Krumbachers monumen-
taler Leistung aushält, das aber gleichwohl schon jetzt sich unent-
behrUch gemacht hat. Dann erschien der zweite Band der von
Fr. Boll, G. Lehmann und Fr. Skutsch herausgegebenen Vor-
lesungen und Abhandlungen T r a u b e's , der die Einleitung in
die lateinische Philologie des Mittelalters enthält. Dazu kommen
zwei wichtige Serienpublikationen, einmal das von F r i e d r i c h
Wilhelm herausgegebi^ne Münchener Museum für Philologie
des Mittelalters und der Renaissance, eine Zeitschrift, die von der
unsrigen aufs liei-ziicliste willkommen geheißen werden muß,
dann die im folgenden anzuzeigende, von Alfons Hilka
herausgegebene Sanimlung miitcllateinischer Texte, von der
jetzt zwei Hefte vorliegen. Daß sich der Verlag von C. W i n t e r
in Heidelberg entschlossen hat, diese Sammlung, ein Gegen-
stück zu der bereits gut eingeführten, im gleichen Verlag er-
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXI XV*. 1
2 Referate und Rezensionen. Friedrich Pfister.
scheinenden Sammlung vulgärlateinischer Texte, herauszubringen,
ist nicht warm genug zu begrüßen, zumal wenn man weiß, wie
schv\ierig es oft ist, für Arbeiten auf dem Gebiet der mittellatei-
nischen (ebenso wie besonders früher auf dem der byzantinischen)
Philologie einen Verleger zu finden.
Die neue Sammlung will ,, wichtige res Material zur Kenntnis
der mittellateinischen Sprache und Literatur, in erster Linie
für die Zwecke literargeschichtlicher Untersuchungen die Denk-
mäler erzählender Art, die teils in schwer zugängliclien oder
noch nicht streng kritisch bearbeiteten Drucken vorhegen, teils
erst noch aus den Handschriften unserer Bibliotheken heraus-
gezogen werden müssen, in handlichen und billigen Ausgaben
weiteren Kreisen zugänglich machen. Sie will insbesondere
als Grundlage für entsprechende Seminarübungen den Roma-
nisten, Germanisten wie Latinisten dienen. . . . Zum Abdruck
gelangen die für die vergleichende Literarwissenschaft wichtigsten
Werke, möglichst vollständig und unter Wahrung der Graphic
einer bestimmten Handschrift, deren mittelalterlicher Charakter
nicht verwischt werden soll, daneben auch Auszüge und Samm-
lungen aus solchen Literaturdenkmälern, die für die Kenntnis
des Mittellateins besondere Bedeutung haben. Eine knappe
literarhistorische Einleitung nebst Literaturangaben gibt Aus-
kunft über die Bedeutung und Stellung des neu herausgegebenen
Textes, Die Bändchen — im Umfang von ca. 5 Bogen, aber auch
Doppelhefte werden nicht ausgeschlossen sein — werden in
zwangloser Folge erscheinen und einzeln käuflich sein." So
der Prospekt.
Gleich das erste Heft bringt ein für die vergleichende Litera-
turgeschichte sowohl wie speziell für die mittellateinische Philo-
logie äußerst wichtiges Werk, die Disciplina clericalis des Petrus
Alfonsi, zwar keine Editio princeps, aber die erste kritische
Ausgabe des Textes. Die kleine handliche Ausgabe beruht auf
der gleichzeitig erschienenen großen Ausgabe der Disciphna
von Hilka und Söderhjelm, die zunächst im folgenden zu be-
sprechen ist.
Weitaus das meiste, was an klassisch-antiken und orien-
talischen historischen wie sagenhaften Erzählungsstoffen dem
abendländischen Mittelalter weitergegeben wurde, hat den direkten
Weg der Überheferung durch die lateinische Sprache, meist
über und aus Italien, genommen. Zu diesen primären Quellen
antiker Tradition treten, zwar im Vergleich zu diesen von viel
geringerer Bedeutung, aber absolut betrachtet doch von großer
Wichtigkeit, einige sekundäre Vermittler antiker und orien-
taUscher Überlieferung, unter denen naturgemäß die orien-
talischer Sprachen kundigen Juden eine besondere Rolle spielen.
Und das Land, welches als Durchgangsgebiet hier vor allem in
Betracht kommt, ist Spanien, wo ja orientalischer, speziell ara-
Sammlung mittelalterlicher Texte. 3
bischer Einfluß vor allem wirksam war. Eines der berühmtesten
und wichtigsten Werke dieser Art ist die Disciplina clericalis
des spanischen Juden und späteren Christen Petrus Alfonsi,
die, auf arabischen Quellen beruhend und zu Anfang des 12. Jahr-
hunderts verfaßt, in der Folgezeit vielfach weiter bearbeitet,
excerpiert und in viele Sprachen übersetzt wurde.
Die beiden bisher vorhandenen Ausgaben dieses Werkes,
die von Labouderie (resp. Meon) vom Jahre 1824, welche dann
Migne abgedruckt hat, und die durch ihre Anmerkungen aus-
gezeichnete von Valentin Schmidt (1827) können keinen An-
spruch auf textkritische Genauigkeit erheben. Hier setzen
nun die beiden neuen Herausgeber ein, indem sie in gemein-
samer mühevoller Arbeit 63 Handschriften zusammenbrachten
(Spanien 1, Holland 1, Schweden 1, Schweiz 2, Belgien 4, Italien 5,
Österreich 6, Frankreich 13, England 14, Deutschland 16). Drei
davon stammen mit Sicherheit noch aus dem 12. Jahrhundert;
doch geben von diesen nur zwei einen vollständigen Text, von
denen der eine wiederum einer jüngeren Rezension angehört,
der andere aber verschiedener Fehler halber nicht einwandsfrei
ist. Denn zunächst war zu konstatieren, daß nur ein Teil der Hand-
schriften, nämlich 48, den Text vollständig bot, während die
anderen, 15, sämtUch den Prolog wegließen; ferner geben aus der
letztern Gruppe 10 Handschriften nur die Geschichten wieder
und eine lediglich die Sentenzen. Gleichwohl kann natürlich
eine unvollständige Handschrift im Einzelfall einen besseren
Text geben wie eine vollständige. Daher w-ar für die Text-
kritik die Unterscheidung einer älteren und einer jüngeren Rezen-
sion nötig, eine Sciieidung zweier Rezensionen, die sich schon
im 12. Jahrhundert vollzogen hat. Zu jener älteren Rezension,
welche einen vollständigen Text geben, gehören 36 Hss. Von
diesen wird nun eine (Oxford, Corp. Chr. Coli. 86) aus dem Anfang
des 14. Jahrhunderts der Ausgabe zugrunde gelegt und im Apparat
eine Auswahl von Varianlen mitgeteilt.
Die Berechtigung, daß gerade auf diese bestimmte Hs. die
Wahl fiel, kann man aus den darüber gemachten Angaben nicht
mit ganz zwingender Sicherheit ersehen. Vielmehr scheinen, soweit
man ohne Ein-^iclit in die Hss. selbst urteilen kiinn, von den
36 dafür in Betracht kommenden Hss. außer der genannten noch
eine oder die andere gleichfalls als Grundlage erwägenswert
zu sein. Es drängt sich die Ansicht auf, ob nicht etwa von den
7 oder 8 besten Hss. (etwa Bo, Bx^ Corp, Cpt, M^ T, U, dazu
wegen ihres Alters D) sämtliche, d. h. die wesentlichen Varianten
mitzuteilen waren, von allen andern aber nur das alliMwidiligsle.
Hätte auf diese Weise nicht der Apparat entlastet werden können ?
Man würde nicht ungern manclie iler jt^tzt mitgeleilten N'arianten
missen, und ein festes Prinzip in der angegebenen Weise wäre
m. E. vorzuziehen gewesen. Denn der S. XXW'II angegebene
1*
4 Referate und Rezensionen. Friedrich Pjister.
Grundsalz: „Wir haben uns darauf beschränkt, eine Auswahl
von wichtigeren Lesungen der bedeutenderen Hss. mitzuteilen.
Freilich wird auch da stets der individuelle Geschmack eines
jeden Herausgebers verschieden verfahren, aber wir sind doch
überzeugt, daß das im Variantenapparat gebotene, verglichen
mit dem, was wir über die einzelnen Hss. in der Einleitung gesagt
haben, eine gute Vorstellung von der handschriftlichen Fort-
gestaltung unseres Werkes geben wird." scheint mir nicht
scharf und bestimmt genug zu sein, wenn nach ihm auch ein
genügender Einblick in die weitere Fortgestaltung des Textes
durch die Abschreiber gewiß gewährt wird. Aber für den die
Richtigkeit des Textes selbst nachprüfenden Kritiker geben
gerade diese Varianten nicht viel aus, während ein zuverlässig alle
Varianten der wichtigsten Hss. bietender vVpparat eben doch die
Möglichkeit für spätere Textkritik zuläßt: Diese aber wirklich
fruchtbar und sicher zu betätigen ist bei dieser Anlage des Appa-
rates sehr erschwert, da man nie gewiß weiß, ob alle wesentlichen
Zeugen für eine bestimmte Stelle im Apparat zu Wort gekommen
sind. Denn der Schluß ex silentio, daß die im Apparat für eine
Variante nicht genannten wichtigen Hss. die im Texte stehende
Lesart bieten, wie man erwarten sollte, darf hier, wie man aus
bestimmten Anzeigen mit Gewißheit sehen kann, nicht gemacht
werden. Mit andern Worten: Der Apparat müßte es ermög-
lichen, den Text der allerwichtigsten Hss. im Großen und Ganzen
zu rekonstruieren.
Gleichwohl ist diese prinzipielle Beanstandung des Apparates,
die ich nicht unterdrücken konnte, dem Texte selbst gegenüber
nicht von zu großer Bedeutung. Denn dieser ist, und das ist die
Hauptsache, durchaus befriedigend, da die Herausgeber der
Methode der älteren Philologie gefolgt sind und, w^as bei derartigen
Texten, wo die Handschriften so sehr voneinander abw^eichen,
das richtige ist, eine einzige Handschrift zugrunde gelegt haben.
Nur hätte mit einem Wort gesagt sein sollen, warum es in der
kleinen Ausgabe eine andere Handschrift wie in der großen ist.
Gewiß hat dies Verfahren für Seminarübungen, für die ja die
kleine Ausgabe bestimmt ist, einen großen Wert und ist auch
für den nachprüfenden Kritiker von Vorteil. Doch ergibt sich
bei einem Vergleich des Apparates der großen Ausgabe mit dem
Text der kleinen, daß der Text dieser letzteren von der ihr zu-
grunde gelegten Handschrift abweicht, ohne daß dies im Apparat
der kleinen Ausgabe vermerkt ist. Dies hätte wohl vermieden
werden sollen.
Nach der Besprechung der einzelnen Handschriften steuert
H i 1 k a einen knappen, aber das Wesentliche zusammenfassenden
und sehr dankenswerten Abschnitt über die Sprache und den
Stil des Petrus Alfonsi bei, den er durch ein Glossar ergänzt.
Als Anhang der großen Ausgabe wird noch eine Reihe von Text-
Remppis, W, Die Vorstellungen von Deutschland etc. 5
stücken gegeben, welche in einzelnen Handschriften in abwei-
chender Form überliefert sind. — Der zweite Teil der großen
Ausgabe soll den französischen Prosatext bringen, der dritte eine
kritische Ausgabe der beiden französischen Versbearbeitungen
und der vierte schließlich eine Untersuchung über die literar-
historische Bedeutung der Disciplina. — Über die kleine Ausgabe
ist bereits das Nötige gesagt. Sie enthält außer dem Text mit
ganz knappem kritischem Apparat eine über die Bedeutung der
Disciplina gut und kurz orientierende Einleitung. — Ich kann
diesen Bericht nicht schheßen, ohne den Herausgebern für die
große Mühe, mit der sie das weitzerstreute und umfangreiche
handschriftliche Material gesammelt haben, zu danken. Möge
ihr Prinzip, auch mittellateinische Texte nicht nur nach einer
oder zwei Handschriften abzudrucken, weiteste Verbreitung
und Nachahmung finden!
Nun noch ein Wort zu dem 2. Heft der Hilkaschen Samm-
lung, den von Joseph Klapper herausgegebenen Exempla.
Klapper sammelt aus 31 jetzt in Breslau befindUchen Hand-
schriften, die aus der Zeit vom Ende des 12. bis zum Ende des
15. Jahrhunderts stammen, 115 Exempla, die nacli der Schrei-
bung der betr. Handschrift zum Abdruck gelangen. Dabei nahm
er nur solche Stücke auf, die in den Handsclu-iften entweder
ohne Quellenangabe stehen, oder deren Quellen uns nicht mehr
bekannt sind. Damit ist ein erfreulicher Anfang gemacht, die
in zahllosen Handschriften zerstreuten mittelalterlichen Predigt-
beispiele systematisch zu sammeln und zu edieren, eine Arbeit,
die für den Folkloristen wie für den Literar- und Kulturliistoriker
von außerordentlichem Werte ist. Denn diese Einzel beispiele
haben dasselbe Anrecht auf Beachtung, wie die bereits in mittel-
alterlichen Sammlungen etwa den Gesta Romanorum, ver-
einigten. Die im Vorwort von Klapper ausgesprochenen Gedanken
verdienen volle Bohorzigung; so wenn er sagt: ,,Fast jede größere
Bibliothek enthält ja Predigthandschriften zu Hunderten, die
solche Exempclstoffe bergen. Und jeder einzelne Kodex ist
daraufhin zu prüfen." Im Anhang gibt Klapper eine Reihe
von Nacliweisen zu den einzelnen Stücken: Auch hieraus geht
hervor, wie viel auf diesem Gebiet noch zu tun ist. Für diese
Pionierarbeit hat Klapper den wärmsten Dank verdient. Es ist
zu hoffen, daß er in doppelter Beziehung — in Sammlung und
Bearbeitung des Materials — viele Nachfolger findet.
Heidelberg. Friedrich Pfister.
IteinppiN, W. Die VorsLclhuigen i-oii Deutschland im all-
französischen Heldenepos und Roman und ihre Quellen. (34.
Beilieft zur Zeilschr. für Roman. Philol. Halle, Niemeyer,
1911. XVI, 169 S. Mk. G. Abonn. Mk. 5.-.)
6 Referate und Bezensionen. Fritz Kern.
Ein günstiger Zufall hat den beiden ungefähr gleichzeitig
und unabhängig voneinander erschienenen Arbeiten Remppis'
und K. Zimmermanns {Die Beurteilung der Deutschen in der
französischen Literatur des Mittelalters mit besonderer Berück-
richtigung der chansons de geste, Romanische Forscliungen 29)
trotz ähnlicher Absichten doch einen verschiedenen Aktions-
radius gegeben. Indem sich Remppis eine physische und poli-
tische Geographie Deutschlands aus der altfranzösischen Lite-
ratur erschließen will, ist er, obwohl zweifellos der reifere Forscher,
im Nachteil gegenüber von Zimmermann, der nach einer Anthro-
pologie (im Kantischen Sinn mit Einschluß des moralischen
Urteils) strebte. Denn wenn die Verschwommenheit der alt-
französischen Dichtung in Hinsicht auf individuelle und nationale
Charakterzeichnung überhaupt übertroffen werden kann, so
wird sie es durch die Nebelhaftigkeit der geographischen und
ethnographischen Anschauungen. Natürlich bietet aber auch
dieser Zustand dem Historiker ein interessantes Problem dar,
und wenn der Befund vielfach negativ formuliert werden muß,
so wird allerdings für die Kenntnis Deutschlands nichts, aber
recht viel für das Studium des entstehenden französischen Volks-
charakters und Nationalgefühls, wie der französischen National-
bildung gew^onnen. In dieser Hinsicht ist es dem Historiker
sehr erfreulich zu sehen, mit welcher Gediegenheit quellen-
kritischer Methode Remppis zu so positiven Ergebnissen gekom-
men ist, daß er uns sogar (z. B. S. 31, 45, 61) Kartenskizzen vor-
legen kann, die die geographischen Kenntnisse der afr. Epen
veranschaulichen. Diese Karten sind freilich auch so schematisch,
wie man sie sich ungefähr vorstellt; immerhin ist es ein Ergebnis,
z. B. unter den Straßenzügen Deutschlands gerade die für Frank-
reich wichtigen, u. a. die Rheinstraße von Worms abwärts, die
Linie von Bar-le-Duc (doch wohl nicht, wie Remppis zeichnet,
der Stadt, sondern der Grafschaft ausgehend, d. h. die Maas-
straße, wonach die Zeichnung zu berichtigen wäre) nach Lüttich,
von Metz nach Aachen, von Burgund nach Regensburg einiger-
maßen bestimmt zu finden. Daß Remppis zu dem Schlüsse
kommt, den Epen keinerlei nachweisbare Benutzung chroni-
kalischer Quellen zuzuschreiben, wird der Historiker ohne
weiteres unterschreiben. Während aber der Roman, wie R.
sagt, sich ,, mitten in die modernen Verhältnisse (der Staufer-
zeit) hineinversetzt", ,, sucht das Epos die Verhältnisse der
Merowinger- und Karolingerzeit wiederzugeben." Nur an
zwei Stellen (für Dortmund und St. Herbert in Deutz)
hat R. den Einfluß kirchhcher Tradition wahrscheinlich ge-
macht.
Für die jetzt nicht mehr angängige Überschrift auf S. 89
ist K. Zeumer, Heiliges Römisches Reich deutscher Nation (1910)
zu vergleichen.
Zeitl Josef. Aucassin und Nicolette in Deutschland. 7
Die Absicht des Verfassers, in seiner Abhandlung, die von
der Tübinger Fakultät als Preisarbeit gekrönt wurde, „einige
neue Gesichtspunkte für die Entstehungsgeschichte des afr.
Epos (und Romans) zu geben", ist gelungen. Es wäre zu begrüßen,
wenn die spätere mittelalterliche Literatur Frankreichs, \sie
endUch auch einmal die Italiens, in methodischer Weise nach
ihren Ansichten über Deutschland durchforscht würden: die
Befragung dieser Quellen würde eine beträchtUch ergiebigere
Ausbeute von realen Kenntnissen und Beobachtungen versprechen.
Kiel. Fritz Kern.
Zettl, Josef. Aucassin und Nicolette in Deutschland. (Jahres-
bericht der Oberrealschule Eger.) 1911. 18 S. 8^.
Hermann Suchier hat bereits in der Einleitung
seiner Ausgabe eine kurze chronologische Liste von Ausgaben,
Übersetzungen, prosaischen und dramatischen Nachbildungen
der Cantefable gegeben.^) Es war von Zettl ein glückücher
Gedanke, sich aus diesem Material die deutschen Nach-
bildungen zum Gegenstand einer kleinen Studie auszuwählen.
Eine tüchtige Vorarbeit für diese Aufgabe hatte schon früher
Hugo B r u n n e r^) geliefert. Zettl orientiert zuerst ein-
leitungsweise über das Original und dessen Ausgaben und Neu-
bearbeitungen in Frankreich, um dann die deutschen Nach-
dichtungen ausführlicher zu würdigen. Die Übersetzung von
Le Grand's FabUaux, die Aucassin und Nicolette in novelHstischer
Form enthalten, durch L ü t k e m ü 1 1 e r^) wird nur kurz er-
wähnt und dann über die von U h 1 a n d geplante Bearbeitung
des Stoffes berichtet. Daß es diesen Dichter reizte, seine Kräfte
an A. u. N. zu erproben, war bisher wenig bekannt, und es ist
daher verdienstvoll, daß Z. nachdrücklich darauf hingCNNiesen
1) Es wäre freudig zu begrüßen, wenn der Verleger dieser Aus-
gabe sich entschlösse, einer etwaigen neuen Auflage anstelle dieser
kurzen Liste eine ausführliche, genaue und kritische Bibliographie
zu Aucassin und Nicoletle beizugeben, und wenn dann auch alle Schrif-
ten und Aufsülze über A. u. N. in ihren Bereich gezogen würden,
sowie künstlerische Darstellungen, denen die Singemäre als Motif zu-
grunde liegt. Zu Suchiers Verzeichnis vermag ich au(3er den im Fol-
genden erwähnten Bearbeitungen von Halem, Zoo/.manu, Ernst und
Hansmann, Oppeln-Bronikowski noch nachzutragen die französische
von Gailly de Taurines (mit Musik von Loen, Paris 1910, daselbst
auch aufgeführt) und die englisclien von 1908 (bei Foulis) und von
E. Mason 1910. Eine gekürzte neufranzösische Übersetzung des
M^onschen Texts bringt Fauriel, Hist. de la poesie proi'encalc III (184(5)
S. 186—218.
2) Über Aucassin und Nicolette, Diss. Halle 1880, 4", auf S. "21—31 :
Zur Literaturgeschichte.
3) Über diesen vergl. u. a. Goedekes Grundriß VII b. 413 und
IV 1 (1911) S. 621. Von Zettl, M. Koch und Schafenacker wird er
unrichtig Lütze(n)müller genannt.
8 Referate und Rezensionen. Wolfram Suchier.
hat. Seinen Ausführungen kann ich Folgendes hinzufügen.
Uhlands Tagebuch 1810 — 20 (hrsg. von J. Hartmann 1898) läßt uns
in die Werkstatt des Dichters während der produktivsten Periode
seines Lebens blicken. Es zeigt uns auch, ob Z.'s Vermutung,
U. habe die Idee zu seinem Aucassin aus Le Grand's Prosabear-
beitung entnommen, berechtigt ist. U. erwähnt bereits am
3. November 1810 in Paris die Fabliaux et Contes par Barbazan
et Meon, die den ersten Abdruck des Texts der Cantcfable ent-
halten, und am 1. Juni 1811 erhielt er sie nach Tübingen von
Schubart. Nach Z. hat U. gleich danach, nämlich in der Zeit
vom 4. bis 19. Juni 1811, an seinem Aucassin gearbeitet und erst
im folgenden Dezember und Januar berichtet, daß er im Le Grand
gelesen habe. Da er kurz vor seiner Arbeit Barbazan-Meon,
und Le Grand erst geraume Zeit später erwähnt, glaube ich,
daß ihm des ersteren Text der Cantcfable als Vorlage gedient hat,
umsomehr da er in seiner Abhandlung Über das altfranzösische
Epos, die 1812 in Fouques Musen zuerst erschien,*) nicht nur
Le Grand zitiert, sondern auch gerade da, wo er A, u. N. ersvähnt,
Barbazan-Meon. Le Grand hat er vermuthch zu dem Aufsatz
vom Epos, an dem er besonders in der Zeit vom 8. März 1811
bis zum 11. April 1812 gearbeitet hat, studiert. U. hat sich
1810 in Paris auf der Bibliothek viel mit Manuskripten beschäftigt
und nennt diesen Aufsatz in einem Briefe an Paulus (vom 18. De-
zember 1818) geradezu ,,das Resultat meiner Nachforschungen
in den altfranzösischen Handschriften der Pariser Bibliothek."^)
Es ist daher nicht unmöglich, daß er auch die Originalhandschrift
von A. u. N. benutzt hat. — Nachdem er seinen Epos- Aufsatz
im Manuskript abgeschlossen hatte, kam er erneut auf seine
Aucassin-Idee zurück. Die am 9. Mai 1812 wieder angefangene
Bearbeitung der Cantcfable erwähnt er noch am 10., 12. und
16. Mai, am 15. weilte er beiSchloßküfer mit dem ilim befreundeten
Gustav Schwab und erzählte diesem von seinem Projekt. Die
von ihm unter dem 20. November 1812 ausgesprochene Idee
eines altfranzösischen Dekamerone war nicht so neu, wie es nach
Z.'s Worten scheint. Bereits am 29. Oktober 1810 hatte er in
einem Briefe an Fouque seine Gedanken über die geplante Samm-
lung altfranzösischer Poesien dargelegt und wollte, wie er am
19. Dezember 1810 an Fouque schreibt, seine Übersetzung mög-
lichst auf Entkleidung der Sage von entstellendem Gewände
beschränken.^) In einem Briefe an K. Mayer vom 21. Januar
1812 sagt er von dieser Arbeit, daß er sie ,, ehemals im Sinne
*) Vgl. Uhlands Werke, hrsg. von Herrn. Fischer, Stuttgart (Gotta)
o. J., IV S. 49—126, besonders S. 51 Anm. 1, 67 Anm. 1 und 71 f.
5) Jahn, L. Uhland 1863 S. 156. — Auch die Legende, eins der
in Kerners Poetischem Almanach für 1812 enthaltenen Altfranzösischen
Gedichte U.'s, beruhte auf einer handschriftlichen Vorlage.
C) L. Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874 S. 69; Jahn S. 147.
Zettl, Josef. Aucassin und Nicolette in Deutschland. 9
hatte",') und erst am 15. November 1812 verzeichnet er im
Tagebuch die angefangene Ausarbeitung nach neuaufgefaßter Idee.
Der Verf. geht dann über zu K o r e f f's Oper,^) gibt hier
eine Übersicht ihres Inhalts und eine kurze Kritik, in der be-
sonders ihre Schönheit in Sprache und Technik betont wird.
Die im Gesellschafter von 1822 (nicht 1828, ^^de Zettl S. 10 schreibt)
enthaltene Beurteilung von Text und Musik hätte ihn aber zu
einer Vertiefung seiner Ausführungen anregen sollen. Auch sind
die Punkte, in denen K. mit dem Original nicht übereinstimmt,
m. E. nicht genügend hervorgehoben. Brunner, der nur die
Hälfte der Oper kannte, hatte letzteres nur schwach versucht
und überdies K.'s Sprache zu Unrecht getadelt. Gegenüber
dem Original scheinen mir folgende EigentümUchkeiten bei K.
bemerkenswert. Nicolette befreit sich aus ihrer Haft durch eine
Feile und eilt zu Aucassins Gefängnis. Beim Nahen der Wache
verbirgt sie sich hinter dem Schilde einer steinernen Ritterfigur.
In der Unterredung mit den Hirten sendet sie einen von ihnen
zu Aucassin, um diesen auf ihre Spur zu führen, und gibt ihm
zur Beglaubigung seiner Mission eine ihrer Locken mit. Aucassin
findet Nicolettes Kranz und sie selbst in der Waldgrotte, und,
damit er nicht zu Pferd die Bühne zu betreten und sich beim
Absteigen die Schulter auszurenken braucht, erzählt er ihr, daß
sein Pferd beim Durchqueren des Gestrüpps tötlich verletzt
zurückgeblieben sei. Die Piraten, die das Paar dann an der
Küste überfallen, trennen es sogleich und führen beide auf ver-
schiedene Schiffe. Die Reise nach Torelore fällt daher aus.
Die auf der Überfallenen Hilferufe herbeigeeilten Hirten haben
jedoch den Vorgang bemerkt und die Kunde davon verbreitet.
Über die Hälfte des zweiten Akts wird von der Hirtenszene ein-
genommen; diese zeigt uns zwar ein allerliebstes Idyll, ist aber
docli etwas zu lang geraten. In Karthago wird Nicolette von
ihren Angehörigen an einem auf dem Arme eingebrannten Zeichen
(einer Krone) erkannt; sie gibt ihrem Vater das Geheimnis ihrer
Liebe preis, aber vergeblich, sie rettet sich dadurch nicht von
der ihr bestimmten Heirat. Von ersterem Momente berichtet
der Dichter der Cantefablo nicht so ausfülirlich, und das zweite
findet sich bei ihm überhaupt nicht. Wie später bei Platen
so erbietet sich auch bei K. der Graf von B e a u c a i r e als
Freund Aucassins dazu, Nicoletten aufzusuchen und gibt sich
diese noch in ihrer Verkleidung als Spiolmann dem Geliebten
zu erkennen. — Übrigens hatte Uhland 1810 in Paris K. kennen
gelernt, der bis 1816 dort lebte. Letzterer ist aber vermutlich
') K. Mayer, L. Uhland 1 18G7 S. 215.
8) Über Koreff vgl. Goedekes Grundriß VI 186 f. Über den Koni-
ponislen Georg Abraham Schneider vgl. Eitner, biogr.-bibl.
Quellenlexikon der Musiker IX 1903 S. 51—53 und N. Nekrolog der
Deutschen. Jg. 17, 1839, I S. IGO f.
10 Hejerale und Hezensionen. Wolfram Siichier.
nicht durch ihn, sondern durch Barbazan-Meon oder Le Grand
selbst auf den anmutigen Stoff aufmerksam geworden.
Im folgenden Abschnitt wird P 1 a t e n's ,, Treue um Treue"
nach Entstehung und Stoffbehandlung gewürdigt. Von dieser
Bearbeitung hat schon der Rezensent in der Jenaer Literatur-
Zeitung (1829 Erg.-Bl. S. 669) richtig bemerkt, daß sie nicht nur
in zwei ungleiche Teile zerfalle, sondern auch in einer mehr roman-
tischen Form der Fabel besser entsprochen hätte. Ihre Vorzüge
bestehen in der schnellen Folge der Ereignisse und den mit sicherer
Hand kurz und deutlich markierten Situationen. Über P.'s
Arbeit haben bereits verschiedene gehandelt.^) Die Entstehung
des Schauspiels, die sich nach Platens Tagebüchern (hrsg. von
Laubmann & Scheffler II 1900, vgl. S. 1003) und Briefen (Werke
Bd. VI 1853) genauer verfolgen läßt, ist am gründlichsten von
M. Koch dargestellt. Den Aufbau der Handlung hat Heinze
besser analysiert, der auch die Mängel der dramatischen Um-
gestaltung, besonders die Störung der Einheit in Zeit und Handlung
gezeigt hat. Zettl hat nun auch hier nicht genügend darauf
hingewiesen, wo der Dichter mit dem Original nicht überein-
stimmt. So z. B. daß Nicolette sich aus dem Arrest nicht durch
Herablassen an zusammengeknüpften Tüchern befreit, sondern
dadurch, daß sie bloß aus dem Fenster steigt und an den Spalieren
des Hauses herabklettert. In der Unterredung mit dem gleichfalls
in Arrest gesetzten GeUebten gibt sie bei Platen den Wald als ihr
Ziel an und scheidet von ihm, ohne ihm ihre Locke zugeworfen
zu haben, während er im Original dem Walde zureitet ohne zu
wissen, daß sie sich hier befindet. P. mochte Nicoletten wohl
nicht allein im Walde bleiben lassen, drum läßt er sie die Hirten
bitten, zu einer ihrer Frauen oder Mütter gebracht zu werden.
Das reizvolle Wiedersehen bei der Waldlaube läßt er daher fort.
Nachdem Nicolette von Piraten ihrem Führer abgenommen
worden ist, macht sich Aucassins Freund auf, deren Verfolgung
aufzunehmen, und es gelingt ihm, sie sicher nach Beaucaire zu
bringen. In der Cantefable flieht sie jedoch allein und aus eigener
Initiative aus ihrer Heimat, während bei Platen ihr zweiter
Bräutigam hochherzig die Flucht veranlaßt. Darin, daß Zettl
(wie auch Brunner) sagt, Nureddins Edelmut überschreite hier die
Grenzen des Erlaubten, kann ich ihm durchaus nicht beistimmen
(ebenso Heinze). Auch in eines Heiden Brust kann ein Herz
schlagen, das mehr an das Glück der GeMebten als an sich selbst
denkt. — Es sei endlich, da für uns nicht ohne Interesse, noch
mitgeteilt, daß, als Platen am 22. Oktober 1825 in Stuttgart
9) Brunner S. 27 — 29; Wagner, Aucassin et Nicolette... comme
modele de Treue um Treue (Progr. Arnstadt 1883) S. 15—18; Heinze,
Platens romantische Komödien (Diss. Marburg 1897) S. 42 — 50, bes.
S. 45 ff., und M. Koch, Platens Werke (Hessesche Ausg.) Bd. IX 1909
S. 28—32.
Zettl, Josef. Aucassin und Nicolette in Deutschland. 11
bei Schorn in kleinem Kreise „Treue um Treue" vorlas, ein
Dichter, der sich einst selbst mit der Fabel gründlich beschäftigt
hatte, zugegen war: Ludwig Uhland.
Zettl orientiert endUch noch über die Aucassin-Übersetzungen
von 0. L. B. Wolff,^^) Bülow, die vortreffUche von W. Hertz,
die von Gundlach und Sallwürk.
Einige weitere deutsche Bearbeitungen der Singemäre sind
Z. entgangen und sollen im folgenden betrachtet werden. Den
ältesten aller Versuche, die Geschichte von Aucassin und
Nicolette in Deutschland bekannt zu machen, hat Gerhard
Anton vonHalem (1752-1819) unternommen. ^i) Das
von Boie herausgegebene Deutsche Museum brachte von ihm
im Juniheft 1787 auf Seite 489—504 als Leitartikel „Die Mähr
von Aucassin und Colette". Halem war u. a. 1786 sowohl mit
einem für die Bühnenaufführung ungeeigneten historischen
Trauerspiel „Wallenstein" als auch mit einem Trauerspiel nach
Äschylus „Agamemnon" hervorgetreten, zählte von 1779 — 1802
zu den Mitarbeitern des Göttinger Musenalmanachs und hat sich
besonders als historischer Schriftsteller einen noch heute geachteten
Namen erworben. Band I der Fahliaux ou contes du 12^ et du,
13« siede von Le Grand d'Aussy (Paris 1779) hatte ihn zu einer
Bearbeitung des „Ritter Lanval" der Marie de France angeregt,
die 1787 im Maiheft des Deutschen Museums, zu dem er bereits
seit 1778 verschiedentlich Beiträge geliefert hatte, erschien.
Durch den (auf S. 180—217) den Aucassin enthaltenden Band II
der Fabliaux war er auf diesen Stoff aufmerksam geworden
und begann alsbald eine durch poetische Einlagen unterbrochene
Nacherzählung der Cantefable. Es ist vielleicht diese Arbeit
gemeint und bereits vollendet gewesen, als Friedrich Leopold
Graf zu Stolberg seinem Freunde Halem am 23. Februar 1787
aus Neuenburg brieflich seine Freude über die vollendete Nach-
bildung eines Stücks aus den Fabliaux aussprach. Auch Boie,
der Herausgeber des Museums, hatte von diesem Versuch geiiört
und schrieb dem Verfasser aus Meldorf am 5. März 1787: ,,Ioli
muß . . . gleich Sie bitten, uns doch ja Nicolette la douce amio
qua j'aime tant zu geben. Beyde Stücke hatte auch ich mir in
den Fabliaux ausgezeichnet, und den Vorsatz, das Letztere
selbst auszuarbeiten. Ich bin nun froh, daß ichs nicht gethan
habe." Halem sandte seine Arbeit dann an Stolberg, der ihm
unter dem 27. März 1787 aus Neuenburg folgendes darüber
10) Audi abgedruckt (aber ohne die Vorbemerkiuie: und Noten)
in Wollf's Schriftrn, Bd. I Jena 1841, S. 115— ir)Ü. — Über W. vergl.
Goedekes Grundriß III 1881 S. 1151 ff.
11) Über Ilalom vgl. Goedekes Grundriß V Abt. 2 (1893) S. 428;
V. H.'s Selbstbiographie nebst Briefen an ihn (1840) S. 151, II 50, 52,
54, 56 f.
12 liejerale und Hezensionen. Wolfram Suchier.
.schrieb: ,,lIior liabon sie den wackern Aucassin und die Milde
so lieb. Ich habe ihn gestern Abend meinen Weibern vorgelesen.
Wir danken Ihnen diesen schönen Ohrenschmaus. Aber die
Weiblein zürnen, daß das Liedel der Schildwach ausgeblieben
ist, und mir deucht, sie baben Recht. Sagen Sie mir nicht etwa,
daß dafür die liebUchen Amoretten hinzugekommen; sie sind
allerliebst, konnten aber gar wohl mit dem Liedel bestehen. Eine
solche Schildwach ist Amoretten nicht im Wege. Die LiedeF
sind schön gerathen; nur hie und da scheinen mir einige Con-
structionen etwas hin und her geworfen, in den Liedern und in
der Prosa. Das ,, steckt dir das verzweifelte Mädchen im Kopfe"
scheint mir nicht in der edleren alten Naivetät, die im Ganzen
herrscht. Auch die Betrachtung, daß Schwärmerey ansteckt,
scheint mir hier nicht am rechten Ort. „Der Furchtgetriebene
Lauf" ist dies einfach genug? „Versiegen" haben Sie als ein
Verbum activum gebraucht. — Das sind quae censet amiculus,
ut si coecus iter monstrare veUt." Im April wanderte das Manu-
skript weiter an Boie, der am 16. April 1787 aus Meldorf ant-
wortete : „Ihren Aucassin und Colette erhielt ich gestern, las ihn
gerne, und habe ihn gleich heute in die Druckerey geschickt.
Die Naivetät des Originals hat, wie mich dünkt, in Ihrer Ein-
kleidung nicht verloren. Besser noch werden das die Damen
beurtheilen."
Halem hat, wie bereits erwähnt, seiner Arbeit die Erzählung
Le Grands zugrunde gelegt,^^^ die selbst nur eine gekürzte Prosa-
wiedergabe der neufranzösischen Übersetzung Sainte-Palayes
ist. Er ist jedoch von seiner Vorlage in verschiedener Beziehung
(nach Form und Inhalt) abgewichen. Einmal hat er es an einigen
Stellen (zur Einleitung, bei Mono- und Dialogen der Liebenden
und für Nicolettes Spielmannslied vor Aucassin) vorgezogen,
das, was er zu sagen hatte, lyrisch wiederzugeben, zweitens hat
er das, was seine Vorlage ihm bot, gelegenthch erweitert. Wie
G. Paris versetzt er die Handlung in das Ende des 12. Jahrhunderts.
Als Nicolette sich durch Herablassen an einem Seil ihrer Haft
entzieht, ist sie von Amoretten umgaukelt, was Stolberg nicht
tadelte. Sie wirft dann bei ihm ihre Locke erst in Aucassins
Gefängnis beim Herannahen der Scharwache und ergreift ohne
Abschied sofort die Flucht, während auch Le Grand hierin mit
dem Original übereinstimmt. Das fortgelassene Schildwachlied
hat Halem trotz Stolbergs Monitum nicht eingeschaltet, obwohl
er die übrigen von diesem gerügten Mängel verbessert hat. Er
läßt den Vasallen Aucassins Vater durch falsche Briefe davon
überzeugen, daß Nicolette in der Fremde gestorben sei. Daß
Aucassin sie dann noch sucht, ist weniger motiviert als in der
Cantefable, wo sie nur als verschwunden bezeichnet wird. An
12) Wie dieser nennt er z. B. den Grafen von Valence Bongars.
Zettl, Josef. Aucassin und Nicoleite in Deutschland. |13
der von Nicolette errichteten Laube erblickt der ankommende
Aucassin allenthalben die Namen Aucassin und Nicolette, aus
Myrtenlaub geflochten, und an der Laube ein kleines Täfelchen,
auf dem ein Vers stand. Nachdem das Paar aufgebrochen und
in die Nähe des Meeres gelangt ist, läßt Halem sie bei Marseille
auf des heiligen Ludwigs Flotte stoßen, mit ihr nach Palästina
ziehen und Nicolette Helm und Panzer tragen. Auf einem Vor-
stoß, den König Ludwig von Damiate nach Kairo hin unter-
nimmt, geraten sie in Gefangenschaft. Der mächtige Heiden-
könig, dem Nicolette von ilirem Vater vermählt werden soll,
wird bei Halem zu einem ,, Bässen Amadab". Nachdem Nicolette
die Geschichte ihrer Liebe Aucassin vorgesungen hat, läßt Halem,
den es wohl nicht befriedigen mochte, daß sie in der Cantefable
den Geliebten verläßt, um erst ihr Gesicht wieder kenntlich zu
machen und sich acht Tage zu pflegen, schon hier die Erzählung
in folgender Weise schließen:
Er (A.) bebte die Marmorstufen hinab. ,,Colettel du Milde!
du bists" — ,, Aucassin! du Hebst mich noch". — Sie riefen es
und sanken sich freudeweinend in die Arme.
Halems Nachbildung ist späterhin noch öfters gedruckt
worden. Sie ist auch enthalten in:
L V. Halem, Poesie und Prosa, Hamburg 1789, S. 158 — 178
und hier der Gräfin Agnes zu Stolberg gewidmet.
2. V. Halem, Kleine prosaische Schriften, Bd. I Erzählungen,
Münster 1803, S. 28—62; das Titelkupfer, nach J. H. Ramberg
von Meno Haas in Berlin, stellt den Moment des Wiederfindens
der Liebenden dar.
3. 0. L. B. Wolff, Enzyklopädie der deutschen National-
literatur, Bd. III. Leipzig 1838, 4^ Art. v. Halem, S. 355—358.
Der von Wolff wiedergegebene Text ist entnommen dem Abdruck
von 1803.
Der zweite Abdruck in der Poesie und Prosa erfuhr stellen-
weise kloine stilistische Veränderungen, auch wurden in Nicolettes
Spielmannslied Vers 4 verbessert und nach Vers 8 zwei Verse
eingeschaltet. In dem dritten, kaum veränderten Abdruck
von 1803 sind besonders die Absätze markiert worden.
Entgangen sind Zettl noch drei neuere Aucassin-Über-
setzungen, nämlicli a) die von Schäfenacker (Halle 1903),
die die Laisson erst assonierend und dann gereimt wiedergibt.
Sie findet sich in Hermann Suchiers Ausgabe verzeichnet, von
der Z. nur eine ältere Auflage vorgelegen zu haben scheint.
b) die von Ricliard Zoozmann (Dresden 1905).*^)
c) die von Paul H a n s m a n n in: Altfranzösische Novellen,
ausgewälill und tingelcilet von Paul Ernst, Bd. I (Leipzig 1909),
13) Mir nur aus dem Zitat in Goedekes Grundriß VIII S. 689 und
bei M. Koch (a. a. O.) bekannt.
14 Referate und Rezensionen. Jean Acher.
S. 144 — 211. Die Übersetzung, die den Helden Aucasin nennt
und mit Noten versehen ist, bringt die Laissen ungereimt.
Als neueste Übersetzung der Cantefable ist endlich die
von F. V. Oppeln-Bronikowski (Leipzig 1911) zu
nennen. Sie ist mit einer guten Einleitung versehen, gibt die
Laissen in flüssiger Sprache und gereimt wieder, ist billig und
geschmackvoll ausgestattet. Nächst Hertz ist sie die beste
und getreuste von allen deutschen Aucassin-Übersetzungen.
Sie hat (im Gegensatz zu Hertz) bei den lyrischen Stücken die
Zeilenzahl des Originals meist beibehalten, doch soll dieser Äußer-
lichkeit eine größere Bedeutung nicht beigelegt werden.
Wenn ich das Resultat der vorstehenden Ausführungen
zusammenfasse, so komme ich zu folgendem Ergebnis. Zettl
hat mit seiner Arbeit einen dankenswerten Beitrag zur vater-
ländischen Literaturgeschichte geliefert, und zwar schon (freilich
keineswegs einzig und allein) aus dem Grunde, weil er ein bisher
wenig bearbeitetes Gebiet selbständig und im Zusammenhange
untersucht hat. Den Einfluß von Aucassin und Nicolette auf
die deutsche Literatur hat er im wesentlichen dargelegt und gern
bin ich seiner anziehenden Darstellung gefolgt. Der Freund der
Cantefable und der Literaturgeschichte möge daher diese be-
scheidene Abhandlung nicht übersehen. Einige Stellen aus dem
Gebotenen habe ich herausgegriffen und gezeigt, daß die Schrift
in manchen Punkten der Ergänzung bedarf und der Verfasser
von einigen Nachbildungen leider nicht Kenntnis gehabt hat.
Dieser Mangel kann aber nur zum Teil den Schwierigkeiten zu-
geschrieben werden, die das Entferntsein vom Sitze einer größeren
Bibliothek der wissenschaftlichen Forschung bereitet. Obwohl
die Schrift eine weitere Gesichtspunkte heranziehende literarische
Würdigung nicht bietet, so enthält sie doch manche Anregung
und macht einen beachtenswerten Versuch. Es sei daher dem
Verfasser für die für seine Arbeit aufgewandte Mühe gedankt.
Halle a. S. Wolfram Suchier.
Ii'£iifant sag^e. (Das Gespräch des Kaisers Hadrian mit
dem klugen Kinde Epitus). Die erhaltenen Versionen
herausgegeben und nach Quellen und Textgeschichte
untersucht von W a 1 1 h e r Suchier. (Gesellschaft
für romanische Literatur, Band 24). Dresden 1910
[XIII + 612 pages in-S^' raisin].
Pour apprecier ce Hvre en connaissance de cause il faudrait
etre verse dans huit philologies differentes. Les textes que
M. W. Suchier pubUe ici appartiennent en effet ä huit langues,
ä savoir le latin, le frangais, le provengal, le castillan, le catalan,
le Portugals, le breton et Tanglais. Je suis tres loin de posseier
cette culture polyglotte et je ne puis juger que les textes latins,
L'Enfant sage. 15
frangais et provengaux. Ils sont publies et commentes avec
un soin qui ne laisse rien ä desirer. Aussi n'a-t-on guere d'ob-
servations ä presonter ä leur sujet. En voici une cependant.
Au § 43 de ,,Adrianus et Epictitus'% M. W. Suchier imprime:
,,Quid est quot ad unurn vadit et ad unum redit ? — Pliwia." Dans
le commentaire, il propose de corriger le premier ad unum en
ab uno, et voit dans cet unum le ciel d'oü l'eau tombe et oü eile
retourne en s'evaporant. Mais ainsi comprise, la phrase cesse-
rait d'etre latine. Unus s'oppose en latin ä rfao, plures, et la
question posee ne comporte point une teile Opposition. II faut
evidemment lire, sans rien chenger au manuscrit, mais en en
interpretant convenablement la graphie: Quid est quot ad imum
uadit et ad imum redit. La pluie tombe (uadit ad imum), et les
eaux pluviales ß'ecoulent en suivant les pentes du sol.
II n'y a pas non plus grand'chose ä ajouter au commen-
taire de l'auteur. Seule, la note sur le § 52 de la version catalane
appelle une remarque. On y fait observer que, dans les langues
romanes, la forme (latinisee) usuelle du vocable Architriclinus
est Architiclinus, mais on n'explique pas cette chute d'r. G'est un
cas on ne peut plus interessant de dissimilation d'un phoneme
sous l'action combinee de deux causes distinctes. L> du groupe
-tr- ne peut pas subsister ä cause de IV de Ar- (loiXVdeM. Gram-
mont), et il ne peut pas devenir l (traitement normal) a cause
de VI de -clinus (loi II de M. Grammont): il tombe donc.
L'etude publice en tete du volume est aussi tres soignee.
Trop soignee memo, M. W. Suchier ne nous fait gräce d'aucun
detail, si insignifiant soit-il. II ne lui suffit pas d'enumercr les
dix-sept editions imprimees qu'on a donnees de VEnfant sage
depuis le seizieme siecle jusqu'ä nos jours, II les classo, et
apres les avoir classees, il nous donne encore une „ Textgeschichte" !
A cette rcserve pres, je n'ai qu'ä louer l'auteur de son Intro-
duction. Elle est consacree ä l'etude des sources de VEnfant
sage et ä l'liistoire de son texte. L'etude des sources aboutit ä
une conclusion assez interessante. Ge qu'on est convenu d'appeler
la Version breve de l'Enfant sage est, en realitc, un ouvrage tout
ä fait distinct de la version longue. Aussi l'auteur laisse-t-il
de cöte cette version breve qui n'est qu'une traduction d'un
dialogue latin {Adrianus et Epictitus commo rappolle M. W.
Suchier) pour ne s'occuper quo de la version longue qui est une
compilation composee ä l'aide du diaJogue pi-ecile, d'un autre
dialogue connu sous le nom de Dispulatio Adriani Augusti et
Epicteti Philosophi et de quelques autres ecrils de moindre im-
portonce.
On ne possedc pas moins de seize redaclions de cette com-
pilation. Apres les avoir classees, M. W. Suchier essaic de se
representer les ötats successifs de l'ouvrage. Maliioureusement,
son classement est sujet ä caution. Pour nier la parentö de la
16 Referate und Rezensionen. Karl VossUr.
redaction Y avec le groupc V], il sc fonde, p. ex., sur le fait qu'Z
ne contient pas une Omission caracteristique d'rj, en oubliant
que cetto Version est ici interpolee ä Taide d'un texte qui por-
mettait, suivant toutes les vraisomblances, de reparer l'omission
dont il s'agit. — Au sujet de la redaction F, M. W. Suchier a
varie d'opinion. Dans sa Habilitationsschrift, il estimait que F
formait groupc avec e contre ES^. Aujourd'hui, il est d'avis
de grouper ES^ et F contre e. Les deux classements sc valent,
c'est ä dire qu'ils se detruisent mutuellement. — Les rapports
des trois manuscrits proven^aux A, B, C ne sont pas mieux
etablis. M. W. Suchier veut qu' Ä et B forment groupc contre
C. Mais il n'arrive ä maintenir ce groupement qu'en recourant
ä une hypothese desesperee, ä savoir qu'A aussi bien que B
utilisent des sources „secondaires" ä Taide desquelles ils corrigent
les fautes de l'archetype de la famille, fautes attestees tantot
par Faccord de B et C\ tantot par celui d'A et C.
Si le classement de M. W. Suchier semble factice, je doute
qu'on puisse en proposer un meilleur: le probleme parait bien
etre insoluble.
Paris. Jean Acher.
Die ]S"ol»lesseii von Bretagne nach den Handschriften
Paris, Bibliotheque de TArsenal n^ 2570, Rennes n'^ 74 und
Haag 0. 154. Diplomatische Abdrucke mit deutscher
Übersetzung, ergänzender Einleitung und Glossaren von
H. L. Z e 1 1 e r. (Sammlung älterer Scprechtsquellen, Heft 7),
Berlin, in Kommission bei R. L. Prager, 1911. [22 pages
in-8^ raisin].
Travail d'amateur. De pueriles artifices typographiques
sont censes reproduire les particularites paleographiques de trois
manuscrits (XV — ^XVI s.) d'un texte dont on possede depuis
longtemps une edition convenable (dans Planiol, La tres ancienne
coutume de Bretagne, Rennes 1896).
Paris. Jean Acher.
Onlmont, Cliarles. Les Debats du Clerc et du Chevalier
dans la litt. poet. du moyen äge. Etüde historique et litte-
raire suivie de l'edition critique des textes et ornee d'un
fac-simile. Paris, Champion 1911. XVI u. 234 S. S».
Das Hauptverdienst dieser Publikation liegt in der Zu-
sammenstellung einiger mittellateinischer und altfranzösischer
poetischer Texte, die alle dasselbe Motiv behandeln, nämlich
den Streit, ob im Minnedienst dem Kleriker oder dem Ritter
der Vorzug gebühre. Es sind die folgenden Stücke:
Oulmont, Charles. Les Debats du Clerc et du Chevalier etc. 17
1. Das Concüiiim in Monte Romarici, zum erstenmal ver-
öffentlicht von Waitz in der Zeitschrift f. deutsches Altertum,
Bd. VII.
2. Die bekannte und oft edierte Altercatio Phyllidis et Florae.
3. Le jugement d'Amours oder Florence et Blancheflor, zum
erstenmal herausgegeben von Barbazan und Meon im 4. Bd.
der Fabliaux et Contes, sodann von Wolf, in den Denkschriften
der Wien. Akad. 1864. Daneben erwähnt der Verf. S. XIII eine
von Wolf besorgte Ausgabe mit dem Datum 1860, die vermutlich
einem Druckfehler ihre Existenz verdankt. Überhaupt kann
ich, angesichts der großen Fahrlässigkeit, mit der einige Teile
des Buches gearbeitet sind, nicht für die Richtigkeit aller
Zitate einstehen; denn ich habe sie nur teilweise verifiziert.
4. Hueline et Aiglantine, herausgegeben von Meon im Nouveau
recueil de fabl. et contes, Bd. I, Paris 1823.
5. La geste de Blancheflour et Florence, herausgegeben von
P. Meyer, Romania, Bd. 37, 1908, S. 224 ff.
6. Melior et Ydoine, ebenfalls von P. Meyer, Romania 1908,
S. 237 ff. herausgegeben.
Es folgen zwei erotische allegorische Lehrgedichte, die
das Motiv des Debat nur noch nebenher und als fernen Anklang
verwenden :
7. Li fablel dou Dieu d' Amors, veröffenthcht von A. Jubinal,
Paris 1834 und eine wenig davon abweichende Dichtung:
8. Venus, la deesse d'Amour, herausgegeben von W. Foerster,
Bonn 1880, von der uns der Verf. übrigens nur eine prosaische
Inhaltsangabe mit poetischen Textproben gibt.
Oulmont hat sich nun aber nicht mit einfacher Repro-
duktion der gedruckten Texte begnügt; er hat sich, fast bei allen
Stücken, die Mühe genommen, auf die Handschriften, soweit
sie ihm erreichbar waren, zurückzugelien und durch Kollation
mit den modernen Drucken seine Texte zu verbessern. Leider
sind bei diesem höchst lobenswerten, tief gründhchen und allen
textkritischen Vorgängern mißtrauenden Verfahren, die Texte,
Nvenigstens diejenigen, die ich kontrolliert habe, nicht etwa
sicherer und klarer, sondern sehr viel fehlerhafter und unver-
ständlicher geworden. Der Herausgeber arbeitet im Prinzip
mit der peinHchsten Schärfe und Genauigkeit, in Wirklichkeit
aber mit unverzeildicher Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit.
Der philologische Apparat, der hier in Varianten und Anmer-
kungen sich ausbreitet, ist wohl nur dazu da, um dem arglosen
Leser und dem oberflächliclien Kritiker ein gehöriges Wrtrauen
einzuflößen; womit denn freilich eine seiner wichtigsten Funk-
tionen vom Verf. richtig erkannt und ebenso zweckmäßig ge-
mißbraucht wäre. Es ist mir übrigens nicht gelungen, zu ent-
scheiden, ob der Verf. mit seinen textkritischen Künsten nur
uns oder am Ende auch sich selbst etwas vorgemacht hat; ob
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIXV*. 2
18 Referate und Rezensionen. Karl Vossler.
er Spekulant oder Opfer ist, oder, da man in solchen Fällen immer
beides zugleich zu sein pflegt, ob er eher das eine als das andere
— oder umgekehrt — ist.
Der erste Text und namentlich dessen französische Prosa-
übersetzung, sprechen für die zweite Auffassung; denn liier gibt
der Verf. sich die offenkundigsten Blößen. Nur einige wenige
Beispiele! Die Verse, die nach der falschen Zählung Oulmonts
als 133 und 134 bezeichnet werden müßten, lauten bei Waitz:
Quotquot oblectamina viro debet femina,
Idem proposuimus et voto firmavimus.
Die Hs. schreibt (^irgo für PiVo, was Oulmont nicht erwähnt; er
übernimmt stillschweigend die Waitzische Korrektur. Vom
folgenden Verse aber behauptet er, er enthalte in der Hs. vero
(statt pofo, was ich mit Rücksicht auf Waitz' Stillschweigen
bezweifle) und Waitz schreibe dafür (^oro (!); er selbst setzt in
seinem Text {'ero., überträgt aber: ,, teile est notre resolution,
et nous l'avons confirme par un voeii." — Es dürfte schwer sein,
mit einfacheren Mitteln und auf kleinerem Raum eine größere
Verwirrung zu bewerkstelligen. Am Schluß des Bandes stehen
über fünf engbedruckte Seiten Addenda et errata, wo man über
diesen wie noch über viele andere Punkte vergeblich nach Auf-
klärung sucht. — Vers 171 lautet in der Hs. : Nee si peccent ainplius
usw., bei Waitz richtig korrigiert: ne sie peccent amplius, bei
Oulmont aber ne(c) sie, nicht, wie man erwarten sollte: ne(c)
sifcj. Den unverständlichen, völlig verdorbenen Vers 219:
Lima dies celebris trahat vos de tenebris reproduziert und übersetzt
der Verf., ohne mit der Wimper zu zucken: „Que la liine, que
le jour brillant se changent pour vous en tenebres." ! Die nächst-
liegende Korrektur wäre wohl, statt Luna, nulla zu schreiben. —
Ein neckisches Spiel wird mit Punkten, Strichpunkten, Bei-
strichen und Anführungszeichen getrieben, wobei die fran-
zösische Übersetzung meist einen andern Weg geht als der latei-
nische Text. Diese Übersetzung wäre besser unterbUeben, wie
man aus der folgenden Kraftprobe ersehen mag:
Qui Student mihcie nobis sunt memoriae,
eorum et milicia placet et lascivia.
Ceux qui s'exercent au metier des armes sont dans notre
Souvenir. Ils aiment la guerre et le plaisir.
Die folgenden Texte, obgleich nicht frei von offensichtlichen
Druckfehlern und Versehen, scheinen etwas besser behandelt
zu sein. Näher habe ich nur noch die Stücke 5 und 6 mit der
Ausgabe P. Meyers verglichen. Dabei hat sich gezeigt, daß
der Kommentar immer nur dort gut ist, wo er P. Meyrr repro-
duziert und daß die Streichungen sowohl wie die Zusälze meist
eine Verschlechterung bedeuten. — Mit welcher Eilfertigkeit
der Druck der Texte besorgt wurde, mag man schließhch noch
Oulmonl, Charles. Les Debats du Clerc et du Chevalier etc. 19
aus der Unordnung in den Seitenüberschriften p. 107—121 und
157—222 ersehen.
Nicht viel günstiger ist der Eindruck, den die literarhistorische
Untersuchung (S. 1—52) macht. Guter Wille, ausgebreitete
Kenntnisse und ein ge\\isser geschäftiger Fleiß dürfen weder
hier noch dort verkannt werden; aber es fehlt die Gründlichkeit
und das Verständnis für hterarhistorische Fragen. Anstatt die
einzelnen Gedichte, Stück für Stück, und zunächst einmal jedes
für sich in seiner geschichtliclien Besonderheit und Einzigartig-
keit zu betrachten, zerlegt sie der Verf. gleich alle zusammen
in einen Rahmen, in einen Inhalt (Debat) und in eine Reihe von
Einzelmotiven. Diese zerschnittenen Glieder ordnet er dann
in der Weise zusammen, daß die teilweisen Älmlichkeiten der
verschiedenen Gedichte auf gemeinsame Ursprünge zurück-
geführt werden. ÄhnUche Maschinenteile, scheint er sich gesagt
zu haben, wenn sie auch in den einzelnen Mechanismen ver-
schieden funktionieren, stammen aus gemeinsamer Fabrik. „Le
cadre est utile aux poetes, et devait plaire ä leurs lecteurs: sans ce
cadre, peut-etre an n'eüt pas goüte le debat. Celui-ci prend gräce
ä celui-lä les allures d'un conte. Mais il importe de n'etre pas
dupe du procede, et de faire avec nettete la part des deux elements.'-
So wird denn nach dem Wahlspruch: Man darf sich vom Dichter
nicht nasführen lassen, denn dieser ist ein Dieb! die Quellen-
Forschung betrieben.
Dabei wird die Entdeckung gemacht, daß das Motiv des
Rahmens, nämUch die Frühlingslandschaft als Szene für das
Liebesgespräch, zum erstenmal im holien Lied zur Verwendung
kommt. „Ainsi, das Vorigine, le printemps, la nature, le ferger
servent de cadre au poeme de l'amour"; — ferner, daß die Schilde-
rung des goldenen Zeitalters der antiken Dichter mit der Dar-
stellung des irdischen Paradieses der christlichen zusammen-
geflossen ist und was dergleichen gelehrte Trivialitäten mehr
sind. Man darf sich gratulieren, daß der Verf. die religions- und
liLerarhistorischen Beziehungen zwischen Ostern, Pfingsten und
den heidnischen PVühlingsfesten zu verfolgen vergessen hat.
Denn er liebt es, gerade den allgemeinsten, fernsten, abstrak-
testen und blassesten Beziehungen durch alle Länder und Jahr-
hunderte nachzugehen.
Unter dem Vorwand *hM- weitgehendsten und gründlichsten
Quollenforscliung gelingt es ihm, unbeliclligt und glatt an den
wahren, besonderen und eig(>nlliclien Fragen seines Gegen-
standes vorbeizukommen.
Der Streit zwischen Ritter und Kleriker winl durch eine
umständliche allgemein.» Selühh'rung der Sitten des abendlän-
dischen Klerus im Mittelalter beleuchtet. Ein großes Aufgebot
von Dokumenten, die der Verf., wenn er die bekanntesten kultur-
historischen Arbeiten zu Rate gezogen hätte, sich ersparen konnte.
2*
20 Rejerale und Rezensionen. Walther K Hehler.
Es kommt ihm aber darauf an, urkiindlicli fest zu legen, dal.»
z. B. en Allemagne, les der es aiment les jeunes jilles comme en
France (S. 33) u. dgl. Von dem ganzen Absehnitt ,,/e Clerc et
le Chevalier" gehören nur etwa die 1V2 letzten Seiten (37 f.)
zur Sache.
Nach all dem ist es nicht zu v(>r\vund(!rn, wenn auch das
dritte literarhistorische Kapitol (le debut) keine sonderlichen
Ergebnisse bringt und nur äußerlich beschreibend und verglei-
chend um die Dinge herumgeht. Erst im 4. Kapitel entschließt
sich der Verf. den einzelnen Gedichten auf den Leib zu rücken.
Er bemüht sich um eine nähere Datierung des 1. Stückes. Daß
dabei der päpstliche Erlaß vom 17. März 1151 gegen die Abtei
von Remiremont als beweiskräftige Stütze dienen kann, muß
ich bezweifeln. Vor allem aber sollte man sich hüten, das Datum
des ersten Stückes mit dem des zweiten in Verbindung zu bringen.
Das erste scheint, wie der Verf. das Verdienst hat, wahr-
scheinlich gemacht zu haben, auf lokale und persönliche Ver-
hältnisse anzuspielen, und wir dürfen es mit einigem Recht viel-
leicht in die Mitte des 12. Jahrhunderts und in die Nähe von
Remiremont legen; das zweite Stück aber, die entzückende
Altercatio Phyllidis et Florae schwebt immer noch als ein duftiges
poetisches Rätsel über Zeit und Raum. Die Bemühungen fran-
zösischer Gelehrter, dieses Kleinod für sich zu gewinnen un<l
als ein Erzeugnis ihrer höfischen Dichtung erscheinen zu lassen,
überreden mich nur zur Hälfte. Mögen immerhin sich Berührungs-
punkte mit der höfischen Epik Frankreichs annehmen lassen,
so ist darum das Gedicht noch lange nicht ,^courtois ä la fagon
des poemes d'amour qiii furent ecrits en France dans la seconde
moitie du XIP siede." Jakob Burckhardt, dessen künstlerischem
Spürsinn ich mehr glaube als der alexandrinischen Zettelgelehr-
samkeit von heute, schrieb im Jahre 1860 von der Phylüs: ,,Hier
ist eine Renaissance der antiken Weltanschauung, die nur um so
klarer in die Augen fällt neben der mittelalterlichen Reimform."
Das Kapitel über Sprache und Vers der französischen Texte
bringt w^enig Nennenswertes und hätte sich, angesichts seiner
fragmentarischen, okkasionellen und sekundären Natur, etwas
bescheidener und sehr viel bequemer in der Form von Anmer-
kungen unter den jeweiligen Texten ausgenommen.
München. Karl Vossler.
Heyl, Karl. Die Theorie der Minne in den ältesten Minne-
romanen Frankreichs. Marburger Beiträge zur romanischen
Philologie, herausg. von Eduard W e c h s s 1 e r. Heft
IV, Marburg a. d. Lahn, 1911. Verlag von A. Ebel. 8».
XII + 209 S. 5.50 Mk.
HeyU I^arl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 2 1
Auf der Grandlage von Wechsslers Buch ,,Das Kultur-
problem des Minnesangs"'^) erhebt sich die Arbeit von Heyl ,.Die
Theorie der Minne in den ältesten Minneromanen Frankreichs".
Mit einer Vertrauensseligkeit, die rührend zu nennen wäre, stände
sie einem wissenschaftlichen Arbeiter nicht gar übel an, hat
sich der seinem Thema ganz und gar nicht gewachsene Schüler
in die zwar wohldurchdachten, aber z. T. sehr anfechtbaren und
angefochtenen Meinungen seines Meisters hineingelebt, hat er
rein äußerUch und unbeholfen auch die Methode des Lehrers
nachzuahmen versucht und so das schlimme Zerr- und Trugbild
einer wissenschafthchen Untersuchung geliefert, das nunmehr
als viertes Heft der Marburger Beiträge zur romanischen Philologie
vorliegt.
Wechssler hatte in seinem Buche zu zeigen versuclit, daß
der höfische, zuerst in Südfrankreich entwickelte Frauendienst
sich in innerem Widerstreit, ja in bewußter Opposition gegen
die männlich-kriegerische Weltanschauung der Ritterschaft her-
ausgebildet habe. Auch nachdem die Adehgen ihn einmal ange-
nommen hätten, wäre er doch stets ein fremdes Reis auf dem
Stamme ritterlicher Lebensart gebheben.
Die Vorstellung des Lehrers von einem Gegensatze zwischen
frauenhaft-höfischer zu männlich-ritterlicher Weltanschauung
setzt sich nun in der Anschauung des Schülers um zu der fixen,
die ganze Untersuchung beherrschenden Idee von dem Gegen-
satze einer kriegerischen, ritterlichen, männhchen Kultur des
französischen Nordens zu der friedlichen, höfischen, frauen-
haften Kultur des Südens. Im Norden waren Tapferkeit und
Ehre die Ideale der Ritter, im Süden Minne und Frauendienst
die Ideale der dem Ritterstande fernorstehonden Troubadoure.
Den Provenzalen lag Abentouerfahrt und Waffenfehde fern,
während die Nordfranzosen sie liebten.
Daß diese Vorstellung hinfällig ist, braucht nicht erst dar-
getan zu werden. Sie widerspricht allen geschichtlichen Tat-
sachen, wie jedermann, der sich mit diesen Fragen beschäftigt,
aus dem Studium der wirklichen Verhältnisse und auch aus der
Dichtung der Troubadours wissen sollte.
Wenn man von Unterschieden in der Zivilisation des Nordens
und des Südens sprechen will, so muß man sich zunächst einmal
über die gemeinsame Basis der gesellschaftlichen Organisation
und üb(n' die Gemt'inschaflliclikeit in den allgemeinen Anscliau-
ungen von Welt und Leben, über die Gleichföiinigkeit des stndi-
schen Erlebens der in Frage kommenden Mejischenschichten
klar worden, ehe man es unternimmt, nun die besonderen kultu-
rellen Verhältnisse zu ergründen, die wirklich den Menschen des
Nordens von dem des Südens unterschieden und geeignet sein
1) Band I Minnesang und Christentum. Halle a. S. 1909.
22 Referate und Rezensionen. ^Valther Küchler.
konnten, hier oder dort eigenartige Lebens- und Kunstformen
zu erzeugen.
Solche unerläßliche Vorfragen kennt der Verfasser nicht.
Für ihn gibt es ohne weitere Beweisfülirung zwei wesensverschie-
dene Kulturen in Frankreich, die ritterliche des Nordens und die
liöfische-frauenhafte des Südens. Was den Süden angclit, so
vergißt er ganz, daß, wenn es im Süden keine spezifisch-ritter-
liche Weltanschauung gab, es auch keinen Gegensatz der höfisch-
frauenhaften Bildung zu ihr geben konnte.
Also, der Minnedienst kam nach dem Norden, und es ergab
sich, da dort eben ganz andere Verhältnisse obwalteten, ein Zu-
sammenstoß der südlichen Bildung mit der des Nordens. Es
kam zu einem Konfhkt, es kam zu einer Synthese. Der Zusammen-
stoß der beiden Kulturen zeigt sich im höfischen Epos. Der Ver-
fasser gibt als seine Aufgabe an, zu zeigen, wie in dieser Synthese
nord- und südfranzösische Auffassung teils unvermittelt aufein-
ander stießen, teils zu einem neuen Ganzen verschmolzen worden
sind.^)
Wie es mit der Lösung dieser Aufgabe bestellt ist, wird die
kritische Betrachtung der Arbeit zeigen. Hier sei zunächst fest-
gestellt, daß der Konflikt, wie ihn der Verfasser sich vorstellt,
überhaupt nicht besteht. Es stießen gar nicht zwei verschiedene
Kulturen aufeinander. Es hatte sich nur, zeitlich zuerst im
Süden, aus dem Rittertum heraus, als eine ihm eigene, aus seiner
Verfassung heraus verständhche Lebensäußerung der Frauen-
dienst und als literarische Form die Minnedichtung, in ge\\-issem
Zusammenhang mit gelehrten Einflüssen vermutlich, ent\\ickelt.
Es war eine geistige Bewegung, eine Mode, Ernst und Spiel inner-
halb des Standes, sie erzeugte keine anderen Konfhkte als solche,
die jede Entwicklung für jeden Organismus beständig mit sich
bringt, Konfhkte als Bedingung der Entwicklung. Dieser neue
Erwerb des südhchen Rittertums traf auf das nördliche und fand
sogleich, ohne die allergeringsten Schwierigkeiten bei ihm Ein-
gang, als in ein ähnhchen Lebensbedingungen unterworfenes
Milieu. Er traf auf vorbereiteten Boden; denn an der allge-
meinen Herausbildung des feudalen Barons zum Ritter nahm
der Norden so gut w^e der Süden, höchstens etwas langsamer,
Anteil.
Konflikte gab es nicht zwischen zwei Kulturen. Konfhkte
nicht zwischen Norden und Süden, nicht zwischen Ritterart und
2) S. 8. Als Anmerkung zu der Bestimmung seiner Aufgabe fügt
Verf. hinzu: ,,Den Nachweis dieser Entwicklung wird E. Wechssler
im 2. Band seines Kulturproblems zu bringen suchen." Wenn dem
so ist, welchen Zweck hat dann noch seine eigene Arbeit? Oder liegt
der Nachdruck auf dem Worte Entwicklung ? Dann hätte
er doch mit seiner Arbeit über die Synthese besser gewartet, bis die
Darstellung über die Entwicklung bis zu der Synthese erschienen wäre.
Heyl. Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 23
Frauendienst. Wenn es Konflikte gab, so konnten sie im Süden
so gut wie im Norden entstehen. Zu allen Zeiten und aller Orten
haben sich KonfUkte ergeben zwischen den Gefühlen der Liebe
und der Pfhcht, zwischen persönUcher Leidenschaft und allge-
meiner Sitte. Stets und stets sind Handlungen der Menschen
aus Liebe in Konfhkt geraten mit bestehenden sozialen Einrich-
tungen, mit Anschauungen über Recht und Schicklichkeit. Nicht
immer bleiben die Erregungen, die das Liebesgefühl im Innern
des Menschen loslöst, in vollkommener Harmonie mit den übrigen
Kräften seines Wesens, mit den Idealen, die ihm teuer sind.
Es ist also durchaus nichts Verwunderliches, daß gelegentlich
das Gefühl der Ehre und Tapferkeit in KonfUkte mit der Minne
geriet; dann nämhch, wenn das eine dieser Gefühle nur auf Kosten
des andern sich behaupten oder in Taten umsetzen konnte. Mit
dem Zusammenstoß einander fremder Weltanschauungen hat
ein solcher Konfhkt nichts zu tun. Der Grund der Konflikte
liegt in individueller Veranlagung, in der Verwickelung eigen-
artiger Umstände, in der Entstehung von Zwangslagen, die eine
Entscheidung in der oder jener Richtung fordern, er liegt in der
Möghchkeit, daß die Wünsche des Herzens den Geboten der
Pflicht gegenübertreten, und was derartige Gründe mehr sein
mögen im wechselvollen Spiel und Ernst des mit Konflikten
geladenen Lebens.
Der Verfasser jedocii kennt nur Weltanschauungsgegonsätze
und stellt sich die Entscheidung so vor, als ob eine Zeit lang im
Norden das Gefühl für Ritterehre noch lebendig blieb, daß dann
aber allmählich die Liebe als Siegerin aus dem Ringen hervor-
ging, um in kurzer Frist, stufenweise, mit dem immer mehr sich
vertiefenden Seelenleben, zu höchster Macht sich zu eriioben.
Widerstrebend im Kampfe sei die ältere, ritterliche Weltan-
schauung erlegen. Das Rittertum ging schließlich im Fraueu-
dienst auf (p. 4). Eine ganz unmögliche Vorstellung, daß Ritterart
und Liebe nicht nebeneinander hätten bestehen können. Wie
wenig tief übrigens dem Verfasser diese seine Entwicklungs-
konstruktion im Bewußtsein sitzt, beweist der Umstand, daß
er ein paar Seiten später einen ganz antlenm Ausweg gefunden
hat. Er sagt dort: Das Verhalten der Ritter zu Frau<>nliebe
endete schließlich in zweierlei. Entweder siegt ritterliches Wesen
in der Seele des minnenden Ritters oder der Ritter geht in der
Liebe auf. Zwisch(>n diesen zwei Idealen schwankte das Ritter-
tum, wie es wirkhch war, hin und iier.
Wie es wirklich war! Wo liat der Verfasser sich über das
Rittertum, wie es wirklich war, unterrichtet ? Nur aus einigen
wenigen höfischen Romanen hat er seine Kenntnis von der Wirk-
lichkeit gezogen. Aus dem Verhalten von Romanhelden wie
Erec und Lancelot, ausschließlich aus tiem Phantasieleben von
Geschöpfen der Dichtung will er Schlüsse ziehen auf die Welt-
24 Referate and Rezensionen. Walther Küchler.
anschauung und das Verhalten des Ritterstandes in bezug auf
Liebe und Ehre. Oder, noch deutlicher, beständig gehen ihm
im Verlaufe seiner Arbeit Wirklichkeit und Dichtung, Leben und
Spiel durcheinander. Hier und da kommt ihm wohl einmal das
Bewußtsein, daß er zwei Welten vor sich hat, deren Beziehungen
zu einander sorgfältig untersucht werden müßten, um zu haltbaren
Schlüssen zu gelangen, aber nie hat er die Konsequenzen aus
dieser ihm gelegentlich dämmernden Ahnung für seine Forschung
gezogen. Im allgemeinen hält er sich an die Dichtungen und
stellt auf seine Weise fest, in welcher Art in ihnen die Synthese
von ritterlicher Kultur des Nordens und höfisch-frauenhafter
des Südens zum Ausdruck kommt. Und zwar gelangt er zu
folgendem, auf S. 9 vorweggenommenen Resultat: Es haben
überwogen südfranzösische Buhlschaft im Lancelot und in der
Flamenca. Nordfranzösische Ehe in Erec, Cliges, Yvain und
in den Romanen des Gautier von Arras. In der Mitte steht als
Übergang zu nordfranzösischer Dichtung mit ritterlicher Auf-
fassung, aber südfranzösischer Buhlschaft der Tristan.
Dieses höchst verblüffende Ergebnis schlägt nun allen Aus-
führungen auf den wenigen vorhergehenden Seiten wie den
späteren Auseinandersetzungen glatt ins Gesicht. Wenn der
Verfasser vorher von Minne sprach, so meinte er doch immer
jene höhere Auffassung von Liebe, welche nach Wechssler hervor-
ragende Fürstinnen Südfrankreichs im Bunde mit begabten,
höfischen Sängern ihren ritterlichen, männlich-rohen Standes-
genossen allmählich beigebracht hatten. Und diese Minne der
„dem Rittertum ferner stehenden Troubadours" mit all ihren
unsinnlichen, dem Geiste des Christentums entlehnten Attributen
ist nun auf einmal „südfranzösische Buhlschaft" geworden. Und
solche Buhlschaft hätte erst den nordfranzösischen Rittern ge-
lehrt werden müssen? Da mußten sie sich erst widerstrebend
einer neuen, importierten Weltanschauung fügen ? Ihre Welt-
anschauung erlaubte ihnen keine Buhlschaft? Nach des Ver-
fassers Ansicht nicht. Erec, CUges, Yvain, Ille und andere
kannten nur die Ehe. Aber Cliges trieb vor der Ehe doch auch
ein wenig Buhlscliaft.
Der Tristan ist ein Übergang. Zu nordfranzösischer Dichtung.
Ein Übergang von w^oher ? Warum zu nordfranzösischer Dichtung ?
Etwa weil Tristan Isolde Weisshand ehelicht? Ein Übergang
mit ritterUcher Auffassung. Wovon? Ein Übergang, mit süd-
französischer Buhlschaft. Ist also der Kern der Tristansage
südfranzösischen Ursprungs? Oder handelt es sich nur um den
Tristan des Thomas ? Oder des Beroul ? Oder des Prosaromans ?
Oder des unbekannten Verfassers, ohne dessen Gedicht, nach
Bedier, alle anderen uns bekannten Tristan-Dichtungen nicht
zu denken sind ? Genug der Fragen. Ein Narr fragt mehr, als
zehn Weise beantworten können. Soviel geht aber sicher aus
Heyl. Karl. Die Theoried. Minne i. d. alt. Minnerom. Franhr. 25
den vielen Fragen hervor: Der Verfasser ist sich nicht klar über
den Begriff, dessen Theorie im Minneroman er behandeln will.
Und so kann die Verwirrung niclit ausbleiben, wie gleich ersichtlich
wird.
Die Troubadour-Auffassung der Minne konnte, so heißt es,
nicht unverändert von den Rittern übernommen werden. Das
Verhältnis des Ritters zur Geliebten war natürlich, das des Trou-
badours unnatürlich. Der dem Troubadour etwa zuteil werdende
Lohn freundlicher Blicke genügte dem Ritter nicht. Wenn sich
im höfischen Epos der Ritter von so kargen Gunstbezeugungen
befriedigt und entzückt zeigt, so wundert uns das; denn es paßte
nicht in den Lebenski'eis. Doch diese Verwunderung des Ver-
fassers über die Genügsamkeit des Ritters legt sicli schnell;
denn er stellt fest, daß nur ein Teil der Ritter genügsam ist,
nämhch allein in der südfranzösischen Dichtung. Lancelot und
Flamenca sind die einzigen Romane, in denen anfangs dieser
geistige Minnesold den Ritter befriedigen muß.
Bisher hat die Dichtung von Lancelot noch nicht als ein
südfranzösisches Werk gegolten. Ebenso ist es unrichtig, daß
Lancelot sich anfangs mit geistigem Minnosold begnügt. Lancelot
ist aus Liebe zur Königin zu allem fähig, er würde sich auch
mit dem kärgsten Lohn begnügt haben. Aber in dem ersten
AugenbUcke, da er sich ihr nahen darf und von ihr freundlich
aufgenommen wird, bittet er um eine geheime Zusammenkunft.
Und ohne allzu große Schwierigkeiten gewährt ihm die Königin
die realsten Liebesfreuden. Wer weiß, ob überhaupt zum ersten-
mal; denn über die Beziehungen der beiden Liebenden vor dem
Beginn der eigentlichen Romanerzählung wissen wir nichts.
Doch hindert uns niclits, sie uns so intim wie möglich zu denken.
Da im Roman die Liebenden anfangs räumlich getrennt waren,
so mußte sich Lancelot wolil oder übel anfangs mit Nichts oder
mit seiner Sehnsucht und Verzückung begnügen. Weitere Be-
<leutung hat dieses ,, anfangs" nicht.
Ebenso ist es mit <ier Flamenca. Nichts Geistiges befriedigt
Rittersmann wie Rittersfrau. Beide streben von Anfang an nach
realer Befriedigung ihi'er Liebe. Das wird ilinen durch die strenge
Haft der Dame sehr erscliwert. Wochen und Monate können
sie sich nur während der Messe sehen, und nur einer von ihnen
kann in schneller Heimlichkeit ein oder zwei Worte zum anderen
sprechen. Und dieser Verkefu' hat als Hauptzweck, die ungestörten
Stunden ihres Beisammenseins, in denen dann der überlistete
Gatte betrogen wird, vorzubereiten. Wenn sie sich so lange
an BUcken und verstohlenen Berührungen genügen lassen, so
geschieht das durch Zwang, beruht auf keiner hohen, spirituellen
Liebesauffassung. Es ist ganz töricht, die Flamenca in Gegensatz
zu Epen zu setzen, in denen das Endziel das Ausleben heißen
26 Referate und Rezensionen. Wallher Küchler.
Verlangens ist. Das ist gerade in der Flamenca der Fall. Es ist
überhaupt töricht, immer Flamenca und Lancelot als zusammen-
gehörige Gruppe den anderen Epen gegenüberzustellen. Die
Berührungspunkte zwischen diesen beiden Romanen sind nur
solche, wie sie auch zwischen anderen höfischen Romanen vor-
handen sind und in der Darstellung des neuen schwärmerischen
Liebesideals ihren Grund haben. Das beiden Romanen ge-
meinsame Element des Eliebruchs spielt doch in ihnen eine
ganz verschiedene Rolle. Der Gatte in Chretiens Gedicht ist so gut
wie nicht vorhanden, ähnlich wie später in der Chastelaino de Vergi.
Es handelt sich nur um Guenievre und Lancelot, um ihre An-
sprüche an ihn und seine blinde Ergebenheit in ihren Willen.
Das von der Frau gestellte Thema: Bis zu welchem Grade geht die
Macht der gehebten Herrin über ihren liebenden Sklaven wird
an einer Reihe von Beispielen erschöpft. Ihre Macht ist unbe-
schränkt, lautet die Lösung der Aufgabe. In der Flamenca
haben wir das konventionelle Thema der Überlistung des zunächst
ohne allen Grund eifersüchtigen Ehemanns, der gerade durch
die sinnlose, strenge Abschließung der Frau von aller Welt zum
Hahnrei wird. Ein Thema, das die Flamenca mit der Liebes-
geschichte des Eracle von Gautier d'Arras deutlich verbindet.
Was über dieses Thema hinaus im Flamenca- Roman an Theorien
über die höfische Liebe steckt, das ist, gerade wie im Eracle, äußer-
licher Zierrat, Verbrämung, Verschnörkelung, ein Schmuck,
der den Roman weit über die vulgäre Schwank- und Fabliaux-
Literatur heraushebt. Verglichen mit den Romanen des Chretien
de Troyes ist die Flamenca ein nachgeborener Outsider, das Werk
eines höchst sprach- und weltgewandten Dichters, der aus den
echten höfischen Romanen die Technik der Liebesergriffenheit
gelernt, die Sentimentalität der vornehmen Kreise in Liebes-
sachen begriffen hatte, mit seiner erlernten und erlauschten
Kunst spekulierte und so diesen verführerischen, sentimentalen,
frivolen, mit dem Heiligsten seinen Spott treibenden, wunder-
schönen Romanschrieb, das rechte Unterhaltungsbuch für mondäne
Salons und Boudoirs. Man muß schon bis in das achtzehnte Jahr-
hundert gehen, um ein ähnliches Werk wieder zu finden.
Wie Reliquien und Heiligenbilder betet Lancelot die Haar-
büschel der geliebten Frau an; als ob er in der Kirche vor dem
allerheiligsten Altar sich befände, kniet er betend nieder vor dem
Schlafgemach, in dem er soeben die Liebesnacht mit der Königin
verbracht hat. In berauschendem Gefühl sinnUch-übersinnlicher
Liebesverzückung zwar das Heiligste in tiefster Inbrunst ver-
mischend mit den Gefühlen irdischer Lust, aber zugleich sie
erhöhend in mystischer Glut. Schwärmerei, aber doch eine
eines großen Dichters würdige Eingebung.
Demgegenüber die Flamenca. Der als Meßdiener verkleidete
ritterliche Liebhaber macht sich die Meßzeremonien zu Nutze,
Heyl^ Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 27
um mit ihrer Hülfe eines andern, ihm selbst bis dahin unbekanntes
Weib zu verführen und ein heimliches Stelldichein vorzubereiten.
Wo im Lancelot der Überschwang spontaner Gefühle Göttliches
und Menschhches verschmolz, würdigt der Flamencadichter
den Gottesdienst zu verliebtem Intriguenspiel herab. In diesem
Unterschied liegt deutlich ausgesprochen die Kluft, welche die
beiden Dichtungen voneinander trennt, ohne daß die schmale
Brücke, die sie miteinander verbindet, ganz verborgen bliebe.
Wenn man nach Gedanken sucht, die Lancelot und Flamenca
miteinander gemein haben, so trifft man auf einen höchst be-
deutsamen. Beide Romane vertreten nämlich jene in ihren
letzten Konsequenzen so gefährliche Liebeskasuistik,
die sich leiclit aus der Theorie der Minne ableiten läßt: Die Liebe
entschuldigt und rechtfertigt alles und jedes. Die Liebe ist
stärker als jede andere Macht, ihr Wille muß getan werden und
indem man ihn tut, mag man auch gegen alle Vorstellungen der
Menschen von Recht und Sitte handeln, lädt man keine Schuld
auf sich, folgt man nur höherem Gebot. Diese raffinierte Kasuistik
rechtfertigt den Ehebruch und umhüllt die Ehrlosigkeit mit
einem Glorienschein. So ließe sich noch mancherlei sagen über
die Theorie der Minne in Lancelot und im Flamenca-Roman,
wenn man nur eine andere Methode anwendet als die gedankenlose
Methode des Verfassers.
Wir erinnern uns, daß der Verfasser der südfranzösischen
Buhlschaft die nordfranzösische Ehe entgegensetzte. Das macht
er auf folgende Weise: Die Formen des höfischen Minnedienstes
traten im Norden in Widerspruch mit dem feudal-ritterliclien
Geiste und den sozialen Bedingungen, denen das Rittertum
unterlag. So blieb die Ergebenheit unter den Willen der Herrin
nicht in ilu'cr Reinheit bestehen, sondern wurde ein Mittel der
Galanterie. Die Ritter stellten sich nur verliebt nacii Art der
Troubadours. Der Verfasser denkt mit dieser Behauptung,
so müssen wir annehmen, an die Wirkliciikeit. Die Menschen
des Nordens denki^n in Liebessachen anders als die des Südens,
übernehmen Formen und ändern ihre Bedeutung. Unmittelbar
darauf befinden wir uns wieder im Reiche der Diciitung: den
Helden im höfischen Epos war niclit gedient mit frcundliclien
Blicken, Worten und Handkuß. Forderung dieser Dichtung
ist, daß einem edlen Ritter die Dame ihr Ilorz schenken und auch
willfährig sein müsse. Darum enden auch alle unsere Epen
(Lancelot und Flamenca ausgenommen) mit (k>r E h e.
Das ist nun wieder ein Rattenkönig einander sich kreuzendei-
Begriffsverwirrungen. Die Auffassung des troubadourmäßigen
Minnesanges, wie sie Wcchssler und seine Schüler vertreten,
zwingt zunächst dazu, in ihm nichts anderes als Galanterie und
Schmeichelei zu sehen. Der Minnesang ist nach Wcchssler eine
28 Referate und Rezensionen. Walther Küchler.
Lügendichtung. Daneben schließt er dann das Prinzip der
Veredelung der Liebe in sich, und schließlich kann der Minne-
dienst, der dem Gesang zugrunde liegt, auch liuhlschaft sein.
Die eine dieser Vorstellungen schließt, streng genommen, die
andere aus. Die Hauptvorstellung ist jedenfalls die der Galan-
terie, der schmeichelnden Ergebenheit des dienenden Sängers,
der kühlen Zurückhaltung der karg lohnenden Herrin. Not-
gedrungenes Sich-Begnügen des Sängers, der übrigens — wie
man sich leicht überzeugen kann — beständig mit der nur dem
nordischen Roman zugeschriebenen Forderung spielt, die Dame
müsse ihm Herz und Gunst schenken.
Es ist doch nur ein Spiel mit Worten, dieser Art von Liebe
die spezifisch ritterhche Galanterie des Nordens gegenüberzu-
setzen. Das kann eben nur geschehen, wenn man um des einmal
angenommenen Kontrastes zweier Weltanschauungen wällen ver-
gißt, wie man eigentlich die Troubadourliebe auffaßt und sich
nun für den Gebrauch des AugenbUcks zurechtkonstruiert, was
gerade notwendig erscheint. Das Merkwürdigste in dieser Kon-
struktion ist, daß die Ritterart, welche die Troubadouraufrichtig-
keit in Heuchelei verwandelt und sich nur verliebt stellt, dem
Minnespiel ein neues Ziel, ein neues Ideal setzt — die Ehe. Ein
höchst verdächtiges Ideal, das, da es auf krummen Wegen sich
verwirklichen muß, kein Ideal mehr ist. Durch Betrug und
Heuchelei, in lügnerischer Galanterie wirbt der edle Ritter um
das edle Ritterfräulein und führt die Ahnungslose zum er-
wünschten Ziel, ins Ehebett.
So beharrhch ich auch suche, ich finde nirgends etwas der-
gleichen. Ich finde da, wo es sich um spätere Ehe handelt
durchaus anständige, ernsthafte Liebe ohne falsche, berechnende
Galanterie. Ille liebt aufrichtig Galeron und täuscht ihr nichts
vor. Alexander (im Cliges) ist der schmachtendste, ehrlichste
Liebhaber, der sich kein Geständnis traut. Eneas, Achilles,
Cliges, Erec, niemand verstellt sich. Woher mag sich nur der
Verfasser die Vorstellung von der Verstellung geholt haben ? Und
wie will der Verfasser beweisen, daß die Eheschließungen, die in
einigen nordfranzösischen Romanen vorkommen, auf ritterhchen
Einfluß zurückzuführen sind ? Zum Teil sind sicher die bürger-
lichen Verfasser, Gautier v. Arras und Chretien de Troyes daran
schuld. Zum Teil ist seit urdenklichen Zeiten aller Orten die
Ehe das natürliche Ziel, dem zwei bis dahin unverheiratete,
verliebte Leute in WirkUchkeit und in der Dichtung zu-
streben.
Mit welchen Mitteln der Verfasser arbeitet, um die Bedeu-
tung der Ehe für den nordfranzösischen Roman zu erweisen,
mögen einige Beispiele zeigen. Die Notwendigkeit und der Zweck
der Ehe wird schon in einer Stelle des Eneas anerkannt; denn in
Vers 1.374—76 heißt es:
Heyl^ Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 29
Se de cestui faites seignor
molt en creistra votre barnage,
et essalciee en iert Cartage. (p. 44)
Also sagt zur liebeskranken, aber noch von Bedenken geplagten
Dido die freundliche Schwester. Ist das ritterliche Lebens-
anschauung? Kann ein solches Beispiel erweisen, wie das Trou-
badourideal zu neuem Eheideal gewandelt wird ? Dabei sind die
Verse nichts anderes als eine Übertragung der Verse Virgils
quam tu urbem, soror, hanc cernes, quae surgere regna
coniugio tali. (Aeneis IV, 47 f.)
Es wird dann weiter erklärt, und mit Beispielen belegt, daß diese
Liebe nur einer gehören könne und zuerst im Eneas - Roman
verherrlicht worden sei. IrrtümUcherweise ; denn die Liebe zu
nur einem Wesen ist Grundzug und Voraussetzung aller
Troubadourlyrik. Zwei weitere Zitate aus Gautier von Arras,
zwei aus Cliges und eines aus der Flamenca, dem Roman der süd-
französischen Buhlschaft, können ebenso wenig Zeugnis von
dem nordfranzösischen Eheideal ablegen.
Der Kern des Wechssler'schen Buches war der versuchte
Nachweis des innigen Zusammenhangs zwischen Minne und
Christentum gewesen. Heyl versucht den gleichen Nachweis
für das höfische Epos zu liefern. Mit welchem Erfolge, wird
kritisch zu beleuchten sein.
Der Ritter des Heldenepos ,, kannte nur die sinnliche Liebe
des Augenbhcks, nicht die immerwährende, dem Geist des Christen-
tums entsprechende Macht, die sich Liebe nennt" (p. 11). Wenn
wir nun mit dem Verfasser daran denken, daß die spirituelle
Denkweise des Christentums den Grundsatz geprägt hatte,
Liebe und Ehe gehören zusammen; und wenn wir uns ferner
daran erinnern, daß im Gegensatz zur südfranzösischen Minne
die nordfranzösisclien Ritter die Ehe als neues Ideal einführten,
so erkennen wir nunmehr deutlich, daß sie das unter dem Einfluß
des Christentums getan haben. Aus dem Minnesang konnten
die Ritter das Eheideal nicht haben; denn dessen Grundsatz,
die Frau solle über ihre Liebe freie Entscheidung haben, lief ja
dem Wesen der Ehe entgegen (p. 22).
Aus dem Wesen des Christentums ist also das ehefeindlichc
Minneideal der Troubadours und das ehefreundliche Liebes-
ideal der Ritter hervorgegangen. Wie das möglich ist, setzt der
Verfasser niclit auseinander, dagegen ,, beweist" er durch zahl-
reiche Zitate den engen Zusammenhang des Christentums mit
der höfischen Minne. Im Banne der ,, mystisch-religiösen Richtung
des Mittelalters, welche die Ginlanken des Mensclien von der
Welt abzieht und in sein Inneres oder zu Gott lenkt, begeiu-te
auch der Liebende nicht nur den Besitz der Geliebten, fand er
30 Referate und Rezensionen. Walther Kiichler.
auch Ruhe und Befriedigung in sehnendem Verlangen. Aller-
dings soll das besonders von den südfranzösischen Troubadours
gelten. Nicht so ganz im höfischen Epos. Rauhes Rittertum und
mystische Verzücktheit sind beinahe unvereinbare B(3gnffc. Es
sind also, meint der Verfasser, gewisse Einschränkungen zu
machen. Leider macht er sie aber nicht.
Schon der Eneasroman, was man bisher noch nicht gewußt
hat, kennzeichnet bereits deutlich diese Stimmung der mystischen
Hingabe, wie aus folgendem Beispiel hervorgeht:
Onkes ne li tint de mangier,
de halt vespre s'ala colchier,
molt li delitot a penser
et son corage a recorder
com la pucele l'esguardot,
ki les baisiers h cnveiot. En. 8913—18 (p. 170).
Welcher Unbefangene vermag hier mystische, vom religiös-mysti-
schen Geist des Christentums bedingte Hingabe zu erkennen ?
Eneas hat aus der Ferne Lavinie im Turm gesehen. Ihr Anblick
bat solchen Eindruck auf ihn gemacht, daß er sogleich von Liebe
zu ihr ergriffen wird, ohne Abendessen zu Bett geht und unab-
lässig an die Dame denkt, die ihm Kußhände zugeworfen hat.
Von gleicher, zwingender Überzeugungskraft sind die Bei-
spiele aus Trojaroman, Eracle, Hie et Galeron, Tristan, Qiges,
Flamenca, Beispiele, zwischen denen die schöne Szene aus Chr6-
tiens Graalroman, in der Perceval die Blutstropfen auf weißem
Schnee betrachtet, kläglich eingeschlossen ist.
Wenn der Verfasser in einem Roman die Worte pensar und
recordar findet, so bringt er sie mit mystischer Hingabe in Bezie-
hung. Aus dem Eneasroman setzt er als Beispiel die Verse 1223
bis 1227 hin:
De lui comence a penser,
en son corage a recorder
son vis, son cors et sa figure,
ses diz, ses faiz, sa parleüre,
les batailles quo il li dist. (p. 173)
In diesen Versen wird die beginnende Liebesleidenschaft
der Dido geschildert.
Die Sehnsucht, so führt der Verfasser in diesem Zu-
sammenhange aus, spielt in den Epen eine wichtige Rolle, sie
komme dort öfters und inniger zum Ausdruck als in den
Liedern der Troubadours. Das sei sehr verständUch ; denn ,,der
Ritter durfte die Erfüllung seines Sehnons erwarten". Wenn
Eneas kaum den Hochzeitstag erwarten kann, so ist das mystische
Sehnsucht; ebenso w^enn Galeron statt vier Tage nur zwei und
einen halben Tag braucht, um, von Liebe getragen zu ihrem
Gatten zu eilen. Und so ist es stets; Selbstvergessenheit, Ent-
Heyl, Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 3 1
rücktsein, Beraubung des Verstandes sind durch Mystik ver-
tiefte Gefühle. Von Dido heißt es: Amor l'a fait de sage fole.
Lavinie sagt von sich selbst Ge sui une meschine fole! Solche
Beispiele stehen, wie die vorhergehenden, in dem Kapitel „Mysti-
sche Hingabe".
Das Charakteristische aller dieser Zitate ist, daß sie die
natürlichsten und einfachsten Gefühle in grotesker Verzerrung
erscheinen lassen oder ihnen eine besondere Bedeutung geben,
die sie nicht haben. Es kann sicher das Denken an ein geliebtes
Wesen, die Erinnerung, die Sehnsucht, das Aufgehen der eigenen
Persönlichkeit in die des anderen zu einer mystischen Versunken-
heit, zu einer Art Entzückung werden. Es handelt sich dann für den
Seelen- oder Literaturforscher darum, diese Fälle in ilirer Besonder-
heit genau zu betrachten, den Charakter der Persönlichkeit,
der sie etwa zu der besonderen Tiefe des Gefühls befähigt, die
Eigenart der Verhältnisse oder der Situation, kurz alle die Fak-
toren zu ergründen, welche die mystische Stimmung in der Seele
eines Menschen erregen. Nichts von solchen Versuchen ist in
des Verfassers Zitatensammlung zu spüren. Roh aus dem Zu-
sammenhang gerissen, steht ein Beispiel neben dem andern,
eben soviel Sünden an dem Geiste der Dichtung.
Mit christüch- religiöser Lebensauffassung hängt auch die
Askese, die den Minnedienst der nordfranzösischen Ritter
kennzeichnet, zusammen. Aus bloßem gehorsamen Dienen wurde
ein Dulden und Harren in knechtischer Ergebenheit. Als erstes
Beispiel dieser Askese des nordfranzösischen Ritters wird die
Flamenca, ausgerechnet die Flamenca zitiert. Mit keinem anderen
Worte als Askese könne der Frauendienst in Flamenca gekenn-
zeichnet werden. Die angeführten Verse
E qui ben ama lealmen
Ab se dcu far cest jugamen
Que tot lo mon a son dan sia
Ab sol ques el puesca un dia
Entre sos bras, a som plaser
So quel plaz scntir e tener. (6313—18) p.U9/150
zeugen gerade für das Gegenteil von Askese. Wer wirklich liebt,
der muß es auf sich nehmen, daß die ganze Welt ihm zuwider ist,
wenn er nur eines Tages die Geliebte zu seiner Lust in Armen
halten kann.
Als Beispiel dafür, daß der Ritter in Selbstkasteiung der
Herrin sein Leben weilite, auf jeden Lebensgenuß \'erzicht tat,
um in asketischem Minnedienst aufzugehen, werden die Verse
aus dem Eneasroman zitiert, die so lauten:
Miclz voil morir, quo go li mente
ne qu'en altre meto m'entente;
guarder li voil et tenir fei. (1309—11) p. 149.
32 Referate und Rezensionen. Wulthcr K Hehler.
Dieses echt rittorlich-asketische Gelübde tut die von Liebe zu
Eneas entbrannte Dido, Königin von Karthago.
Verwundert fragt man sich, was mit Askese die Treuschwüre
zu tun haben sollen, die im Trojaroman Medea von Jason fordert,
ehe sie ihm unmitt(!lbar nach geleistetem Schwur ihre Liobe
schenkt. In einer Arbeit über die Theorie der Minne im höfisclien
Roman wäre allerdings die betreffende Situation zu behandeln,
aber in ganz anderem Zusammenhang, als es der Verfasser tut.
Es ist ganz offenbar, daß mit dem Worte und Begriffe Askese
ein kaum entschuldbarer Mißbraucli getrieben wird, wobei die
uns bei dem Verfasser nun schon längst geläufige Begriffsunklar-
heit wohl eine Rolle spielen mag.
Lancelot wird ein Asket der Minne genannt. Lancelot mag
,,der vollendete Typus eines Frauendieners" sein, aber er ist
kein Asket. Oder heißt einer Frau treu bleiben, ein Asket sein ?
Heißt einer Frau ihren Willen tun, ein Asket sein ? Heißt eine
geliebte Frau um eine Liebesnacht bitten und in ihren Armen
liegen, ein Asket sein ? Mit demselben Recht, wie die unmittel-
bar nach einer Reihe von Lancelot-Zitaten angeführten Verse
aus der Flamenca
Prent s'a son coli, estrez lo baisa
De nulla ren mais non n'esmaia
Mas que lo puesca pron servir
E de baisar e d'acuillir
E de far tot so qu'Amors vol. (5935 — 39.) p. 155
asketische Gesinnung widerspiegeln. Nach dem Willen des Ver-
fassers soll in solchen Versen ,,die von christlichem Geist getragene
höfisch-ritterliche Weltanschauung" vorherrschen, sollen diese
und andere, ähnliche Gedanken ,,eine Kombination von ritter-
lichem Feudalismus und christUch-religiöser Lebensauffassung"
sein.
In deutlicher Anlehnung an Wechssler'sche Ausführungen
gibt weiterhin der Verfasser eine Reihe von Liebesmotiven an,
die wie ein Lebenselement der Geist christlicher Lebensauffassung
durchziehe.
Da ist zuerst das Traummotiv, im höfischen Epos im allge-
meinen vereinzelt, häufig dagegen in der Flamenca anzutreffen,
eine Tatsache, die der Verfasser einmal merkwürdig, auf der
folgenden Seite aber durch eine ingeniöse Erklärung sehr begreif-
lich findet. Er führt aus diesem Roman zehn Beispiele an, in
dem letzten spricht die Heldin selbst im Traum:
Bei segner,
Veus m'aici ben a vostra guisa
Tota nudeta en camisa. (6128—30) p. 159.
Natürlich hat der Verfasser keinen Versuch unternommen, den
christlichen Gehalt dieses Traumes oder anderer Träume nachzu-
Heyl, Karl. Die Theoried. Minne i. d. alt. Minnerom. Franhr. 33
weisen. Es wäre ihm wohl auch kaum gelungen. Er redet nur
gedankenlos — hier wie stets — Wechsslers Auffassung nach.
Ebenso soll Traurigkeit aus Liebe christlichen Geistes voll
sein, wie z. B. aus dem Eneasroman hervorgeht:
La dameisele por s'amor
demena grant duel tote jor. (9189 f) p. 166.
Ähnliche Beispiele ausTrojaroman, Tristan, Eracle, Chges, Lance-
lot, Flamenca. In einer Anmerkung: Das Schlagen der Brust
ist ein bekanntes Zeichen der Trauer; es findet sich bereits bei
Ovid: Ars I 535: Jamque iteriim tundens mollissima pectora palmis.
Also nicht christlich. Aber vielleicht eine Vorahnung christ-
licher Art ?
Von Trauer um Liebe zu Tod aus Liebe ist kein weiter Weg.
Die Anrufung des Todes als erlösendes Mittel war dem Ritter
mehr als eine höfische Formel, wie „oberflächHche Betrachtung"
meinen könnte. Die in die Tiefe steigende Betrachtungsweise
des Verfassers weiß es besser:
Quant ge nel puis mais retenir
alt s'en, mei estovra morir.
So ruft die Heidin Dido aus, die sich töten wird, sollte Eneas
sie verlassen. Über der Leiche des Paris, der sie einst dem Gatten
entführte, klagt Helena:
En duel, en lermes e en plor
biaus sire amis, morrai.
Quant jo ensi perdu vos ai. (Trojaroman 22920 ff.)
Älmhche Beispiele aus Erec, Hie et Galeron, Tristan, Gliges,
Lancelot, Yvain, Flamenca. In dem letzten Roman wird er-
zählt, wie durch die etwas aufdringliche Liebenswürdigkeit des
Königs gegenüber Flamenca deren Gatte von Eifersucht geplagt
wird. Um die Stärke dieses Gefühls zu kennzeichnen, bemerkt
der Autor:
' Et a tal dol ins en son cor
Qu'a pena si ton que non mor. p. 165.
Das soll ein Beispiel sein für asketischen Minnedienst des
Ritters, Tod aus Liebe. Unmittelbar nach dem eben zitierten
Beispiel erwähnt der Verfasser, daß an einer anderen Stelle der
Flamcnca-Dichter sich auf Eneas und Dido beruft, die ebenfalls
Liebe in den Tod gotricbiMi habe Spottest seiner selbs! und weiß
nicht wie.
Audi die Tränen kommen herbeigeflossen. Ohne den Ein-
fluß der christhchen Liebe auf das harte Gemüt des Ritters
hätte wohl kaum die iiöfische Minne dieses Motiv in sich auf-
nehmen können. Die Tränen sind ein wiclitigt^s MonuMit im
asketisclien Minnedienst des Ritters. I)i(h> vergiel.U Tränen um
Eneas. Briseida vergießt Tränen beim Abscliied von Troilus,
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXI XV'. 3
34 Referate und Rezensionen. Walther Küchler.
den sie vergißt, kaum als sie ihn aus den Augen verloren hat.
Achilles ist „ein Knecht der Liebe, der um die Geliebte sogar
Tränen vergißt" (p. 166 ff.).
Wenn alle diese Beispiele für Zusammenhang des Liebes-
schmerzes mit Mystik und Askese sprechen, so tun es auch die
ergreifenden Verse, die in einem weitverbreiteten parodistischen
Volksliede ein liebeskrankor Bauernknecht singt:
Es schmeckt mir kein Essen, es schmeckt mir kein Trinken,
Ich möchte am liebsten in Schwefel versinken.
Im Gegensatze zur Askese steht die Hingabe an die Welt,
die Lebens- und Liebesfreude. Minne und Freude gehören zu-
sammen auf Seite 141, wie Minne und Askese auf anderen Seiten.
Lebensfreude wurde ,,als vornehmste Pflicht des gebildeten
Mannes und der gebildeten Frau aufgestellt". ,,Gar mannig-
fach" äußert sich im höfischen Epos die joie, die Freude. ,,Dem
einen stockt die Sprache (Wilh. v. England v. 3116), dem anderen
gerät das Blut in Wallung (Gl. 6396), das Herz pocht (Erec 6256);
Umarmen und Küssen beim Wiedersehen zweier Liebenden ist
der häufigste Ausdruck der Freude" (p. 141). Gewiß, aber nicht
nur im höfischen Epos, sondern auch bei den Hottentotten ver-
mutlich. Und was haben solche banale Dinge mit der joie der
Troubadours zu tun ?
Ein Kapitel der mittelalterlichen Literaturgeschichte, das
noch zu schreiben ist, ist die genauere Bestimmung des Einflusses
von Ovid auf die Auffassung der Liebe, wie sie in unzähMgen
Gedichten, Erzählungen und theoretischen Werken edleren und
unedleren Charakters uns entgegentritt. Was für die Lösung
dieser Auffassung W. Schrötter mit seiner Dissertation ,,Ovid
und die Troubadours"^) geleistet hat auf Grund der gleichen ge-
dankenlosen Methode, mit der auch Heyl zu Werke geht, ist
höchst dürftig, in den meisten Fällen falsch und hat daher zu
Recht die scharfe Ablehnung Voßlers und anderer Kritiker
verdient.
Schrötter hatte zu beweisen gesucht, daß die ars amandi
und andere Schriften Ovids von entscheidendem Einfluß auf
die ersten Troubadours gewesen seien, daß diese die wichtigsten
Elemente des Frauenlobes, Frauendienstes, der Werbung unmittel-
bar der ars amandi des Ovid nachgeahmt hätten, als dem klassi-
schen Muster für diese Dinge in Theorie und Praxis, daß Ovids
Werke gewissermaßen als Vorlage, als Stoffsammlung betrachtet
wurden, die man benutzte und ausplünderte, daß man in die
ars amandi hinein zeitgenössische Vorstellungen verarbeitete.
Es heße sich leicht nachweisen, daß der Ovideinfluß auf die
3) Halle a. S. 1908. Ein Teildruck als Marburger Dissertation.
Heyl, Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 35
Troubadourdichtung, so wie ihn Schrötter sich vorstellt und mit
seinen gänzlich unzureichenden Mitteln zu erhärten sucht, nicht
besteht. Doch dieser Nachweis ist hier nicht meine Aufgabe.
Noch erhebhch stärker als für die Südfranzosen ist nach
Heyls Behauptung die Bedeutung Ovids für die Nordfranzosen.
„Wir gehen wohl nicht fehl; wenn wir beliaupten, daß bei den
nordfranzösischen Epikern der römische Dichter bereit\\inigere
Aufnahme gefunden hat, als bei den Troubadours des Südens;
denn die Anschauung in Ovids Werken entsprach genau dem
Milieu und den Lebensbedingungen des Ritterstandes. Die
Dichtung der Nordfranzosen hat Ovid in weit höherem Maße
verarbeitet wie die Troubadours, weil ihre sozialen Umstände
eher mit Ovids Ideen vereinbar waren (p. 30)."
Man erwartet, der Verfasser werde uns seine Studien über
die „sozialen Umstände", über ,,MiHeu und Lebensbedingungen
des Ritterstandes" vorführen. Keineswegs tut er das. Soziale
Umstände usw. sind ihm nur aus den höfischen Epen bekannt,
und er gibt sich nicht eimal die Mühe zu erklären, welcher Art
die sozialen Umstände, die er aus den Epen herausliest, denn
nun eigenthch sind, worin sie etwa zum Unterschiede von den
Südfranzosen beständen.
Er scheint anzunehmen, daß die freiere Art, mit der der
nordfranzösische Ritter gleichberechtigt der ihm ranggleichen
Frau gegenübertritt, dem Ovidischen Verhältnis von Mann
und Frau mehr entspreche, als die Unterordnung des Trou-
badours unter die Herrin. Er scheint die „freie Liebe" des Ritters
zu seiner „amie" als etwas Ovidisches aufzufassen. Seine mir
in dieser Hinsicht unklar gcbhobenen Vorstellungen stehen
dabei in auffallendem Widerspruch zu der uns bekannten An-
sicht, daß im Gegensatz zu der poetischen Liebe der Troubadours
im nordfranzösischen Ritterstand wie in der nordfranzösisohen
Dichtung das Ideal der Ehe an Stelle der Buhlschaft getreten sei.
Die Minne der nordfranzösischen Ritter ließe sich nach den
Heyl'schen Darlegungen also aus folgenden drei Hauptelementen
zusammensetzen:
Herübernahmc der Ovid nacligeahmten Formen des provon-
zalischen, troubadourmäßigen Minnedienstes.
Veränderter Gebrauch dieser Formen in noch stärkerem
Zusammenhang mit Ovid wegen Gleichheit des Milieus in dem
sicli Ovid und die Hitler, d. h. die im Junggesellenstand sich
befindlichen Ritter bewegen; denn ihre Minne fülirt zur
Ehe,
die im Süden mit der Minne niclit vereinbar war und auch
mit Ovid's Leiire der Liebeskunst nicht zu vereinbaren ist.
In welcher Weise der Verfasser die Verarbeitung Ovids
durch moderne Dichter beweist, mag zunächst sein am Eneas-
roman bewährtes Veil'ahivi) zeigen: Die in ih'v Liebe ganz un-
3*
36 Hejerale und Rezensionen. Walther Küchler.
erfahrene Lavinie erfährt von ihrer Mutter, daß Amor zwei
Pfeile trage, einen Uebeerregenden und einen liebeverscheuchenden,
und daß er ferner eine Büchse mit Salbe zur Heilung der von
ihm verursachten Wunden liabo. Nun findet er in den Meta-
morphosen (I 468 f.) die Verse:
Eque sagittifera prompsit duo tela pharetra
Diversorum operum; fugat hoc, facit illud amorem.
p. 67.
Diese auffallende Übereinstimmung läßt ihn ohne weiteres
vermuten, daß die leitenden Ideen und Gesichts-
punkte des Eneas nicht Virgil, sondern Ovid entnommen
seien. Es sei sozusagen Ovid auf Virgil aufgepfropft worden.
Nun frage ich, was haben die Pfeile Amors mit den leitenden
Ideen des Eneasromans zu tun? Der Verfasser sagt es nicht.
Er sagt an dieser Stelle auch nicht, welches denn die leitenden
Ideen des Romans sind. GlückUcherweise sagt er es an anderer
Stelle. Der Gedankeninhalt des Eneas sei: Liebe veredelt (p. 137).
Nun ist das Prinzip ,, Liebe veredelt" keinesw^egs der Gedanken-
inhalt des Eneas. Nur im Monolog des liebenden Eneas finden
sich einige Verse, in denen er neben seinem Liebesleid den Ge-
danken ausspricht, daß die Liebe die Kraft und den Wert des
Mannes erhöhe. Leitende Ideen gibt es überhaupt im fran-
zösischen Eneasroman nicht, der Verfasser erzählt auf seine
Weise im Anschluß an sein lateinisches Vorbild und fügt eine
halb im alten, halb im neuen Stil gehaltene Liebesgeschichte
zwischen Lavinie und Eneas hinzu, ohne daß dadurch die leitenden
Ideen des Virgil'schen Epos beeinflußt würden. Heyl aber
sieht besondere leitende Ideen im Eneasroman und läßt sie
den Dichter aus Ovid holen. Ovid kennt nun aber, wie der Ver-
fasser selbst auf S. 136 angibt, nicht die veredelnde Macht
der Liebe, welche den Gedankeninhalt des Eneasromans auf
S. 137 ausmachen soll. Der ganze schöne Einfluß Ovids auf den
Gedankeninhalt des Eneasromans fällt also in nichts zusammen.
Das Mißverständnis, dem der Verfasser zum Opfer gefallen
ist, mag wohl darin seinen Grund haben, daß er den Begriffen
,, Gedankeninhalt", ,, leitende Ideen" eine unrichtige Bedeutung
beimißt. Er scheint zu glauben, daß Vorstellungen, wie die
von den Pfeilen des Liebesgottes, oder gewisse Symptome der
Ergriffenheit von Liebe, wie Seufzen, Erzittern, Erbleichen,
Ohnmacht u. a., aus Ovid übernommen, die nordfranzösischen,
höfischen Romane in ihrem Kern beeinflußt hätten (cf. p. 77,
91 etc.) Die Übereinstimmungen, die er zwischen den höfischen
Romanen und Ovid feststellt, beziehen sich nämlich ausschließ-
lich auf solche äußerliche Dinge.
Eine ganz gleiche Verwechselung von Gedankeninhalt und
gelehrt-mythologischem Aufputz begeht der Verfasser, wenn er
HeyU Karl. Die Theoried. Minne i. d. all. Minnerotn. Frankr. 37
behauptet, der Tristan werde vor allem mit Ovidischen Mitteln
zum Cliges verarbeitet. Solche Mittel sind : die Vorstellung, daß
Amor mit seinem Pfeil ins Herz trifft und daß die Pfeile durchs
Auge ins Herz gelangen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß
Chretien den Cliges als eine Art Antitristan gedacht hat. Wer
erklären will, wie sich nun Tristan und Chges zueinander ver-
halten, muß das Liebesproblem in seinem Kern anpacken, er-
klären, von welchen Gefühlen Chges und Fenice beseelt sind,
wie sie ihre Liebe auffassen. Nicht einen Augenbhck wird er
dann daran denken, Ovid in die Debatte zu ziehen.
Ovid soll auch deswegen leichter in Nordfrankreich Eingang
gefunden haben, weil die durch ihn angeregten Äußerungen
über den geringen Wert der Frau ,, speziell der ritterhchen Auf-
fassung zugute" kamen (p. 114). Brauchte man Ovid, um ge-
ringschätzig von den Frauen zu sprechen? Gewiß nicht. Ist
die geringe Wertschätzung der Frau speziell ritterUche Auf-
fassung ? Der Verfasser scheint keine Fabhaux zu kennen, eben-
sowenig wie die orientalische Frauenverachtung oder die mön-
chische Frauenfeindschaft.
In Nordfrankreich soll auch unter dem Einfluß Ovids die
Gottheit Amors liäufiger angesprochen worden sein als im Süden
(p. 122). Um diese wichtige Frage endUch einmal einer end-
gültigen Lösung zuzuführen, müßten die sämthchen Fälle im
Süden und im Norden gezälilt werden. Immerhin wäre Steine-
klopfen eine nützhchere Beschäftigung.
Von der Oberflächhchkeit der Frau heißt es im Trojaroman
Vers 13471—71:
Salemon a dit en son escrit,
Cil qui tant ot sage esperit:
,, Qui fort fcmme porreit trover
Li criator devreit loer."
„Derselbe Gedanke wie im Trojaroman findet sich im Yvain."
. .C'cst celc qui prist
Celui qui son seignor ocist! v. 1809 — 10.
,,Es wäre nicht ausgeschlossen, daß beiden Dichtern die folgenden
Verse aus Ovid vorgelegen hätten: Ars III 431 — 32
Funere saepc viri quaeritur: ire solutis
Crinibus et fletus non tenuisse decet."
Der Verfasser bezeichnet einen allgemeinen Gedanken und
eine konkrete Talsaclie als zwei gleiche Gedanken und führt
beide Zitate auf Ovid zurück, obwohl als Gewälu-smann für das
erste Zitat ausdrücklich Salomo genannt wird."*)
*) In den angeführlen Üvidvorsen soll, wie in einer I\Iail)urg:er
Dissertation über Hartniann von Aue von W. Weise behauptet wird,
die erste Episode des Yvain in nuce enthalten sein. Weise t^eht so
weit, der Vermutung Ausdruck zu geben, ,,daB Chrestien im ,, Yvain"
38 Rejerale und Rezensionen. Wallher Küchler.
Es würde zu weit führen, im einzelnen zu besprcclien, wie
alle möglichen, mit der höfischen Liebe verbundenen Erschei-
nungen, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Gefühl der Angst und
Qual, Liebesfieber, Pflicht des Gehorsams, Zurückhaltung, Furcht
vor dem ersten Geständnis, die Vorschrift der Verschwiegenheit,
die Wollust des Schmerzes, wie diese und andere Symptome
immer wieder, ohne Unterschied, mit Emphase, aus Ovid abge-
leitet w^erden. Es gibt Zusammenhänge mit Ovid, recht zahl-
reiche z. B. im Flamencaroman, auch in anderen Romanen hier
und da, aber das innerste Wesen der Theorie der Minne berühren
sie ebensowenig, wie die Auslese der angeführten und kritisierten
Fälle.
Um allen etwaigen Einwänden gleich zu begegnen, sei be-
merkt, daß Verfasser gelegentUch versucht, die Möglichkeit und
Notwendigkeit des Ovideinflusses zu erweisen. Die mittelalter-
liche, scholastische Denkart, so meint er, faßte die höfische
Minne in Regeln, suchte sich dabei für die Formulierung an
Autoritäten anzulehnen und fand diese in Ovid, fand bei ihm
eine Fülle von Sentenzen, die mit Nichtbeachtung der kulturellen
und geschichtlichen Differenzen, unter großenteils falscher
Interpretation ohne weiteres auf die Minne jener Zeit bezogen
wurden. Die Dichter entlehnten für die Stilisierung ihrer per-
sönlichen Beobachtungen und Meinungen Vieles aus Ovid.
Eine solche Erklärung könnte sich mit gewissen Einschrän-
kungen hören lassen. Nur schade, daß sie in Widerspruch steht
zu dem Verfahren und zu den Schlüssen, die Schröter und Heyl
zur Bestimmung der Art des Ovidischen Einflusses angewendet
und gezogen haben. Schröter und Heyl arbeiten beständig mit
dem Einfluß Ovidischer Ideen als den primären, entscheidenden
Elementen. Ohne Ovid keine Minne, das ist das Leitmotiv all
ihrer Gegenüberstellungen. Der oben angeführte, ganz augen-
scheinlich durch die böse, unverständige Kritik veranlaßte Er-
klärungs- und Rechtfertigungsversuch schafft die Tatsachen
nicht aus der Welt. Er drückt den in den Untersuchungen ,, be-
wiesenen", überwältigenden Einfluß Ovids auf ein Minimum
herab; denn wenn der Einfluß Ovids sich nur auf Formulierung
und Stiüsierung eigenen, neuen Erwerbs beschränkt, so schrumpft
er plötzlich kläglich zusammen.
ein Beispiel zu dieser Lehre habe geben wollen, denn auch die Rolle
der Zofe scheint fast eine Nutzanwendung der ars, und Lunete be-
gründet ihre hilfreiche Gesinnung damit, daß allein von den Rittern
Yvain sie gegrüßt habe (Chr. Iv. 1001 ff., H., Jw. 1181 ff.), genau wie
Ovid, Ars II 251 — 254 das Grüßen der ancillae und der servi von dem
Liebhaber fordert" (Heyl p. 116). Diese Ableitung des Yvain in seinem
ersten Teil von zwei Ovidversen ist den Untersuchungen und Schlüssen
Schrötters und Heyls würdig an die Seite zu stellen. Bei solcher Art
der Quellenforschung dürfte es bald kein Motiv mehr geben, daß
sich nicht auf Ovid zurückführen ließe.
Heyl, Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 39
Die Lösung der Frage nach dem Verhältnis von Minne und
Ovid dürfte vielleicht in folgender Richtung liegen : Die Troubadour-
minne hat mit Ovid nichts zu tun. Kein mißverstandenes Über-
tragen einer Gesamtauffassung — nur eine solche kommt in
Betracht — auf andere Kulturverhältnisse hat stattgefunden.
Es hat eine Veredelung des Liebesgefühls stattgefunden, als ein
Ergebnis selbständiger kultureller Entwickelung. Eine Ent-
wickelung, die sich auf morahschem Gebiet vollzog und von
daher ihren Einzug in die Literatur hielt. D. h. gCN\isse, in der
intellektuellen und allgemein moralischen Verfassung der Zeit
sich regende Bewegungen fanden ihren Ausdruck in der Literatur,
wurden zu einem künstlerischen Ideal und gewannen so ein
neues, ästhetisches Leben. Von einer Liebeskunst war zunächst
keine Rede, nicht von einer im Ovidischen Sinne raffinierten
Verfeinerung des tierischen Triebes zu Genuß und Kunst. Diese
Quintessenz der Ars amandi wurde nicht gefühlt und daher
auch nicht übernommen. Und alles, was bei Ovid über äußere
Symptome der Liebesempfindung, über die mythologisch-skeptische
Auffassung des Liebesgottes mit Pfeil und Bogen sich findet,
berührt das neue sich gestaltende Liebesideal nicht im Entferntesten .
Die Dichter haben zunächst kein Bedürfnis gehabt, ihre
Minneauffassung durch Berufung auf Ovid zu autorisieren. Sie
regelten nichts. So weitsie Ovid kannten, mochten sich gelegentlich
Erinnerungen an ihn einstellen, wenn sie von Liebe dichteten. Be-
wußt und häufiger greifen auf Ovid zurücku.a.derspäte Flamenca-
dichter, sowie Systematiker und Didaktiker, Nichtdichter wie
Matfre Ermengau und Andreas Capellanus, die immer wieder in
einem Atemzuge mit den Dichtern zu nennen, grober Unfug ist.
Wie Ovid in WirkUchkeit auf jene Zeit wirkte, das ist aus
direkten Bearbeitungen und Übersetzungen zu sehen, über die
Gaston Paris einen anregenden Artikel geschrieben hat.^)
Die trotz einer richtigen Bemerkung auf S. 136 augenfällige
Verkennung des Verhältnisses von Ovid zu den Troubadours
und den Ependichtern mag auch darin seinen Grund haben,
daß Verfasser sich offenbar über das Wesen der ars amandi nicht
im klaren ist. Er stellt sich vor, Ovid gebe nüchterne, ver-
standesmäßige Lehren, wie ein Liebender die Minne einer Jungfrau
gewinnen könne; er spricht von frivolen Regeln, welche die
Jungfrau betören sollen. Er sieht nicht, dalJ die ars amandi
ein von sprühender Laune erfülltes Kunstwerk ist, daß von den
Liebesaffairen zwischen eleganten, reichen Müßiggängern und
leichten Lebedamen oder ebenso lockern verheirateten Frauen
handelt. Von der zu betörenden Jungfrau ist keine Rede.
5) Les anciennes versions fran^aises de Vart d'aimer et des remedea
d'amour d'Ovide. In „La Poesie du moi/en-age/' Paris 1885.
40 Rejerale und Rezensionen. WaUher Kiiclder.
Mißvcrsländnisso, Unklarheiten, Begriffsunsichorheiten, die
wohl häufig beim Beginn einer Arbeit vorhanden sind, können
durch geduldige, systematische, gründUche Forschung, durch
ein vernünftiges, methodisches Vorgehen allmählich gehoben
werden. Die Methode jedoch, die der Verfasser anwendet, ver-
gröbert und verstärkt sie nur. Folgendermaßen arbeitet er:
Er liest den Theben-Eneas-Trojaroman, den Eracle und Ille et
Galeron des Gautier von Arras, den Tristan des Thomas und
des Beroul, sowie die in Bediers Ausgabe abgedruckten alten
Teile des Prosatristan, sämthche Romane Chretiens und die
Flamenca. Aus diesen Romanen und aus dem Buche des Andreas
Capellanus ,,Z)e Amore" schreibt er sich eine größere Anzahl
von Stellen heraus, in denen von Liebe die Rede ist, ordnet seine
Zettel unter verschiedene Rubriken ein, die ihm Wechsslers
Buch über den Minnesang und Schrötters Dissertation über
Ovid und die Troubadours liefern, druckt diese Stellen in den
verschiedenen Kapiteln ab und beweist so, daß diese und jene
Eigenschaften der Minne als Ergebnisse dieser oder jener Welt-
anschauung, dieses oder jenen antiken Einflusses in den benutzten
Minneromanen sich finden.
Mit ebensoviel Zitatenmühlen könnte man die benutzten
Romane vergleichen. Es dreht sich Blatt auf Blatt, und die
Zitate fallen heraus.
Welch eine merkwürdige Vorstellung von einem Literatur-
werk muß doch in dem Kopf eines so mechanischen Zettelarbeiters
walten! Die Dichtung Hegt da, mitten auf dem Schreibtisch,
wehrlos, ein zusammengebundener Haufe bedruckten Papiers.
Woher kommt die Dichtung, w^er hat sie verfaßt, was für eine
Persönlichkeit, aus welchen Kräften heraus, in welcher Absicht
etwa, wann, wo ? Solche und andere Vorfragen kümmern den
Verfasser nicht. Es kümmert ihn nicht ihr Inhalt, nicht die Be-
sonderheit der Liebesverhältnisse, auf welche die Theorie der
Minne ihre Anwendung findet. Ob Theorie und Geschehen in
Einklang miteinander stehen, oder ob etwa eine mechanisch
aufgenommene Modetheorie ganz äußerlich auf einen ihr gar
nicht zusagenden Stoff aufgeklebt worden ist, ob nicht etwa ein
alter Stoff durch die Verquickung mit dieser Theorie verbildet
worden ist, solche Erwägungen beschäftigen ihn nicht, ebenso-
wenig wie er einen Unterschied macht zwischen einem Werk
reiner, dichterischer Erfindung, einer alten Sage oder einer theo-
retischen Abhandlung.
Keinen AugenbUck denkt er daran, daßverschiedene Menschen,
verscliieden begabte Erzähler, originelle Dichter mit selbständigen
künstlerischen oder moraUschen Überzeugungen oder unselbst-
ständige Nachahmer am Werke gewesen sein können; daß in
verschiedenen Werken Erzählungsstoffe aus mannigfachen, räum-
lich und zeitlich voneinander getrennten Sagenkreisen in mehr
Heyl^ Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minneroni. Frankr. 41
oder weniger inniger Weise verschmolzen sind, daß in ilmen das
Element der Liebe häufig eine ganz verschiedene Rolle spielt,
eine verschiedene Wertung erfährt, hier den eigentlichen Inhalt
bildet, dort nur eine Episode ist.
Vollends ist er weit davon entfernt, etwa durch Analysen
der betreffenden Liebesgeschichten, des Verhaltens der beteiligten
Personen von Anfang bis zu Ende, der Entwicklung ihrer Liebes-
gefühle, der Art und Weise der sentimentalen Konflikte Einblick
zu gewinnen in die Auffassung jener Zeit von Minne. Nicht ein
einziges Mal versenkt er sich in ein einziges Werk, als ein Kunst-
werk für sich, voller Besonderheiten innerhalb der für alle Kunst-
werke einer Zeit gleichen Lebensbedingungen. Beständig spricht
er von Synthese, ohne daß sie je organisch und mit zwingender
Notwendigkeit aus vorher geübter Analyse herausgewachsen wäre.
Da mir viel daran liegt, deutlich und unwiderleglich zu
zeigen, daß die vom Verfasser eingeschlagene Arbeitsweise im
großen und kleinen beständig zu Fehlern und Unzuträglichkeiten
führt, mögen hier zum Schluß noch mehrere Beispiele folgen.
Der Verfasser spricht von der Bedeutung des Kusses für
Troubadour und Ritter; wie der eine sich im besten Falle voller
Entzücken mit ihm begnüge und der andere das nicht tue; wie dem
Kuß die hohe Bedeutung, die ihm die Troubadours zuerkannt
hätten, nur von dem einzigen Verfasser der Flamenca beigelegt
werde. Zur Erhärtung führt er den Vers 300 an:
Per ric si tenc quan l'ac baisada.
Es handelt sich hier um den ersten Kuß, den nach der Trauung
der junge Gatte seiner Gattin gibt. Eine Bemerkung, die natürhch
mit der Wertschätzung des Kusses der Herrin durch die Trou-
badours oder mit der Ungenügsamkeit der Ritter nichts zu tun hat.
Mit einem Überfluß an Beispielen wird erörtert, daß ein
Gemeinplatz der höfischen Dichtung von der Unwiderstehlichkeit
der Liebe spreche, von der Unmöglichkeit gegen sie anzukämpfen.
Zitiert wird u. a. Ovid, Ars I, 9:
nie quidem ferus est et qui mihi saepe repugnet. (p 129i
Dieser Vers bedeutet gerade das Gegenteil von dem, was er nach
Heyls Ansicht bedeuten soll. Ovid will sagen, Amor ist ungeberdig
und widerstrebt oft mir, der ich ihn halten möchte. Er sagt
nicht, der Liebende kann Amors Willen niclit widerstehen. Eben-
so kann ich niclit sehen, was das Beispiel aus Andreas Capellanus:
Improba neniqiie satis intentio fnnlieris indicatnr. qnae amari
quaerit et ipso recnsat aniare (p. 130) in diesem Zusammenhange
zu suchen hat.
Das Flamenca-Zitat auf S. 133/-4 ist nicht so sehr charakte-
ristisch für die Macht der Liebe, sondern in viel tieferem Sinne
für die Kasuistik, mit der die verbotene Liebe als Gebot der
Vernunft und Selbsterhaltung bezeichnet wird.
42 Referate und Rezensionen. Walther Kiichler.
In dem Kapitel über geistige Auffassung des Ursprungs der
Minne — in demselben Kapitel, in dem die eben angeführten
Beispiele auch stehen — wird darüber gehandelt, daß die Minne
die höchste Tugend sei, so aufgefaßt unter der Einwirkung des
christlichen Spiritualismus. Es wird gesagt, daß mit dem Liebes-
gefühl Furcht und Scham verbunden sei und daß z. B.
Flamenca fürchte, ihr Gemahl werde ihre verbotene Liebe
nicht dulden und sie bestrafen:
Paors mi castia cm menassa
E dis mi que ja rcn non fassa
Que monsegnor nos teng'a joc,
Gar s'o fas, metra m'en un fuec (5557 — 60) p. 144
Furcht vor Strafe wegen Ehebruchs zitiert als unter Einwirkung
christlichen Spiritualismus stehend!
Kurz darauf heißt es, daß die Minne als Kardinaltugend
alle anderen Tugenden beherrsche. In diesem Sinne sei der immer
wiederkehrende Gedanke von der Macht des Minnegottes zu
verstehen, ein Gedanke, der seinen schönsten Ausdruck im Fla-
mencaromane finde:
Amors non a seinor ni par,
E per so pot far a sa guisa;
Aissi cos vol home deguisa. (3716 — 18) p. 146 f.
Minne = Kardinaltugend = Macht des Liebesgottes ist natürlich
keine Gleichung. Die unvollständig zitierte Stelle im Flamenca-
romane will folgendes besagen: Der Ritter verkleidet sich als
Meßdiener, aus Liebe. Man könnte Amor tadeln, daß er einen
Menschen veranlaßt, sich zu verstellen. Aber Amor ist Herr,
er kann machen, was er will. Der Sinn ist also ein ganz anderer
als der, den der Verfasser vermutet.
Alle diese Fehler und Mißverständnisse stammen aus der-
selben Quelle. Man betrachtet die Dichtungen nicht um ihrer
selbst willen, sondern man reißt Verse willkürlich aus dem Zu-
sammenhang los, liest in oberflächlicher Betrachtung nur Worte,
immer nur Worte. Dichtungen sind Zitatensammlungen.
Charakteristisch ist eine Äußerung des Verfassers über Plan und
Anlage der Flamenca: ,,die äußere Handlung dient gleichsam
nur der Verbindung der einzelnen Motive". Auf Grund einer
solchen Illusion kann man die Handlung vernachlässigen und
nur die einzelnen Motive zitieren. Aber mit welchem Erfolg!
Das mechanische Herausschreiben von Zitaten, das sich
um Handlung, Personen, Bedeutung nicht kümmert, führt noch
zu einer letzten Reihe von anscheinend kleinen, aber doch höchst
bezeichnenden Versehen.
Der Verfasser spricht von der Zurückhaltung der Frau und
gibt an, daß D i d o im Eneasroman diese Zurückhaltung nicht
kenne. Die zitierten Verse beziehen sich auf L a v i n i e.
Heyl, Karl. Die Theorie d. Minne i. d. alt. Minnerom. Frankr. 43
Auf S. 125 sagt er „Soredamors lobt es, daß Fenice und
Cliges nicht mit Gewalt die Liebe suchen". In Wirklichkeit
lobt die Gattin des König Artus das Verhalten von Soredamors
und Alexandre. Wer einen Satz, wie den angeführten, nieder-
schreiben kann, zeigt, daß er den Inhalt des „Cliges" nicht kennt.
Um die knechtische Ergebenheit des Mannes unter
den Willen der Geliebten zu schildern, werden S. U9 folgende
Verse aus dem Eneasroman zitiert:
mielz voil morir, que ge li mente
ne qu'en altro mete m'entente;
guarder li voil et tenir fei.
Diese Verse spricht ein von Liebe ergriffenes Weib, Dido,
zu ihrer Schwester.
S. 167 werden zwei Verse aus dem Trojaroman als auf
M e d e a bezüglich angeführt, w^ährend schon nach der Vers-
zahl ohne weiteres ersichthch ist, daß es sich nicht um Medea
handeln kann. Tatsächlich handelt es sich um B r i s e i d a.
S. 177: ,,Von einem Liebenden wird behauptet, daß er
töricht handle: En. 1408:
Amors l'a fait de sage fole."
Wie schon aus der Femininform hervorgeht, ist eine Liebende,
nämlich Dido, gemeint.
S. 191: „Parthenopeus preist im Trojaroman seine Geliebte
mit folgenden Worten", (folgt Zitat). Partheonopeus tritt nicht
im Trojaroman, sondern im Thebenroman auf; nicht er preist,
sondern Achilles.
S. 200. Im Zusammenhange mit Äußerungen, welche be-
weisen sollen, daß der Liebende der Herrin göttliche Verehrung
erweise, steht folgendes Zitat aus dem Eneasroman, in dem der
Ritter um das Mitleid seiner Dame flehe.
Preier vos voil por toz les deus,
ki envers mei sont trop crueus,
par l'amistiö, par Taliance,
ki est entre nos par fiance,
quo vos aicz de mei pitie.
Nicht ein Ritter fleht, sondern Dido bescl\wört den Eneas,
doch nicht von ihr zu gehen.
S. 201: „Im Dienste der Minne wurden Mut und Ent-
schlossenheit, die einst als Haupttugenden des Ritters gegolten
hatten, in das direkte Gegenteil verwandelt," denn im Eneasroman
ist von Vers 1662 — 64 zu lesen:
car ki aimo toz tens mescreit;
en dotance est et en peor,
ja n'ert seürs ne nuit ne jor.
44 Referate und Rezensionen. Jlugues Vaganatj.
So schreibt der Dichter von D i d o , die trotz der beruhi-
genden Versicherungen des Eneas mit Recht nicht an seine Ver-
sprechungen glaubt.
Und so könnten noch viele Beispiele angeführt werden
als Zeugnis für jene unglaubliche Fahrlässigkeit, um nicht zu
sagen Gewissenlosigkeit, mit der bhndlings, ins Blaue hinein,
zitiert und bewiesen wird.
Man soll einer Anfängerarbeit gegenüber im allgemeinen,
so weit es geht, Nachsicht üben. So weit es geht. Aber wenn
in einem Falle, wie dem vorUegenden, eine solche Unfähigkeit,
ein so bodenloser Leichtsinn zutage treten, so hat die Kritik
die Pflicht rücksichtslos einzuschreiten. Aus mehreren Gründen.
1. Dem Buch ist die Auszeichnung zuteil geworden in eine
Sammlung von Universitätsschriften aufgenommen zu werden.
Es hat die Aussicht, leichter und zu einem nicht unerheblichen
Preise gekauft zu werden. Es kostet ungebunden 5.50 Mk. Käu-
fer und Leser dürfen mit gewissen Erwartungen an die Lektüre
herangehen. Aber was sie erhalten, ist gleich Null.
2. Das Buch gehört zu einer Reihe von Veröffentlichungen
die auf Grund einer völlig unzureichenden Methode sehr wichtige
Fragen der Literatur- und Geistesgeschichte behandeln. Diese Me-
thode hat sich als die Arbeitsweise eines groben, unwissenschaft-
lichen Dilettantismus herausgestellt. Desungeachtet arbeitet sie
mit hochtrabenden Worten: Weltanschauung, Christentum, Askese,
Mystik, Spiritualismus usw., ohne sich über die Bedeutung dieser
Begriffe hinreichend klar zu sein und ohne ihre Bedeutungsinhalte
da nachweisen zu können, wo sie als vorhanden bezeichnet werden.
3. Auf Grund dieser nichtssagenden Arbeit ist dem Ver-
fasser der höchste akademische Ehrentitel, der Doktorgrad,
verliehen worden. Gewiß sind von unseren jungen Doktoranden
nicht immer Musterleistungen zu erwarten. Häufig genug muß
mittelmäßiges Gut durchgehen und wird wohl immer durch-
gehen. Aber eine Arbeit, die tief unter dem allerbescheidendsten
Mittelmaß steht, die ein Hohn auf alle wissenschaftUche For-
schung ist, die sollte doch unter allen Umständen für zu leicht
befunden werden.
In der Hoffnung, daß solcher Arbeiten in Zukunft immer
weniger werden, habe ich mich das undankbare Geschäft pein-
lichen Nachprüfens und freimütiger, ungeschminkter Kritik
und Warnung nicht verdrießen lassen.
Würzburg. Walther KtlCHLER.
liOngnon, Henri. Pierre de Ronsard. Essai de biographie.
Les a ncetres — la jeu nesse. Avec un portrait hors texte. Paris,
Librairie Honore Champion, editeur. 1912. — In-8 [185
Longnon, Henri. Pierre de Ronsard. 45
X 120 mm] de XII— 512 pp. Prix: 8 francs. Bibliotheque
litteraire du XVP siecle.
La publication du present livre, ecrit dejä depuis tantöt
huit ans, est due en notable partie ä la soutenance des theses
de Monsieur Laumonier, theses que nous avons dejä presentees
aux lecteurs de cette Revue. ^) Les dites theses nous paraissaient
un travail hätif : nous deplorons aujourd'hui que M. Henri Longnon
ait refuse ä son tres regrette perc le plaisir de voir imprime
le volume qu'il ecrivit en 1904. A cette date, ses renseignements
eussent eu le merite de la nouveaute: en 1912, ils ne presentent
plus que celui d'une redaction plus claire et d'une typographie
moins broussailleuse que celle du Ronsard poete lyrique.
Monsieur Longnon a deux autres merites vrais: il a su limiter
ses recherches et il a reconnu loyalement ce qu'il devait ä ceux
qui Tavaient precede ou qui, de 1904 ä 1911, ont ecrit sur ou
autour de son sujet. II n'en est que plus fächeux — aux lecteurs
de juger s'il ne faut pas ajouter: regrettable — qu'il n'ait pas
cru devoir ouvrir le volume qui parut chez son libraire, ä la fin
de 1909, et qu'il mentionne, au bas de la page 458, comme, «venant
d'etre public»!, alors que deux fois douze mois se sont ecoules
depuis sa mise en vente. II ne s'agit pas, en cffet, d'enterrer
un auteur en qualifiant teile ou teile de ses oeuvres, en l'espece
le premier volume de l'edition de Ronsard suivant le texte de
1578, — le seul ä suivre — de «monumentale», il est plus juste de
mettre en oeuvre les materiaux qu'il fournit et d'user des facilites
qu'il procure.
De divers cotes l'on a reproche au provincial impenitent
qu'est l'editeur du Ronsard de 1910, de n'avoir pas use des ressour-
ces des bibliotheques parisiennes en collationnant les textes de
1560 et de 1584, qu'il cstime avoir ete de pures speculations
de librairie: comment faut-il juger le Parisien qui, en 1912, etudi-
ant la Jeunesse de Ronsard, ose encore nous renvoycr au texte
qu'a donne Blanchemain, poete estimable, mais editeur trop
fantaisiste pour que ses affirinalions puissent encore etre suivies ?
Doit-on croiro que les hibliolhequos sont fcrmees ou que les
travailleurs domeurant ä Paris n'ont pas le tomps d'y aller ?
Depuis au moins deux ans le texte primitif des Amours de Cassan-
dre, 1552, se lit dans les variantes de la nouvelle edition de Ron-
sard; depuis la mcme epoque, le commentaire de Muret — veri-
dique ou inexact, peu importc ici, — est accessible i\ tous et rondu
lisible aux yeux l(>s plus myopes! Et M. L. se refere a Blanche-
main! Voyons donc d'iin piu pres ce que nous a di>nne Blanche-
main et essayons de faire le travail par KmiucI M. L. aurait du
commencer.
M Voir t. XXXVII2, p. 215.
46 Referate und Rezensionen. Hugues Vaganay.
Entro un auteur et son lecteur, il ne doit se placor aucun
intermediairc: la vraie täche de Teditcur est de presenter les
textes iels qu'ils furent composes, en signalant avec soin les
variantes — s'il y en a, et les dates auxqucUes elles apparaissent.
Blanchemain a-t-il suivi ce programme ? Au lecteur de repondre
quand il aura lu un sonnet et unc Ode pris au Hasard comme
specimens, Le sonnet est le prcmicr du sccond livre des Amours,
QU Amours de Marie: le texte de 1578 est suivi de Tindication
de quelques editions feuilletecs et des Variantes de 1555, 1557,
1560, 1567, 1571, 1584 et 1587.
Tyard, on me blasmoit ä mon commencement,
Que j'estois trop obscur au simple populaire:
Mais on dit aujourd'huy que je suis au contraire,
4 Et que je me demens, parlant trop bassement.
Toy, de qui le labeur enfante doctement
Des livres immortels, dy-moy, que doy-je faire?
Dy-moy (car tu s^ais tout) comme doy-je complaire
8 A ce monstre testu, divers en jugement?
Quand je brave en mes vers, il a peur de me lire:
Quand ma voix se desenfle, il ne fait que mesdire.
11 Dy moy de quels liens, et de quel rang de clous
Tiendray-je ce Prothe, qui se change ä tous coups?
Tyard, je t'enten bien, il le faut laisser dire,
14 Et nous rire de luy, comme il se rit de nous.
BIBLIOGRAPHIE. Continuation des Amours (1555), 3; Ronen
(1557), 2. Amours (1560), 11, 9; (1567), 11, 86; (1571), 1572, 314;
(1578), 290; (1587), 251; 1592, 255; 1604, 1610, 1629, 265. (Euvres.
(1584), 120; 1609, 128. Blanchemain. I, 147. Marty-Laveaux. I,
131.
VARIANTES. Sonnets en vers heroiques. 1555. 1557. 1560.
1567. 1571. — 1. Thiard, chacun disoit ä m. c. 1555. 1557. — 1. Mon
Tyard, on disoit ä m. c. 1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 1. Ma
muse estoit blasmee ä m. c. 1587. — 2. Dequoy j'estois o. au s. p. 1584.
— 2. D'apparoistre trop haulte au s. p. 1587. — 3. Aujourd'hui, chacun
dit q. je s. au c. 1555. 1557. — 3. M. aujourd'huy l'on dit q. je s. au c.
1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 3. Maintenant des-enflee on la
blasme au c. 1587. — 4. Et qu'elle se desment p. t. b. 1587. — 5. — 7.
T., q. as endurö presqu'un pareil torment Di moi, je je suppli, di m.
q. d.-je f. Di m., si tu le sgais, c. d.-je c. 1555. 1557. — 9. Q. j'escry
hautement il ne veut pas me 1. 1555. 1557. 1560. 1567. 1571. Blanche-
main. — 9. Q. je tonne en m. v. il a. p. de me 1. 1584. 1587. — 10. Q.
j'escry bassement il ne f. qu'en m. 1555. 1557. 1560. 1567. 1571. Blan-
chemain a le Premier hemistiche de 1555—1571 et le second de 1578!
— 10. Q. ma V. se d. il ne f. qu'en m. 1584. — 10. Q. ma v. se rabaisse
il ne f. qu'en m. 1587. — 11. De quels liens serrez ou de q. r. de c. 1560.
1567. 1571. Blanchemain. — 11. Dy m. de quel lien, force, tenaille
ou c. 1584. 1587. — 13. Paix paix, je t'e. b., il le f. 1. d. 1555. 1557.
1560. 1567. 1571.
Essayons de degager quelques faits precis de cette longue
liste de variantes. Trois vers seulement: 8, 12 et 14 n'ont subi
aucun changement. Six vers: 1, 3, 9, 10, 11 et 13 presentent
en 1560 un texte different de celui de 1578; mais pour 9, 10 et
Longnon, Henri. Pierre de Ronsard. H
13 le texte de 1560 est aussi celui de 1555 et 1557, de 1567 et
1571. Blanchemain qui nous dit (T. I, p. X i j) «C'est cette
edition type de 1560 que j'ai prise pour point de depart et au
texte de laquelle je me suis conforme», nous donne bien pour
quatre vers: 1, 3, 9 et 11 le texte de 1560, mais pour 10 il melange
1555—1571 avec 1578 et pour 13 il donne le texte de 1578 qui
fut reproduit en 1584 et 1587! Le style composite peut etre
acceptable en architecture : il est hors de mise dans une edition
de textes. Et M. L. eüt ete bien inspire s'il avait verifie: la
besogne lui etait facile pour les Amours de Cassandre: l'exemple
ci-dessus montre qu'il en est de meme pour les Amours de Marie.
Employons le meme procede avec l'Ode V du deuxieme
livre: apres le texte de 1578, viendront les indications biblio-
graphiques pour permettre le contröle, et les variantes de 1550,
1555, 1560, 1567, 1571, 1584 et 1587.
A CASSANDRE.
ODE V.
La Lune est coustumiere Celebroit jusqu'aux cieux,
De naistre tous les mois, Ne faisant l'air sinon
3 Mais quand nostre lumiere 24 Bruire de vostre nom?
Est esteinte une fois, De vostre belle face
Longuement sans veiller Le beau logis d'Amour,
6 II nous faul somnieiller. 27 Oü Venus et la Grace
Tandis que vivons ores, Ont choisi leur sejour,
Un baiser donnez-moy, Et de vostre cell qui fait
9 Donnez-m'en mille encores, 30 Le Soleil moins parfait.
Amour n'a point de loy: De vostre sein d'yvou-e
A sa Divinite Par deux ondes secous
12 Convient l'infinite. 33 Elle chantoit la gloire,
En vous baisant Maistresse, Ne chantant rien que vous:
Vous m'avez entam6 Maintenant en saignant,
15 La langue chanteresse, 36 De vous se va plaignant.
De vostre nom aim6. Las! de petite chose
Quov? est-ce lä le pris Je me deuls sans raison:
18 Du labeur qu'elle a pris? 39 La flache au coeur enclose
Elle par qui vous estes Me tu' sans guerison,
Dresse entre les Dieux, Que TAroher ocieux
21 Qui voz beautez parfaites 42 M'y tira de voz yeux.
BIBLIOGRAPHIE. Ödes. (1550), 46b; 1553, 44; (1555), 38;
(1560), 64; (1567), 71; (1571), 1573, 145; (1578), 128; (1587), 121;
1592, 139; 1604, 1617, 248; 1630, 300. (Eiwres. (1584), 307; 1609,
1623, 402. Blanchemain. II, 141. Marty-Laveaux. II, 192.
VARIANTES. Titre. A sa Maistresse 1584. 1587. — 2. Renaistre
t. 1. m. 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 4. Sera mortc u. f.
1555. 1560. 1567. 1571. Blaiuhemain. — 5. Long Ions s. s'evoiller
1550. _ 5. Long tans s. reveiller 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain.
— 5. Sans nos yeux resveiller 1587. — 6. Nous famlra s. 1550. 1555.
1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 6. Faut long tomps s. 1587. —
7. 8. D'un baiser lium'de, o. Los levres pressez m. 1550. — 8. 9. ...
donne ... donne 1555. 1560. 1571. Blanchemain. — 11. A sa grand'
deitö 1550. 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 13. 14. A, vous
m'av(^s m. De la dent e. 1550. 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain.
— 18. Du travail (\n\\ a p. 1584. 1587. — 19. E. qui vos louangcs 1550.
48 Referate und Rezensionen. Ilngues Vaganay.
1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 20. Mignonnement vantoit
1550. — 20. De nur lo lue vantoit 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain.
■ — 21. 22. Et aus peuples Stranges Vos niorites chantoit 1550. 1555.
1560. 1567. 1571. Blanchemain. — (25—30 n'exi.stcnt pas en 1550.
1555. 1560. 1567. 1571.) — 31. De vos telins d'i. 1550. 1555. 1560.
1567. 1571. Blanchemain. — 32. Reliques d'Ürient 1550. — 32. ( Joyaus
de l'O.) 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 33. Eternisoit la g.
1550. 1555. 1560. 1567. 1571. — 34. Et de vostre oeil rient 1550. Blanche-
main. — 34. Et de vostre oeil friant 1555. 1560. 1567. 1571. — 35. Pour
la recompenser 1550. 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 36. On
la vient offenser? 1550. — 36. La faut-il offenser? 1555. 1560. 1567.
1571. Blanchemain. — 38. Je me piain durement 1550. 1555. 1560.
1567. 1571. Blanchemain. — 38. Je me plains s. r. 1587. — 39. La plaie
au c. e. 1550. 1584. — 39. La plaie en l'ame e. 1555. 1560. 1567. 1571.
Blanchemain. — 39. Non de la playe e. 1587. — 40. Me cuist bien
autrement 1550. 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain. — 40. Me
cuist s. g. 1584. — 40. Au coeur s. g. 1587. — 41. 42. Qu'en traison
il receut Quand vostre oeil le deceut 1550. — 41. 42. Que ton oeil m'y
laissa Le jour qu'il me hlaissa. 1555. 1560. 1567. 1571. Blanchemain.
Sur ces 42 vers, six, 25 ä 30, clonnes en note par Blanche-
main comme variantes de 1587, se lisent sans changement en
1578, 1584 et 1587.
Sur les 36 autres, 24 : 2, 4, 5, 6, 8, 9, 11, 13, 14, 19, 20, 21,
22, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 38, 39, 40, 41, 42 presentent en 1560
un texte different de 1578, mais toiites ces variantes se lisaient
dejä en 1550 oii 1555 et sont conservees en 1567 et 1571. Blan-
chemain en reproduit 22; au vers 33, il donne le texte de 1578,
au vers 34, celui de 1550!!!
Ne faut-il pas conclure que Blanchemain est un guide peu
sür ? que l'edition de 1560 est en roccurrence sans interet ? et
que le seul texte dans lequel on doive lire cette Ode est celui de
1578? qui nous donne une Ode de 42 vers dont 10 : 1, 3, 10, 12,
15, 16, 17, 23, 24, 31 n'ont subi aucun changement de 1550 ä
1587, dont 2 autres: 7 et 27 sont demeures de 1555 ä 1587; Seul
le vers 18 a ete modifie en 1584. L'edition de 1587 reste hors
du debat, car nous ne savons avec quelle fidelite Galland a repro-
duit les corrections que Ronsard apporta au texte de 1584.
Notons ici, au passage, que sur les 56 vers de l'Ode II du
premier livre, 25 se lisent de 1550 ä 1587 sans changement, qu'au-
cune Variante n'est particuliere ä 1560 ou 1584 mais que 1587
en offre 5. — Sur les 104 vers de FOde VI du meme livre, 50
sont restes tels que Ronsard les ecrivit en 1550, 1560 nous presente
une seule Variante particuliere, 1584 nous en offre 11 et 1587,
neuf autres; cette derniere edition est la seule oü la premiere
Epode ait 12 vers, comme les deux autres epodes, &c.
Mais nous entendons le lecteur s'ecrier: A quoi bon cette
profusion de chiffres et que nous voilä loin de M. Longnon et
de son livre! Point du tout: ayant frequente les editions origi-
nales, M. L. se füt souvenu qu'il y a dix ans, il nous avait revele
Gassandre et il n'eut point — ä la suite de tant d'auteurs apres
Longnon, Henri. Pierre de Ronsard. 49
Blanchemain, repet^ la legende de Marie D u p i n. Gette trop
ingönieuse trouvaille eut une merveilleuse fortune: M. Pierre
Louys ne l'a-t-il pas consacree en publiant les Amours de Marie
Dupin ? II serait trop long de donner ici la liste des poetes du
XVI® siecle qui fönt figurer lo pin ä tort et ä travers dans leurs
vers, sans qu'un Blanchemain sc soit avis6 que leur belle dissi-
mulait son nom sous ce monosyllabe commode ä introduire dans
un hemistiche, et qui s'offre dans l'art des jardins comme un
bei arbre d'ornementation. Ouvrons plutöt Ics Amours de Marie
et relisons le Voyage de Tours, nous nous arreterons aux vers
303—306:
La parmy tes sablons Angevin de venu,
Je veux vivre sans nom comme un pauvre incognu,
Et des l'aube du jour avecq'toy mener paistre
Aupres du port Guiet nostre tropeau champestre.
Blanchemain a cru bon de faire suivre «port Guyet» d'un
renvoi (1) ä une note au bas de la page «1. G'est une maison qui
appartient ä Marie» et Marty-Laveaux (t. I., p. 417) d pieusement
reproduit la dite note.
Oü Blanchemain, qui ne cite point sa source, a-t-il puise ?
Au commentaire de Belleau ? Mais Belleau fut cnterre le 6 mars
1577, et ce n'est quo dans des editions posthumes de son commen-
taire, editions revisees par des anonymes, en 1584, 1587, 1604,
1609, etc. que nous lisons le texte donne par Blanchemain. En
1578, la note est ainsi redigee: «G'est une maison qui appartient ä
s'amie, ainsinommee». Notonsla presence de la virgule, absente
du texte de 1571 (t. I, p. 406) public du vivant de Belleau et
venons en au tout premier texte, celui de 1560: nous y lirons au v^
du f. 56 «C'est une maison qui appartient d sa mie ainsi nomm^e»
Pourquoi Marie ne se serait-ellc pas appelee Marie Guiet ?
Ge compte-rendu n'est pas un simple plaidoyer pro domo
mea mais un expose des principcs qui ont guiJe l'editeur de 1910:
. . terminons le par un apergu de la Table des matieres du livre
de M. L. Deux parties: les Ancetres, la Jounessc, se partagent
in^galement lo gros du volume, soit 410 pages. Dans la premiere,
deux chapitres nous presentent les ancetres de Ronsard avec
les diverses hypotheses sur leurs origines, le pere et la mere de
Ronsard. Dans la seconde, cinq cliapiln>s : les «enfances», premieres
ötudes et premiers vers, les luimanites, la Brigade, les Amours
de jeunesse, ne nous laissent rien ignorer de ce qui a öte ecrit
ex professo sur cette periode de la vie de Ronsard. M. L. n'accepto
pas toujours les opinions emises avant lui, et souvent, le lecteur
qui l'aura suivi attentivement, so rendra ä ses raisons toujours
clairement exposöes et soutenues avec une attrayant»^ mode-
ration. Les cent dernieres pages sont a peu pres egalement
partagces entre XIII Appondices: documents litteraires et XXX
Pikees justificatives: documents d'arcliives.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/'- 4
50 Referate und Rezensionen. Josef Frank.
Nous ne doutons point qu'un franc succes accueille le livro
place par un fils rcspectucux et reconnaissant sous les auspices
d'un pere dont la memoire reste en veneration parmi los Iravailleurs
de la pensee et nous esperons que ce succes encouragera l'auteur
ä rameliorer et ä le rendre plus digne et du nom paternel et du
nom de Ronsard.
Lyon. IluGUEs Vaganay.
iüffagne, Emile. Voiture et les origines de V Hotel de Rambouillet.
1597 — 1635. Portraits et documents inedits. Paris.
Mercure de France. 1911. 320 S. 8^.
Das 17. Jahrhundert in Frankreich mit seiner satten, ellen-
dicken Selbstzufriedenheit jagt nicht rastlos nach neuen, hohen
Idealen, sondern sucht auch in der Kunst nur nach neuen Mitteln
zur äußeren Verfeinerung und Erhöhung der Lebensreize. So
fehlen auch in seiner Dichtung große, von der Sehnsucht nach
fernen Zielen erfüllte Gedanken, es fehlen die hochfUegenden
Träume vom Menschenglück kommender besserer Tage und
man späht bloß nach neuen Formen, die oft nur die Leerheit des
Inhalts verdecken und eine töLlich gelangweilte Gesellschaft,
die ihren Müßiggang so dehkat in ihrem Zeitvertreib macht,
in Atem halten sollen. Vincent Voiture ist der König
der ,,Alkovisten", die an Stelle einer poetischen Naturkraft oder
einer erhabenen Leidenschaft den flüchtigen und farblosen Affekt
setzen und anstatt allen Tiefsinns nur die Spielereien eines be-
weglichen Esprit zu bieten haben; er ist der unbestrittene Führer,
nach dem die andren Mode- und Salondichter (Benserade, Malle-
ville, Sarasin, Gombauld, Cotin und andere) gravitieren, die
später der boshaften Spottsucht eines Boileau einen so ergiebigen
Stoff lieferten. Nie ist Voiture ein großer Wurf gelungen; er
hat einen solchen allerdings auch nie ernstlich versucht. V.
besaß nämhch Selbsterkenntnis genug, zu wissen, daß sein kurz-
atmiges Talent und seine geringe Arbeitskraft zur Bewältigung
ernster, größerer poetischer Aufgeben nicht ausreiche, daß es
ihm hierzu am Gestaltungsvermögen, an der Kraft der Intuition
und der lodernden Glut der Begeisterung gebreche. Als ihm
Julie d'Angennes einmal den von ihr im Geschmack der Zeit
erfundenen Stoff der Histoire d'Alcidalis et deZelide zur Bearbeitung
übergab, konnte er diese Dichtung, trotzdem die ,, Prinzessin
Julie" seinen Ehrgeiz immer von neuem aufpeitschte, nicht
vollenden, so daß sie erst 1677 ein gewisser Des Barres zu Ende
führen mußte. V.s kleines Talent zerflattert in leichten Chansons,
Stanzen und Rondeaux, deren aussei heßhches Thema, die Liebe,
immer wieder variiert wird. Aber nicht jene Liebe, die den anzen
Menschen in Gährung bringt, die in ihm ungeahnte Quollen auf-
springen läßt, und ihn mit elementarer Gewalt in seinen innersten
Magne, Emile. Voiture et les origines de V Hotel de Rambouillet. 5 1
Tiefen aufwühlt, die ihn die seUgsten Wonnen und qualvollsten
Schmerzen auskosten läßt; sondern jene winzigen Gefühlchen,
die in einigen zierlich gedrechselten galanten, oder übermütig
ausgelassenen Gelegenheitsversen verpuffen und nur bezwecken,
seinen eigenen Geist leuchten zu lassen und das Gemüt einiger
Schönen, deren Herz eine Bude auf dem Eitelkeitsmarkte ist,
zu verwirren und zu verführen. Wie die männhchen Paradiesvögel
zur Zeit der Paarung ihre Schönheit vor den Weibchen wett-
eifernd zur Schau tragen und wie selbst das des bunten Gefieders
entbehrende Nachtigallenweibchen durch die rührende Klage
seines schmelzenden Gesangs um Liebe wirbt, so will auch Voiture
durch geistvolle Schmeicheleien oder durch herzbewegendes
Wimmern und Winseln sein Ziel erreichen. Er ist aber nicht ernst
und vielleicht auch nicht heuchlerisch genug, um nicht zuweilen
seine Seufzer und Klagen plötzlich durch eine schrille Selbst-
persiflage abzudrehen. So sagte er einmal in einem seiner Liebes-
briefe, nachdem er sich wegen der Abwesenheit einer seiner
Geliebten von Paris als namenlos verlassen und von Seelen-
schmerzen ganz zermürbt hingestellt hat, schließHch, er wisse
nicht recht, ob seine tiefe seelische Depression von seiner un-
glücklichen Liebe oder von — seinem Schnupfen herrühre ?
Es entschuldigt ihn und er unterscheidet sich darin sehr vorteilhaft
von vielen seiner dichtenden Zeitgenossen, daß er nicht nur
kein bettlerischer Parasit ist, sondern den Druck seiner Werke
mehr fürchtete, als ihn suchte. ,,Sie werden sehen", sagte er eines
Tages zu Frau von Rambouillet, ,,es wird genug dumme Leute
geben, die sich dieses und jenes holen lassen, das ich verfaßt
habe, um es in Druck zu geben; diese Voraussetzung könnte
mich veranlassen, meine Arbeiten zu korrigieren." ,,Er war ein
Mann der Geselligkeit, liebte das Spiel und die Frauen. Seine Werke
zu veröffentlichen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen." (G. Rah-
stede: Vincent Voiture^ Oppeln 1891 S. 171). Er ist ein wesentlich
stilistisches Talent, das sich zu leicht in die Arabeske verliert,
besonders in seinen Briefen, wo ihn kein einhcitliclier Stoff sich zu
bescheiden zwingt. Scinom Dichten fehlt die eclite Naivität und
die duftige, absichtslose Unmittelbarkeit hat sich durch das
Kokettieren mit schöner SeclenhafLigkeit in ein aufdringliches
Parfüm verwandelt. In dem Bestreben, das Gemeine und Ge-
wöhnliche zu V(M-m(>iden, wird er leicht unnatürlich, in der Ab-
sicht, den feinen Ton zu bewahren, büßt er oft das Gefühl für die
wahre Sehönlieit ein. Seine ganze Dichtkunst jagt nur nach
den Drohnenerfulgeii in den Salons der Zeitgenossen und St. Beuve
sagt von ihm, er habe alles auf eine Leibrente gesetzt, er wollte
gefallen und erreichte sein Ziel, aber er hat sich damit ganz
verzehrt. Zweifellos ist seine ganze literarische Persönlichkeit
tief und fest im Motel de Rambouillet V(>rankert. Ab(>r g(M'ade
über diesen Zusammenhang hat das vorliegende Biicli E. Magnes
4*
52 Referate und Rezensionen. Josef Frank.
m
neues Licht verbreitet und manche herrschende Auffassung
wesentlich berichtigt. Wir werden darauf noch zurückkommen.
Die Art E. Magnes literar- und kulturhistorische Stoffe zu
behandeln haben wir in diesen Blättern bereits bei einer anderen
Gelegenheit charakterisiert und seine Gewandtheit der Form,
seine souveräne Beherrschung des Materials und seine überlegf-ne
Beurteilung des Helden hervorgehoben. Er versteht es vorzüglich,
die Quellen zum Reden zu bringen und selbst aus spärlichen
Berichten eine Zeit und ihre Gestalten zu rekonstruieren. Es
sprüht alles von Leben und Zeitkolorit. Hinter diese sehr schätzens-
werte Gabe tritt die von ihm geübte Quellenkritik beträchtlich
zurück. Seine besondere Vorliebe für die historische Anekdote
erregt oft Bedenken und man erinnert sich an die Worte Voltaires:
Je doute de tout et surtout des anecdotes. Magne standen zahlreiche
bisher unbekannte oder unbenutzte Dokumente zur Benutzung,
denen er eine recht ergiebige Ausbeute an neuen Ergebnissen
verdankt. Es wird wohl nicht unerwünscht sein, wenn wir einige
derselben in aller Kürze an dieser Stelle wiedergeben.
Über die von Magne benutzten neuen Quellen sei hier nur
erwähnt, daß ihm Gh. Samaran verschiedene bisher unedierte,
V. betreffende Akten zur Verfügung stellte, darunter besonders
das Inventar von V.s Hinterlassenschaft. Dagegen hat er, wie
er mit Bedauern konstatiert, ein mit allen Randglossen Tallemants
versehenes Exemplar von V.s Werken sich nicht verschaffen
können. Dieses Buch, dessen Verschwinden schon Ubicini
beklagt, wurde von der Buchhandlung Emile-Paul versteigert
und befindet sich jetzt im Besitz eines Notars von Aix. Die fran-
zösischen Vorarbeiten über V. beurteilt Magne recht abfäUig
und räumt nur der Biographie des Deutschen Georg Rahstede
ein hervorragendes Verdienst ein, wenn dieselbe auch sehr lücken-
haft sei. Er führt auch die syntaktischen Studien über Voiture
von W. List und Max Dembski an. — Die von A. Dubois publi-
zierten Dokumente über die Familienverhältnisse von V.s Vater
haben erst durch die bis jetzt nicht veröffentlichten Akten Samarans
eine Vervollständigung erfahren. Aus diesen geht hervor, daß
V. vier Schwestern hatte (Barbe, Jeanne, Marguerite und Marie)
und einen am 8. Dezember 1591 geborenen und jung verstorbenen
Bruder, Namens Vincent. Über den letztgeborenen, Namens
Fleurant, berichtet Pellisson, daß ihn sein Vater besonders zärthch
liebte, weil er nach ihm geraten war und daß er, nachdem er in
die Dienste des Königs von Schweden getreten war, sich durch
kriegerische Taten auszeichnete. Er dürfte im Jahre 1648 gestorben
sein, da er unter den Erbberechtigten unseres Dichters nicht
erwähnt ist. — Unter den Männern, die die Schwestern V.s ehe-
lichten und deren Namen uns ebenfalls überliefert sind, verdient
besonders der Gemahl Barbes, Raoul Martin, Erwähnung, da
aus dieser Ehe der Dichter Martin de Pinchesne entstammte,
Magne^ Emile. Voiture ei les origines de V Hotel de Rambouillet. 53
der unter dem Beistande von Conrart und Chapelain alle Manu-
skripte seines verstorbenen Onkels sammelte und herausgab,
wobei er aber eine solche Ausmusterung und Kürzung derselben
veranlaßte, daß die Briefe stellenweise ganz unverständlich
geworden sind. — Der Vater V.s, Wirt und Weinhändler,
war, wie man aus einem im Anhang bei Magne abgedruckten
Notariatsakte vom 18. Jan. 1615 ersieht, der Lieferant der Königin-
Mutter Maria v. Medici, der sie mit Wein versorgen sollte en
quelque cironstances et Heu qu'elle se trouvät. — Das Duell V.s
mit Hameaux wegen eines Liebeshandels, bei dem V. einige Finger
einbüßte, soll nach einer Angabe Tallemants während des Auf-
enthaltes V.s im College von Boncourt stattgefunden haben.
Magne hält aber den Bericht des sehr gut informierten Sarasin
für glaubwürdiger, demzufolge dieser Zweikampf erst vor sich
ging, als V. bereits die Universität in Orleans bezogen hatte. —
Hier sei gleich eine bezeichnende Stelle aus Tallemants Historiettes
Bd. II S. 286 eingeschaltet, die M. nicht anführt und die den
Argwohn, er sei feige gewesen, völlig ausschließt: ,,/Z y a tel
brave qui ne s'est pas battu tant de fois que lui, aar il s'est battu
iusqu'ä quatre fois de jour et de nuit, ä la lune et aux flambeaux.''
— V. hat wirklich in Orleans ernstliche, juridische Studien be-
trieben, denn er schreibt nicht nur einmal an die Sainctot: Tout
grand jurisconsulte que je sois (was man als Selbstironie auffassen
könnte), sondern auch Tallemant sagt von ihm: // avoit estudie
pour estre avocat. V. kam übrigens auch später noch nach Orleans
und hat sogar einem dortigen Krämer seine Kundschaft treu
bewahrt. — V. unternahm schon früh eine Reise nach Spanien
vor seinem späteren längeren Aufenthalte in diesem Lande;
Pinchesne, der diese Mitteilung macht, läßt es ganz unklar, wann
diese erste Reise stattgefunden habe ? Magne \\\\\ in einem Briefe
V.s an den Marquis von Rambouillet (Qiluvres, 1650 p. 10) hierüber
eine aufklärende Anspielung gefunden liaben. — Die Erstlings-
dichtung V.s Hymnus Virginis seu Astraeae an den Pariser Par-
lamentspräsidenten Nicolas de Verdun, die 1612 in Paris erschien,
konnte Magno nicht auffinden, Sie ist nicht (wie Ubicini angibt)
in der Ausgabe der Werke Wiitures von 1734, sondern in der von
1729 abgedruckt. Magn(^ meint ferner, daß das nach den An-
gaben eines Herausgebers des 18. Jahrh. angegebene Datum
verfrüht sein dürfte. — Die 1615 erfolgte Ernennung eines sieur
Voiture zum contröleur giniral de la maison de Monsieur, die in
den Memoires du feu M. le duc d'Orleans 16S5 mitgeleilt ist,
wollte Magne zuerst auf den Vater unseres Dichters beziehen.
Er fand aber in der Bibl. nat. ein Beamtenverzeichnis des Monsieur
(ms. n^ 20614 f*^ 95), in dem als contröleur giniral ein Noel
Voicture genannt ist. Es dürfte also ein entfernterer Verwandter
unseres Dichters gemeint sein. Der Großvater V.s hieß allerdings
Noel; da er aber schon 1571 starb, kann sich die Notiz nicht auf
54 Referate und Rezensionen. Josef Frank.
ihn beziehen. Ubicini bezieht die Ernennung ohne Bedenken
auf unseren Dichter, der aber damals erst 18 Jahre alt war. Auch
Rahstede tut dasselbe skrupellos (Vgl. 1. c. S. 307). — Das
berühmte Sonnet V.s. auf Urania stammt, wie man aus einer
Stelle bei Balzac ersieht, aus der Jugendzeit des Dichters. Der
bekannte Streit zwischen den Uranisten und Jobisten begann
Ende 1648, gleich nach dem Tode V.s. Magne sagt in anzuer-
kennender Unbefangenheit, daß man, wenn man sich über diesen
Gegenstand gründlich unterrichten wolle, die deutsche
Gelehrsamkeit in Kontribution setzen müsse und zitiert einen
Aufsatz von Albert Mennung: Der Sonnettenstreit und seine
Quellen in der Zeitschrift f. franz. Spr. u. Lit. 1902 p. 275 ff. Er
bemerkt allerdings, daß Mennung nicht alle Quellenschriften
benutzt habe und vervollständigt das Verzeichnis derselben. Selt-
sam ist, daß Victor Cousin meint, daß V. das Sonnet über ,,Job"
gedichtet habe, wie aus seiner Societe frangaise Bd. II S. 31
hervorgeht. (Wir entnehmen dieses Zitat G. Rahstedes er-
wähntem Werke S. 342.) — Die natürliche Tochter V.s, Madeleine
La Touche, die der Dichter in einem ganz improvisierten Stegreif-
verhältnisse erzeugt hatte, oder wenigstens als sein Kind
anerkennen mußte, trat zunächst in die Dienste der Sable und
der Saint-Loup und wurde dann eine Nonne. Sie hatte in ihrer
Zelle ein Bild ihres als der heilige Ludwig gekleideten Vaters
hängen und dieses Bild soll es gewesen sein, das Pinchesne seiner
Ausgabe der Werke V.s vorandrucken ließ. Magne glaubt dieser
Angabe Tallemants nicht, da das den Werken V.s vorgedruckte
Bild 1649 von Nanteuil graviert wurde, zu einer Zeit, da Madeleine
(wie man aus der schon öfter angeführten Nachlaßabhandlung
ersieht) sich erst anschickte, ins Kloster zu gehen. Wir sehen
aber nicht ein, warum das junge Mädchen nicht schon früher
das Bild ihres Vaters besessen und Pinchesne geliehen haben
könnte ? — Auffallend ist es, daß Magne^) das Gedicht V.s auf das
Hinterteil der Fr. von Sainctot und den gemeinsam erlebten
Wagenunfall, der es hervorgerufen, ganz unerwähnt läßt. Ge-
rade dieses Gedicht zeigt drastisch, was von dem angebhch strengen
Anstand und den feinen Umgangsformen der Frequentanten des
Hotel de Rambouilles zu halten ist. Ubicini meint allerdings, das
Gedicht sei an ein gewisses Frl. von Marolles gerichtet, doch
erweist sich dies als nicht richtig. Wir zitieren aus diesem bei
Ubicini, CEuvres de Voiture Bd. II S. 303—306 abgedruckten
Gedichte nur eine Strophe:
La rose la reine des fleurs,
Perdit ses plus vives couleurs;
^) Wie ich aus dem inzwischen erschienenen zweiten
Teile von E. Magnes „Voiture'' ersehe, befaßt er sich in diesem mit
dem in Rede stehenden Gedichte und ich werde bei der Besprechung
dieses zweiten Teils darauf zu.ückkommen.
Mägne, Emile. Voitiire et les origines de V Hotel de Fianibouület. 55
De crainte Voeillet devint bleme,
Et Narcisse, alors convaincu,
Oiihlia l'amour de soi-mcme
Pour se mirer en volre cu.
Das Gedicht ist übrigens eine matte Nachahmung der Slances
P. Scarrons Pour Mad. de Hautefort (in der Ausgabe A. Seches,
Paris, Seite 58 f.) Diese Verse Vs. kHngen übrigens noch sehr
dezent, wenn man sie mit den folgenden vergleicht, in denen V.
die Sainctot ansingt (Magne I. S. 97) :
Mais laissez-moy vous toiicher seulement
Ou voiis scavez
oder wenn er, nachdem sie sich ihm hingegeben hat, ihre geheimen
Reize schildert (Magne, ibid) :
Parmi tout ce qui plus ni'engage
Est un certain petit passage
Qui vermeil et delicieux. . . .
Mais ce secret est pour les dieux,
Ma plmne, changeons de langage,
Tout heau ! . . .
V. schickt der Sainctot die von Fr. Rosset übersetzte Aus-
gabe von Ariosts Orlando furioso und läßt anstatt Rossets Wid-
mung einen von ihm verfaßten Brief Vordrucken, der einen un-
geheuren Erfolg hatte. Dieser Brief verschafft ihm auch die
Bekanntschaft mit Chaudebonne, der ihm zuredet, sicli in das
nahe dem Louvre in der rue Saint-Tliomas gelegene Hotel de
Rambouillet einführen zu lassen. — Aus dem Ms. No. 662 in der
Bibliothek La Rochelle ersieht man, daß die Rambouillets fort-
während mit Geldnot zu kämpfen hatten und daß der Marquis
sogar von einem Guarini (dem Dichter des Pastor Fido ?) Geld
entlohnt hatte. Der Tradition zufolge soll die Marquise von
Rambouillet, von den Orgien am Hofe Fleinrichs IV. angeekelt,
sich zurückgezogen liaben. Tatsächlich hatte sie zu jener Zeit
schon siebenmal Mutterfreuden erlebt und war sie infolgedessen
recht kränklich und ruhebedürftig. Sie imponierte tatsächlich
durch ilir maß- und würdevolles und doch von Prüderie ent-
ferntes Wesen, das selbst einen Schwerenöter \\\g Malherbe in
angemessener Distanz zu halten verstand, ohne ihn zu be-
leidigen. Hier müssen wir einige allgemeine Bemerkungen
über das Hotel de Rambouillet einflechten. Man sieht in dem-
selben gewöhnlich den Sitz eines subtilen, alle edlen Herzens-
regungen auf die Liebe zurückführenden Idealismus, aber auf
eine entsinnhchte Liebe, auf einen raffinierten Piatonismus.
der nur anspruchslos seufzt und sclimachlol und wenigstens
metaphorisch am gebrochenen Herzen stirbt.
Es ist aber ganz zweifellos, daß das Hotel de Rambouillet
nicht zu allen Zeiten eine Stätte zur ausschließlichen Pflege
literarischer Interessen gewesen ist, oder auch nur jenen Zug
56 Referate und Rezensionen. Josef Frank.
strenger Zucht und frommer Sitte trug, den es später (aber auch
dann nicht in dem Maße, wie man gewöhnlich meint) angenommen
liat. Anfänglich herrschte vielmehr daselbst noch harmlose
Heiterkeit oder gar übermütige Ausgelassenheit. Die zu jener Zeit
noch jungen weiblichen Berühmtheiten desselben spielen mit
Puppen, die ihnen der Kardinal La Valette geschenkt hat und
jagen ihn so herum, daß man ihn oft in seiner roten Sutane
unter den Betten verschwinden sieht. V. der Tonangeber und
Abgott des Hotel de Rambouillet, ist nichts weniger als ein
liimmelnder, ,,wie der Regenpfeifer nur von Glaube und Hoffnung
lebender" Schwärmer, sondern ein gemeiner Schürzenjäger, ein
,,Sponsierer, von Haus aus ein Verführer", der sich rühmt,
fünf oder sechs Liebesverhältnisse gleichzeitig abtun zu können,
der sich an die Frauen heimtückisch heranpürscht, sie durch
Verleumdung und Intriguen in eine schiefe Lage zu bringen und
derart zu kompromittieren sucht, daß sie ihm nicht entrinnen
können und der dann, öfter auch fälschlich, mit der Gunst der
einen renommiert, um dadurch wieder andere zu krebsen. In
diesem Sinne mißbraucht er besonders die Liebe der ihm freilich
willenlos ergebenen Sainctot in schnödester Weise, nachdem er
einmal von ihren Brüdern bei einem nächtlichen Rendezvous
in dem Zimmer der Schwester überrascht und zum Fenster
hinausgeworfen wurde. Die Marquise de Rambouillet will und
kann ihn aber in ihrem Salon nicht entbehren, denn er versieht
daselbst zunächst den Courier- und Neuigkeitsdienst, indem er
nicht nur die Skandalchronik in mundgerecht appretierter Form
sehr wirksam, scheinbar ohne jede häusliche Vorbereitung, auf-
tischt, sondern er ist auch ihr lustiger Rat und der unentbehrliche
Arrangeur allen möglichen Ulks, den sie so wenig wie ihre Gäste
missen kann und will. Darum gewährt sie ihm einen weiten
Spielraum und ist nicht nur sehr duldsam gegen seine Spielwut,
sondern auch gegen seine sehr bedenklichen Liebesverhältnisse.
Sie gewährt nicht nur seinem Vater, sondern auch der Sainctot
Einlaß in das ,, blaue Zimmer". Sie läßt alles passieren, was zum
Lachen Stoff bieten könnte und so begegnet man daselbst oft gar
sonderbaren Schlafgesellen. Schon das Bedientenzimmer ist
{wir müssen hier auf die sehr ergötzlichen Details in dem Buche
Magnes, Seite 100 ff. verweisen) ein wahrer Narrenturm und nicht
minder exzentrisch sind die Sekretäre, unter denen besonders
wieder ,,der Narr des Äußeren", Neufgermain hervorsticht. Wir
begegnen aber unter den Besuchern auch einige italienische,
sexuell sehr anrüchige Gäste, und die in dieser Reunion Vereinigten
sind durchaus keine gesellschaftliche Auslese. Hier fühlt sich
V. heimisch, nach diesen Kreisen sehnt er sich, wenn er fern
von Paris im Dienste Gastons von Orleans so weite Kreuz- und
Querzüge unternimmt, daß sich seine Muse auf diesen diplo-
matischen Reisen so erkältet, daß sie gar nicht mehr singt.
Magne, Emile. Voiture et les origines de l'Hölel de Rambouillet. 57
Nach dieser kleinen Diversion nehmen wir wieder den fort-
laufenden Faden unseres Referats auf: Das blaue Zimmer war
nicht, wie man gewöhnhch annimmt, das Privatzimmer der Mar-
quise, sondern ein Empfangssalon. Ihr Zimmer mündete ebenso
wie der Empfangssalon in das Vorzimmer. — Im Laufe eines
Gesprächs mit Racan gab Malherbe der Marquise von Rambouillet
den Namen Artkenice (bekanntUch das Anagramm aus Catherine).
Als sich aber Racan dieses Anagramms bemächtigt und es auf
seine eigene Mätresse Catherine Chabot, anwendet, verschmäht
CS Malherbe, davon weiteren Gebrauch zu machen und besang
fortan die Marquise unter dem Namen Rodante. Wenn also in
den Werken Racans und Malherbes der Name Arthenice vor-
kommt, so ist damit die Chabot gemeint. Auch Cotin hat eine
Arthenice besungen; aber auch er meinte nicht die Marquise,
sondern Catherine de Champagne. — Im Gegensatz zu der ver-
breiteten Meinung, daß die Marquise den Spottgedichten der
Vaudevillisten entging, berichtet Magne, zwei solche Couplets
in der Bibl. Nat. ms. n® 12491 gefunden zu haben. — Über das
Äußere der Marquise haben wir eigentlich gar keinen anderen
authentischen Bericht als den Tallemants, der mitteilt, daß sie
ihre Anmut und Schönheit bis ins Greisenalter erhalten habe
und daß sie noch im Alter von 70 Jahren nichts Abstoßendes
hatte, als daß sie etwas mit dem Kopfe wackelte und sich die
von einer Krankheit häßhch gewordenen Lippen karminrot
färbte. — V. war von ausnehmend kleinem Wüchse, hielt dies
aber in seiner Selbstgefälligkeit für einen neuen Grund seiner
Unwiderstehlichkeit und vergleicht sich mit den kleinen Gefäßen
die den köstlichsten Inhalt bergen. — Über V.s oft recht läppische
Briefe sagt M., sie seien icrites pour la galerie. Dieser Vor-
wurf aber könnte nicht schwer auf ihm lasten, denn im 17. Jahr-
hundert empfing man die Briefe, wie man heute die Zeitung
entgegennimmt, fast als Gemeingut, sie ersetzten gewissermaßen
die Feuilletons und Plaudereien der modernen Zeiten. — Sehr
scharf zeichnet Magne den Gegensatz zwischen dem Charakter
Julie d'Angennes und ihrer Mutter (S. 106 ff.). Er sagt von der
ersteren, auf Grund eingehender Quellenstudien: Frii>olil^, ciipiiili,
tels sont les deiix pölcs de son caraddre. Sie liefert sogar (und dies
ist wieder ein seltsamer Beweis für die Tugendfestigkeit des
Hotel de Rambouillet!) Ludwig XIV. als gewöhnliche Kupplerin
die Menschenware für seinen Harem, wie dies aus einem (in der
B. N. ras. nO 12816 p. 105; Bibl. de la Rochelle ms. n« 673 f« 153
vorhandenen) Couplet hervorgeht:
La Montausier est, dit on, maqncrcllc
De nostrc Roy Icgrand Louis de Bourbon
Elle voudroit luy fournir des pucelles
Mais en ce siicle oii diable en trouve-t-on ?
68 Referate und Rezensionen. Josef Frank.
Magno widerspricht in dczidiertester Weise der Angabe Talle-
mants, daß V. jemals wegen „unglücklicher Liebe" in seinem Gemüto
verstimmt oder gar verdüstert gewesen sei und meint, sein teils
geckenhaft affektiertes, teils zynisches und perfides Wesen schließe
das völlig aus und alles an ihm sei nur Pose gewesen. Nur Julie
d'Angennes, die ihm in der Taktik des Liebesgeplänkels noch
überlegen war, scheint ihm zuweilen wirklich den Kopf heiß
gemacht zu haben. Er haßte seinen Nebenbuhler Ghavaroche,
den Lehrer von Juliens buckligem Bruder Pisani. Die Vaude-
villisten dichten ihr noch einen dritten Verehrer an, Ghaude-
bonne; doch scheint dies reine Verleumdung. Wie brutal Julie
mit V. umging, ersieht man daraus, daß sie ihm einmal im Winter
das Kaminfeuer zu ,, richten" auftrug. Er hat sich aber doch
zu solcher Domestikenleistung nicht hergegeben. Magne hält
es auch für pure Geckerei, wenn V. in einem seiner Briefe der
Mlle. de Bourbon mit der ihm eigenen, geleckten Grazie erzählt,
wie an ihm auf das Geheiß Juliens und der Paule t die Strafe des
,,Fuchsprellens" vollzogen worden sei und welche Empfindungen
ihn dabei erfüllt haben, denn er sei höchstens in effigie geprellt
worden. — Den Aufenthalt der Rambouillets in ihrem Stamm-
schlosse während des Jahres 1626 scheint Lorin nicht gekannt
zu haben. — Die Anekdote, daß auch der Kardinal Richelieu
im Hotel de Rambouillet empfangen w^orden sei und daselbst
einen Vortrag über die Liebe gehalten habe, bezeichnet Magne
aus guten Gründen (S. 149 A. 1) als ganz unglaubwürdig. — Die
der ungewöhnlichen Trägheit V.s so angepaßte Stelle eines intro-
ducteur des ambassadeurs im Hause Gastons von Orleans erhielt
V. Ende 1627 oder anfangs 1628. Er verdankte dies besonders
dem Einflüsse des Kardinal La Vallette (d'Epernon nennt ihn
wegen seines servilen Wesens gegenüber Richelieu den Cardinal
Valet) ; daß auch Chaudebonne dabei mitgewirkt habe, hält
Magne für unwahrscheinlich, da gerade damals der Einfluß
Ghaudebonnes im Hause Orleans im Sinken war. — Sehr er-
wähnenswert ist das Verhalten V.s, als ihn sein Vater einmal
mit ganz verstörter Miene besucht und ihm mitteilt, seine Tochter
habe einen Liebhaber, der überdies ihn und sein Metier in einem
Spottgedichte arg verhöhnt habe. V. rät ihm, am besten zur
Vermeidung allen Skandals stillschweigend darüber zur Tages-
ordnung überzugehen. — Das Fräulein Paulet, daß trotz ihrer
sehr bemakelten Vergangenheit nach einer kurzen Bußezeit von
der Marquise gnädig in ihren Zirkel aufgenommen wurde, zeigte
sich für V.s Liebesbewerbungen ganz unzugänglich, obzwar die
Vaudevillisten dichteten:
La Polette se revolte,
Elle n'est a present devote,
Car le tavernier Voiture
Luy fait de bonne couverture.
Hartmann, Hermann. Die literarische Satire bei Moliere. 59
Sie verletzte tief seine maßlose Eitelkeit, indem sie einem
Wäschehändler, der ihr eine kostspielige Galanterie erwiesen
hatte, Aufmerksamkeit bezeugte und sogar seiner Einladung
zu einem Gastmahle Folge leistete, nachdem es die Marquise gut-
geheißen hattfj. Magne sagt, in den Werken V.s gebe es fast
keine Seite, auf der die Faulet nicht erwähnt sei. — Wir schließen
diese Notizen mit dem Inhalte einer Stelle aus V.s Briefen, die
schlagend beweist, daß dieser Virtuos der gesuchten und ange-
strichenen Schminke der Worte zuweilen in seinem Verkehr mit
Damen auch recht schmutzig und gemein sein konnte. Er ist
nämlich so liebenswürdig, während seines Aufenthaltes in Spanien
allen näheren Bekannten des Hotel de Rambouillet bei seiner
Rückkehr schöne Geschenke zu versprechen, so der M™® d'Aubry
eine Partie kastilianischer Läuse, die eben so hochmütig seien,
wie die von ihnen besetzten Hidalgos und die sich wieder mit
jenen Läusen gut vertragen werden, die man eines Tages auf ihr,
trotz ihrer Reinlichkeit, gefunden habe. Was will es dagegen
bedeuten, daß V. sich als afrikanischer Löwen jäger proklamierte
und der Faulet verspracli, ihr ein paar junge lebendige Löwen
mitzubringen, w^ährend sie sich schließlich mit solchen aus grünem
Wachs begnügen mußte ?
Wien. Josef Frank.
Hartmann, Hermann. Die literarische Satire bei Moliere.
Tübingen, Dissertation 1910. 73 Seiten. 8^.
WecliNsler, Eduard. Molidre als Philosoph. Marburg,
1910. 86 Seiten. 8».
Toldo, Pietro. U ceuvrede Molidre etsafortnneen Italic. Turin.
Ermanno Loeschcr cditeur, 1910. 578 S. 8'\
Es ist eigentlich zu vorwundern, daß, obgleich in den
letzten Jahren nicht weniger als vier Molierebiographien erschienen
sind (neben der moinigen vom Jaliro 1902, R i g a 1 1908, L a f o -
n e s t r e 1909, Ma x J. W o 1 f f 1910) docii fortwährend Moliere-
monographion crsci)einen, die dem Dichter und seinem \Verke
neue Seiten abzugewinnen vermögen. Die Vielseitigkeit und
Tiefe des französischen Komikers ist eben nicht zu erschöpfen.
Die drei oben angeführten Monographien betrachten unsern
Dichter einerseits als Satiriker der zeitgenössischen Literatur
und Philosophen, anderseits in seinen Beziehungen zu Italien.
Drei recht v(>rschiedene Gesichtspunkte, die gewiß der Beachtung
sehr wohl wert sind.
Auf Molieres Bedeutung als Satiriker überhaupt hatte ich
selbst — wie Hartmann auch hervorliebt — sowohl in meinen
Abhandlungen Groteske Satire bei Moliere? 1899, Moliere als
Satiriker, Beilage zur allgemeinen Zeitung 1899, als in meinem
CO Hejeralc und Rezensionen, tleinricli Schneegans.
Müliere 1902 hingewiesen. Doch war bisher die Rolle, die Moliöre
speziell als Satiriker der Literatur gespielt hat, noch nicht näher
berücksichtigt worden. Diese Lücke hat II artmann in
seiner verdienstvollen Tübinger Dissertation ausgefüllt.
Mit Recht macht er zunächst auf die vielen Stellen auf-
merksam, in denen Moliere selbst von seiner Komödie als von
einer Satire spricht (PrSf. d. pr. rid., Crit. de VScole des jemmes
sc. 5. an 3 Stellen, Impromptu de Versailles sc. 5 an 3 Stellen,
Prif. du Tartuffe) und auf die bekannte Stelle aus dem Vor-
wort zur ersten Moliere Gesamtausgabe von 1682 (von La
Grange und Vinot): „Lorsqu'il (MolUre) a raille les hommes
sur leurs defauts, il leur a appris ä s'en corriger. . . Sa raillerie
etoit delicate, et il la tournoit d'une maniire si fine, que quelque
Satire qu'il fit, les intiressSs, bien loin de s'en of fenser, rioient
eux-memes du ridicule qu'il leur faisoit remarquer en e«a:." Er
zeigt, wie in dem Kreise, in dem Moliere vorkehrte, in Gesellschaft
von Boileau, Racine und Lafontaine ein angriffslustiger Geist
herrschte, der sich gegen die zeitgenössische Literatur richtete;
er hebt schließlich mit Recht hervor, daß die Satire stets natio-
nales Erbgut der Franzosen gewesen ist und infolgedessen ganz
natürlicherweise auch der Dichter, der den französischen Charakter
am besten wäederspiegelt, sich nach der Seite hervorzutun be-
rufen war. In einem ersten Abschnitt untersucht er dann die
Objekte der satirischen Polemik, In erster Linie ist die lite-
rarische Produktion im Allgemeinen insofern oft die Zielscheibe
von Molieres Witz gewesen, als er sich lustig macht über die
Vielschreiberei der Dichter, über ihre Sucht, ihre Werke stets
jedermann vorlesen zu wollen, über ihre Pedanterie und ihr
affektiertes Wesen, sowie ihre eitle EmpfindUchkeit. Dann hat
aber Moliere namentlich das Preziösentum in allen seinen Formen
an den Pranger gestellt, sowohl in literarischer wie auch in sozialer
Hinsicht. Ich teile durchaus die Ansicht des Verfassers, daß
Moliere in den Pricieuses ridicules nicht bloß die extremen Aus-
wüchse des Preziösentums hat treffen wollen. Der Unterschied
zwischen den ,Jausses precieuses" und den „(^iritables prScieuses"
ist nicht ernst zu nehmen. Molieres Satire ging auch höher.
Das Preziösentum als solches war ihm verhaßt; denn allem Un-
natürlichem und Übertriebenem war er abhold. In seinem
literarischen Kampfe wird aber Mohere auch leicht persönlich.
Wenn auch Anspielungen auf den Dichter Benserade in
den Amants magnifiques und im Misanthrope und auf den preziösen
a b b 6 d'A u b i g n a c in der Critique sc. VI und im Malade
imaginaire II 5 nicht erweisbar sind, so sind versteckte Nadel-
stiche auf den großen Corneille und Parodien seiner Verse
im Impromptu 5, im Misanthrope IV 1, im Tartuffe y. 966, in
der Ecole desfemmesU 5, im Medecin volant sc. 4, in den Fächeux I 1,
in der Critique VI unverkennbar. Noch deutlicher ist die Satire
Toldo, Pietro. U mivre de. Moliere. et sa forlune en Italie. 61
auf T h 0 m a s C o r n e i 1 1 e {Ecole des femines 175, Critique sc. 6)
und namentlich auf M m e de S c u d e r y in den bekannten
gegen ihre Romane gerichteten Stellen der Precieuses ridicules.
Am persönhchston ist aber bekanntlich Moliere in den Femmes
savantes geworden, wo er den A b b e C o t i n und den Gelehrten
Menage unter der Gestalt Trissotin's und Vadius' dem Ge-
lächter preisgab, und ein Impromptu, wo er den Dichter B o u r -
s a u 1 1 schonungslos angriff. — So finden wir denn in den
Komödien Molieres die literarische Satire fast immer mit der
persönlichen verquickt. Und zwar gehören die Stücke, in denen
sich seine Angriffslust zeigt, meist seiner Kampfperiode an;
es sind vor allem die Precieuses ridicules, die Ecole des femmes,
die Critique, der Impromptu, der Misanthrope und das Stück,
das man eine Erweiterung und Vertiefung der Precieuses nennen
kann, die Femmes savantes.
In einem zweiten Abschnitt untersucht V. den allgemeinen
Charakter der literarischen Satire MoUeres. Er führt aus, daß
bei Moliöre im allgemeinen die Satire nicht Selbstzweck ist,
sondern zur Verstärkung des Komischen in den meisten Fällen
beiträgt. Ganz besonders ist dies der Fall in den allgemein ge-
haltenen satirischen Bemerkungen über Literatur und das Ver-
halten der Literaten. Manchmal gebraucht aber Moliöre die
Satire aus didaktischen Gründen, um ein nach seiner Ansicht
Nichtseinsollendes — wenn ich mich so allgemein ausdrücken
kann — ad absurdum zu führen. Endlich verwendet er die Satire
als Angriffs- oder Verteidigungswaffe gegen persönliche Feinde.
Die Mittel und Äußerungsformen seiner literarischen Polemik
sind verschieden. Am ausgiebigsten ist die Ironie. Besonders
gelungen sind ja solche Stellen, wo Personen gerade das tun,
was sie eben getadelt haben, so wenn Vadius im Momente, wo
er über die Thorheit mancher Schriftsteller ihre Verse bewundern
lassen zu wollen, herfällt, selbst sein Gedicht Trissotin vorzulesen
sich anschickt. Neben der Selbstironie wirken auch die Stellen
außerordentlich komisch, in denen Moliere Dummköph^ als
Verfechter des von ilim bekämpften Standpunktes auftreten
läßt, so etwa die Lakeien in den Pricieuses ridicules. Häufig
ist auch die Parodie die Trägerin seiner Satire; wir brauchen
nur an das Gedicht Mascarilles in den Precieuses, an das Sonett
Orontes im Misanthrope zu erinnern, und gleich werden sich
eine Menge ähnlicher Stellen unserer Erinnerung aufdrängen.
Weniger häufig ist die persönliche Invektive, am sciiärfsten im
Impromptu in den gegen Boursault gerichteten Stellen und in der
Satire des abbe Cotin in den Femmes savantes. Freilich sollte
man sich hüten in lotzton-m Stücke jedes Wort, das nui Trissotin zielt,
auch als dem Abbe Cotin geltend anzusehen. Der abbe bedeutet
doch nur den Ausgangspunkt der Satire, Trissotin ist aber eine
dichterische Gestalt, die an und für sich ihre Daseinsberechtigung
62 Referate und Rezensionen. Heinrich Schneegans.
liat. Verf., der sonst ein sehr gesundes Urteil hat, ist meines Er-
achtens p. 58/9 auch liier zu weit gegangen. Um nur ein Beispiel
anzufülircn: Wenn Glirysale von Trissotin sagt: ,.,Et je lui crois,
pour moi, le timhre un peu fSle'\ so ist damit doch noch nicht
gesagt, daß Moliere den abbe Gotin als verrückt liat hinstellen
wollen. Diese Meinung bei V. ausgesprochen zu finden, ist um
so erstaunlicher als wir ihn doch p. 62 sagen hören: ,, Darum
dürfen wir doch nicht alle und jode golegentUche satirische Be-
merkung in seinen Stücken als unbedingten, vollbewußten und
immer sorgfältig überlegten Ausdruck der wirklichen Überzeugung
des Dichters ansehen." Auch würde eine solche Auffassung
die im letzten Teile der Abhandlung V's. — die den Motiven der
Satire MoUeres gewidmet ist — ausgesprochene Meinung, Moliere's
Satire des abbe sei nicht so sehr zu verwerfen, wie Abel L e -
franc es in seinem ,,f/n procis liUeraire d reviser. Moliere
et l'abbi Colin" gesagt hat — unterstützt haben. Sonst stimme
ich V. durchaus bei, daß er den Motiven, die Moliere gegenüber
dem Abb(§ Gotin reizen mußten, seinen Äußerungen in der Critique
desinteressee sur les satires du temps" gebührenden Platz ver-
liehen hat. Ich begreife nicht, daß L e f r a n c darauf nicht ein-
ging. Für das Verhalten Molieres ist das doch außerordentlich
wichtig. Die Frage, warum MoUere Trissotin philosophische
und naturwissenschaftliche Anschauungen unterschiebt, die denen
des Abbö Gotin diametral entgegengesetzt sind, wird schwer
zu entscheiden sein. BakanntUch meint L e f r a n c , Moliere
sei schlecht unterrichtet gewesen, vielleicht durch Feinde des
Abb^. V. scheint eher anzunehmen, daß Moliere dadurch seine
Satire habe abschwächen wollen, damit dem Abbe ,,ein wirk-
sames Mittel gegen die Zulässigkeit der durchgängigen Gleich-
setzung Trissotin's mit seiner Person zu remonstrieren" gegeben
sei. Das würde zu dem stimmen, was ich oben ausführte. Moliere
gab keine Photographie Gotin's, sondern zeichnete einen albernen
Dichterhng, dem er diese oder jene Züge beilegte. Mochte man
sie auf Gotin beziehen, weil er sich über ähnliche Dinge — wenn
auch anders — ausgesprochen hatte, nun gut. MoHere hatte
nichts dagegen, wenn auch mala fides bei ihm ausgeschlossen
war. Moliere ließ seine Zuschauer denken, was sie wollten. Trisso-
tin war eben eine dichterische Gestalt, wie Madeion und Gathos
dichterische Gestalten und nicht etwa Personifikationen der
Madeleine de Scudery und Gatherine de Rambouillet. Wenn
gewisse Leute sie darunter vermuteten — Moheres Suche war
es weder sie in dem Glauben zu bestärken noch sie eines Besseren
zu belehren.
Daß die Satire Molieres zu ihrer Zeit nicht so sehr kränkend
wirkte, sehen wir daraus, daß die allermeisten der von ihm ange-
griffenen Dichter ihm die betreffenden Stellen nicht nachtrugen.
V. führt das in seinem 4. Abschnitt aus, der der ,, Wirkung der
Toldo^ Pietro. L'auvre de Moliere et sa fortune en Italic. 63
literarischen Satire Molieres" gewidmet ist. Er zeigt auch,
wie in sachlicher Hinsicht Molieres Satire die weitere Entwicke-
lung der Preziosität gehemmt und der neuen Schule die Wege
geebnet hat. Die Natürlichkeit und der gesunde Menschen-
verstand, die sich in der Blüteperiode der französischen Literatur
im 17. Jahrhundert kundgaben, sind auch die charakteristischen
Merkmale von Moliere's literarischen Ansichten.
Sie bilden ebenso den Grundstock seiner Weltanschauung.
In der an zweiter Stelle angegebenen Abhandlung spricht W e c h s s-
1er die Meinung aus, drei Wertbegriffe konstituierten die Welt-
anschauung Moheres, persönliche Freiheit, Natürlichkeit und
vernünftig sittliches Handeln. Ihnen ständen drei Negative
oder Unwerte gegenüber, Zwang, Unnatur, Unvernunft. Das
erste Paar gegensätzlicher Lebensprinzipien betreffe bei Moliere
vorzugsweise das Erziehungsproblem, das zweite das Kultur-
problem, das dritte das ethische Problem. Aus diesen Aus-
führungen geht schon hervor, was W. unter demTitel ,,M o 1 i e r e
als Philosoph" versteht. Er faßt den Begriff Philosophie
so auf, wie ihn im Wesentlichen die Antike und die Renaissance
auffaßte, ,,als Lebensweisheit, Anleitung zu zweckvoller Lebens-
führung". Natürlich hat Moliere diese seine Anschauungen
nicht im Zusammenhang, als System vorgetragen. Sie finden
sich in den verschiedensten Stücken verstreut und im allgemeinen
mehr negativ wie positi\\ Was Moliere als Unnatur, als Zwang
oder Unvernunft auffaßte, wird einem sofort klar; dagegen
ist es oft sehr schwer, ,,die positiven Wertbegriffe zu erschließen,
an denen er jene falschen Werte gemessen hat." Schon Gerrens
hatte in seinem Buche über die Lihertins p. 352 auf die zwei
Mittel aufmerksam gemacht, deren Moliere sich bediene, um
die Sprache der Vernunft zur Geltung kommen zu lassen. Ent-
weder lasse er seine ,^raisonneurs" auftreten, dann ist seine posi-
tive Meinung klarer, oder ,,il le fait ressortir des exagirations
contradictoires de deux personnages, lä Philinte etAlceste, iciSgana-
relle et Don Juan. La verite apparait alors comme une resultante. . ."
Freilich muß auch hier, wie W. p. 11 richtig bemerkt, stets Vor-
sicht obwalten, denn Moliere spricht nicht ohne weiteres immer
selbst durch den Mund der „raisonneurs" und ob Molieres Meinimg
z. B. im Misanthrope mehr auf Seiten Philinle's oder auf Seiten
Alceste's zu suchen sein wird, hängt immer bis zu einem gewissen
Grade vom subjektiven Ermessen des Lesers ab.
Besondere Beachtung verdient meiner Meinung nach die
Ansicht W.'s, im Mariage forcS, im Misanthrope und im George
Dandin lasse sich eine Änderung der Lebensauffassung des Dich-
ters erkennen. Die Schwenkung besieht darin, daß in diesen
Stücken diejenigen Personen, denen volle Freiheit gelassen
wird, wie Dorimene, Celimene und Angelique diese Freilieit
schlecht gebrauchen. Es sieht demnach so aus, als ob Molieres
64 Hejcrate und Hezendonen. Heinrich Schneegans.
heiterer Optimismus, den er in der Ecole des maris und in der
Ecole des femmes ausgesprochen hatte, hier geschwunden sei.
Die Freiheit kann auch zum Verderben führen, scheint der Dichter
anzunehmen. Und es geschieht das zu einer Zeit, wo er überhaupt
mißgestimmt, durch allerlei Unglück tief betrübt war. Auch das
dürfte für den Subjektivismus Molieres sprechen. Freilich,
den Acare möchte ich nicht, wie W. p. 38 ff., mit hineinziehen.
Denn hier zeigt es sich ja gerade wieder, daß unter dem Drucke
des Zwanges die Kinder Harpagon's schlecht w^erden. Es ist
also im Grunde wieder dieselbe Ansicht wie in den beiden ,, Schulen.'^
Woher stammen aber Molieres Ansichten über die Auffassung
des Lebens ? Ist er ganz originell oder von wem ist er beeinflußt ?
Diese Frage hat W. sehr eingehend untersucht. Er zeigt, wie
unser Dichter in eine Zeit hineingeboren wurde, in welcher man
besonders den Menschen als solchen studierte. Seit dem 16. Jhdt.
war die Literatur über den menschlichen Charakter, die Leiden-
schaften und die Temperamente eine außerordentlich rege. Be-
kanntUch war Pierre Gassendi sein Lehrer. Doch ist
W. der Ansicht, er habe ihn mehr durch seine Persönlichkeit
wie durch seine Werke beeinflußt. Seine Schriften hätte Moliere
wohl schwerlich gelesen; durch ihre seltsam schwülstige Rheto-
rik hätten sie wohl eher abschreckend auf ihn gewirkt. Nichts-
destoweniger führt W. einige sehr interessante Berührungs-
punkte zwischen Dichter und Philosoph an (p. 20, 21). Nament-
lich ist seine Ansicht über das Wesen der Sünde, die vor allem
in der Unvernunft bestehe, und über den Wert der Erfahrung,
die man stets befragen müsse, von Wichtigkeit. Gassendi selbst
stand nun unter dem Einfluß G h a r r o n's , des Verfassers
des Buches ,,c?e la Sagesse'\ welches das eigentliche Lehr- und
Erbauungsbuch der französischen Freidenker in den Jahren
1615 — 1635 w^ar. Und Charron seinerseits war von Montaigne
stark beeinflußt, mit dem Moliere eine unleugbare Geistesver-
wandtschaft besitzt. ,,Bei Montaigne" sagt W. p. 24, ,, konnte
der Komiker dieselbe Begeisterung für die Natur finden, für den
stoischen ebensowohl wie für den epikuräischen Naturbegriff,
bei ihm denselben ernst gemeinten Spott über ,,Ze sidcle corrompii
ei ignorant" und über das Schauspielertum der meisten Menschen'"'.
Auch zu La Mothe le Vayer, mit dessen Sohn er sehr
befreundet war, und zu Frangois Bernier, mit dem
er zusammen bei Gassendi philosophischen Unterricht
erhielt, hatte Moliere Beziehungen, die von Einfluß für seine
philosophischen Anschauungen gewesen sein mögen. Im Laufe
seiner Untersuchung vermag aber W. vor allen Dingen den Nach-
weis zu führen, daß zwischen Charron's und Moheres Ansichten
ein enger Zusammenhang besteht. Wie bei Charron ,Jaute et
folie^ vice et folie" Synonyme sind, so stehen bei Mohere einander
gegenüber als Gegensätze sagesse — /o/i'e, lumiire — aveuglemenl,
Toldo, Pietro. L'ceucre de Moliere et sa fortune en Italie. 65
raison — opinion. Wie bei ihm — und nicht minder bei Gassendi
und Bernier das höchste Ziel des menschlichen Lebens die Seelen-
ruhe ist, so auch bei Moliere. Die Lehre Epicurs hatte Gassendi
durch die aristotelische Lehre des (xeaov ergänzt, und auch
La Mothe le Vayer hatte auf dieses Maßhalten großes Gewicht
gelegt. Nicht minder Moliere, der stets seine Weisen die gol-
dene Mitte empfehlen läßt und vor der Maßlosigkeit in jeder
Hinsicht warnt. Und wer maßvoll lebt, der lebt nach den Ge-
boten der Natur. Die Berührungspunkte, die W. hier aufdeckte,
sind alle außerordentlich interessant. Wenn man das Meiste
auch schon längst ahnte, so wird es hier doch zur Gewißheit.
Schließlich kommt W. zu folgendem Resultat. Die drei Lebens-
werte Molieres vereinigen sich im Begriff der Persönlichkeit.
Die Freiheit bedeutet ihm, daß jeder sich selbst sein will, unbe-
hindert von äußerem Zwang, den man sich mit oder wider Willen
selber auferlegt, und das vernünftig sittliche Denken und Handeln
läuft auf die Forderung hinaus sich selber nachzuleben. Molieres
Weltanschauung ist nicht die des Christentums; sein zentrales
Lebensprinzip, die Natur bedeutet ihm eine Metaphysik, Ethik
und Religion, die in ihrer Verbindung den christlichen Glauben
entbehrlich, ja unannehmbar machen. Die Philosophen, auf die
er zurückgeht, Charron und Gassendi, hatten das Christentum
damit verbinden wollen. Sie waren ja beide Priester. Moliere
war ein zu scharfer Denker oder auch ein zu ehrlicher Charakter,
um diese unmögliche Verbindung gewaltsam herstellen zu wollen.
Er ist und bleibt ein Philosoph. Daher wohl auch im letzten
Grunde die Abneigung, die die positive Religion stets gegen ihn
empfunden hat.
Wenn in den beiden vorhergehenden Abhandlungen Moliere
nur nach der einen oder andern Seite — als Satiriker oder Philo-
soph — Gegenstand der Behandlung gewesen ist, wird dagegen
in dem Buche Toldo's das ganze Werk Molieres einer neuen
Untersuchung unterzogen. Und zwar trennt sich das Buch in
zwei ganz voneinander verschiedene Teile. Verschieden sowohl
dem Inhalte als auch dem Werte nach. Der erste Teil „L'oeiwre
p. 3 — 159" bietet eigentlich kaum etwas neues. Der Stoff ist
auch merkwürdig ungleich disponiert. Im ersten Kapitel s. t.
,,Le5 debüts de Moliere et le d^veloppement progressif de son esprit
comique" wird von den ersten Versuclicn des Dichters gesprochen,
die z. T. zu andern Komödien umgestaltet worden sind, wie
z. B. die Jalousie da Barboiiille zu George Dandin. Diese ersten
Stegreifkomödien stehen gewiß unter dem Einfluß der Commedia
dell'arte. Dann hat aber der Titel des folgenden Kapitels ,Jmi-
tations de la ComHie italienne' in dem vom Etonrdi und D&pit
amoureiix die Rede ist, nur einen unvollständigen Sinn. Ebenso
wundert man sicli, daß in dem Kapitel ,,Snr la honne voie" von den
Preziösen und den „Gelehrten Frauen" die Rede ist, dagegen
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/*. 5
66 Referate und Rezensionen. Heinrich Schneegans.
in dem folgenden ,,Le genie dans son epanouissement" von der
Ecole des femmes. Unwillkürlich fragt man sich, ob einerseits
nicht die Femmes savantes zum epanouissement gehören und
anderseits, ob der Weg von den Precieuses zu den Femmes savantes
nicht über die Ecole des femmes führt. Unter dem Kapitel ,,Le
rire" wird von Monsieur de Pourceaugnac, Mariage force^ Medecin
malgre lui, Bourgeois gentilhomme, Fourberies de Scapin, Malade
imaginaire gesprochen. Also handelt es sich eher um die Possen
Moliere's, der Titel ,,/e rire" ist viel zu weit gefaßt, denn auch
die vorhergehenden Stücke rufen Lachen hervor. Der Etourdi
z. B. ein ganz ähnliches Lachen wie die Fourberies. Das nächste
Kapitel trägt den Titel ,,Emprunts ä la comedie classique". Hier
ist also die Herkunft plötzlich Einteilungsprinzip, während
vorher ein ästhetisches Moment maßgebend war. Die Fourberies
gehören aber dann ebensogut zu diesem Kapitel, da sie Terenz
nachgeahmt sind. Im letzten Kapitel ,,Levia et minima" würd
der Impromptu neben der Princesse d'Elide behandelt, ein Kampf-
stück, das in die Zeit des Streites um die Frauenschule hinein
paßt, also auf dem Wege ,,des precieuses aux fenimes savantes"
zu suchen wäre, neben einem zur Unterhaltung des Hofes ge-
schaffenen Stück. So hinterläßt denn dieser Teil von Toldos
Buch einen ganz schillernden unsicheren Eindruck. In seinen
Ansichten wechselt V. auch sehr häufig. So sagt er einerseits:
,,0w a tort de supposer un Moliere ä l'humeur morose" p. 118 und
p. 119 „Moliere rit parfois d'un rire amer .... Le poete retombe
alors dans cet etat de tristesse qui augmente ä mesure que la con-
naissance des hommes s'approfondit en lui".^) Ist da ein Unter-
schied ? Ebenso sagt er p. 104: ,,/e vois Moliere^ dans le Misan-
thrope., bien audessus de ses personnages, regardant d'un air de
compassion cet Alceste qui pretend vivre parmi les hommes sans
mentir" . . . usw. und p. 109: „C'est qu' Alceste, dans ce cas, devient
Vinterprete de Moliere et c'est avec ses sentiments qu'il bläme les
gens de bien''. Einerseits w-endet sich V. gegen die in der Ecole
des femmes gesuchten Anspielungen auf Molieres und Armandes
Verhältnis p. 56, 57, anderseits nimmt er p. 60 an ,,dans la Jalousie
et le caractere melancolique du seigneur de la Souche, nous pouvons
etudier jusqu'ä un certain point la psycologie de l'artiste."
Hinsichtlich des Tartuffe polemisiert V. gegen V o 1 1 h a r d t,
der die Fabel des Stückes bekanntlich auf ein scenario der Com-
media delV arte zurückführte und sucht eher ein Vorbild in Ser
Ciappelletto, aber die Beschreibung, die er p. 80 selbst von ihm
1) V. schiebt mir an dieser Stelle unter, ich hätte in meiner Ab-
handlung ,, Groteske Satire bei Moliere? Ein Beitrag zur Komik
Molieres. Halle, Niemeyer, 1899," Mol. ,,d Vhumeur morose" geschildert.
In der ganzen Abhandlung ist aber davon nicht die Rede, wie der
Titel übrigens schon andeutet. Es handelt sich im Gegenteil vor
allem um die tollen Possen Molieres.
Tokio, Pietro. L'oeuvre de Molicre et sa fortiine en Italic. 67
gibt, zeigt deutlich, wie sehr dieser Heuchler von Molieres Tartuffe
entfernt ist. Merkwürdig schillernd ist auch die Ansicht V.s
über Henriette in den Femmes savantes. Einerseits kritisiert
er Faguet (p. 48), der sie als ,,un peu hardie de langage et d' allures'''
bezeichnet, anderseits sagt er p. 51 selbst von Henriette: ,,eZ/e
lui (Trissotin) fait voir les conseqiiences possibles de la violence
usee ä une femme; ce sont des conseqiiences qu'une demoiselle qui
sortirait d'un pensionnat ne devrait pas connaitre, mais. ..." Also ?
Spuren eiHger Arbeit weist, wie wir sehen werden, auch
der zweite Teil von Toldo's Buch auf. Aber daneben bietet er
doch viel Neues und Schätzenswertes. Bis jetzt wußte man
nur wenig vom Einfluß Molieres auf Italien. Toldo's Verdienst
ist es mit großem Fleiß und anerkennenswertem Spürsinn unsere
Kenntnisse darüber außerordentUch erweitert zu haben. Der bei
weitem größte Teil seines Werkes (p. 169 — 563) ist der Erforschung
der Rolle gewidmet, die Moliere auf der apenninischen Halbinsel
vom 17. Jahrhundort bis heutzutage gespielt hat. Zuerst weist
er auf Grund der städtischen Archive und zeitgenössischer Kor-
respondenzen nach, daß Molieres Stücke seit dem Ende des
17. Jahrhunderts in Turin, in Genua, in mehreren Städten der
Toscana, in Bologna, Modena und Neapel sehr oft aufgeführt
wurden. Während der Revolution und der ersten Jahre des
19. Jahrhunderts wuchs sogar noch die Beliebtheit unseres
Schriftstellers. Ja, selbst w^ährend der Reaktionsjahre wurde
Tartuffe aufgeführt. Interessant ist es zu sehen, wie sich die
italienischen Literarhistoriker von Anfang an Moliere gegenüber
verhalten. Zuerst ist die Stimmung ihm gegenüber nicht günstig.
Crescimbeni, Muratori, Scipione Maffei,
Becelli, Quadrio, der abbeChiari, Carlo Gozzi
beurteilen ihn sehr scharf. Entweder wird ihm vorgeworfen,
er habe die Italicner plagiirt oder es wird über seine Unmoral
geklagt. So findet Muratori z. B. in ihm dieselbe ,,Pcst"
wie im Dccameron. Die ersten, welche ihm gegenüber einen
andern Ton einschlagen, sind Francesco Algarotti
1750 in seinem Saggio sopra la lingiia francese und Giuseppe
B a r e 1 1 i in der F r u sta. Letzterer spricht seinen Unmut
darüber aus, daß seinem Vaterland ,,M/m testa simile a qiiella
di Moliere" felile; mehr als irgend ein anderer Schriftsteller
hätte Moliere der Kultur seines Landes genützt. Ebenso lobt
ihn N a p o 1 i - S i g n o r e 1 1 i in seiner Storia critica de' teatri
anticki e moderni, Neapel 1774 p. 306 ff., Niemand hätte bisher
die komische Poesie auf eine solche Höhe gebracht wie er im
Misanthrope, in den Femmes savantes, im Tartuffe. Und der
Jesuit Abbate Andres nimmt sogar Molieres Moral in
Schutz gegen die Angriffe Fenelons und Rousseaus [Dell' origine,
progressi e stato atluale d'ogni letteratura, Parma 1795, II vol.
p. 317 ff.). Auch Stefano Arteaga aus Madrid {Le rivo-
5*
fiH Referate und Rezensionen. Heinrich Schnee^ans.
luzioni del iealro musicale italiano dalle sue origini jino al preseiite,
Bologna, Trenti 1783), zieht Molierc allen Komikern jeder Zeit
und jedes Volkes vt»r. Dagegen ist T i r a b o s c h i in seiner
Storia della letleralura italiana, Modena 1780 VIII 1. 3 p 329,
Moliere eher wieder ungünstig, während Francesco Maria
Z a n o 1 1 i {Dell'arte poetica, ragionamenli cinqiie, Bologna 1768)
sich ziemlicher Objektivität boileiBigt, Molieres Vorzüge an-
erkennt, aber seine Fehler auch nicht übergeht.
Sehr wertvoll ist die Liste und Besprechung der Übersetzungen
Molieres ins Italienische, die V, p. 200 — 230 folgen läßt. Manche
dieser Übersetzungen sind nur handschiiftlich vorhanden, die
meisten betreffen nur das eine oder andere Stück, einige sind im
Dialekt. Leider drückt sich V. nicht immer klar aus, so daß
man über das, was er sagt, im Zweifel sein kann. Wie verhält
es sich z. B. um den Truffaldino medico volante, den L a c r o i x
in das Jahr 1669 versetzt, V. in das Jahr 1673 (p. 200 p. 259) ?
Unverständlich ist mir namentlich, was V. p. 215 von einem
dem Ai'are nachgebildeten Stück sagt. Nachdem er ausgeführt
hat, daß in diesem A<^aro Ms. n. 3783 der Bologneser Bibliothek
nur eine Änderung vorkommt ,^celui du menu du diner du grip-
pesou, consistant en une soupe ä la lombarde, de la laitue, du par-
mesan etc.", fährt er unmittelbar fort: ,,Au deuxieme acte., Giordano
prend une legon du maitre de philosophie et la scene est tiree tout
entidre du texte franQais: mais notre anonyme a apporte quelques
modifications dans les rapports entre le Bourgeois gentilhomme
et sa femme, devenus si mauvais que le muri veut s'en delii>rer coüte
que coüte. La scene finale oü Mme Giordano fait un tapage endiable
pour chasser Mme Dorimdne aboutit ä un chceur se plaignant
de tant de desordre .. La turquerie ...usw." Es handelt sich
im weitern also nur um den Bourgeois gentilhomme ! Sollte Toldo
hier seine Zettel durcheinander geworfen haben oder wie reimt
sich das zusammen ?^)
Es folgt dann ein neues Kapitel über ,,Premieres imitations
italiennes" p. 240 — 285. V. geht von der italienischen Komödie
in Frankreich aus, macht aber mit Recht darauf aufmerksam,
daß es bei dieser älteren Komödie schwer ist zu entscheiden,
was sie Moliere verdanke, da Moliere selbst seinerseits viel den
Italienern entnommen hat. Dann geht er auf die ersten Nach-
ahmungen Molieres in Italien über. Während dieses Kapitel
auf solider bibliographischer Basis beruht und viel Interessantes
bietet, ist dagegen das folgende Kapitel: Les Toscans p. 285 — 346
feuilletonartig gehalten. So gibt er z. B. nicht einmal an, welche
Ausgabe F a g i u o 1 i s er benutzt, sondern setzt sich nur mit
B e n c i n i : // vero Giovan Battista Fagiuoli e il Teatro in Toscana
2) Eine ähnliche Verwechslung kommt p. 268 vor. Da spricht
V. vom monologue Cleantes im Malade imaginaire ,,Trois et deux fönt
cinq . . . ." Und doch heißt bekanntlich der Malade imaginaire Argan^
Toldo, Pietro. L' oeiivre de Moliere et sa fortiine en Italie. 69
a' suoi Tempi, Turin, Bocca 1884 hinsichtlich der ästhetischen
Vorzüge und Nachteile des Dichters im Vergleich zu Moliere
auseinander. Wie ungleich V. in dieser Hinsicht arbeitet, sehen
wir daraus, daß er z. B. im folgenden Kapitel ,,Aiitres pHcurseurs
de Goldoni\ p. 346 — 371 die Ausgabe von Carlo Maria
M a g g i s Werken sehr genau anführt, obgleich von ihm
sonst fast gar nicht die Rede ist. F a g i u o 1 i war dagegen
fast ein ganzer Abschnitt (p. 280 — 297) ge\\-idmet.
In seinen Ausführungen über G o 1 d o n i (p. 372 — 400)
befleißigt sich im allgemeinen V. lobenswerter Zurückhaltung.
Er sucht nicht um jeden Preis Übereinstimmungen mit Moliere,
sondern kommt zu folgendem Resultat, das wir ganz billigen
werden: ,,Le Goldoni, qiii est passe d la posterite, n'est redevahle
ä Moliere que d'iine vision plus large de l'art comique, de la verve
du dialogue, de V engouement des scenes et sourtout de cette grande
l egon de verite humaine qui ressort des pages du grand maitre."
Ein weiteres Kapitel handelt vom Abbe Ghiari (p. 400 — 416),
der eingestandenermaßen Moliere als Muster benutzt. Wie
sehr der ästhetische Standpunkt beim V. maßgebend ist, sehen
wir aus den Eingangsworten des Kapitels, in denen er sagt:
„Ce n'est pas sans regret que je dedie quelques pages au theätre de
Chiari] ses martelliani sont fatigants et ennuyeux, et ce n'est pas
une grande consolation pour nous d'en lire plusieurs milliers".
Darum handelt es sich doch nicht in der Literaturgeschichte.
Es ist gleichgültig, ob er Herrn Toldo sympathisch ist oder nicht.
Er gehört eben hierher, weil er Moliere ,,a iniite, copie et pilU".
Übrigens vermissen wir auch hier bibliographische Angaben.
In welcher Ausgabe sind z. B. die Fanatici erschienen?
Nach einem kurzen Kapitel über die beiden G o z z i (p. 416
bis 418) geht V. zum Melodrame über, das er sehr ausführlich
(p. 419 — 493) behandelt. Hier finden wir wieder reiclies biblio-
graphisches Material, das um so willkommener ist, als die Ge-
schichte des Einflusses Molieres auf die Oper sonst wenig be-
kannt ist. Aus der historischen Darlegung sehen wir, daß die
Entlehnungien aus Moliere gegen Ende des 18. Jahrhunderts
noch zunehmen. Eigentümlich ist es übrigens, daß V. hier seine
Darstellung bis auf unsere Tage weiter führt, während er bei
der Geschichte der Komödie schon frülier abgebrochen hat und
erst im letzten Kapitel darauf zurückkommt. Hier dagegen
hören wir am Schluß, wie „/i borghese gentiluomo in 3 atti di
Eugenio Esposito,''' das im Febr. 1905 in Moskau mit großem
Erfolg aufgeführt wurde, in Turin dagegen später durchfiel.
In neuester Zeit steht die Komödie, wie Toldo in seinen
letzten Kapiteln ,,Derniers 6chos p. 494 — 526" und ,,Les contem-
porains p. 526 — 545 " ausführt, weniger unter dem Einfluß Molieres
als unter demjenigen A u g i e r's, D u m a s', S c r i b c's, S a r -
d o u's, freilich finden sich hier und da doch einige Reminiszenzen
70 /{eferale und Rezensionen, /s. Stemplinger.
an den großen Komiker. Viel lebenskräftiger erwies sich Moliero
am Anfang des 19. Jahrhunderts, wo Alberto Nota vor
allem seine Reform der italienischen Komödie im Hinblick auf
Moliere durchzuführen suchte, was ilim freilich nicht gelang.
Toldo vergleicht ihn treffend mit dem „dindon de la fable, ad-
mirant le vol de l'aigle, et agiiant piteusement ses pauvres alles
poiir V atteindre" . Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind die
Übersetzungen und Bearbeitungen Molieres häufiger als die
Nachahmungen. Ein letztes Kapitel wirft einen Blick auf „Le
Personnage de Moliere siir la scene italienne" und bespricht alle
Komödien, welche den Dichter selbst auf die Bühne gebracht
haben. Zum letztenmal ist es 1909 in dem Stücke R o v e 1 1 a's
über Moliere und seine Frau der Fall gewesen.
Aus unserer Darlegung dürfte wohl hervorgehen, daß Toldo's
Buch sehr viel Material vorbringt. Zum Teil ist es auch gut
bearbeitet. Aber leider ungleich. Wenn Toldo größere Strenge
sich selbst gegenüber hätte obwalten lassen, hätte er uns Besseres
geboten. Er hätte Boileau's Wort beachten sollen:
,, Vingt fois sur le tnetier remettez votre ouvrage,
Polissez-le sans cesse et le repolissez,
Ajoiitez quelquefois, et soiwent efjacez''.
Bonn. Heinrich Schnee gans.
Dnbaiii, Creorges. Jacques de Tourreil, traducteur de
Demostkene (1656—1714). These Lvon, Paris, 1910.
H. Champion. 1—274 S. 8*>.
Eine inhaltsreiche Einleitung ist vorausgeschickt, aus der
wir den elegischen Satz herausheben wollen: ,,Lrt modernisation
de V enseignement qui repond assurement a des besoins urgents,
detröne irremediablement ces vieilles etudes grecques et latines qui
ont fait pendant trois siecles la base solide et brillante de notre edu-
cation nationale' (p. 7). Da die Abnahme der griechischen und
lateinischen Studien unbedingt ein Sinken der Übersetzertätig-
keit nach sich zieht (p. 9), will der Vf. das Ideal eines Übersetzers
in J. de Tourreil zeigen.
Weit ausgreifend werden das Leben, die Schicksale, die
literarische Tätigkeit und der Charakter des J. de T. erörtert
(1 — 59). Der 2. (spezielle) Teil behandelt die Demosthenes-
Übersetzung. Auch hier werden zunächst die franz. Versionen
des 16. und 17. Jahrhunderts durchbesprochen, dann die Vor-
lagen des Übersetzers behandelt und schUeßlich die 3 Über-
setzungen miteinander und die letzte mit der Philippikaversion
des Fr. de Maucroix (1685) verglichen. Das 5. Kapitel bespricht
die französischen Demosthenesübersetzer des 18. und 19. Jahr-
hunderts im Vergleich mit Tourreil. Schließhch finden der
Kommentar und die historische Einleitung von Tourreil noch
Röchelte, Auguste. L' Alexandrin chez Victor Hugo. 71
eingehende Würdigung. Eine reichhaltige Bibliographie schließt
die Arbeit ab.
Mit großem Fleiße hat sich der Verf. seiner Aufgabe unter-
zogen und es ist ihm gelungen die Tätigkeit seines Helden nach
allen Seiten hin erschöpfend zu beleuchten und ihm den ge-
bührenden Platz in der Literatur zuzuweisen. Manches hätte
ja knapper gefaßt werden können; indes ist das Geschmackssache.
M ü n c h e n. E. Stemplinger.
Kochette, Auguste. L' Alexandrin chez Victor Hugo. Paris,
Hachette et Cie., 1911. 8^. 605 SS.
Rochette hat schon vor Jahren (1899) eine kleine Studie
über Hugos Alexandriner veröffentUcht. Nun gibt er dieses
umfangs- und inhaltsreiche Buch, das in 6 Abschnitten — die
Strophenbildung ausgenommen — wohl alle Fragen anschneidet,
die in Betracht kommen. Ja, das Buch bringt sogar mehr als
der Titel verheißt. Denn es mußte natürhch auch Prinzipielles
erörtert werden. Und was z. B. über die Klangwirkungen gesagt
wird, gilt ebenso wie z. T. das über den Reim ausgeführte für
Hugos Verskunst überhaupt. Man müßte diese Doktordisser-
tation also um so freudiger begrüßen, als seltsamerweise die Unter-
suchungen über Hugos Vers noch so überaus dünn gesät sind.
Leider kann man sie aber nicht ohne Vorbehalt begrüßen. Denn
manches darin gibt zu schweren Bedenken Anlaß.
Im L Abschnitt (Le rythme dans V alexandrin de V. H.)
bewundere ich vor allem die Kühnheit, mit der Roch, uns mit
Dogmen über den Rythmus beglückt, die er willkürlich aufstellt
oder höchstens im Vorübergehen durch vage ästhetische Wert-
urteile zu begründen versuclit. Die Zeiten für solche rein speku-
lative Metrik sind docii wahrlich vorüber, man darf doch heute
nicht mehr aus der Tiefe des Gemüts heraus lustig ins Blaue
hinein fabulieren, während andere Leute (und gerade in Frank-
reich) sich im Scliweiß ihres Angesichts mit mühsamer, positiver,
exakter Arbeit über denselben Gegenstand abplagen. .\n einigem
wird, fürchte ich, S a r a n seine helle Freude haben. Denn
wenn Roch. Lafontaines uLa cigale aijant chanti . . .>> ein «theore-
tisches>> Schema tamta-tdmta unterlegt, mit dem sich die\'erteilnng
der Akzente teils deckt, teils nicht deckt und den Alexandriner
definiert als «une periode de deux memhres egaux [G + 6] — dans
chaque memhrc six temps de mesure binaire [Ol Ol Ol = XX
XX XX] avec trois temps forts dont l'un, tombant rigoureusement
en finale, peut servir de point de repero, so bedeutet das doch
nichts anderes als eine verkappte und mit Abschwächungen
versehene Neuauflage der Alternations-Theorie, die man (wenig-
stens für Frankreich) glücklich auf ewig in der Versenkung ver-
72 Referate und Rezensionen. H. Heiss.
schwundcn glauben durfte. Man könnte ja dies ganze einleitende
Kapitel überschlagen, da es überhaupt nicht notwendig war.
Aber natürlich zieht die schiefe Grundlage, auf der Roch, seine
Arbeit aufgebaut hat, noch weitere Irrtümer und willkürliche
Umdeutungen nach sich. —
Sehr viel Interessantes bringen dagegen der II. und III. Teil:
Rapports de la syntaxe et du rythme. Les scMmas. — Rapp. de
la syntaxe et du rythme consideres comme moyens d'expression.
Es war ein glücklicher Gedanke, daß Roch, in den Mittelpunkt
seiner Untersuchungen die Frage nach dem stabilen oder labilen
Verhältnis zwischen rythmischer und syntaktischer Gliederung
gestellt und ihr den größton Platz eingeräumt hat. Das ist in
der Tat ein außerordentlich wichtiger, fruchtbarer, aber gewöhn-
lich viel zu wenig beachteter Gesichtspunkt. Er gibt das erste
und entscheidende Merkmal, das die verschiedenen Stadien der
französischen Verstechnik und (m. A. sogar schärfer als die
Frage nach dem silbenmessenden oder silbenzählenden Prinzip)
die Verstechnik verschiedener Völker gegeneinander abhebt. So
zeichnen sich in Frankreich deutlich 3 große Epochen ab: 1. Die
altfranzösische, die noch bis ins XVII. Jahrh. reicht. Das Gleich-
gewicht zwischen rythmischer und syntaktischer Gliederung wird
noch nicht gefordert, aber nicht aus Abneigung gegen solche
Symmetrie, sondern aus dem Mangel an einer autoritativ-nor-
mativen Metrik. Denn die Tendenz zur StabiHsierung ist seit
den frühesten Texten unverkennbar und höchstens in der chaoti-
schen Unordnung des XVI. Jahrh. etwas verschleiert. (Ich
spreche natürhch nur vom Zehn- und Zw^ölfsilbner. In kurz-
atmigen Metren, die keine Entfaltung von Sätzen und selb-
ständigen Satzteilen gestatten, liegen die Verhältnisse ja bekannt-
lich anders.) — 2. Die klassische Zeit, in der absolutes Gleich-
gewicht gefordert wird — und 3. die moderne seit der Romantik,
die das Gleichgewicht nicht mehr fordert und die im Gegensatz
zur altfranzösischen zweifellos mehr Vorliebe für Asymmetrie als
für Symmetrie der beiden Gliederungen offenbart.
Wenn ein festes Schema gegeben ist, z. B. das binäre Alexan-
driner-Schema 6 -|- 6, so muß jede Störung des Gleichgewichts
zwischen Syntax und Rythmus ihren besonderen Grund haben,
der sie erklärt und rechtfertigt. Oder wie es Roch. (p. 219)
treffend ausdrückt: «Dans la superposition asymetrique de la
syntaxe sur le rythme, ü se produit comme une sorte de conflit
entre deux dynamismes: le rnouvement de l'idee et celui de la
mesure. C'est une dissonnance pour Voreille qui, exigeant im-
p^rieusement un paralUlisme entre les deux cadences, n'est satis-
faite que si V Intervention d'un troisieme element ramine la dis-
cordance ä l'accord parfait. Cet element nouveau est Vintention
artistique du poHe.^y Es ist klar, daß die Bedeutung dieser Frage
weit über den Rahmen der Verstechnik hinausgreift, daß sich
Röchelte, Aiigiiste. L' Alexandrin chez Victor Hugo. 73
in der Symmetrie bezw. Asymmetrie der Gliederungen zwei
anders geartete ästhetische Ideale spiegeln und daß ihre Spiege-
lung hier im Versbau nicht weniger vielsagend und charakteristisch
ist als etwa der Unterschied zwischen dem dramatischen Stil der
Andromaque und dem von Herfiani, zwischen den Gedanken
der Art Poetique und denen der Prejace de Cromwell. Dem ganzen
Problem nachzuspüren, wird gerade bei V. Hugo reizvoll und
ergiebig sein. Denn durch ihn ist die Umwälzung ermöglicht
worden und sein jedem Klassiker ebenbürtiges Werk kann am
besten und erschöpfendsten zeigen, welche ästhetischen Wir-
kungen, die der klassischen Dichtung unbekannt bUeben, sich
mit der neuen Technik der Gleichge\\iclitsstörungen erzielen
lassen und welchem neuen Ideal diese Wirkungen entsprechen.
Im II. Teil beschränkt sich Roch, in der Hauptsache darauf,
sein überaus reiches, mit größtem Fleiß gesammeltes Material
vorzulegen und zu sichten, in langen Listen Beispiele für die
\'erwertung der Symmetrie und natürlich besonders für die
einzelnen Arten von Asymmetrie (par cmticipation, par retard,
par anticipation et retard) zu geben. Vielleicht hätte seine Dar-
stellung gewonnen, wenn er dabei weniger geordnet, w^eniger Ver-
gnügen am Einteilen und Rubrizieren empfunden hätte. War
es z. B. wirklich notwendig, die Prolepsis-Fälle so subtil nach
den Wortarten auseinander zu halten und nicht bloß zwischen
Präposition und attributivem Adjektiv, sondern auch zwischen
attributivem Adjektiv und Partizip, also zwischen ganz wesens-
gleichen Erscheinungen im Contre-Rej'et einen Unterschied zu
machen ? War es nicht überflüssig, so viel Beispiele für Fälle ganz
leichter Asymmetrie anzuführen, wie sie auch in klassischer Zeit
erlaubt und gang und gäbe waren ? Es wird dadurch der Ein-
druck einer verwirrenden Vielfältigkeit erweckt, der über der
Fülle der Details die Zusammenhänge vorkennen läßt und die
Kapitel schwellen zu solcher Seitenzahl an, daß ähnlich wie in
Roch. 's älterer, viel knapperer Studio die Übersichtlichkeit ge-
fährdet ist. Freilich sind die meisten seiner Listen, besonders
auch die im letzten Kapitel (Les scMmas syntaxiqnes) gegebenen
sehr lehrreich. Sie gewähren, wenn nicht immer neue, so doch
vollständigere und präzisere Einsichten in Hugos Stil und zwar
in seinem Stil überhaupt (denn vieles von dem, was R. bringt,
ist für die Prosa ebenso bezeichnend wie für den \'ers), sie be-
stätigen die Eindrücke, die wir alle von unserer Lektüre hatten,
und sie offenbaren vor allem mit auffallender Sciiärfe, wie ein-
förmig Hugos Stil bei aller Buntheit und Geschmeidigkeit ist,
da gewisse Stileigentümlichkeiten, z. B. in der Wortstellung,
immer und immer wiederkehren, bis sie zur Gewohnheit werden
und im Lauf der Jahre ganz zur Schablone erstarren.
Der III. Teil bringt die Deutung des Materials und ergänzt
es zugleich durch Beispiele von breiterem Umfang, wie man sie
74 Referate, und Rezensionen. IL Ileiss.
im vorhergohondcn Abschnitt ungern vormißte. Denn die aus
dem Zusammenhang gerissenen, mit ihren Anhängseln isoliert
abgedruckten Alexandriner können nicht immer ein richtiges
Bild von der Wirkung des Enjambements, von seiner Stärke
und Fühlbarkeit vermitteln. Ja, icli hätte solche umfangreiche
Beispiele in viel höiierer Anzahl gewünscht und dafür lieber auf
die Anhäufung von unondUch vielen Einzelbelegen für ein und
denselben Typus verzichtet. Durchaus anzuerkennen ist die
Sorgfalt, mit der die Beispiele untersucht sind. Gemeinsam ist
allen Gleichgewichtsstörungen natürlich der Charakter des un-
erwarteten, überraschenden, momentan verwirrenden und außer-
dem dies, daß der abgeschnittene Redeteil mit ungewöhnhcher
Energie hervorgehoben wird. Aber wie vielerlei ganz verschiedene
Effekte sich den Störungen abgewinnen lassen, das rückt Roch,
ebenso hell ins Licht wie die unvergleichliche Kunst, mit der
V. Hugo sich ihrer als eines künstlerischen Mittels bedient, eine
sehr raffinierte Kunst, die allerdings später zur Routine und
Fingerfertigkeit wird. Ästhetische Versexegesen in solchem Um-
fang und von solcher Gründlichkeit sind bisher noch nicht durch-
geführt worden und da Roch, mit gutgeschultem Geschmack
und feinsinnigem Verständnis, ferner mit der nötigen hebevollen,
geduldigen, vor keiner Schwierigkeit zurückschreckenden Ver-
tiefung analysiert und urteilt, da er endlich, w^as besonders zu
loben ist, überall auf die Entwicklung hinweist und sie von den
Jugendversuchen an verfolgt und skizziert, so bedeutet dieser
Abschnitt den wertvollsten Teil seines ganzen Buches und zweifel-
los eine neue und außerordentlich wichtige Bereicherung unseres
Wissens von V. Hugo.
Ein paar Bedenken drängen sich leider auch hier auf. Von
den zahlreichen, irrtümlich unter die Syllepsis-Beispiele ge-
schmuggelten Trimetern will ich nicht reden. Auf den Trimeter
muß ich gleich nachher eigens zurückkommen. Aber ich finde
es gefährlich und schief, daß Roch, konsequent die Gleichge-
wichtsstörungen am Halbzeilenende und am Zeilenende zusammen-
wirft und als gleichwertig behandelt. So selbständig wie die
ganze Zeile war die Halbzeile seit dem Altfranzösischen nie mehr
und auch wenn man geneigt ist, ihre Selbständigkeit für die
klassische Dichtung so hoch als irgend mögUch anzuschlagen,
so spielt doch am Zeilenende ein neues Element mit herein, das
die Verhältnisse ändert und kompliziert: nämlich der Reim,
der mit dem Enjambement in enger Wechselbeziehung steht,
der durch das Enjambement je nachdem unterstrichen oder
abgeschwächt und fast verwischt werden kann. Enjambement
im Inneren und Enjambement von Vers zu Vers sind offenbar
schon ihrem Wesen nach von verschiedener Stärke und Fühl-
barkeit, gleichviel wie ihre Stärke auch im besonderen Fall
durch den besonderen Bau, die syntaktische Funktion, den
Röchelte, Auguste. L' Alexandrin chez Victor Hugo. 75
Gedankeninhalt etc. abgestuft sein mag. Zwischen zwei solchen
Enjambements von sonst ganz gleicher Wirkung besteht immer
noch der grundlegende Unterschied, daß das eine nur die innere
Struktur eines Verses berührt, den Vers selber als Ganzes, als
Einheit aber unangetastet läßt, während das andere gerade die
Ganzheit und Einheit des Verses zerstört, indem es ihn gewalt-
sam abkürzt oder über seinen Rahmen hinaus noch in den nächsten
Vers hinein verlängert.
Darin liegt aber gerade das, was modernen Versen im Gegen-
satz zu klassischen ihr eigenartiges Gepräge verleiht. Im klassi-
schen ist immer der einzelne Alexandriner Einheit und aucii
da sofort erkennbar, wo er zu Gruppen von 2, 4 etc. Zeilen zu-
sammengebunden wurde. Die moderne Technik des Enjam-
bierens dagegen löst seine Einheit auf, läßt ihn in der höheren
Einheit einer Versreihe untergehen. Durch Rejet und Contre-rejet
verzahnen sich die einzelnen Verse gleichsam ineinander und
verwachsen zu einem Ganzen. Wenn diese Verzahnung mehr
als zwei Verse zusammenfügt, was bei V. Hugo noch seltener
ist als bei neueren Dichtern, so entstehen als neue Einheiten
strophische Gebilde, freie Strophen (im weitesten Sinn des Wortes),
deren Anfang und Schluß deutlich genug markiert ist, deren
einzelne Teile sich aber als Alexandriner nur mclir optisch durch
die typographische Anordnung erkennen lassen, während sie
sich für unser Gehör nur aus vers libres von schwankender Aus-
dehnung, manchmal reimlos, manchmal gereimt, manchmal mit
Endreimen, manchmal mit Binnenreimen zusammensetzen. Welche
Umwälzung da vor sich gegangen ist, läßt sich ahnen, sobald
man den Recit du Cid oder den Recit de Theraniene etwa neben
Hugos Expiation oder noch besser neben ein Gedicht in platt-
gereimten Alexandrinern eines jüngeren Dichters hält. Die
Einheit des Alexandriners wie der anderen durch die feste Silben-
zahl definierten Versmasse, die ohnehin nur mehr künstlich
durch eine archaische Aussprache des stummen 3 aufrocht er-
halten werden kann, ist durch die MögUchkeit des Enjambierens
noch tiefer bedroht und auf die durchsichtige Architektonik
klassischer Versreihen folgt als das moderne Ideal die freie Strophe,
in der kürzere und längere, impressionistisch aus dem Irdialt
heraus geborene, jeder Bewegung der Gedanken sich anschinii^-
gendo Verse ineinander überfließen. —
Im II. Teil beschäftigt sich Roch, in ebenso ausführhchon
wie anfechtbaren Erörterungen auch mit dem «alexandrin lernaire>>.
Es freut mich, das wir uns in einem Gedanken begegnen, den ich
meinem Vortrag über den Ursprung des romantischen Trimeters
auf dem Posener Philologentag^) zugrunde gelegt habe. Dieses
') Der Vortra^i; wird im Archiv für das Sludiuni d. neueren Sprac/icn
u. Literaturen erscheinen.
76 Referate und Rezensionen. H. Heiss.
Zusammentreffen bietet mir eine willkommene Bestätigung
meiner Ansicht. Auch Roch, war überrascht davon, welcli
ungemein wichtige Rolle in Hugos Stil neben der Zweigliedrigkeit
die triadische Form, die Dreigliedrigkeit spielt. Davon gehe ich
aus, um im Gegensatz zu den Erklärungen von Becqde Fou-
q u i e r e und Maurice Grammont den Trimeter als
Schöpfung Hugos zu betrachten, entstanden aus innerer Not-
wendigkeit, aus den Bedürfnissen seiner Rhetorik, da drei-
gliedrige Struktur im binären Alexandriner (6 -j- 6) nicht immer
einen passenden Rahmen findet. Roch, aber macht plötzlich,
nachdem er diese StileigentümUchkeit konstatiert hat, an der
entscheidenden Stelle Kehrt und behauptet, gestützt auf seinen
Glaubensartikel vom unwandelbar binären Charakter des Alexan-
driners: Es gibt bei V. Hugo überhaupt keine Trimeter. Was
man dafür hält, sind binäre Verse mit Asymmetrie zwischen
der syntaktischen und der rythmischen Gliederung.
Daß durch solche Asymmetrie Alexandriner von nur schein-
bar ternärem Gepräge entstehen können, leugne ich nicht. Wenn
z. B. Lafontaine schreibt;
Maudit chäteau! Maudit amour! Maiidit voyage!
so kann das kein Trimeter sein, einfach deshalb, weil Lafontaine
sich ebensowenig als Racine oder Boileau je hätte einfallen lassen,
einen Alexandriner anders als binär zu bauen. Ich muß dabei-
nicht bloß die extra-vaganten Trimeter-Beispiele ablehnen, die
sich S o u r i a u seinerzeit aus den Klassikern holte, sondern
kann mich auch mit dem vorsichtiger abwägenden und ungleich
verständigeren Aufsatz von M. G r a m m o n t über den Komödien-
Trimeter des XVIL Jahrhunderts nicht befreunden.^) Solange,
wie im XVIL und XVIII. Jahrhundert von einer autoritativen
Metrik ein fest normiertes binäres Schema vorgeschrieben und
von den Dichtern ohne Widerspruch angenommen wird, gibt
es keinen Trimeter und Verse wie der eben zitierte müssen binär
und nicht ternär (4 -|- 4 -f 4) gelesen werden, also als asym-
metrische klassische Verse.
Das wird aber im XIX. Jahrhundert mit der Romantik
anders. Freilich gibt es auch dann noch genug unechte Trimeter
und ich stimme Roch, vollkommen bei, wenn er gegen R e n o u -
V i e r's Skandierungen polemisiert. Denn wer die Verse nur
nach der syntaktischen Gliederung lesen will, läuft in der Tat
Gefahr, die Absichten des Dichters ganz zu verwischen und alle
die feinen, durch Asymmetrie erzielten Wirkungen zu ignorieren
Aber Roch, selbst verfällt in das andere Extrem, wenn er allen
Alexandrinern in Bausch und Bogen die GUederung aufzwingt,
die er sich in seiner Phantasie als die einzig mögliche einbildet.^)
2) Revue des langues romanes. 1903. Bd. XLVL
^) Roch, spricht so gerne von dem innerhchen Metronom, das in
V. Hugo zu ticktacken anfing, sobald er sich ans Dichten machte.
Röchelte, Auguste. L' Alexandrin chez Victor Hugo. 77
Ob Trimeter oder nicht — darüber hat von Fall zu Fall
eine eingehende Analyse zu entscheiden, die den Vers im Zu-
sammenhang betrachtet. Schöne vorbildUche Beispiele solcher
Analyse bietet M. Grammont in seinem Buch «Le i^ers
frangais>>.
V. Hugo hat Trimeter gebaut, zuerst wohl unbewußt und
(wie ich vermute) angeregt durch die Zerstückelung des Dialogs
im Cromvell, dann aber bewußt und absichtlich, als er fühlte,
wie sehr ihm diese neue Struktur lag. Was Roch, dagegen vor-
bringt, kann nicht überzeugen. Denn: 1. Ganze Gedichte in
Trimetern müßten wir nur dann haben, wenn sein Dogma von
der notwendigen Gleichförmigkeit der rhythmischen Bewegung
in einem Versganzen etwas anderes als eine willkürUche, un-
bewiesene Behauptung wäre. Ganze Gedichte in Trimetern
sind auch bei den jüngeren Dichtern außerordentUch selten,
wenn es überhaupt einige gibt. Mir wenigstens ist nur das eine
bekannt, das Gl a i r T i s s e u r in seinen «Modestes ohservations
sur l'art de versifier» (p. 86) von sich selbst zitiert. — 2. Die bekannte
Tatsache, daß V. Hugo es vermied, als 6. Silbe ein tonloses Wort
(z. B. Artikel) aufzuführen oder an die 6. und 7. Stelle im Vers
Silben ein und desselben Wortes zu rücken und daß er sofort
korrigierte, wenn ihm je einmal ein solcher Vers entschlüpfte,
beweist nichts gegen die Existenz von Trimetern. Sie zeigt nur
von neuem, daß seine revolutionäre Kühnlieit in metrischen
Dingen ja nicht überschätzt werden darf. Gewisse klassizistische
Gewohnheiten bleiben in ihm immer lebendig. Den abergläubischen
Respekt vor gewissen Regeln hat er nie verlernt und sich Heber
zu Kompromissen verstanden, als mit ihnen offen gebrochen.
Genau, wie er Zeit seines Lebens die sinnlose Hiatusregol beob-
achtete und sich ebenso peinlich gewissen sinnlosen Reimregoln
unterwarf, so macht er auch hier dem an den klassischen Alexan-
driner gewöhnten Ohr des Publikums und wohl auch seinem
eigenen Ohr eine Konzession, gibt oder täuscht wenigstens die
Möghchkeit vor, die 6. Silbe zu betonen. Man kann es etwa so
fassen: der Trimeter steht bei ihm noch im Anfang seiner Ent-
wicklung, ist noch nicht ganz aus dem klassischen Typus heraus-
gesciiält. Die unmittelbar um die Mittelachse gelegenen Silben-
gruppen des Tetrametors sind noch nicht wie in der Verstechnik
nach V. Hugo zur totalen Einheit verwachsen. Noch sind die
Spuren der alten Naht sichtbar. — 3. So ersclieint auch die von
R. Lese li de überlieferte Äußerung des Dichters, auf die
Ich halte dieses Bild nicht lür glücklich. Es ist 7.\\av anschaulich
und cum grano salis vorstanden aucli nicht unzulrollVnd. Aber es
kann zu leicht dazu verführen, sich den ganzen Prozeß des Rhylmi-
sirens als etwas rein Mcehanisch-Autoniiitisches vorzustellen. ' Und
das wdl doch R. nicht, ebenso wie er sich p. 319 mit Recht gegen
falsche Deutungen seines Ausdrucks «superpositiom wendet.
78 liejciale und Rezensionen.. II. Heiss.
Rocli. sogroßen Nachdruck legt/) in anderem Licht. Der Trimeter:
Dans les palais, dans les [6] chäleuux, dans les chaumieres
flößte V. Hugo nur deshalb solches Entsetzen ein, weil in der
6. Silbe «les» steht. Aber nicht wegen seiner ternären Struktur an
sich. Sonst hätte V. Hugo noch eine Menge anderer Verse umgießen
müssen. — Und endlich 4. überrascht es mich, daß Roch, eine
andere wichtige Äußerung V. Hugos übersehen hat, obwohl sie
sich auf den Trimeter bezieht. 1844 veröffentlichte W. T e n i n t
seine «Prosodie de l'ecole moderne», in der (meines Wissens) zum
erstenmal vom Trimeter die Rede ist. T e n i n t unterscheidet
zwei Arten von Alexandrinern, den klassischen, den er wers
inlaci, vers chante» nennt, und den modernen wers brise, cers
parle», unter dem er auch den Trimeter begreift. Charakteristisch
für den «cers brise» ist die Verlegung der Hauptcäsur, z. B. 5 + 7
oder 4+4-1-4. Tenint zitiert eine Reihe von Beispielen
für 4 -f- 4 4- 4 aus V. Hugo, dem er ausdrückUch die Ehre der
Entdeckung zuschreibt, und aus anderen Romantikern. Man
findet bei ihm einen interessanten Hinweis auf die «privilegierte»)
Stellung, die V. Hugo auch im Trimeter der 6. Silbe einräumt.
Denn Tenint gibt zweifellos Hugos Anschauung wieder, wenn
er vom wers brise» behauptet: «On tient encore compte de sa
cesure primitive, on l'indique imperceptiblement, et c'est lä une
regle qu'il n'est pas loisible de violer.» Das charakterisiert treffend
die Praxis, der V. Hugo immer treu gebUeben ist. Interessanter
ist aber, was Hugo selbst über die neue Versform denkt. Er
schreibt in einem Brief, der T e n i n t s Buch einleitet, neben
den üblichen Schmeicheleien, folgendes: «Le vers brise est un
peil plus difficile d faire qiie l'aiitre vers; poiis deniontrez qu'il
y a une foule de regles dans ceite pretendue violation de la regle . . .
Le vers brise est en particulier un besoin du drame; du tnoment
oii le naturel s'est fait jour dans le langage theätral, il lui a fallu
un vers qui put se parier. Le vers brise est admirablement fait
pour recevoir la dose de prose que la poesie dramatique doit
admettre.» Das ist doch ein unzweideutiges Zeugnis, an dem
Roch, nicht vorübergehen durfte, um so schwerwiegender, als
V. Hugo, der sonst so gerne theoretisiert, sich gerade über vers-
technische Fragen nur selten äußert.
Roch. 's Unterscheidung zwischen dem echten «vers ternaire»
und dem «vers tripartiie», der nur syntaktisch in 3 Gruppen zer-
fällt und dem Rythmus nach binär ist, trifft für zahlreiche Fälle
zu. Daß aber bei V. Hugo nur solche «alexandrins tripartites»
und keine echten Trimeter vorkommen, das läßt sich nicht auf-
recht erhalten. —
*) Das Zitat aus dem Buch der Brüder G 1 a c h a n t beweist
gar nichts. Denn ihre Behauptung stützt sich nur auf den Bericht
von Leschde, auf den sie verweisen.
Rochetle, Auguste. L' Alexandrin chez Victor Hugo. 79
Der IV. Abschnitt (Röle des elements acoustiques dans le
K>ers) enthält zwei Teile, einen über die Silben, 3 muet^ Synärese
und Diärese, der natürlich nichts neues bringen kann und nur
durch neue Beispiele die Willkür illustriert, mit der schheßlich
jeder Dichter seine Silben zählt, dann einen Teil über die Akzente,
gegen den sich wiederum schwere Bedenken erheben. Roch,
zitiert hier (p. 334), was A. Thomas über die Meinung von
G. Paris berichtet: «G. Paris lui-meme avait fini par s'interdire
taute speculation sur ce sujet [die Akzente], attendant avec quelque
scepticisme que la phonetique experimentale eüt prononce en dernier
ressort.» Hätte nur Roch, ebenfalls so weise Zurückhaltung
geübt und auf jede Spekulation verzichtet! Ich kann mich nicht
dabei aufhalten, auch dieses Kapitel eingehend zu diskutieren.
Ich kann auch nur ganz flüchtig auf den V. Abschnitt (Röle
des elements acoustiques dans le vers. Les phonemes) hinweisen,
der in 3 Teilen (L'euphonie — Valeur expressive des phonemes —
Harmonie) geschmackvoll und sehr geschickt die Klangwirkungen
untersucht und eine Fülle feiner Beobachtungen und Bemerkungen
bringt, überall mit Recht in enger Anlehnung an M. G r a m -
m 0 n t , der auf keinem Gebiet der Versanalyse wertvollere
und fruchtbarere Anregungen gegeben hat als auf diesem.
Nur noch ein Wort über den letzten VI. Abschnitt, der den
Reim behandelt. Auch hier ist alles Wichtige bis herab zu den
kleinsten Besonderheiten und Freiheiten wenigstens gestreift,
überall sind zahlreiche Beispiele herangezogen und vor allem
wird mit Recht betont und durch Belegen aus den Mss. illustriert,
welch große Suggestion das Schriftbild auf V. Hugo ausübt,
mächtiger als bei irgend einem anderen Dichter, wie diese Sug-
gestion mit dem wachsenden Alter zunimmt und wie stark sich
in ihr das Vorwiegen der visuellen Eindrücke in Hugos künst-
lerischem Temperament spiegelt. Die graphische Identität
zwischen zwei Wörtern fasziniert ihn geradezu, so daß er, der
unerreichte Reimsciimied aller Literaturen, dem Reim fürs
Auge zulieb ruhig unvollständige und sogar unreine Reime
duldet. Ein Kapitel (La rime SUment de piquant et de virtuosite)
legt den unendHchen Reichtum an Reimkombinationen bloß,
der in seinem poetischen Werk aufgestapelt ist und dessen Mannig-
faltigkeit bei der Lcktüi'c ebenso in Erstaunen versetzt wie die
liäufige Wiederkclu- Ix^slimmter Reimpaare, die V. Hugo offen-
bar wegen ihrer lautmalerischen Eigenschaften oder wegen der
in ihnen schlummernden Ideenassoziation bevorzugt. Eine
kritische Äußerung im Conservateur litteraire beweist, daß er schon
in frühester Jugend (li(> Wichtigk(>i des Reims erkannt hat,
als er noch völlig im Bann klassischer Musler stand und sich
kaum viel von seiner späteren Ästhetik träumen ließ. Und von
den Ödes et Ballades an, wo ihm noch das Können fehlt, um sein
Ideal zu vcrwirkliciien, läßt sich verfolgen, wie er in langsamem
80 Referate ii/td Rezensionen. II. Ileiss.
Fortschritt mehr und niohr die trostlose iJanuUtüt dos uusg«--
leicrtcn klassischen Reims zu vermeiden und seinen Reim so-
wohl durch Klangfülle als Inhalt möglichst reicli, selten und
glänzend zu gestalten lernt, bis er mit den Chäliments und der
Ligende die höchste Verfeinerung und Vervollkommnung erreicht.
Noch interessanter ist Kap. IV: Genese de la rime; son in-
fluence sur la pensSe. Denn was darin berührt wird, ist eins
der wichtigsten Probleme, die die Versästhetik überhaupt stellt,
ein Problem, dessen Erforschung vielleicht einmal mehr Licht
auf den geheimnisvollen Prozeß des dichterischen Schaffens
werfen kann. Freilich gehört die Frage auch zu den schwierigsten.
Denn wo der Einfluß des Reims auf den Gedanken offen zutage
liegt und mit bloßem Auge erkennbar ist, wie das auch bei V. Hugo
oft genug geschieht, verliert die Feststellung ihren Reiz, da es
sich um Flickwörter und meist um mittelmäßige oder schlecht^
Verse handelt. In Strophen und Gedichten aber, die zu organi-
schen Einheiten verwachsen sind, läßt sich der Einfluß heikel
oder unmöglich konstatieren, wenn nicht irgend ein Zufall den
Dichter bei der Arbeit zu belauschen und in seine Werkstatt
zu blicken gestattet. Am ergiebigsten sind noch Übersetzungen
oder Gedichte, die treu einer bekannten Vorlage folgen, wie
z. B. die «Trois Cents>>. Wertvolle Aufschlüsse bieten natürlich
auch die Manuskripte und zwar um so wertvollere, je mehr
sukzessive Fassungen sie von einem Text überliefern. Wieviel
aus ihnen herauszulesen ist, wie sehr bei V. Hugo der Reim
dominiert, fruchtbar und herrisch zugleich Einfälle erzeugt, zu
Erweiterungen veranlaßt, Gedanken abbiegt, wie reiche An-
regungen ihm immer entquellen — davon gibt Roch, eine An-
zahl fesselnder Proben, die ihn seine Vertrautheit mit den Mss.
gewiß aus den bezeichnendsten wählen ließ. Nur schade, daß
er hier so sparsam ist. Gerade diese Frage hätte ebenso wie die
nach dem Verhältnis zwischen Syntax und Rythmus eine ein-
gehende und erschöpfende Darstellung verdient. —
Alles in allem: Roch. 's These ist ein Buch, dessen einzelne
Teile sehr ungleichwertig sind, in dem das wertvolle aber ent-
schieden überwiegt, mit dem sich deshalb in Zukunft jeder aus-
einander setzen muß und von dem jeder lernen kann, der V. Hugos
Vers studieren will. Seine Stärke ruht in der verständigen
Ausbeutung des handschriftlichen Materials und in der tief-
schürfenden Versanalyse, die außerordentlich viel anregende und
manche ganz neue Einsichten und Erkenntnisse an den Tag
fördern. Ein Buch, das häufig zu lebhaftem Widerspruch reizt,
manchmal sogar durch seinen willkürlichen Dogmatismus ver-
stimmt, das man aber schließlich doch mit einem Gefühl der
Dankbarkeit für den Verfasser und der Achtung vor seiner an-
sehnlichen und intelligenten Arbeitsleistung aus der Hand legt.
Bonn. H. Heiss.
Conespondance general de Chateaubriand etc. 81
Correspondance general de Cliateaubriaiid
publiee avec introduction, indication des sources, notes
et tables doubles par Louis Thomas. Avec un
Portrait inedit. Tome premier. Paris, Honore et
Edouard Champion, 1912. 10 frcs.
Von der mit großem Eifer und bemerkenswerter Umsicht
seit einer Reihe von Jahren vorbereiteten Ausgabe des Cone-
spondance General Chateaubriands, liegt hier in würdiger Aus-
stattung der erste Band vor, dem vier weitere Bände folgen
sollen. Ein von A. Cassagne vorbereitetes Verzeichnis der Korre-
spondenten des Dichters mit Angabe ihrer Antworten wird
den Abschluß der für die Geschichte der Literatur und der
Politik außerordentlich wertvollen Veröffentlichung bilden, von
der der Herausgeber mit Recht bemerkt ,,on y connaitre vite un
des chefs-d'ceuvre de notre litterature, et certainement l'une des
Correspondances les plus helles qui soient dans notre langue
digne d'etre classe tout de suite parmi les plus celebres'".
D. Behrens.
^eyer-I^ttbke, W, Romanisch etymologisches Wörterbuch.
Lieferung 1 — 3. Heidelberg, Carl Winters Universitäts-
buchhandlung.^) [Sammlung romanischer Elementar-
und Handbücher. Herausgegeben von Wilhelm
M e y e r - L ü b k e. IIL Reihe: Wörterbücher].
,,Das vorliegende Werk setzt sich zum Ziele, die ungemein
zahlreichen und vielfach weit zerstreuten etymologischen Unter-
suchungen auf dem Gebiete der romanischen Sprachen zu sammeln,
kritiscli zu sichten, das nach dem heutigen Standpunkte unsei'er
Erkenntnisse Unhaltbare als solches zu kennzeichnen oder ganz
der Vergessenheit zu überliefern, einz(dne Probleme zu lösen
und durch richtige Fragestellung der Lösung näher zu bringen."
Schon die drei bis jetzt erschienenen Lieferungen lassen zur
Genüge erkennen, daß es dem Verf. gelungen ist, der weitscliich-
tigen und scliwierigen Aufgabe, wie er sie in vorstehenden Sätzen
selbst formuliert hat, und an deren Lösung er in umsichtiger
Weise, nach wohldurclidachtem Plan herangetreten ist, in hohem
Maße gereciit zu werden, ,, damit weiterer etymologischer For-
schung als solclicr und all den anderen Studien, die die Etymologie
als Voraussetzung haben, eine verläßliche Grundlage bietend.'"
Ich glaub(> dem Verf. für reiche Belehrung und Anregung, die
ich aus seinem Buche geschöpft habe, niciit besser danken zu
^) Nacli einer Ankündijjfung des Verlepers wird duvS Werk in el\v;i
11 Lieferunpen im l^infaiifi; von je 5 Bof^on z\nn Subskriptionspreis
von 2 Mark für die Lieferung orsdieinon und innerhalb 2 Jahren etwa
zum Abschluß gelangen.
Ztschr. f. frz. Spr. w. Lilt. XXXIX' '. 6
82 Referate und Rezensionen. JJ. nehrens.
können, als indem ich einige Notizen, die ich mir bei der Durch-
sicht desselben machte, hier folgen lasse, dieselben seiner Be-
achtung für eine gewiß bald nötig werdende zweite Auflage emp-
fehlend: 110 acinus ,, Traubenbeere" : Vgl. Rolland Flore
III, 218. Hierher gehört auch altfrz. asneret (On ne ticnt compte
des raisins cendrez, ni de ceux qu'on appelle asnerets et rabus-
cules, pour ce qu'ils desplaisent ä l'oeil), das Godefroy von asinus
ableiten möchte. Wegen aize s. A. Thomas Romania XL, S. 105.
— 128. Beachte altfrz. agun (Godefroy). — 170. a d j e c t u m :
Füge hinzu afrz. agect, agit (Godefr.) und aus modernen
Mundarten u. a. vendom. agis (Martelliere Gloss.) ,,argent
donn6 en sus du pris fixe etc., arrhes, denier ä Dieu" und norm,
ö/^, das nach Joret (Pat. du Bessin p. 43 und 183) außer in der
Bedeutung ,, Türfalz" in verschiedenen anderen Bedeutungen
begegnet. — 944: Statt ,, verschiedene Tannenarten" 1. ,, ver-
schiedene Arten Taue". — 958. b a r c a : Die Zugehörigkeit
von b.-manc. har^ etc. wird mit Recht als zweifelhaft bezeichnet.
Vgl. wegen des gall. -romanischen Wortes auch dtsch. Bärge in
Grimm's Wörterb. und, was die Verbreitung betrifft, Bl. 550
(jenil) im Atl. Ling. — 1013. b e c c u s : Hinzuzufügen ist die
Ableitung becard, w^ozu Schuchardt Z. /. rom. Phil. XXX, 718
zu vergleichen. Beachte noch u. a. bacquar und becquatre bei
Godefroy. — 1051, Unter *bersium „Wiege" stellt Vf. afrz.
bers., lothr. bye, prov. katal. bres, aspan. brizo, portg. brego nebst
Ableitungen zusammen und bemerkt dazu ,,die Grundform
kann auch bertium oder bercium sein, als Grundbedeutung wird
durch nprov. bres., breso Atl. Ling. 965 ,,Korb" nahe gelegt".
Ich vermisse einen Hinweis auf Scheler Dict. d'etymol. frang.
und auf A. Jeanroy, der Rev. des Univ^rsites du Midi I, No. 1
{Janv.-Mars 1895), S. 103 f. altfrz. berser (tirer de l'arc) und
nfrz. bercer zum Gegenstand einer besonderen Untersuchung
gemacht hat und im besonderen auch darauf hinweist, daß
das altfrz. Wort bercer (nicht bercier) lautet. Meinerseits möchte
ich hier auf ältere Versuche, das schwierige Wort zu deuten,
nicht eingehen, wohl aber mir gestatten einen Einfall wieder-
zugeben, der mir vor langer Zeit gekommen ist und vielleicht der
Berücksichtigung nicht ganz unwert scheint. Es gibt ein ndd. Subst.
bridse, brids ,,ein Brett, welches in der Mitte auf einer Unterlage
liegt und womit man etwas in die Höhe schnellt" und dazu das
VerhuTa bridsen „enen Gegenstand hart an od. auf etwas schlagen
stoßen, schmettern etc.; ihn in die Höhe schnellen oder werfen
und niederfallen lassen. . ." In der Form lassen sich d ese Wörter
mit den genannten romanischen wohl vereini en. Was die Be-
deutung angeht, so äßt sich daran erinnern, daß ndl brids (vgl.
nhd. Pritsche) ein ,, Feldbett, bz. Brettergerüst, worauf die Sol-
daten liegen" bezeichnet. Nahe berührt sich frz. berceau
in der Bedeutung ,,Bogenlaube" mit dtsch. brids (s. Grimm
Meyer-Lübke, W. Romanisch etymologisches Wörterbuch. 83
Wtb. unter Britsche) ,,scherm, underslach, absconsorium, inter-
stitium, unbraculum; lang britz of want, dair winstock of anders
längs her gepait is, maceria". — 1078. Statt „Versuchsloch"
1. „Versenkloch", genauer „Versenkloch zum Aufsaugen des
Regenwassers" (Sachs). — 1089. hier (mhd. nhd.) „Bier":
Beachte schon altfrz. bancquehiere „sedile potorium" bei Godefroy.
- — 1096. *b i g a r u s (fränk.) „Bienemvärter": Herr Kollege
Hörn macht mich darauf aufmerksam, daß biker ,, Bienenzüchter"
mundartlich im Niederländischen nachge\^^esen ist. Vgl. J.
Franck. Etym. Nederlandsch Woordenboek 2. Aufl., unter imker.
— 1144. blaar: Bemerkt sei, daß frz. blaire „Bläßhuhn"
nur einmal von Godefroy aus G. de la Eigne belegt wird und
der heutigen Sprache zu fehlen scheint. Rolland Faune II,
366 f. kennt ausschließlich mundartl. blarie, blairie, blery. —
Daß bl^r in boul. vak bUr ,,Kuh mit weißem Fleck auf der
Stirn" auf niederl. blaar beruht, halte ich nicht für ausgemacht.
Wie verhält sich dazu blär, ,, weißer Fleck, oder ein weißes
Abzeichen am Rindvieh oder sonstigen Tieren", das heute
im Ostfriesischen nach Doornkaat - Koolman Wörterbuch d.
ostfries. Spr. neben blär begegnet? Beachte ebenda blär-henne
„Bläss- oder Wasserhuhn (Fuhca atra), sonst auch Blässe,
Plärre, Pfaff etc. genannt". Es scheint hiernach, daß ? in
mundartl. frz. bler bereits der abgebenden Sprache angehörte
und nicht erst im Französ. aus älterem s sich entwickelt hat. —
1197. b o 1 w e r k : Wegen frz. boulevard vgl. meine Bemerkung
in dieser Zeitschr. XXXV^, S. 21. — 1225. b o s : Vf. fragt, ob
dazu auch norm, bö „Hagebutte" gehöre und fügt in Klammern
hinzu ,,nach der Farbe". Aus Rolland Flore populaire V, S. 237
läßt sich ersehen, daß norm, bö in der angegebenen Bedeutung
zweifellos zu bos gehört. Aus dem ebenda und Sprachatlas
Bl. 452 mitgeteiltem Material ergibt sich weiter, daß die vor-
liegende Bedeutungsverschiebung nicht ausschließlich im Nor-
mannischen anzutreffen ist, sondern auf weiterem Gebiet be-
gegnet. Über den Grund der Bedeutungsübertragung kann
man verschiedener Ansicht sein. Rolland bemerkt 1. c. zu cochon,
das ebenfalls die Hagebutte bezeichnet: ,JL,es enfants rangent
ces fruits sur des tables et disent que ce sont leurs cochons, leurs
vaches etc." — 1225. bos: Zu bouvrenil ,, Dompfaff" sei auch
auf Rolland Faune populaire II, 165 f. verwiesen, wo unler an-
deren Benennungen dieses \'ogels beruf aufgefülirl und bouvreuil
entgegen der Auffassung von G. Paris und anderen nicht als
„gardeur de bojuf", sondern (in Übereinstimmung mit Littrö)
als „petit bocuf" (,\ cause de sa grosse tete et de ses formes rainasses)
gedeutet wird. — 1249. b o w s p r i t : Frz. beanprc stellt laut-
licli me. bouspret (s. Naw Engl. Dict. s. v. boa'sprit) oder auch
ndd. bögspret (s. Doornkaat Koolman Wörterb. d. ostfries. Sprache)
näher als ne. bowsprit. — 1276. Beachte auch von Levinus Hulsius
6*
84 lieferaLc und Rezensionen. D. Behrens.
im Dict. frang. allem, erwähntes bresil „gereuchert rotli Oclisen-
fleisch". Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß das vom
Vf. unter No. 1277 erwähnte und als etymologisch unaufgeklärt
bezeichnete bresil „Rotholz, Fernambukholz" damit identisch
ist. Die umgekehrte Namengebung liegt vor, wenn im Ost-
friesischen geräuchertes Rindskeulenfleisch als Nagel-/io/i be-
zeichnet wird. Vgl. Doornkaat- Koolman Wtb. d. ostfr. Spr.
nagel-hoU und auch Deutsches Wörterbuch: Nagelholz. — 1382.
b u 1 g a : Auf bulga führt Moisy Dict. du pat. norm, auch norm.
bougie, Harnblase, zurück, während Zauner Rom. Forsch. XIV,
521 die Herkunft des norm. Wortes als nicht bekannt bezeichnet.
— 1429. Als Ableitung zu beurre konnte beurette (Littre Supple-
ment) erwähnt werden. Vgl. dtsch. Butterchen in Grimm's
Wörterb. — 1583. *c a n e o 1 u s : Beachte auch cagnotte ,,Cor-
beille oü les joueurs deposent l'argent qu'ils doivent payer ä
certains coups et qu'on laisse s'amasser", dann auch zur Be-
zeichnung des Spieleinsatzes selbst. Nach dem Dict. gener. ist
die Herkunft des Wortes unbekannt. Wie der von mir hier
vorausgesetzte Bedeutungsübergang zu Schachtel, Behälter für
den Spieleinsatz zu erklären ist, bedarf eingehender Untersuchung
an der Hand eines umfangreicheren Materials als mir im Augen-
blick zur Verfügung steht. Bemerkt sei, daß nach Sachs cagnotte
mundartlich in Südfrankreich auch in der Bedeutung ,, kleine
Weinkiepe" begegnet und daß man im Französischen im Berg-
bau einen zweirädrigen Laufkarren als chien bezeichnet, dem in
der deutschen Bergmannssprache ,,Hund, Grubenhund, Förder-
hund" entsprechen. Zu erinnern ist auch daran, daß im Baye-
rischen hunt den ,, verborgenen Schatz" bedeutet, wo dann nach
dem Deutschen Wtb. IV, 2 Sp. 1919 metonymisch der Hüter
für das Gehütete gesetzt wäre ,,mit bezug auf den Glauben, daß
Hunde auf unterirdischen Schätzen, sie bewachend, liegen."
Über im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert gebräuchliches
{Ge\d-)Katze vgl. Deutsch. Wtb. V, Sp. 290 f. — Ich möchte
dazu auch frz. cagnard ,, großes Segeltuch (zum Schutz der Wache
auf der Windseite)", früher auch ,,coin oü Ton peut se retirer"
und im besonderen ,,arche de pont servant d'abri ä des gens sans
aveu, mauvais lieu" stellen, das nach dem Dict. general vielleicht
für coignard (älter caignard) eingetreten und somit von coin abzu-
leiten wäre. Dazu ist zu bemerken, daß der für cagnard hier
angenommene Lautwandel als sehr unwahrscheinlich bezeichnet
werden muß. Hinzukommt, daß nach Schmidlin's Catholicon
u. a. cagnard früher auch in der Bedeutung ,,HundestaH" im
Gebrauch war, das verächtlich für eine geringe Wohnung ebenso
im Deutschen begegnet. Vgl. Deutsches Wörterb. IV, 2 Sp. 1930:
wohn in stolzer pracht des Schlosses und verlass den hundestall!
(Voss. 2,141). — Beachte schließlich noch abgeleitetes queignas
in: avoir les queignas = avoir les courbatures (VavhQ Recher ches
Meyer-Lübke, W. Romanisch etymologisches Wörterbuch. 85
II, S. 111), woneben nach A. Perrault-Dabot Le patois bour-
guignon p. 46 mundartl. cägnias (Morv.), cägnats (Yonne), cägnärs
ecagnärs (Chal.), ecagnärds (Dijon) vorkommen. Unter den hier
aufgeführten Formen sind die mit e anlautenden durch Ver-
schmelzung des Artikels mit dem Substantiv entstanden: Ifes
cagnärs für les cagnärs. Die Zugehörigkeit zu canis ergibt sich
daraus, daß, worauf Perrault-Dabot hinweist, im Departement
Yonne chien im Sinne von cagnats begegnet: ai^oir les chiens
pour (woir les cagnats. Was den Bedeutungswandel angeht,
so sei deutsches ,,Himdskramph" (spasmus cynicus, da einem
der Mund gekrümmt und verzogen wird. S. Deutsches Wtb.
s. V.) verglichen. — 1621. c a n u s „grau" : Vf. stellt dazu auvergn.,
dauph., forez. kano, sano „Kahm auf dem Weine" und bemerkt
,,das prov. Wort stimmt in Form und Bedeutung zu nhd. kahn,
mild, knn, Nebenform des älteren kam, doch scheint das Zusam-
mentreffen ein zufälliges zu sein, da bei alter Entlehnung das
-n-, bei junger das s nicht verständlich wäre und zudem die beiden
Wörter im Geschlecht nicht übereinstimmen." Demgegenüber
wäre hinzuweisen auf gleich bedeutendes chame im Vendömois
(Martelliere Glossaire p. 70), das sich auf canus lautHch nicht
zurückführen läßt, wohl aber zu dem deutschen Worte stimmt.
Auch wäre über die Herleitung von mundartlich weit verbrei-
teten chamosi (s. Grandgagnage Dict.), chamusi (Puitspelu Dict.)
etc. hier oder zu No. 1585 eine Bemerkung erwünscht gewesen. —
1774. coda: Eine beachtenswerte Ableitung ist auch das
mundartl. frz. Subst. coue ,,casserole de terre", nach Hecart
(Dict. rouchi-jrang. p. 128 f.) sogenannt ,,de son manche qui ressem-
ble ä une queue". Littre verzeichnet im Supplement couet ,,Nom
d'une Sorte de vase, dans le departement du Nord"' und bei Jouan-
coux Etudes I, 131 liest man couel ,,vaso en terre cuite qui serl
a faire le pot au fou" mit der Bemerkung, daß es coue gesprochen
werde. Auch sonst begegnet man dem Wort, das doch wohl
lat. codatus entspricht, in Mundartwörterbüchern in der Wieder-
gabe couet, cuet, coue, kewe nicht selten. — 1807. c e n a c u 1 u m :
Erwähnt seien noch pic. chenaire und chenardicu bei Corblet im
Closs. äymol. et compar. du pat. picard... und altfrz. chenail
„grenier" aus dem 14. Jahrlmndert. Über die heutige Verbrei-
tung orientiert auch Atlas ling. Bl. 550 (fenil). — 1900. cicer
Ncutr. „Kichererbse"': Wegen afrz. Qoire vgl. Zs. /. frz. Spr.
XXXV^, S. 23 f. Gehört hierher auch abgeleitetes pic. cherollc
„vesce sauvage" bei Jouancoux ßtudes p. 112? Bezeichnungen
für Wicke und Erbse gehen öfter ineinander über. — 1909. c i c u t a ;
0 u c u t a : Über die Verbreitung der gallo-romanischen Ent-
sprechungen dieser Wörter hätten sich mit Hülfe von Rolland,
Flore populaire VI, 199 ff. genauere Angaben machen lassen.
Wenn Vf. ein durch Vokalassimilation aus cicula entstan-
<lenes cucuta als Grundwort von rumän. cucuta, saintong. kukii,
86 Referate und Rezensionen. Elise Richter.
nprov. kuküdo ansetzt, so sei dazu bemerkt, daß das neuproven-
zalische Wort außer Schierling auch Primel, Narzisse und Bären-
klau bedeutet und von Mistral in allen diesen Bedeutungen auf
den Namen des Kuckuks (nprov. coucu) zurückgeführt wird.
Ohne nun, was coucudo ,, Schierling" angeht, der Auffassung
M.-L.'s entgegentreten zu wollen, möchte ich doch nicht unbe-
merkt lassen, daß die von Rolland /. c. pg. 203 verzeichnete Be-
nennung derselben Pflanze als ,,herbe ä cocu" in Souge (Indre)
darauf hinzuweisen scheint, daß der Kuckuk nicht ohne Einfluß
auf die Namengebung auch des Schierlings im Galloroman. ge-
wesen ist. Wieweit dabei volksetymologische Zurechtlegung
im Spiel gewesen, bliebe zu untersuchen. Nach Rolland /. c.
pg. 143 wurden eine Anzahl Umbelliferen nach dem Kuckuk
deshalb benannt, weil auf ihnen die Schaumcicade ihr als vom
Kuckuk herrührend angenommenes Sekret, den Kuckuks-
speichel, entwickelt. — 2216. coquus: Nach M.-L. ist die
Herleitung von frz. coquin ,, Spitzbube" aus coquus ,,Koch"
von Seiten des Lautes wie des Begriffes abzulehnen. Ohne für
die Zusammengehörigkeit beider Wörter hier eintreten zu wollen,
möchte ich doch darauf hinweisen, daß nach dem deutschen Wtb.
oesterr. Koch einen ,,Pfifficus" bedeuten kann, w^as von ,, Spitz-
bube" begrifflich nicht allzuweit abliegt. — 2218. c o r a c i n u s
(Umberfisch) : Beachte auch franz. entlehntes coracin. — 2395.
c u n e 0 1 u s ,, kleiner Keil": Einige ältere Belege für die Gebild-
brode bezeichnenden Wörter s. bei Godefroy unter coignel, cuignot,
cuignole. Daß Sainean Memoires de la Soc. de Linguist. XIV, 3
p. 240 quignon von canis ableitet, sei beiläufig erwähnt.
Wegen deutsch Keil mit der Bedeutung ,, keilförmiges Brod"
s. Deutsches Wörterb. V, Sp. 447. — Gehört hierher nicht auch
frz. quignon, ,,mit Stroh bedeckter Flachshaufen", das die Verf.
des Dict. General auf quinionem zurückführen möchten und
das Sainean 1. c. p. 246 zu canis stellt ?
D. Behrens.
Westerblad, Carl, Aug^nst. Baro et ses derives dans
les langues romanes. These pour le doctorat. Upsala
1910. 146 S.
Vor einem Menschenalter hätte man sich gewundert, ein
recht umfangreiches Buch über ein einzelnes Wort erscheinen
zu sehen. Heutzutage ist die gründliche Erforschung eines
Wortes nicht nur eine selbstverständliche, sondern eine not-
wendige Arbeit. Ist es doch auch kein einzelnes Wort; wie viele
wirklich einzelne Wörter gibt es tatsächlich ? Die Geschichte
der Wortsippe und ihrer Bedeutungsverzweigungen gehört jetzt
zu den elementaren Erfordernissen für linguistische Einblicke. Aus
vielen solchen Wortgeschichten erwächst uns erst die Fähigkeit.
Westerblad, Carl A iigust. Baro et ses derives dans les lang. rom. 87
Sprachgeschichte zu erfassen. Kommt daher jede Wortgeschichte
heute als eine erwünschte Gabe, wird das umsomehr der Fall
sein, wenn die Arbeit so sauber und gründUch durchgeführt ist
wie in dem vorliegenden Buche.
In der Geschichte von baro handelt es sich übrigens —
und das zu beweisen war die Hauptaufgabe des Buches — gar
nicht um e i n Wort, sondern um zwei. Neben dem lateinischen
b ä r 0 in der Bedeutung ,, Tölpel, Dummkopf" steht ein ger-
manisches b ä r 0 in der Bedeutung ,,Mann", das in sehr früher
Zeit in die lateinische Volkssprache drang und dort vir verdrängte
Das vulgärlateinische haro = Mann wird in der Bedeutung
,, Soldat" verwendet (vgl. unser deutsches ,,1000 Mann Besatzung") ;
so daß alle weiteren Bedeutungen, die wir bei baro finden (Mann
im allgemeinen, Dienstmann, Diener [> Sklave], Mann im
Gegensatz zum Weibe [ > Gatte], tapferer Mann [> Edelmann])
nicht aus dem lateinischen Wort für Tölpel, sondern aus dem
germanischen Wort für streitbarer Mann hervorgegangen sind.
Westerblad hat diese Tatsache zwar nicht ganz selbständig
aufgedeckt (er zitiert alle Phasen der gelehrten Auseinander-
setzungen über das Thema), er hat aber das Verdienst, alle
Zusammenhänge klar nachgewiesen und an der Hand von
reichhchem Beispielmaterial überzeugend vorgeführt zu haben.
So zeigt er uns neben baro die nur im Singular belegte Form
barus, die zu dem im ältesten Französischen vorhandenen Sub-
jektivus bers die Erklärung gibt. Eigentümlich ist, daß der eine
der vorhandenen Deklinationstypen barons — baron nach W.s
Beobachtung ausschließlich für die Bedeutung , Ehemann' vor-
liegt. Auf eine im VI. .lahrhundert gebrauchte Form borone
stützt W. afranz. beur usw.
Gegen die Anordnung ließe sich manches einwenden. Eine
gemeinromanische Untersuchung sollte nicht in Einzeldar-
stellungen gegeben werden. Der Verfasser beraubt dadurch
nicht nur den Leser, sondern auch sich selbst des wesentlichen
Vorteils, eine Übersicht der gesamten Entwicklung zu gewinnen.
Bei allgemeinromanischer Darstellung des Entwicklungsganges
wäre viel unmittelbarer zutage getreten, daß nur ein ganz kleiner
Teil der Ableitungen wirklich vorromanisch, also in lateinischer
Form, anzusetzen ist. Die große Mehrzahl ist einzelsprachlich,
französisch, und stammt aus viel späterer Zeit, als VovL anzu-
nehmen scheint. Soll wirklich ein Typus *baronalimente baronaliu
angenommen werden für barnaill Gar nicht zu reden von
*baronalia für das durch die Bewahrung des o als gelehrte Bildung
gekennzeichnete baronaille. Oder gar *baronitiare für baronisier,
dessen Bedeutung ,,transformer un fief en baronnie" doch einen
lateinischen Ansatz ganz ausschließt. Daß barner, berner (S. 69)
auf -ariu zurückgcfühi-t werden, ist gewiss nur ein lapsus calami;
aber auch -are braucht und soll man nicht ansetzen. Sicher
88 Referate und Rezensionen. Frilz Krüger.
all ist seiner Form und Bedeutung nacli embarnir (jrsturken,
in mannbares Alter kommen; und auch barnage dürfte eine vor-
JVanzösisclie Bildung sein. Waren nun zwei alte Bildungstypen
vorhanden, so konnten alle anderen Ableitungen nach der Pro-
portion ber — baron — barnage (bernagc) — embarnir gebildet
werden. Sie sind wohl sämtlich französische analogischc Bil-
dungen. Auch die Wanderung der französischen Wörter in die
übrigen romanischen Sprachen wäre bei anderer Gruppierung
schärfer hervorgetreten. So sp. baronaje (S. 119).
Der in semantischer Hinsicht sehr ansprechenden Deutung
des picard. coromharon aus ciiramus baronem steht meines Er-
achtens zweierlei entgegen, das o aus ü und das Fehlen des Artikels,
der in einer solchen Bildung doch zu erwarten wäre; denn für die
Zeit, die in so einem Falle den Artikel noch nicht setzte, kann
die Bedeutung baron — ,,Herr" kaum angenommen werden.
W i e n. Elise Richter.
Togel, E. Taschenwörterbuch der katalanischen und deutschen
Sprache. Mit Angabe der Aussprache nach dem pho-
netischen System der Methode Toussaint-Langenscheidt.
/. Katalanisch- Deutsch. Berlin- Schöneberg, I.angen-
scheidt. 1911.
Wenn der deutsche Interessent für das moderne katalanische
Idiom bisher bei dem Versuche, über dessen Wortschatz Aufschluß
zu erhalten, zu katalanisch-kastilischen Wörterbüchern greifen
mußte, so wird er es entschieden als Erleichterung und Förderung
seiner Studien empfinden, in einem praktisch angelegten und
der Methode nach wohl erprobten Wörterbuch, das die Bedeutung
der Fremdworte in unsrer Muttersprache ausdrückt, Rat holen
zu können. Der Wissenschaftler wie der Praktiker wird freudigst
Vogels mühsame, aber erfolgreiche Arbeitsleistung anerkennen.
Jahrelange Studien hat der Verf. verwandt, um eine mögUchst
allen zweckdienliche Auslese des modernen (z. T. auch ver-
alteten) katalanischen Wortschatzes dem deutschen Publikum
vorzulegen. Geschöpft ist das Wortmaterial aus den bekanntesten
katalan. Autoren jeder Gattung. Dabei war der Verf. beflissen,
das notwendigste an technischen Ausdrücken dem Ratholenden
nicht vorzuenthalten. Besonderen Wert erhält das Werkchen
durch die gewissenhafte, in den Hauptzügen an Schädel,
Manual de fonkica catalana angelehnte phonetische Transkription
zahlreicher Wörter. Zur allgemeinen Orientierung wird ein
knapp gehaltener Bericht über den — vielleicht doch nicht ganz
so einfachen — Lautstand des Katalanischen in im allgemeinen
einwandfreier Form gegeben. Darauf folgt eine längere Reihe
transkribierter Musterwörter, die zur Erkenntnis der Eigen-
tümlichkeiten der katalanischen Phonetik anleiten sollen, iß»
Neuere Belletristik. 89
ist zu beachten, daß der Verf. die Aussprache der Zentrale Bar-
celona darstellt, indessen in durch die Anlage des Werkes wohl
begreifUcher Weise darauf verzichtet, die Charakteristika der
anderer Verkehrszentren (Valencia, Perpignan) mitzuteilen.
Durch eine knappe systematische Darstellung der orthogra-
phischen Eigentümlichkeiten und Schwankungen des Idioms
und insbesondere der im Wörterbuche selbst befolgten Schreib-
weise hätte der Verf. entschieden den Benutzer verpflichtet.
Vorausgeschickt ist dem Wörterverzeichnis endlich eine Über-
sicht des Wichtigsten aus der verbalen Flexionslehre.
Jedenfalls wird philologischer Fachmann wie Laie dem
Verfasser herzhchen Dank für seine tüchtige Arbeit wissen und
ihn mit besten Wünschen bei der Bearbeitung des zweiten (deutsch-
katalanischen) Bandes begleiten.
H a m b u r g. Fritz Krüger.
Xeuere Belletristik.
€waubei*t, I^6o. Hcloise Bion. Roman. 266 S. Paris,
Bernard Grasset. 1911. .3,50 frs.
D'Ellivegop, Pierre. Un Cri dans Vlnfini. R<unan. 2. Ed.
340 S. Ebenda. 1911. 3,50 frs.
Aiiby, Octave. Soeiir Anne. 315 S. Paris, Libr. Plön
NourriL et Cie. Olme Jahreszahl. 3,50 frs.
fjienianx, Cliarles. Les Deux Chälelaines. Roman. 3. Ed.
294 S. Paris. Bernard Grasset. 1911.
Bearn. Andree. Jean Barette. 149 S. Paris, Eugene
Figuiero ol Cie. 1912. 3,50 frs.
Brydon, Josepli. Dans l'Ombre dn Coeur. Roman.
242 S. Paris, Eugene Figuiere et Cie. 1912. 3,50 frs.
Willy. Lelie. Fumeuse d'Opium. Roman. 316 S. Paris,
Albin Miciiel.
Ein paar Proben moderner französischer Erzählungsliteratur.
Längst nicht zalilrcich genug und viel zu sehr zufällig zusammen-
ijestellt, um ein Bild der in ihr lebendigen Stimmung zu geben.
Aber doch geeignet, ein paar Schlaglichter zu werfen, ein paar
RichtUnien zu zeigen. Ich sage gleicli: wir finden liier weder das
Beste, was sich heutzutage im französischen Roman bietet,
noch auch das Schlechteste. Wir bleiben zwischen den Extremen.
Ob sehr weit von dem einen oder dem anderen ? Eine kurze
Einzelcharakterislik möge antworten.
Rangiere ich nach dem inneren Gehall. so steht G a u b e r t s
Heloise Bion obenan. Auf engem Raum ein Kullurbild von
nicht unbedeutendem Wert. Thema: Wie eine moderne Heilige
90 Referate und Rezensionen. M. Schian.
wird. Oder vielleicht besser: wie sie gemacht wird.
Eine BauernfamiUc, die durch allerhand Umstände degeneriert
ist, pflegt die Überlieferung, daß aus ihr eine Heilige hervor-
gehen wird. Das untrügliche Zeichen, an dem sie zu erkennen
sein wird, glaubt Sagette Bion an ihrer Tochter entdeckt zu
haben. Die Tochter erfährt davon; kein Wunder, daß sie bald
die heilige Jungfrau sieht. Fille, soeur, cousine d'alcooliques,
d'epileptiques, de demoniaques, d'hydrocephales, de culs-de-
jatte et de cretins, Heloise Bion etait forcee de voir la Saintc
Vierge. Man erwartet von ihr alsbald ein Wunder: die Heilung
emes kranken Brüderchens. Aber der Kleine stirbt, und Heloise
wird verrückt. Wie die Verwandten, die Eltern, der ältere Bruder,
der Arzt geworden ist, wie der Pfarrer, der Ortsarzt, der Kammer-
deputierte, das Volk sich zu diesem Phänomen stellen, das alles
ist in knappen Zügen, mehr in der Art von einzelnen Bildern,
jedoch in höchst anschauHcher Weise ohne unzeitig sich auf-
drängende Kritik, aber in richtiger Beleuchtung gezeichnet. Die
Darstellung trägt das düstere Gepräge, das zum Inhalt stimmt;
sie weiß, ohne besondere Kunstmittel, wirksam die Spannung zu
steigern. Also ein Kultur- oder Unkulturbild, das zu denken gibt
und das in seiner schlichten Sachhchkeit erschütternd wirkt.
Fehlt in Heloise Bion die übliche Liebesgeschichte zwar
nicht ganz, aber doch nahezu ganz, so beansprucht sie in D'E 11 i -
V e g 0 r's Un cri dans l'Injini die führende Rolle. Ein Arzt
aus guter Familie wird durch eine Allumeuse in Glut versetzt
und ruiniert, um sie zu besitzen, sein Glück, seine Frau, sich
selbst. Der völlig Verrannte wird durch einen verständigen Freund
vergebUch gewarnt. Also durchaus nicht eine Fabel von be-
sonderer Tiefe. Das Besondere hegt in der Psychologie der
Allumeuse, die mit großer Genauigkeit ausgearbeitet ist, und
in der des von ihr faszinierten Mannes. Man liest nicht ohne
Teilnahme und kann doch den Mann, der gar so sinnlos in sein
Verderben rennt, nicht ohne Kopfschütteln betrachten. Wert-
voller als dieser Erzählungsgang ist die vielfach sehr gelungene
Schilderung von Land und Leuten, von Gegend und Stimmung.
Von Interesse ist, daß eine ganze Reihe interessanter und ak-
tueller Momente verwandt werden: das Geschick eines exkom-
munizierten Modernisten, allerhand Motive der PoUtik. Dem
ganzen Buch ist Verve der Darstellung und psychologische Energie
nicht abzusprechen.
Noch besser innerlich begründet ist der Gang der Dinge in
Soeur Anne von A u b r y. Eine junge Witwe unterhält ein
zartes Verhältnis mit einem gleichfalls jungen Advokaten.
Während er unbeständig und oberflächUch ist, liebt sie ihn mit
einer alles andere vergessenden Liebe. Seine Untreue führt endlich
zur Katastrophe. Was dieser Entwicklung etwas Besonderes
gibt, das ist zunächst die gute Psychologisierung einiger der
Neuere Belletristik. 91
handelnden Personen, besonders der liebenden Frau. Immerhin
ragt auch sie nicht über einen guten Durchschnitt hinaus. Wohl
aber wird das Buch durch einen anderen Umstand zu einer Lektüre,
die sich lohnt: durch die Schilderung der Gesellschaft, namentlich
durch den starken Einschlag von Beziehungen zwischen Ge-
sellschaft und PoUtik. Mit Rücksicht darauf darf man, wenn
auch ohne dem Wort umfassende Bedeutung zu geben, von einem
Zeitbild reden, das für Pariser Verhältnisse recht instruktiv ist.
Sehr hübsch, wenn auch im Verhältnis zu dem Gewicht
des Inhalts reichlich breit, erzählt Geniaux in Les deiix
Chätelaines die Erlebnisse eines berühmt werdenden genialen
humoristischen Zeichners, der sich von seinen Einkünften ein
kleines Landschloß kauft. Er verliebt sich in die junge, ver-
witwete Vorbesitzerin, die ihr Heim ganz in der Nähe hat, und
vertieft sich gleichzeitig in den geistigen Verkehr mit einer
Ahnfrau dieser Gräfin, deren Bild in seinem mit Inventar neu-
gekauften Haus hängt und deren Korrespondenz er in einem
Schubfach entdeckt. Aus dem Gegensatz zwischen dem 18. Jahr-
hundert, dem diese Ahnfrau angehört, und der außerordentlich
modernen lebenden Geliebten, aus dem Gegensatz zwischen dem
an Paris gewöhnten Künstler und dem Landschloß, endlich
aus dem Tun und Treiben der vielseitigen, für Sport und
Landleben, für Kunst und Praxis interessierten Gräfin ergeben
sich eine ganze Reihe abwechslungsreicher und amüsanter
Szenen, die Geniaux recht flott zu schildern weiß.
In Jean Darette erzählt B e a r n gleichfalls die Geschichte
einer Liebe. Einer höclist eigentümlichen. Der Stiefsohn,
der die Stiefmutter erst als Erwachsener kennen lernt, faßt
tiefe Zuneigung zu ihr, die an der Seite des ganz der Wissenschaft
lebenden Gatten eine große Sehnsucht nacii dem Glück in sich
trägt. Über die Entdeckung des Geheimnisses wird die junge
Tochter der Stiefmutter zur Wissenden; zugleich endet tlamit
die äußere Entwicklung. Das Ganze ist, so wenig anmutend der
Gegenstand ist, mit großer Feinheit erzählt, mit einem reichlichen
Aufwand von Gefühl und mit einer Art von tragischem Grundion.
Und Bearn iiat es verstanden, in die Erzählung allerlei zu ver-
weben, was ihr größeren Reiz verleiht als diese selbst. Ich liebe
ganz besonders die Schilderung des Eindrucks hervor, den Paris
auf den in der Provinz erzogenen jungen Mann macht. Jean
fait la decouverte de Paris. II part chaque jour droit devant
lui, les yeux et le cocur en fete. . . Namentlich in diesen Partien
erhebt sich der Erzähler gar nicht selten zu poetischem Schwung,
zu dichterischer Kraft; wir sehen, wir erleben unter seiner Führung
Paris: Mais regardez donc! Que ceux qui ont des yeux les
ouvrent! l'histoire, la science, la poösie, Tart... tout un passe
de gloire, tout un present de fievre et d'ölan vers le mieux
Um dieser Kapitel willen habe ich^das Buch gern gelesen.
92 Referate and Rezensionen. Augiisl Sinrmfels.
Eine gewisse Ähnlichkeit mit der Fabel dieses Romans
hat die des Brydonschen Werks Dans l'Ombre du Coeur.
Auch hier handelt es sich um eine höchst seltsame Neigung:
nämlich um die eines jungen Mädchens zu seinem Onkel, der
in Wirklichkeit sein Vater ist. Die Sache ist aber so deUkat
behandelt, wie bei diesem Stoff nur möglich ist; Charakteristik
und insbesondere Psychologie sind mit Feinheit durchgeführt;
die Handlung gewinnt erst ganz zuletzt etwas Sensationelles.
Der Ausgang ist der unter solclien Umständen zu erwartende:
Das Mädchen geht ins Kloster. \on allgemeiner Bedeutung
ist manches, was in ziemlich ausgeführten Gesprächen über
Kunst, Theater, Schriftstellerei gesagt ist.
W i 1 1 y's Lelie grenzt an eine Art Literatur, die man
ungern zur Hand nimmt. Auch in Un cri dans l'infini, auch
in Soeur Anne finden sich einige zweifelhaft-unzweifelhafte
Situationen. Aber Lelie ist ganz auf solchen aufgebaut. Die
Handlung hat eben deshalb keine irgend tiefere Bedeutung.
Für den, der die belletristische Literatur nicht liest, um zu lesen,
sondern um zu lernen, der also die französisclien Romane benutzt,
um das französische Volk zu studieren, hat natürlich auch dieser
Roman seinen Wert, weil er die Halbwelt olme allzu große Breite
in sehr charakteristischen Typen auftreten läßt und die Pariser
Opiumhöhlen detaiUiert beschreibt. Wem an solcher Kenntnis
liegt, der mag die schwülen Szenen vielleicht in Kauf nehmen.
Zum Ganzen des französischen Volks gehört ohne jeden Zweifel
auch der Teil, der in diesem Roman vor uns erscheint.
Das scheint mir ja überhaupt der Gesichtspunkt zu sein,
unter dem wir Deutschen (nicht nur, aber doch sehr stark) den
französischen Roman zu betrachten haben: er lehrt uns Volk
und Land kennen, er hilft französisches Empfinden und Handeln
verstehen. Weil und insofern ein Roman das tut, ist er dem nütz-
lich, der ihn rocht zu lesen versteht.
Gießen. M. Schian.
FranzÖKiscbe l.<ektüi*e in neuen ^cliulansg^aben.
1. ^' 0 1 t a i r e , Siede de Louis XIV. Im Auszuge. Erklärt von
Dr. H. G a d e. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1910.
— XXXI -f 251 S. Preis 2,40 Mk.
2. M i c h a u d , Influence et Resultats des Croisades. Für den Schul-
gebrauch herausgegeben von Prof. Dr. Jade. Leipzig und
Wien. G. Freytag und F. Tempskv, 1911. — 76 S. Preis
1 Mk. Wörterbuch 17 S. Preis 0,30 Mk.
3. Les Memoires frangais du XlXme siede. Moreeaux choisis, recueillis
et annotes ä l'usage des classes par M. G r a t a c a p , prof.
ä l'acad^mie consulaire imp. et roy.. charg^ de cours ä l'uni-
versite de Vienne. I. L'Histoire. Wien und Leipzig, F.
Temp.sky und G. Freytag, 1911. — 180 S. Preis 1,70 Mk.
Französische Lektüre in neuen Schulausgaben. 93
4. A I j) h 0 n s e Daudet, Aventures prodigieuses de Tartarin de
Tarascon. Für den Schulgebrauch herausgegeben von Dr.
O. H. Brandt. Leipzig und Wien, G. Frevtag und F.
Tempsky, 1911. — 125 S. Preis 1,20 Mk.
5. C y p r i e n F r a n c i 1 1 o n , Un mois en France. Hannover-
Berlin, Carl Meyer (Gustav Prior), 1910. — VII + 210 8.
Preis brosch. 2,00 Mk., kart. 2,25 Mk.
6. Recueil de Poesies fraiiQaises du 19me siede, precede d'un choix
de fables de Lafontaine. Für den Schulgebrauch heraus-
gegeben von B. R ö 1 1 g e r s. Mit 19 Abbildungen. Leipzig
und Wien, G. Freytag und F. Tempsky, 1910. — 309 S.
Preis geb. 2,50 Mk.
1, Dem Siede de Louis XIV von Voltaire gebührt trotz
all dem, was hie und da dagegen gesagt worden ist, ein Ehrenplatz
im Kanon unsrer französischen Schullektüre; ist es doch eine in klassi-
scher Sprache geschriebene, überaus anschauliche und zugleich kritische
Darstellung der glänzendsten Epoche der französischen Geschichte
aus der Feder eines der scharfsinnigsten und anregendsten Geister
aller Zeiten. Über die Behandlung dieses Werkes habe ich mich an
andrer Stelle (Fries und Menge, Lehrproben und Lehrgänge, Heft 65,
Oktober 1900, S. 52 — 79: Die französische Lektüre in Obersekunda
und Prima des Realgymnasiums) eingehender ausgesprochen. Die
Schwierigkeit der Einführung liegt besonders in der Verlegenheit der
Auswahl aus dem umfangreichen Werke, die sich auch in den ver-
schiedenen Schulausgaben widerspiegelt. Die ältere, von Pfundheller
besorgte Weidmannsche Ausgabe, sowie die von Schmager besorgte
.\usgabe bei Velhagen & Klasing, verteilten den Stoff auf zwei Bänd-
chen, von denen doch immer nur das eine oder das andere zur Semester-
lektüre gewählt werden kann. Die Ausgabe von O. Kahler (Leipzig,
G. Freytag) umfaßt die Geschichte Frankreichs und Europas während
des spanischen Erbfolgekrieges und die Schilderung der Lage der
französischen Monarchie während ihrer größten Machlentfaltung,
enthält also nicht die schönen Kapitel über Ludwigs erste Feldzüge in
Flandern, Franche-Comte und Holland. Die vorliegende neue ein-
bändige Bearbeitung von Gade gibt von den 39 Kapiteln des Original-
textes 23 in mehr oder minder starker Kürzung, indem sie auf Voltaires
Auseinandersetzung mit seinen Quellen und auf alles dem Gange der
großen Ereignisse Fernstehende und den Schüler nicht Interessierende
verzichtet hat. Es sind dies folgende Abschnitte: die Einleitung,
18 Kapitel Kriegsgeschichte (Flandern, Franche-Comte, Holland,
Kämpfe von 1672—1678, Raub Straßburgs, Pfälzischer Erbschafls-
krieg. Spanischer Erbfolgekrieg), 2 Kapitel über Handel und Finanzen,
das Kapitel über Schöne Literatur und Künste und die Geschichte
der Aufhebung des Edikts von Nantes. Gade schmeichelt sich, so
einen Auszug geschaffen zu haben, der bei teils statarischer, teils
kursorischer Lektüre dem Schüler einen Gesamtüberblick über die
Zeit Ludwigs XIV. in einem Semester vorführen könne. Ich kann
seinen Optimismus nicht teilen; denn das Bändchen ist so umfang-
reich, daß es bei statarischer Lektüre nicht in einem Jahre, bei kur-
sorischer Lektüre nicht in einem Semester bewältigt werden kann;
auch spricht der hoho Preis gegen die Wahl zur ' Semoslerlektüre.
Warum hat Gade sich nicht einfach entschlossen, auf die langweiligen
Kapitel über die vielen Schlachten des spanischen Erbfolgekrieges
zu verzichten, dessen Vorlauf der Lehrer ja in kurzem Rosunu^ geben
kann? Die Streichung dieser Abschnitte ist in jeder Hinsicht ge-
rechtfertigt: die Verfolgung dieses Kriegs wirkt nach Behandlung
der vorhergehenden, uns Deutsche näher berührenden Kämpfe höchst
ermüdend; die sprachliche Seite und die Art der Betrachtung und
94 Krjcnde und Rezensionen. August .Sturmfels.
Kritik bieten niclits neues mehr. Das Bändchen wäre dann um
ca. 60 Seiten kürzer und entsprechend billiger geworden und hätte
entschieden empfohlen werden können, zumal alle übrigen Abschnitte
gut gewählt und gekürzt sind und der Kommentar im allgemeinen
die richtige Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig einhält. — Da die
bei Renger und Teubner erschienenen und von Foß, bezw. Ellinger
kommentierten Auszüge aus Voltaires Siede de Louis XIV nur den
spanischen Erbfolgekrieg behandeln, der wohl ziemlich allgemein
als Schullektüre zurückgewiesen wird, so ist unter den obwaltenden
Verhältnissen die Verbindung des ersten Bändchens der Velhagenschen
Ausgabe mit der Ausgabe von Seidl [les Arts et les Sciences dans le
siede de Louis XIV, Leipzig, B. G. Teubner, 1878; 0,30 Mk. — neu
erschienen ?) immer noch am meisten zu empfehlen.
An Einzelheiten ist für die Ausgabe von Gade folgendes zu be-
merken: Druckfehler: S. 3, 22 grand statt grands, S. 16, 2
le statt de, S. 18, 28 ei>ec statt aoec, S. 27, 2 nourissait statt nourrissait,
S. 32, 1 destait statt restait, S. 44, 5 digerees statt dirigees, S. 167, 18
contraierent statt contrarierent. — Warum ist S. 47, 14 statt der falschen
Form Saltzbach nicht gleich das richtige Sassbach in den Text gesetzt
v/orden? Wollte docli Voltaire selbst für die authentische Form
fremder Eigennamen keine Gewähr geben; man vergleiche nur Con-
sarbruck 47, 23; Donavert 117, 5; Franckendal 71, 16; Kins 52, 15;
Pleintheim 123, 5. — Die Lage der Plätze Philipsbourg 42, 30, Sins-
heim 42, 31, Tanu 43, 18 u. a. durfte genauer bestimmt werden. —
2. Dies Bändchen, eine geschickt getroffene Auswahl aus dem
22. Buche der Histoire des Croisades par M i c h a u d , verdient wegen
der klaren Sprache und des kulturgeschichtlichen Inhalts, in der Prima
unsrer Vollanstalten gelesen zu werden. Es gewährt dem jugend-
lichen Leser nicht nur einen Blick in die Lebensverhältnisse des Mittel-
alters, sondern weckt in ihm auch das Interesse und Verständnis für
geschichtliche Vorgänge überhaupt, indem die wechselseitigen Be-
ziehungen und Zusammenhänge der politischen Ereignisse in West-
europa klar dargelegt werden. Es würde also dieselbe Beachtung
verdienen, wie das entsprechende Bändchen von Hummel (Renger,
Leipzig), wenn der Text nicht durch auffallend viele Druckfehler
entstellt wäre. An solchen habe ich mir angemerkt: S. 17, 6 leur
statt leurs, 27, 26 äge statt äge, 31, 6 a statt la, 33, 24 chauque statt
chaque, 40, 5 cote statt cöte, 41, 26 des statt de, 72, 8 KaH V. statt
VII., 73 Mitte traveserent ohne r, le lignes statt les lignes, 74, 10 Tatares
statt Tartares, 76, 9 Amorique statt Armorique; im Wörterbuch S. 3
aieul ohne Trema, S. 15 saintete statt saintete, S. 16 sepulture statt
sepulture. — Im Kommentar mußten französische Wörter und Wen-
dungen durchaus durch kursiven Druck von dem deutschen Text
unterschieden werden. Die Anmerkungen sind im allgemeinen treffend
und an richtiger Stelle gegeben; nur die Erklärung zu 7, 25 (la langue
des Francs) ist weniger gelungen, indem der Kern der Sache erst am
Ende des langatmigen und unnötigen Überblicks über die französische
Geschichte folgt. — Das Wörterbuch (bei seinem geringen Umfang
unverhältnismäßig teuer und übrigens unnötig, da der Text doch nur
für Primaner in Betracht kommt, die ein größeres Wörterbuch be-
sitzen müssen) mußte das Prinzip durchführen, wonach die Bedeu-
tungen in der Reihenfolge ihrer Entwicklung aus der Grundbedeutung
zu geben sind: also le sexe Geschlecht, das schöne Geschlecht, die
Weiber. Das Wort vilain (38, 19) fehlt im Kommentar und Wörter-
buch.
3. Nachdem Auszüge aus den fesselnden Memoiren des Generals
M a r b 0 t rasch nacheinander in verschiedenen Schulausgaben (die
Velhagensche Ausgabe, von Hanauer besorgt, gibt die Erlebnisse des
Jahres 1809, ebenso die von Steinbach besorgte Perthessche Ausgabe;
Französische Lektüre, in neuen Schulausgaben. 95
die bei Renger erschienene Ausgabe von Stange enthält die Abschnitte
über den Rückzug aus Rußland und die Schlacht bei Leipzig; außer-
dem gibt es einen Auszug von Roeth in der Sammlung von Klapperich,
C. Flemming-Glogau) unseren Schulen zugänglich gemacht worden
waren, lag es nahe, die französische Memoirenliteratur des 19. Jahr-
hunderts überhaupt auf ihre Verwendbarkeit für unsere Oberklassen
zu prüfen und für den Unterricht heranzuziehen. Der erste mir be-
kannt gewordene Versuch in dieser Richtung, das vorliegende Bändchen
von M. Gratacap, ist, wenn auch nicht durchaus gelungen, jedenfalls
sehr beachtenswert, indem der Herausgeber mit Ernst und nicht ohne
Erfolg sich bemüht hat, in chronologisch geordneten Auszügen aus
Memoiren einen Einblick in und Überblick über die wichtigsten Er-
eignisse der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts zu geben.
Das Bändchen kann somit als Parallele zu den ,, Memoiren der Revo-
lutionszeit", herausgegeben von W. Hanauer, Velhagen & Klasing,
1904 (besprochen von mir in Behrens' Zeitschr. f. frz. Sprache u. Lit.
Band 29) angesehen werden. — Die Auszüge aus den Memoiren der
Mme de R6musat besprechen die Person Napoleons, seine allgemeine
Bildung, sein persönliches Auftreten und seinen literarischen Geschmack.
Aus den Memoires d'un Aide-de-Camp de Napoleon von S6gur, dem
Verfasser der bekannten Histoire de Napoleon et de la Grande Armee
en 1812, ist eine Episode aus der Schilderung des Kampfes bei Somo-
Sierra in Spanien gewählt. Marbot ist leider nur durch einen kurzen
Bericht über seine Erlebnisse bei Eylau vertreten. Nach St. Helena
führt uns ein Abschnitt aus Las Gases, Memorial de Sainte- Helene.
Die Zeit der Restauration ist in Auszügen aus den Memoires de la
Comtesse de Boigne (1. Entree ä Paris de Louis XVIII, 2. Assassinat
du Duo de Berry, 3. Mort et funerailles de Louis XVIII, 4. Sacre de
Charles X) vertreten. Die Revolutionen der Jahre 1830 und 1848
sind gut gekennzeichnet durch Abschnitte aus den Memoires du Chan-
celier Pasquier, bezw. aus G u i z o t, Memoires pour servir ä Vhistoire
de mon temps. Die Zeit des zweiten Kaiserreichs ist durch zwei Ab-
schnitte aus d u B a r a i 1, Mes Souvenirs vertreten, den minderwertigen
,,A la table de V Empereur" und den vorzüglichen ,,les Responsabilites
de la guerre de 1870 — 71". Die kolonialen Kämpfe, Arbeiten und
Hoffnungen der französischen Expansion in Nordafrika endlich schildern
sehr anschaulich la prise de Zaatcha, aus Canrobert, Souvenirs
d^un siede, par G. B a p s t, ausgewählt, und la vie exotique au Sahara
aus „le Commandant Lamy, par le colonel R e i b e 1 1". — Der Kommen-
tar, in französischer Sprache verfaßt mit vereinzelten deutschen Über-
setzungen, gibt des Guten zu viel, zumal das Bändchen ja doch nur
für Prima und für Studenten bestimmt ist. Im besonderen konnten
alle diejenigen Stellen wegfallen, wo trotz der französischen Erklärung
ohne die beigefügte Verdeutscliung für den Lernenden keine Klarheit
geschaffen worden wäre. Noch weniger als im Kommentar konnte
der Herausgeber in den den Texten selbst vorausgeschickten Ein-
leitungen seiner Erklärungssucht Zügel anlegen. Wozu die lang-
atmigen, mehr oder woniger geistreichen und abstrakten Plaudereien
über den Stil und Charakter der verschiedenen Memoiren ? Sie nelimen
etwa 15 Seiten ein, und dieser Platz wäre besser einer konkreten Stelle
aus diesem oder jenem Memoirenwerk, etwa aus d'Hörisson,
Journal d'un ojjicicr d'ordonnance, eingeräumt worden. — Unverzeiiilich
groß ist die Zahl der Druckfehler: S. G, 11 fut statt /»/, S. 16, 19 fehlt
ne vor me, S. 29, 11 frace statt trace, 30, 28 coüle statt coütc, 30, 32
quatres statt qualre, 31, 4 mauvaise statt mauvais, 32, 14 morechall
statt marechal, 36, 21 me statt mes, 36, 36 fis statt fis, 39, 23 dilt statt
dut, 39, 29 rouvenirr statt Souvenirs, 39, 30 magments statt fragntcnts,
29, 31 sele statt mele, 39, 32 jmphalique statt cmphatique, 40, 31 il
statt ils, 42, 7 lies statt lies, 43, 27 voulait statt voulais, 55, 26 avcnement
96 /iefcrah' und Itezcnsioncii, Anf^nsl Slurnifels.
statt e, 58, IIa statt ä, 60, 20 // statt üs, 61, 18 connaissance statt mit i
lind dit statt dit, 61, 25 faissait statt faisais, 71, 30 /e statt /a, 71, 33
/e statt la, 72, 23 tsoses statt isoles, 72, 24 /j/.st7/ statt fusils, 72, 27 ter
statt les, 74, 15 fussillade statt Jusillade, 89, 12 aperQut statt apergut,
89, 22 /a statt T, 96, 29 /«t statt /u<, 99, 18 quelqes statt quelques, 99, 27
/?es statt /?e-, 99, 28 /j/u- statt plus, 103, 36 circonstantes statt circon-
stances, 105, 25 bonhomie statt mit mm, 111, 35 /e statt /es, 116, 11
dates statt dattes, 131 Mitte rfe /a statt rfe lä, 132 zu 22 /ewr statt leurs,
147, 14 rfe statt du, 149, 14 pres statt pres, 152, 2 faissait statt faisait,
166, 5 e^re statt e//-e, 166, 17 ä statt a, 170, 10 von unten an statt ou,
175 france statt franco, 178, 4 joar statt poMr, 179, 2 von unten mon-
lagueuse statt montagneuse, 181, VI /e statt la. —
4. In dieser mit Geschick und Folgerichtigkeit gekürzten Aus-
gabe des Tartarin de Taroscon ist die ßaia-Episode mit Recht voll-
ständig gestrichen worden — wie Aymeric es in seiner Ausgabe (Ren-
gersche Sammlung) getan. Was die Behandlung dieses Romans in
deutschen Schulausgaben überhaupt anlangt, so verweise ich hier auf
meine eingehenden Ausführungen in Band 24, S. 92 und Band 27,
S. 193 dieser Zeitschrift. — In der etwas lang geratenen Einführung
(Daudets Leben und Hauptwerke behandelnd) ist der Ausdruck
,, Studienmeister" (S. 9) für maitre d'etudes selir nichtssagend. Die
Beigabe des Kapitels über die Geschichte des Romans aus Daudets
Trente Ans de Paris (Histoire de mes livres) ist dankbar zu begrüßen.
Der Kommentar gibt zu keinen Ausstellungen Anlaß; bei der An-
merkung zu S. 38, 18 — 19 ist außer acht gelassen, daß auch charger
doppelsinnig gebraucht ist; Genaueres darüber in dieser Ztschr. Bd. 27.
S. 194. — Unverzeihlich groß ist die Zahl der Druckfehler: S. 4, 6
Beaulten statt Beaulieu, Tunesie statt Tunisie, 18, 5 le plain-pied
statt de plain-pied, 21, 22 joine statt joijit, 25, 3 lourdes apres-midi
statt lourds apres-midis, 41, 20 des statt les, 41, 35 petit statt petite,
43, 29 des statt de, 57, 31 ils statt i7, 69, 30 pres statt pres, 79, 23
seulements statt seulement, 90, 16 fraiche statt fraiche, 98, 10 comme
statt connue, 102, 6 Part statt Port.
5, Statt, wie z. B. R. Krön dies in le Petit Parisien und in ,,fran-
zösische Sprechübungen'''' getan, den Wortschatz und Tatbestand der
Vorgänge und Verhältnisse des alltäglichen Lebens in trockenen Zu-
sammenstellungen nach bestimmten Gesichtspunkten (Besuch, Läden,
Gasthäuser, Mahlzeiten, menschlicher Körper, Wohnung, Wetter,
Zeiteinteilung, Reise, Unterricht, Handel, Verwaltung, Heer u.sw.) zu
geben, führt uns Un mois en France dies alles in einer Erzählung vor.
Sie ist zwar nicht reich an Handlung — ein junger Deutscher reist
nach Grenoble und macht mit der Familie des Professors, bei der er
in Pension lebt, Ausflüge in die nähere und weitere Umgegend der
Stadt, um zum Schluß über Paris nach Deutschland zurückzukehren — ,
auch ist die in Gesprächsform erfolgende Belehrung über die ver-
schiedenen französischen Realien oft sehr unvermittelt und gezwungen ;
doch dürfte die Form der Einkleidung unsere Schüler immerhin mehr
ansprechen als die oben charakterisierte Art. Bei all dieser Anerken-
nung müssen wir jedoch eine Reihe von Ausstellungen machen. Der
Verfasser bringt — gewöhnlich in kursivem Druck und damit um so
aufdringlicher und unangenehmer — eine Fülle von seltenen und
derberen Wendungen der Umgangssprache, die man unseren Schülern
neben dem vielen Wichtigen und Unentbehrlichen gern erspart. Hier
einige Beispiele: etre dans sa mauvaise lune, courbaturer, tourner en
eau de boudin, ingurgiter, avoir du bagon, ä niine de fouine, sentir Vesto-
mac dans les talons, jouer des mächoires, un bavardage ä bätons rompus,
mettre les bouchees doubles. Besonders auf derbere Ausdrücke für die
Arten des Essens scheint es der Verfasser abgesehen zu haben, ohne
zu fühlen, daß er damit dem Geschmack seiner französischen Lands.
\Frunzösis('he LeUiire in neuen Schiilttusgaben. 97
leute kein gutes Zeugnis ausstellt. Noch drolliger wirkt oft die im
beigelugten Vocabulaire gegebene Verdeutschung: S. 164 coller geben
(ohne die Grundbedeutung „kleben" und den Übergang „ankreiden"),
S. 177 jaire son deuil de qc. etwas in den Schornstein schreiben (an
der betreffenden Stelle unpassend; ohne Angabe von le deuil Trauer),
S. 210 faire reläche geschlossen! (statt schließen und ohne Angabe
von la reläche), S. 181 sentir son estomac dans les talons sehr hungrig
sein (ohne Angabe der Grundbedeutungen!), S. 150 mettre les bouchees
doubles große Bissen in den Hals stecken, S. 182 saute aufschwitzen
(statt Ragout!). Die Charakteristik des Pariser Lebens (S. 151) mit
ihren vagen Redensarten und ihren Anzüglichkeiten wäre besser au.s
diesem doch für Schüler bestimmten Buche weggeblieben. Unver-
zeihlich ist auch die große Zahl der Druckfehler: S. 4 trainquille statt
tranquille, S. 10 promanade statt promenade xind jojeux statt joyeux,
S. 20, 5 V. u. failli statt faillit, S. 24, 4 v. o. portrait statt portait,
S. 40 inlerloculeur, S. 41 aprocher statt mit pp, S. 62 portrait statt.
portait, S. 64 remplissati statt remplissait, S. 6,5 couter statt coüter,
S. 76, 1 V. u. eu statt eut, S. 115 j'aillais statt fallais, S. 137, 9 v. o.
nouveaux statt nouveau, S. 140, 9 v. u. le statt la, S. 165 gut-edel
statt Gutedel, S. 181 Herde statt Herd, S. 182 saute statt sauter. — ■
Die Zeilenzählung am Rande durfte nicht unterbleiben.
6. Zu den älteren Sammlungen französischer Gedichte, als da
sind ,, Sammlung französischer Gedichte für deutsche Schulen'' mit Bio-
graphien, Anmerkungen und Wörterbuch von E. W a s s e r z i e h e r
(Leipzig, R. Gerhard, 1902), Choix de Poesies par E. B u r t i n (Berlin.
F. A. Herbig, 1903) und besonders Choix de Poesies fran^aises, Samm-
lung französischer Gedichte von T h. Eng wer (Bielefeld, Velhagen
& Klasing, 1906), sowie Poesies franQaises von F. J. W e r s h o v e n
(Berlin, Weidmann, 1908) tritt jetzt diese neue Sammlung von
R ö 1 1 g e r s. Abgesehen von Lafontaine, dem 17 Seiten eingeräumt
sind, und von A. Chönier, der durch drei Gedichte vertreten ist, be-
schränkte sich der Herausgeber so wie Engwer und Wershoven auf
Dichtungen des 19. Jahrhunderts. Alle nennenswerten Dichter sind
durch eine oder mehrere Proben vertreten. Doch sind dabei zwei
Momente außer Acht gelassen, auf die es bei solchen Sammlungen
ankommt: das epische Element ist zugunsten des lyrischen zu kurz
gekommen, und die Rücksicht auf den Wunsch, möglichst viele Dichter
zu Wort kommen zu lassen, hat unwillkürlicii zur Vernachlässigung
der größten Dichter geführt. Unsres Erachlens konnten z. B. Sainte-
ßeuve, Bouilhet, Grenier, Merat, Rollinat, Guyan und Mme Rostand
vollständig unberücksichtigt bleiben, um Größen wie Beranger, Victor
Hugo und Coppee größeren Platz zu überla.ssen. Der jugendliche
Leser hätte dann ein vielseitigeres Bild von ihrer Kunst erlangt. Von
Böranger felilen z. B. die charakteristi.sciien Gedichte Ma Vocation,
le vieux Menetrier, les Oiseaux; von V. Hugo fehlen le siede avait deux
ans, Lorsque t Enfanl parait, f Expialion II. und III., Napoleon IL, —
und von Copfx^e fehlen die ergieifeiiden Gedichte la Grrve des Forgerons
und la Veillce.
In der Ausstattung ist das Bändchen bescheidener als die Samm-
lung von Engwer, deren Porträts größer und schärfer sind. — Der
Kommentar, in deutscher Sprache verfaßt, zeugt durchaus von den»
pädagogischen Geschick des Herausgebers. — Die wichtigsten Regeln
der Metrik sind in französischer Sprache gegeben, wie auch die alpha-
betisch geordneten biographischen Notizen.
Ztsclir. r. frz. .Si)r. u. Lill. .\..K.\IX
98 Hejcrale und Rezensionen. AugnsL Sliirmfels.
Jfieue I^elirbüclier der fVanxÖNiNcben Npracbe.
1. .1. E. P i c h o n (officier d'acad^mie, charg6 de cours ä l'universit^
tcheque de Prague), Premieres LeQons de Vocabulaire et (V Elo-
cution. Edition orn^e de nombreuses illustrations. J. Biele-
felds Verlag, Freiburg in Baden. 1911. — 143 S. Preis 2 Mk.
2. C. Pilz, Seminaroberlehrer in Zschopau, E. Moilenhauer,
Mittelschullehrer in Cöpenick, und Mlle Math. Ph. de
B e a u p r 6 , prof. ä Montpellier, Lehr- und Übungsbuch
der französischen Sprache, Ausgabe für Mittelschulen. Nach
den ministeriellen Bestimmungen vom 3. Febr. 1910.
Erster Teil (1. u. 2. Jahr). Julius Klinkhardt,
Leipzig, 1911. 224 S. Preis 2 Mk.
Zweiter Teil (3., 4., 5. Jahr). Mit Illustrationen
und einer Karte von Frankreich. 215 S. Preis 2 Mk.
3. Adolf Mager und H. Bornecque, Lehrbuch der fran-
zösischen Sprache für Realschulen, Realgymnasien und ver-
wandte höhere Lehranstalten, Unterstufe (für die ersten zwei
Jahrgänge), mit 8 Abbildungen und 1 farbigen Münztafel.
Wien, F. Tempsky, 1911. 169 S. Preis 2,20 Mk.
1. Die praktischen Ausführungen dieses Buches zeigen mit großem
Geschick, wie man dem Anfänger den konkreten Wortschatz des
alltäglichen Lebens und die Elemente der Grammatik ohne Zuhilfe-
nahme seiner Muttersprache vermitteln kann und wie er im regen
Spiel von Frage und Antwort zur ausschließlichen Verwendung der
fremden Sprache geführt wird. Methodisch bietet das Buch nichts
Neues; doch sei es allen denen, die die Praxis der direkten Methode
in konkreten Beispielen studieren wollen, warm empfohlen.
3. Dieses in erster Linie für Mädchenschulen bestimmte Lehr-
und Übungsbuch zeichnet sich vor allen anderen, mir bekannt ge-
wordenen Werken dieses Gebietes durch eine eingehende, peinlich,
ja pedantisch genaue Gliederung des zu behandelnden Stoffes aus.
Da ist bei jeder Lektion die Aussprache-, Schreib-, Lese-, Konversa-
tions- und häusliche Übung in kleineren und größeren, wohldurch-
dachten Portionen vorgeschrieben. Nirgends fehlt es an allseitiger
Behandlung und Wiederholung des Stoffes. Das Buch wird daher
wohl all den Lehrern willkommen sein, die sich den Gang gern vor-
schreiben lassen und am Gängelband eines bestimmten Verfahrens
wandeln. Dieses Verfahren ist das der neuen Methode. Im ersten
Teil folgt auf einen phonetischen Kursus die Behandlung und Übung
des wichtigsten Wortschatzes und grammatischen Stoffes im An-
schluß an kurze Lesestücke über die Familie, die Schule, den mensch-
lichen Körper, die Tiere und die Jahreszeiten nach Hölzeis Bildern.
Die Grammatik ist deutsch abgefaßt. Auch fehlt es zur Beruhigung
für Anhänger der alten oder vermittelnden Methode nicht an deutschen
Stücken zur Übung des Übersetzens ins Französische. — An Aus-
stellungen möchte ich nur folgende machen: Die Darstellung im Druck
ist oft recht unübersichtlich; z. B. mußte S. 30 und 145 nicht Les
fruits (les prunes) sont-ils (-elles) verts (vertes) ? und c'est moi qui (moi,
je) me suis rendu(e) ä toi gedruckt werden, sondern
les fruits sont-ils verts ?
les prunes sont-elles vertes ?
Moi, je me suis rendu ä toi
C^est moi qui me suis rendu ä toi.
Seite 53 konnte zur Veranschaulichung des Dativs das lange und
verhältnismäßig seltene Wort indispensable vermieden werden bei
der Fassung: les vetements sont au garfon.
Neue Lehrbücher der französischen Sprache. 99
Der zweite Teil des Buches ist als Lesebuch gehalten. Doch
treten in jeder Lektion neben die eigentlichen Lesestücke erzählenden
Charakters Lesestücke, welche, nach ministerieller Bestimmung einen
besonderen Weg einhaltend, das Wichtigste über Hauswirtschaft und
Nahrungsmittel, Frankreichs Handel und Gewerbe, Handwerk, Ver-
kehrswege, Häfen, Post, Kunst, Verfassung vermitteln. Leider sind
diese Stücke alle klein gedruckt. Auch hier ist die Grammatik deutsch
abgefaßt; auch hier fehlt es nicht an deutschen Übersetzungsstücken.
Überall ist Gelegenheit zu allseitiger Verarbeitung und Wiederholung
gegeben. — Zu beanstanden ist die Unübersichtlichkeit des Druckes
der sachlich geordneten Wörterverzeichnisse.
Den Verfassern gebührt die Anerkennung, daß sie mit Fleiß,
Geschick und Umsicht einen reichen Stoff geordnet und allseitig
verarbeitet haben. Wie die Bücher sich in der Schule bewähren, diese
Frage kann erst von der Praxis beantwortet werden.
3. Auch dieses neue Lehrbuch ist streng methodisch geordnet.
Auf eine Einführung in die Lautlehre folgen die verschiedenen Lehr-
einheiten in folgender Gruppierung: Lesestück, Conversation, Exercice,
grammaire. Die Lesestücke sind gut gewählt und in frischem Tone
abgefaßt. Unter conversation stehen Fragen über den eben gebotenen
Stoff; sie werden in der Schule mündlich, zu Hause schriftlich beant-
wortet. Die exercices geben Hinweise für grammatische oder stilistische
Verarbeitung. Die grammatische Errungenschaft gibt Musterbeispiele
und Regeln in französischer und deutscher Fassung, während die
systematische Zusammenfassung der Grammatik auf S. 123 — 145
nur die französische Fassung gibt. — Den Anhängern der alten Methode
ist die Konzession gemacht, daß drei Seiten deutscher Übersetzungs-
stücke gegeben sind. — Da auch die Freunde der Vermittlung ,,auf
Grundlage der Anschauung" zu Wort kommen sollten, hat man eine
kurze Behandlung der Bilder le printemps, l'ete, rautomne, Vhiver,
la ferme, la ville hinzugefügt.
Scbenk, Albert. Kleine französische Sprechschule für Deutsch-
schweizer. Bern, Stämpfli & Cie., 1911. — 24 S.
Eine gediegene Charakteristik aller französischen Laute und
Lautverbindungen mit vielen Beispielen zur Einübung und besonderen
Hinweisen auf die Schwierigkeiten, die dem Schweizer bei Erlernung
der phonetischen Einzelheiten im Wege stehen.
Meyer, F., Prof. am Johanneum in Lül)eck, Grammatisches Wörter-
buch der französischen Sprache. Hannover, List und Berlin,
Carl Meyer (Gustav Prior) 1910. — 334 S. Preis 2,50 Mk.
Dies Buch erinnert sofort an Plattneis Grammatisches Lexikon
der französ. Sprache (Freiburg in Baden, J. Bielefeld, 1908), das in
dieser Ztschr. Band 33, S. 105 fg. bosjiroohen worden ist. Nach häu-
figem Gebrauch desselben und vielen Stichproben kann ich dem Ver-
fasser bestätigen, dal3 oi' damit ,,ein Nachsclilagewerk gescliaffen hat,
das nicht allein für die Scliule ausreicht, sondern auch weilorgelionden
Ansprüclion genügt. Angaben über die Aussprache fehlen. Besonders
berüc.ksicliligt wutdon die Konstruktion von Verb und Adjektiv,
der Gebrauch der Modi, der Gebrauch dos Artikels bei ICigennamen
und Zusanunensotzungon, die Pluralbildung, ohne daß jedocli die
übrigen Gebiete der Grammatik vernachlässigt sind. — An Einzel-
heiten will ich bemerken: expliquer (das von Sciiülern leicht mit dcclarer
verwechselt wird) mußte durch ,, erklären = eingehender auseinander-
setzen", dcclarcr durch ,, erklären — sagen, mitteilen" übersetzt werden.
Faute und dcfaut mußten schärfer verdeutscht werden: defaul Felder,
den man hat, faute Fehler, den man macht. — Bei „franc frei" mußte
loo h'c.ferülc und flezensioncn. Theodor Kalepky.
„freimütig, offenherzig" hinzugefügt werden. — Die Stelking der
zusammengesetzten Präpositionen bei Vun Vautre (S. 26) muC khirer
veranschauhcht werden, etwa durch das Beispiel: ils etaient assis
fun ä cöte de Vautre — ä cöte Vun de Vautre. — Bei insister fehlt die
sehr beliebte Konstruktion ä ce que + Subj. bei ungleichem Subjekt.
— Bei egard fehlt neben ä cet egard das häufige ä tous egards. — Zu
Japan, Maroc, Mexique durften die Formen au Japon etc. hinzugefügt
werden, wie es z. B. bei Tonkin geschehen ist. — Bei connaitre fehlt
ü connait, bei savoir sachant die Bemerkung savant adj. gelehrt, bei
pouvoir, devoir, vouloir mußten wegen des deutschen Infinitivs als
Entsprechung des franz. Partizips Formen wie il a du venir, il a pu
me voir, il n'a pas voulu le regarder gegeben werden. Doch sei ausdrück-
lich bemerkt, daß diese Einzelheiten unser oben abgegebenes günstiges
Gesamturteil in keiner Weise abschwächen sollen.
Darmstadt. August Sturmfels.
StroUllieyer, Fritz, Französische Stilistik für die oberen Klassen
höherer Lehranstalten mit Übungen. JBerlin, Weidmannsche
Buchhandlung, 1911. 8». VII, 119 SS. Preis: 1,50 Mk.
Das Büchlein, dessen Erscheinen schon in dem größeren, hier
(Bd. XXXVIII, H. 2/4, SS. 64—101) ausführlich besprochenen Werk
desselben Verfassers Der Stil der französischen Sprache, für das
Jahr 1911 in Aussicht gestellt war, ist, wie schon der Titel angibt,
lediglich Unterrichtszwecken gewidmet und läßt sich kurz als einen
praktischen Extrakt aus jenem umfangreicheren, rein
wissenschaftlichen Werke charakterisieren. Da es sich diesem nicht
nur in der Auffassung und Deutung der sprachlichen Tatsachen, son-
dern auch in der Anordnung des Stoffes und in dem Gange der Dar-
stellung aufs engste anschließt,^) so erübrigt sich hier eine nochmalige
Erörterung und Würdigung der den stilistischen , .Regeln" zugrunde
liegenden oder in den erläuternden Ausführungen zutage tretenden
Ansichten: Das uneingeschränkte Lob, das Rezensent bei der Anzeige
jenes Werkes sowohl dem Fleiße hinsichtlich der Materialiensamm-
lung und der Berücksichtigung der wissenschaftlichen Fachliteratur,
als auch der Gründlichkeit und Schärfe der Beurteilung zu zollen in
der Lage war, behält für diese praktische Stilistik nicht minder Gültig-
keit als die bezüglich verschiedener Punkte damals geäußerten Zweifel
und Bedenken. Hinzuzufügen wäre höchstens, daß die schon an
jenem rein theoretischen Werke gerühmte ,, pädagogische" Kunst des
Verfassers, sein Geschick, die Dinge frisch, anziehend und zugleich
klar zu sagen, in diesem, rein praktischen Unterrichtszwecken dienenden
Büchlein natürlich noch deutlicher hervortritt und ihm bei seinem
Bemühen, etwas Brauchbares für die Schule zu schaffen, vortreffliche
Dienste geleistet hat.
Über Ziel und Bestimmung dieser ,, Stilistik" sagt Verfasser im
Vorwort (S. II) des näheren, daß sie, als Hilfsmittel für die drei obersten
Klassen höherer Lehranstalten gedacht, dem Schüler nicht nur eine
Unterstützung bei der Abfassung französischer Aufsätze sein, sondern
ihm auch zu einem umfassenderen Verständnis für die Eigenarten
^) Sogar einzelne der bei der Besprechung des ersterschienenen
Buches erwähnten Druckfehler finden sich wieder; S. 46 Z. 14 z. B.
ist disgracie von neuem mit " gedruckt, woraus bei der sonstigen Sorg-
falt des Verfassers zu schließen ist, daß der Druck des Büchleins bereits
im wesentlichen vollendet war, als unsere Besprechung im 38. Bd.
dieser Ztschr. erschien.
Strohmeyer, Fritz. Franz. Stilist, für die ober. Klassen etc. 101
französischer Ausdrucksweise verhelfen, und schließlich, wie Verfasser
es etwas befremdend ausdrückt, ,,ihm Gelegenheit geben soll, soweit
das der Rahmen der Schule gestattet, über einige
Erscheinungen der französischen Sprache in reiferer Weise nachzu-
denken."-) Daher ist sie denn auch nicht eine nach grammatischen
oder lexikalischen Gesichtspunkten angeordnete Gallizismensamm-
lung — deren Wert Verfasser unter gewissen Bedingungen hinsicht-
lich der Art der Herstellung und der Benutzung gern anerkennt —
sondern eine anschauliche Vorführung, eine ,, Herausarbeitung der
großen Charakterzüge der französischen Sprache". Wie in dem Haupt-
werke ist der Stoff in neun Kapiteln gruppiert: I Armut oder Reichtum
in bezug auf Wortbildung und Flexion, II Satzton und Wortstellung,
III Genauigkeit und Klarheit der französischen Ausdrucksweise,
IV ihre Knappheit und Gedrungenheit, V ihre Schlichtheit und Natür-
lichkeit, VI ihre Lebhaftigkeit, VII Neigung ^u konkreter Ausdrucks-
weise, VIII der Fluß der französischen Rede, IX Wohlklang. Bei
der Durchführung dieser Gesichtspunkte geht Verfasser so zu werke,
daß er — der heute beliebten Schulmethode folgend — wenigstens,
wo das möglich, ein oder mehrere Beispiele an die Spitze stellt und
im Anschluß daran, sei es mit, sei es ohne weitere Erläuterung den
Sachverhalt in knappen, präzisen Regeln formuliert, denen jedesmal
noch einige weitere Beispiele — links das Deutsche, rechts das Fran-
zösische — folgen und von denen er die allerwichtigsten (16 an der
Zahl) durch fetten Druck hervorgehoben hat, ,, damit sie, jederzeit
leicht auffindbar, den Schüler bei der Abfassung eines Aufsatzes ge-
wissermaßen wie ein ständiger Führer und Warner begleiten." Dem.
Übelstande, daß die systematische Darstellung nach sachlichen Ge-
sichtspunkten die in einem für mehrjährige Benutzung bestimmten
Schulbuche wünschenswerte Gruppierung der ,, Regeln" nach dem
Grade der Schwierigkeit und der praktischen Wichtigkeit unmöglich
machte, hat Verfasser dadurch abzuhelfen gesucht, daß er (auf Grund
eigener Erfahrung) die für Unterprima geeigneten Partien mit einem
Sternchen und die der Oberprima zu überlassenden mit zwei Sternchen
markiert hat, so daß alles ,, Ungestirnte" den Lehrstoff der Ober-
sekunda zu bilden bestimmt wäre.
An den bisher besprochenen größeren Teil (SS. 1 — 87), der die
eigentliche Stilistik umfaßt, schließt sich dann (SS. 88 — 119) ein
zweiter, der zusammenhängende Übungsstücke zu den im ersten
Teile vorgeführten Regeln — und zwar mit gelegentlichen Hinweisen
auf diese — bringt. Es sind 15 durch Übersetzung aus dem Fran-
2) Ich habe diese Formulierung als befremdend bezeichnen zu
sollen geglaubt, nicht nur weil der zum Nachdenken überhaupt ge-
neigte und befälligte Schüler ,, Gelegenheit" dazu auch ohne ein solches
Hilfsbüchlein, schon bei der Beschäftigung mit der Sprache selbst,
beim Betrieb der Lektüre oder der Grammatik findet, sondern vor
allem, weil das ,, Nachdenken", das Forschen nach dem tieferen und
tiefsten Sinne sprachlicher — und auch anderer Dingo, das nach
meinen persönlichen Erfahrungen eine nimmer versiegende Quelle
reinster und edelster Freude ist, glücklicherweise völlig unabhängig
von dem Raiinien der Schule ist und von ihm nicht eingeengt werden
kann. Wenn man an alles das denkt, was man beim Abiturienlen-
oxamen, namentlich in der Religionsprüfung, die Schüler des ihnen
behördlich Eingepaukten gedankenlos nachschwatzen hört, dann über-
läuft einen ein leiser Schauer bei der bloßen Vorstellung, daß der Staat
durch das Organ der Schule außer der äußeren, auch noch die innere
Freiheit der Jugenii, diejenige des eigenen und völlig selbständigen
Nachdenkens, in Fesseln schlagen könnte., j
102 lU'ferale und Rezensionen. Theodor Kalepki/.
zösischen gewonnene Texte (S8. 88 — 105), denen ganz am Schlüsse
(SS. 106 — 119) die französischen Originale (als „Lösungen" zu den in
den deutschen Stücken gestellten „Aufgaben") angefügt sind. Deut-
licher konnte dem Schüler nicht zur Empfindung gebracht werden,
daß das Büchlein ihm nicht ein neuer Qurtlgoist — zu vielen anderen,
die ihm in der Schullaufbahn mit mehr oder minder unerbittlichen
Forderungen entgegentreten — sondern ein Freund, ein Helfer und
Berater sein will. Die Jugend pflegt für diesen Unterschied Ver-
ständnis zu haben, und so darf gehofft werden, daß — abgesehen
von denen, deren unzureichende Kraft unter der Last der Schul-
forderungen zusammenbricht — die Schüler sich das ihnen Gebotene
mit verdoppeltem Eifer und Interesse zunutze zu machen suchen
werden. Besondere Anerkennung verdient die Sorgfalt, mit der der
Verfasser bei der Formung der deutschen Texte zu Werke gegangen
ist. Was er sich dabei zugemutet, sich zum Ziele gesetzt hat, scheint
mir bei Ü b u n g s stücken fast über das Maß des Möglichen hinaus-
zugehen, eine Art philologischer Quadratur des Zirkels zu sein:
,,Kein 1-ehndeutsch und zugleich in möglichst großer Zahl Wendungen
und Konstruktionen, die deutsch besonders beliebt, französisch aber
unmöglich oder ungebräuchlich sind!" Fremdsprachliche Texte in
wirklich echtem Deutsch wiederzugeben, erscheint mir an sich schon
als eine schwierige, als eine die ganze Kraft, das ganze Denken und
Fühlen so sehr in Anspruch nehmende Aufgabe, daß dabei für das
Suchen nach besonderen, den Übungszwecken förderlichen Wendungen
kein Raum mehr bleibt. So wird man denn, wo das letztere Bemühen
erfolgreich gewesen, manchmal im Zweifel sein dürfen, ob wirklich
der ersten Forderung, der eines ganz echten ,, Deutsch", völlig Genüge
geschehen sei. Um z. B. den Anfang des letzten, ,, Legende und Wissen-
schaft" betitelten Stückes zu wählen — kann man wohl sagen, daß
„Nicht ohne Rührung wird der Flug der Legenden aufgehalten",
eine von Lehndeutsch freie Wiedergabe des französischen Ce n'est
pas Sans emotion qu'on arrete le vol des legendes ist? Müßte es in gutem,
echtem Deutsch nicht etwa heißen: ,,Wer möchte wohl kalten Blutes
der leichtbeschwingten Legende ein rauhes Halt entgegenrufen?" —
oder doch so ähnlich.^) Nicht nur scheint mir „ohne Rührung" hier
eine zu ,, wörtliche" Übersetzung von sans emotion, sondern es wirkt
auch befremdend, wenn gar keine Person, die die Rührung empfinden
könnte, angedeutet wird (wie dies doch im französischen Originaltext
durch on geschieht). Aber dafür hat die von dem Verfasser gewählte
Form den nicht zu unterschätzenden praktischen Vorteil, daß sie dem
Schüler zur Verwendung des ,, umschreibenden" ce n'est pas que und
der aktiven Satzform an Stelle der deutschen passivischen Gelegen-
heit gibt. Und darin liegt denn auch ihre Rechtfertigung. Deutsche
Texte ohne ein gewisses Maß von Lehndeutsch hören eben auf schul-
mäßige Übungsstücke zu sein; dann könnte man an ihrer Stelle gleich
fertige Prosastücke moderner deutscher Autoren setzen. Und zwischen
Lehndeutsch und Undeutsch ist ja immer noch eine gewisse Grenze.*)
^) Wörtlicher: ,, Niemand wird es ohne inneren Kampf über sich
gewinnen, sich d. 1. L. [vol heißt übrigens auch Schwärm) also: der
1. Legendenschar in den Weg zu stellen."
*) Da ich einmal von Stück 15 zu sprechen angefangen habe, so
seien noch die weiteren Fragen gestattet: Hat Nous aussi nous en
connümes la douceur wirklich den Sinn: ,,Auch wir lernten einst ihre
holde Weise kennen" und nicht vielmehr den: ,,Auch wir emp-
fanden einst ihren holden Zauber (ihren süßen Reiz)"? — Ist
für cette heure enchantee qui marque la limite de la veille et du reve
absichtlich ,,zu jener Zauberstunde auf der Grenze zwischen
Schlaf und Wachen" (statt „zwischen Wachen und Träume n")
Sirohmeyer, Fritz. Franz. Stilist, für die ober. Klassen etc. 103
— Ist es übrigens nicht auch „Lehnfranzösisch" (nämlich Schiil-
französisch, Schulsprechweise), auf die Frage Qui as-tu rencontre au
theätre ? mit Tai rencontre au theätre ton ami Robert (statt einfach
mit ,,Ton ami Robert") zu antworten? Mir scheint, daß die echte,
d. h. nicht durch schulmeisterliche Pedanterie verfälschte Ausdrucks-
weise in solchem Falle als Antwort einfach ,,Ton ami Robert'^ sagt.
Ist doch durch das ,, Fragewort" qui klipp und klar zum Ausdruck
gebracht, daß der Fragende nichts anderes zu vernehmen wünscht,
als die Bezeichnung der Person, die der Angeredete im Theater ge-
troffen.^) — Der ,,r e f 1 e k t i e r e n d e n" Ausdrucksweise (zum
Unterschiede von der ,, affektvollen", die Aie! Imbecile! sagt) die
Worte in den Mund zu legen: Vous m'avez marche sur le pied ce
qui m e f a it mal. Prenez donc garde ! heißt m. E. sie absicht-
lich diskreditieren, sie unverdient dem Vorwurf der imhecillite aus-
setzen. Mindestens der hier durch den Druck hervorgehobene Teil
wird fortzulassen sein.
Darf ich sonst noch Einzelheiten, die mir aufgefallen sind, er-
wähnen, so würde ich S. 4 als Übersetzung von Son merite le fit distinguer
gesetzt? — Warum steht für O vieilles legendes harmonieuses et par-
Jumees nur ,,Ihr alten harmonischen Legenden" (statt ,,0h,
ihr alten Märchen voller Duft und Klang")? — Bei Nous ne cher-
chons pas ä vous detruire; nous ne voulons que vous ecarter de notre
chemin scheint mir ,,wir wollen euch nicht zerstören, wir wollen euch
nur beiseite schieben" zu vage, ich würde setzen: ,,. . . ihr
sollt nur unsre Bahn (nämlich die der Wissenschaft) nicht kreuzen."
— Für Quel poete de genie imagina jamais ce qu'elle realise ist ,,Was
sind die kühnsten Phantasien eines genialen Dichters gegen das, was
sie (d. h. die Wissenschaft) zur Wirklichkeit macht?" doch wohl des
Guten etwas zu viel. Mir scheint, ,,0b wohl die Phantasie eines genialen
Dichters das zu ersinnen vermag, was sie usw." würde genügen. — Bei
der Übersetzung von Mieux que les sorciers et les thaumaturges, eile
guerit d'un geste les maladies sacrees vermisse ich im deutschen Text
die Wiedergabe von sacrees (,, . . heilt sie mit einer Handbewegung die
Krankheiten"). Gemeint sind mit maladies sacrees wohl ,, Krank-
heiten, auf die das Volk mit abergläubischer Scheu blickt, in denen
es Schickungen, namentlich Strafen des Himmels, ein göttliches Straf-
gericht sieht". — Von sonstigen Übersetzungen ist mir aufgefallen:
S. 32 ,,Die Nachricht traf uns am 4. August" (statt ,,traf b e i
uns ...ei n"); S. 36 ,,Er machte aus seiner Absicht ...nicht Hehl'"
(statt ,,k e i n Hehl"); S. 58 ,, Einspruch erheben" für sc recrier (statt
,,laut, energisch Einspruch erheben").
^) Die gleiche Ausstellung wäre an (Oü as-iu rencontre man ami
Robert ? — ) J'a i rencontre Ion ami Robert au t h e a tr >•
und (Qui a decouvert VAmbrique? — ) Cest Christophe Co-
la mb qui a decouvert VA m e r i q u e oder U A m e r i q u e a
ete decouverie par Christophe Cotomb (S. 14) zu
machen. Nun könnte man ein solches Verfahren im fremdspraciiliclien
Unterricht mit der Nolwciuiigkoil der (Ibuiig im zusammoiiliängcndon
Sprechen einigermaßen entschuldigen, obgloicli ich zu der Meinung hin-
neige, daß sich auch hierfür sinngemäßeres und natürliciieres Material
finden ließe. Unbegreiflich aber darf es ersolieinon, daß — trotz
Goethes Mahnung in botreff des ,,schcllenhuiten Toren" — amh in
der Muttersprache diese Art des Antwortens (nämlich ,,in voUstäniligen
Sätzen") im Schulgebrauche vielfach gefordert wird. In der ganz
ungerechtfertigten Ansicht, daß nur ein ,, vollständiger" Satz (mit
Subjekt, Prädikat usw.) als korrekte Aiisdruckswoiso geduldet werden
dürfe, hat denn auch die berüchtigte Ellipsonthooi'io ihren Ursprung.
lo.^ Hejcidlc und liczensionen. Theodor Kalephij.
partout (statt des mir etwas zu matt erscheinenden „Durch seine
Tüchtigkeit zeichnete er sich überall aus") das etwas stärkere „tat
er sich überall hervor", sowie (a. a. O.) für Gel evenement jit cesser
lautes les hesitations du roi (statt „Vor diesem Ereignisse mußten
alle Bedenken des Königs schwinden"): „B e i diesem Ereignisse . . .",
ferner (S. 6) für On capitula (statt des, wie mir scheint, unüblichen
,,Es wurde kapituliert" etwa: ,,Die Stadt (die Festung, das Heer usw.)
kapitulierte." vorschlagen. — Inmitten der meist wohlgelungenen,
teilweise sogar vortrefflichen Verdeutlichungen von franz. Imparfait
und Pass^ defini durch adverbiale Zusätze oder Umschreibungen
usw. lassen mich folgende drei unbefriedigt: Für Cette i>oix la pressa
ä plusieurs reprises, mais eile hesitait steht als Übersetzung auf der
linken Seite: ,, Diese Stimme drängte sie (= Johanna) wiederholt,
aber sie zögerte immer wieder." Das müßte m. E. französisch
durchaus: mais eile hesita heißen. In dem Imparfait hesitait emp-
finde ich ein ,,aber i m m e r n o c h zögerte sie". — Das Passe d(^fini
in Voilä ce que vit et sentit le jeune poete ist nach der Meinung unseres
Verfassers durch ,, damals" (,, Das war es, was der junge Dichter damals
sah und fühlte") deutlich zum Ausdruck gebracht. Ich kann ihm
liierin nicht beipflichten. Ein ,, damals" würde für Voilä ce que voyaii
et sentait le jeune poete genau ebensogut passen. (= ,,Zu jener
Zeit sah und fühlte er . . .") Ich würde vorschlagen: ,,Das w^ar es,
was dem jungen Dichter (damals) zur Erkenntnis und zur Empfindung
k a m" oder — je nach dem Zusammenhange, den ich nicht kenne — :
,,Das waren (bei jener Gelegenheit) die Wahrnehmungen und Emp-
findungen des jungen Dichters." Schließlich vermag ich nicht recht
einzusehen, inwiefern in ... les institutions nouvelles que la France
se donnait (S. 11) das Imperfektum donnait durch ,,die Frankreich
sich zu geben im B e g r i f f e w a r" (und nicht vielmehr durch ,,sich
zu geben i m Z u g e w a r" oder ,,mit deren Einführung (Herstellung)
Frankreich beschäftigt w a r") verdeutlicht sein soll. Ein
donnait besagt doch, daß Frankreich damit schon am Werke,
daß es schon ,, dabei" war, während „im Begriff war" (allait se
donner) doch erst die Absicht oder die Nähe der Verwirklichung aus-
drückt.
Hinsichtlich der französischen Wiedergaben deutscher
Wendungen möchte ich mir folgende kleine Zusätze zu machen ge-
statten: Zu Qa manque d'animation ici für ,,Es fehlt hier an Stim-
mung" (S. 50) das vielfach selbstgehörte: // n'y a pas d'entrain, de
verve aujourd'hui [cc soir etc.); und ebenda bei ,, Heimweh" (zu
regret de la patrie, mal du pays) nostalgie — neben heimweh (auch
heimwe und heimve), das der Franzose, wie alle spezifischen Wörter
fremder Sprachen (vgl. englisch leader. home, cake etc.) gern ver-
wendet.
Zum Wegbleiben des reflexiven Pronomens im Französischen,
z. B. ,,s i c h ein Beispiel nehmen" — wo vielleicht noch ,,a n jemand"
s ur qn. zuzufügen wäre — S, 54) auch ,,s i c h die Freiheit nehmen":
prendre la liberte, das ja als häufige Briefeingangsformel — neben
avoir Vhonneur ... — eine gewisse, nicht zu bestreitende praktische
Wichtigkeit hat. — Für ,,Sie stand am Fenster" (Elle etait, se trouvait,
se tenait ä la fenetre) hört und liest man wohl auch manchmal: eile
s'appuyait contre la fenetre (eigentlich ,, lehnte am Fenster"). — Be-
züglich des Wortes assister (S. 25 ,,Man hilft bei einer Arbeit On aide,
assiste dans un travaiV) scheint Vorsicht geboten. Ich erinnere
mich, daß mir vor einigen Jahren ein höfliches Permettriez-vous , mes-
dames, que je vous y assiste?, womit ich einigen älteren Pensionsge-
nossinnen bei einer etwas mühsamen Ai'beit meine Hilfe anbot, Lächeln
erregte und mir die Belehrung eintrug, daß man assister nur im Sinne
einer Aushilfe mit Geld usw. (also von der Armenunterstützung) oder
Strohmeyer, Fritz. Franz. Stilist, für die ober. Klassen etc. 105
höchstens noch von der Unterstützung mit Rat gebraucht.^) — Zum
Schluß möchte ich noch zur Aussprache von Beifort, die der Verfasser
in Übereinstimmung mit sämtlichen mir bekannten orthoepistischen
Büchern S. 67 in Parenthese als „Beffort" angibt, erwähnen, daß ich
merkwürdigerweise in jener Stadt sowohl wie in ihrer näheren und
ferneren Umgegend — durch die ich seit ca. 6 Jahren in jedem Sommer
gekommen bin — sowohl von den unteren Eisenbahnbeamten als
auch von Gebildeten nie eine andere als die genau der Schreibung
entsprechende Aussprache (also mit 1) gehört habe. Hat sich nicht
im Laufe der Jahre eine phonetische Umwandlung bezüglich dieses
Wortes vollzogen, dann hätte ich für diesen seltsamen Widerspruch
nur die eine Erklärung, daß, was ich gehört, eine ,, Fremdenaussprache",
eine Sprechweise ,,in usum extraneorum" ist. So habe ich in Berlin
bei literarischen Vorträgen aus dem Munde von Franzosen immer nur
Claretie mit «-Laut gehört. Der eine der ,, Conferenciers", den ich
darüber zu interpellieren Gelegenheit hatte, gestand — mit fast ver-
legenem Lächeln — , daß er in Frankreich, sowie seinen Landsleuten
gegenüber immer nur ,,klarßi" sage, daß aber hier, in Berlin, vor
Fremden, ihm die orthographisierende Aussprache mit t — er wisse
selbst nicht, wie — in den Mund gekommen sei. So wäre denn ja auch
die ^Aussp^ache von Beifort seitens der Eisenbahnbeamten durch die
— bewußte oder unwillkürliche — Rücksicht auf die vielen durch-
reisenden Fremden begreiflich, aber in der Unterhaltung glaube ich
diese Aussprache nicht nur m i r gegenüber, sondern auch wenn Fran-
zosen miteinander sprachen, gehört zu haben.')
Der Druck des Büchleins ist ebenso sorgsam und korrekt, wie es
von dem des Hauptwerks gerühmt werden konnte. Abgesehen von
dem schon erwähnten disgracie (S. 46 Z. 14), dem unter dem Einfluß
etymologischer Erwägungen ein irriger ' (das a ist kurz!) gegeben
worden, bestehen alle mir aufgestoßenen Druckversehen entweder in
^) Eine ähnliche Berichtigung ward mir einmal seitens eines
freundlichen Pensionswirtes zuteil, der, als ich vor einem Spaziergange
sagte: J^espere y rencontrer quelques-unes de mes connaissances, mit
vielsagenden Augenzwinkern fragte: Oh, oh! monsieur K., vous avez
des <iconnaissances'> ! und mir dann dafür die Zusammensetzung per-
sonnes de connaissance, gens de connaissance empfahl. Natürlich liegt
in solchen Beanstandungen viel Subjektives, Vergängliches, Modisches,
aber immerhin wird es ganz nützlich sein zu wissen, d a ß bei diesem
oder jenem Wort Vorsicht geboten ist.
') Eine weitere Möglichkeit wäre die, daß sich (trotz 'der
Sprechweise der Bewohner der Stadt selbst) in den übrigen Teilen
Frankreichs (auf Grund der Nebenform Bcfort) die dieser Orthographie
entsprechende Aussprache so festgesetzt hätte, daß sie auf die Schrei-
bung Beifort übertragen und in den Lehrbüchern als einzig richtige
angegeben worden wäre. Ähnlich ist es ja mit dem deutschen ,, Stral-
sund" gegangen, das im Reiche überall mit dem Ton auf der zweiten
Silbe (vielleicht auf Grund des Schillerschen: ,,Er müsse haben die
Stadt Stralsund"), von den Einwohnern und Umwohnern dagegen
stets Stralsund gesprochen wird. — Nicht ohne eine gewisse Komik
ist die ängstliche Gewissenhaftigkeit, mit der in Berlin und Vororten
die mehrfach auftretende Belfort(er) Straße von den ,, Gebildelen"
.,Befforl(er) Straße" gesprochen wird. Freilich ist in Deutschland ,,ein
bißchen Französisch" ja die Hauptbedingung für die Anerkennung als
Gebildeter, daher heißt es, die Anwartschaft auf diese hohe Ehren-
stellung nur ja nicht durch eine eventuelle Aussprache-Ungenauigkeit
verscherzen !
lOfj Referate und liezensionen. Theodor Kalcpkij.
Letternverschiebung (S. 23 Z. 1: qu eis statt quels, S. 104 Z. 6 v. u.:
„unsmit" statt „uns mit") oder in Letternausfail (S. 6 Z. 11 „der elbe"
statt „derselbe", S. 53 Z. 21 „ ie" statt sie), oder, was ja fast dasselbe
ist in Akzentausfall, wie bei deja (S. 13 Z. 12 v. u. statt dejä) und
perils (S. 61, 15 statt perils). — S. 36 Z. 7 v. u. „Ersatz"? Nicht
vielmehr ,, Entsatz"?
Schlachtensee bei Berlin. Theodor Kalepky.
Miszellen.
Zn französisch Isk,
Meine Auffassung des lä in je m'endors, mais lä je dors. . . (Heft 5/7,
S. 276 ff. dieser Ztschr.) weicht von derTobler's (Verm. Beitr. III, 154 ff.)
ab, auf die mich Herr Th. Kalepky zu verweisen die Güte hat. Tobler
geht von dem lä aus, das am Schhisse von Behauptungssätzen steht und
einem deutschen „Punktum !" ,,So, jetzt hab ich'sgesagt!" gleichkommt :
aus der Bedeutung des Entfernten hätte sich die des endgültig Abge-
schlossenen entwickelt.^) Er fährt nun fort: ,, Bemerkenswert ist hier
besonders noch , daß dieses lä auch in Fragen (Bestätigungsfragen ) hinein-
gezogen wird ; der Fragende wünscht eine abschließende, endgültige Ant-
wort zu bekommen und bringt darum das lä, das er gerne hören möchte,
schon in der Frage an; in der Antwort braucht es dann nicht wiederholt
zu werden (vgl. ,auf Ehre', , gewiß' in der Frage)" — eine Erklärung,
welche an Toblers Deutung des dejä in Fragesätzen erinnert. Für
mich bedeutet nun 1. das /a nicht ,kurz und gut', .endgültig', also den
Abschluß eines längeren Raisonnements, sondern , siehe!', also
die Vorbereitung auf das, was kommt; bildlich gesprochen,
keinen Schluß-, sondern einen Doppelpunkt. 2. ist für mich das lä
in Fragesätzen keine sekundäre Übertragung, keine Vorausnahme
eines ,, endgültig", das der Fragende in der Antwort hören möchte,
sondern, ebenso wie im Behauptungssatz und wirksamer im Fragesatz
als im Behauptungssatz, eine die Aufmerksamkeit des Partners weckende
Ausrufspartikel.
Rom. L. Spitzer.
Da Herr L. Spitzer, den ich gelegentlich auf A. Toblers kurze
Erörterung des lä aufmerksam machen konnte, mir seine Ergänzungs-
äußerung noch vor ihrer Drucklegung freundlichst zugesandt hat,
so bin ich in der Lage, meine etwas abweichende Auffassung hier
gleichzeitig mit der seinigen zum Ausdruck zu bringen.
In zwei Punkten bieten seine ursprünglichen Ausführungen (H. 5/7,
S. 276 ff. dieser Ztschr.) eine willkommene Ergänzung zu Toblers
Darlegungen: einmal in der S. 277 f. von ihm gegebenen Veransohau-
lichung der größeren ,, rhythmischen Tragkraft und Eindrucksintensif ät"
des frz. lä gegenüber deutschem ,,da", die, mit feinsinnigen psycho-
logischen — hier und da vielleicht allzu subtilen — Seitenblicken
durchsetzt, für unseren Gegenstand um so wertvoller ist, als A. Tobler
den uns beschäftigenden Fall — zusammen mit mehreren anderen —
nur ziemlich kurz und ohne alle weiteren Ausblicke oder Erläuterungen
behandelt hat; zweitens darin, daß er die Aufmerksamkeit seiner
^) Ob nicht auch Wendungen wie iranrhons lä, brisons lä, planter
lä (,in diesem Punkte abbrechen' etc., dann durch \'erlegung des
Schwergewichts auf das Verb einfach = »abbrechen' etc.) auf die
Bedeulungsenlwicklung von lä ,da' > ,PunktumI' , Schluß!* , end-
gültig' eingewirkt haben?
108 Miszellen.
Leser vor allein auf diejenige Verwendung unseres lä lenkt, die —
dem Typus ('est bon, mais ires hon entsprect end — sich als Intensitats-
\erstarkung gegenüber einer voi;:ngehendcn Behauf>tung charak-
terisieren l.'ißt und die mir eine weitere Stufe in dem von A. Tobler
angesetzten Entwickelungsgange zu repräsentieren scheint. Nicht als
ob dieser eine solche Verwendung noch gar niclit gekannt hätte. Unter
seinen Beispielen finden sich (V. B. III, 155) schon zwei mit dem
modifizierenden — hier in der Richtung einer Verstärkung modi-
fizierenden — mais, aber beide Male nur in der Frage, nur als Beleg
für den (in den vorstehenden Zeilen von Spitzer erwähnten) Fall, daß
der Fragende das ,, abschließende, endgültige" lä, das er in der Antwort
zu hören wünscht (wie wir gelegentlich ,,auf Ehre", ,, gewiß" brauchen,
z. B. ,,hast du es auf Ehre nicht getan?") schon antizipierend in der
Frage anbringt. Es sind: Le prince d'Oppenheim est-il prince sou-
verain? — Ahsolument, monsieur ! — Mais lä, ayant des etats ? —
Sans do Ute (Fcuillet, Un hourgeois de Borne, Sc. 3). Sodann: Sais-tu
ton livret (Einmaleins) et les guntre re.gles, mais lä, solidement?
(Huguenin, Le Solitaire 263).
Der Fortschritt von Spitzers Darlegungen besteht nun darin,
daß er uns dieses mais lä auch außerhalb der Frage als ganz
geläufige Berichtigungsformel im Sinne einer Verstärkung zeigt:
Et puis, pouf, je m'endors, m a i s l d'-') je dors ä n'pas entendre gueuler
fange du jugement dernier (Aus Maupassant Mlle Fifi) usw. (s. S. 276).
Was aber die Frage nach dem eigentlichen Sinne dieses lä, nach der
Grundbedeutung betrifft, aus welcher eine solche Verwendung
des Wortes sich herausgebildet hat (und für deren Feststellung
die Heranziehung der im gleichen Falle im Deutschen üblichen Aus-
drucksweise — ich würde zu ,,na, weißt du" usw. auch noch ,,na, ich
sag dir!" fügen — immer eine gefährliche, weil leicht irreführende Sache
ist) so scheint mir die Erklärung Toblers, oder genauer: die sich
aus seinen Darlegungen ergebende Erklärung doch einfacher und
ansprechender, als die Auffassung des lä im Sinne von: ,,da, paß mal
auf", „na weißt du [— ich kann es dir nicht schildern]". Ein solcher
Appell an die Aufmerksamkeit oder vielmehr an eine gesteigerte Auf-
nahmetätigkeit des Hörers, der dadurch zur genaueren Ausmalung
der Sachlage ermuntert werden soll, könnte eines mais vollkommen
en traten. In dem Satze: ,,TJnd dann, plumps, schlafe ich ein, dal
(— mal's dir mal aus) ich schlafe so, daß" läßt sich doch ein ,,aber"
vor ,,da", auch nach dem von dem Herrn Verfasser angezogenen
Typus c'esl bon, mais ires bon, kaum unterbringen. Hingegen erscheint
es völlig am Platze, wenn man, an Toblers Feststellung eines lä im
Sinne von ,,so, da hast du's, fertig, Punktum, nun ist die Sache end-
gültig abgetan" und ähnliche, anknüpfend, dies Wörtchen in der nur
einen Schritt weitergehenden Bedeutung faßt: ,,so, daß man sagen
kann: / ä" oder „so, daß ein läJ am Platze ist", d. h. also in der Be-
deutung ,, endgültig, gründlich, gehörig, ordentlich" u. ähnl. Tobler
führt in dem ersten seiner Beispiele den Fall vor, daß der die Stube
ausfegende Junge am Ende seiner Arbeit ,,mit dem Tone der Be-
friedigung" ausruft: „Ld!" Von diesem — isolierten — La], mittels
2) Fehlt das — dem Sinne nach unentbehrliche — Komma hinter
^d schon im Original oder liegt nur ein Druckversehen bei der Wiedergabe
vor? — Es sei aus diesem Anlaß gestattet, an den Herrn Verfasser
die Bitte zu richten, bei zukünftigen Stellenaufzeichnungen die Seiten-
zahl mit zu notieren. Das ist — auch bei neufranzösischen Zitaten —
keine müßige Verbrämung, kein bloßer Zierrat, wie es auf den ersten
Blick scheinen kann. Ich habe in Toblers Verm. Beitr. mindestens
ein Dutzend Mal die betreffende Stelle nachgeschlagen.
Miszellen. 109
dessen er die gründliche, endgültige Erledigung der ihm obliegenden
Arbeit ausdrückt (sie gleichsam anderen zur bestätigenden Gutachtung
präsentierend, vorweisend) ist es nur ein kleiner Schritt zu unserem
mais lä, wenn wir dies dem Jungen in den Mund legen, während er sich
zu andern der vollbrachten Arbeit rühmt: Oh, ce que Pai pioche ce
matin ! pai nettoye toute la maison, m a i s l ä , fai balaye, lave les plan-
chers etc. (= ,,aber gründlich!", nämlich ,,so, daß man lä! sagen
könnte" — jenes lä!, das er in dem Toblerschen Satze mit Genugtuung
zu sich selber spricht). Wie leicht solche, eigentlich nur einem anderen,
einem Beurteiler, Begutachter, Zuhörer zukommenden Wörtchen,
schon dem Sprechenden selbst in den Mund kommen, von ihm —
natürlich nur in lebhafter Ausdrucksweise — seiner Rede einverleibt
werden, das zeigt A. Tobler im weiteren Verlaufe seiner Darlegungen
noch an pcut-etre (Mais je ne pouvais pas leur refuser, peut-etre, ... im
Greve des Forgerons), an dcjä, nicht in Fragesätzen, wie es in der vor-
stehenden Ergänzung Spitzers aus Versehen heißt, sondern in negativen
Sätzen, z. B. Je ne suis pas dejä sifaible),^) sowie auch noch in manchem
anderen Artikel seiner Vermischten Beiträge.
Solilachtensot^ bei Berlin. Theodor Kalepky.
IDin analog;iächc»i Imperfekt des Konjuiikliv».
Die französischen Grammatiken behaupten, das Verb traire und
seine Zusammensetzungen hätten kein Passe defini und somit kein
Imperfekt des Konjunktivs. Littre sagt, daß diese Formen früher
vorhanden gewesen seien, und bedauert ihr Verschwinden, fügt aber
hinzu, man könnte sie wieder aufnehmen: je distrayis, que je distrayisse.
Indessen hat man hier und da versucht, analogische Formen zu bilden.
So hat Rousseau ein Praesens distraisent und ein Partizip distraisant
in Anologie mit plaire geschaffen. Das sind große Fehler, sagt Littre;
sie sollten distraient und distrayant lauten. Wenn nun der Infinitiv
traire den Gedanken an plaire ieicht hervorruft, so darf man nicht
erstaunt sein, wenn sich das Partizip trayant dem Partizip payatu
ebenso leicht anpaßt. Die Form, die aus dieser Anologie hervorgeht,
muß im Imperfekt des Konjunktivs trayassc lauten. — So schreibt
auch Frödöric Masson in Napoleon etlesfemmes, S. 112: die avait,
dans sa nature de creole, un singulier besoin de s'entourer de complaisantes
qui ne fussent ni tout ä fait du vionde ni tout ä fait de la domcsticitc,
qui lui plussent par leur jolie figure, Camusassent par leurs rcparties,
la distrayasscnt par leurs talents, peuplassent cnfin gentiment ce palais
„triste comme la grandeur'' donl eile ne sortait janiais. Es war ihm un\
so natürlicher das Verb disiraire in die ei'ste Konjugation hinübergleiten
zu lassen, als die das Imperfekt des Konjunktivs umgebenden Verben
in die erste Konjugation gehörten.
Norrköj)ing. Alfred .STENI[.\GK^f.
^) Die übliche deutsche Ausdrucksweise für diesen Gedanken
,,So schwach bin ich denn doch noch niclit" verhilft uns bei
ihrer gänzlichen Verschiedenheit auch hier nicht zum richtigen Ver-
ständnis des französischen Ausdrucks, der, wie Tobler S. 155) erkliirt,
,,Da denken nun manche s c li o n , ich sei so schwach; aber nein!"
(man könnte auch kürzer sagen: ,.Da halten mich manche schon
für so schwach, aber nein!") bedeutet.
Novitätenverzeichnis.
(Abgeschlossen am 20. März 1912.)
1. Bibliographie nnd Handschriftenknnde.
Bibliographie annuelle des travaux historiques et arch^ologiques publiös
par les societ^s savantes de la France, dressee sous les auspices
du ministere de l'instruction publique; par Robert de Lasteyrie.
Avec la coUaboration d.^ Alexandre Vidier. 1907 — 1908. Paris,
E. Leroux. 1910. In-4 ä 2 col., 211 p.
Boell, C. et A. Gillot. Catalogue des incunables de la bibliotheque
publique d'Autun. 1911. In. -8, 199 p. Extrait des Mömoires
de la Societe eduenne. [Nouvelle s4rie,T. 39. Annee 1911.]
Catalogue general des livres imprim^s de la Bibliotheque nationale.
Auteurs. T. 46: Du Toict-Elbs. Paris, Impr. nationale. 1911.
In-8 ä 2 col., col. 1 ä 1254. [Ministere de l'instruction publique et
des beaux-arts.]
Federn, Bob. Repertoire bibliographique de la litterature frangaise
des origines ä 1911 avec un index analytique, pr6ced6 d'un tableau
de la litterature frangaise aux 19. et 20. siecles, present^e par ^coles.
2. Lfg. XXXIII-XLIV u. S. 65— 148. Nebst: Bourrelier, Henri:
Le livre frangais ä travers le monde. 16 S. gr. 8*^. Leipzig, F.
Volckmar, 1911. Mk. 4.—.
Lanson, G. Manuel bibliographique de la litterature frangaise moderne,
1500 — 1900. I. Seizieme siecle. 2e edition, revue et compl^t^e.
Paris, Hachette et Cie. 1911. In-8, XVI-271 p. 4 fr.
Bochatnbeau, le Comte de, Bibliographie des ceuvres de Jean de La
Fontaine. Paris, A. Rouquette. 25 fr.
Wahlund, C. W. Bibliographie der französ. Straßburger Eide vom
Jahre 842. Herrn Prof. P. A. Geiger zur Feier seines siebzigsten
Geburtstages zugeeignet. Upsala, A.-B. Akademiska Bokhandeln.
Paris, H. Champion. 1911. 54 S.
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neuere Sprachen CXXVII, 336—370].
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Romania XL, 532—558].
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Annales de la Societe Jean-Jacques Rousseau. VII. 1911. Geneve,
A. Jullien. Paris, H. Champion. Leipzig, K. W. Hiersemann
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Les Cendres de J. J. Rousseau au jardin des Tuileries, p. H. Buffe-
noir. Lettres in^dites et dispersees de J.-J. Rousseau publiees
d'apres les originaux. Documents polonais sur J.-J. Rousseau
et Th^rese Levasseur, par V. Olszewics. J.-J. Rousseau, notes
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Neanne et Duchesne, par Pauline Long et A. Frangois. Quelques
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(With Portrait.) Standford University, California. Published by
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The development and present status of Romanic Dialectology by
J. E. Matzke. The doctrine of verisimilitude in French and English
Criticisme of the seventeenth Century by R. M. Alden; The
relation of the German "Gregorius auf dem Stein" to the Old
French poem "La vie de Saint Gregoire" by Clifjord G. Allen;
Old French ne — se — non in other Romance Languages by Aurelio
M. Espinosa; Origin of the Legend of Floire and Blancheflor by
Oliver M. Johnston; A commentary on verses 36 — 52 of the "Excuse
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ture sainte et la litterature scripturaire dans l'oeuvre de Rabelais
(additions et corrections), par Jean Plattard. P. 423. — Un lecteur
de Rabelais au XVIle siecle: Charles Coypeau d'Assoucy, par
L. Sainean. P. 437. — Pantagruel lu au Louvre, devant le roi
Charles IX, en 1563, par Jean Plattard. P. 442. — Rabelais et
Tallemant des Reaux, par Leo Desaivre. P. 444. — Notes pour le
Commentaire, par L. Sainean, R. Blanchard, J. Plattard. P. 447.
— Conjectures sur «Medamothi», ))ar Henri Clouzot. P. 456. — La
prötendue visite de Rabelais au chäteau de Bury, par Henri Clouzot
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Garnier freres. In-16 ä 2 col., XI-441 p.
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u. den Schulgebrauch. kl. 8". Rerlin-Schönebeig, Langenschoidfs
Verlag. Schellcns, Jac. Taschenwörterbuch der französischen und
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System der Methode Toussaint-Langenscheidt. 2 Tic. XLVIIl,
512 u. XLVIIl, 552 S. 1911. Geb. in Leinw. je 2 Mk.
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(En 2 vols.) 1. vol. Bulgare-frangais. \'II, 551S. kl. 8^ Leipzig,
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C. Meyer. 1,25 Mk.
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Angalte der Aiis.sitracho nach dein phonetischen System der Me-
tiiode Tonssaint-Ijanti;eiisclieidt. lOrsler Teil. Französisch-Deutsch.
Zusanunenfj^eslelil von l'rof. Dr. Jacob Sc/irllens. lieilin-ScIiöne-
berj;:, Lanf^ensclieidtsclie Verhi}.jsbucliiiandinng (Prof. G. Langen-
scheid t). Preis 2 Mk.
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f'ollectanea Friburgensia. Veröffentlichungen der Universität Freiburg
(Schweiz). Publications de l'universitö de Fribourg (Suisse). Neue
Folge. Lex. 8". Freiburg (Schweiz). Universitäts-Buchh. Fase.
XL (XX der ganzen Reihe). Anioros, Bernart: 11 canzoniere i)ro-
venzale. (CompkMuento Campori.) Ed. diplomalic;» preceduta da
un'introduzione a cui-a di Giulio Bertoni. XXXI, 489 S. m. 1 Fksni.-
Tafel. Friburgo 1911. 10 Mk. Fase. XIl. (XXI der ganzen
Reihe.) Dasselbe. (Sezione Riccardiana) a cvn-a di Giulio Bertoni.
181 S. m. 2 Fksm.-Taf. Friburgo 1911. 4 Mk.
La grande inondation de V Arno en MCCCXXXlll. Aiuiius poemes
populaires italiens. ßdites et traduils en fran^ai.'^ par les soins
de MM. S. Morpurgo et J. Luehairc. Paris: IL (,liam|uon. Florence:
R. Bemporad & F<*. 1911. ( Cet opscule est exclusivement vendu
au bönefice des Bouquinistes victimes des inondations de la Seine
1910 Prix: 1,50).
] 22 Noi>il(ileni>erzeichm's.
La Solle de Bochemaure, (Duo de). Les Troubadours cantaliens.
Xlie-XXe siecles. T. icr et 2. Texte des oeuvres des troubadours
revus, corrig^s, traduits et annotös par Rene Lavaud, agr6g6 des
lettres. 1910. 2 vol. in-16 avec vignettcs, planches et musique.
T. ler, 651 p.; t. 2, 608-XX p.
Leblond (Docleur V.). Quatre inventaires et testaments beauvaisins
(1397—1451). Paris, Impr. nationale. 1911. In-8, 46 p. [Extrait
du «Bulletin archeologique», 1911].
Sammlung mittellateinischer Texte, hrsg. v. Alfons Hilka. 8°. Heidel-
berg, Carl Winter. 1. Des Petrus Alfonsi Disciplina clericalis
(das älteste Novellenbuch des Mittelalters), nach allen bekannten
Handschriften hrsg. v. Alfons Hilka u. Wern. Söderhjelm. Kleine
Ausg. XV, 50 S. 1911. 1.20 Mk. 2. Klapper, Jos., Exempla
aus Handschriften des Mittelalters. X, 87 S. 1911. 2 Mk.
Adam le Bossu, trouvere artesien du Xllle siecle. Le Jeu de la Feuill^e
ödite par Ernest Langlois. Paris, H. Champion [Les Classiques
fran§ais du Moyen-Age].
Äucassin et Nicolette. Edite par Georges A. Tournoux. 63 u. 14 S.
8". Leipzig, E. Rowohlt, 1912. Kart. 28 Mk., geb. 38 Mk.
— Äucassin u. Nicolette. Altfranzösische Liebesmär. Deutsch von
F. V. Oppeln-Bronikowski. 71 S., kl. 8". Leipzig, C. F. Amelang,
1911. Geb. 1 Mk.
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Marie Butts. 4 planches hors texte en couleurs et 28 dessins de
Fernand Fau. Paris, Larousse, 1911. Petit in-8, 142 p. 2 fr. 50
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Wilhelm IX von Poitou. — Giulio Bertoni. Intorno a una poesia di
Guglielmo IX di Poitiers [In: Zs. f. rom. Phil. XXXVI, 1].
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Anthologie des prosateurs jraneais contemporains. IL Ilistoriens et
m^morialistes, ecrivains et oiateurs politiques, journalistes, ecrivains
scientifiques (1850 ä nos jours); par Georges Pellissier. Paris,
C. Delagrave. 1911. In-18, 564 p. 3 fr. 50.
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Marot, Ronsard, Du Bellay, d' Auhigne, Regnier. Chefs-d'oeuvre
po^tiques, avec notices biographiques, etudes litteraires, com-
mentaire philologique, litteraire et grammatical; par Maxime
Lanu.'tse. Saint-Cloud, impr. Belin freres. Paris, libr. de la meme
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cherche de FAbsolu [In: Rev. d'Hist. litter. de la France XVIII, 4].
— Eug^nie Grandet. Illustrations de Bigot- Valentin. Paris, E. Flam-
marion. 1911. In-8, 303 p. 4 fr. 50.
— Ergötzliche Geschichten, in den Abteien des guten Lebens gesammelt
und zur Freude pantagruel. Kumpane, nicht auch der Neidbolde,
an Tag gebracht durch Herrn v. B. Verdeutscht durch Paul Wiegler.
3. Aufl. 480 S. mit einem eingeklebten Bildnis. 8". München,
R. Piper & Co. 1912. Mk. 7.—.
Baudelaire, Charles. Les fleurs du mal. Ed. par Georges A. Tournoux.
VIII, 282 S. gr. 8". Leipzig. E. Rowohlt. 1911. geb. in Pappbd.
Mk. 8.—.
Beranger. — /. Strohsehneider. Kulturgeschichtliches in den Liedern
Berangers. Progr. Salzburg 1911. 23 S. 8».
Bossuet. Correspondance. Nouvelle fidition augmentee de lettres
inedites et publice avec des notes et des appendices sous le patro-
nage de l'Acadömie Frangaise p. Ch. Urbain et E. Levesque. V.
Paris, Hachette et Cie. 7 fr. 50.
Brasse. — G. Bahinger. Wanderungen und Wandelungen der Novelle
von Cervantes ,,E1 curioso impertinente" mit spezieller Unter-
suchung von Brosse's ,,Le curieux impertinent". Diss. München
1911. VIII, 61 S. 8».
Novitäleiwerzeichnis. 125
Chateaubriand. — Correspondance generale de Chateaubriand, publiee
avec introduction, indication des sources, notes et tables doubles;
par Louis Thomas. T. ler. Paris, H. et E. Champion, 1912.
In-8, XI-404 p. et un portrait inedit.
— Lettres inedites sur la Guerre d'Espagne p. p. Louis Thomas [In:
Mercure de France. 16 fevrier 1912].
— Lettres au Prince de Polignac [In: Rev. de Paris XIX, 3].
— Memoires d'outre-tombe. Pages choisies, avec une introduction
et des noiGS ]}di.v Victor Giraud. Paris, Hachette et Cie. 1911. In-16,
XXVI 1-278 p. 3 fr. 50 [Bibliotheque variee].
— Un dernier amour de Rene. Correspondance de Chateaubriand
avec la Marquise de V . . . Avec une introduction et des notes
par T. de Wyzewa. Paris, Perrin & Cie. 3 fr. 50.
Corneille''?) allusion to the Astree in his Suite du Menteur [In: Mod.
Lang. Notes XXVII, 3].
— Les Sentimens de l'Academie frangoise sur la tragi-comedie du
Cid, d'apres le manuscrit de la niain de Chapelain conserve ä la
Bibliotheque nationale avec les corrections, une introduction et des
notes (these complementaire); par Georges Collas. Paris, A. Picard
et fils. 1912. In-8, XI-92 p.
— G. Bernard. Le Cid espagnol et le Cid frangais. Essai de critique
et d'analyse litteraire. Lille 1911. 32 S. 16».
— S. oben p. 111 Matzke Memorial Volume.
— Theätre choisi illustre. Notices, annotations; par Henri Clouard.
T. 3. Paris, Larousse. 1911. Petit in-8, 223 p. 1 fr. [Bibliotheque
Larousse].
— • Corneille und die deutsche Literatur. Ein Beitrag zur Geschichte
der deutschen Corneilleübersetzungen von K. H. Schmid. Progr.
Eßlingen. 1911. 32 S. 4».
Daudet, A. Les amoureuses. Metrisch übersetzt von Prof. Dr. Fritz
Meyer. Gustav Fock, Leipzig. VII, 54 S. 8".
Dierx, Leon. — H. Derieux. L'ffiuvre de Leon Dierx [In : Mercure
de France. 16 janv. 1912].
Dumas, A. — Leo Mouton. Bussy d'Amboise et Madame de Montsoreau
d'apres des documents inedifs. Paris, Hachette et Cie. 7 fr. 50.
Fenelon. — A. Cherel. L'idee du «naturel>> et le sentiment de la nature
chez Fenelon [In: Revue d'Hist. litter. de la France XVIII, 4].
— Les Aventures de Telemaque, suivies des Aventures d'Aristonoüs.
Edition revue sur les meilleurs textes et accompagnee de notes
g^ographiques. Paris, Hachette et Cie., 1911. Petit in-16, XV-
368 p. 1 fr. 25 [Classiques fran^^ais].
Flaubert. — Paysages de Grece, exlraits inedits des notes de voyage
de Gustave" Flaubert (1850 — 1851) [In: Annales Romantiques
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le thMtre de Maeterlinck [In: La Revue du mois 1912. 10 janv.].
Marot. ■ — CEuvres de Clement Marot, revues et annotöes p. i'eu G.
Guijfrey et mises au jour p. R. Yve-Plessis. T. l^r. Vie de Clement
Marot (Bd. II u. III sind früher erschienen. Die vollständige
Publikation wird 5 Bände umfassen).
Maupassant, G. de. ffiuvres choisies, pof^sies, contes, romans et nou-
velles, th^ätre. Preface et analvses; par F. Dernot. Paris, C.
Delagrave, 1911. In-18, 408 p. 3 fr. 50 [Collection Pallas].
Merimee. — H. Monod. Les Lettres de Mörimöe ä Panizzi [In: Annales
Romantiques VIII, 5].
Moliere'& sämtliche Werke in sechs Bänden. Übersetzt von Wolf
Grafen Baudissin. (Durch neue Übersetzungen ergän.zt.) Heraus-
gegeben von Prof. Dr. Philipp August Becker. Mit einem Bilde,
einer Karte und einem Faksimile. Erster Band. Molieres Leben
und Wirken. Leipzig, Hesse & Becker. 131 S. 8**.
- — Le Bourgeois gentilhomme, com^die-ballet, publiee conform^ment
au texte de l'ödition des Grands Ecrivains de la France, avec une
vie de Moliere, une notice, une analyse et des notes, par MM. G.
Lanson et D. Mornet. Paris, Hachette et Cie., 1911. In-16, 175 p.
Cartonn6, 1 fr. [Classiques frangais].
Montaigne. Extraits d'apres le dernier texte public par l'auteur
(Edition de 1588) avec une Instruction et des notes philosophiques,
litteraires, grammaticales. Nouvelle edition, revue par l'abbö
Felix Klein. Paris, J. de Gigord, 1911. In-18, 388 p. 2 fr. 40.
Muret. — Franck- Belage. Marc-Antoine de Muret, poete frangais
[In: Bull, de la Soc. arch^ol. et bist, du Limonsin LX (1910—1911),
S. 163—190].
Nerval, Gerard de, Correspondance 1830 — 1855, introd. et notes p.
J. Marsan. Paris, Mercure de France 1911. 3.50.
Pascal inc^dit. IV. La Pauvresse de Pascal; par Ernest Jovy. Poitiers,
Society fran^aise d'impr. et de libr. Vitrv-le-Frangois 41, rue Pav^e
1911. In-8, 130 p.
Perrault, C. et Mme d'Aulnoy. — Contes en vers et en prose. Paris,
E. Flammarion, 1911. In-18 j^sus, 394 p. 95 cent [Les Meilleurs
auteurs classiques frangais et ^trangers].
Perrault. — Les Contes de Perrault, precedes d'une preface par J. T.
de Saint- Germain. Paris, E. Guf^rin. Grand in-8, 226 p. avec
illustrations.
Novitäteiwerzeichnis. 127
— Les Contes des f^es. Paris, E. Gu^rin, 1911. In-18, 216 p. avec grav.
Precosi, Abbe. Histoire de Manon Lescaut et du Chevalier Des Grieux.
Edite par Georges A. Tournoux. 298 S. S^. Leipzig, E. Rowohlt.
1911. Kart. 6.50 Mk.
Regnier, M. QEuvres completes. Revues sur les editions originales,
avec preface, notes et glossaire, par Pierre Jannet. Paris, E. Flam-
marion, 1911. In-18 Jesus, 304 p. 95 cent [Les meilleurs auteurs
classiques frangais et ^trangers].
Regnier, H. de. Discours de reception ä l'Academie fran^aise pro-
noncö le 18 janvier 1912. Paris, «Mercure de France», 26, rue de
Cond6. 1912. In-16, 43 p.
Sainte-Beuve. — Lettres inedites de Sainte-Beuve ä Charles Labitte
(1834 — 1845) avec une introduction et des notes par Georges Sanguier.
Paris, H. Champion, 1912. 78 S. 8". Prix: 2 fr. 50.
Stendhal. — Henri Beyle de Stendhal. Zuviel Gunst tötet. Novelle.
Erste Veröffentlichung nach dem Manuskript von Friedrich von
Oppeln-Bronikowski [In: Die neue Rundschau. Dezember 1911].
— Le Rouge et le Noir. Introduction par Casimir Stryienski. T. l^r
et 2. Paris, Larousse. 2 vol. petit in-8 avec 4 grav. dont 2 hors
texte. T. ler, 197 p.; t. 2, 232 p. Chaque volume, 1 fr. [Biblio-
theque Larousse].
Sully Prudhomme Lettres ä une amie (1865 — 1880) [In: Rev. des
deux mondes 15 dec. 1911].
— Lettres ä une amie (1865—1881). T. ler et 2. Paris, Impr. na-
tionale; le Livre contemporain. 1911. 2 vol. in-4 avec vignettes
et portraits. T. ler, XXIV-261 p.; t. 2, 321 p.
Tristan VHermite. — Ch. Vincent. «Le Parasite» de Tristan l'Hermite
comme source et comme Imitation [In: Studi critici di filologia
e glottologia (Napoli) 1, 1].
— A'^. M. Bernardin. I^a 'Mort de Seneque' de Tristan L'Hermite
[Rev. des cours et Conferences XX, 1].
Vigny, A. de. — Ch. Lesans. Notes sur deux poemes de Vignv [In:
Rev. d'Hist. litter. de la Fr. XVIII, 4].
■ — A. Desvoyes. Deux lettres inedits d'Alfred de Vigny [In: Bull.
du Bibliopliile 15 mars 1911].
Villedieu, Madame de, inconnue; par le capitaine Derome. Mamers,
impr. Fleury, 1911. In-8, 16 p. et grav.
Villiers de VIsle, Adam. Isis. Deutsch v. Hanns Heinz Ewers. Der
gesammelten Werke 4. Bd. II, 342 S. 8^. München, G. Müller,
1912. 4 Mk.
Voltaire. — Ein Schreiben Voltaires und drei Briefe Melch. Grimms
an den Fürsten Wenzel Kounic von Vlad. Helfert [In: Casopis
pro Moderni Filologii II, 1].
— Hanicka-Zula(vska, C. Les femmes dans le theätre de Voltaire.
Diss. Bern 1911. 102 S. S».
— Price, W. R. The symbolismc of Voltaire's Novels with special
reforonce to Zadig. New- York, The Columbia University Press
1911. VI, 265 S. 8" [Columbia University. Studios in RoFuance
Phiiology and Litorature].
— A. Terracher. Nole sur le Pour et le Contre de Voltaire [In: Mod.
Lang. Notes XXVII, 2].
— Q^.uvres completes. T. 40. Paris, Hachette et Cie., 1911. In-16,
423 p. 1 fr. 25.
8. GeHchlcIiio und Tlieorlo dos Uuterrlclilsi.
Collischonn, G. A. O. Ilands ol'f! vVutwort auf lleiiii Prof. Vietors
Frage: ,,Das F,n(le dci' Scluilreform ?" [In: Neue .lahi-bücher 1912.
II. S. 57—85].
128 . \<>i>U((leiiveizrirluiis.
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Petzold. Die Irarizösisclio und enKÜsche Lektüre an den höheren
Knaben.sehnlen J*rouf.»ens im Sehuljalir Ifl09/I0. A. Die IVanzö.sisctie
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Jioustan, M. I'röcis d'oxplication francaise. (Methode et application.s
Paris, Librairie CJassique Paul Delaplane.
Schneegans, H. Bonn. 1818 — W.-.S. 1910/11. Erlangen 1911 [.S<
parat-Abdruck aus Band XI, 4 des Romanischen Jahresberichts
hrsgb. von Karl Voilmöller].
— Grenoble, üniversile du Tonrisme [In: Hev. de Paris XIX, ä]
Walter, Max. Zur Metiiodik des neusprachlichen Unterrichts. Vor
träge, walirend der Marburger Ferienkurse 1906 u. 1908 gefi
2. Aufl. VIII, f)8 S. gr. 8». Marburg, N. fi. Elwert's Verl., 1012
1.70 Mk.
— Die Reform des neusprachlichen Lnterrichts auf Schule und Uni
versität. 2. verm. Aufl., ni. e. Anh. v. Wilh. Vietor. X, 26 S
gr. 80. Marburg, N. G. Elwert's Verl., 1912. Tii Pfg.
Waterstradt. Zur Frage des französ. Aufsatzes [In: Zs. f. französ. und
engl. Unterricht X, 6].
Wetterling, H. Der französische l'nterricht in den Lehrerbildung.<-
anstalten. Methodische Beiträge nebst Unterrichtsbeispielen.
117 S. 8". Gotha, E. F. Thienemann, 1911. 2.50 Mk.
9. liehrniiltel für den frauzösischen Unterricht.
a) Grammatiken, Übungsbücher etc.
Auge, C. Grammaire. Cours elementaire; par Claude Auge. Regles.
Exceptions. Remarques. Syntaxe. Exemples. Questionnaires.
600 exercices. 300 dictees ou poesies. Analyse du mot, de la pro-
position, de la phrase. Synonymes. Antonymes. Homonymes.
Derivation. Periphrases. Proverbes, etc. Narrations. Redactions
d'apres l'image. Lettres. Livre du maitre illustre de 180 grav.
Conforme ä la nouvelle nomenclature grammaticale. Paris, La-
rousse. In- 12, 396 p. 2 fr.
Baconnet, G. et C. Grillet. — Petite Grammaire frangaise, claire, courte,
compiete, conforme aux arretes ministeriels des 26 fevrier 1901 et
25 juillet 1910. Lyon, E. Vitte. Paris, libr. de la meme maison.
In- 16, 191 p. avec grav. [Certificat d'etudes primaires].
Boerner, O. u. R. Dinkler. Lehrbuch der französischen Sprache für
Mittelschulen. Oberstufe. Hrsgb. v. D. Livre du maitre. 35 S.
kl. 80. Leipzig, B. G. Teubner. 1912. 1.80 Mk. [Nur direkt an
Lehrer.]
— u. M. Mitlell. Lehrbuch der französischen Sprache für höhere
Mädchenschulen. Livre du maitre. kl. 8". Leipzig, B. G. Teubner
1. Tl. Klasse VII. Hrsg. v. M. 18 S. 1912. 80 Pfg. ^4. Tl. Klasse IV.
Hrsg. V. M. 20 S. 1912. 1 Mk. [Nur direkt an Lehrer.]
- — u.G.Werr. Lehrbuch der französischen Sprache. I. Abtlg. 2. Aufl.
Livre du maitre. 30 S. kl. 8«. Leipzig, B. G. Teubner, 1912.
1.50 Mk. [Nur direkt an Lehrer.]
Boerner, Otto, dem. Pilz u. Max Rosenthal. Lehi'buch der französischen
Sprache für preußische Präparandenanstalten und Seminare nach
den Bestimmgn. vom 1. 7. 1901. (Boerners neusprachl. Unterrichts-
werk.) III. Tl.: Übungsbuch f. Seminare. Mit dem Hölzelschen
Bilde V. Paris, 11 Taf., 17 iVbbildgn. im Text, 1 Kartenskizze,
1 (färb.) Plane v. Paris u. 1 (färb.) Karte v. Frankreich. 2., voll-
ständig umgearb. Aufl. XII, 181 S. 8». Leipzig, B. G. Teubner,
1912. Geb. 2.10 Mk.
Xovitäienverzeichnis. 129
Bouüliez, H. et Lefebvre, D. Nouveau Cours de langue frangalse
conforme aux programmes officiels et ä l'arrete ministeriel du
25 juillet 1910, relatif ä la nouvelle nomenclature grammaticale.
Cours moyen. 54 grav. 730 exercices d'observation, de reflexion,
d'application de regles grammaticales, 61 lectures choisies et dictees
de certificat d'etudes, avec plan et questions; 21 recitations en
prose et en vers; 160 exercices de vocabulaire, famille de mots,
association d'idees; 160 exercices de composition frangaise. Paris,
Gedalge et Cie., 1911. In-8, 368 p. avec grav.
Breuil, E. Legons illustrees de frangais. Methode active et experi-
mentale. Vocabulaire en action. Grammaire pratique. Ortho-
graphe d'usage et d'accord. Preparation ä la composition frangaise.
Education generale. Cours el^mentaire (sept ä neuf ans). 120
tableaux. Paris, Larousse. Petit in-8, 192 p. 1 fr. 20 [Methode
Larousse illustree].
Breymann, H. Französisches Elementarbuch f. Gj-mnasien u. Pro-
gymnasien. 5. Aufl. Überarb. v. Dr. K. Manger. VII, 135 S. S**.
München, R. Oldenbourg, 1911. 1.60 Mk.
— Französisches Elementarbuch f. Pvealschulen u. Oberrealschulen.
14. Aufl. Überarb. v. Dr. K. Manger. 136 S. 8^. München,
R. Oldenbourg, 1911. 1.60 Mk.
Chambrot, Victoria. Mode d'enseignement pratique et nouveau. Neue
prakt. Methode f. die franz. Sprache. Methode Chambrot. 1. livre.
VII, 128 S. m. Abbildgn. u. 2 Taf. 8". Wien. M. Perles, 1911.
3.50 Mk.
Dubislav, Geo u. Paul Boek. Methodischer Lehrgang der französischen
Sprache für höhere Lehranstalten. Ausg. A, B u. C. Elementar-
buch u. Übungsbucli. Schlüssel. 2. Aufl. XI, 167 S. 8«. Berlin,
Weidmann, 1911. Geb. 3 Mk.
Duval, P., E. Bremond et D. Moustier. Grammaire et Composition
frangaise. Cours moyen et superieur. Paris, E. Andre fils. In-8.
288 p. 1 fr. 50 [Le Frangais ä l'ecole primaire].
Enderlein, Emil u. Camille Cury. ,,En France". Methodisches Lehr-
buch der französ. Sprache f. höhere Mädchenschulen. Auf Grund
der Bestimmgn. zur Neuordng. des höheren Mädchenschuhvesens
vom J. 1908 bearb. II. Tl. 5. u. 4. Klasse. Mit 1 (färb.) Münz- u.
4 Bildertaf. IX, 355 S. 8«. Leipzig, Quelle & Mever, 1911.
Geb. 2.80 Mk.
Fetter, Joh. u. Karl Ullrich. La France et les Frangais. Lehrgang
der französ. Sprache f. Mädchenlyzeen u. verwandte Lehranstalten.
II. Tl. Mit 10 Abbildgn. u. 1 färb. Karte v. Frankreich. 4., umgearb.
Aufl. V, 178 S. gr. 8». Wien, A. Pichler's Wwe. & Sohn. 1911.
2 Mk.
Französische Sprachschule für Bürgerschulen und verwandte
Lehranstalten. Wien, A. Pichlers Witwe & Sohn. 1. Teil. Achte
Auflage. Mit 6 .Vbbildungon. Preis: geb. 1 Krone. II. Teil.
Fünfte Auflage. .Mit 8 Abbildungen. Preis: geb. 1 Krone.
GoldschniidCs, Thora, Bildertafeln f. den Unterricht im Französischen.
31 Anschauungsbilder m. erläut. Text, Übungsbeispielen u. e. syste-
matisch geordneten Wörterverzeichnis. (Thora Goldschmidt's
Sprachunterricht auf Grundlage der Anschauimg.) 7., erweit. Aufl.
IV, 78 S. Lex. 8". Leipzig, F. Hirt & Sohn,'l912. Geb. 3 Mk.
Jansen, P. Wortschatz f. die französischen Sprechübungen in der
Mittelschule. Unter Mitwirkg. v. W. Nieland zusammengestellt.
IV, 43 S. 80. Bielefeld, Volhagen Sc Klasing, 1912. Geb. 50 Pfg.
Kehr, Jos. u. Gisb. van Moll. Lehrgang der französischen Sprache für
Knaben- und Madchen-Mittelschulon. Schlüssel zum Elementar-
buch u. zum Lehrbuch der französ. Sprache. 64 S. 8**. Bielefeld.
Velhagen & Klasing, 1911. 1 Mk. [Nur direkt an Lehrer.]
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/'. J)
1 3ü Novitätenverzeichnis.
Kühn K u. li. Diehl. Französisches Elementarbiuli für lateinlose und
Reforrnsclmlen. Schlüssel. Hrsg. v. D. 42 S. 8». Bielefeld, Vel-
hagen & Klasing, 1911. 80 Pfg. [Nur an Lehrer.]
Lclirbuch der französischen Sprache. Schlüssel. Hrsg. v. I). III,
55 S. 8". Bielefeld, Velhagen& Klasing, 1911. l.Mk. [Nur an Lehrer.J
Kühn, Diehl u. Schwarzhaupt. Lehrbuch der französischen Sprache
f Mittelschulen. 2 Tle. Schlüssel. Hrsg. v. Dr. R. Diehl. 8".
Bielefeld, Velhagen & Klasing, 1912. Geb. 1.75 Mk. 1. Tl. 31 S.
geb. 75 Pfg. 2. Tl. 57 S. geb. 1 Mk.
Maschnerova, Marie. Francouzskä konversa^ni mluvnice (grammaire
franQaise a l'usage des Tcheques) pro potrebu äkolni i soukromou.
VIII, 410 S. m. 1 färb. Karte u. 1 färb. Plan. 8"^. Heidelberg, J. Groos,
1911. Geb. in Leinw. 5 Mk. ; klic. 50 S. Geb. in Halbleinw. 1.60 Mk.
Maquet, C. et L. Flot. Cours de langue franpaises. Analyse. Voca-
bulaire. Grammaire et exercices. Compositions frangaises. Redig6
conform^ment aux programmes du 20 juillet 1909 et ä l'arrete
ministeriel du 25 juillet 1910 relatif ä la nomenclature grammaticale.
Avec la collaboration de E. Jolivet. Paris, Hachette et Cie., 1911.
Petit in-8, 254 p. 1 fr. 50 [Enseignement primaire superieur].
Cours de langue frangaise. Redige conformement aux pro-
grammes du 31 mai 1902 et ä l'arrete ministeriel du 25 juillet 1910
relatif ä la nouvelle nomenclature grammaticale. Exercices. Avec
la collaboration de M. Rousselle. 3e degre. Gargons. Classe de 6^,
jeunes filles. 3e annee secondaire. Paris, Hachette et Cie., 1911.
Petit in-8, 180 p. avec grav. 1 fr. 50.
Cours de langue frangaise. Grammaire et Exercices. Redige
conformement aux programmes du 31 mai 1902, aux dernieres
Instructions ministerielles et ä l'arrete ministeriel du 25 juillet 1910
relatif ä la nouvelle nomenclature grammaticale. ler degre comple-
mentaire, gargons. Classe de 8e, jeunes filles. 3e annee primaire.
Paris, Hachette et Cie., 1911. Petit in-8, 144 p. avec grav. 1 fr. 25.
Mitteilungen der deutschen Zentralstelle f. internationalen Briefwechsel.
Nr. 20. Der Rundschreiben der deutschen Zentralstelle neue Folge.
Von K. A. Mart. Hartmann. [Aus: „Die neueren Sprachen."]
28 S. 8". Marburg, N. G. Elwert's Verl., 1911. 20 Pfg.
Oberländer, Siegm. u. Alex. Werner. Lehrbuch der französischen Sprache
f. Realschulen u. Realgymnasien. 3. Tl. III. u. IV. Jahrg. Mit
30 Abbildgn., 1 Karte v. "Frankreich u. 1 Plane v. Paris. 3., nach den
neuen Lehrplänen umgearb. Aufl. 224 S. 8". Wien, F. Tempsky,
1912. 3.20 Mk.
Peltier, C. et P. H. Gay. Cours de langue frangaise, ä l'usage des
6coles primaires ^lementaires. Cours pr^paratoire. Grammaire et
exercices preparatoires ä la composition frangaise. Lectures, dictöes
et recitations. Sujets de composition et descriptions sur images.
17 recitations. 40 legons. Conforme ä la nouvelle nomenclature
grammaticale. Paris, C. Delagrave, 1911. In-8, 96 p. avec 87 grav.
Cartonnö, 60 cent.
Ploetz, Gust. u. Otto Kares. Kurzer Lehrgang der französischen Sprache.
Elementarbuch. Verf. v. Dr. Gust. Ploetz. Ausg. J. Neue Ausg. f.
höhere Mädchenschulen. Nach den Bestimmgn. vom 12. 12. 1908
bearb. V. Max Schröer. I. Tl.: 7. Klasse. XII, 114 S. m. 2 Taf. 8».
Berlin, F. A. Herbig, 1912. Geb. 1.40 Mk.
Pommeret, Leon. Methode Pommeret. Enseignement direct du Frangais
par la conversation et la grammaire. 1. partie. 2. ed. Re\'ue et
augmentee. XIV, 92 S. 8». Berlin, L. Pommeret, 1911. 2 Mk.
Prückner, H. Französische Grammatik auf phonetischer Grundlage.
Nach den neuesten Lehrplänen ausgearb. 8". Heilbronn, E. Salzer.
1. Tl. 99 S. m. Abbildgn. 1911. geb. 1.30 Mk. 2. Tl. 108 S. m. Abb.
1911. geb. 1.30 Mk.
Novilätenverzeichnis. 131
Heho, Viel. A. Les quatres Saisons. Ein Übungs- u. Hilfsbuch f. den
Unterricht in der französ. Sprache unter Zugrundelegg. der Hölzel-
schen Jahreszeitenbiider u. des Textes der Gourdiatschen Sprech-
maschinenplatten. 3., durchges. u. verb. Aufl. 27 S. gr. 8". Stutt-
gart, W. Violet, 1912. 40 Pfg.
Mecueil de 416 epreuves ecrites donnees dans le departement de l'Orne
aux examens du certificat d'etudes primaires et comprenant 48 dic-
tees, suivies de 155 questions formant 48 devoirs; 48 sujets de
redaction; 96 problemes d'arithmetique, de Systeme metrique et de.
calcul mental, avec reponses; 40 sujets de dessin; 102 questions
d'agriculture et 34 epreuves de couture, pulie par L. Lorel. 20^ ann^e.
La Ferte-Mace (Orne), Potel. 1911. Petit in-8, 52 p.
Sokoll u. Wyplel. Lehrbuch der französischen Sprache. Ausg. für
Realgymnasien, bearb. v. Dr. Rieh. Weinert. 3. Tl. V, 152 S. m.
10 Abbildgn. u. 1 färb. Karte, gr. 8». Wien, F. Deuticke, 1911.
Geb. 2 Mk.
. Strohmeyer, Fritz. Französische Stilistik f. die oberen Klassen höherer
Lehranstalten. Mit Übgn. VIII, 119 S. 8«. Berlin, Weidmann,
1911. 1.60 Mk.
Sujets des compositions donnees dans les examens et concours de l'en-
seignement primaire dans le departement du Lot. Certificat d'etudes
primaires. Bourses d'enseignement primaire superieur. Bourses des
lycees et Colleges. Brevet elementaire. Concours aux ecoles nor-
males. Annee 1911. Publies par L. Saint-Marty. Cahors. impr.
A. Coueslant, 1911. Petit in-8, 48 p.
b) Literaturgeschichte, Schulausgaben, Lesebücher.
Anthologie des ecrivains jrangais. Prose (XVII^ siecle) publiee sous la
direction de Gauthier-Ferrieres. Paris, Larousse, 1911. Petit in-8,
176 p. avec 23 portraits, dont 4 hors texte et 25 autographes. 1 fr.
[Bibliotheque Larousse].
Bechtel, A. Eine fremdsprachliche patriotische Lektüre für die öster-
reichisch-ungarische Mittelschuljugend [In: Zs. f. d. Realschulwesen
XXXVII, 3].
Bouchor, M. Contes transcrits; d'apres la tradition franfaise. Paris,
A. Colin, 1911. Petit in-16, XXIV-213 p. avec grav. 1 fr. 25 [Les
plus belles histoires ä lire ou ä faire lire aux enfants].
Bouillot, V. Le Frangais par les textes. Lecture expliquee, R^citation,
Grammaire, Orthographe, Vocabulaire, Composition frangaise. Cours
moyen, certificat d'etudes primaires. Livre du maitre. Pai'is,
Hachette et Cie., 1911. In-16, IV-723 p. avec grav. 4 fr. [Nouveau
Cours d'enseignement primaire redigö conform^ment aux program-
mes officiels].
■ Collection Teubner. Publice ä l'usage de l'enseignement secondaire par
F. Doerr, L. Petry. 8". Leipzig, B. G. Teubner. 8. Delhast, Bene:
Paris et les Parisiens I. Morcoaux choisis et annotes en collaboration
avec L. Petrv. Texte. VIII, 127 S. m. Abbildgn. auf 7 Taf. u.
1 färb. Plan.' 1912. Geb. 1.50 Mk.; notes. 72 S. 60 Pfg.
Duhamel, E. Morceaux choisis de rt^citation, pi'ose, po^sie, avec
analyses, exfilicalions et maximes. Cours moyen. Paris, Hachette et
Cie., 1911. In-16, 64 p. avec grav. öOconl (XouveauCours d'enseigne-
ment primaire redigt^ conformöment aux programme officiels).
.Eidenschenk- Patin, Mm. Les Promieres Lectures des petites fiiles.
Paris. C. Delagrave. 1911. In-18, 176 p. avec grav. et musique.
Cartonn^ 80 cent.
.Freytags Sammlung französischer und englischer Schriftsteller. MiManges
de prose moderne (Histoire. Philosophie. ßionomie politique.
Vovages) publiös et annot(^s par //. Gassner. Vienne F. Tempskv,
Leipzic G. Freytag 1912. Prix 1 Mk. 20 Pfg. = 1 K. 50 h.
9*
132 .\ovi tüten verzeicknis.
Inner, K. Lesebucli der französischen Spraclie I'. Mittelschulen und
verwandte Anstalten. Nach den Beslimmgn. über die Neuordnung
des Mittelschulwesens in Preußen vom 3. 2. 1910 abgefaßt. Ausg. A :
Französisch als erste Fremds|»rache. II. Tl.: Klassen III — I. Einbd.:
Oberstufe. Mit 4 kolor. Vollbildern, vielen Scluvarzdr. u. I (färb.)
Münztaf. XV, 318 S. 8«. Flensburg, A. Weslphalen, 1911. 3 Mk.
Pelissier-Maurier, Mme M. La Morale poetique ä l'öcole. Recueil de
39 po6sies enfantines ä l'usage des classes enfantines primaires et
maternelles. Preface de FranQois Fabie. Paiis, A. Jeande. In- 18
jösus, 88 p.
Sammlung englischer und französischer Autoren. Hrsg. v. Frz. Eigl u.
Rieh. Lederer. kl. 8*^. Troppau, Buchholz & iJiebel. 5. Heft.
Flaubert, Gustave. La lögende de Saint Julien l'Hospitalier.
IV, 48 S. 1911. 30 Pfg. 11. Heft. Moliere. L'Avare. Eingeleitet
u. m. Anmerkgn. versehen v. Prof. Rieh. Goldreich. 112 S. 1911.
40 Pfg. 13. Heft. Erckmann-Chatrian. Contes. Eingeleitet u. m.
Anmerkgn. versehen v. Prof. Gust. Guth. 39 S. 1911. 20 Pfg.
Schriftsteller, Französische, aus dem Gebiete der Philosophie, Kultur-
geschichte u. Naturwissenschaft. Hrsg. v. J. Ruska. 8". Heidel-
berg, Carl Winter. Geb. 1.60 Mk. 5. (T Alenibert. Discours preli-
minaire de l'encvclopedie. Mit Einleitg. u. Anmerkgn. hrsg. v. Heinr.
Wieleitner. 128 S. 1911.
Schulhibliothek französischer u. englischer Prosaschriften aus der neueren
Zeit. Mit besond. Berücksicht. der Fordergn, der neuen Lehrpläne
hrsg. V. L. Bahlsen u. J. Hengesbach. I. Abtlg. : Französische
Schriften. 8". Berlin, Weidmann. 27. Bdchn. Hugo, Vict. La
preface de ,,CromweU". Für die Zwecke des Unterrichts verkürzt
u. erklärt v. O. Weissenfeis. 2. verm. u. verb. Aufl. v. Alb. Sleumer.
VII, 101 S. 1911. Geb. IMk.; Wörterbuch 29 S. 30 Pfg. 58. Bdchn.
Chalamet, A. A travers la France. In gekürzter Fassg. u. m. Kom-
mentar hrsg. V. Max. Pflänzel. 3. Aufl. VIII, 111 S. m. 12 Abbildgn.
u. 1 färb. Karte. 1911. Geb. 1.40 Mk. 62. Bdchn. Sandeau, Jules.
La röche aux mouettes. Gekürzt f. den Schulgebrauch hrsg. und
erklärt v. H. Bretschneider. VI, 82 S. 1911. Geb. 1 Mk.
Schulbibliothek, Französische u. englische. Hrsg. v. Otto E. A. Dick-
mann. Reihe A. Wörterbücher. 8". Leipzig, Renger. 165. Bd.
Sand, George. La mare au diable. Wörterbuch. Bearb. v. K. Roos.
25 S. 1911. 25 Pfg.
Schulhibliothek, Französische u. englische. Hrsg. v. Otto E. A. Dick-
mann. Neue Aufl. Reihe A. 8". Leipzig, Renger. 69. Bd. Con-
teurs modernes. Simon, Theuriet, Revillon, Morel, Richebourg.
Avec un choix de notes ä l'usage de l'enseignement par Jos. -Vict.
Sarrazin. 3. ed. Reform-Ausg. m. fremdsprachl. Anmerkgn. V,
73 u. 16 S. 1911. Geb. 1 Mk.
• — dasselbe. Neue Aufl. Reihe C (f. Mädchenschulen), kl. 8°. Ebda.
35. Bd. Lotsch, Fr. Livre de lecture pour les enfants de dix ä douze
ans. Für den Schulgebrauch bearb. 2. Aufl. V, 59 S. 1912. Ge-
bunden 70 Pfg.
Sprachenpflege, System August Scherl. kl. 8". Berlin, A. Scherl.
Französisch. (Französisch u. deutsch.) 2. Bd. Merimee, Prosper.
Mosaik. (Mosaique.) Auswahl. 2. Bd. III u. S. 102—203. 1911.
Geb. 50 Pfg. 3. Bd. Sand, George. Die kleine Fadette. (La petita
Fadette.) 111 S. 1911. Geb. 50 Pfg.
VioleVs Sammlung v. Sprachplatten-Texten zum Unterricht m. Hilfe
der Sprechmaschine. Stuttgart, W. Violet, 1912. 1 Mk.; einzelne
Texte 4 Pfg.
Referate und Rezensionen.
]Vort]iiip, Clark S, The present bibliographical Status of
modern phüology [reprinted from the Papers of the Biblio-
graphical Society of America]. The University of Chicago
Press. Chicago 1911. (Für Deutschland: Th. Stauffer,
Leipzig.) 42 S. 8<^.
Die Frage der bibliographischen Hülfsmittel der moder-
nen Philologie wurde in einer Sitzung der Bibliographical Society
of America nach einer Einleitungsrede unter vorstehendem
Titel von Professor Northup (Cornell University) erörtert. Bei
dieser Gelegenhej,t lag auch ein Beitrag von Mr. J. Christian Bay
(of the John Crear Library) : "Survey of periodical bibliography"
vor nebst Mitteilungen von vierzehn Fachmännern verschiedener
Gebiete der Sprachwissenschaft, welches alles jetzt zusammen
veröffentlicht wurde. In seiner Übersicht hat Mr. Bay darauf
hingewiesen, daß periodische Fachbibliographien nach Materien
ein immer unentbehrlicheres Hülfsmittel der Forschung geworden
sind, aber "there is too much duplication and too many gaps".
Viele von diesen Bibliographien werden zu spät publiziert. Ein-
zelne Gebiete leiden an bibliographischer Überproduktion, eine
Verschwendung von Arbeit und Geld, ohne daß man doch sagen
kann, daß ein wirklich vollständiges und zuverlässiges Reper-
torium für diese Disziplinen existiert.
Der Fehler, so scheint es Mr. Bay, liegt in einer unbefrie-
digenden Organisation und er schlägt deshalb vor eine Kommission
einzusetzen, die die Organisation und die Nützlichkeit der existie-
renden Bibliographien, Jahresberichte und Reviews, sowie die
Frage der unnötigen Duplikation näher untersuchen und Vor-
schläge zur Verbesserung der Verhältnisse vorlegen soll. Es
wurde beschlossen, daß die Kommission mit der modernen Philo-
logie anfangen solle.
Dieselben Gesichtspunkte suclit nun Northup in seiner
Darstellung des gegenwärtigen Status der modern philologischen
Bibliographie darzulegen. Er motiviert seine Sciilußsälze mit
einer Krilik dessen, was bisher hinsichtlich der bibliographischen
Bearbeitung älterer und neuerer literarischer Produktion ge-
Ztschr. f. frz. Spr. ii. Litt. XXXIX«/«. 10
134 Heferate und Rezensionen. P. Högherg.
leistet wurde. Dieses Resume scheint mir an Unvollständigkoit
und einer gewissen Einseitigkeit zu leiden und darum unsere
jetzige lebhafte bibliographische Produktion nicht völlig zu
ihrem Recht zu kommen. Unter der Kategorie ,.t h e p a s t"
erwähnt er nur " Completed bibliographical undertakings"
und darunter Werke wie Goedeke's Geschichte der deutschen
Dichtung, Kayser's Index locupletissmus, Allibone's Dictionary,
Brunet's Manuel, Graesse's Tresor des livres und den neulich von
Lanson herausgegebenen Manuel bihl. de la litt. franQ., desgleichen
einige amerikanische und englische Bibliographien (Lownde,
Haslitt, Greg, Courtney). Es können aber hier wohl auch mit
ebenso gutem Rechte erwähnt werden: Heinsius Bücherlexikon
(1812 bis 1894) und seine Fortsetzung in Hinrichs Fünfjährigem
Bücherkataloge, E. G. Gersdorf, Repertorium der gesamten deutschen
Literatur, Lpz. 1834 — 42 und J. S. Fisch, Handbuch d. deutschen
Literatur, der von C. Georg und E. Ost zusammengesetzte Schlag-
wortkatalog, weiter neben Allibone und Lownde The term Cata-
logues 1668 — 1709 by E. Arber, American Catalogue von 1875,
C. Evans, American bibliography (1639 — 1820, noch nicht be-
endet), neben Lanson der Guide bibliogr. de la litt. fran^. de 1800
ä 1906, Paris 1907, von Northups Kollegen H. P. Thieme, Brink-
manns Lijst, Lorenz Catalogue general, \'icaire, Manuel de
l'amateur des livres du 19e siede, Catalogo generale della libreria
italiana (1847 — 99) compilato da A. PagUaini u. s. w. Auch wird
nicht einmal auf die Standard works hingedeutet (Monographien,
Realkataloge und einen alphabetischen Katalog), die vom British
Museum herausgegeben wurden, der vortrefflichen Standorts-
kataloge der Bibliotheken von Berlin, Paris, Florenz, Brüssel etc.
zu geschweigen. Grundlegende Werke wie Gröbers und Pauls
Grundriss verdienen auch einen hervorragenden Platz. Carl
Voretzsch gibt in seiner Einführung in d. St. d. altfranz. Literatur
gute bibliographische Notizen und eine gute Übersicht der Er-
scheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie bietet
G. Manacorda, Germania Filologica, Cremona 1909, mit zirka
20 000 ,,indicazioni". In den von Manacorda dirigierten 'Studi
di filologia moderna' besitzen wir übrigens eine jährHche ' Bibliografia
sistematica internazionale' , ebenso nach Ländern geordnet ein
.,,Spoglio internazionale e sistematico delle Reviste". Zum Schluß
seien noch zwei Vorgänger in der internationalen periodischen
Bibliographie erwähnt: W. u. L. Ruprecht, die die zwischen
1848 — 98 erschienene "Bibliotheca philologica" begründeten. —
Zu Northups "few bibliographies of individual writers" sind u. a.
hinzuzufügen: Ch. Asselineau, Bibliographie romantique. Paris
1892—94, V. Verlaque, Bibl. de Bossuet, Paris 1908, die durch
die Deutsche bibliographische Gesellschaft von Wütsche her-
ausgegebene Hebbel- Bibliographie, die Delisle- Bibliographie etc.
Unter Spezialbibliographien können weiter angeführt werden:
Northiip, Clark S. The present bibliographical. 135
H. Trübner, Catalogue oj dictionaries und grammars 2. Aufl. 1882,
ein Nachfolger von Literatur der Grammatiken, Lexika . . von
J. S. Vater 1847, F. H. Chase, Bibl. guide to old english syntax,
Leipzig 1896, F. Mentz, Bibl. d. deutschen Mundartenforschung,
Leipzig 1893, die von einem scliwedischen Gelehrten, Professor
G. Wahlund, verfaßte Bibliographie der Straßburger Eide, P. Horluc
et G. Marinet Bibliographie de la Syntaxe du Frangais (1840 bis
1905), D. Behrens, Bibliographie des patois gallo-romans, 2. Aufl.
1893 u. a.
Eine Art Literatur, an die Northup nicht denkt, sind Ab-
handlungen und Programme, von denen SpezialVerzeichnisse
in verschiedenen Ländern (Deutschland, Frankreich, Schweiz)
existieren. Hier muß Varnhagens der romanischen und eng-
lischen Philologie gewidmetes, von Martin bis 1893 fortgeführtes
Systematisches Verzeichnis fortgesetzt werden, ebenso das von
Klussman (Verlag Trübner) herausgegebene (1876 — 85). Mit
Hülfe der erwähnten jährUchen Verzeichnisse ließe sich ein
solches unumgänglich notwendiges, zusammenfassendes Ver-
zeichnis leicht herstellen. Zu den von Northup erwähnten Indices
zu Herrigs Archiv, Paul u. Braunes Beiträgen, den Englischen
Studien und der Romania ist nun auch das im ganzen verdienst-
volle, von Lucien Beszard im Jahre 1900 herausgegebene Register
zur Zeitschrift f. rom. Philol. (Bd. 1 — XX) hinzuzufügen. Leider
gibt es noch viele Zeitschriften, die dieses wichtigen Hülfsmittels
entbehren.
Im allgemeinen glaube ich hiernach hinsichtlich der soge-
nannten Inventarisierungs-Bibliographie Nor-
thup nicht beistimmen zu können, daß "there has been some
scorn of such work, as beneath thc dignity of real scholars."
Es ist eine anerkennenswerte Arbeit, die geleistet wurde und
geleistet wird.
In bezug auf die aktuelle, periodische Biblio-
graphie, die den Zweck haben soll, den Fachmann in stand
zu setzen der immer mehr steigenden literarischen Produktion
seiner Disziplin zu folgen, stellt sich die Sache etwas anders.
Hier kommt es sehr auf rasche Information an. In der Haupt-
sache hat nur der Buchhandel wirkliche periodische Biblio-
graphien (wöclientliche, monatliche, jährliche, ja tägliche) ge-
schaffen, natürlich aus geschäftlichem Interesse und ohne auf
Zeitschriftenliteratui' Uücksiclit zu nehmen. \'on unseren fiu^h-
mäßigen Bibliographien verdienen nicht viele die Bezeichnung
periodisch. So ist die als Supplement zur Zeitschrift Gröbers
herausgegebene „Bibliographie 1907" erst im Jahre 1911 erschie-
nen, allzuspät trotz der willkonmienen Angaben über Bespre-
chungen der einzelnim in der Bibliograpliie verzeichneten Werke.
Die von A. PcHri zusammengestellte t'bersicht der im Jahre
1904 auf dorn Gebiete der englischen Philologie erschienenen
10*
136 lieferale and Rezensionen. P. fJögberg.
Bücher kam erst im Jahre 1911 zur Ausgabe, Streilbergs An-
zeiger für 1907 im Jahn; 1910 usw. Es gibt, sagt Northup, keinen
wirklichen Grund, weshalb nicht die Bibliographien eines gegebenen
Jahres im Mai oder Juni des folgenden zur Drucklegung vor-
liegen könnten und hier liegt der Schwerpunkt seiner Kritik.
Dazu wäre zu bemerken, daß die Ausgabe von Jahresbänden,
doch wohl naturgemäß nicht der Forderung schneller Infor-
mation über die Neuerscheinungen entsprechen kann. r)ie
Lücken auszufüllen, die zwischen den Erscheinungsjahren und
den Berichtsjahren derartiger Jahresbände klaffen, muß aber
das Ziel der periodischen Bibhographie sein.
Hier darf man nun nicht, wie Northup es tut, übersehen,
daß der Mangel an ungefähr gleichzeitigen Repertorien, von den
buchhändlerischen Organen abgesehen, durch Literaturangaben
der Fachzeitschriften vermindert wird. So fügt diese Zeitschrift
ihren kritischen Heften ein Novitätenverzeichnis bei, desgleichen
orientieren über Neuerscheinungen: The modern language review,
Leuvensche Bijdragen^ Liter aturhlatt f. germ. u. rom. Philologie^
Museum. Maanhlad voor Philologie, Deutsche Literaturzeitung,
Literarisches Zentralblatt mit Beilage: Wöchentliches Verzeichnis
und andere periodische Publikationen, die ein Forscher, der auf
die Entwicklung seiner Wissenschaft achtgeben will, nicht unter-
lassen kann, zu Rate zu ziehen.
Als einen Fehler der periodischen Bibliographie führt auch
Northup den Umstand an, daß nicht selten die Bibliographie
derselben Disziplin mehrfach zur Bearbeitung gelangt. So
korrespondiere Petris Übersicht mit dem englischen Teile vom
Jahresbericht für germ. Philol., letzterer in seinem linguistischen
Teil mit Streitbergs Anzeiger und in seinem literarischen Teil
mit dem Jahresberichte f. deutsche Literaturgeschichte. Die Ver-
gleichung von Vollmöllers Krit. Jahresbericht der rom. Philol.
und der Bibliographie der Zeitschrift /. rom. Phil, halte ich nicht
für zutreffend. Ersterer ist ja eine ,, bibhographie raisonnee."
Im allgemeinen bemerkt Northup, daß die kontinentalen Biblio-
graphien die amerikanischen Publikationen weniger vollständig
als z. B. die englischen behandeln, und er richtet diese Anklage
im Besonderen gegen den von der Gesellschaft für deutsche
Philologie herausgegebenen Jahresbericht.
Auch an der systematischen Anordnung der existierenden
Bibliographien hat Northup Ausstellungen zu machen. Der
Jahresbericht für germ. Philol. scheint ihm "not well classified".
Man muß ihm hierin beistimmen. Es fehlt diesem Jahresberichte
an Übersichtlichkeit wegen der zu vielen und w^enig zutreffenden
Subdivisionen. Daß die Namen der Verfasser oder die Titel
der unter einer Rubrik zusammen aufgeführten Werke nicht
alphabetisch geordnet sind, erleichtert natürlich nicht die Be-
nutzung. Rezensionen sollten unter den besprochenen Werken
Northup, Clark S. The present bibliographical. 137
und nicht am Ende der einzelnen Abteilungen notiert werden.
Die Anlage dieses Jahresberichts, die eine Mischung vom alpha-
betischem Klassenkatalog oder Schlagwortkatalog und syste-
matischem Realkatalog darstellt, kann nie befriedigend werden.
Vgl. außerdem solche nichtssagenden Rubriken wie: Verschiedenes:
Gothisch: Abhandl. und Etymologisches (Jahrg. 31. 1909). Dasselbe
gilt auch von der von Northup als "badly arranged and unscho-
larly" bezeichneten Literaturübersicht der engl. Philol. in den
Supplementheften zur "Anglia". Die "Sprache" bildet da z. B.
ein einziges Kapitel, in dessen Autorenverzeichnis die Stich-
wörter: Aussprache, Metrik, Dialekte, Grammatik usw. in
alphabetischer Ordnung einrangiert sind und darunter nur Hin-
weise auf die hergehörigen Verfassernamen. Zusammengehörende
Spezies wie: "Wortforschung", " Namens forschung", '"EtjTnolo-
gien" w^erden auf dieselbe Weise getrennt, sowohl von einander
als nach folgender ganz zweckwidriger Anordnung: Etymologien
im Archiv, in den Engl. Studien, in Modern Lang. Notes usw.,
während einschlägige selbständige Werke in der Namenfolge
stehen. Die letzte "Bücherschau" (1904) unterscheidet nicht
Literaturgeschichte von Literatur, sondern verzeichnet sie als
Stichwort mit Unterabteilungen in dem Kapitel: Literatur.
Allgemeines. Man sollte doch Ausgaben (Sammlungen, einzelne
Autoren, inklusive Übersetzungen) und Literaturgeschichte im
allgemeinen, einzelne Gattungen usw. auseinanderhalten. Das
einzige richtige System einer wissenschaftlichen Bibliographie
scheint mir das eines Realkatalogs zu sein, wie wir es schon in
Streitbergs Anzeiger und in der Gröbers Zeitschrift beigegebenen,
die romanische Piülologie umfassenden "Bibliographie" beob-
achtet finden.
"If we are to make", so beschließt Northup seine Kritik,
,,in modern philology, progress commensurate with our progress
in other branchos of science, the present largerly unsatisfactory
bibliographical conditions cannot continue. Our defective
current bibliographies must be reconstructed or rcplaced by
better ones; and our good current bibliograplües must if possible
be brougliL more noarly up to date." Und er bringt ein neues
bibliograpliisches Unternehmen in Vorschlag, das das ganze
Gebiet der europäischen Sprachen und Literaturen umfassen
solle, die Gründung also eines internationalen Instituts größten
Stiles, was schon der als hervorragender Bibliograph anerkannte
Bibliothekar der John Crear Library in Chicago, Herr .\ksel
G. S. Jüsephson, 1905 in einer Broschüre vorgeschlagen iiat.
Nach Northuj) soll das Unternehmen seinen Sitz in einem größe-
ren geographischen Zentrum haben, lieber in Amerika als in
England oder Deutschland und in Amerika lieber in Chicago
als in New York. Die Details sollten von einei" aus der Biblio-
graphical Societu und dtM" Modern Lnngua^e Association zu'^ainnion-
138 Hcferale nini Rezensionen. P. I/ögberg.
gesetzten Kommission ausgearbeitet wfiden. Der Verfasser selbst
empfiehlt die Angaben mit Linotype auf Cards, den von der
Library of Gongress distribuicrten ähnlich, drucken zu lassen,
einen Teil auf dünnerem Papiere zum privaten Gebrauch und
einen anderen auf festerem für die Zwecke der Bibliotheken.
Möglicherweise könnten die Typen zur Drucklegung eines allge-
meinen Jahresbandes oder von Spezialbibliographien der ver-
sciiiedenen Fächer aufbewahrt werden.
Es läßt sich vom europäischen Standpunkt aus (wie vice
versa) anführen, daß wegen der räumlichen Entfernung ein
solches die gesamte Arbeit leistendes Zentralinstitut immer einen
Kontinent vernachlässigen würde. Man darf dabei nicht über,
sehen, daß der europäische Kontinent, besonders Deutschland,
hinsichtlich der wissenschaftlichen Produktion, nicht zum min-
destens der philologischen, wenigstens bisher im Vordergrunde
steht. Man wird ferner nicht klar darüber, ob nach der Meinung
Northups ein Zettelkatalog (cards), den er als die haupt-
sächliche Aufgabe des Unternehmens (zunächst also eine Aus-
kunftsstelle oder ein Zentralreservoir, möglicherweise eine Buch-
ausgabe) in Aussicht stellt, unsere mangelhaften Bibliographien
ersetzen könnte. Der Zettelkatalog (wie der von der Card distri-
bution of the Library of Gongress gelieferte) hat doch nur lokalen
(nationalen) oder bibliothektechnischen Wert und muß die
internationale Benutzung erschweren, wenn derselbe nicht den
einzelnen Forschern im Drucke zugänglich wird. Kann es denn
als ausgemacht gelten, daß man mit einem derartigen Gesamt-
kataloge der Philologie die von Northup gepriesene Vollständig-
keit erreicht ? Diese "cards" sind, wenn sie auch die Arbeit
in hohem Grade erleichtern, nicht ohne weiteres, wie Northup
sagt, "the Chief desideratum". Es gilt nicht nur die Titel zu
sammeln und unter gewissen Stichwörtern vorzuführen. Eine
Analyse der wissenschafthchen Aufsätze und Werke ist nur
möghch, wenn jedes Fach von einem mit dem Gegenstande bis
ins einzelne vertrauten Fachgelehrten übernommen wird. Es
geschieht leicht, daß man bei der von Tag zu Tag anschwellenden
literarischen Produktion des Stoffes nicht Herr bleibt. In diesem
Zusammenhange kann ich einen Versuch in Erinnerung bringen,
den Dr. H. Hungerland machte, eine Bibliographie neuer Er-
scheinungen aller Länder aus der Sprachwissenschaft zu schaffen:
die Philologise Novitates (dem noch bestehenden Repertorium
"Naturse Novitates" entsprechend), die hauptsächUch wegen
übergroßer Arbeitshäufung und der zu geringen Anzahl Mit-
arbeiter nur drei Jahrgänge erlebten. Northup erwähnt nicht,
daß sich zu Brüssel schon ein "Institut international de hiblio-
graphie" befindet, und daß das Deweysche Dezimalklassifikations-
System, auf dem sich die gesamten Arbeiten des Instituts mehr
oder weniger aufbauen und gegenüber welchen die deutschen
Norlhiip, Clark S. The presenl bibliographical. 139
Bibliothekare mit Recht sich durchaus ablehnend verhalten,
zur Illustrierung der unbefriedigenden Organisation eines solchen
Unternehmens dienen kann. Eine Bibliographie wie der "Inter-
national Catalogue of scientific liierature" wäre für die philologische
Forschung zweifellos wünschenswert, aber die natürliche Basis
müßten bezüglich der Ausführbarkeit, Vollständigkeit und
Zuverlässigkeit die nationalen Bibliographien bilden, ein Grund-
satz, den diese internationale Bibhographie der Naturwissen-
schaften durch ihre selbständigen, bestimmte Länder um-
fassenden Regionalbureaux zu verwirkUchen gesucht hat.
Es \\ird demnach nicht außer Frage sein, ob ein Gesamt-
katalog der Philologie, besonders in der von Northup vorge-
schlagenen Zettelform, wenn derselbe auf schnelle periodische
Information eingerichtet sein soll, wenigstens im Gebrauch
"more nearly up to date" gebracht werden könnte, was doch
in erster Linie zu wünschen wäre. Die Aufgabe desselben scheint
mir vielmehr nur eine retrospektive werden zu können. Wegen
der Übersichtlichkeit und der Möglichkeit den Umfang der Pro-
duktion auf größeren Gebieten zu überblicken, muß, wie schon
gesagt, die Form eines solchen Repertoriums systematisch sein, ein
Realkatalog, nicht ein Schlagwortkatalog mit mehr oder weniger
zutreffenden Stichwörtern, der in Amerika und England die
Sachbibhographie beherrscht. Im Interesse der Wissenschaft
können nur Fachbibliographien eine solche Aufgabe erfüllen
und eine natürhche Arbeitsteilung des philologischen Gebietes
würde, wie sie schon besteht, die Voraussetzung sein. Und da
man überhaupt in betreff der Lage der jetzigen philologischen
Bibliographie nicht so pessimistisch zu sein braucht (wenigstens
wird man nicht durch die Auseinandersetzungen Northups über-
zeugt, und die in der Sitzung gemachten Aussagen von amei-ika-
nischen Fachgelelu'lon gehen im ganzen in die gleiche Richtung),
gilt es zu verbessern, was wir schon besitzen und das wir deutscher
Initiative verdanken. Übrigens darf man nicht den Einsatz
übersehen, den Deutschland gemacht hat und immer fort, zuletzt
durch die groß angelegte Bibliographie der fremdsprachigen
Zeitschriftenliteratur, macht.
Auf dem Gebiete der romanischen Philologie entspricht
<lie als Supplement zur Zeitschrift für rom. Philologie heraus-
gegebene Bibliographie im allgemeinen berechtigten Anforde-
rungen. Die Übersicht in der Anglia umfaßt englische, resp.
amerikanische Philologie und deshalb könnte sieli der von der
Gesellschaft für deutsche Piiilologie lierausgegebene Jahres-
bericht auf die Behandlung der übrigen germanischen Philologie
beschränken. Für die übrigen Spraclien sorgt Streitbergs Aii-
zeiger. Sie erscheinen also [Jahresbericht ausgenommen) als
Supplement zu den Fachzeilschriften und auf diese Tatsache
gründe ich di'* Möglichkeit einer successive fortlaufenden biblio-
140 Referate und Rezensionen. K. Meisler.
graphischen Arbeit. Nun denke ich mir, diese einzelnen
Zeitschriften würden in jedem Hefte ein vollständiges syste-
matisches Verzeichnis der Neuerscheinungen (selbständige Werke,
Abhandlungen, Programme, Zeitscliriftenliteratur) veröffent-
lichen. Diese Novitäten Verzeichnisse würden zugleich als \'^or-
arbeit zu den Jahresbänden dienen können. Die Zusammen-
stellung derselben ließe sich technisch dadurch erleichtern, daß
die Titel z. B. mit Linotype gedruckt würden. Damit würde man
den Anforderungen auf schnelle Information nach Möglichkeit
gerecht, und praktisch würde eine Trennung der Arbeit der
Inventarisierung und der periodischen Information hergestellt.
So wäre es auch möglich die Lücken, die zur zeit zwischen Er-
scheinungsjahren und Berichtsjahren bestehen, zu beseitigen.
Um eine noch vollständigere retrospektive Übersicht zu ge-
winnen, könnten die Jahresbände z. B. fünfjährlich zusammen-
gefaßt werden. Damit entstehen natürlich höhere Kosten der
doppelten oder dreifachen Drucklegung. Schließlich müßte
vor allem eine einheitliche Methode der systematischen Einteilung
in Anwendung kommen. Daneben sollten die zusammenfassen-
den Verzeichnisse der Abhandlungen und Programme fortgesetzt
werden, ebenso die Register der Zeitschriften. Auch sollte, was
noch nicht bemerkt wurde, ein systematisches Verzeichnis aller
bekannten Handschriften hergestellt werden. Die bibUographische
Behandlung einzelner Teilgebiete und Autoren bietet ein weiteres
Arbeitsgebiet, dem die retrospektive, nationale oder internationale
Bibliographie sich zuzuwenden hat, bevor wir uns mit der un-
geheuer mülisamen Ausarbeitung einer im gev.issen Sinne luxuri-
ösen bibUographischen Enzyklopädie der Philologie werden
zuwenden können.
U p p s a l|a. x'. HöGBERG.
Tnigärlateinisclie Inscliriften, herausgegeben von
Ernst Die h-1. Bonn, A. Marcus und E. Weber's
Verlag. 1910. " 8 . . 176 S., brosch. 4,50 Mk., geb.
5,— Mk.
Die Sammlung schließt sich an die lateinischen christlichen,
pompeianischen und altlateinischen Inschriften an, die E. Diehl
ebenfalls in Lietzmanns kleinen Texten herausgegeben hat. Sie
enthält in der Hauptsache Inschriften von Privatpersonen, die
nicht imstande waren, ein schulgerechtes Latein der Mit- und
Nachwelt zu überliefern, beigegeben sind einige offizielle Doku-
mente mit vulgärem Einschlag. D. hat diese Sammlung auf die
Tier ersten nachchristlichen Jahrhunderte beschränkt.
Die Anordnung der einzelnen Inschriften ist weder nach
dem Fundort noch nach der Abfassungszeit gemacht, sondern
nach grammatischen Gesichtspunkten. Da ja fast alle Ab-
Vulgärlateinische Inschriften. 141
weichungen der Vulgärsprache, die bisher erkannt worden sind,
über einen größeren Teil des lateinischen Sprachgebiets, vielfach
über die ganze lateinische Hälfte des alten Imperiums sich aus-
gebreitet haben, und da wir sehr viele der Steine nur ganz un-
gefähr datieren können, wird der Benutzer mit diesem Prinzip
der Anordnung ge^^^ß einverstanden sein. Er wird es auch sehr
willkommen heißen, daß D. sich nicht damit begnügt hat, die
Texte abzudrucken, wie sie im Corpus stehen, sondern ihnen
kurze erläuternde Anmerkungen und Verweise beigefügt hat.
Der Grammatiker kann freilich nicht überall beistimmen, codiugi
(174) für coniiigi ist nicht mit coluci (CILXII 427) zu vergleichen,
denn jene Zeichen sind das Abbild einer Sprachform, diese sind
niemals gesprochen worden, sondern durch Verwechslung der
ähnlichen Schriftzeichen entstanden, wie umgekehrt iebris für
libens (270) ; hinc sita (753) gehört weniger mit vinxeit für vixit
zusammen als mit unde für uhi; trigitta statt triginta (686)
steht auf einem anderen Brett als covviva statt conviva\ ab hortu
nov. (32) braucht kein Verstoß gegen die Syntax zu sein. Über
anderes sei auf die eindringende Rezension von M. Niedermann,
Berl. Philol. Wochenschr. 1911, 1431 ff. verwiesen. Aber das
sind Einzelheiten inmitten einer Fülle sachkundiger und treffender
Erklärungen.
Auch die Register sind eine dankenswerte Beigabe. Nur
würde man wünschen, daß im grammatischen Index die Gesichts-
punkte zur Geltung gelangten, die bei der Gruppierung der
Inschriften nicht berücksichtigt worden sind. So findet z. B.
der Leser weder im Text noch im Register Belege für die Synkope
oder die Wiedergabe der gedehnten Konsonanten bei-
sammen.
Ein weiterer Wunsch wäre, die selteneren Abkürzungen
noch häufiger als es geschehen, aufzulösen. Ist doch dem Büchlein
niclit nur Verbreitung bei den Latinistcn, sondern auch bei den
Romanisten zu wünschen. Um ins Dunkel der den romanischen
Sprachdenkmälern vorausliegenden Sprachperiode zu dringen,
ist gewiß die Verglcichung der romanischen Mundarten und
Sprachen unter sich das hauptsächliche Hilfsmittel. Aber sie
allein könnte nur zur Erkenntnis eines mit dem Urromanischen
identischen Vulgärlateins füliren, wenn es feststände, daß die
romanischen S[)i'achen aus einem einlieitliclien Sprachstamm
in freier durch nichts unterbrochener Entwicklung erwachsen
sind. Wer das nicht von vornherein zu wissen glaubt, wird
gern die Zeugen aus dem Altertum, und wenn es auch nur Steine
sind, reden hören.
B (' r 1 i n. K. Mkisteu.
142 Referate und Rezensionen. Hans Medert.
Proben au» der sogfenannteii Mulomedicina
Cliironii» (liucli 11 und 111), licrausgegcbfn von M a x
Nieder mann, C. Winter, Heidelberg 1910. X und
68 S. Kartoniert 1.20 Mk.
Als drittes Bändchen der besonders als Grundlage für
latinistische und romanistisclie Sominarübungon gedachten
Sammlung vulgärlateinisclier Texte, lierausgogobcn von W. Heraus
und H. Morf (Verlag Carl Winter, Heidelberg), hat Niedermann
zwei Bücher des in letzter Zeit häufig genannten veterinärmedi-
zinischen Werkes des sog. Chiron — die erste und bis jetzt einzige
Gesamtausgabe veranstaltete bekanntlich Eugen Oder 1901 —
neu herausgegeben. In der Einleitung gibt N. zunäciist einen
literargeschichtlichen Überblick. Die sog. Mulomedicina Chironis
ist eine Kompilation, eine lateinische Bearbeitung zweier grie-
chischer Veterinärmediziner, die auch Vegetius in einem Atem
nennt, Apsyrtus (4. Jahrh. n. Chr.) und Chiron. Über die Person
des letzteren wissen wir gar nichts. In Subskriptionen zu einigen
der 10 Bücher der Kompilation wird er öfter Chiron Centaurus
genannt, in der Unterschrift zum letzten Buch taucht plötzlich
ein Claudius Hermeros veterinarius auf. Mit der Annahme,
daß Chiron der wirkliche Name eines Vorgängers des Apsyrtus
gewesen und der Zusatz Centaurus, der sich bei Vegetius nicht
findet, als mittelalterUche Interpolation zu erklären sei, hat
Oder keinen Beifall gefunden. Nach Niedermanns Vermutung
handelt es sich vielmehr um ein im Hinblick auf die Arznei-
kunde und Pferdenatur des mythischen Kentauren von irgend
einem Veterinärschriftsteller gewähltes Pseudonym, eine Hypo-
these, die er durch Analogien aus der Literaturgeschichte zu
stützen vermag. Den Claudius Hermeros möchte Oder für den
Übersetzer und Redaktor der Kompilation halten. Des Vegetius
Mulomedicina ist einfach eine stilistische Aufarbeitung der ersten
6 Bücher der Kompilation, von deren Verfassern Vegetius zu-
treffend sagt, daß sie ^,eloquentiae inopia ac sermonis ipsius vili-
taie sordesciint" . Dieses Verhältnis zwischen Vegetius und seiner
Vorlage ergibt für die sprachliche Vergleichung vieles Interessante.
N. hat daher in einem Anhang (S. 64 — 66) einige Stellen des Vege-
tius abgedruckt, die dessen Arbeitsweise und sprachhches Ver-
hältnis zu , Chiron' veranschauhchen sollen (vgl. auch Lom-
matzsch, Arch. f. lat. Lexikogr. XII 401 — 410 u. 551—559);
auch weisen die fontes und testimonia unter dem Text stets auf
die entsprechenden Stellen des Vegetius hin. Die Zeit der Ab-
fassung kann nur ganz ungefähr auf die zweite Hälfte des 4. Jahr-
hunderts angegeben werden.
Der Herausgeber widerlegt dann einige neuerdings aufge-
tauchte Bedenken gegen die Bewertung der Mulomedicina Chiro-
nis als eine der wichtigsten Quellen für die Kenntnis des späteren
Volkslateins, indem er scharfsinnig n=ichweist, daß man nicht
Proben aus der sogenannten Miilomedicina Chironis. 143
einmal für die Orthographie, geschweige denn für die Syntax
und Lexikologie, die Vulgarismen kurzerhand auf Rechnung
der Abschreiber setzen dürfe, sondern im Gegenteil eine Tendenz
Vulgärformen auszumerzen konstatieren müsse. Demgemäß
gibt er hinsichtlich der Orthographie eine ,, diplomatisch treue
Wiedergabe" des überHeferten Textes, darin sicherlich konse-
quenter als Oder, der, im allgemeinen sehr konservativ verfahrend,
bisweilen doch am unrechten Ort korrigiert hat (z. B. die von
N. gegen Oder beibehaltene Schreibung quagulare = coagulare,
heute italienisch quagliare, kann auch aus anderen späten Autoren,
aus dem Hebammenkatechismus des Mustio, aus Palladius,
Dioscurides latin., Vcgetius, Ps.-Phnius, Theodorus Priscianus,
Cassius FeUx, Marcellus Empiricus und Inschriften belegt werden,
vgl. meine Dissertation Quaestiones criticae et grammaticae ad
Gynaecia Miistionis pertinentes S. 37 f.). N. glaubt so weit gehen
zu müssen, daß er selbst bis zur Unkennthchkeit entstellende
Schreibungen Heber im kritischen Apparat glossenartig erklärt
als im Text verbessert, z. B. dilacio =^ düatatio p. 3,29 u. 11,26.
provocabitur = profocabitur 8,29. dencionis = dentitionis 9,25.
diote = idiotae 11,14. quod = qiiot 11,16. ali bero = alii vero 3,19.
bibunt = vinint 31,19 (30,5), usf. Für die Textgestaltung hat
er die Münchener Handschrift neu verglichen (die dem ersten
Herausgeber unterlaufenen Irrtümer werden S. 68 mitgeteilt)
und außer den seither veröffenthchten auch eine Anzahl unedierter
Emendationen von Heraus und Riemann benutzt, seine eignen
Konjekturen im Philologus (1910) näher begründet. Daß Prof.
Riemann in Le Mans, wie der Herausgeber mitzuteilen er-
mächtigt ist, schon seit mehreren Jahren eine größere Ab-
handlung übei- Wortschatz und Syntax der Mul. Chironis voi--
bereitet, wird im Kreise der Fachgenossen mit Freude begrüßt
werden.
Ein Blick in den Text genügt, uns den vulgären Charakter
der Sclii'ift hinsichtlieh der Formenlehre, der Lexikologie und
Syntax wie des Stils zu zeigen. Eine der auffallenderen Erschei-
nungen ist der ziemlich häufige Gebrauch transitiver Verben als
Intrt nsitiva, nicht selten finden wir bereits auch den Obliquus
für d(n Nominativ gesetzt. Indessen glaube ich mir ein näheres
Eingehen auf die sprachlichen Eigentümlichkeiten an dieser Stelle
ersparen und dafür auf die sorgfältigen Zusammenstellungen
Oders in seinen vielgelobten Indices — bei deren Benutzung
natürlich die später gemachten Emendationen zu berücksichtigen
sind — sowie natürlich auf die sonstigen auf S. IX namliaft ge-
machten sprachlichen Arbeiten zur Mulomedicina vorweisen
zu können.
Gießen. Hans Medert.
144 Referate und Rezensionen. Paul Marchot.
marichal, J. J. Die Mundart von Gueuzaine-Weismes
(phonetiscli behandelt). Dissertation de Bonn, brochure
in-8 de 68 p. Georgi, Bonn, 1911.
Une Morphologie du parier de Faymonville (}Veismes) a ete
publiee par M. Bastin dans le tome 51 du Bulletin de la Societe
Liegeoise de Litterature Wallonne (Liege, 1909) et cette Plionetique
se presente comme un complement (p. 62), de sorte que l'on
possede, tout au moins en ce qui regarde les materiaux, une
petite grammaire des parlers de la Wallonnie prussienne, qui
comprend environ 10.000 Romans (p. 8) et a Malmedy pour
centre. Et de ce patois l'on avait dejä une grammaire plus reduite
de M. Zeliqzon dans la Zeitschrift de Gröber, XVII, augmentee
apres d'un glossaire, XVIII.
Ces parlers se rattachent plutöt etroitement au Liegeois;
le pays a surtout des rapports avec la ville beige de la frontiere,
Stavelot (p. 7) ; la population wallonne, en face du germanisme
mena§ant, reste, de fagon touchante, profondement attachee
au patois, heritage et souvenir de la nationalite abolie.
Ce patois est le parier natal de l'auteur; mais il n'est pas
bon romaniste, ou plutöt n'est encore qu'un debutant inexpert
et son travail n'a guere de valeur que par l'apport de materiaux
de premiere main. M. M. a fait ses etudes en etant maitre dans
des pensionnats prives (voir Lebenslauf) et cela doit incliner
ä l'indulgence: ses loisirs lui auront ete plus que parcimonieuse-
ment mesures.
J'ai parcouru sa monographie avec agrement, mon oreille
de Walion, dont l'adolescence sut parier un patois, caressee
par la chanson imaginaire des mots encore familiers ä la memoire
(en depit de la graphie hirsute et phonetique), mais avec un agre-
ment trop souvent gäte par les lacunes, les defauts et les tares
de l'etude.
Je ne veux pas entrer ici dans les details d'une critique fati-
gante et inutile pour les specialistes avertis, qui cherchent gene-
ralement dans cette sorte de travaux des faits, des materiaux,
et non des explications, qu'ils sont en etat de donner, et donnent,
avec infiniment plus d'autorite, de competence et de science
que le debutant qui tätonne et parfois, comme ici, sait plutöt
mal sa «matiere». Mon intention est, prenant occasion de cette
recente these universitaire allemande sur la phonetique du wallon,
en faisant, pour les faits, dans les cas qui le reclament,
les renvois appropries, de consacrer au dialecte wallon, en tant
que dialecte, me limitant ä la phonetique, une petite etude
d'e n s e m b 1 e , que j'estime neuve, et qui aura pour fin de
montrer la genese, les origines du wallon. Cela
revient ä dire que je l'envisagerai (pour la phonetique) de l'an
500 ä 800 environ, car c'est vraiment dans ce laps de temps, on
le verra, quo, sortant du latin vnlgnir!^, il sn rnnstitne deia avec
Marichal, J. J. Die Mundart von Gueuzaine-W eismes. 145
ses principaux caracteres phonetiques distinctifs. Du IX^ siecle
(des premieres decades vraisemblablement), Ton possede en effet
en wallon (c'est du moins ma conviction profonde, et on la verra
se justifiant toujours davantage dans le cours de Tetude), un
texte, les gloses de Reichenaii, qui, bien qu'outrageusement lati-
nise, n'en reste pas moins de la plus considerable importance,
lequel nous permot de constater notre dialecte constitue ä cette
epoque avec les principaux de ses caracteres, notamment le&
traits releves plus loin aux n°^ 5, 6 (et aussi 8 indirectcment).
Pour etre plus bref, c'est donc la phonetique du wallon
prelitteraire ou, si Ton veut, prehistorique
(500 ä 800) qu'il me plait d'esquisser. Et c'est par la voie c h r o -
n o 1 0 g i q u e que je procederai, qui me parait la plus lurai-
neuse, avan§ant siecle par siecle, montrant les evolutions phone-
tiques s'accomplissant successivement et differenciant peu ä
peu ce qui deviendra un jour l'aire wallonne de ce qui l'entoure.
Je laisse bien entendu de cote les evolutions qui s'accomplissent
en commun avec le francien et qui sont naturellement censees
connues du romaniste qui veut bien me lire. En d'autres termes,
en meme temps que je suis l'ordre chronologique, je
procede par voie differenciative, si l'on peut dire.
Les principaux traits phonetiques du
wallon prelitteraire ou prehistorique (500 ä 800):
Dejä pour l'epoque gallo-romaine, on peut rassembler, en
cherchant, pour le latin de la region qui sera plus tard la Wallon-
nie, quelques particularites phonetiques interessantes, dont
l'aire plus ou moins considerable va parfois bien au delä de la
region, mais qui sont dejä nettement distinctives par
rapport au latin de l'Ile-de-France: par ex. crassiis pour grassus
(wall, c/-«), *cambita pour *gambita (wall, t^äm), *plQvia pour
*plQia V. plus loin n*^ 9, etc. Au VF siecle, lorsque s'elabore,
sortant du latin vulgaire, le francescu ou langue des
Francs, plusieurs traits du wallon, qu'il a en commun avec
d'autres dialectes du reste, apparaissent dejä.
1) C'est tout d'abord la conservation integrale du \v germani-
que initial. Tout le long de la frontiere linguistique, les Gallo-
Romains adoptent ce phoneme tel quel (cf. en picard, wallon,
lorrain). Wallon du VF siecle: wardare, wespa.
2, 3, 4) Au VF siecle et aux alentours, avant et apres (car
les deux phenomenes empietent sur los sieclos environnants),
lors de la syncope de la voyelle penultieme et de la voyolle con-
trefinale, le wallon se differencio du frangais en conservant intacts
blusieurs groupes nouveaux de consonnes qui apparaissent. D'a-
pord, dans le groupo m-U il n'opere pas l'inlorcalation d'un h
adventice (de mome quo lo lorrain et le picard). Wallon de 700:
semlat semlarc, tremlat iremlare. De memo, plus tard, quand
agit la loi dos voyelles finales (chute ou voyelle d'appui), au
14G lieferalc and Rezensionen, Paul Marc/iol.
VHP siecle sans doulo, wallon ensemle d'insimul. En co qui
conccrne le groupe m-r, le wallon, on le sait, evolue comme Ic
fran^ais: tMp chambrc. II s'cn separe toutefois dans le cas uniquo
marm marbre (Graiulgagnago), qui offre cette particularite
du groupe m-r appuye sur consonno. — En second lieu, le wallon
gardc intacts les groupes n-r, l-r, oü le fran^ais opere Tinsorlion
d'un d (encore comme le lorrain et le picard). Wallon de 700:
tenru^ cenre, ponre ponrat, venrat, tenrat, venredie < Vener e die
med. v^rdi Jamals *v^risdi\ iolre tolrat, molre molrat (molere),
volral. Et comme /-/• evolue Iv-r, qui laisse choir son v: polre
pour pulvere et solre solrat pour solvere. Pour les faits en moderne,
V. Marichal, p. 59; pür^ donne comme savant p. 42, est une de ces
«enormites» qui lui sont familieres. — Enfin, dans le groupe s-r^ oü
le frangais insere t ou d, selon que 1'^ etait sourde ou sonore, le
wallon ne pratique pas non plus l'epenthese et garde le groupe.
Wallon de 700: esre mod. ^s i^s, ancesre, cres^re cresVat mod.
kr^s Ar^X kr^^ra kr^yra selon regions, conos^re conos^rat mod.
kinQs kinQx kinQsra kin(i'/ra\ cosre cosrat mod. koßs kcezra. II est
vrai de dire qu'un eslre peut avoir ete reconstruit sur est estes
estant eslel, comme le prouve astreiet astreient dans Jonas et
comme distrent dans ce texte est refait sur dist. Dans tout
rOuest il regne un kcel part. koedii subj. kcet ou kut (Grignard, Dial.
de l'O. wall.), mais dire qu'il vient d'un phonetique *keusdre
(§ 73) est une heresie (plus exactement de *kozdre). Gar en
wallon, il ne faut pas s'y tromper, z subsiste dans zd comme
s dans 5/. Grandg.^) a brosder et hisdeü hisdeure II 537; Grignard
§ 48 donne lui-meme Boustaine, lieu-dit, deformation de Bous
d'Haine, Bois d'Haine. Si le wallon dit toujours i'grdi et
dSiidi, c'est parce que c'est Venere Jove die et s'il a /<?f/i, c'est
parce que c'est phonetique: totosdies (l mot) donne totfsjdis avec
chute d's comme culcita > coUfsJta > colte et comme halfsjberg >
halbere. Du reste la regle consuere > cosre est prouvee par
fisient et permessient de Jonas, oü Ton peut voir fisrent et
permesrent, en voie d'alteration vers les posterieurs fisent
(per)mesent (Poeme Moral: fisent, prisent, misent, etc, «Eigen-
tümlichkeit des W^allonischen», Cloetta, p. 115 — 6), mais jamais,
en tout cas, fisdrent et permesdrent. Le kqet koedii de l'Ouest
doit donc s'expliquer par une roformation sur les tres nombreux
verbes en -/ part. -du (fr. -dre -du).
5) Aux environs de 700, b (ou br) intervocal passe, en fran-
^ais, ä V (vr). Ce b (br ) existait dans les mots hereditaires ayant
br intervocal comme fabru {b simple intervocal, type faba, ayant
passe ä p au P^ siecle en latin), dans des mots hereditaires oü
il provenait de p (pr) comme lupa [capra), dans des mots savants
tels que ebureu et ab oculis et dans des mots d'origine germanique
^) Bastin, pour Faymonville, his effroi Bull. Soc. Litt. w. 51,
p. 325); Haust, pour Stavelot, his et ehisder ibid. 44, p. 511 et 505.
Marichal, J. J. Die Mundart von Gaeuzaine-Weismes. 147
oü il provenait soit de b (bh) etymologique, soit de p etymolo-
gique (sonorise) comme striban, tibher, skapin (estriver, toivre,
eschenn), voir ma Phonet. du frauQ. prelitt. § 47. D 'apres Bour-
ciez, Elem. de lingu. romane p. 180, le plus ancien exemple attes-
tant cette evolution b (br) > v (vr) serait <<sevis pour saepes,
Form. And. 33.» C'est, selon moi, lors de cette evolution que
le wallon (ainsi que d'autres dialectes), la pratiquant sur une
base plus large, fit passer aussi bl intervocal (etymologique ou
pl sonorise) ä wl, vi (ce que ne fait pas le francien). Donc wallon
d'apres 700: taula mod. läf töf et tH /ö/, stoula mod. stcel,
criulus mod. kr^ krül selon region. Le glossaire de Reichenau
a stipulam: stulus 1097, crebro: criuolus 879, v. Hetzer, Reich.
Glossen p. 94, qu'il faut lire stQul-üyeQ diphtongue et criulus avec
elision d'o. Francien table, estoblc, crible. II y a lieu de faire
remarquer que le domaine wallon n'est qu'une partie de l'aire
tres considerablc sur laquelle s'accomplit le phenomene bl >wl
(ul, vi). Sur bi qui donne vi (vers 700?), voir aussi plus loin,
n*' 9. Sur les foits ä Weismes, Marichal p. 61: manüy^ (pas de
sens) ne saurait etre manipulu, saviö < savlone est modele par
pavelione päviö papillon et les noms en -io.
6) Aux environs de 700 encore, selon moi, intervient une
autre differenciation entre le frangais et le wallon, qui est tres
importante et embrasse une nombreuse categorie de vocables.
Vers cette epoque sans doute, en frangais, le yod semi-consonne,
soit etymologique, soit provenant d'evolution romane, escalade
dans de nombreux cas la consonne ou les consonnes qui precedent
pour venir s'accoler ä la voyelle (comme dans coriu ou bien nuce>
nodüe> noidze). Dans les quatre cas du tableau suivant (dont
je me dispensc de faire l'explication et l'enumeration, parce
qu'ils parlent assez d'eux-memes ä l'oeil et ä l'esprit du lecteur),
le wallon s'est nettement separe et fortement distingue du francien,
en ne pratiquant pas le deplacement du yod:
wallon moderne
basiare bäzT, bäyj
crassia kr<i^, kräy^
uudzielhi uzc, uye
dedzie di(z), df(x)
pessione )P?«ö, p^xö
radzione räzö, rä^ö (Grandg.)
frossiare frQ^', f'VyJ
ussiu üs, //X "X
Le wallon va plus loin. En frangais le traitement des groupes
X et sc est -is- et des types comme coxa (cocsa) cresco donnent
avant le VHP siecle coisa avec s sourde, creiso avec s sourde.
II est admis, en effet, en gramniairo liistorique fran^aise, quo le
groupe sc (cresco, *vascellu) etait devenu partout es dejä en latin
francien
1.
basiare
baisare
*crassia
graissa
2.
aucellu
auidzellu
dece
deidze
3.
*piscione
peissone
4.
ratione
raidzone
*jrustiare
froissare
*üstiu
uissu
148 Hffcrate und Rezensionen. Paul Marchol.
vulgaire de Gaule, excepte devant a (musca), et excepte aussi,
on peiil l'ajouler., ä l'enlree du mot, parte que lä, naturollement,
il provonait d'un compose avec ex- (es-) ou en donnait plus
ou moins rimpression (comme dans excutere (escglerej, escopare;
*escollare). On a raison d'admettre cette metathese de sc en es,
car, ä y reflechir, des mots comme cresco jasce donneraiont cresc
*fasz faz^ puisqu'on a porc falz de porcu jalce; il faut donc partir
de crecso jacse. Le wallon va plus loin, ai-je dit, et il se differencie
ici du francien, en ce que, dans les types coxa crecso^ pousse sans
deute par un besoin d'egalisation, il fait une transposition de
Vi d'avant on arriere par dessus la consonne et dit cosia cresio
{s sourde). Ainsi, dans les deux cas suivants, il dit:
francien wallon moderne
5. coxa coisa cosia ä;<?^, kQy^
sex seis sesi s^(s)^ Si(x)
6. *vacsellii vaisellii vasiellu va^c^ vaye
crecso creiso cresio kr^^, kr^x
Et meme mieux. Le latin vulgaire de Wallonnie a fait,
il faut bien l'admettre, la transposition de sc en es meme devant
a et meme partout ä l'entree du mot, lä oü Ton avait composition
par ex-, apparence de composition ou bien non. Et Ton a ä
aj outer aux six cas dejä vus les deux suivants, dans lesquels
le wallon s'est ecarte radicalement du traitement en francien et
par lesquels il s'est differencie de lui d'une fagon des plus manifestes :
francien wallon moderne
7. musca mosca mocsa> moisa> mosia 7nQs^ tnQy
scamnii (ejscamnu (e)csafnna, (e)siamnii sani, y^am
8. escptere (e)scodre (e)csgtere, (e)siodre sqer, y^oer
scopare (e)scovare (e)csovare, (e)siovare ^P^c, yS^?
*escgltare (e)scoltare (e)csgltare, (e)sioltare sute, yute
*scuma (e)scuma (e)csuma, (e)siuma «um, yum
Pour toute cette evolution, si curieuse en wallon, de toutes
ces series de mots, l'etape (s)si est attestee au IX^ siecle par le
glossaire de Reichenau qui a 823 axis: ascialis <axalis, 986
lena: toxa= lat. vulg. tgsca < lat. tüsca (Hetzer, op. cit. p. 118)
et 1057 passer: musco velomnes minute aues <C*muscio (wall. mod.
musö mQyö a. fr. moisson). Hetzer a montre p. 121 que la graphie
sc vaut SS, donc s sourde, car si le glossographe ecrivait asialis,
on lirait z [s sonore), puisqu'ä cette epoque s intervocale (causa)
est sonorisee. Quant ä loxa pour le lat. vulg. tgsca^) et ä musco
2) Le sens de ce mot est «rauher, grober Stoff» «Mantel, Decke
aus rauhem Stoff» (Hetzer p. 51). Je le retrouve, mais estropie par
l'editeur, dans des chartes liegeoises du XVIe siecle; «au fait des draps
qui seront drappes de vilaines coxhes et pe'.lins tondus entre le
mois de may et St. Remy» (chez Grandgagnage, II p. 571, annee
1627) et «pourpoint, chausses, henches ( ?), fohes, cottreaux (jupons)^
golliers et autres habillements d'hommes et de femmes.» (id., II
p. 593, annee 1575).
Marichal, J. J. Die Mundart von Gueuzaine-Weismes. 1 49
pour le vulg. *muscio (Hetzer, p. 14), ce sont des latinisations
erronees, fautives du glossographe, qui prouvent qua x, sc (aussi
bien devant aeto qu'ailleurs) et sei avaient tous les trois uniforme-
ment la valeur (sjsi- II relatinise au petit bonheur en confondant
toutes ces diverses categories. Le Jonas au X® siecle constate
encore Tetape (s)si, en ecrivant pescion poseiomes et escit fesist. Le
wall, ancien a pour representer l'etape moderne x < (sjsi la graphie
X on xh (ainsi moxe ou moxhe = mQx < musea)^ graphie encore
employee dans des noms de lieux et des patronymes d'ailleurs
(Fexke, Moxhon). x comme graphie est etymologique, puis-
qu'on a a; > X dans le cas n^ 5 coxa > Ar^X- Quant ä A, il est
phonetique; tres aspire, il est equivalent ä X- Enfin xh n'est
que Taccouplement des deux graphies concurrentes. (Pour
le phenoniene traite sous ce n^, nombreux exemples de Weismes
chez Marichal p. 53). — II est important de faire remarquer
que tout Textreme Ouest wallon, qui borde la frontiere de ca
ga, fait exception ä la loi pour tout sc initial {mime devant
a), qu'il maintient tel quel, voir Grignard, Dial. de l'O. wall. § 71.
7) Avant le miheu du VIII® siecle (j'ai pose comme terminiis
a quo la date de la conquete de la Septimanie, 719, dans ma
Phon, du fr. prelitt. § 50, ä cause du traitement en francien de
meschin d'origine arabe), dans la plus grande partic de la Gaule
du Nord, c et g devant a, e et i s'alterent pour aboutir ä t^^ dz:
vache, jambe, chose^ joie, eschine, giron, etc., etc. D'apres moi,
le wallon fit participer ä cette alteration le groupe cc devant
0 final et dit en 750 beche bec, sache sac, bache bac, seche sec,
flache mou < flaccu (mod. b^t^, sats s^ts, bat^, s^ts, flat^. On se
rappelle que le Jonas dit: cilg eedre fu seche. L'aire du phenomene
s'etend sur le domainc lorrain, mais non pas picard. En guise
d'explication, j'imagine unc etape anterieure *becc9, oü en wallon
le groupe cc aurait determine un e feminin d'appui lors de la
chute des voyellcs finales, celle-ci ayantlicu alors avant l'alteration
de c, g. Ce qui est curieux, c'est que les mots venus du germanique,
ä part bac, nc presentont pas ce phenomene: wallon bQ(k) bouc,
stQfkJ masc.souche, blQfkJ billot (aussi dimin. bl<ike),krQ{k); ni non
plus d'ailleurs lo mot d'origine arabe m^skin (servante). Les mots
germains n'etaient-ils pas encore empruntes lors de l'evolution
ou bien est-ce la coexistcnce comme langue parlee du tudesque
k c6t6 du roman qui les empecha d'evoluer ? II est de fait que
les mots germains ont bien rarement pratique l'alteration de
c, g, \ix oü ils auraiont du la faire: wall, bläk bläki, fräk afräki,
tribukt, klQk (et klqt^), gät chevre gäd<i chevrcau, agäs pie, a^adlc
parer, gäj bien vetu, etc. Cependant IQtk boucle de cheveux
(dimin. d'un *loche?).
8) Peu apres le milieu du VIII* siecle eut lieu en fran^ais
la monoplitongaison de au en (?, les plus anciens exemples sont
du glossairo de Roichenau: ros, soma, sora. Le wallon s'est diffe-
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/*. U
150 Referate und Rezensionen. Paul Marchot.
renci^ ici du francien en ce que, en hiatus avec a, il a garde la
diphtongue intacte tant ä la tonique qu'ä Tinitiale, et il a dit
avant la fin du VIIF sieclo: chawe a.fr. choe < kawa^ hawe houe
< *hawa pour hauwa, dawar clouer, hawar houer, hawel hoyau.
Et de memo, bicn entendu, awe oie, trawar trouer, rawar < *rau-
care (dans lesquels le c n'existait plus au VIIF siecle). Wallon
mod.: t^aw^ haw, klnwc^ hawe^ hawe, äw öw, trawc, row? (Namur
se dit du cri de la chatte en chaleur, Grandgagnage v. räwe).
Si Vu est la dhinence de declinaison, le wallon s'est aussi
distingue du fran^ais en gardant la diphtongue au au lieu d'en
faire Qu; mais pour au en hiatus avec li il a dit Qu comme lo
frangais: ainsi wallon d'apres 750 clau clou < clau, fau a. fr.
fou < fau (dimin. fawel) ; mais trQu trou < trauu, pQu peu < pauu
(mod. /d<^, f(i{w) dimin. fawf^; mais tro, po, qui n'existent
jamais et sont impossibles ä trouver sous la forme *trä *pä).
Sur les faits ä Weismes, tout ä fait conformes, pp. 14 fin et 21;
corr. la coquille fä en fä. Le moderne fläw faible = fr. flou.
surprenant ä premiere vue, s'explique fort simplement comme
un feminin originaire, flawe ayant elimine le masculin. Comme
correspondant de bleu, je n'ai retrouve de forme indigene en
mod. que le fem. bW ä Haybes {blgw? bleuet ä Hanzinne),
mais blaw^t etincelle atteste bien l'ancien feminin blawe {Atl.
lingu. 138, 139 et 493). Le glossaire de Reichenau a 838
armilla: baucus. Comme Ta. fr. dit bQu, il faut partir
de *baugu qui etait au VHP siecle *bauu, car baug germ.
Sans finale donnerait *bQc ou *bQi. Le glossographe pronon^ait
donc bQu comme trQu et pQu, mais il «etymologise». Si Ton
retrouve le mot en wallon, il sera bo. Feent (de Jonas, par
*faent), une des formes du moderne, qui diverge de vont, pour
aire (Marchot Z. de Gröber, XXII, 401) et explication, va ä la
flexion.
9) Avant la fin du VHP siecle probablement, le franQais
change le groupe pi en eh en passant sans doute par l'etape pch
(conservee en provengal). Le wallon se separe du frangais en
gardant pi intact; ainsi wallon de 800: api(;r ou apiier (s'il y a dejä
diphtongaison) a.fr. achier mod. ap7, apropiar approcher mod.
apr^pi, sapie ssiche mod. säpsep, hapie hache mod. häp h^p, crepie
creche {AhA krippja) mod. krqp, clopiar <*cloppi(c)are mod. kl^^p^,
erpie < *hirpi{c)a mod. ^p (Est). En meme temps, en frangais, les
groupes bi vi devenaient d^. Ici encore, le wallon se distinguait en
ne faisant la transformation que pour hi vi apres consonne, main-
tenant entre voyelles les deux groupes intacts, si ce n'est que
correspondant ä öj il a vi (mais c'est parce qu'il avait dejä
chang6 ce bi etymologique en vi soit au 1®^ siecle soit vers 700,
quand tout b (br, bl) intervocal passe ä p en vertu de la loi ex-
posee supra au n^ 5). Ainsi on a vers 800 en wallon: apres con-
sonne chamjar changer mod. kädzi St. Hubert tsädz^, lomge < lum-
Marichal, J. J. Die Mundart von Gueuzaine-Weismes. 151
bea St. Hubert löt^ = axe de chariot^), serjant mod. sord^ä (Grand-
gagnage), salge sauge mod. säts sU^\ mais apres voyelle govion
goujon, roviole ou roviuole (si la diphtongaison est faite) < *ruheola,
pivion pigeonneau < ^pibione (prov. pi/'on non pipchon), chavie <
cavea, plovie ou pluovie < *pl<ivia avec maintien du v, naviar <
navifgjare, nivie < nivea, niviar < *niveare — les ropresentants
modernes sont goviö^ rQviül^ p^viö, tsef grande cage ä volaille, plüf
(subsidiairement /?/?/ ploßf plüf etc.), ne^i, mf, niv^. — Toutefois,
je dois faire pour hi intervocal > w, la restriction expresse, tres
importante, que ce n'est que pour hi intervocal avant l'accent
ionique que le wallon n'a pas fait le traitement dz du francien. Car,
apres l'accent, hi intervocal fait dz comme en francien: rQts (d'oü
r<idzi), rats (d'oü aradzi), tits, gqts gouge, gQts sorte de poisson
(Grandg.)<cl. gobius^säts s^ts < *sabiu (du Jargon des clercs) apres
la sonorisation (un s^f de Liege, chez Grandg., «en son plein sens»,
est plus tardif et ne passe de chez les clercs ä la langue commune
qu'apres avoir atteint l'etapo *savin vers 700). Un arape de
Liege (Grandg. I p. 327), forme polie, adoucie d'ar^dzt, est ne,
Selon moi, dans la formule imprecatoire *arrapiam-as-at iarripere),
atteuuation pour arrabiem -es -et. Un l^d^^r, leger, qui est
general, au Heu de *l^vi, a, il laut Tavouer, de quoi deconcerter:
y a-t-il eu un levis autochtone ? — H y a lieu de faire remarquer
que le domaine wallon n'est que parlie d'une region qui n'a
pas effectue l'evolution de pi en ts et de hi (devant l'accent) vi
intervocaux en dz.
10) II aurait fallu consacrer un paragraphe au traitement
des proparoxytons en wallon prelitteraire, question ardue et
fort complexe; je confesse sans detours cotte lacune importante
du presont essai. Mais ä chaque jour suffit sa pcine et, ä mon
sens, l'etude serait prematuree et inefficace, parce qu'incomplete,
incertaine, basee sur les seuls materiaux dont on dispose ä l'heure
presento. Pour determiner ce qui est traitement general wallon
ou particularite de zone restreinte, on a besoin de materiaux
embrassant tout le domaine ou ä pou de chose pres, ce qui est
general devant seul etre mis en oeuvre. L'etude ne mc parait
pouvoir etre faite avec succes et resultats sürs que par l'ap-
parition d'un vaste Dictionnaire geniral de la langue (!) ivallonne,
entrepris par A. Doulrepont, Feiler et Haust.
Tous los plienomenes precedents, Iraites sous los n°^ 1 — 9,
sont des plienomenes generaux, dont les aires parfois considerables
depassent toujours la zone wallonne, sur laquelle elles viennent
toutes se superposer, et c'est precisemcnt par cet cnsemble d'aircs
^) Liege a IQii longe de veau et fr an frange (Grandg.) et
Stavelot frän {Bull. Soc. Litt. w. t. 44, p. 507): c'est une particularite
de zone pour laquelle je propose, provisoireniont et jusqu' ä meilleur
inforinö, la s^rie hgne et lonne •< lornne <^ *loni)iit' < *lomni!e
<] lombia.
II*
152 Referate und Rezensionen. Paul Marchot.
se superposant quo Ic wallon en vient ä se constituer comme
dialecte de 500 ä 800 (pour ce qui est de la plionetique, bien
entendu, seule traitee ici, et encore avec la lacune des propar-
oxytons). Le dialecte wallon, proprement dit, a, ä peu pres,
les frontiercs suivantos: Au Sud, «rimmense foret qui couvre
la Semois au nord», qui constitue une zono wallonne-lorraine,
oü regne le «hogais» (Feiler, Phon, du gaumet et du wall. Intr.),
zone qui commence ä une ligne approximative Martelange (alle-
mand)-Mellier-Hertrix (Marchot, Revue de Cledat, V, 222) et
qui conduit au vrai lorrain, dit gaumais (Sud de la Semois,
Feller). Le coin qu'enfonce la France en Belgique jusqu'ä
Givet est wallon. Au Sud de Couvin et Chimay, de vastes
forets, ä rares villages, qui couvrent la frontiere, marquent la
fin du domaine wallon. A l'Ouest, une ligne Beaumont-Thuin-
La Louvierc-Braine-le-Comte indique, en gros, l'entree dans le
domaine ca, ga [Melanges wallons et Grignard, op. cit. Inlr.)
et le passage ä une zone wallonne-picarde, qui mene au tour-
naisien et au rouchi, varietes purement picardes.
Appendice: Le wallon de Charlemagne.
Comme appendice ä cet essai sur le wallon prelitteraire, il m'a
paru piquant de condenser en une breve page les principaux
«wallonnismes» que pouvait faire (pour la phonetique, s'entend)
un Roman de Wallonnie vivant ä la fin du VIIF siecle. Je
prends le personnage le plus celebre, Charlemagne, dont la cour
etait ä Aix et qui parlait certainement le roman tout proche. Je
l'imagine se promenant par une journee d'ete dans ses domaines
d'Aix-la-Chapelle avec un serviteur de Wallonnie et je me plais ä
entendre le monarque discourir ainsi: (mes chiffres renvoient
aux n°^ de l'essai, tout «wallonnisme» est en italique).
S^olte (6), serjanz (9), basie (6) ma man, non tremlar (2).
Apropie (9) de cel apifijer (9) si tolras (3) delm(i)el un pou (8)
en un vas^el (6, s sourde).
eist odz^el (6) semlent (2) estre (4) cliawes (8), eil sont pivion (9)
et eil vedz^m (6), cui gros est ü beches (7), sont mossion (6).
Cist pession (6) qui vont naviant (9) sont govion (9).
Les blankes (7) awes (8) vont clopiant (9) en les estoules (5),
cres^ent (6, s sourde) fortment, ont molt de crassie (6), non sont
mais at conos^re (4 et 6).
Wurde (1)! Pas^ront (4 et 6) eil boc (7) les tiges (9) et les
cosies (6, s sourde = branches) ? Non il, par Deu ! Fai eis
tornar en lo staule (5), dont li baclies (7) est de marmre (2), si
clot Yus^ (6), non es^ront (4 et 6) plus.
Anoianz (mod. ön<?i*, anoget Reich.) sont les mosHs (6, s
sourde) en ceste sadz^on (6).
Wurde (1) cel estoc (7), ja est toz seches (7).
Trenche cel fau (8) av(u)oc hapie (9), ent feras une crepie (9)
en clawant (8) claus (8).
Des Granges, Ch.-M. Histoire de la litterature frangaise. 153
Prent kawe (8) por es^avar (6, s sourde, excavare) un trou (8),
ponras (3) la terre en criiile (5) si avras polre (3) ot savlion (5).
Ore done la tos^e (6, s sourde), que cosret (4, consuerat) ma
os^ofujr (6, s sourde), quar c(h)amjerat (9) li temps, (vertrat (3)
pl(u)ovie (9), ja sus ndjeules (5) manacent (mod. manst,
manatiat Reich).
Note: Les mots traites qui sont dans «V Atlas Linguistique^.
1) wardare 626, wespa 672.
2, 3, 4) semlat 1153, tremlare 1330, ensemle 464; tUp 224
— tenru 1055 B, cenre 210, ponre 1059, venrat 1366, venredie
1359; molre 879, volrat 1418 et 1419, polre 1069 — esre estre
499, cresire 362, conos're 317; cosre 331 et 332 iv^rdi 1359,
dzildi 720, tqdi 1318).
5) taula 1273, criulus 354, saviö 1176.
6) basiare 106, crassia 463, audziellu 938 et 939, dedzie
412 ä 415, pessione 1052, radzione 1130, ussiu 1062 A et B,
cosia 170, sesi 1235, mosia 876 et 877, (e)siamnu 479, (e)siovare
109, (e)sioltare 444, (e)siuma 448 et 449; ascialis 484, *muscio
«66 A et B.
7) beche 106, sache 1178, bache 70 et 348, seche 1209 B;
bq(k) 150; m^skin 1226; bläk 135, jräk 610, klqk klQt^ 302 et
303, gät 272, gädq 273, agas lOlO et 323.
8) ciawar 305, awe 936, trawar 1337; clau 304, fau 690
et 691; trou 1336 B, pou 1007; blawe 138 et 139 {blawU 493).
9) api(i)er 1174 B, hapie 680, crepie 348, erpie 689;
c(h)amjar 230 B, salire 1195; rovi(u)ole 1172, pl(u)ovie 1039,
naviar 894, nivie 903, iiiviar 904; rQts 1171, rats 1127, sätS s^tS
1179; mzlr 756.
Saint-Hubert (Belgique). Paul Marchot.
Des Orang^es, Ch.-M. Histoire de la litterature fran^aise.
8». XVI + 927 S. Preis 4 Mk. Paris, Librairie A.
Hatier; Freiburg (Baden), J. Bielefelds Verlag, o. J.
Der Verfasser dieses Handbuches gibt in einer X'orrede die
Grundsätze an, die ihn bei der Abfassung seines Buches geleitet
haben. Er will zwei Hauptforderungen der modernen Pädagogik
befriedigen: le sens historique et la pricision. Er will nicht isolierte
Meisterwerke vorführen, sondern den Gang der Literatur in
Verbindung mit der allgemeinen Entwicklung der Ideen und
Geschehnisse darstellen, auch durch die Biographien der Autoren
ihre Werke erklären. Ferner will er nicht fertige Urteile über
die hterarischen Schöpfungen abgeben, sondern diese aus sorg-
fältigen Analysen der Kunstwerke selbst heraus wachsen lassen.
Man kann diesen Grundsätzen ohne weiteres zustimmen.
Es fragt sich nur, wie sie in die Tat umgesetzt worden sind. Und
da muß man sagen, in ungleichmäßiger Weise; häufig genug gut
154 Referate und Rezensionen. Wallher Küchler.
und riclitig, aber daneben doch auch niclit selten in ungeschickter,
verbesserungsbedürftiger Art. Die Darstellung der Literatur des
Mittelalters ist von der Anwendung der so schönen Prinzipien
sicherlich ganz unberührt geblieben. Man hat hier den Eindruck,
als ob der Verfasser ganz unselbständig sei und eben nur aus
zusammenfassenden Darstellungen älterer und neuerer Zeit, aus
Leitfäden und Chrestomatien einige dürftige Bemerkungen eilig
und wahllos aneinanderreihe. Der Verfasser hat keine deutliche
Vorstellung von der mittelalterlichen Literatur und kann daher
auch keine deutliche Anschauung von ihr geben. Die Werke
des Mittelalters, Epen, Romane, Satiren usw. sollen neben anderen,
ihr Wesen ausmachenden Eigenschaften, enthalten ,,rfe5 situations
vraisemblables" und sich auch in dieser Hinsicht der Periode
der Renaissance nähern! Die Anschauungen vom Epos als
einer spontanen, unliterarischen Gattung gegenüber dem lite-
rarischen Roman, sind so, wie sie vorgebracht werden, gänzlich
veraltet und unrichtig. Widerspruchsvoll in all ihrer Ober-
flächlichkeit bleiben die Ausführungen über Herkunft und Wesen
der höfischen Liebesauffassung. Die Inhaltsangaben der chansons
de gaste, der höfischen und antikisierenden Romane sind manch-
mal von einer verblüffenden Dürftigkeit und Ungeschickhchkeit.
Die einzelnen, oft von Grund aus verschiedenen Werke stehen
häufig ohne Übergang nebeneinander; manche wichtige werden
überhaupt nicht genannt, dafür dann unwichtige. Kurz, typische
Kompilationsarbeit ist diese Darstellung der französischen Lite-
ratur des Mittelalters. Außerstande auch nur eine Ahnung von
ihren wahren Werten zu geben; pädagogisch höchst gefährlich,
weil die Genügsamkeit des Lehrenden sich auf den Lernenden
überträgt.
Pflege des historischen Sinns und Präzision erstrebt der
Verfasser. Ein typisches Beispiel dafür, wie wenig innerlich diese
beiden Forderungen wirklich erfaßt sind, gewährt gleich der erste
Satz des ersten Kapitels. Er heißt: Le moyen äge comprend la
periode qui s' elend de 842 (Serments de Strasbourg ) ä 1515 (ave-
nement de FrauQois I ). Soll hier etwa von rein historischem
Standpunkte aus das Mittelalter mit Geltung für Frankreich
abgegrenzt werden, so wäre diese Bestimmung natürlich will-
kürlich und unhistorisch. Soll gesagt werden, die Geschichte
der Literatur Frankreichs im Mittelalter beginnt im Jahre 842
und endet im Jahre 1515, so wäre eine solche .Annahme absurd.
Das Jahr 842 gilt dem Verfasser als Datum der Abfassung eines
schriftlichen Denkmals, nicht als politisches Ereignis von weit-
tragender Bedeutung. Das Jahr 1515 bedeutet ihm den An-
bruch einer neuen Zeit. Faktoren also ganz verschiedenen
Charakters und Inhalts sollen Anfang und Ende einer Periode
bezeichnen. Abgesehen von dieser Verworrenheit ist es ganz
unpräzis, die französische Literatur mit den Straßburger Eiden.
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 155
beginnen zu lassen; denn diese Eide sind kein Literaturdenkmal,
ebensowenig wie es ein Kochrezept oder eine Schneiderrechnung
oder ein Kaufvertrag aus dem Jahre 842 sein würden. Die
Straßburger Eide sind sehr wichtig für die Sprachgeschichte,
aber bedeutungslos für die Literaturgeschichte.
Den Verfasser hat ohne Zweifel der Wunsch nach einer kurzen,
prägnanten Formulierung geleitet. Präzision aber in Dingen
des Geistes ist eine sehr schwierige Sache, sie wird unter den
Händen des Ungeschickten leicht Starrheit, verleitet ihn zu
Formeln, die so spröde sind, daß sie zerbrechen, sobald man sie
nur ein wenig hart anschaut.
Je mehr sich der Leser der neueren Zeit nähert, um so er-
freulicher gestaltet sich der Eindruck; mit um so größerem
Nutzen kann er das Handbuch zu Rate ziehen. Doch bleibt
mir nicht der geringste Zweifel darüber, daß die vortreffliche,
gründliche, vorzüglich geschriebene, persönliche Darstellung von
Gustave Lanson unter allen Umständen vorzuziehen und auch
weiterhin als beste Einführung in die Geschichte der französischen
Literatur zu empfehlen sei.
Würzburg. Walther Küchler«
Der feistländiscl&e Baeve de Hantoue, Fassangf I,
nach allen Handschriften zum ersten Male herausge-
geben von Albert Stimming (Gesellschaft f.
roman. Lit., Bd. 25), Dresden 19n. LXI + 536 S. 8^.
In meiner Besprechung von Boje's Untersuchungen über
den Bueve de Hantone in dieser Zeitschrift Bd. 35 (p. 51) (1909)
schrieb ich: ,,Es hat nach meiner Meinung nicht viel Zweck,
daß man immer neue Untersuchungen über die Überlieferung
des Bueve anstellt, ohne daß man das gesamte Material zur
Verfügung hat. Und es wird auch nicht genügen, daß der betr.
Forscher allein das gesamte Material kennt: es muß auch dem
Leser die Kontrolle ermöglicht werden. Das nächste Ziel der
Bueve forschung sollte sein, die kontinent alfranzösischen Hss.
herauszugeben, die wichtigern vollständig, von den übrigen
die Abweichungen. Dann erst kann jedermann für sich urteilen,
ob ihnen die große Bedeutung zukommt, die ihnen Boje zu-
schreibt, oder ob sie so unwichtig sind, wie Stimming meint."
Ich erwartete damals nicht, daß die große und mühsame und
etwas undankbare Arbeit bald unternommen würde, und freue
mich um so mehr, daß nun schon der erste stattliche Band der
wahrsclieinlich auf 3 Bände berechneten Ausgabe erschienen
ist. Der Herausgeber ist gerade derjenige, der den Wert der
kontinentalfranzösischen Fassungen für sehr gering achtete,
aber aucli derjenige, der allein Abscliriften der ganzen Über-
lieferung besaß und durch seine früheren Arbeiten, 1. die Aus-
156 Referate und Rezensionen. E. Brugger.
gäbe der anglonormannischen Version mit einer langen Einlei-
tung über ihr Verhältnis zu den Bearbeitungen in andern Spra-
chen, 2. eine Untersuchung über das Verhältnis der kontinental-
französischen Redaktionen zu einander und zur anglonorman-
nischen Version (in den Tobler- Abhandlungen), sich am meisten
für das große Unternehmen eignete.
In dem vorliegenden Bande geht der Herausgeber auf die
strittigen Probleme noch nicht ein. Mit Recht verspart er dies
auf den Schlußband. Wir hoffen, daß er dann auch ausführlich
auf die Argumente antworte, die Jordan zu Gunsten der italieni-
schen Version und Boje zu Gunsten der kontinentalfranzösischen
Redaktionen vorbrachte. St. unterscheidet drei verschiedene
kontinentalfranzösische Redaktionen. Von Fassung I heißt
es in der Vorrede, sie sei ,, hauptsächlich in der Handschrift der
Pariser Nationalbibliothek fr. 25 519 überliefert, Teile derselben
noch in vier andern, welche in der Einleitung mitgeteilt werden."
Gleich am Anfang der Einleitung wird dann jene Hs., mit P^
bezeichnet, kurz beschrieben;^) die übrigen 4 Hss., Turin (T),
Carpentras (C), Venedig (V) und Modena (M) werden bloß er-
wähnt. Was in P^ allein überliefert ist, nämhch die Verse 1 — 6199
und 9541 — 10614, wird mit A bezeichnet, das Zwischenstück,
das P^ mit jenen andern Hss. gemein hat, mit B. Die Hss. CTV
(von M sind nur 304 Verse übrig) enthalten Fassung III (vgl.
Vorrede). In einem besondern Abschnitt der Einleitung (p. Lll
bis LIII) wird bewiesen, daß B ,, nicht von demselben Verfasser
stammt wie A"; es ist nach St. aus Fassung III entlehnt. B ist
nun aber inhaltlich nicht etwa ein hors d'ceuvre, sondern ein
organischer Teil der Erzählung; durch die Auslassung von B
entstünde inhaltlich eine klaffende Lücke. Es fragt sich nun:
Hat der Redaktor von Fassung I plötzlich für längere Zeit
mit der selbständigen Arbeit inne gehalten und dafür ein Stück
aus Fassung III abgeschrieben (in diesem Fall müßte natürlich
Fassung III älter gewiesen sein als Fassung I, und die Bezeich-
nungen I und III würden dann besser vertauscht), oder hat nur der
Kopist von Pi Fassung I eine Zeitlang aufgegeben, um dafür
Fassung III, welche wenigstens in jener Abteilung weitschweifiger
ist (vgl. p. LII), abzuschreiben ? Letztere Annahme hat zweifellos
^) Die Beschreibung ist aber sehr unvollständig. Ja, es wird
uns wahrhaftig nicht einmal das Datum dieser Hs., welche die Grund-
lage der Ausgabe bildet, mitgeteilt! Nach W. Förster (Ausgabe ,, des
Aiol), Löseth (Ausgabe des Robert le Diahle) und nach Boje (Über
den afz. Roman Beuve de Hamtone) stammt sie aus dem 13. Jahrh.
(2. Hälfte nach Löseth). Alle diese drei Gelehrten, dazu Stengel
{Mitteilungen aus frz. Hss. der Turiner Univ. Bibl. S. 31) geben die
Nummer der Hs. als 25516 an, während Stimming nicht nur in dem
eben zitierten Passus, sondern auch p. XI 25519 schreibt. Ein recht
unangenehmer Fehler! Warum wird übrigens p. XI bei der Erwähnung
des Robert le Diable nur auf die alte Ausgabe von Trebutien verwiesen ?
Der festländische Biieve de Hantone, Fassung I. 157
mehr für sich, da jenes Verfahren für einen Dichter doch zu
seltsam wäre. Daß der Schreiber von P^ und der Dichter von
Fassung I nicht etwa ein und dieselbe Person sind, ist sicher;
eine sprachliche Untersuchung muß zu diesem Ergebnis führen.
Es ist also wahrscheinlich, daß uns von Fassung I ein Abschnitt,
der ungefähr denselben Inhalt wie B hatte, verloren gegangen
ist. Die Frage, ob der Dichter oder der Kopist den Abschnitt B
aus Fassung III entlehnte, wird von St. gar nicht aufgestellt.
Er drückt sich ganz widerspruchsvoll aus: Nach p. XII hat der
Abschnitt B ,,ursprüngUch nicht zu unserer Fassung (I) gehört"
[d. h. er wurde vom Kopisten entlehnt]; aber auf derselben
Seite heißt es, daß jenes ,, Drittel unserer Fassung" [nämlich I]
noch in TCV vorliege [d. h. B gehörte schon zu Fassung I];
nach p. V stimmt ein Abschnitt von III ,,mit dem entsprechenden
von I" überein [B geht also bis auf I zurück]; und nach dem
oben zitierten Satz der Vorrede ist Fassung I zwar hauptsächlich
in P^, aber doch zum Teil auch in 4 andern Hss. überliefert. Nach
p. XI ist P^ ,,die einzige Handschrift, welche unsere Fassung
vollständig überhefert"; nach p. LII ,,Uegt der größte Teil unseres
Gedichtes [Fassung I] nur in einer Handschrift P^ vor" [also
gehört auch der kleinere Teil B zu Fassung I]; p. LIII aber heißt
es [und dies entspricht wolil St. 's Ansicht, da es gesperrt gedrückt
ist], ,,daß wir von der Fassung I nur einen Teil besitzen, während
fast ein Drittel derselben nicht auf uns gekommen ist." Das
ist eine Konfusion, wie man sie sich schöner nicht ausmalen
kann.
Wenn nun aber Hs. P^ die einzige Repräsentantin von
Fassung I ist, diese Fassung uns nur als Torso (A) erhalten ist,
der Teil B von P^ aber, der ein verlorenes Stück von Fassung I
ersetzt (daß dasselbe ,,fast ein Drittel" von Fassung I ausmachte,
ist nicht wahrscheinlich, da dasselbe wohl ebenso wie A, viel
weniger weitschweifig als B war), aus Fassung III entlehnt ist:
warum wird denn B in dem der Fassung I gewidmeten Bande
publiziert, während es doch von Rechts wegen in den der Fassung
III zu widmenden goliört ? Auch Hs. P^ ist ja nur in A Repräsen-
tantin von Fassung I. Was hätte die Auslassung von B ge-
schadet? Eine Inlialtsangabe (und eine solche gibt uns ja St.)
hätte doch genügt, um die inhaltliche Lücke auszufüllen. Der
Herausgeber war anderer Ansicht, und seine Ansicht scheint
für ihn so selbstverständlich zu sein, daß er eine Begründung
derselben nicht für notwendig hielt. So bekamen wir denn im
vorliegenden Band auch das zu Fassung III gehörige Stück B,
also auf einmal einen Text, der auf 4 — 5 Hss. (P^GT\\M) basiert.
Da aber diese Hss., außer P^M, auch die dem viel größeren Teil A
entsprechenden Abschnitte enthalten, so fand der Herausgeber.
,,das Verhältnis der Hss. CP^TV zu einander werde naturgemäß
in der Ausgabe der Fassung III zu behandeln sein" (p. XII).
158 Rejerale und Rezensionen. E. Brugger.
Ja, es wurden uns nicht einmal vorläufig das Resultat diesci
Untersuchung, das Handschriftenverhältnis und die bei der Her-
stellung des kritischen Textes maßgebenden Prinzipien mitgeteilt.
Natürlich braucht P^, wo es nicht mehr Fassung I repräsentiert,
nicht mehr der Gesamtlicit der Hss. CTV gegenüberzustehen;
es kann sehr wohl mit der einen näher verwandt sein als mit der
andern; und es ist also a priori keineswegs gegeben, daß dem
kritischen Texte die Hs. P^ zugrunde gelegt werden soll. Ich
bekam den Eindruck, daß dies von St. getan wurde. Wenn dem
so ist, so sclmldet er uns eine einleuchtende Begründung. Auch
durch die Lektüre von St. 's Tobler- Abhandlung wird man über
das Verhältnis jener 4 Hss. zueinander in Teil B nicht aufgeklärt
(St. scheint damals noch nicht erkannt zu haben, daß Teil B
in P^ eine Interpolation ist). Wir haben also für Teil B einen
kritischen Text mit Variantenapparat, aber nicht die Mittel,
das Verfahren des Herausgebers zu kontrolheren. Der Re-
zensent muß hier einfach Halt machen. Es möchte als selbst-
verständlich erscheinen, daß, da wir nun einmal Teil B im ersten
statt im dritten Bande bekamen, der dritte hier eine Lücke
haben wird; denn wir möchten nicht glauben, daß St. dieselben
3240 Verse, vielleicht gar mit demselben Variantenapparat,
nochmals drucken lassen werde. Aber da scheinen wir uns zu
täuschen. Denn in einer Anmerkung (zu v. 7770) wird uns vor-
ausgesagt, daß ,,die Fassung von T und C [für Abschnitt B]
später auch herausgegeben werden wird", und für die Mitteilung
von im ganzen sage etwa 200 Plus-Versen von T oder C werden
wir auf Band III vertröstet! Sollen wir da den Text von T und
G erhalten, trotzdem schon alle Varianten dieser Hss., ausge-
nommen jene 200 Verse, im ersten Band verzeichnet sind ?^)
Oder werden wir einen neuen kritischen Text bekommen ? Ich
bin gespannt auf des Rätsels Lösung.
Außer den spärlichen Mitteilungen über die Hss., einer aus-
führlichen Inhaltsangabe und einer ,, Charakteristik" der Fassung I,
enthält die ,, Einleitung" einen längern Abschnitt betitelt ,,die
Sprache und Metrik des Gedichtes". Richtiger wäre ,, Metrik
und Sprache", da St. immer von der Metrik ausging, um die
sprachlichen Eigentümlichkeiten zu ermitteln. Der zweite
Teil des Abschnitts handelt vom Reim und den aus den Reimen
erschheßbaren sprachhchen Eigentümlichkeiten, der erste Teil von
den übrigen Versregeln und den hieraus erschließbaren sprach-
lichen Eigentümlichkeiten. Die Sprache des Kopisten von
P^ wird überhaupt nicht behandelt, da ein Schüler des Heraus-
gebers, Leopold Behrens, hierüber in einer Dissertation Aus-
kunft geben soll (p. XII, XXIX). Auch über Metrik und Sprache
2) Bei Hs. T möchte der Umstand, daß sie durch den Brand
der Turiner Bibliothek unbrauchbar gemacht wurde, eine Separat-
ausgabe rechtfertigen; aber dann nicht bloß für Teil B.
Der festländische Biieve de Hantone, Fassung I. 159
des Dichters wollte sich St. „kurz fassen", mit Rücksicht darauf,
daß diese Dissertation auch darüber einläßhcher berichten soll.
Es ißt klar, daß über die Metrik und Sprache der Teile A und R,
die nach St. 's eigener Aussage von zwei verschiedenen Dichtern
stammen, getrennt gehandelt werden sollte. Teil R hätte erst
in Rand III untersucht werden sollen. Etwaige sprachliche
und metrische Differenzen z\\ischen A und R hätten in dem
Abschnitt erwähnt werden sollen, in welchem be^^^esen wird,
daß R eine Interpolation ist (also p. LH — LIII). Der Heraus-
geber hielt auch in dieser Reziehung nicht auf Ordnung. In
dem Abschnitt Metrik und Sprache zitiert er Relege im allge-
meinen nur aus A, ohne daß jedoch der Leser darauf aufmerksam
gemacht wird; in demselben Abschnitt wird aber öfters (p. XIII,
XIV, XVI, XVIII— XX) auf Differenzen zwischen A und R hin-
gewiesen, und bisweilen werden Relege aus R einfach stillschweigend
denen aus A angereiht (p. XV, XXIV).
St. zählt p. XII — XIII über 20 lyrische Cäsuren auf, die
sich in Teil A finden. Auf über 7200 Verse ist dies nicht viel.
Lyrische Cäsuren sind im Epos sehr selten, ja, man kann sagen,
überhaupt nicht gesichert. Daß bei der Überlieferung sehr oft
Verse um eine Silbe (oder auch mehr) zu kurz kommen, ist be-
kannt. So ergeben sich ziemlich leicht auch lyrische Cäsuren.
Rei Texten, die nur in einer Hs. überliefert sind (wie A),
darf man Textverderbnis annehmen, falls die lyrischen Cäsuren
nicht gar zu häufig sind. Ein paar der von St. angeführten
Cäsuren sind gewaltsam hergestellt (vgl. die Fußnoten). Es
ist bemerkenswert, daß P^ auch in R eine lyrische Cäsur hat,
aber nicht die andern Hss.! Auch dies mahnt zur Vorsicht.
Weniger unsicher, weil viel zahlreicher, sind die Fälle von
Hiatus zwischen auslautendem unbetontem -e und anlautendem
Vokal (p. XIII — XIV). Gute Dichter scheinen diese Art von
Hiatus nicht zu dulden (vgl. Tobler, Versbau, 4. A. p. 6-i ff.) ;
aber unser Dichter ist so nachlässig (z. R. namenthch in den
Reimen), daß man ihm auch jene Nachlässigkeit (die eben sehr
bequem war) wohl zutrauen kann. Immerhin ist wieder etwas
verdächtig, daß P^ diesen Hiatus auch in R hat, aber nicht
die andern Hss. Sj-
S. XV werden Rolege aufgezählt für die Einsilbigkeit des
ie in den Verbalcndungen -ies und -iemes. Ich hätte lieber Re-
lege für die Zweisilbigkeit des ie gewünscht. Ich zweifle, ob es
in dem Texte solche gibt.
Es ist klar, daß, wenn Hiatus oben genannter Art für den
Dichter zugelassen wird, das nominalivische s durch Relege
wie malades ert etc. etc. (p. XVI) und (in Eigennamen) Bueves ot
(814, vgl. p. XVII) nicht mehr gesichert ist. Aber was sollen
die Relege für ,, analogisches s" in leres, empereres, mieudres,
jogleresjtra'itres, glous, compains^{p.[\XVl), wozu St. selbst_ die
160 Referate und Rezensionen. E. Brugger.
richtige Bemerkung macht: „nicht durch die Silbenzählung
gesichert" (es kommen nämlich in den angegebenen Belegen
nicht einmal Fälle vor, wo jene Art Hiatus in Frage käme)!
Dieses s ist docli nur für den Kopisten gesichert. Also aus der
Sprache des Dichters, die ,,aus der Silbenzählung" abgeleitet
wird, gelangt man auf einmal in die Sprache des Kopisten hinein 1
Wenn St. ,,sich kurz fassen" wollte, so hätte er die Erwäh-
nung von ganz gewöhnlichen Formen wie donra etc. (p. XVIII)
bleiben lassen können. Viel eher wäre die Erwähnung von gar-
dront (v. 6824) (vgl. auch doutriens v. 6993 in B) hier am Platze
gewesen, wenn denn schon solche zweifelhafte Formen in den
Text aufgenommen wurden (vgl. unten!). Sodann hätten er-
wähnt werden können die Kurzformen nos, no, i>os, vo (häufig)
(sogar betont le vos [zu lesen le vo'\ statt le vostre: 2456), die Mas-
kulinform des Possessivs vor Subst. fem. mit vokalischem An-
laut {sen espaiile 117, sen espee 2169, mon orijlambe 5598; aber
m'oriflambe in Teil B: 6352), li als Artikel Nom. Fem. vor Vokal
(li espaule 3128): alles Erscheinungen, die für die Sprache des
Dichters mindestens ebenso charakteristisch sind wie die von
St. aufgezählten, und auch durch die Versregeln gesichert sind.
Unter dem Titel ,,Reim" folgen dann zwei Tiradentabellen
(A und B werden hier getrennt), und sodann (nominell) 18 ,, Num-
mern" oder Paragraphen mit metrischen und grammatikalischen
Bemerkungen, die auf den Reim Bezug haben sollen. Sie sind
von sehr ungleicher Länge, was aber nur von Unordnung und
Systemlosigkeit herkommt; überhaupt ist hier alles wie Kraut
und Rüben durcheinander. Eine Nr. 17 gibt es übrigens nicht;
dagegen beginnt in der Mitte von Nr. 16 ein Absatz mit den
Worten: ,,Alle unter Nr. 17 aufgeführten Erscheinungen".
Aus dem Inhalt geht hervor, daß 16 für 17 zu lesen ist. Also
ist hier von allen unter Nr. 16 aufgeführten Erscheinungen
(gemeint sind die vorausgehenden!) die Rede, trotzdem eine
ganze weitere Reihe von Erscheinungen immer noch unter Nr. 16
folgt! Wo Nr. 17 anzubringen wäre, wüßte ich nicht
(vielleicht p. XXIV Absatz 2?).
Nach p. XVIII — XX würde man meinen, daß unreine
Reime nur in B vorkommen. Doch werden unter Nr. 16 und
namentlich 18 (nachdem inzwischen lange von rein gramma-
tikalischen Erscheinungen die Rede war!) auch aus A
sehr zahlreiche Reime aufgezählt, die, an guten Reimtexten
gemessen, als sehr unrein anzusehen sind. Einen Teil dieser
vmreinen Reime findet St. in anglonormannischen Gedichten
wieder (aber welche unreinen Reime finden sich da nicht ?),
und schließt daraus, daß der Verfasser eine anglonormannische
Vorlage umarbeitete (p. XXIV). Ich halte diese Folgerung
nicht für berechtigt. In dem uns erhaltenen anglonormannischen
Bueve, mit dem doch auch die nordische, die kymrische und die
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 161
englische Bearbeitung meistens wörtlich übereinstimmen, sind
die Verse, welche nach St. aus der anglonormannischen Vorlage
beibehalten wurden, nicht vorhanden, wie überhaupt unsere
Fassung mit dem anglonormannischen Bueve, vom Inhalt abge-
sehen, so zu sagen nichts gemein hat. Ein Dichter, der wie der
unsrige, seine Vorlage komplett umdichtete, wird, wenn er in
seinen eigenen Reimen etwas auf Reinheit hielt, auch keine
unreinen Reime aus der Vorlage übernommen haben. Ein Dichter,
der in -e-Tiraden auch -e/, -er, in -er-Tiraden auch -e, in -ds-Tiraden
auch -e, -e/, -er, in le-Tiraden auch -ief, -ien, in m-Tiraden auch
-w, in -i5-Tiraden auch -i, -ir, -in und dgl. mehr zuläßt, legt
eben keinen großen Wert auf Reinheit der Reime. Wir können
deshalb sehr wohl auch -ie- in -e-Tiraden (übrigens nur in Verbal-
formen belegt), die Mißachtung von femininem e nach betontem
Vokal (z. B. ee in -e-Tiraden, und -e in -ee-Tiraden), die Miß-
achtung von auslautendem s, nicht nur im Nominativ Sing,
der Nomina (wo man ja Aufhebung der alten Deklimations-
regeln hätte annehmen können) (z. B. verbales -as in -a-Tiraden,
asses in -e-Tiraden, pris in -i-Tiraden etc., aber auch -e in -es-
Tiraden etc.) einfach der Nachlässigkeit des Dichters zuschreiben,
der sich mit unvollständigen Reimen begnügte, wenn sich ihm
reine nicht gleich boten. Wir brauchen also dabei nicht ans
Anglonormannische zu denken. Verstummung von femininem
e nach betontem Vokal ist übrigens auch fürs Pikardische schon
ziemhch früh bezeugt (vgl. H. Suchier in seiner Ausgabe von
Aucassin et Nicolete). Nicht mehr bloß unrein sind zwei Reim-
wörter auf -is in einer -e^-Tirade (567, 568), ein Reimwort auf
-US in einer -w-Tirade (4638) und wäre -in in einer -e-Tirade
(4165). Solches kann man nicht mehr Reim nennen, und wenn
auch derartiges in schlechten anglonormannischen Gedichten
vorkommt, in welchen man überhaupt alle denkbaren metrischen
und grammatikahschen Ungeheuerlichkeiten finden kann, so
ist es doch nicht eine gute Methode, in einem nur in einer einzigen
Hs. überlieferten Text wegen 3 — 4 Fällen gleich an Anglonor-
mannismen zu denken. Das methodisch korrekte ist vielmehr,
Textverderbnis anzunehmen und Besserungsvorschläge zu machon.
Die drei ersten Fälle lassen Korrekturen zu; das -in des 4. Falles
ist nur eine Konjektur St. 's, die zu verwerfen ist (vgl. unten).
Nr. 1 — 3 betreffen die Phonetik, Nr. 4 die ^^■ortbildung,
Nr. 5 wieder die Phonetik; Nr. 6 {lui in i-Tiraden) goliL
in erster Linie die Metrik an. Nr. 7 {mi, v'eir) hat auf Flexion und
Wortbildung Bezug (denn daß hier kein Lautwandel e> i vor-
liegt, weiß doch St. auch; aber ,,t statt gemeinfranzösischem oi"
hat dann keinen Sinn. Mit Nr. 8—10 wird die Phonetik fortgesetzt ;
aber der zweite Absatz von Nr. 9 betrifft die Flexionslehre.
Nr. 11 behandelt ein phonetisches Phänomen (Ausfall von /),
das übrigens m. E. durch die 3 Belege nicht genügend gesichert
162 Referate und Rezensionen. E. Briigger.
ist. Es könnte sein, daß ein so nachlässiger Dichter wie der
unsrige fus mit es reimte; und der Nom. Sing, zu dem Acc. Plur.
poitrds und fenestres lautete vielleiclit poitre und fenestre (Bil-
dungen, die durchaus im Bereich des Möglichen liegen), und das
Glossar führt denn auch nur fenestre an. In Teil B finden wir
poitrel in einer -^/-Tirade (175) und poitre (wofür man
poitrel setzen kann) in einer -e-Tirade (143). In Nr. 12 und 13
werden unreine Reime (also Metrisches) erwähnt. Nr. 14 ent-
hält einen Absatz über Wortbildung und einen über Metrik
{-anc in -an^Tiraden). Mit Nr. 15 kommt man zur Phonetik
zurück. Die lange Nr. 16 befaßt sich in ihrer ersten Hälfte mit
Metrik (mit den oben besprochenen, von St. als anglonormannisch
bezeichneten Reimen), während in der zweiten Hälfte phonetische
Erscheinungen (Wort-Kontraktionen infolge Schwunds von s, t,
oder i (z. B. ditele, enherhele, voile, voie = voi je) besprochen wer-
den. Diese Erscheinungen sind aber nicht nur nicht aus den
Reimen zu erschließen, gehören also nicht in einen mit ,,Reim"
betitelten Abschnitt, sondern sie sind auch keineswegs für die
Sprache des Dichters gesichert, hätten also von St. seinem Schüler
Behrens überlassen werden sollen. In Nr. 18 wird eine Frage
der Flexionslehre, nämlich der Lautwert des c in Verbalformen
wie commanc etc., oc etc. besprochen. Diese Frage wird aber
durchaus nicht mit Rücksicht auf den Reim behandelt, hat also
in unserm Abschnitt keine raison d'etre. Sie betrifft nicht die
Sprache unseres Dichters, sondern den pikardischen Dialekt
überhaupt. Soweit die Setzung einer Cedille in Betracht kam,
hätte die Besprechung in einen Abschnitt über das in dem Text
befolgte orthographische System (einen solchen Abschnitt ver-
mißt man) gehört. Nr. 18 steht zudem noch im Widerspruch
mit Nr. 14. Während sich dort St. entscheidet, „stets" commang,
demang etc. zu schreiben, behauptet er hier, ,, statt auslautendem
t finde sich hin und wieder ein c in Reimen auf -ant'\ und zitiert
comanc 6128, creanc 6141. Faßte er das c nur als eine Eigen-
tümhchkeit des Kopisten auf, so wäre der Satz, der das Vor-
kommen des c im Reim betont, unsinnig und ginge die
Sprache, des Dichters nichts an. Aber trotzdem also das c hier
für die Sprache des Dichters vindiziert wdrd, findet man — was
jetzt schon erwähnt werden mag — im Text an den zitierten
Stellen die handschriftUche Lesart korrigiert in commant und
creant (vgl. zudem v. 7591 in B). Im Versinnern aber schreibt
der Herausgeber cornmanQ (160) etc., und auch im Reim demang
(7821), commanQ (7828). Die -onf-Tirade, in welcher sich diese
beiden Belege finden, gehört allerdings zu B, was aber bei dieser
Frage gleichgiltig ist (St. sagt ja auch nirgends, daß hierin B
von A abweicht). Die Reime unserer Dichter A und B beweisen
nichts über den Ausgang der zitierten Verben und ihresgleichen.
Man kann commant, demant lesen (denn dies sind die regelmäßigen
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 163
Formen) und bekommt dann reine Reime. Aber da unsere
Dichter, auch A, so viele unreine Reime haben, so hegt kein
Grund vor, um im Reim mit -ant das handschriftUche commanc
resp. commanQ aufzugeben.
Der letzte Paragraph, Nr. 19, soll die ,, Flexionslehre" be-
treffen; doch kommt darin auch genug rein metrisches vor,
so die Aufzählung aller oben besprochenen Unregelmäßigkeiten
in den Reimen, soweit sie nicht in Nr. 16 aufgezählt wurden.
Streng genommen kann man nicht behaupten, daß ,,das s durch
den Reim im Nom. Sing, gesichert" sei, da ja, wie wir sahen,
in Tiraden, deren Reimwörter normal auf s ausgehen, auch Reim-
wörter ohne dieses s vorkommen. Immerhin sind die unreinen
Reime doch Ausnahmen, die im Reime stehenden Nominal-
formen aber ungemein häufig und geben meistens korrekte Reime,
so daß man praktisch wirklich behaupten kann, unser Dichter
habe im allgemeinen an den alten Deklimationsregeln festgehalten.
In einem kurzen Kapitel werden,, Ort und Zeit der Entstehung"
bestimmt. Es werden 7 charakteristische Dialekteigentümlich-
keiten aufgezählt und ihr Verbreitungsgebiet erwähnt (die vierte
ist aber nicht gesichert, vgl. oben zu Nr. 11). Hierauf heißt es
einfach: ,, Demnach müssen wir die Heimat des Verfassers in
einem Grenzgebiet suchen zwischen dem Picardischen, dem
Champagnischen und dem Nordnormannischen, d. h. etwa in der
Gegend von Rheims." So einfach und ,,binig" ist es denn doch
nicht, den Dialekt eines Uterarischen Denkmals so bestimmt
anzugeben. Das Nord normannische weist übrigens nach St. 's
eigenen Angaben nur die fünfte Eigentümlichkeit auf, aber
neben dem Champagnischen und (liätte hinzugefügt werden
dürfen) vereinzelt dem Pikardischen; es hätte also nicht in Be-
tracht gezogen werden sollen. Nicht weniger bestimmt wird
die Entstehungszeit festgesetzt: ,,um 1200"; nicht weniger
elementar ist der Beweis. Ich glaube, daß die Dichtung ziemlich
jünger ist (die von St. erwähnton Züge sprechen nicht dagegen).
Dafür scheint das Vorkommen der männlichen Form des Possessiv-
pronomens vor vokalisch anlautenden Femininen zu sprechen,
welche Erscheinung meines Wissens noch nicht für so frühe Zeit
belegt wurde. Ferner glaube ich nicht, daß es in Frankreich
schon um 1200 metrisch so nachlässig gebaute Dichtungen gab
(eine von St. nicht orwälmte Nacldässigktüt ist z. B. liio liäufige
Wiederholung der Reimwörter in denselben Tiraden, oline Homo-
nymie). Endlich zeigt der Dichter diejenigen religiösen An-
schauungen, die am deutlichsten in den Jüngern Gralromanen
zum Ausdruck kommen und die man vor der luilstehungszeit
der letztern in weltlichen Dichtungen niemals findet. Alle Ge-
schehnisse werden auf Gottes Willen zurückgeführt; namentlich
vollbringt der Held seine Taten nicht aus eigener Kraft, sondern
durcli Gottes Gnaile (dieser nuffällifre Zug hätte unbedingt in
164 Referate und Rezensionen. E. Brugger.
dem Kapitel „Cliaruktcristik unserer Fassung" erwähnt werden
sollen). Daß der Dichter trotzdem seinen Helden blasphemisch
sagen läßt (v. 10237 ff.), er würde um seiner Josiane willen selbst
auf das Paradies verzichten (übrigens ein Gemeinplatz der alt-
französischen Literatur), ist ein Widerspruch, der den modernen
Leser auffällt, aber dem mittelalterlichen Menschen nicht zum
Bewußtsein kam.
So viel von der „Einleitung"» Sie ist wahrhaftig kein Meister-
stück und keine vorbildliche Leistung, sondern eine unordent-
lich und flüchtig hingeworfene Arbeit. Auf den Text — und er
ist ja die Hauptsache — ist glücklicherweise viel größere Sorgfalt
verwendet worden. Die häufig etwas entstellte Fassung der
Hs. P^ ist oft durch glückliche Konjekturen verbessert worden.
Auch die Anmerkungen sind größtenteils beachtenswert. Aller-
dings muß mein Lob auf Teil A eingeschränkt werden. Was
Teil B betrifft, so enthalte ich mich eines allgemeinen Urteils,
so lange uns der Schlüssel zur Kontrolle vorenthalten wird.
Außer in Tiraden ist der Text auch in Kapitel eingeteilt.
Links vom Rande liest man, bei konzentrierter Aufmerksamkeit,
in winziger Schrift und sehr großen Zwischenräumen: Kap. I,
Kap. II etc. (v. 1, 741, 1500, 2172 etc.). Zwischen 7925 und
7926 liest man sogar: (Kap. XVIII fehlt). Man schlägt sich die
Hand an die Stirn: Was kann er nur meinen ? Denn der Heraus-
geber verliert in der Einleitung kein Wort über diese Einteilung.
In Wirklichkeit bezieht sich dieselbe auf St's Tobler-Abhandlung,
wo die Inhaltsangabe des Bueve in Kapitel eingeteilt ist, aber
natürlich noch ohne Angabe von Verszahlen. Diese Schrift
wird in unserer Ausgabe niemals erwähnt, trotzdem gerade
sie von den festländischen Fassungen des Bueve handelt. Es
wird also vorausgesetzt, daß jeder Leser sie kenne und die dortige
Einteilung in Kapitel in Erinnerung habe. Wenn man ein
bestimmtes ,, Kapitel" aufschlagen wall, so muß man es mit der
Laterne suchen. Denn keine Konkordanztabelle von Kapiteln
und Verszahlen kommt uns zu Hilfe und die ausführliche Inhalts-
angabe unserer Ausgabe ist zwar mit Verszahlen versehen, aber
nicht in Kapitel eingeteilt.
Rechts vom Text sieht man auch von Zeit zu Zeit Hiero-
glyphen. Es sind die Foliozahlen. Hätte man vor die erste,
la, das Wörtchen fol. gesetzt, so wäre auch dem Anfänger ge-
holfen gewesen.
Wie schon gesagt, vermißt man in der Einleitung ein Kapitel
über das bei der Herstellung des Textes beobachtete orthographi-
sche System. Einzelne Bemerkungen darüber sind unter dem
Titel „Reim" zu finden, wo sie nicht hingehören. St. hat die
Abbreviaturen aufgelöst, aber durch Kursivdruck die Auflösungen
kenntlich gemacht, was sehr zu begrüßen ist, jedoch allerdings
nur durchzuführen ist, wo man einer einzigen Hs. folgen kann
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 165
(daß für Teil B dieser günstige Fall vorlag, bezweifle ich sehr,
enthalte mich aber einstweilen der Kritik). Von einer muster-
haften Ausgabe verlangt man, daß die von den Kopisten gewählten
Abbreviaturen aufgezälht und beschrieben, namentlich aber die
Auflösungen, wo mehr als eine Möglichkeit besteht, begründet
werden. Dies vermißt man in St 's Ausgabe. Nicht alles ist
ohne weiteres klar. Man darf wohl mit Recht fragen : Wie werden
paie/i, -psiiens, paiene abgekürzt und unterschieden (vgl. z. B. 8421,
8422, 8349) ? (pa. ?) Welches ist die Abbreviatur für catre (ganz
kursiv gedruckt), das nicht 4 bedeutet, sondern für c'a[u]tre steht
(7136), welches diejenige für puis (gewöhnhch, aber nicht immer
findet man in den Hss. pi9, welches ja eigentUch pius gelesen
werden müßte) ? Wird die Abbreviatur 9, wenn sie allein steht, mit
Recht regelmäßig in com aufgelöst (z. B. 28, 59) ? M. E. ist vor
Vokal com oder gar com' zu schreiben (da in der Liaison das m
von come gewiß nie verloren ging), vor Konsonant (LabiaHs
eventuell ausgenommen) con. Der Kopist von P^ schreibt menbre,
onbre, ranpa, tenprer, tronpe etc., allerdings daneben auch
etwa mb und mp; St. aber schreibt regelmäßig cowbra, com-
paignons, cowpera etc., was kaum zu bilhgen ist. Der Buchstabe f
unterscheidet sich von s nur durch das Vorhandensein eines kurzen
Querstrichs; bei ff ist der Horizontalstrich normaler Weise eine
Verbindungslinie der beiden Vertikalstäbe, die noch den rechten,
nicht auch den linken Vertikalstab schneidet; das erste f be-
kommt deshalb die Gestalt eines s. Diese Schreibart ist in den
Hss. wohl die Regel. Unsinnig ist es, bei der Transkription sf
zu schreiben, wo dies in der gesprochenen Sprache gar nicht
möglich war: osfri 8713 etc. (Text und Glossar), osfrande 9651
(Text und Glossar), sasfree 9349 (im Glossar unter safre, aber
ohne Rückweis von sasfri) etc. Nur in Fällen wie desfaire-deffaire,
esforcier-ef forcier etc. (die aber in unserem Text nicht vorkommen)
kann man betr. die Transkription im Zweifel sein. St. schreibt
regelmäßig del herbe 2354, 3598 etc., al huis 2521, 2571 etc., aber
de l'erbe 907 etc., l'uis 2584 etc. In afz. Hss. kommt allerdings
normaler Weise nie de Iherbe neben de lerbe vor (immerhin hat
P^ einmal khome = k'home, vgl. 3066 und Anmerkung!); aber
wenn man denn schon den modernen Apostroph einführt, so
kann man doch gewiß auch, der heutigen Sclireibung entsprechend,
de l'herbe und a l'hiiis auflösen. Vor der Konjunktion si (= und,
auch etc.) setzt St. nie ein Interpunktionszeichen (z. B. 534,
585, 820, 898—99 und sehr häufig), trotzdem sie doch Sätze
einleitet, die ganz selbständig sein könnten. Ich halte diese
Neuerung für verwerflich. Sie ist nicht logisch und erschwert
dem Anfänger das Verständnis. Lieber verziclite man doch
ganz auf Interpunktion!
Hat man einen Text herauszugeben, der nur in einer Hs.
erhalten ist, so verzichte man auf den Versuch der Herstellung
Ztschr. r. frz. Spr. u. Litt. XX XI XV'. 12
166 Rejerale und Rezensionen. E. Brugger.
eines vollständig kritischen Textes, d. h. der genauen Rekon-
struktion des Originals nach Inhalt und Form; denn eine sichere
Rekonstruktion ist unmöglich. Der Wissenschaft ist weit mehr
gedient, wenn man die Überlieferung bewahrt und, wo es geht,
Verbesserungsvorschläge macht. Ist der überlieferte Text gar
zu sehr entstellt, und werden die Verbesserungsvorschläge sehr
zahlreich, so lasse man neben dem überlieferten Text einen kor-
rigierten abdrucken (wie z. B. Koschwitzin seiner Ausgabe der Karls-
reise oder Suchier in derjenigen der Changun deGaillelmees taten).
Ist dies nicht nötig, so gehören nach meiner Meinung die Korrek-
turen in die Fußnoten und in auf den Text folgende Anmerkungen.
An und für sich ist es unschädlich, wenn man evidente Versehen
des Kopisten, also Fehler, die dieser selbst bei nochmaliger Durch-
sicht korrigiert hätte (lapsus calami), im Text selbst korrigiert
und die fehlerhaften Lesarten in die Fußnoten verweist. Korri-
giert man aber im Text den Kopisten selbst, also seine absicht-
lichen oder wenigstens nicht wider seinen Willen unternommenen
Entstellungen des Originals, so bekommt man einen Text, der
nicht mehr der Hs., aber auch nicht dem Original entspricht.
Und wer beschränkt sich auf die evidente Verbesserung evidenter
Entstellungen ? Und jedermann hält manches für evident, was
andern nicht evident scheint. Wenn man die in den Text auf-
genommenen Korrekturen, die, streng genommen, immer Kon-
jekturen sind, wenigstens in Klammern setzt oder sonst kenntlich
macht, so ist der Schaden nicht groß. Die vorliegende Ausgabe
aber ist in zwiefacher Hinsicht nicht musterhaft: St. nahm eine
Menge Korrekturen in den Text auf, die absolut nicht den con-
sensus omnium erlangen können, z. T. sogar entschieden verfehlt
sind, und unterschied sie außerdem in keiner Weise von dem
handschriftlich gesicherten Text. Wenn die vorsichtige Aufnahme
der Korrekturen in den Text die Lektüre bequemer machen
kann, so zeitigt St's Verfahren gerade das umgekehrte Resultat:
Da der Leser nie sicher sein kann, ob er die handschrifthche Über-
lieferung oder aber irgend eine, vielleicht sehr zweifelhafte,
Konjektur vor sich hat, so ist er genötigt, bei jedem Verse die
Fußnoten zu konsultieren, um zu wissen, woran er ist. Ja, da
St. bisweilen sogar sehr starke und dann um so zweifelhaftere
Korrekturen in den Text aufnimmt, so bleibt jene Arbeit nicht
einmal dem erspart, der den Text bloß zu literarhistorischen
Zwecken liest. Wären die Korrekturen unter dem Text, so
brauchte der Leser nur dann seinen Blick vom Text abzuwenden,
wenn er auf eine verderbte Stelle stieße.
St. gibt uns, abgesehen von einigen auf die Reime bezüg-
lichen Änderungen, nirgends an, nach welchen Prinzipien er
von der handschriftlichen Überlieferung abwich; und der Re-
zensent hat darum das Vergnügen, die Prinzipien durch Ver-
gleichung aller Fußnoten mit dem Text zu erschließen. Unter
Der festländische Buei>e de Hantone, Fassung I. 167
Nr. 16 und 19 des Abschnitts ,,Reim" bespricht St. eine größere
Zahl von Reimen, in welchen entweder feminines e und flexi-
visches s von Nomina durch den Dichter ignoriert wurden oder
aber Nomina, denen jenes e oder s nicht zukommt, in Tiraden
erscheinen, deren Reim auf e oder s ausgeht. Was von e und s,
gilt auch von der Verbindung es. Der Kopist hat da in zahl-
reichen, aber nicht in allen Fällen, die Reime ausgeglichen,
die unreinen für's Auge korrekt gemacht, indem er die Grammatik
dem Reime opferte. Was tat nun der Herausgeber? Unter
Nr. 19, wo von dem flexivischen s die Rede ist, bemerkt er:
,, Wegen der angeführten Gründe habe ich stets die durch die
Grammatik erforderten Formen eingeführt" [aber voloirs in
711 wurde nicht korrigiert]. Wenn, was wahrscheinlich ist,
angenommen werden darf, daß der Dichter die alten Deklinations-
regeln noch befolgte, und wenn denn schon überhaupt Korrek-
turen im Text angebracht werden, so ist gegen St's Verfahren
nichts einzuwenden, obschon ich es lieber gesehen hätte, wenn
für diese Korrekturen eckige und runde Klammern verwendet
worden wären. Aber warum werden die in Nr. 16 aufgezählten
Fälle, bei denen feminines e und es in Betracht kommen, anders
beiiandelt ? Warum werden da nicht vom Herausgeber die
grammatikalisch korrekten Formen hergestellt (vgl. auch St's
Anmerkung zu v.^ 2296) P^) Auch sonst finden wir Inkonse-
quenzen in der Schreibung der Reimwörter. Nach Nr. 16 b
wäre ,, durch die Schreibung Yvore der korrekte Reim [vom
Kopisten] gewaltsam hergestellt" [was ich zwar bestreite; vgl.
unten]. Warum läßt ihn denn St. stehen ? In v. 3640 wird
handschriftliches quiderent zu quidierent verbessert (Tiraden-
reim: -erent), und doch gehört quidier nach Nr. 16a zu der Gruppe
von Wörtern, bei denen ,, neben den Formen mit ie auch solche
mit e vorkommen". Derselbe Widerspruch bei c'a'irier (statt
handschr. cairer) 3788, und consirier (statt consirer) 3790, die
dann allerdings in den Corrigenda (p. 535) berichtigt werden.
Wenn St., um eine überzählige Silbe los zu werden, el für
ele (1086, 2727, 4824), arier für ariere (5380), encor für encore
(10113), or für ore (1768) u. dgl. einsetzt, so kann man nichts
dagegen einwenden, obsclion man lieber Schreibungen wie elfejelc.
sähe. Warum scheut er sich aber, in dem unmöglichen le aime
(1763) das überzählige e zu tilgen? Auch que il ev. se il (1026,
2903), que encor {llSl), je os (7786) u. dgl. wurden zweifellos bewußt
nur geschrieben, wenn man das ,,e muet" wirklich aussprach,
•'') Ev tut es in einem einzigen Fall (v. 4412), wo übrigens amencs
jedenialls eher zu amenees nls zu awcne korrigiert worden sollte, wenn
auch letztere F'orni ebenfalls denkbar ist. St. korrigiert auch ai in a,
wenn sich Verbalfornion auf ai (so in der Hs.), also 1. Sg. Praes. von
ai'oir, savoir, 1. Sg. Praet. und 1. Sg. Fut., in a-Tiraden finden (vgl.
die unter Reim Nr. 1 aufgezählten Fülle).
12*
168 Referate und Rezensionen. E. Brügge r.
andornfiills schrioh man früher wie noch heute immer qu', s\ j'
(natürlich ohne Apostroph). Wenn also, wie in den obigen Bei-
spielen eine überzählige Silbe vorhanden ist, so lasse man das e weg
oder setze es in Klammern. St. kann allerdings sagen, daß er das
„e muet" vor Vokal mit einem Trema zu versehen pflegt, wenn es
gesprochen werden soll (ein Verfahren, dessen Vorteile mir übrigens
zweifelhaft scheinen) ; aber er setzt sich immerhin zu der alt-
und neufranzösischen Schreibweise in Widerspruch; und gar
keine Entschuldigung hat er, wenn er in v. 6149 qui i [+ 1]
nicht zu qii'i kontrahiert. Daß in 3149 handschriftliches aport
on (oder etwa aporton?) in aporte on korrigiert wird, ist eine
Ungerechtigkeit gegenüber dem Kopisten, dessen Eigenart
nicht respektiert wird. Solche Schreibungen sind in den Hss.
sehr häufig. Man schreibe aport'on! St. selbst schreibt ja 2186
s'asöel'on. Wenn Jherusalem (3029) dreisilbig zu sprechen ist,
sollte es denn nicht auch entsprechend geschrieben werden ?
Man liest gewöhnlich Jiirsalem, und so schreiben auch einzelne
Hss. (vgl. z. B. Blancandin v. 2801: Jiirsalem; dementsprechend
hieß die Stadt auch im Altnordischen Jorsalir und Jorsalaborg).
Am häufigsten wird von St. die Hs. korrigiert, wenn daselbst
die Deklinationsregeln verletzt sind. St. hat es sich zur Regel
gemacht, die Deklination überall korrekt zu gestalten, so weit
nicht etwa Abweichungen durch das Versmaß gesichert sind.
Daß er die die Grammatik verletzenden Änderungen, die der
Kopist dem Reim zu Liebe unternahm, mißachtete und wieder
aufhob (s. oben), kann man ja gelten lassen. Aber auch im
Innern des Verses sind die Verletzungen der Deklinationsregeln
so ungemein häufig, daß man sie nicht mehr als Versehen beur-
teilen darf. Die Zerrüttung der Deklination ist vielmehr ein
Charakteristikum der Sprache des Kopisten, und dieses Charak-
teristikum wird von St. eigenmächtig aufgehoben, was ganz
zwecklos ist, da ja die Sprache des Originals doch nicht rekon-
struiert werden kann. Es ist allerdings für den Leser angenehm,
wenn der Text von der Verwirrung, die der Kopist angerichtet
hat, rein gefegt ist; aber St. nimmt doch sonst auf den Leser
keine Rücksicht, so wenn er das sehr störende a im Auslaut der
1. Sg. von Verben nicht nur stehen läßt (8672, 9913), sondern
sogar a für handschriftliches ai einführt (vgl. die unter Reim
Nr. 1 erwähnten Fälle), also die 1. Sg. die Form der 3. Sg. haben
läßt. Es scheint sogar Fälle zu geben, in denen mit einer gewissen
Regelmäßigkeit die Deklinationsregeln verletzt werden, so bei
Viin (oder li un) l'autre, l'un a l'autre (739, 3562, 5800, 9860 [in
3459 steht die Abbreviatur .1.]), bei tout-jors (2829, 2850, 2966,
3026, 9660, 9724, etc.) (auch in andern Texten ist tout-jors und
tout-dis sehr gewöhnlich). In v. 2969 ist fol nicht in fols (fous)
korrigiert, vielleicht weil com{e) auch etwa wie eine Präposition
den Akkusativ regiert; wenigstens \\ird in v. 7407 auf Grund
Der festländische Bue\>e de Hantone^ Fassung I. 169
dessen die Akkusativform or fin in den Text aufgenommen (vgl.
die Anmerkung dazu); aber jene Konstruktion ist denn doch
die Ausnahme, nicht die Regel, und in einem Text, in welchem
so ungemein oft in inkorrekter Weise Akkusativ für Nominativ
gesetzt wird, sollte man sich nicht an die Ausnahme klammern
(in V. 7407, welcher zu Teil B gehört, ist übrigens die Akkusativ-
form or fin nur durch Hs. P^ bezeugt). In v. 5786 wurde diables
als Casus Obliquus Sing, in den Text aufgenommen: auch dies
halte ich für inkonsequent, obschon ich weiß, daß bei Eigen-
namen (und diable wurde auch als solcher betrachtet) die Dekli-
nation früher als bei andern Nomina in Verwirrung geriet. Im
Obl. Sing, wird vos statt vo geduldet (2456, 6915, 8703, 9090),
im Nom. Sing. fem. nos statt no (9035), im Nom. Sing. masc.
no statt nos (9466) (diese Belege finden sich in B, mit Aus-
nahme des ersten, bei welchen es sich um ein s a t z -
betontes Possessiv handelt). In soies tous fis (2849) korri-
giert St. vielleicht mit Unrecht tout\ denn tout fu overte (v. 2915)
scheint darauf hinzudeuten, daß tout in solchen Fällen bisweilen
indeklinabel geworden ist (doch vgl. tout{e'\ haitie 10251). Nur
scheinbar liegt Unsicherheit gegenüber den DekUnationsregeln
vor, wenn in unsern Texten sehr oft que an Stelle des viel weniger
häufig verwendeten qui sich findet, wofür auch Hs. P^ Beispiele
genug aufweist (231, 671 [vgl. dazu 120 etc.], 1585, 1763, 1811 etc.;
das Umgekehrte ist selten, oder kommt überhaupt nicht vor.)
Qui und que sind sowohl als Interrogativ- wie als Relativ-pro-
nomina von Anfang bis auf heute in der gesprochenen Sprache
streng geschieden worden. Bei der Konfusion handelt es sich
also wirklich nur um graphische Versehen; und dieselben sind
deshalb häufig, weil die beiden Wörter, besonders in ihren Abbre-
viaturen {q mit überschriebenem i resp. Apostroph), einander
graphisch sehr ähnlich sind. Hier ist es also am Platz zu korri-
gieren, wenn liandschriftliche Lesarten überhaupt korrigiert
werden sollen. Aber gerade in diesem Punkte ist nun St. konser-
vativ und korrigiert nicht, trotzdem die Konfusion bei der Lek-
türe sehr störend ist (in v. 1811 und 4883 wird immerhin eine
Ausnahme gemacht).
Ungemein häufig ist in Hs. P^ der Schwund auslautender
Konsonanten (besonders s und f), namentlich vor konsonantisch
beginnenden Wörtern, aber auch sonst: poru[t] 685, t>alu[t]
*5905, *6095, coru* 5942, wt[«] 2987, trai[t] 2437, lai[t] 3039,
canten[t] 904, ces[t] 2783, 3525, quiver[t] *331, *5666, *9590, brui[t]
*3630, confor[tl 2720, escri[t] *10083, connoi[s] 3702, tou [= tous
oder tout] 2849, trestou 4876, i>er[s] 10052, t(in[t] 9704, secor[s]
4540, 4635, tierls] 5356, for[s] 3534, n[f] * 101 13 etc. etc. Es
ist ganz offenbar, daß in der Sprache des Kopisten Konsonanten
im Auslaut, besonders t und 5, stumm zu worden beginnen. Dies
erhellt auch noch daraus, daß or etwa solche Konsonanten an-
170 Referate und Rezensionen. E. Brugger.
hängte, wo sie nicht hingehörten; z. B. chestui(t) 5007, pm{t)
674, aubor{c) 3618. Gewiß erklären sich auch viele von den
Unregelmäßigkeiten in der Deklination aus dieser Unsicherheit
in bczug auf den Endkonsonanten. St. hat auch diese Eigenart
des Kopisten durch Korrektur zu tilgen gesucht: wo dies nicht
geschah (nämlich in den oben mit Sternchen versehenen Be-
legen, bei coru, escri und vi^) nicht einmal im Reim), lag wohl
keine Absichtlichkeit vor, ausgenommen in den Fällen, die er
selbst unter ,,Reim Nr. 16" aufzählt, wie wenn sie durch Reime
für die Sprache des Diciiters gesichert wären. Er sagt nicht,
weshalb diese Fälle von den soeben erwähnten verschieden sein
und anders behandelt werden sollen. Verschieden sind sie nur,
insofern sie auch schon in Texten vorkommen, welche sonst
den Schwund auslautender Konsonanten noch nicht oder kaum
kennen, folglich altern Datums sind, so daß also hier vielleicht
noch nicht Apokope, sondern Assimilation vorliegt. Es handelt
sich nämhch da immer um Verlust eines Endkonsonanten [t oder s)
vor enklitischen Wörtern. Immerhin frage ich mich,
ob man vom Standpunkt unseres Textes aus noch das Recht
hat, einen Unterschied zu machen, z. B. zwischen voi[t] le (li
dus) (96) und lai[t\ le (ceval) (3039): im ersteren Fall ist le Pro-
nomen, also enkUtisch, im letztern Artikel, also prokhtisch;
aber ich bezweifle, ob beim Sprechen die Verbindung des le mit
dem Verbum im ersten Fall eine engere war als im zweiten; im
Neufranzösischen wäre dies meines Wissens nicht der Fall. Bei
lai[t] le wie auch in allen oben aufgezählten Fällen wäre eine
Kontraktion des um den Schlußkonsonanten verkürzten Wortes
mit dem folgenden undenkbar. Darum würde ich es für besser
finden, wenn auch Wortgruppen vom Typus voi{t] le nicht kon-
trahiert würden (So schreibt z. B. Förster in seiner Rigomer-
Ausgabe este vos, dite le 110^ — 6, etc.) Allerdings kommt neben
voile in unserer Hs. auch die Schreibung voille (5809), neben
vaisent (6756) auch vaissent (9824) vor. Trotzdem würde ich
nicht anstehen, auch voi lle und pai ss'ent, ev. voi-lle., vai-ss'ent
zu schreiben (im Alt-itahenischen z. B. ist man sich an initiale
Doppelkonsonanz gewöhnt). Die altfranzösische Schreibge-
wohnheit braucht für uns in bezug auf Worttrennung nicht
maßgebend zu sein. Unser Kopist schreibt auch traisoi (2437),
wofür St. trait soi setzt. Eine Schreibung traissoi würde auch
nicht auffallen. Unser Kopist hat nämUch (übrigens nicht er
allein) die Gewohnheit, inlautende einfache Konsonanz zu ver-
doppeln und doppelte zu vereinfachen, gerade wie der ungebildete
Engländer initiales aspiriertes h ignoriert, dafür vokahsch an-
lautende Wörter mit harter Aspiration beginnt. Für den Kopisten,
der traisoi oder voile schreibt, sind 5 und l inlautend.
*) Warum nicht corut : u, escrit : i, vif : i ebensogut wie pris : i,
soef :e etc. (p. XXVII)?
Der festländische Biieve de Hantone, Fassung 1. 171
Einen Fall von Vereinfachung von Doppelkonsonanz, die
nur für den Kopisten inlautend war, finden wir in v. 457: //
ont = /[/] l'ont (ähnlich v. 3898). So bedeutet aber auch nelaissa
in V. 9954 nicht, wie St. schreibt, ne laissa, sondern ne[/] laissa.
Umgekehrt ist v. 3018 für handschriftliches Sil le [nicht eher
Sille?] zu schreiben: Si lle (nicht Si le), v. 1391 für handschrift-
liches ellonhre nicht el l'onbre, sondern eil' onhre oder e'll'onbre).
Ahnlich wie bei l auch bei s\ St. schreibt mit der Hs. (die aber
vielleicht kontrahiert?) se sire (124), me sire (9735); doch korri-
giert er ^^biaulß] sire (9878), trotzdem der Fall derselbe ist.
Charakteristische Schreibungen unseres^ Kopisten, nicht
bloße Versehen, sind lestres 2425, bestee 4090, briiist 5165, vaist
1049, consieust 5366 etc. (in denen St. das allerdings unechte
s tilgt), choi 2119, 9620 (St. tilgt /?), de-pertir 2658 (St. setzt
-ar-), sestent (St. setzt s'atent), del Hure 635 (St. schreibt delivre)
u. a. mehr, die alle St 's Korrigiersucht zum Opfer gefallen sind.
Vokalische Kontraktionen liegen vor in gaig 744, gaignera
1026 u. dgl., bailla 3616, baillier 2639, feute 197, 6627 etc. In
diesen Fällen verlangt das Metrum, daß die Vokalgruppe ai
resp. eu zwei Silben repräsentiere. St. setzt ein Trema auf den
ersten Komponenten, was zweifellos falsch ist. Die altern
Formen haben hier aai resp. eeu. Regelmäßig geht in solchen Fällen
der schwache erste Vokal in dem vollen zweiten Vokal oder Diph-
thongen auf; nie wird der zweite Vokal oder Diphthong, der
sogar wie in gaaig den Hochton haben kann, verkürzt (dem
Übergang ai>i müßte dann noch erst ein Akzentwechsel vor-
ausgehen!). Für die Sprache des Originals ist also la]ai resp.
[e]eu zu lesen. Richtig ist gräillier 472, falsch graalier 3148
(Hs. im letztern Fall gralier mit a statt ai).
Ein so fehlerreicher kritischer Text wie der uns vorliegemle
(die stärkeren Abwciclmngen des Herausgebers von der Über-
lieferung habe ich zudem noch nicht besprochen) wird denjenigen
Wasser auf die Mühle sein, welche von den Herausgebern mög-
lichst genauen Anschluß an die Überlieferung verlangen. Als
Vorbild für Ausgaben nach einer einzigen Hs. dürfte Försters
Rigomer- Ausgabe gewählt werden.
Ich lasse nun noch eine Anzahl Bemerkungen folgen, die
sich auf einzelne Stellen des Textes beziehen und besonders auch
die Anmerkungen des Herausgebers berücksichtigen. Auch
in diesen Bemerkungen muß ich meistens gegen St's K o r r o k -
t u r e n protestieren und die Überlieferung in Schutz nehmen.
301. Heißt es in der Hs. wirkHch luine lusant für lune liiisant?
347. servirent statt sevirent (Druckfehler).
363. Um das handschriftUche esclairis zu bewahren und reinen
Reim zu bekommen, kann man jors i'ür it einfüliren (vgl. v. 371).
387, Daß unser Kopist öfters a tans und par tans mit a tant und
par tant konfundiert und überhaupt für tans (tenipus) tant schreibt
172 Referate und Rezensionen. E. Brugger.
(vgl. Anmerkung), erklärt sich aus der Verstummung des Endkon-
sonanten.
402. Konstruktion und Bedeutung von pensa sind sehr eigen-
tümlich und hätten eine Anmerkung verdient. Ich vermute Text-
verderbnis.
436. Die in der Anmerkung vorgeschlagene Korrektur ist zweifellos
nicht nur fakultativ, sondern notwendig.
ö28. In der Anmerkung wurde offenbar aus Versehen baillies
für laissies geschrieben.
Ö67 — 668. baillis und mis als Reimwörter in einer es-Tirade setzen
zweifellos Textverderbnis voraus (so weit geht denn doch die Unrein-
heit des Reimes nie): baillis mag durch livres ersetzt werden; in v. 568
mag man lesen: qu'en la crois fu penes (vgl. v. 523) oder mit stärkerer
Abweichung: qui de vierge fu nes.
1300. se statt lc\ repuist (wie St. selbst in der Anmerkung vor-
schlägt) statt repuis [kein Fehler; nur Verstummung des Auslauts].
1376. antin, sonst wohl kaum zu belegen. Der Dichter mag sehr
wohl aniif oder antiu geschrieben haben, da er solche unreinen Reime
zuließ (vgl. z. B. das Reimwort pis in dieser m-Tirade).
1498. Das auch Stimming auffallende il könnte mit Vorteil durch
(graphisch ähnliches) ./. [= ans] ersetzt werden.
2111. Warum wird hier engera in engenra geändert, während in
v. 2136 covera [= coce/ira] blieb? Auch v. 344 wurde ierre der Hs.
nicht in terra, sondern in tenra geändert.
2189. raison wird im Glossar mit ,,Rede" übersetzt. Also nach
St.: Niemand ist, der eine Rede besser sagte. Die Konstruktion ist
seltsam; doch vgl. 3206, 3632.
2219 — 20. Nach meiner Meinung steht hier oie für oi; denn ver-
nünftigerweise kann der lauschende König nur annehmen, daß er selbst
nicht gehört wurde, nicht seine Tochter, die ja so laut geschrien hatte,
daß Kammer und Saal davon erdröhnten (der König ist auch Subjekt
der vorausgehenden Sätze). Da unser Dichter e und ee reimt (vgl.
p. XXIII d und e, und Anmerkung zu v. 2234), so konnte offenbar
auch Ol in einer Je-Tirade vorkommen; der Kopist pflegte die Gram-
matik dem Reim zu opfern. Subjekt der folgenden Verben, Qint und
iorna, ist dann wieder der König; nur so bekommt man einen guten
Sinn. St. 's Übersetzung: ,,Sie verfiel dort in Torheit, auf Törichtes"
muß unrichtig sein. Nicht das Mädchen, sondern der König benahm
sich töricht oder verrückt, wie das folgende zeigt; si wird nicht in
s'i zu korrigieren sein.
2254. Die eigentümliche Wortstellung hätte wohl eine Anmerkung
verdient.
2421 — 22. M. E. ist hier nichts ,, auffällig". Als Bueve in die
Stadt Damas eintrat, ging er in der Richtung des königlichen Palastes
(vers le palais), suchte sich dann ein Absteigequartier aus (natürlich
noch in der Stadt, aber in der Nähe des Palastes; vermutlich mußte
hier noch etwas Toilette gemacht werden), und stieg hierauf in den
Palast (sus el palais), um den Brief dem König abzugeben.
2450. Zu lesen: tant com statt tant c'om. Ersteres hat für unsern
Dichter dieselbe Bedeutung wie tant que (hier: so daß).
2471. Das handschriftliche a p/i [nicht a on, wie in der Anmerkung
steht], braucht kein Schreibfehler zu sein: B. stieg auf eine Bank und
lehnte sich an eine andere an [die er vielleicht aufgestellt hatte].
2758. puis que, welches St. (s. Anmerkung) durch por qm
(,, vorausgesetzt daß") ersetzt wissen möchte, finde ich richtig.
Josiane hat ihrem Vater erklärt, daß sie einen Mann liebe; worauf
jener sagt: ich gebe ihn dir zum Gatten, da er doch einmal (puis que)
der deinige ist [tes, die satzunbetonte Form, steht offenbar für tuens;
unser Kopist hat übrigens ue öfters durch e ersetzt z. B. treve von
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 173
troverl, d. h. da du ihm schon dein Herz geschenkt hast; puis que hat
hier wie auch sonst oft, bereits dieselbe Bedeutung wie in der heutigen
Sprache; „vorausgesetzt daß" würde mir hier unsinnig vorkommen.
2783. Das handschriftliche ces ist nicht, wie St. glaubt (vgl. An-
merkung), eine Pluralform, sondern cest mit Schwund des auslautenden
Konsonanten (vgl. oben). Der Sinn verlangt durchaus ein Verbum
im Futurum; entra ist unmöglich Futurform; es muß also in enterra
oder (der Orthographie des Kopisten gemäß) entera korrigiert werden.
Die Plussilbe erheischt dann eine weitere Korrektur, z. B. : En cest
pais por m'amor entera (Kontraktion in dem Worte pais, die nicht
einmal im Nfz. eingetreten ist, darf kaum angenommen werden).
Besser als entera wäre noch rentera.
2784 ist für mich nicht unklar. Freie Übersetzung: ,,so fern er
auch sein mag", parfont, adverbial, in der Bedeutung „loin", ist doch
wohl erklärlich, da sich Bueve in die Wüste begeben hatte; wir sagen
auch: tief in der Wüste. Ich möchte nicht mit St. an Identität mit
en terre (im Grabe) glauben; devant Diu zeigt im Gegenteil, daß er
immer noch als auf der Welt, vor Gottes Angesicht (unser Dichter
war ein sehr frommer Mann), befindlich gedacht wurde.
2801. Das handschriftliche guit (zu gesir, ebenso 10 013, sonst
gut und jut) hat in der gesprochenen Sprache nie existiert und ist in
giut zu korrigieren, wobei entweder i palatale Aussprache des g an-
deuten soll oder aber der wallonische Diphthong iu vorliegt. Die
gewöhnliche Abbreviatur von/) JUS ist ja auch in buchstäblicher Transkrip-
tion pius, und St. korrigirt v. 127 recuitin reciut und 1330, 5365 suiant
in sivant.
2862. Warum wird ore in ores korrigiert, wenn doch nach St.
Hiatus derselben Art wie hier bei unserm Dichter ganz gewöhnlich ist?
2937. Wozu wurde li in si ,, korrigiert" ? li hurta le ceval (er sprengte
das Pferd gegen ihn) geht doch sehr gut (vgl. z. B. 3134: li saut [springt
auf ihn zu] und li ala de pres; 3641 : lor saut).
2945. Der Satz ist für mich unklar. Klar würde er mir, wenn
man ne m' für n'en einsetzte.
2987, Besser als U wäre // (Schreibung ähnlich).
3016. Nach meiner Ansicht bedeutet passions hier, wie auch
sonst gewöhnlich, ,, Leiden" (gemeint sind die von den Wunden her-
rührenden Schmerzen: sie sollen ihn töten!), nicht, wie im Glossar
angegeben ist, ,, Leidenschaften".
3018. Mir ist dieser Vers in der überlieferten Form verständlich:
,,er fühlt, daß das Pferd stark genug ist, gegen wen [das handschriftliche
qui = cui ist nicht in se zu ändern] er es auch gehen lassen mag."
Die Annahme, daß ein Vers ausgefallen sei, erscheint mir also über-
flüssig.
3027. le sollte in se geändert werden.
3206. Auf die eigentümliche Wortstellung (Subjekt des Relativ-
satzes vor dem Relativpronomen) hätte in einer Anmerkung auf-
merksam gemacht werden dürfen.
3388. Man lese arive statt arivent; denn das grammatikalische
Subjekt t7 ist unpersönlich.
3417. Es ist inkonsequent, daß hier der Anglonormannismus ( ?)
jel n^os geduldet wird, in v. 859 aber quel naies in que n'aies korrigiert,
wird (vgl. Anmerkung). Das / ist in beiden Fällen unpassend und
zu streichen.
3468. Daß mollier auch ,, Ehemann" bedeuten konnte, ist un-
glaublich. Man wird wohl korrigieren dürfen: La nie prendrois a per
et a mollier.
3472. St's tjbersetzung: ,,Er werde nie bei mir liegen, bis ich
ihn zu mir zulassen wolle" ist unmöglich. Daß eine sympathische
Königin (die Geliebte des Helden des Romans!) einem treuen Diener,
174 Referate und Rezensionen. E. Rrugger.
der gar noch den Namen Bonefoi hat, das Versprechen abnehme,
nie wider ihren Willen ihr heizuliegen, und daß sie überhaupt die
Möglichkeit des „Zulassens" in Betracht zieht, ist für jeden, der die
Anschauungen der mittelalterlichen Dichter kennt, ganz undenkbar.
Aber auch grammatikalisch ist die Übersetzung unmöglich: i kann
doch nicht auf die erste Person bezogen werden! — Ich verstehe die
Stelle nicht und möchte Textverderbnis annehmen. Josiane mochte
etwa gesagt haben: sie habe den Diener von Anfang an in den Flucht-
plan [den sie eben Bueve mitteilte, den sie aber schon lange ausge-
sonnen haben mag] eingeweiht (v. 3471), und er werde ihr seine Unter-
stützung oder Begleitung nicht versagen, wenn sie ihn darum ersuchen
werde (v. 3472). Eine Korrektur des Textes in diesem Sinne dürfte
das richtige treffen.
3548. Wozu wurde dem handschriftlichen aumoine ein s angehängt ?
3631 — 32. Die Verwendung von qui im Plurul ohne Beziehungs-
wort ist doch wohl so ungewöhnlich, daß St., wenn sie ihm bekannt
ist, Beispiele hätte anführen sollen.
3633. Dieser Vers wurde vom Herausgeber mit Unrecht versetzt.
Er paßt besser, da, wo er in der Hs. steht.
3656. se ü la estranlerent ist zweifellos unmöglich. St. selbst
scheint dies nachher gefühlt zu haben (vgl. Anmerkung); il la Ve.
gefällt mir auch nicht; il puls V oder eher puis il /' würde passen.
3688. Es ist doch fraglich, ob es den Herausgebern von Texten
zusteht, Korrekturen, die zwar passend, aber, wenn es andere Korrektur-
möglichkeiten gibt, keineswegs sicher sind, einfach in den Text auf-
zunehmen, ohne sie durch Klammern oder den Druck kenntlich zu
machen. Ein solcher Fall liegt z. B. hier vor, wo pour moi eingeführt
wird. St. bemerkt dazu: „pour moi ist in der Hs. ausgelassen, wird
aber durch den Sinn und das Metrum gefordert". Das Metrum fordert
aber nicht pour moi, sondern einfach zwei Silben, und der Sinn fordert
gar nichts, da das mit pour moi gleichbedeutende pour rrüamor aus
dem vorausgehenden Verse ergänzt werden kann. Man könnte dem
Postulat des Metrums auch genügen, wenn man z. B. jort et oder etwas
ähnliches vor puissant einführte.
3704. Man vermißt das Dativ-objekt. Man lese entweder Dieu
statt Dieus (mit Streichung des Kommas) oder te commant statt re-
commant.
3762. Tout scheint sinnlos zu sein. Man könnte dafür leicht
z. B.Puis einsetzen; aber v. 3782 finden wir tout wieder in derselben
seltsamen Verwendung. Anmerkungen und Glossar geben keine
Auskunft darüber. Steht es etwa für tost?
3818. St. führt für eure soign ein (kein Druckfehler; denn vgl.
auch p. 534). Finales gn kommt zwar vor, aber sicher nicht in
unserer Hs. An den 4 im Glossar zitierten Stellen hat die Hs. soing.
Der Kopist hat sogar die Tendenz, im Inlaut ng zu schreiben:
z. B. engrangera 2728 {= engraignera), poi?igeis 7681, ensengier 8653,
mahaingier 8665, pingon 7616, Colonge 4763, sogar espar(e)ngeres 5059.
3881. St. scheint la als Adverb aufzufassen, da er sonst wohl
das pikardische le beibehalten hätte. Ich halte diese Ansicht und
deshalb auch die Korrektur für falsch und übersetze: er setzt sie
hinauf, läßt sie aufsitzen.
3903. Ich halte es für unnötig, sor les ieus (auf die Augen, also:
mit dem Gesicht nach unten, auf den Bauch) zu korrigieren.
3916. Die Umstellung, die sich St. erlaubte, halte ich für eine
Verschlimmbesserung. Den Ausdruck plaine grant paume dürfte er
nirgends belegen können. Als Maß galt die Hand, der Fuß etc., aber
nicht die große Hand, der große Fuß etc. Man kann die handschrift-
liche Fassung beibehalten (grant steht dann für gra7is wie so häufig
bei unserm Kopisten); nur hat man dann Enjambement in der Cäsur,
Der festländische Bueve de Hantone^ Fassung I. 175
was aber nicht so selten ist (vgl. z. B. v. 3954, 4211, 5736, 9223). Will
man korrigieren, so setze man das Et an den Anfang der zweiten Vers-
hälfte (die Konstruktion ist dann ähnlich wie in v. 3920). Klarer
wäre: Li sorcieus grant, \de le\ (oder: de Innc?) plaine paume a.
3921. Man lese le für se >
3972. Warum s'i für si F
3986 fl. li ist nicht in Vi aufzulösen. Der Akkusativ /' gibt keinen
Sinn, während der Dativ paßt. Die Infinitive hoketer, bauloier etc.
sind m. E. als transitiv aufzufassen (nach dem Glossar wären sie in-
transitiv). Dann ist die Konstruktion in all den koordinierten Sätzen
parallel (vgl. mostrer, welches ja überhaupt nicht intransitiv
sein kann).
3991 If. Das Ausrufungszeichen ist nicht am Platze; es sollte ein
Komma gesetzt werden, da der ganze Vers zum folgenden gehört
{qui = wenn einer). Die Konstruktion ist allerdings etwas anako-
luthisch : denn der mit bieti eingeleitete Nachsatz hat zum Vordersatz
einerseits qui . . . aler, anderseits si fort s'esmeut (letzteres kann auch
als Parenthese aufgefaßt werden). Quant . . . cans sollte, rein logisch,
nach qui . . . aler stehen, wovon es abhängig ist. Qui Ven veist aler ist
parallel zu Qui Vi veist... hoketer von v. 3986; aber im Nachsatz
wurde der Parallelismus aufgehoben. Ähnliche verworrene Konstruk-
tionen finden sich in diesem Text öfters, so v. 4003 — 4, wo wohl
auch zwei Konstruktionen dem Dichter durcheinander gekommen
sind, nämlich qui plus est blance que nule autre und la plus blance
qui soit au mont (etwas anders nach St's Ansicht; vgl. Anmerkung),
auch 5290, 5423, 5434, 5942 (vgl. die Anmerkungen).
4146. Das handschriftliche qui ist besser als St's que. Dagegen
ist soumier[s'\ zu lesen.
4166. Yvore (statt gewöhnlichem Yvorin) im Reim auf e ist m. E.
kein Fehler. Daß dem Reim zulieb bei fremdartigen Eigennamen
der Ausgang geändert wird, kommt bisweilen vor, wenn auch nicht
bei guten Dichtern. Vgl. z. B. in Gauchers Perceval 14 326 (Carador
: or, sonst Carados 14 588 und öfter, auch Caradous ( : cous) 13 512 und
Caraduec (oder -oc) (: iluec) 12 777, in Berols Tristan Frocin,
Frocine, beide im Reim. Bei deutschen Dichtern ist dasselbe zu be-
obachten, z. B. bei Wisse und Colin (mehrmals), bei Ulrich von
Zatzikhoven (Iblis, Ihle). Im Bei Desconeu findet man neben dem
Stadtnamen Vale{n)don (5209, 5441 etc.) auch einmal Valede: 5211
(letztere Form begegnet allerdings nicht im Reim und die Aus-
gabe ist unzuverlässig). Vgl. auch meine Bemerkungen in dieser
Zs. 27 p. 104. Eine zweite Nebenform von Yvorin ist m. E.
Yvoire (vgl. unten die Bemerkung zu v. 9964 — 65). In Teil B findet
man im Reim neben Escorfant auch Escorfal (vgl. unten die Bemerkung
zu V. 8234), und neben Hantone (oft durch das Versmaß gesichert)
auch Hanton (v. 8755), als Reimwort in einer -on-Tirade. Auch in
V. 5848 wird man Wegendes Versmaßes 7/«/i<on lesen müssen. Da Dichter
im Reim (oder in der Assonanz) Nebenformen wie Guillaume und
Guillelme zu verwenden sich erlaubten (so z. B. in Moniage Guillaume II ;
vgl. Cloetta t. II p. 209, 245, 248), so brauchte man nur einen Schritt
weiter zu gehen, um derartige Nebenformen zu e r f i n d e n.
4188. St. schreibt Ven (man) für handschriftlichos leu und be-
merkt, daß diese Form sonst in dem Text nicht vorzukommen scheine.
Nach meiner Meinung ist leu nicht zu ändern; es paßt sehr gut in der
Bedeutung ,,WoIf". Akkusativ für Nominativ ist bei unserm Schreiber
ganz gewöhnlich.
4328. cevaus Druckfehler für ccveus (richtig im Glossar).
4385. Der Sinn ist wohl der: „Tut eure Pflicht wohl! Ihr werdet
es auch [bei uns] finden" [nämlich daß wir unsere Pflicht tun werden).
Das re- hat den Sinn von ,,auch".
176 Referate und Rezensionen. E. Brugger.
4439. Es ist gewiß nicht gerechtfertigt, Mes boins sire statt des
handschriftlichen Mon bon signor einzuführen, bloß damit die Gramma-
tik gerettet werde. In einem Text, der fei und gloul auch als Akkusativ
verwendet, darf man nicht mehr so strenge Befolgung der grammati-
kalischen Regeln erwarten. Bekanntlich tritt Akkusativ für Nomi-
nativ am frühesten ein, wenn das Subjekt nach dem Verbum steht,
und dieser Fall liegt hier vor; obiger Ausdruck ist sogar durch 4 Worte
mit 7 Silben vom vorangehenden Verbum getrennt. Er ist Apposition
zu Bueves, wofür aber in der Hs. nur B. geschrieben steht, welches
auch in Bueve aufgelöst werden kann, und letztere Form kommt in
unserm Text sehr häufig (Beispiele v. p. XVII) als Akkusativ vor
(statt Bovon). Zudem ist der Fall bei se che ri'est {— fors) ähnlich
wie bei come, das wie eine Präposition den Accusativ regieren
kann. Es ist auch zu bemerken, daß St's Korrektur eine
IjTische Cäsur ergibt, die für unsern Dichter nicht absolut ge-
sichert ist.
463S. quenus in einer -ts-Tirade ist unmöglich. Schon die bloße
Umstellung li quenus et li vius wäre eine Verbesserung. Man lese
etwa: li vieus loiaus amis oder li quenus al fier vis (vgl. 6937) oder setze
einfach [h]ardis für quenus ein; wenn man dann das ardis des folgenden
Verses nicht dulden will (solche Wiederholungen von Reimwörtern
kommen übrigens in unserer Dichtung vor), so setze man dafür z. B.
de pris (vgl. 6944).
4904. Das handschriftliche Un Agopart wurde mit Unrecht in
Et A. geändert. Agopart ist bekanntlich in den Chansons de geste
der Name eines heidnischen Volkes und kommt sehr häufig vor (vgl.
Langlois, Table des noms propres). St. wendet ein, der Name werde
in unserer Dichtung nicht mehr appellativisch gebraucht. Dies ist
nicht richtig. V. 3955 heißt es, daß König Yvorin ,,son Agopart" herbei-
rief. Man könnte afz. niemals sagen, Bueve habe son Soibaut oder
gar sa Josiane herbeigerufen. V. 4295 bedauert Bueve, daß er son
Agopart nicht bei sich habe. Aber auch in unserm Vers 4904 ist das
Appellativ durchaus notwendig. Denn der Bürger, welcher dem
Bueve (den er nicht kennt!) Bericht erstattet, kann nicht einfach sagen,
Agopart habe die Dame bewachen müssen etc.: konnte er doch nicht
ahnen, daß sein interlocuteur wußte, wer Agopart war; aber auf
Verständnis konnte er rechnen, wenn er sagte, un Agopart habe die
Dame bewachen müssen. Außer diesen drei Fällen allerdings wird
Agopart nicht mehr appellativisch verwendet. Jene beruhen eben
wahrscheinlich auf Reminiszenzen älterer Stadien der Dichtung. Im
anglonormannischen Bueve ist die appellativische Verwendung noch
die normale; denn es heißt fast immer li Escopart und V Escopart;
und doch finden wir schon hier (v. 1780 — 1): Jeo sui . . . un fere pu-
blicant E ay a non Escopart fort e combatant. Daß Acopart mit Cedille
versehen wurde, hätte St. begründen sollen. In den Chansons de geste
haben wir allerdings neben Acopart auch die häufige Nebenform
Achopart und ein Chronist, der die französische Form in seinen lateini-
schen Bericht aufnimmt, schreibt Azopart. Es ist also wohl möglich,
daß die palatale Aussprache des c die ursprüngliche war. In den
Chansons de geste begegnet man aber auch den Schreibungen Aquo-
part, Ascopart und Escopart, in welch letztern die Cedille kaum am
Platze ist, und welche wohl beweisen, daß unter dem Einfluß der
Schrift, welche die Cedille noch nicht kannte, auch die gutturale Aus-
sprache des c aufkam. Im anglonormannischen Bueve findet man
regelmäßig Escopart, Escoupart, ebenso in der nordischen Version,
in der kymrischen Version Copart, in der englischen Ascopard^ und
Scopard. " Alles spricht also dafür, daß in der ganzen Bueve-Über-
lieferung die palatalen Formen nicht vorhanden waren. Man vgl.
über den Namen P. Meyer in Rom. VII 437 — 40.
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 177
4961. St's Korrektur Tant que seust statt Tant seusent mag den
Sinn des Verses verbessern; aber klar ist doch nicht, warum A^opart
so sehr bestrebt sein sollte, nach allen Richtungen frei sich umsehen zu
können. Ich möchte vorschlagen, Tantseusentsiehen zu lassen und dafür
regarder durch asambler (oder auch ariver in der heutigen Bedeutung)
zu ersetzen: ,,so sehr es ihnen [den Lebenden] auch gelingen mochte,
von allen Seiten her wieder sich zu sammeln (wieder heranzukommen)".
Die lyrische Cäsur wäre leicht zu vermeiden durch Einführung von
Ja am Anfang des Verses (vgl. Beispiele bei Tobler, Verm. Beitr. I
Nr. 19). Eine andere Erklärung gibt St. in der Einleitung p. XIII.
4965. Mit Unrecht wurde Qui in Que geändert. Wir haben hier
die Konstruktion, die St. p. LVII als charakteristisch für unsern
Dichter ausgibt.
6165. Die Versetzung des Verses scheint mir unnötig und unvor-
teilhaft. St. vergaß, tout in tous zu korrigieren.
5290. Das von St. eingesetzte Conc für Com ist zweifellos un-
passend. Eher geht das von ihm auch vorgeschlagene Que. Vielleicht
liegt aber eine Vermengung von zwei verschiedenen Konstruktionen
vor: par si grant alenee com arondele (Schluß des Satzes) und p. s. g. a.
Que arondele . . . ne (>ait si tost (vgl. oben Bemerkung zu v. 3990 ff.).
Endlich darf man vielleicht annehmen, daß com hier einfach die Be-
deutung von que hat, gerade wie tant com = tant que, oder wie bei
Vergleichungen : blans que noif, etc. (vgl. v. 8364 und St's Anmer-
kung dazu).
5330. // soll nach St. in der Hs. durch eine Abbreviatur ,, ähnlich
wie die von et" (wofür ^-^s übrigens verschiedene Abbreviaturen gibt)
bezeichnet sein. Weiß er denn, daß sie il bedeutet? Sonst wird il
nie abgekürzt. Die Abbreviatur wird also wohl et bedeuten. Dieses
ist annehmbar, wenn man in v. 5328 kein Semikolon, in v, 5329 kein
Komma setzt.
5365. Das Bild ist allerdings, wie St. richtig bemerkt, schief.
Man darf doch wohl ruhig lievrier in lievre korrigieren; dann ist das
Bild normal.
5461. Besser wäre n''en.
5540. M. E. bedeutet ot hier nicht ,, bekam" (vgl. Anmerkung),
sondern ,,hört". Das Präsens unterbräche hier allerdings eine Er-
zählung im Präteritum, was aber im Afz. nicht unstatthaft und nicht
ungewöhnlich sein dürfte. Eventuell kann man auch, anstatt mit
St. in len das l zu streichen, das n in s ändern und le sot lesen,
was auch gut paßt.
5544. Es ist grammatikalisch unmöglich, daß ma mere (Akkusativ-
Objekt in V. 5543), und nicht Dos, Subjekt zu sot [und jist} ist, wie
St. meint. Vielmehr liegt hier ein Widerspruch zum früheren Bericht
vor (solche Widersprüche sind in den Romanen sehr häufig [vgl.
z. B. Meliador I p. LXII] und bedingen durchaus noch nicht Quellen-
mischung oder verschiedene Autorschaft), indem der Dichter sich jetzt
nicht mehr erinnert, daß er früher berichtete, die Mutter (nicht Do!)
habe den Bueve verkauft (der Unterschied ist gleichgültig, da die Mutter
und Do ein Herz und eine Seele waren und zusammen komplotierten).
Daß wirklich Dos Subjekt von sot und jist ist, geht auch aus v. 5547
deutlich hervor.
5554. Der Sinn von Si estes vous ist mir nicht klar. St. hielt
eine Erklärung nicht für nötig. Wenn der Ausdruck unbefriedigend
ist, so möchte ich als Korrektur vorschlagen: Soies en pais (seid ruhig!):
(denn vgl. 5553 — 54 mit 5845 — 47 und meine Bemerkung zu diesen
Versen!), oder Si vous taisies oder Si taisies [auch iesics] i'o(/.<.
5555. Der eigentümliche Gebrauch von quel in der Wendung quel
le feres hätte vielleicht in einer Anmerkung erwähnt werden dürfen;
zum mindesten hätte er im Glossar nicht fehlen sollen (über den-
178 Referate und Rezensionen. E. Rrugqer.
selben vgl. H. Suchier, Ausgabe der Ckan^un de Guillelme, An-
merkung zu V. 562), wo auf weitere Litteratur vorwiesen wird.
5670. Den Satz vous — hues als parentlietiscii aufzufassen, geht
nicht an. Wenn man sich an der Zugehörigkeit von Lors zu diesem
Satz stößt, ersetze man Lors durch ein anderes Wort, z. B. Or.
Ö717 mostera als Passe defini aufzufassen: daran sollte man auch
nicht einen Augenblick denken. Ein derartiges ,,Svarabhakti" hat
es nie gegeben. Man korrigiere etwa: se vanta Que devant vous el camp
mel mostera (Futurum), vgl. auch 5746; / in mel bezieht sich auf die
vorher erwähnte Anklage des Verrats {mostrer = beweisen, vgl. 5746).
5747. Man lese la . . . se statt sa . . . le !
5845 — 47. Ich würde nach troves ein Komma, nach crei's einen
Punkt setzen. Se vous le commandes ist mir unverständlich (keine
Erklärung des Herausgebers). Man könnte z. B. wie in v. 5554 (vgl.
meine Bemerkung dazu) se man conseil crees lesen. Unser Dichter
gebraucht gern dieselben Wendungen mehrmals.
5886. Eine Änderung von il in eil würde genügen.
6200. Hier beginnt der aus Fassung III entlehnte Abschnitt.
Auf die Textkritik dieses Abschnittes, soweit sie durch Kenntnis des
Hss.-Verhältnisses bedingt ist, muß ich aus oben genannten Gründen
verzichten. Dagegen geben mir die Anmerkungen des Herausgebers
zu einigen Bemerkungen Anlaß.
6339. Es ist klar, daß hier eine neue Laisse anfängt: Übergang
von es zu er. Hiergegen kann nicht etwa geltend gemacht werden,
daß die Ausgänge es und er bisweilen auch gebunden werden. Wenn
die Hss. keinen Abschnitt machen, so hätte ein solcher in einer kritischen
Ausgabe dennoch gemacht werden sollen.
6371. St. sagt, es lasse sich nicht entscheiden, ob le Pohier zu
Rnhart oder Hertaut gehöre. Wenn auf die handschriftliche Über-
lieferung etwas zu geben und nicht unnötigerweise ein unreiner Reim
anzunehmen ist, gehört die Apposition offenbar zu dem Akkusativ
Hertaut; denn sonst müßte es li Pohiers heißen, da nach avoir non
der Nominativ steht und Rohart also Nominativ ist (der Kopist von
P^ führte sehr oft das ( des Akkusativs für nominativisches s ein;
Hs. C hat übrigens s). Auch der Stellung nach gehört le Pohier natür-
licherweise zu Hertaut.
6671. Statt des unmöglichen tor möchte ich vorschlagen zu lesen
cors (vgl. auch v. 8223); c und t werden bekanntlich graphisch be-
ständig verwechselt; finales s, zumal vor s, wird von den Kopisten
häufig abgestoßen.
6768, St's Korrekturvorschlag, la statt li zu lesen, ist mir un-
verständlich. Worauf sollte sich la beziehen?
6824. Daß eine Form gardront existierte, ist für mich sehr zweifel-
haft. Dem Metrum wäre durch Streichung von Si leicht zu genügen.
6861. Was St. betr. das Plus der Hss. TCMV gegenüber P» sagt,
ist m. E. wertlos. Er behauptet, das Plus dieser Hss. stehe im Wider-
spruch zu dem [in Fassung I] früher erzählten. Da aber der ganze
Abschnitt B eine Interpolation aus der dritten Fassung ist, es sich also
hier um eine Rekonstruktion dieser Fassung handelt, so kommt
es allein darauf an, ob jenes Plus zu dem in der dritten Fassung
früher erzählten in Widerspruch stehe. Darüber gibt St. keine
Auskunft.
6884. Was soll mer hier bedeuten ? Das Glossar gibt keine Aus-
kunft hierüber. Es wird doch wohl mit T mur zu lesen sein.
6905. Hier sind wieder eine er- und eine es-Tirade zusammen-
gezogen. Daß der Kopist des Archetypus dies tat, wurde wohl nament-
lich durch das Reimwort reverres (v. 6904) verursacht, welches in der
ersten, der er-Tirade, einen unreinen Reim bildet, der zufällig mit
dem Reim der folgenden Tirade übereinstimmt.
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 179
6960. Der kritische Text scheint mir etwas zweifelhaft; auffallend
ist wenigstens die Wortstellung fu Buevon (doch vgl. unten 8917 und
meine Bemerkung dazu). Aus der Varia Lectio werde ich nicht klug.
Welchem Worte des kritischen Textes soll z. B. estoit in M entsprechen ?
Doch nicht bloß dem ju; sonst hätte konsequenterweise (+1) hinzu-
gesetzt werden müssen. Die Benutzung der Varia Lectio ist überhaupt
nicht gerade leicht gemacht worden.
6993. Durch Streichung des unnötigen Puis könnte die zweifel-
hafte Form doutriens leicht vermieden werden {Puis fehlt in V; M
und G haben die richtige dreisilbige Form; hat hier der Vers eine Silbe
zuviel? St. schreibt nicht [+ 1]).
7089. Der von St. angegebene Grund für die Nichtaufnahme
des hier in P^ folgenden Verses ist nicht stichhaltig. Natürlich war
ein eine Wallfahrt erforderndes Gebet in Jerusalem (welcher Ort nach
der Darstellung unseres Verfassers nicht sehr weit entfernt war) mehr
wert, als ein Gebet an dem Ort, wo Bueve sich gerade befand. Und
wenn der Kopist von P^ den Vers vernünftig fand, warum sollte ihn
der Redaktor von Fassung IIT nicht haben dichten können? Bestand
denn notwendig ein intellektueller Unterschied zwischen diesem und
jenem ?
7168. Die Gründe, welche St. gegen Zulassung des Plusverses
von CTV geltend macht, sind wertlos: 1. es würden zwei aufeinander
folgende Verse mit DusqiCa beginnen (aber derartige Kakophonien
finden sich in unserm Text haufenweise: vgl. z. B. St's Anmerkung
7275); 2. der Inhalt passe nicht, da nicht Fleisch, sondern Hafer geholt
worden sei (aber unter viande versteht man doch nicht bloß Fleisch!).
7178. Der bestimmte Artikel bedeutet hier einfach, daß der
König von Monbranc, wenigstens in dem betr. Walde, im ganzen nur
4 Hüter hatte (vgl. auch 7249 und namentlich 7315). Er ist also nicht
auffallend.
7408. or im Plural dürfte doch zweifelhaft sein. Bezeugt ist der
Plural nur durch P^
7577. avanl bedeutet hier nicht ,,vorn", sondern ,,vor allem".
7732 — 37. Nach der Varia Lectio ist v. 7733 nur in T an dieser
Stelle, dagegen in VP^ der letzte der Gruppe, während er in C fehlt.
Der Herausgeber war unter der Bedingung berechtigt, T zu folgen,
daß die andern Hss., wenigstens VP^, gegenüber T eine Gruppe bilden.
Die Gruppierung der Hss. scheint aber nicht diese zu sein.
7760. In P^TV, d. h. allen Hss. außer C (welches gerne Verse
ausläßt) folgt hier ein Vers, den St. ausscheidet, weil der Tod des
Heiden erst v. 7753 berichtet werde. Es wird aber in diesem Vers
nur gesagt, daß der Arm des Heiden ins Gras fiel. In der Form,
wie ihn T hat, wäre der Vers annehmbar.
7789. por vo vie garant hätte eine grammatikalische Anmerkung
verdient.
7803, 7816. Ich halte St's Ansicht für falsch.
7863 ff. Warum wird die Fassung von P* in den kritischen Text
eingesetzt, wenn sie ,,z. T. unklar und lückenhaft" ist? Übrigens
weiß ich niclil, was darin unklar ist, wenn erzählt wird, wie Tieri samt
seinem Pferde zu Boden geworfen wird, wie er dann sein Pferd wieder
aufrichtet und nachher wieder als beritten erscheint. Wie kann hier
nach dem Glossar n estal ,,an derselben Stelle", und nach der An-
merkung torner a estal ,, wieder aufrichten" bedeuten?
7901. In der Anmerkung ist V5 Druckfehler für T 5.
8184 — 85. Die Ansicht, daß ursprünglich rostes für Tieri.< stand,
ist nicht so selbstverständlich. Als der Wirt mit Buove sprach, stand
Tiori dabei, konnte sich also auch am Gespräch beteiligen. Die Auf-
forderung, nach dem Sclilos-se zu gelien, braucht nicht vom Wirt
auszugehen; denn es ist nicht sein Schloß.
180 Referate und Rezensionen. E. Brugger.
8234. Escorfaut in einer -a«<-Tirade (ebenso 8521) gibt keinen
Reim. Ich glaube, daß für das Original Eacorfanl zu lesen ist und die
obige Schreibung, die in P' auch im Innern des Verses überall durch-
geführt und von St. angenommen worden ist, vom Kopisten herrührt.
In V. 8459 findet man Escorjal als Reimwort in einer -a/-Tirade. Dies
wird eine dem Reim zulieb gemachte Nebenform von Escorjant sein
(vgl. auch meine Bemerkung zu 4165).
8354. Zur Anmerkung: nicht aigle, sondern taute (Druckfehler)!
8507, 8520. Die Reihenfolge der hierzu gehörigen Anmerkungen
ist verkehrt.
8562 — 63. Inwiefern sich aus drechast von v. 8554 ergeben soll,
daß die Lesart von P^ die schlechtere sei, ist mir nicht klar geworden;
man kann sich doch vom Boden auch ,, aufrichten".
8596 ff. Nach St. hat T hier ,,die einfachste, daher wohl auch
ursprünglichste Fassung". Warum wurde sie denn nicht dem kritischen
Texte zugrunde gelegt ? Da aber die Verse 8598 — 99 und nach 8560
noch ein weiterer Vers durch P*CV und noch einer durch P^V belegt
sind, so fragt es sich einfach, ob diese 3 Hss. gegenüber T eine Gruppe
bilden; ist dies nicht der Fall, so ist die Lesart von T unursprünglich,
mag sie auch noch so einfach sein.
8610 — 12. Daß diese Verse in T fehlen, sei , .zweifellos das ur-
sprüngliche". Auch hier muß man fragen: Warum wurden sie denn
in den kritischen Text aufgenommen? Auch hier entscheidet über die
Ursprünglichkeit in erster Linie das Handschriftenverhältnis, welches
nicht zugunsten der Lesart von T zu sprechen scheint (man kann
sich beständig darüber ärgern, daß St. nicht mitteilte, nach welchem
Prinzip er den Text herstellte). — Auch das übrige Raisonnement
des Herausgebers halte ich für ganz falsch. Die Königin ist von der
grant tor (dem deutschen Berchfrit), von dessen Zimmer aus sie der
Schlacht zugesehen hatte, herabgestiegen, um sich in die sale zu be-
geben, wo großer Empfang war. Die sale, im gewöhnlichen Sinn des
Wortes, befand sich [was St. nicht beachtet zu haben scheint] nicht
in der grant tor, sondern im palais, der in der Regel mit der grant tor
nicht zusammengebaut war. Daß sie ,,in die Stadt ging", wird nicht
gesagt; denn parmi Siviele (wofür übrigens C und P^ eine andere,
auch annehmbare Lesart haben) in v. 8609 gehört natürlich zu sa gent:
sie hat sa gent aus ganz Siviele zu sich berufen. Da die sale in der
Regel im ersten Stockwerk sich befand, so mußte die gent in die sale
monier, nachdem die Königin bereits vorher hinaufgestiegen war.
Auch zwischen 8609 und 8610 besteht kein Widerspruch: Zu einer
Ratsversammlung wurden zur Zeit unseres Dichters vom Souverän
nur les plus haus homes de toute sa contree, die Vasallen, berufen, nie-
mals das gemeine Landvolk oder die Städter; die Vasallen sind folglich
sa gent im engern Sinn des Wortes. Die Verse 8919 — 20, auf welche der
Herausgeber verweist und welche auch in T vorhanden sind, beweisen
gerade die Korrektheit der Verse 8610 — 12; denn durch sie wird be-
stätigt, daß die Versammlung aus den gentieus homes tenant de sa
contree bestand und daß der Versammlungsort nicht la tor, sondern
la sale war (im palais wird nachher z. B. auch Bueve empfangen:
V. 8796 und wird die Hochzeit gehalten: v. 9653; Josiane empfängt
ihre Vasallen im palais: 9830). In v. 8633 — 34 spricht die Königin
von cele tor; sie hätte ceste tor sagen müssen, wenn sie noch drin ge-
wesen wäre (vgl. auch unten zu 8937 und 9463).
8617. Qui wird nicht im Sinn von ,,wenn ich" gebraucht, sondern
in der Bedeutung ,,wer", ev. „wenn man", und das Feminin ist in-
sofern bemerkenswert, als die Königin, indem sie allgemein von ,,wer"
oder ,,man" spricht, doch in erster Linie an Frauen denkt, weil sie
selbst eine Frau ist. Vom Standpunkt des Feminismus übrigens
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 181
ganz konsequent! Immerhin kann man natürlich auch die Masculin-
form einsetzen und ungenauen Reim annehmen.
Statt 8634 sq. sollte es in der Anmerkung heißen: 8635 sq.
8663. Auch hier muß in erster Linie das Handschriftenverhältnis
entscheiden, ob vous estes messagier oder nobile Chevalier zu lesen ist.
8687 ff. Auch hier kommt es nicht in erster Linie darauf an,
welcher Text „am einfachsten" und „am klarsten" ist; maßgebend
ist wieder der Stammbaum der Hss. Vor der Hand können wir zu
dem kritischen Text kein Vertrauen haben.
8698. Warum wird eingerückt, ohne daß eine neue Laisse beginnt?
Wenn eine Hs. fälschlich einrückt, so braucht ihr eine kritische Aus-
gabe nicht zu folgen; dagegen ist dann eine Bemerkung in der Varia
Lectio am Platz.
8724. Die ,, Rücksicht auf V" ist sicher kein Grund, um das que
von P^ zu streichen; denn V hat an entsprechender Stelle ki; que
und qui aber wechseln in unsern Hss. sehr oft. Metrum und Bedeutung
sprechen allerdings für Streichung des que. Del baron gäbe keinen
vernünftigen Sinn; eher lese man de baron.
8726. ( — 1) vor C in der Varia Lectio ist nicht berechtigt; denn
deur kann gelesen werden: d'eur.
8726 — 27. Text und Interpretation in der Anmerkung sind etwas
unsicher; doch ist zur etwaigen Korrektur die Kenntnis des Hand-
schriftenverhältnisses nötig.
8757 — 64. Ich sehe nicht ein, weshalb die Fassung von CTV in-
haltlich unzweifelhaft besser als diejenige von P^ sein soll. Wird
letztere vorgezogen, so fallen die Widersprüche in v. 8761 (vgl. St's
Anmerkung dazu) weg, weil dieser Vers in P^ nicht vorkommt.
8862. Dieser Vers, der in P^T fehlt und, wenn es der Stammbaum
erlaubt, m. E. auch im kritischen Text fehlen sollte, ist mir unver-
ständlich (trotz St's Interpretation).
8917 — 18. Diese Stelle wird von St. nach meiner Meinung ganz
unrichtig aufgefaßt. Wenn er sagt „Also braucht ihr [der Königin]
der Beschluß nicht erst mitgeteilt zu werden", so deutet dies darauf
hin, daß nach seiner Ansicht la dame Da"tiv-Objekt zu contee resp.
graee ist, was zweifellos falsch ist, da sonst bei graee der Ausdruck
Des gentius homes beziehungslos würde, bei contee aber ein inhaltlicher
Widerspruch zum Vorausgehenden entstünde. Vielmehr ist la dame
Genitiv und gehört zu la parnlle (vgl. dieselbe eigentümliche Wort-
stellung oben 6950); C. schreibt denn auch mit klarer Wortstellung:
la dame fu. Man übersetze also: Als die Rede der Dame von den vor-
nehmen Vasallen ihres Landes gebilligt worden war. Im Vorher-
gehenden werden in der Tat gleich nach der Rede der Dame die Zu-
stimmung des Disdier, der im Namen der Barone spricht, und dann
auch diejenige der Barone selbst erwähnt. Ebenso wie auf graee Des
folgen muß, so verlangt contee selbstredend As. Was St. über As und
Des schreibt, ist durch jenen Irrtum bedingt.
8937. La tor ist zweifellos falsch, denn in v. 8920 heißt es, daß die
Königin, als die Vasallen sie verließen, noch in der sale, d. h. wie oben
(zu 8610 — 12) gezeigt wurde, im palais, nicht in der lor, blieb. Daß
St. das nur von P^ bezeugte la tor boibehiell, erklärt sich wohl aus
seiner irrtümlichen Auffassung, daß sich die sale in der tor befand.
Statt tor kann man, ohne das Metrum zu ändern, sale einsetzen. CTV
haben sor les (resp. as) murs montee (resp. alee). Dies scheint aber zum
folgenden nicht zu passen. Daher wird die Änderung von tor in sale
in P' nötig sein.
8939. Der Plusvers, den P* hier hat, braucht nicht ein Zusatz zu
sein, jedenfalls nicht aus dem von St. angegebenen Grunde: ,,da die
Königin unzweifelhaft schon im Sattel war". Dies wird weder gesagt
noch ist es zu erschließen.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX«/'. 13
182 Referate and Rezensionen. E. Rrugger.
9025 — 26. Aul' jeden von diesen Veisen folgt in P' ein Plusvers.
St. hat die Plusverse mit Recht ausgeschieden, aber aus unrichtigen
oder ungenügenden Gründen. Molt richement könnte ganz gut zu
venoä gehören, und Reimwörter wiederholen sich in unserm Texte oft.
Aber der erste Plusvers spricht ganz dasselbe aus wie 9027 und zwar
in der Hauptsache in denselben Worten (Nach 9025 sollte ein Semi-
kolon gesetzt werden, damit man erkenne, daß 9026 zu 9027 gehört ;
Bedeutung: Alis war von der Schwester des Esc. zum Ritter geschlagen
worden; ,,ol" bedeutet , .erhielt". Hat etwa St. eine andere Auf-
fassung?). Der zweite Plusvers würde die zusammengehörenden
Verse 9026 und 9027 trennen, so daß sie einzeln unverständlich würden.
9139. Nach der Varia Lectio fehlt dieser Vers in CTV, nach d-is
Anmerkung in CTP^. Welches gilt? Er ist entbehrlich.
9188,. Die dazu gehörige Anmerkung ist falsch numeriert: 9198
(Druckfehler).
9223. Solche ,, mangelhafte Cäsuren" (Enjambement) wie hier
in P^ finden sich genug (vgl. z. B. oben zu 3916) und brauchen daher
wohl nicht beanstandet zu werden.
94:63. Statt tor en hat C sale. Letzteres Wort paßt in der Tat
besser. Denn wenn auch während der vorhergehenden Schlacht die
Königin in der tor gewesen war, so fand doch die nun folgende Rats-
versammlung, an welcher grant plente von Baronen (v. 9486) teilnahm,
gewiß richtiger in der sale des palais statt. Man kann sich eine große
Versammlung im Turm kaum denken. In 9524 wird denn auch die
sale als Versammlungsort genannt, ohne daß inzwischen von einer
Ortsveränderung die Rede gewesen wäre. In 9624 wird zu Mittag
gegessen, auch ohne Erwähnung einer Ortsveränderung; es hatte
keinen Sinn, nach Beendigung einer Schlacht im Turm zu tafeln. Wenn
£ im Stammbaum nicht allen andern Hss. gegenübersteht, so ist seine
Lesart allerdings nicht maßgebend. Aber dann müssen wir annehmen,
daß schon der Archetypus hier einen Fehler enthielt, den der Kopist
-von C, in richtiger Erkenntnis des Unpassenden, verbesserte (vgl.
auch oben zu 8610—12 und 8937).
9541. Hier beginnt das zweite Stück von Teil A.
9593. lai>es, Druckfehler für Caves.
9626. Ich halte die Änderung von eine in trois nicht für nötig.
Wenn auch vorher nur von 3 ,, Königen" einzeln berichtet wurde,
daß sie gefangen genommen wurden, so folgt daraus nicht notwendig,
daß diese 3 die einzigen waren. Widersprüche in Zahlen sind übrigens
nicht nur den Kopisten, sondern auch den Dichtern eigentümlich.
Zudem würde es sich hier nur um einen Widerspruch zwischen A und
B, also zwischen Fassung I und III handeln.
9634. In der Anmerkung wird Yosiane irrtümlich an Stelle der
Königin von Siviele erwähnt. Ich glaube, daß li in le zu korrigieren
ist. Andernfalls müßte man allerdings St's Interpretation annehmen;
aber diese scheint mir unnatürlich.
9649. Das handschriftliche Saint-Germain ist natürlich falsch;
aber Saint Omer ist eine Korrektur in's Blaue ; v. 3808 beweist nichts.
9964 — 65. Es ist fraglich, ob St's Korrektur notwendig ist. Er
stieß sich wohl an der Form Yvoire statt gewöhnlichem Yvorin. Ich
glaube, daß unser Dichter, so gut wie er dem Reim zu lieb einmal
Yvore schrieb, auch der Cäsur zu lieb Yvoire schreiben konnte. Wir
haben schon gesehen, daß man nicht Anstand nahm, fremde Eigen-
namen so ziemlich nach Belieben zu ändern (vgl. oben zu v. 4165).
Vgl. auch die Nebenform Ysoire zu Ysore, die allerdings nur in späten
Zeugnissen zu belegen ist (Cloetta's Ausgabe des Moniage Guillaume,
t. II p. 178—180). Ob nun die handschriftliche Lesart beibehalten
oder St's Korrektur akzeptiert wird, so dürfte es notwendig sein, in
9964 cid statt de einzusetzen, da ein Substantiv oluie Artikel weder
Der festländische Bueve de Hantone, Fassung I. 183
■den Genitiv regieren, noch ein Determinativpronomen (hier in der
Form des bestimmten Artikels) darauf bezogen werden kann.
9972. une statt une.
10120. Nur aus der Anmerkung, aber nicht aus der Varia Lectio
ist zu entnehmen, daß die Hs. principel hat (vgl. auch 10496).
10144 — 45. „Nie hörte ich jemand so erzählen, wie sie singt
(d. h. singend erzählt): gut versteht sie sich darauf, es (d. h. wie alles
sich zugetragen hat) (divinatorisch) zu erraten" (vgl. auch 10177).
Ich sehe da keine eigentliche Unklarheit, welche mangelhafte Über-
lieferung zur Voraussetzung hätte. Immerhin wäre es vielleicht besser,
das unbestimmte, fast beziehungslose le dem deviner voranzustellen
und als Artikel aufzufassen; vielleicht würde auch hom£ mit Vorteil
durch ferne ersetzt.
Den Schluß des Bandes bilden 100 Seiten Glossar und Namen-
verzeichnis. Das Glossar ist m. E. viel zu ausführlich für eine
Ausgabe, die kaum als Schulbuch verwendet werden wird. Wozu
soll uns mitgeteilt werden, daß z. B. cheval Pferd, cinquante
fünfzig, porte Türe, paradis Paradies, demi halb bedeutet ? Für
die Wissenschaft wäre eine Zusammenstellung des wirklich Be-
merkenswerten zweckmäßiger gewesen. Übrigens werden im
Glossar keineswegs sämtliche Belege angeführt; aber bei keinem
Artikel ist zu erkennen, ob man sämtliche Belege vor sich hat
oder nicht; wo nur auf einen Teil der Belege verwiesen wird,
hätte dies durch ,,etc." angedeutet werden sollen. Eingehend
habe ich das Glossar nicht geprüft. Einzelne Fehler, die mir
auffielen, und nicht schon gelegentlich erwähnt \\'urden, will
ich hier nicht anführen. Nur das möchte ich noch sagen, daß
der Sprachschatz zweier Dichter nicht in einem einzigen Glossar
untergebracht werden sollte. Daß die Anlegung zweier Glossare
etwas unpraktisch gewesen wäre, will ich immerhin gern zu-
geben. Der Kapitalfehler der Ausgabe ist eben, daß sie sich nicht
auf Teil A beschränkte. Noch viel notwendiger, aber auch viel
leichter durchführbar als beim Glossar wäre eine Sciieidung
von A und B beim Namenverzeichnis gewesen. Es ist durchaus
nicht gleichgiltig, welches Onomastikon dem einen, welches
dem andern Dichter eigen ist. Sehr zu tadeln ist auch, daß
die Varianten der Eigennamen (solche gibt es, wie begreiflich, nur
in Teil B) nicht ins Verzeichnis aufgenommen wurden (St. ist
allerdings nicht der einzige Herausgeber, dem dies vorzuwerfen
ist). Bei Eigennamen ist es häufig nicht möglich, unter den
Varianten die richtige Form auszulesen; so kann denn ganz
leicht eine falsche als einzige ins Onomastikon aufgenommen
werden {Widesore, Hiiidesore kommen z. B. der ursprünglichen
Form näher als die durch P^ überlieferte und in <ien Text und
das Verzeichnis aufgenommene Form Ondresore; gemeint ist
Windsor). Aber auch die sicher falschen Formen können für
die Namenforschung von Wichtigkeit sein, indem sie uns charak-
terische Möglichkeiten der Entstellung vorweisen, die für Ana-
Jogieschlüsse verwendet werden können. Man sehe z. B. wie
13*
184 Rejerate und Rezensionen. Walther S achter.
aus Colecestre (Golchester) (v. 6298, 6395, 6406) einerseits Cloen-
cestre (T) (d. h. jedenfalls G/oecesire = Gloucester), anderseits
tour celiestre (V) wurde. Mit Connimhre (in ,, Spanien") (v. 3511)
wird Goimbra (in Portugal) gemeint sein; Ysores de Connimbre
ist eine Entlehnung aus dem Montage Guillaume II, wie auch der
kurz vorher (3508) erwähnte Synados (statt Synagons) de Palerne.
E. Brugger.
Le I<ai du Conseil, ein aüjranzösisches Minnegedicht. Kri-
tischer Text mit Einleitung und Anmerkungen [heraus-
gegeben von] Albert Barth. Züricher Dissertation.
Erlangen 1911. 75 S. [Sonderabdruck aus Vollmöllers
Romanischen Forschungen.]
Von dem Lat du Conseil, der bisher nur in der Ausgabe von
Francisque MicheP) aus dem Jahre 1836 gedruckt vorlag, gibt
B. eine neue, kritische Ausgabe. Außer den bereits von Michel
benutzten drei Handschriften (B. nennt sie ^, B und D) hat B.
auch die seitdem hinzugekommene dritte Pariser Handschrift
{C bei B.) mit herangezogen; von D, das inzwischen verschollen
ist, standen ihm allerdings nur die unzuverlässigen Varianten
bei Michel zur Verfügung.^)
In der Einleitung zu seiner Ausgabe bespricht B.
zunächst kurz die Handschriften, um dann ausführhch auf deren
Verw^andtschaftsverhältnisse einzugehen. Das Resultat B.s,
der A und C einerseits, B und D andererseits zu einer Gruppe
{x resp. y) zusammenfaßt, scheint auch mir das wahrscheinlichste
zu sein; zur Aufstellung einer absolut sicheren Gruppierung
reicht das Variantenmaterial nicht aus. Bei einem anderen,
nicht so wesentlichen Punkte seiner Klassifikation kann ich ihm
aber nicht zustimmen, nämlich wenn er (S. 15) die Gruppen
X und y nicht direkt, sondern erst durch Vermittelung einer
gemeinsamen Zwischenvorlage o auf das Original 0 zurückführen
will. Die von ihm für verderbt gehaltene Textstelle (V. 637 — 638),
die ihm als hauptsächhches Argument zur Begründung dieser
Zwischenstufe dient, scheint mir ganz korrekt zu sein; ich würde
die Verse 632^640 folgendermaßen interpungieren:
Mout seroit sire et damoisiaus;
Je ne sai veoir ne pensser
Comment nus paust plus doner
^) Lais inedits des Alle et Xllle siecles, publies pour la premiere
fois, d'apres les manuscrits de France et d'Angleterre, par Fran-
cisque Michel. Paris, Joseph Techener, 1836, S. 85—121;
dazu Variantes S. 128 — 145.
2) In einer Korrekturnote kann ich gerade noch darauf hinweisen,
daß nach einer Notiz W. v. Wartburgs im neuesten Heft der Romania
(Bd. XLI S. 289) die Hs. D doch noch vorhanden ist, und zwar als Hs.
2800 der Rothschildschen Bibliothek in Paris; v. Wartburg weist sogar
noch eine fünfte Hs. (L. V. 32 der Turiner Universitätsbibliothek) nach.
Le Lai du Conseil, ein altfranzösisches Minnegedicht. 185
635 Ne souhaidier a .i. seul homme —
Quar tout est dos a la parsomme —
Fors vie parmenablement
(Et ce ait bien a son talent)
Et amors, que je ne vueil mie
640 Que ja en ait joie en sa vie . . .
Die beiden anderen Stellen, auf die B. noch hinweist, um
jene Gruppierung zu stützen, haben (wie er selbst zugeben muß)
auch keine rechte Beweiskraft. — Ich sehe also kein Bedenken,
sowohl X wie y direkt von 0 herzuleiten.
Von dem eben berührten Punkte abgesehen, kann man also
den in sorgfältiger Arbeit gewonnenen Resultaten B.s nur zu-
stimmen; dabei kann ich allerdings nicht umhin, einige Stellen
seiner Ausdrucksweise zu korrigieren, aus denen hervorzugehen
scheint, daß ihm die methodische Beurteilung der Sachlage
bei Handschriftenverwandtschaft doch nicht immer ganz klar
gewesen ist. So sagt B. Seite 4: ,,Die beiden Hss. [A und C]
gehen fast stets zusammen. Das beweist zwar ihre enge Verwandt-
schaft; indessen könnten beide direkt auf das Original zurück-
gehen." Man wäre versucht dem Herausgeber zu sagen, daß
gleiche Lesarten absolut keine ,, Verwandtschaft" der betreffenden
Handschriften bew^eisen, sondern daß dies nur gemeinsame
Fehler tun — wenn B. nicht in seiner Untersuchung selbst
die richtige Methode befolgte. Oder auf S. 9 soll in V. 815 ein
gemeinsamer Fehler von A C (die maint jor a jornee, mit einer
seltenen, aber von B. noch anderweitig belegten Redensart,
lesen) „ausgeschlossen" sein. Warum ? Allerdings ist kein
besonderer Grund zu der Annahme vorhanden, daß die Lesart
von A C unursprünglich ist, aber an und für sich könnte gerade
so gut die Lesart von B. [et mainte jornee) richtig und der Wort-
laut von A C erst in deren gemeinsamer Vorlage x eingeführt
sein; doch gebe ich gern zu, daß diese MögHchkeit viel un-
wahrscheinlicher ist. — Auch eine Bemerkung auf
S. 13 gibt zur Kritik Anlaß. B. sagt da: ,,Daß innerhalb der
angenommenen Familien x und y die Hss. einander neben-
nicht unter geordnet sind, daß z. B. innerhalb x nicht etwa
A die Kopie von C ist oder umgekehrt, wird bewiesen durch die
Tatsache, daß A -\- B, gegen C, und C -\- B gegen A stets den
Text orgeben ; das gleiche gilt für y."' Schon daran, daß der Heraus-
geber gelegentlich (z. B. V. 72 dame im Text nach yl, gegen amie
BC, oder V. 116 devoit nach A, gegen li doit B C) doch, und nicht
ohne Grund, geg(^n dies sein Prinzip handelt, kann er sehen,
daß (las ,,Erg(>l)(m dos Textes" kein einwandfreies Argument ist;
überdies setzt doch eine wissonscliaftliehe Toxtrokdnstruktion
bereits voraus, daß man über die Stellung der Handi-.chriften
zu einander orientiert ist. Es handelt sich wohl auch in diesem
Falle bei B. nur um eine mangelhafte Formulierung: der Heraus-
geber meint ofHuibar, daß eine direklo Abliänirigkeit der Hand-
t
186 Beferale und Rezensionen. Walther Sachter.
Schriften A und C von einander darum als ausgeschlossen gelten
muß, weil jede der beiden einige Fehler aufweist, die die andere
vermeidet.
An die Klassifikation der Handschriften schließt sich eine
Untersuchung der Mundart. Sie ergibt als gesichertes Resultat,
daß das Gedicht in der Pikardie entstanden ist, nicht weit von
der franzischen Grenze, und zwar im ersten Viertel des 13. Jahr-
hunderts (was bereits Gröber im Grundriß Bd. II, 1. Abt., S. 602
angegeben hatte). Zu diesem Teil von B.s Einleitung habe ich
kaum etwas zu bemerken, möchte aber doch sagen, daß ich
das e in seoir, peust etc. nicht als ,, anlautend" bezeichnen würde,
wie dies B. S. 21 tut. — Ein vierter Teil bringt dann noch eine
„Charakteristik des Gedichtes", die vor allem eine ausführhche
Analyse unseres Lais bietet; interessant sind die Berührungen
einzelner im Verlaufe der Dichtung gestellten, die Liebe betreffen-
den Fragen mit den jetzt von A. Klein gesammelt herausgegebenen
Minnefragen, worauf B. an den geeigneten Stellen hinweist.
Der eigenthche Text (S. 33—62 der Dissertation um-
fassend) ist mit Sorgfalt bearbeitet; der Herausgeber hat sich
ernstlich bemüht, über den durchaus nicht immer einfach ver-
ständlichen V^ortlaut klar zu werden. Davon zeugen auch die
Anmerkungen (S. 63 — 74), die eine anerkennenswerte
altfranzösische Sprachkenntnis und Belesenheit verraten. Diesem
Urteil sollen die folgenden Bemerkungen, in denen ich einiges
glaube berichtigen zu können, keinen Eintrag tun.
In V. 34 — 35 ist die Interpunktion B.s nicht das Nächst-
liegende:
„Sire, entendez! Ma volente,"
Fet la dame, „je vous dirai, . . .
da in dem durch das Objekt eingeleiteten^ Satz Inversion des
Subjekts im Altfranzösischen das Gewöhnliche ist (also i>ous
dirai je). Es wäre besser zu lesen:
„Sire, entendez ma volente!"
Fet la dame, ,,Je vous dirai, ....
wobei la vor vous zu ergänzen ist.
In V. 66 hätte bei toutes eures, im Sinne von „gleichwohl",
auf Toblers Verm. Beitr. Bd. P S. 184 verwiesen werden können.
Auch V. 99 (Que teus en a .iii. tans de lui) hätte einer An-
merkung wohl bedurft, indem hier hinter teus das Relativpro-
nomen ausgefallen zu sein scheint, das gewöhnhch (vgl. Diez,
Grammatik Bd. III^ S. 381) nur nach gewissen verneinenden
Formeln fehlen darf, wenn zugleich das Verbum des abhängigen
Satzes im Konjunktiv steht. Für den an unserer Stelle vor-
liegenden Gebrauch und einige ähnlichen Fälle gibt Ad. Tobler
weitere Beispiele (Bruchstück aus dem Chevalier au lijon nach
der vaticanischen Handschrift. Beilage zum Programm der Kan-
tonsschule von Solothurn für das Schuljahr 1861/62, S. 14).
Le Lai du Conseil^ ein altfranzösisches Minnegedicht. 187
In V. 136 ist das beim Feueranmaehen gebrauchte esche
natürlich nicht mit „Lockspeise, Köder" (wie B. in der Anm.
S. 65 will), sondern mit ,, Zunder" zu übersetzen; Belege für diesen
Gebrauch des Wortes gibt Godefroy, Dictionnaire Bd. III S. 379.
Zu V. 147: In der von B. gegebenen Übersetzung dieses
Verses scheint mir die Bedeutung von adeviner nicht richtig
wiedergegeben zu sein; ich würde übersetzen: ,, (mancher. . .)
der nicht die Folgen einer solchen Handlungsweise vorauszusehen
vermag."
V. 169. Zu dem Partizipium Perfecti ,, aktiven Sinnes"
ajoarpwz = ,,überlegt, aufmerksam" vgl. Toblers Verm. Beitr.
Bd. 12 S. 147.
V. 248. Die in diesem Verse enthaltenen adverbialen Be-
stimmungen scheinen mir zum Nachsatz zu gehören, also wäre
das Komma hinter paine zu streichen.
V. 495. Was mit den Worten a tel esperance gemeint ist,
ist mir nicht klar geworden.
V. 589. Der Herausgeber weist (S. 8 — 9) mit Recht darauf
hin, daß der Vers in seiner überlieferten Gestalt (Et loa pais
environ lez) nicht ohne weiteres verständlich ist, und will darum
ändern Et les pais environ lez und übersetzen ,,und die Länder
weit in der Runde", indem er lez als den Plural des Adjektivs
le ,, breit, weit" auffaßt. Diese Emendation anzunehmen habe
ich Bedenken, einmal weil auch in ^ C der Singular des Sub-
stantivs steht (Tollte la terre), und außerdem weil eine Trennung
des attributiven Adjektivs (lez) von dem zugehörigen Substantiv
durch ein Adverbium {environ) nicht dem altfranzösischen
Sprachgebrauch entsprechen würde. Ich würde daher vorziehen,
den Wortlaut von B beizubehalten; lez würde dann als das la-
teinische Substantiv latus anzusehen, an unserer vorliegenden
Stelle aber adverbial gebraucht sein [,, daneben"], wie anderwärts
etwa die Verbindung delez.^) Diesen adverbialen Gebrauch
von lez vermag ich zwar sonst nicht im Altfranzösischen nach-
zuweisen, doch möclite ich die Verbindung environ lez gleichwohl
unangetastet lassen wegen der Ähnlichkeit mit (k>r Redensart
environ et en lez., die z. B. in den Narbonnais*) V. 3271 und 3395
belegt ist und etwa ,,weit und breit umher" bedeutet; ob environ
lez, das (aus unserer Stelle zu schließen) doch wohl den gleichen
Sinn haben würde, nicht eine Verkürzung daraus sein kann ?
Zu V. 637 liabe ich bereits oben (S. 184) eine Beriolitigimg
vorgeschlagen.
^) Es gäbe noch eine andere Möghchkeit: environ als I'rapositiüu
aufzufassen und lez, als den Plural des Substantivs, davon abhängen
zu lassen.
*) Les Narbonnais. Chanson de geste publice pour la premiere
fois par Hermann S u c h i e r. Paris 1898 (Societe des anciens
textes tVanvais).
188 Heferale und Rezensionen. Ph. Aug. Becker.
V. 865. HifT tritt das in V. 399 belegte und in der An-
merkung dazu besprochene Substantiv bee zum zweitenmal auf;
B. hätte in der Anmerkung zu V. 399 auf diese zweite Stelle
verweisen können.
Zum Schluß noch eine Bemerkung zur äußeren Einrichtung
des ganzen Textes. B. hat sich bei seiner Textbearbeitung nicht
den sonst üblichen Gepflogenheiten der Herausgeber ange-
schlossen, sondern auf die Verwendung ^er meisten diakritischen
Zeichen verzichtet: er setzt zwar moderne Interpunktion und
Apostrophe (diese sogar in den Varianten), vermeidet aber den
Gebrauch des Akzentes auf betontem auslautendem e, die Setzung
der Zedille, die Regelung von i und /, u und p in modernem Sinne.
Ich vermag nicht einzusehen, was die von B. beliebte halbe
Maßnahme^) für einen Vorteil bieten soll gegenüber dem sons
üblichen etwas weitergehenden Verfahren, das doch das Ver-
ständnis des Textes wesentlich erleichtert; ich würde verstehen
können, daß man philologische Bedenken hätte, die überlieferte
mittelalterliche Schreibweise selbst in solchen Kleinigkeiten
anzutasten, dann wäre aber das einzig Folgerichtige ein streng
diplomatischer Abdruck.
Im übrigen ist durchaus anzuerkennen, daß der Heraus-
geber (worauf er selbst S. 25 hinweist) die Orthographie nicht
normahsiert hat.
Göttingen. Walther Suchier,
Sclierpingf, IValther. Die Prosafassungen des „Aymeri
de Narbonne" und der „Narbonnais." Diss. Halle 1911.
192 S. 8.
Castedello, If^'illieliii. Die Prosafassung der Bataille
Loquifer und des Moniage Renouart. Diss. Halle 1912.
196 S. 8.
Von dem in zwei Handschriften (BN. 1497 und 796) auf uns
gekommenen Prosaroman der Aimeri-Wilhelmgeste erscheinen
hier zwei Abschnitte in sorgfältigem Abdruck. Über die Quellen-
frage steht nach den früheren und den von den Verff. vorge-
nommenen Untersuchungen folgendes fest: der Prosakorapilator
hat keine anderen Lieder gekannt und benutzt als die in unseren
Aimeri- und Wilhelmzykeln vorliegenden Gesänge. Für die
Aimeriepen verwendete er eine zyklische Hs., die mit Hs. Brit.
Mus. Harl 1321 und Bibl. Nat. n. acq. 6298 verwandt scheint,
für die Wilhelmepen nicht wie man früher glaubte eine zur
d- Gruppe stehende Hs., sondern eine, die eher mit der Berner
^) In seiner Ausgabe des Fabliau du bujfet (Festschrift zur 49. Ver-
sammlung deutscher Philologen und Schulmänner, Basel 1907, S. 148 bis
180) hat er es ebenso gehalten.
Oiilmont, Charles. La poesie morale, poliUque. 189
und \'ielleiclit mit der c-Gruppe übereinstimmt; leider reicht
hier das Material, das bisher zugrunde gelegt werden konnte,
zu einer definitiven Entscheidung nicht aus. Beide Dissertationen
beschäftigen sich eingehend mit den Veränderungen, die der
Prosakompilator mit bewußter Absicht seiner Vorlage gegen-
über an der Erzählung vornahm. Die Fortsetzung dieser Text-
publikationen kann nur erwünscht sein. Der Prüfung wert
wäre das Verhältnis dieses Prosaromans zu den entsprechenden
Partien der Hs. Arsenal 3351, besonders hinsichtlich der Krönung
Ludwigs.
W i e n. Ph. Aug. Becker.
Onlmont, Cliarles. La poesie morale, polüique et drama-
tique ä la veille de la Renaissance. Pierre Gringore.
Paris, H. Champion, 1911. (Bibhothequc du XV^
siecle, tome XIV.) XXXII + 383 S. 8.
Nachdem Gringore ohne sein Zutun als Romanfigur berühmt
geworden ist, konnte es nicht ausbleiben, daß die literarische
Forschung sich seiner annahm und das entstellte Phantasie-
gemälde durch die schlichte Zeichnung seiner wahren Züge zu
ersetzen suchte. Es ist ein nüchternes Bild, spießbürgerlieh
und poesielos, doch nicht einförmig und nicht ohne zeitgeschicht-
liches Interesse.
Die Gringores stammen aus der Normandie, wie auch die
Lautform ihres aus einem Taufnahmen (Gregor) entstandenen
Familiennamens zeigt. Im 15. Jahrhundert finden wir sie in
Thury an der Orne, südlich von Caen, (arr. Falaise, dep. du
Calvados) als wohlhabende Bürger ansässig und als Justiz- und
Verwaltungsbeamte im Dienste der Barone von Ferrieres, Herrn
von Preaulx, Dangu und Thury, tätig. Wer unseres Dichters
Eltern waren, wann er geboren wurde, wo seine Wiege stand
und wie er seine Kinddeit verbrachte, erfahren wir nicht; 1499
taucht er plötzlich mit seinem ersten Werke auf. Er dürfte
demnach um 1475 oder um 1480 geboren worden sein. Für den
H(MTendienst bestimmt, wie er in der Widmung seiner 'Folles
entreprises' (1505) an Pierre de Ferrieres bekennt, weil seine
predecesseurs
De sa maison ont este serviteurs,
Lesquels je vueil ensuivir, si je puis,
Car son subject et son serviteur suis.,.
empfing ei' wohl die entsprechende Schulbildung und kam ver-
mutlich der R(>clitsstu(lien halber nach Paris; zu einem akade-
mischen Grad brachte er es jedoch nicht, wie er eben dort gesteht,
nicht einmal zu d(^m eines maistre es nrls.
190 Rejeralc und Rezensionen. Ph. Aug. Becker.
Piorrc Gringores orstos poetisches \\'(;rk 'Le chasteau de
Labour' wurde am 26. Oktober 1499 vollendet;^) es umfaßt an
2500 Verse, erlebte 14 Auflagen und wurde von AI. Barelay
(1506) ins Englische übersetzt; es ist keine selbständige Arbeit,
sondern ]edigli(;li eine Umsetzung des 'Chemin de Povrete e
de Richesse' des königlichen Notars Jean Bruyant (1342)^) aus
der ursprünglielien Form der gepaarten Achtsilber in achtzeilige
Achtsilberstrophen ababbcbc: es schildert den Besuch eines
verarmten Menschen in der allegorischen Burg der Arbeit. Das
Jahr darauf (am 20. Dezember 1500) ließ der Dichter den fast
ebenso umfangreichen 'Chasieau d'Amoiir' folgen, von dem
vier Drucke bekannt sind; er ist in derselben Stroplie gesclirieben
mit eingestreuten Balladen und schildert, wie ein junger Mann
trotz der Warnung eines entblößt vom Schlosse Kommenden,
sich dorthin begibt, den Damen gefällt, bis ihn De Quoy verläßt
und Congnoissance ihn wieder auf den Weg der Tugend zurück-
leitet; das Schloß der Liebe, dessen SchHeßerin Richesse ist,
kommt schon im Rosenroman vor.^) Zu gleicher Zeit ergreift
Gringore auch das Wort zu den Tagesereignissen; die Gefangen-
nahme Ludovico Sforzas feiert er in den 'Lettres de Milan avec
les Regretz du seigneur Liidovic' (April 1500, 323 Verse), und in
der 'Complainte de la Terre sainte' (240 Verse, zweiter Druck
von 1532) gibt er der neu erwachten Kreuzzugstimmung Aus-
druck.'*)
Inzv^•ischen findet Gringores Tätigkeit ein neues Wirkungs-
feld. Am 25. November 1501 sehen wir ihn im Verein mit dem
Zimmermeister Jean Marchand die Festaufführungen für den
Empfang des Erzherzogs Philipp von Österreich unternehmen ;^)
desgleichen im Februar 1502 für den Einzug des Legaten und
im November 1504 für die Königin Anna von Bretagne. Um
diese Zeit tritt er auch in die Pariser Narrengesellschaft der En-
fants sans souci ein, wo er bald als Mere Sötte eine hervorragende
^) Das Datum ist durch den Einsturz der Notre- Dame- Brücke
bestimmt.
^) Herausgegeben vom Baron J. Pichon als Einlage des um 139.3
verfaßten 'Menasier de Paris'' (1847); fehlt in Gröbers Grundriß.
^) Einer der Drucke ( J. Trepperei s. a.) bietet eine kürzere Fassung,
und außerdem existiert ein alter Druck eines 'Dit de Vallant et du
venant du Chasteau d' Amour' . Ich würde beide als buchhändlerische
Spekulationen (Plagiate, Imitationen) ansehen. Zu den Dichtungen,
die sich mit dem Kastell der Liebe befassen, gehört auch das Frage-
spiel Zs. f. rom. Phil. XXXIII, 703 ff.
*) Ich würde diese Schrift dem Jahre 1501 zuweisen; denn in
diesem Jahr wurde von Karfreitag bis Johannis ein Kreuzzugsjubiläum
gepredigt, und es fuhr auch ein Geschwader unter Pregent de Bidoulx
und Phil, von Ravenstein aus, das im Oktober vor Lesbos scheiterte.
Vgl. Lavisse, Hist. de France, V, 1, 57.
^) Es handelte sich um tnysteres mimes, bei denen auch eine
Ballade zum Vortrng kam ; wahrscheinlich dürfte Gringore deren Ver-
fasser gewesen sein. Vgl. U Entree faicie a Paris, etc. BNRes. Lb. 29, 24..
Oulmont, Charles. La poesie morale, polüique. 191
Rolle spielte; vielleicht hat er diese Bühnenmaske geschaffen,
jedenfalls erhielt sie erst durch ihn ihre besondere Bedeutung.
Darüber vernachlässigt er aber die Dichtkunst nicht, vielmehr
wendet er sich jetzt entschieden der moraUschen Satire zu, wie
sie einem Würdenträger der Narrenzunft wohlansteht. In den
'Folles entreprises' , die am 25. Dezember 1505 im Selbstverlag
erschienen (Pres du bout du pont Nostre Dame A l'enseigne
de Mere Sötte) und Pierre de Ferneres gewidmet sind, geißelt;
er die eiteln Unternehmungen ehrgeiziger Eroberer (Ludwig XI I^
hatte von 1503 auf 1504 Neapel erobert und verloren), der ver-
weltlichten Geistlichkeit, der bibeldeutenden Frauen, der reform-
bedürftigen Klosterreformatoren (der Kardinal von Amboise
lag wegen der Reform mit Dominikanern und Franziskanern
in Konflikt), usw.; das höchst zeitgemäße Gedicht, das in bunten
und kunstvollen Versformen verfaßt ist, fand Anklang und
erlebte 9 Drucke rasch hintereinander. Eine weitere Satire-
auf die verschiedenen Stände 'Les Abus du monde' erschien am
10. Oktober 1509; sie ist dem Herrn von Estouteville gewidmet,^)
umfaßt 3411 meist zehnsilbige Verse und ist in 5 Drucken be-
kannt.
Mit dem Abschluß des Vertrags von Cambrai sind aber neuer-
dings bewegte Zeiten für die französische Politik angebrochen;,
der König hat sich mit dem Kaiser, dem Papst und mit Aragon
gegen Venedig verbündet. Gringore, der zu den Ereignissen der
letzten Jahre geschwiegen hatte, ergreift jetzt die Feder und
fordert in einer kleinen Flugschrift 'U Union des princes' (287 Verse,
Ende 1508?) die Fürsten zum gemeinsamen Vorgehen gegen
das mit den Türken verbündete Venedig auf; in einer zweiten,
von der 4 Drucke vorliegen, ' L' Entreprise de Venise, avec les
villes, citez etc. que detiennent les ditz Veniciens des roys, ducz,
princes et scigneurs crestiens' (233 Verse) vertritt er die An-
sprüche der Liga gegen die Seestadt, wohl um die Zeit, wo die
Kriegserklärung erfolgte (13. April 1509). Am 14. Mai erfochten
die Franzosen den glänzenden Sieg von Agnadello, dessen Folge
war, (laß Julius II. sich von der Liga trennt, sich mit Venedig
versöhnt und nacheinander die Schweizer, Aragon und England
auf seine Seite zieht. Ludwig, der den Sturm kommen sieht,
beruft seinen Klerus nach Tours und läßt durcli ihn erklären,
daß die gegen den König gerichteten kirchlichen Zensuren aus
Anlaß dieses Konfliktes unwiiksam wären und daß die christ-
lichen Fürsten ein Konzil einberufen müßten, wenn der Papst
unversöhnlich bliebe. In dieser gespannten Stimmung schreibt
Gringore ein neues Flugblatt 'L'Espoir de pai.v' (3(50 Verse,
*) Ja l>otra<]it kitnimt Jean III ti'Esloutevillo, s. de \'alloinont,
etc., der in diesoni Jahre seine Cousine Iieirafote, und Jacques d'Estou-
teville, s. de Beyno et Blainville, clianibellan ein r^i, i)rt''vöt de Paris.
und Jean II d'F'stouteville, s. de Villebnn.
192 Referate and Rezensionen. I'h. Aug. liecker.
B. Februar 1510), um zu zeigen, wie der weltliche Besitz viele
Päpste ihre geistliche Mission vergessen ließ. Als dann die Feind-
seligkeiten zum Ausbruch kommen und der Papst sich vor den
siegreich vordringenden Franzosen zurückziehen muß und sich
im Juni 1511 in Rom einscliließt und gegen die in Lyon (März
1511) beschlossene Einberufung eines allgemeinen Konzils seiner-
seits die Kirche zur allgemeinen Versammlung entbietet, da
schildert Gringore in einer durchsichtigen Allegorie 'La Chasse
du cerf des cerfs' (260 Verse), wie der verschlagene Hirsch (servus
servorum), der mit den Cerfs ruraux (Schweizern) und marins
(Venezianern) gegen die Francs veneurs verbündet ist (genau
die Situation Mitte 1511, denn die heilige Liga zwischen Papst,
Spanien und Venedig kam erst am 4. Oktober zustande, und
England schloß sich ihr erst am 13. November an), sich tot stellt
(das Gerücht ging tatsächlich, daß der Papst gestorben sei) und
sich in seinem Versteck verbirgt (Rückzug nach Rom, Juni 1511);
aber, wenn er sich nicht eines besseren besinnt, so solle jetzt die
gemeinsame Jagd auf ihn besprochen werden (auf dem Konzil
zu Pisa).'^)
Julius IL dachte an kein Nachgeben. Immer enger zog
er die Maschen der Umkreisung um Frankreich, das sich selten
in einer so bedrohlichen Lage befunden hatte. Unter diesen
Zeitverhältnissen kam am 24. Februar 1512 die bekannte drama-
tische Trilogie Gringores 'Le Jeu du Prince des Sotz et Mere Sötte,
joue aux halles de Paris le mardy gras, l'an mil cinq cens et unze'
zur Aufführung. Sie bestellt außer dem Gry, durch den alle
Arten von Narren zur Festvorstellung geladen werden, aus einer
Sotie, eine MoraUte und einer Farce. Im Narrenspiel, mit dem
die Vorstellung begann, vertritt der Prince des sotz den König
von Frankreich, um den sich seine Getreuen scharen, während
Sötte commune murrt; Mere Sötte aber erscheint im Anzug von
Mere sainte Eglise, zum Aufruhr aufreizend, bis sie erkannt
und verjagt wird. In der Moralität treten Peuple frangois und
Peuple ytalique auf, die vom Papst, l'Homme obstine, verhetzt
w-erden, aber Punition divine kommt als Warnerin dazwischen
und hält mit Demerites communes an alle eine eindringliche
Mahnrede. Die angehängte Posse hat mit der poUtischen Tendenz
nichts zu tun, sie will nur erheitern: sie stellt eine Familien-
szene zwischen Raoullet Ployard und seiner Frau Doublette
dar, diese findet bei ihrem Manne keine Befriedigung mehr und
sucht sich Ersatz bei Dire und bei Faire; ihr Treiben findet bei
dem als Schiedsrichter angerufenen Stellvertreter des Narren-
königs Bilhgung.
') Vgl. Lavisse, Hist. de France V, 1, 99. Die Deuthchkeit der
Anspielungen veranlaßt mich, für dieses Gedicht und für die ganze
Gruppe eine andere Reihenfolge und Datierung vorzuschlagen. Die
'Chasse' ist dem Bischof von Cahors gewidmet.
Oulmont^ Charles. La poesie morale, politigue. 193
Unveröffentlicht blieb ein weiteres politisches Gedicht,
das in diese Jahre fällt, ' L'Obstinacion des Suysses' (Hs. B. N. fr.
1690, 134 Zehnsilber); wenigstens ist kein Druck bekannt. Sonst
verfaßte Gringore in diesen aufregenden Kriegsjahren nur ein
harmloses Gelegenheitsgedicht über die damals ausgebrochene
Influenzaepidemie: 'La Coqueluche' (240 Achtsilber, 14. August
1510). Fraglich bleibt es, ob die ' Complainte de Trop tard marie'
(215 Verse), von der 6 Drucke bekannt sind (die ungefähr datier-
baren um 1525) in diesen Abschnitt seines Lebens fällt oder
nicht erst in die Zeit, wo er selber verheiratet war.^) Am miß-
lichsten ist es für Gringores Biographie, daß wir bei seinem großen
Mysterium 'La vie de Monseignexir sainct Loys' (Hs. B. N. fr.
17511, 6572 Verse) nicht feststellen können, in welchem Jahr
es verfaßt wurde. Diese schätzbare Dichtung, die vom ano-
nymen ' Mystere de s. Louis' des 15. Jahrhunderts (hgg. v. Fran-
cisque Michel, London 1871) unabhängig zu sein scheint, wurde
auf Bestellung für die Maurer- und Zimmerleutbrüderschaft in
Paris geschrieben. Gringore hat darin das Leben Ludwigs IX.
nach den 'Grandes chroniques de Saint- Denis' dramatisch auf-
gearbeitet, verhältnismäßig gedrängt, ziemlich lebendig und
mit gutem Bühnenverständnis im Sinne der mittelalterhchen
Kunst; da es sich um die VerherrUchung des Schutzheiligen der
Korporation handelte, so hat er mehr die Herrschertugenden
des Königs und seine Wunder in den Vordergrund gerückt als
seine Kriegstaten.
Hatten die bewegten Zeiten von 1509 bis 1512 unsern Dichter
in den Strudel der Tagespolitik hineingezogen und ihn in ernster
Stunde in Form einer Narrenposse ein gewichtiges und, soweit
wir es aus der Entfernung beurteilen können, wohl auch wirk-
sames Wort sprechen lassen, so führen ihn die ruhigeren Jahre,
die auf den Zusammenbruch der Eroberungen Ludwigs XII.
folgen und die Marignan wie die Morgenröte einer hoffnungs-
reicheren Zukunft umstraiilt, wieder zu seiner früheren Tätigkeit
als Festspielunternehmer zurück. Im Dezember 1514 leitet er
die Festvorstellungen für den Einzug Marias von England, der
neuen Königin; im Februar 1515 arbeitet er mit Jean Marchand
für den Empfang Franz I.; im Mai 1517 sind es Darbietungen
zu Ehren der Königin Klaudia, die Gringore und Marchand
nach Entwürfen des Lieutenant criminel ausführen. Bei diesem
Anlaß verfaßt er auch eine schrifthche Schilderung der Krönung
und des Einzugs der Königin, die er ihr selber widmet (Hs. Nantes
1537). Den Regierungswechsel begrüßt er außerdem im Mai
1515 mit einer dramatischen Gelegenheitsdichtung 'Sotie nou-
^) Auch diesem Gedicht steht ein yeitgenössisches anonymes
gegenüber 'Les diiz et cornplaintes de Trop tard marie (um 1540), vgl.
S. 111 ff. Auch dieses würde ich für ein Rifacimento von Gringores-
Dichtung halten.
194 Referate und Rezensionen. Ph. Aug. Becker.
i>elle des Chroniqueurs' (Hs. B, N. Ir. 17527, von Picot als sein
Werk erwiesen), ein buntes üurclieinander von zeitgeschicht-
lichen Anspielungen, die er mit Vorlitibe in heraldische Allegorien
kleidet, und von zahmen Bosheiten im Munde der Narrengesell-
schaft. Und endlich erschien auch wieder ein nicht politisches
Werkchen von ihm 'Les Faniaisies de la Mere Sotte\ abermals
im Selbstverlag (on les vend ä l'clephant sur le pont Nostn;
Dame ä Paris); diese Phantasien sind freie Nacherzählungen
von 27 bekannten Geschichten aus den 'Gesta Romanorum\
an die sich allgemeine moralische Betrachtungen in Reimen zu
einer jeden anschließen (2500 Verse); sie waren wahrsclieinlich
für den mündlichen Vortrag auf der Narrenbühne bestimmt;
das Büchlein erlebte 10 Auflagen bis 1551.
In diesen Jahren nun vollzieht sich eine groüe Änderung
in Gringores Leben. Es war Zeit, daß der Dichter, der an der
Schwelle der Vierziger stand, sich nach einer festen Anstellung
umsah. Diese fand er am Hof des Herzogs Anton von Lothringen.^,
Am 5. April 1518 wurde er als compositeur de livres, moralites)
dictiers, notables en rime in dessen Dienst aufgenommen. Der
Herzog war ein großer Theater- und Musikliebhaber, sein Hof
lockte auch die Pariser Schauspieler an. 1515 spielte Gringores
Kollege, Jean du Pont-Allais, vor ihm in Neufchäteau und 1519
abermals in Nancy; am 4. März 1517 (d. h. 1518 n. St.) erhielt
Mere Sötte, composeur de farces, in Saint-Mihiel eine Belohnung
von zehn Gulden angewiesen. Das war kurz vor seiner Anstellung.
In den herzoglichen Rechnungsprotokollen erscheint Gringore
von 1518 bis zu seinem letzten Lebensjahre 1538 zuerst abwech-
selnd als huissier und herault d'armes, bald aber nur in letzter
Eigenschaft unter dem Namen Vaudemont. In dieser offiziellen
Stellung ist er an allen Hoffestlichkeiten und an verschiedenen
Staatshandlungen beteiligt und sehr oft mit Aufträgen auf Reisen;
<laneben setzt er seine Tätigkeit als Festarrangeur fort und übt
natürhch auch seine Schriftstellerkunst weiter aus. So kommt
es, daß er häufig genannt wird und wir sein Leben ziemlich genau
verfolgen können. 1518, am 4. März, führt er in Saint-Mihiel
^) Anton von Lothringen, 1490 geboren, regierte seit 1508 und
war seit 1515 mit Renee de Bourbon, der Schwester des Konnetabels,
verheiratet; seine Brüder waren Claude, der Stammvater der Guisen,
und Jean, der eben mit 20 Jahren Kardinal wurde. Wie Gringore
zu seinem neuen Herrn kam, wissen wir nicht. Die Vermutung, daß
er Franz 1. zur Taufe des erstgeborenen Sohnes des Herzogs nach
Bar begleitete und dabei seines Amtes als composeur de Farces waltete,
scheint mir auf einer unrichtigen Datierung zu beruhen; die in Saint-
Mihiel am 4. März 1517 ausgestellte Anweisung gehört in das Jahr
1518 neuen Stils. Gringore wird also aus einem anderen Anlaß, spontan
■oder auf eine Einladung hin, nach Lothringen gekommen sein. Die
Widmungen seiner Werke an P. de Ferrieres (1505), J. d'Estouteville
(1509), den Bischof von Cahors (1511) sind wohl schon Bemühungen,
um eine Anstellung zu finden.
Oulmont, Charles: La poesie morale, politique. 195
seine Spiele vor dem Herzog auf; am 5. April erfolgt seine An-
stellung; am 24. Mai verlobt er sich in Paris mit Catherine Roger,
die er am 30. Mai heiratet. 1519, am 24. Februar, werden ihm
in Luneville 20 Fr. angewiesen pour despence qu'il ä soustenuz
en accoustremens pour jouer farces devant le duc; 1519 oder
1520, im Februar, muß er wegen eines Pestfalls seine Wohnung
in Luneville verlassen. Im Juni 1520 wohnt er im Gefolge des
Herzogs der Zusammenkunft zwischen Franz I. und Heinrich VIII.
von England bei und sieht die Herrlichkeit des Camp du Drap-
d'or. 1521, am 18. November, erhält er 50 Fr. für eine Reise
nach Paris und benutzt wohl diese Gelegenheit, um einen Ver-
leger für seine 'Menüs propos' zu finden, die am 21. Dezember
erscheinen. 1523, am 23. März, überreicht er dem Herzog seine
'Heures de la sainte Vierge', und am 10. April ist er in Valence,
wohin ihn die Kommissäre der Spielunternehmung berufen haben,
um das Mysterium der heiUgen Severinus, Exuperius und Feli-
cianus, das am 25. Mai 1526 aufgeführt wurde, einer Revision zu
unterziehen.^*^) 1524 ist er wieder auf Reisen, im November bei der
Tauffeier des zweiten Sohns des Herzogs, und am 21. Dezember
läßt er seinen ' Blazon des hereticqiies' erscheinen. 1525 folgt er dem
Herzog auf seinem Zug gegen die aufständigen elsässischen Bauern,
und am 16. Mai, wie er den Bauernfülirer Erasmus Gerber von
Molsheim zur Übergabe von Zabern auffordern soll, wird er mit
Schüssen empfangen und der Trompeter an seiner Seite fällt
zu Tode getroffen; im gleichen Jahr will er seine 'Heures de la
Vierge' in Druck geben; das Parlament legt aber die Frage, ob
die Veröffentlichung zulässig sei, dem Theologieprofessor Guillel-
mus de Queren vor, der am 26. August der Fakultät darüber
berichtet und einen einstimmigen ablehnenden Bescheid erzielt:
neque expediens est neque utile reipublicae christianae, ymo,
visa hujus temporis condicione, potius perniciosum, non solum
illam translationem llorarum, sed etiam alias translationes
Bibliae aut partium ejus, prout jam passim fieri videntur, admitti.
Gleichwolil erschien das Buch mit einem königlichen Druck-
privileg, gegeben in Lyon den 10. Oktober 1525. Am 1. Februar
1527 erscheint eine neue Schrift von Gringore in Paris 'Notables,
enseignemens, adages et proverbes.' Im Jahre 1530 und im Sommer
1537 war der Wappenherold wohl mit seinem Herrn in Frankreich,
da ihm sein Gehalt liier ausbezahlt wird. 1534 soll er noch ein-
mal als Spielunternehmer gemeint sein, und 1538 erschien noch
ein kleines Druckwerk von ihm 'Mariage de Roger et Trefi>e, en-
fants de Bontemps.' Das letzte Lebenszeichen, das wir von ihm
*•*) Myst^re des trois Doms, ed. S. Giraiul »H El. l.lievalier. Lyon
1897. — Am 10. Apiil des gleichen Jahres wurden Gringore in Nancy
13 Goldtaler angewiesen als Ersatz für das Pferd, daÜ er auf Befehl
des Herzogs dem Fastenprediger gegeben hatte. Diese Anwei.sung
muß (Jemnaeh wold in seiner Abwesenheit »M'lassen worden sein.
196 Rej ernte und Rezensionen. Ph. Aug. Becker.
besitzen, ist eine Quittung vom 11. November 1538. Nach
Sauval soll er in Notre-Dame in Paris begraben liegen.
Wenn wir Gringores litterarische Tätigkeit in seinen lolli-
ringer Jahren überblicken, so erkennen wir, daß er sich in seiner
ersten Manier, der moralphilosophischen Dichtung, schon ziemhch
ausgegeben hatte; nur zwei seiner letzten Werke gehören noch
in diese Kategorie. Die 'Menüs propos' von 1521, in 6 Drucken
bekannt, bestehen aus mehreren selbständigen Stücken, einer
Schilderung des Elendes des Hoflebens, Betrachtungen über die
Psalmen, Allegorien über die Liebenden nach einem 'Bestiaire
d'amour moralise des 15. Jalirhunderts (B. N. Res. Ye 247), einem
der letzten Ausläufer von Richard de Fournival (gepaarte Zehn-
silber mit Reimgeschlechtswechsel statt der Achtsilber), und
Gedanken über Krieg und Frieden; angehängt ist ein ,Testament
de Lucifer', das auch einzeln aufgelegt %vurde und ein bekanntes
Thema behandelt, wie Lucifer seine neun Töchter, die Todsünden,
an verschiedene Stände verheiratet und nur Luxuria allen ge-
mein bleibt. Die 'Notables^ enseignemens, adages et proverbes'
von 1527, etwa 2500 Verse und in der zweiten Ausgabe fast auf
das Doppelte angeschwollen, liegen in 7 Drucken vor und bieten
einen Schatz freigebig gespendeter Spruchweisheit in Vierzeilen
abba. Aber auch die zeitgeschichtliche Gelegenheitsdichtung
fließt nicht mehr mit der alten Frische. Der 'Blazon des here-
tiques' von 1524 in gepaarten Zehnsilbern setzt sich aus einer
trockenen Aufzählung der früheren Heresiarchen und aus Ver-
wünschungen gegen Luther zusammen, und ganz unbedeutend
scheint 'Le mariage de Roger et de Trejve, enjants de Bon Temps'
von 1538 (130 Verse). Dafür verlegt sich aber Gringore, wohl
vornehmlich der frommen Herzogin zuHebe, auf die religiöse
Dichtung und übersetzt die 'Heures de Nostre Dame', die er
1523 dem Herzog überreichte und 1525 in Druck gab (6 — 7000
Verse, teils gepaarte Zehnsilber, teils Chants royaux) ; sie erlebten
8 Auflagen. Außerdem ließ er eine ' Complainte de la cite cres-
tienne, faicte sur les lamentations Hieremie\ in Nancy geschrieben,
dem Herzog gewidmet und dreimal gedruckt, und eine 'Quenou-
ille spirituelle' nach einem unbekannten Gedicht des Kanonikus
Johannes de Lacu aus Lille (930 Verse) erscheinen. EndUch
verfaßte er noch, vermutlich auf Bestellung, eine Übersetzung
der Wallfahrtsgebete für die Kalvarienstationen von Romans,
von denen keine alten Drucke bekannt sind, die aber in eine Reihe
von Diözesenbreviarien aus der zweiten Hälfte des 16. Jahr-
hunderts übergingen.
So erscheint in seinem äußeren Rahmen das Leben und
W'irken dieses letzten typischen Vertreters der mittelalterUchen
Tradition, der in seinen moralischen Satiren, seinen pohtischen
Gelegenheitsdichtungen und seinen dramatischen Versuchen
ohne hohe poetische Begabung und ohne tiefere Originahtät^
Crisci, Antoine, Essai sur Louis XIV. 197
aber mit schlichter Klarheit und in einer lebendig treffenden
Sprache, abseits von aller verzwickten Künstelei die Sache der
bürgerlichen Moral und des patriotischen Loyalismus verfochten
hat, getreu seinem Wahlspruch: Raison par tout, Par tout raison.
Tont par raison. Die Monographie, deren Ergebnisse wir im
obigen zusammengefaßt haben, findet ihre Ergänzung in einer
Untersuchung über Gringores Sprache, die mir nicht vorliegt,
und ist selber nur Vorarbeit für eine Gesamtausgabe von Grin-
gores Werken, der wir erwartungsvoll entgegensehen. Einzel-
heiten, die ich mir noch angemerkt, kann ich auf eine spätere
Gelegenheit versparen.
Wien. Ph. Aug. Becker.
Crifsci, Antoine. Essai sur Louis XIV et les ecrivains
de son siede, i; Naples, Casa editrice poliglotta, 1911.
48 S.^
Die vorliegende Schrift von Crisci stellt sich nach S. 5 die
Aufgabe : d'etudier et de resumer en peu de pages claires et simples
les causes et les effets de cette magnifique efjlorescence [nämlich
der französischen Literatur im Zeitalter Ludwigs XIV.] et de
dire quelques mots sur les astres principaux qui se sont mus dans
l'orhite du Roi-soleil. Leider wird das hiermit gestellte Thema
nur in sehr unvollkommener Weise behandelt. Der Vf. gibt im
wesentlichen nur eine Übersicht über die wichtigsten französischen
Schriftsteller aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts und ihre
Werke, und behandelt so nacheinander Corneille, Racine, Mohere,
La Fontaine, Bossuet, Bourdaloue, Massillon, Flechier, Fenelon,
La Rochefoucauld, La Bruyere, Boileau, Frau von Sevigne,
Frau von Maintenon. Seine Angaben beschränken sich auf das
auch sonst von kleineren Handbüchern Gebotene und wenden
sich offenbar an ein größeres Pubhkum. Über Ludwig XIV.
finden sich nur auf den ersten Seiten des Heftes einige nicht viel
sagende Bemerkungen; gänzlich fehlt die nach den oben zitierten
Worten des Vfs. zu erwartende historisch-erklärende Vertiefung,
und es muß besonders gesagt werden, daß das interessante Pro-
blem der Wechselwirkung zwischen Ludwig XIV. und der Kultur
seiner Zeit einerseits sowie den Literaten andererseits überhaupt
nicht gestreift ist. Die Darstellung selbst ist nicht überall korrekt,
so z. B. wenn S. 33 (allerdings in Übereinstimmung mit den
meisten Handbüchern) die Milde Fenelons hervorgehoben wird,
mit der er bei der Bekehrung der Protestanten in Saintonge
und Aunis (1686 — 1687) verfahren sei; das von 0. Douen, L'in-
tolerance de Fhielon, Nouvellc edition, Paris 1875 (bes. S. 103—200)
zusammengestellte Material lehrt aber, daß er der Anwendung
von Gewalt durcliaus nicht immer abhold gewesen ist, wenn
man auch zugeben darf, daß er im Ganzen doch nicht soviel
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/\ 14
198 Referate und Rezensionen. Heinrich Schneegans.
Gebrauch davon gemacht hat wie einige andere mit ähniiciien
Missionen beauftragte Geistliche seiner Zeit. Eine üble Ent-
gleisung ist Crisci S. 38 passiert, wo er den Boileau gewidmeten
Abschnitt mit den Worten einleitet: ,,Enfin Boileau vint", dil
Malherbe dans un vers devenu trop banal. . . — Auch die sprach-
liclie Form ist nicht überall korrekt, doch darf man liier dem
Verfasser zu gute halten, daß er eben Italiener ist.
Göttingen. Walther Suchier.
Holieres sämtliche Werke in sechs Bänden, übersetzt von
Wolf, Grafen Baudissin (durch neue Über-
setzungen ergänzt), herausgegeben von Prof. Dr. P h.
Aug. Becker, mit einem Bildnis, einer Karte und
einem Faksimile. Leipzig, Hesse & Beckers Verlag.
Den zahlreichen in letzter Zeit erschienenen Molierebio-
graphien folgen die Moliere Übersetzungen auf dem Fuße. Der
im Verlage von Georg Müller in München schön ausgestatteten
Moliereübersetzung von Neeres heimer, von der bis
jetzt nur der 5. Band mit dem Geizhals, dem Herrn von Pour-
ceaugnac, den vornehmen Liebhabern, dem bürgerlichen Edelmann,
vorliegt, und der Übersetzung von 0. Hauser, U. Gaede
und E. Meyer, sowie derjenigen des George Dandin von
Karl Vollmöller (Inselverlag Leipzig 1912) tritt die von
P h. A u g. B e c k e r in Wien besorgte Neuausgabe der Moliere-
übersetzung des Grafen Baudissin, in handlicher Form
an die Seite, oder richtiger gesagt, sie kommt den anderen,
die ja bis jetzt nur Bruchstücke gehefert haben, zuvor, indem
sie die erste vollständige Moliereübersetzung bietet,
die wir bis jetzt haben. Den Grundstock bilden die 1865/67
in vier Bänden erschienenenen Übertragungen (25 Lustspiele)
Baudissins, die übrigen 6 Stücke sind von Max Moser (Don
Garcia von Navarra, Prinzessin von Elis, Melicerta, die pracht-
liebenden Freier, die Eifersucht des Gros Rene und der fliegende
Arzt), sowie von Frl. Maja L ö h r (Psyche) übersetzt. Der
Herausgeber selbst hat die Vorreden Molieres, seine Widmungen,
den Korydon, die Zwischenspiele zur Prinzessin von Elis, zu George
Dandin, zu den prachtliebenden Freiern, das Schlußballett des
bürgerlichen Edelmanns, die beiden Prologe zum eingebildeten
Kranken und die nicht dramatischen Gedichte Molieres übersetzt.
Für die Bittgesuche zu Tartuffe ist die Übertragung von Kreiten
verwendet worden. Der Übersetzung geht eine Biographie
Molieres, sowie den einzelnen Stücken Notizen des Herausgebers
voran. Erklärende Anmerkungen folgen auf die Stücke. So ist
denn diese neue Moliereausgabe außerordenthch reichhaltig.
Bei ihrer handlichen Form (die 6 kleinen Bände sind in zwei
größeren Bänden in gewöhnlichem Oktavformat vereinigt) und
Molieres sämtliche Werke in sedis Bänden. 199
ihrem mäßigen Preis (geb. 4 Mk.) scheint diese Übersetzung
besonders geeignet zu sein, den Bedürfnissen des größeren
Publikums entgegenzukommen.
Ob die Baudissinsche Übertragung der Fulda'schen in künst-
lerischer Beziehung gleichwertig ist, wird schwer zu entscheiden
sein. Nach einigen Proben scheint mir, daß die Baudissin'sche
sich zwar enger an den Text zu halten bemüht, dafür aber doch
nicht ganz und immer die Eleganz der Fulda'schen Übersetzung
erreicht. Man vergleiche folgende Stelle aus den Femmes savantes,
die gewiß schwer wiederzugeben ist; es handelt sich um die sprach-
lichen Fehler Martine's, die von den gelehrten Damen zurecht-
gewiesen wird:
Martine :
Mon Dicu! Je n'avons pas etugue comme vous
Et je parlons tout droit comme on parle cheux nous.
Baudissin : Mein Gott, ich habe ja nie g e studiert.
Ich rede wie man auf dem Dorfe spricht.
Fulda : Auch ich bin nicht von die studierten Damen,
Ich schwätz halt wie man schwätzt bei mich
zu Haus.
ß e 1 i s e :
Ton esprit, je l'avoue, est bien materiel,
J e n'est qu'un singulier, a v o n s est pluriol.
Veux-tu toute ta vie offenser la grammaire ?
Baudissin : Schwer von Begriffen seid Ihr, das ist wahr!
Man darf ein Zeitwort, das auf ,,ieren"' schließt
Im Partizip mit ,,ge" nicht reduplieren.
Das merkt Euch, wollt Ihr Euer Leben lang
Versäumen um die Analyse Euch
Der Worte zu bekümmern.
Fulda: Welch enges Hirn! — Das Wörtchen ,,bei''
regiert
Den Dativ stets: ,,Bei mir" und nicht ,,bei
mich".
Du kränkst die Philosophen insgesamt.
Martine :
Qui parle d'offenser grand'mere ni grand'pere ?
Baudissin : Nichts vor ungut,
Die Anna kenn ich. dotli die Lies(^ nidil.
Fu 1 (1 a : Was kann drnn ich dafür, wenn sie viel saufen ?
Die Mülierebiogra[)liie Becker's bietet in knappin- gt^lrun-
gener Form recht viel und orientiert vorzüglich idicr die äußeren
Lebensschicksale des Dichters und seine Werke. Dali BeckcM'
Moliere anders auffaßt als ich, weiß jeder, der die Moliereliteratur
U*
200 Referate and Rezensionen. Heinrich Schneegans.
der letzten Jahre verfolgt hat.') Es ist unnötig an dieser Stelle
noch einmal darauf zurückzukommen. Becker hält eben gar
nichts von der Fameuse Comedienne noch von Grimarets Bio-
graphie. Für ihn ist alles, was sie bieten, Roman. Auch La
Oranges bekanntem Ausspruch : II s'est joue le premier en plusieurs
endroits sur des affaires de sa famille et qui regardaient ce qui se
passait dans son domestique. C'est ce qua ses plus particuliers
amis ont remarque hien des fois" mißt er kaum Bedeutung bei.
Infolge dessen verhält er sich allem, was Armandes Verhältnis
zu ihrem Mann betrifft, durchaus skeptisch gegenüber. Ja,
durch die starke Hervorhebung von Armandes Energie am Schluß
p. 131, die nach dem Tode Molieres ,,die Truppe vor der ein-
fachen Auflösung bewahrt und so einen Teil des Lebenswerkes
ihres Mannes gerettet", sowäe des Umstandes, daß sie die erste
vollständige Moliereausgabe herstellen ließ, scheint Becker wie
eine ,, Rettung" ihres Charakters durchblicken lassen zu wollen.
Armande kann sich noch im Grabe freuen, einen „Chevalier sans
peur et sans reproche" gefunden zu haben. Doch schließen wir
die Akten darüber.^*) Zwei alte Studienfreunde wie wir, werden
doch nicht ewig um eine Schauspielerin raufen! 0 Philipp
August, was würden unsere Kinder dazu sagen ?
Bekanntlich ist auch Becker sonst der Betonung des per-
sönlichen Elements in Molieres Leben nicht gewogen. Da wundere
ich mich aber doch, wenn er es z. B. für nötig hält, IV p. 225
bezüglich des Sizilianers zu sagen: „Die Idee, die Malerei als
Annäherungsmittel zwischen den beiden Liebenden zu wählen,
kam dem Dichter wohl durch seinen freundschaftUchen Umgang
mit dem Maler Mignard, dessen Kuppelfresken im Val de Gräce
er kurz darauf in einem langen Gedichte feierte." Daß dieses
,, Annäherungsmittel zwischen Verhebten" von einem Maler
eingegeben sein sollte, kommt mir doch etwas papiern vor. MoUere
kannte das menschliche Herz doch genug. Einen Vermittler
brauchte er doch nicht in so landläufigen Dingen. Merkwürdig,
hier ist aber Becker nicht skeptisch. Dagegen scheint er z. B.
nicht zu glauben, daß, als Mohere zweifachen Anteil von den
sonst gleichmäßig verteilten Tageseinnahmen bezog, er an seine
bevorstehende Heirat dachte.^) Er sagt p. 45 nichts davon. Unter
^) Mein Vortrag und Artikel: Molieres Subjectivistnus. Zs. f.
vgl. Literaturgeschichte, Neue Folge. Bd. XV, H. 6. — Becker:
Molieres S üb jectivismus. H. S. zur Erwiderung ib. Bd. XVI, Heft 2/3.
— Meine Rezension: Literaturblatt f. germ. u. rom. Ph. 1906 8/9,
Aug. Sept. — Mangold: Zs. f. frz. und engl. Unterricht. 1906.
Der neueste Streit Becker- Schneegans über M^s Subjectivismus.
2) Ich möchte mir nur die Frage erlauben: Warum heiratet
denn diese mustergültige Witwe schon am 31. März 1677? Man
sollte doch denken, ein Mann wie Meliere ist unvergeßlich.
^) Und doch heißt es im Register: ,,pour lui et pour sa femme,
s'i7 se mariait.''
MolUres sämtliche Werke in sechs Bänden. 201
den Anlässen der ,, Frauenschule'" nennt B. wohl ein neues Lust-
spiel Dorimon's ,,die erfinderische Frau", wo das Novellenmotiv
aus Boccaccio von dem als unNsissentlichen Liebesboten miß-
brauchten Eifersüchtigen verwertet wurde — und die Bear-
beitung der Scarron'schen Novelle von der fruchtlosen Vorsicht.
„Diese Novelle ging Moliere seither nach und beschäftigte ihn,
bis sie dramatische Gestalt gewann." Und Gedanken über
seine eigene Ehe sollten da gar nicht mitgewirkt haben ? Freilich,
an anderer Stelle, in der Vorrede zur Übersetzung der Ecole des
Maris sagt B.: ,,Für M. hatten diese Fragen eine ganz besondere
Aktualität, wenn er sich, wie es scheint, bereits mit Heirats-
absichten trug, und nach der von ihm getroffenen Wahl war es
nicht zweifelhaft, daß er sich nicht für die Bevormundung, sondern
für das freie Gewährenlassen aussprechen w-ürde." Ganz recht,
aber warum in der Biographie nichts davon sagen ? B. sagt
p. 39: ,,Es ist eine auffällige Tatsache, daß Moliere gerade die
Leidenschaft der Eifersucht mit merkwürdiger Vorhebe behandelt
hat; eine Art seelischer Wahlverwandtschaft schien ihn zu dem
Studium hinzuziehen." Ganz meine Meinung. Aber sollen \sir
denn nicht den kurzen weiteren Schritt wagen und den zeit-
genössischen Zeugnissen Glauben schenken, daß er eben Grund
zur Eifersucht hatte. Auch hinsichtlich des Misanthrope räumt
B. — ganz nach meiner Ansicht — einige persönliche Momente
ein. So lesen wir p. 90: ,,Es umweht den Misanthrope ein ge-
heimnisvoller Zauber, als hörten wir aus Alcestes leidenschaft-
lichen Klagen ein Echo unmittelbar aus des Dichters gepreßtem
Herzen, nicht bloß den Ausdruck momentaner Gereiztheit, ob
der Sorge um den immer noch verbotenen Tartuffe oder aus
Unmut über bittere Erfahrungen, wie der schnöde Undank des
jungen Racine... oder wegen der Gemeinheit seiner Neider,
di<> ihm ein gt^fährliches politisches Pamphlet zuschrieben, son-
dern allgemein das Bekenntnis seiner innersten Gemütsverfassung
gegenüber der Unaufrichtigkeit der Welt und der Falschheit
der Menschen..." Und unter diesen Menschen spielte seine
eigene Frau keine Rolle ? Ist das glaubhaft ? Können wir da
nicht auch den kleinen weitern Schritt wagen, um so mehr, wenn
die zeitgenössisclien Berichte damit übereinstimmen? ... Aber
ich sehe, daß micli — trotz meines eigenen Warnungsrufes —
Armande wieder in ihre Schlingen zieht und höre Becker, wie
er, mit erhobenem Zeigefinger drohend mich erinnert an das,
was ich eben sagte und zuruft: 0 Heinrich, Heini'ieh, was werden
unsere Kinder sagen ? — So lassen wir denn endlich die gefährliche
Schauspielerin! -
B. versteht es ausgczeiclinel, hier wie in seinem Rousseau auf
beschränktestem Räume alle wichtigen Fragen zu berühren.
Vorzüglich ist, was er über Molieres Stellung zur Religion sagt.
„Das Christentum", meint er, ,,sei für Moliere mehr eine Frage
202 Referate and Rezensionen. Heinrich Schneegans.
(los bürgerliclHm Anstand» und Wolilverhallens als eino Safhe
der inneren Überzeugung und der begeisterten Hingabe. Weder
sein Beruf nocii sein Vorloben, noch aucii seine Erziehung iiätten
seine Gedanken vom Irdisclien liinwog auf das Jenseitige ge-
richtet und ihn je ernstl)aft vor die Wahl zwischen Weltlust und
Weltflucht gestellt; asketische Neigungen seien ihm ebenso
fremd wie der Zwiespalt zwischen Gläubigkeit und Aufklärung;
der Religion stände er nicht feindlich gegenüber, sie sei nur für
ihn keine Macht geworden, die das Leben bestimmt." Wenn
freilich B. weiter fortfährt, M. liätte die Rehgion niclit als einen
Druck empfunden, gegen den er sicli mit der ganzen Kraft seines
Wesens aufgebäumt hätte, und sagt, es sei ein irriges Beginnen
ihn als ein Opfer fanatischer Bigotterie und den Tartuffe als
einen planmäßigen Gegenangriff gegen die Frömmelei hinzu-
stellen, so meine ich, daß man dies doch etwas einschränken
müßte. Zeitweilig hat gewiß Moliere die Religion, oder sagen
wir besser, die Frömmelei als einen Druck empfunden. Schon
der Umschwung der Stimmung des Prinzen von Conti, ^) der durch
seine Bekehrung hervorgerufen wurde, dann die Stellung der
Frömmler gegenüber der Ecole des femmes, die Haltung der
Kirche dem Schauspielerstand gegenüber muß ihn sehr erbittert
haben und ihn die Kirche als Tyrannei haben empfinden lassen.
Im Tartuffe und im Don Juan machte er seinem gepreßten Herzen
Luft.
Einen Vorzug der Biographie Beckers erblicke ich in der
starken Betonung des Milieu's, aus dem der große Komiker
hervorgegangen ist. Die Skizze, die er vom Theater zur Zeit
von Molieres Jugend entwirft, ebenso wde die Schilderung des
spanischen und italienischen Schauspiels, das in Frankreich
damals großen Einfluß ausübte, ist sehr belehrend und lichtvoll.
Auf manche Einzelheiten macht B. aufmerlcsam, die bisher
weniger beachtet wurden. Der Grund des zwiespältigen Eindrucks,
den der ,,Avare" hervorrufen kann, besteht nach B. darin, daß
,,das äußere Intriguengewebe, der materielle Stoff, mit der
Charakterstudie, dem geistigen Gehalt, keine Wesenseinheit bildet.
Und auch die einzelnen Szenen, fährt B. fort, sind nicht immer
nach ihrem dramatischen Eigengehalt entwickelt, sondern mit
Hilfe wirksamer Bühneneffekte, drastischer Mißverständnisse,
burlesker Übertreibungen" (p. 102).
Mit Recht weist B. auf die Vorliebe Molieres für die Oper
hin, und zeigt, wie für ihn die Entwickelung der Oper nicht nur
Nebenzweck, sondern mehr und mehr zur wichtigsten Lebens-
aufgabe wurde, daß er sich im Laufe der Zeit berufen fühlte, in
*) Ich glaube nicht, daß B. Recht hat, wenn er in der Einleitung
zum Tartuffe p. 289 sagt, ,,für den bedauernswerten Prinzen von
Conde" — er meint wohl Conti — ,, dürfte Mol. eher Mitleid als
Groll empfunden haben."
Molieres sämtliche Werke in secJis Bänden. 203
der Geschichte der Oper eine führende Rolle zu spielen. Moliere
liebte die Musik. In seinen Adern, sagt B., floß Musikerblut;
sein Urgroßvater Mazuel war unter Ludwig XIII. kgl. Kammer-
musiker gewesen (p. 125). Weniger bekannt dürfte es wohl bis
jetzt gewesen sein, daß, noch bevor Moliere seine Kritik der Frauen-
schule schrieb, ein bekannter Theaterliebhaber, der Abbe du Buis-
son, den Gedanken gehabt hatte, Molieres Stück in dramatischer
Form zu verteidigen (p. 51). Ebenso war bis jetzt die lateinische
Epistel des Jesuitenpaters Jean Maury an Moliere wenig beachtet
worden, in welcher dieser Geistliche dem Dichter — nach dem
Tartuffe — seinen Dank abstattete „für so viele herrhche Bühnen-
vorstellungen, die er stets erheitert und gebessert verlassen habe,
so fein lehre dieser unübertroffene Rivale der Griechen, Römer,
Italiener, Spanier und aller übrigen Franzosen die Norm des
Guten und die Grenzen des Anstands."
Auch in den Einleitungen zu den einzelnen Stücken finden
sich manche wertvolle Bemerkungen. Daß Don Garcia noch
vor den Preziösen verfaßt und vor deren Aufführungen in Ge-
sellschaften vorgelesen wurde, dürfte weniger bekannt sein.
Vor dem Misanthrope und auch in der Biographie weist B. mit
großem Nachdruck auf die Stellen des Don Garcia hin, die M.
später in den Misanthrope aufnahm. Doch dürfte er wohl zu
weit gehen, wenn er ,,den Kern der Handlung" des Misanthrope
als schon diesem Stück entlehnt ansieht. M. entnahm die be-
treffenden Stellen aus dem Don Garcia, weil sie in eine ähnliche
Situation hineinpaßten, aber ich glaube kaum, daß bei der Kon-
zeption des Misanthropestoffes der Don Garcia stark mitbe-
stimmend eingewirkt hat. Für das größere Lesepublikum werden
die Bemerkungen über die Rollen, die Moliere in Anlehnung an
die Italiener für sich scliaffte, Mascarille und Sganarelle, sowie
die Ausführungen über Moliere's Truppe von großem Werte sein.
WasB. darunter meint, es wirke eigentümHch im Malade imaginaire
wenn wir Moliere selber von sich und seinem Kampfe gegen
die Medizin sprechen hören, ist nicht recht klar. Merk-
würdig ist es nicht, denn er spricht gerne von sich und seiner
Truppe. Denken wir nur an den Impromptu de Ver-
sailles und an den Nutzen, den er aus den Eigentüm-
lichkeiten der Schauspieler seiner Truppe für diese oder jene
Rolle zog.
Wir können die Moliereübersetzung mit der ausgezeichneten
Lebensskizze und den vorzüglich orientierenden Einleitungen
und Erläuterungen allen Gebildeten wärmstens empfehlen
und sind sicher, daß das Werk alle Eigenschaften besitzt, um
dem deutschen Volke Moliere lieber und vertrauter zu
machen.
Bonn. Heinrich Schneegans.
204 Referate und Rezensionen. Georges J)outreponi.
Abb^ Bonnet, J. Oeuvres inconnues de Jean Racine, decou-
verles ä la Bibliotheque Imperiale de Saint- Petersbourg:
Pommes SacrSs. Buroaux de TArchevechö d'Auch, 1911,
317 p., prix: 10 fr.
L'argumentation de M. l'Abbe Bonnet ne nous convainc
pas. Nous n'y trouvons pas les preuves vraiment serieuses
qu'il faudrait pour etablir que Jean Racine est l'auteur du recueil
de Pommes Sacräs qui ont ete decouverts ä la Bibliotheque de
Saint-Petersbourg et qui, comme on sait, ne portent pas sa signa-
ture. Au surplus, quand bien meme les conjectures de M. B.
nous paraitraient plus s^duisantes qu'elles ne sont, il nous man-
querait encore l'argument reellement decisif: c'est de sentir, dans
ces Poemes, le «faire» de Racine. Or, pour notre part, nous ne
l'y sentons pas.
Georges Doutrepont.
Chatenet, Henri, E. Le roman et les romans d'une femme
de lettres au dix-septieme siecle. Mme de Villedieu
(1632—1683). 80. 276 S. Paris, H. Champion, 1911.
Das Leben der Hortense des Jardins oder der Mme de Ville-
dieu, wie sie sich, kaum zu Recht, nannte, hat bereits Emile
Magne im Jahre 1909 in seinem Buche ,, Madame de Villedieu"
(erschienen im Verlage des Merciire de France) erzählt. Das
Leben einer frohem Lebensgenuß liingegebenen Frau, deren
Sinnlichkeit und lockeres Wesen nur deshalb in nicht gar zu
ungünstigem Lichte erscheinen, weil sie ihrem leichten Hang
mit einer gewissen unbekümmerten Natürlichkeit, en bonne
femme, ohne" Hypokrisie Folge leistete. Auf eine Würdigung
ihres schriftstellerischen Werkes hatte sich der hier und da etwas
geziert und pikant schreibende Magne nicht eingelassen, er hatte
sich damit begnügt, ein gut dokumentiertes Charakter- und
Sittenbild zu geben.
Im wesentlichen nach Magne, erhebhch kürzer und ein-
facher, erzählt nun Chatenet noch einmal den ,, Roman" des Lebens
der Mme de Villedieu, ohne irgend Neues oder Selbständiges
zu bringen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger jedoch geht er
näher auf die Hterar^sche Tätigkeit seiner Heldin ein. Wirklich
Befriedigendes leistet er leider nicht. Er beschränkt sioh daraufs
eine Reihe ihrer Werke mehr oder minder ausführlich zu erzähleii
und an die Erzählimg einige, wenig tiefgehende Bemerkungen
über ihre schriftstellerische Bedeutung anzuschheßen.
Es liätte eines viel tiefdringenderen Studiums bedurft, um die
Stellung der Frau von Villedieu in der Entwicklungsgeschichte des
französischen Romans zu bezeichnen. Einmal hätten ihre Werke
einer gründlicheren, wirklich analysierenden Betrachtung unter-
Chatenet, Henri, F. Le roman et les romans. 205
worfen werden müssen, und sodann hätte sich die Untersuchung
ihrer Leistungen auf einer viel umfassenderen Kenntnis der ihr
voraufgehenden oder gleichzeitigen Romanliteratur aufbauen
müssen. Die Besonderheit und das Maß des Verdienstes der
Romanschreiberinnen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
kann man nicht richtig herausarbeiten, ohne sie in engste Be-
ziehung zu MUe de Scudery z. B. zu setzen. Von dieser heute
mehr genannten als gelesenen Schriftstellerin sind sie alle so
stark abhängig, daß man das Neue, das sie allenfalls bringen,
eben nur dann bewerten kann, wenn man weiß, was sie übernom-
men haben.
Eine kritische Untersuchung über Mme de Villedieu's lite-
rarisches Werk wäre also nach den beiden angeführten Werken
immer noch zu schreiben.
W ü r z b u r g. Walther Küchler.
l<ees, Jobn. The Anacreontic Poetry of Germany in the
eighteenth Century; its relation to French and classical
poetry. Aberdeen, the University Press, 1911. VIII
-f 118 S.
Das Buch ist die vervollständigte Herausgabe einer .'Arbeit,
die vor Jahren von der Universität Straßburg mit der Hälfte
eines Preises bedacht wurde. Es behandelt hauptsächlich die
Abhängigkeit der vier sogenannten Anakreontiker Gleim, Uz,
Jacobi und Götz von französischen Vorbildern. Die Absicht
des Verfassers, die deutschen Dichter auch in ihrer selbständigen
Eigenart zu würdigen, kommt nur ganz nebenbei zur Geltung;
sie erscheinen hier fast nur als Nachahmer. Und in der Tat hat
Lees noch eine große Zahl Beispiele von Anklängen und un-
mittelbaren Entlehnungen zu den bisher schon bekannton hin-
zugefügt. Die französischen Schriftsteller, die den gut in ihnen
belesenen deutschen als Führer dienten, sind sehr zahlreicli.
Lees nennt im ganzen 34. Marot, Ronsard, du BcUay, Baif,
Fresnaye, Voiturc, Corneille, Racine, Chaulicu, La Fare, Gressot
sind die bekanntesten. Voltaii'o wurde als Gast Friedrichs des
Großen mit Götz bekannt, der ihn oft übersetzte, und auch sein
großer Gegner Rousseau übte natürlich Einfluß auf jene Dichter.
Das Ergebnis bestäligl, im ganzen das Urteil, das die Literatur-
geschichte über die Anakrcoiilikcr gvfällt hat. Ihre selbständig«'
Bedeutung ist gering; aber sie liaben die deutsche Literatur
befruchtet, indem sie neue Vorbilder entdeckten, neue Gegen-
stände einführten und zuerst eine zierliche Leichtigkeit und
Anmut des Stils pflegten. Sie begannen damit, Anakreon unil
nebenbei Horaz nachzuahmen, ließen sich dabei jedoch von
vornherein durch ihre französischen Muster leiten. Diese waren
schließlich häufig ihre einzige Quelle. S(>lten ist ein unmittelbar
206 Referate und liezensionen. Wotfgani> Murliiu.
von Anakroon entlohntes Motiv zu entdecken, das nicht schon
vorher von den Franzosen beliandclt worden wäre. Dagegen
linden sich viele, die nur auf die französische Lyrik zurück-
gehen. Gleim, der bedeutendste dieser Dichter, blieb Anakreon
am treuesten. Bei ilim, dessim Wert schon Lessing in den Lite-
raturbriei'en hervorhob, vermißt man am meisten eine VVrirdigiing
als selbständiger Dichter im vorliegenden Buche. .Seine Über-
setzungen sind von geringem Werte, seine Bearbeitungen haben
stets eine eigene Note, lassen aber kalt. Er hat mehr Kopf als
Herz. Uz, der ernsteste jener Poeten, erhob sich von anfänglicher
Nachahmung bald zu höheren Gegenständen. Jacobi schliel.'.t
sich d(>r französischen Art am engsten an, vielleiclit, weil er ilir
innerlich am nächsten steht. Das Schwelgen in mytliologischera
Kleinkram, das seine ersten Schöpfungen ungenießbar maclit,
hat er später überwunden. Götz ist der geringste der Anakreon-
liker. Er bleibt häufig nur ein recht unvollkommener Übersetzer,
ohne dabei immer seine französische Quelle zu nennen. Alle
sind Anempfinder fremden Gutes, ihnen fehlt die Selbständigkeit
und Tiefe der Leidenschaft, die dem echten Lyriker eignet.
Aber sie haben den Klassikern den Weg bereitet.
Der Verfasser bringt zahlreiche Beispiele, in denen er die
französische oder griechische und die deutsche Fassung neben-
einandersetzt. Dadurch wird die Nachprüfung sehr erleichtert.
In seinem Urteil über diese Gleichungen zeigt er ein sicheres
Gefühl für die Feinheiten und Abschattungen des dichterischen
Ausdrucks im Französischen wie im Deutschen. Mehrfach stützt
er seine Schlüsse dadurch, daß er die Häufigkeit der einzelnen
Motive durch Auszählen bestimmt.
In dem, was Lees über die Versform sagt (besonders Kap. I, 3)
kann ich ihm jedoch nicht beistimmen. Er findet es sehr sonderbar,
daß die deutschen Dichter nie das französische Versmaß über-
nehmen, so eng sie sich 'auch inhaltlich an ihre Vorlage anzu-
schließen pflegen. Er vergleicht damit Heines auch in der Form
treue Übersetzungen von Gedichten Byrons und ferner Über-
tragungen aus fremden Sprachen von anderen deutschen Dichtern
wie Goethe, Voß, Stolberg, Schlegel, die alle auch die Versform
beibehalten (S. 22). Nach allerlei Vermutungen findet er als
einzigen Grund den, daß die französischen Versformen auf die
deutschen Anakreontiker keinen großen Eindruck gemacht
haben können.
Er verkennt hier die wesentHchen Unterschiede, die zwischen
französischen und deutschen Versmaßen bestehen. Es ist nicht
angängig, im Französischen ohne w^eiteres von Jamben, Trochäen
und Anapästen zu reden. Der Franzose zählt die Silben, und
die daneben wirksamen rythmischen Gesetze sind außerordent-
lich verwickelt. Sie entsprechen keineswegs den deutschen und
englischen, bei denen es sich um taktmäßigen Wechsel von be-
Faguet, Emile, Rousseau contre Moliere. 207
tonten und unbetonten Silben handelt; bei diesen kommt es nur
auf die Gleichheit der Zeitmaße an, innerhalb deren die Zahl der
Silben wechseln darf. Ebensowenig aber entsprechen beide
den griechischen und lateinischen Versmaßen mit ihrem Wechsel
von langen und kurzen Silben. Die englischen Maße kann man
ohne weiteres ins Deutsche übertragen. Diese beiden germani-
schen Sprachen haben feste dynamische Wortbetonung und daher
dieselbe Metrik. Die antiken Maße lassen sich wenigstens an-
nähernd im Deutschen wiedergeben, wenn man statt langer und
kurzer Silben betonte und unbetonte einsetzt. Die französischen
dagegen widerstreben der deutschen Sprache durchaus. Das haben
die Anakreontiker, in deren Zeit das schon von Martin Opitz wieder
entdeckte Gefühl für deutsche Verse mächtig aufzuleben begann,
deutlich empfunden und darum gar nicht versucht, französische
Verse in deutscher Sprache zu bauen. Die Beispiele von treuen
Übertragungen, die Lees S. 22 anführt, beziehen sich offenbar
alle nur auf Übersetzungen aus dem Enghschen, Griechischen
und Lateinischen. Für das Französische beweisen sie gar nichts.
Der Alexandriner ist der einzige französische Vers, den man in
einer Zeit schlummernden Sprachgefühls häufig der deutschen
Sprache aufgezwungen hat. Er sieht aber seinem französischen
Vorbild nur äußerlich ähnlich und ist mit seinen klappernden sechs
Hebungen im Deutschen ebenso häßlich, wie er im Französischen,
das diese Hebungen nicht kennt, schön sein kann.
Dresden. Wolf gang Martini.
Fagnet, Emile, de Tacademie frangaise, Rousseau contre
Moliere. Paris, Societe frangaise d'imprimerie et de
librairie (1912). 345 S. 16.V|s|s>;i<..
Die Causerie ist eine eminent französische Kunst, eine natür-
liche Gabe, die ihre glückhchen Besitzer nicht brach hegen lassen,
sondern immer vollkommener entwickeln. Sainte-Beuve schrieb
Woche für Woche ein stattliches Feuilleton, und es war eine
Leistung. Zur zweihundertjälirigen Wiederkehr des Geburts-
tages Rousseaus schreibt Faguet — unbeschadet seiner sonstigen
Leistungen — nicht weniger als fünf Bände: Rousseaus Leben,
Rousseau gegen Moliere, Rousseaus Freundinnen, Rousseau als
Denker und Rousseau als Künstler. Der Band, der uns zur
Besprechung vorliegt, zeigt Faguet als einen ganz charmanten
Causeur; er ist der ungehemmte Ausfluß aus dem unversiegbaren
Born unmittelbarer Mitteilung, mehr gesprochen als gedacht,
fesselnd von der ersten Seite bis zur letzten. Man kennt Rousseaus
polemische Äußerungen über Moliere in seinem Briefe an d'Alem-
bert; sie bilden die Grundlage des Buches, und zwar im ersten
Kapitel die Einwendungen gegen den Misanthropen, im zweiten
die gegen andere Stücke, Bourgeois genlilhomme,\George Dandiii
208 Referate und Rezensionen. I'ielro Tokio.
und Avarc; im dritten Kapitel erörtert F. die Frage, warum
Rousseau einige andere Stücke in seine Kritik nictit einbezieht,
im vierten beschäftigt er sich mit den allgemeinen Vorwürfen,
die Rousseau gegen Moliere erhebt, im fünften wirft er einen
kurzen Blick auf Molieres Nachfolger; im sechsten vergleicht
er dann die Grundideen und Lebensanschauungen der beiden
Männer miteinander, und im siebenten zeigt er ihre große Überein-
stimmung in der Frauenfrage; daran schließen sich die Schluß-
betrachtungon, die das Gesamtergebnis zusammenfassen.
Es fällt Faguet nicht schwer zu zeigen, daß Rousseau Alceste
nicht verstanden hat und von Phihnte ein unechtes Phantasie-
bild entwirft, das durch Collin d'Harlevilles 'Optimiste' auf Fabre
d'Eglantine wirkte und ihm ein Stück eingab, das eine schlechte
Entgegnung auf Molieres Schöpfung ist, aber an sich ein gelun-
genes Bühnenwerk darstellt. Es gelingt ihm auch, in recht an-
sprechender Weise die Grundverschiedenheit zwischen Molieres
und Rousseaus Weltauffassung und ihrer Stellung zur Measch-
lieit und zur Natur darzulegen. Im leichten PlauderLon wird
<?ine Fülle beherzigenswerter Gedanken entwickelt, die zum
eigenen Nachdenken anregen und im wesentlichen auch die Zu-
stimmung verdienen. Wer über Moliere schreiben will, dürfte
durch die Lektüre dieser Seiten und durch die dialektische Aus-
einandersetzung mit Faguet sicheren Gewinn finden.
W i e n. Ph. Aug. Becker,
Price, William Raleigfli. The symholism oj Voltaire's
Novels. With special reference to Zadig. New York,
the Columbia University Press, lOlL 269 p. 8^.
A nessuno, ch'io mi sappia,' e mai venuto in mente di negare
che il Voltaire, nelle sue Noiivelles, abbia talora alluso a uomini
ed a fatti del tempo in cui visse, anzi ogni volta che in esse di-
scorre di bonzi fanatici e crudeli, pensiamo naturalmente ai preti
e pastori del cristianesimo, contro cui, non qui solo ma in infiniti
altri scritti e nelle tragedie soprattutto, l'autore di Mahomet
spezzo tante lance ed e pure indiscusso che il Dott. Pangloss
di Candide personifica i filosofi ottimisti, il Rousseau partico-
larmente.
Parimenti e vero che rvoW'Ingenu — cito a caso i primi
esempi che si presentano alla mia mente — le allusioni alla corte
di Francia, a cattolici ed a giansenisti, sono frequentissime e che
la Princesse de Babylone e tutta pervasa da ricordi personali
dell'autore. II Price ha voluto dimostrare qualcosa di piü e cioe
che il Voltaire ha espresso costantemente, sotto immagini sim-
boliche ed allegoriche, le proprie opinioni in politica, in religione
ed in letteratura e che i nomi orientali, appioppati ai suoi per-
sonaggi, Celano quelli di parecchi contemporanei.
Price, William Raleigh. The symbolism. 209
L'esame di Zadig deve provare la tesi. II "simbolismn'*
— e suH'uso di questa parola ci sarebbe molto da discutere —
sarebbe stato consigliato allo scrittore francese dalle abitudini
del tempo, dal concetto ch'egli ebbe della poesia e specialmente
da misure di prudenza. Non diversa strada seguiva il Montes-
quieu facendo discorrere i protagonisti delle sue Lettres persanes,
che di persiano altro non Hanno che il nome. Chiunque abbia
scorso l'opera meritoria del Martino ammetterä infatti che questo
pseudo "exotisme" fu, per oltre un secolo, rigoglioso in Francia
e che mise pure vigorose radici anche in altre terre. Un dissenso
con TA. SU tale questione non ci pare possibile. II dissenso co-
mincia invece quando trattasi della identificazione dei personaggi
e della ricerca quindi dei prototipi. Indaga TA con acuto ingegno
ma, a vero dire, non spesso ci persuade. "L'intention perfide'''
e "rallusion sournoise" giä furono indicate dal Desnoiresterres,
ma altro e Fallusione generica ed altro l'allusione personale eretta
a sistema. Certo e, per servirci d'un diverso esempio, che il
Moliere pingendo Tartufe, ha avuto presenti vari modelli vivi
o trovati in altri scrittori, perö con questi ha creato un personaggio
nuovo ed originale, quantunque in talune linee del volto e in certe
avventure della propria vita possa ricordare da vicino qualche
conoscente del poeta.
Zadig, secondo Tasserzione di Hammer, vuol significare^
con ricordo del biblico Giuseppe, "colui che dice il vero" e l'A
non dubita che in esso il Voltaire incarni se stesso, perche egli
fu 0 credette di essere, secondo ladefinizione di Federico il Grande^
"le ministre de la verite". La prova non pare troppo solida
per costruirci su un edificio di ipotesi, ne tra i casi di Zadig e le
memorie biografiche del poeta della Henriade so trovare
quei messi intimi che sono indispensabili per suffragare l'ipotesi.
Comunque sia, se Zadig e Voltaire, s'ha, come corollario,
e qui sta il peggio, che coloro che lo circondano sono gli
stessi con cui il filosofo di Ferney ebbe relazioni e lotte.
Zadig diventa pcrtanto una autobiografia. Setoc, padrone
di Zadig, caduto in sciiiavitü, personifica per es. il guar-
dasigilli d'Agnesseau. Con la finale seau, avrebbe il Voltaire
formato sot, facendo cosi un bisticcio fra "garde des sceaux"
et "garde des sots", da cui sarebbe stranamente scaturito
Setoc. E quando mai Voltaire fu, in qualcho modo, schiavo
di d'Agnesseau? Non e questo Setoc, sebbono compratoro
di carnc umana, il miglior diavolo di questo mondo, pronto
subito ad acccttare ed a lodare la suporioritä di Zadig? Perche
non riconoscere piuttosto, nei casi dell'amante di Astarte, il
ricordo piü semplice delle avventure di Esopo e di quel Xanthus
che il La Fontaine aveva reso popolarissimo ? Non niolto sicuro
sembra del resto di quanto asserisce lo stesso egregio Price perche.
a un certo momento, discute l'ipotesi che dichiara meno bui'na
210 Referate und Rezensionen. Pielro Toldo.
se Zadig non rapprosenti piuttosto quol poota porsiano Sadi
o Saadi di cui il pocta prondo il nomc, ndla lottora dodicaloria,
sieche si avrebbc un singolar trinomio Saadi, Voltaire c Zadig
ancor meno convincentc.
Moabdar, re di Babilonia, nasconde, assicura l'A, nientemeno
che Luigi XV^, sovrano della Babilonia modorna. La sua pazzia
e la sua mortc danno luogo infatti a una gravf guerra di suc-
cessione (quolla d'Austria). No consegue che Missouf dolla no-
volla vuol significarc miss Fou ossia la fülle, ossia la signora di
Chäteauroux. Di questo passe, Orcan, il cavaliere che contrasta
gli amori di Zadig e di Somire, trasformasi nel famoso cavaliere
di Rolian che diede tanto filo da torcere al nostro poeta; quanto
a Semire, essa e "forse" Adriana Lecouvreur per cui lo scrittore
francese nutri sensi di vivo affetto. Ma Zadig sposa Azora e
Voltaire rimane scapolo; evvia, questo non deve confonderci;
Azora sarä, in questo caso, la Livry, che fra i tanti amori
n'ebbe pur uno pel nostro poeta e che puö benissimo farsi
passar per moglie sua!
Giü per questa china l'A. sdrucciola in altre e non meno
dubbiose identificazioni; sino ad oggi erasi sempre creduto che
l'episodio d'Itobad, l'usurpatore degli onori che spettano al
prode Zadig, fosse attinto al Fiirioso. Niente affatto. Itobad
rappresenta invece gli invidiosi del poeta, usurpatori della sua
gloria e piü particolarmente quel Lefranc di Pompignan, che
avrebbe rubato a Voltaire l'argomento di Alzire. II Lefranc
e un provinciale come Itobad, mal destro nella schermaglia di
Parnaso, deriso a Corte per certe sue pretese, assalito da Vol-
taire senza misericordia e via dicendo. Invano cercate qualche
prova sicura che vi convinca.
Seguendo questo sistema si potrebbe provare che Cristoforo
Colombo altro non fu che un mito; il colombo infatti e simbolo
di cristianesimo e di viaggiatore; Cristoforo significa chi porta
e quindi onora il Cristo e la fede e Tignoranza del luogo di nascita,
certa nebbia diffusa sui primi anni dello scopritore dell'America
possono benissimo avvalorare l'allegra ipotesi.
II critico americano aguzza troppo lo sguardo e per voler
eccessivamente indagare finisce per confondersi. Astarte, di
cui s'e giä tenuto parola, simboleggia, fra l'altro, varie e troppe
cose. Puö essere la regina di Francia, la signora di Chätelet o
quella di Pompadour. La scelta a chi legge. E quando mai s'e
saputo che Voltaire abbiasospirato davvero per la prima o la terza
di queste dame ? Ne basta, perche l'A. va ancora piü oltre e finisce
per scorgere nella sovrana di Babilonia la sintesi di tutti gli amori
del poeta, l'immagine di infinite muliebri bellezze e per sopram-
mercato la musa stessa, la passione per la letteratura, nonche
la personificazione della libertä del pensiero. Amare Astarte
e trionfare vuol dire per Voltaire amare il vero e liberamente
Price^ William Raleigh. The symholism. 211
esporlo; i nemici che s'oppongono sono gli stessi che invano
cercarono di sbarrare la via del filosofo; infine le nozze della
coppia subhme simboleggiano la vittoria del sole sulle
tenebre.
Come personaggio allegorico s'indica pure Arimaze ossia
l'invidioso; il suo nome discende dal mito di Zoroastro e il suo
livore dalla Corte di Francia. Zadig, in questo momento,
trasformasi in Voltaire, che ritorna dall'Inghilterra, con un
mondo nuovo di idee, assalito dai gesuiti e dai giansenisti,
accusato ingiustamente e per invidia messo al bando. Ma
Arimaze e particolarmente, sempre secondo lo spirito maligno
dell'autore, Temulo piü accanito del poeta c precisamente
J. J. Rousseau il quäle avrebbe cosi fornito al suo avversario,
la propria personificazione, pingendo nella allegoria dell "Opera
de Naples" un diavolo ipocrito che sostiene la parte di poeta
di teatro. La relazione e difficile scorgerla e credo che l'A.
non la scorga nemmeno lui molto chiaramente perche, subito
dopo, il suo pensiero si rivolge al Desfontaines. Perche non
piuttosto costui, perche non piuttosto Freron, aggiungiamo
noi ? Ipotesi per ipotesi tutto puö sostenersi con un po' di
buon volere.
L'argomento piü forte che milita in favore di tale identitä
sarebbe quello che Arimaze vuol rovinare Zadig, come Rousseau
cercö la rovina di Voltaire, unicamente perclie piü felice di lui ;
s'aggiunga che Arimaze e impacciato in societä ne piü ne meno
dello scrittore Ginevrino e del Desfontaines stesso. Qui, come
altrove, non mancano osservazioni acute cd anche giusti rilievi,
ma la mania di voler tutto personificare fa spesso velo al sereno
giudizio.
Vedete l'episodio di Arbogad. "Gad" in ebraico, il Price
c'insegna, vuol dire "ladro" ed infatti Arbogad e un capo di bri-
ganti, bonaccione e burlone, ciie a me ricorda mcsser Ghino di
Tacco del Decameron, anche per certa guarigione che segue
subito per opera del protagonista, dovuta alla stessa terapeutica de!
brigante italiano. "Ogul est un liomme voluptueux, dice il Vol-
taire, qui ne cherche qu'ä faire grand'chere. Jl est dun embon-
point excessif, qui est toujours pret ä le suffoquer." Zadig per
guarirlo, lo costringe a far molto esercizio; proprio la cura che
Ghino impone all'abate di Gligni.
Arbogad che esclama: "Cette lerre est ä moi soul; tt»ut oe
qui vient aur mos lorres est ä moi" rappresenta invece, pol critico
americano, riutollei-anza religiosa e polilica del W'IIP sec. e
certa immagine del granello di sabbia che si trasforma in diamante,
offre, a suo credere, il simbolo della Chiesa, clie dall'umiltä delle
sue origini e salita a tanto splendore. L'osservazione ha qualche
pregio e puö darsi che l'A. colga, questa volta, nel segno. Sen-
nonche Arbogad deve anche lui, come Astarte, avor parecchi
212 Referate und Rezensionen. Pietro Toldo.
aspetti e scnsi sia qualc pcrsonificazione del poterc regale sia
quäl rappresentante della plutocrazia, sieche e, secondo i casi,
ora Fcderico il Grande, ora certi "receveurs generaux" anzi il
Michel stesso in carne ed ossa. II riavvicinamento fra il brigante
e il re di Prussia e specialmente curioso e lusinghiero per quest'
ultimo !
Zadig e invitato a rimanere ospite nel castello del munifico
ladro, come Voltaire fu trattenuto alla Corte di Prussia, Vero
e che Zadig parte subito c che Voltaire invecc soggiorna lunga-
mente nel palazzo di Federico, ne pare probabile che lo scrittore
francese, ove avesse voluto pingere i propri casi, dimenticasse
di bollare gli avversari che trovö intorno al principe filosofo;
primo fra essi il Maupertuis. E poi perche mai tutte queste
allegorie avrebbero dovuto sfuggire alla malevolenza dei contem-
poranei del Voltaire che d'altre allusioni trovarono o credettero
di trovar subito la chiave ?
Intorno alla spiegazione dell'episodio dell' "Ange et Termite"
abbiamo pure da fare parecchie riserve. II rimpianto maestro
Gaston Paris studio le origini e il senso di questa leggenda, insieme
Orientale e cristiana, la quäle insegna ai mortali esser recondite
le vie del Signore e fallace l'umano giudizio delle azioni divine.
L'angelo uccide gli innocenti, ricompensa i furfanti, fa insomma
l'opposto di quello che sembra conforme a giustizia, sieche Zadig
si scandalizza e protesta, ma Tangelo spiega e rivolgendosi all'ardito
mortale, gli impone il silenzio: "Cesse de disputer contre ce
qu'il faut adorer." Ora il critico americano non ha dato la dovuta
attenzione a quel "mais" con cui Zadig accenna una risposta,
un "mais" filosofico, impertinente, a cui chi sa quäl diavoleria
sarebbe attaccata, ove all'autore non fosse convenuto di non
guastare, con troppi ragionamenti, lo squisito episodio. II "mais"
basta perö ad indicare che Fanimo umano non e pago di quella
apologia della Provvidenza e si ricordi che nello stesso capitolo,
l'angelo lesrad sostiene certa teoria del male che ingenera il bene
della quäle in Cosi-Sancta, ed altrove, si beffa allegramente il
filosofo di Ferney. Non qui dunque puö credersi lo scetticismo
del Voltaire abbassi le armi per guadagnare alla propria causa
i geusiti ed indurli ad aprirgli le porte deH'Accademia; perö il
ragionamento dell'A. ha pure parte di vero e parecchie
pagine sue sono qui degne di attento esame e di serena
discussione.
Concludendo, questo studio sul simbolismo del Voltaire
merita considerazione anche da parte di coloro che, come noi,
non sono disposti a riconoscere se non molto relativamente la
bontä della tesi in esso sostenuta e che non possono a meno
d'accusarla di qualche esagerazione.
Pietro Toldo.
Rerrei, Paul. Le Moyen äge dans la Legende. 213-
Berret., Paul. Le Moyen äge dans la Legende des Siecles
et les sources de Victor Hugo. Henry Paulin et Cie.,
Paris 1911. Preis 10 fr.
Die Quellenforschung über V. Hugo hat eine neue wertvolle
Bereicherung erfahren. Die Arbeit P. Berrets ist sehr ausführ-
lich, obwohl sie nur diejenigen Gedichte der Legende analysiert,
die dem Titel nach das Mittelalter zum Gegenstand haben.
Berret, der sich seit langen Jahren mit V. Hugos Legende be-
schäftigt, von der er eine kritische Ausgabe plant, und der auch
über die philosophisch-mythologischen Gedichte in diesem Werke
ein Buch publiziert hat,^) war in der Lage, ein außerordentlich
reiches Material zu verwenden. Er hat nicht nur die Manuskripte
des Dichters benützt, er hat auch einen unter dessen Diktat
entstandenen Katalog der einst in Guernsey vorhandenen
Bücher eingesehen und auf der Insel selbst die jetzt noch er-
haltenen Reste der BibHothek Hugos in der Hand gehabt. Durch
die Nachforschungen Berrets ist ein neuer Beweis der ganz un-
gewöhnlichen Arbeitsweise des Dichters erbracht worden. Hugo
benutzte historische und geographische Quellen in nicht ganz
unbedeutender Zahl, aber eigentlich nur, um der Geschichte
und Geographie ein Schnippchen zu schlagen, in der Meinung,
der Legendendichter stünde über Zeit und Raum. Man möchte
sein Werk einem Mosaikspiel vergleichen, in dem die einzelnen
Würfel zwar vorhanden, jeder aber am unrechten Orte ein-
gefügt ist.
Trotzdem erscheinen jetzt durch Berrets Forschungen die
Hauptquellen für folgende Gedichte festzustehen. LeMariage
de Roland und A ymerillot sind einem Artikel von
Jubinalim Journal du Dimanche: Quelques romans
chez nos a'ieux entnommen. (Nicht, wie man für Aymerillot
zuerst vermutet hat, einem Artikel desselben Autors im Musee
des Famüles.) Nächst der inneren Evidenz ist hier eine zwin-
gende äußere: man hat die Ränder der Seite 6 des Journal
mit einzelnen Versen zum Roland von V. Hugos Hand versehen
gefunden.
L'Ä igle du casque ist entweder aus demselben Artikel
geflossen oder, wie eine Stelle darin vermuten läßt, aus Jubinals
eigner Quelle, E. L o g 1 a y , Fragments d'ßpopdcs romancs {Raoul
de Cambrai). Die schottische Lokalfarbo des Gedichts geht zum
Teil auf W. Scott zurück, die Namen auf D e b r e t t's Peerage.
In manchen Gedichten werden dem Autor eigene Arbeiten
zur Haupt- oder Nebenquelle; so für Montjaucon die
Schilderung des Gebäudes in Notre Dame de Paris; für Eri-
V adnu s sein Werk le Rhin und dessen Quelle P f e f f e 1 ,
1) La Philosophie de V. Hugo et dcux Mythes de la Legende des
Siecles.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/', 16
214 Referate und Hezenaionen. Lucieit- l'auL Thomas
Nouvel abrege chronologique de Vhisloire . . d'AUemagne; für.
P ar r i cide die E d d a s t u d i e n , die er aus M a 1 1 e t ,
Histoire du Danemark für Hart d'Islande gemacht hatte; für
zahlreiche in Spanien spielende Epen die Notizbücher,
die der Dichter auf seiner Reise nach Navarra (1843) ge-
wissenhaft geführt und in die er Auszüge aus Reisehandbüchern
eingefügt hatte.
Endlich wird der Dichter sich auch selbst zur Quelle, wenn
er seine eigene Person zum Mittelpunkt des Gedichtes macht
und ihr als Gegner Napoleon II I. gegenüberstellt, beide
Gestalten jedoch unter andern Namen in eine frühere Zeit zurück-
versetzt, wie es im Weif und in den italienischen
Epen, besonders in Confiance du m ar quis Fa-
hrice und le C 0 mte Felibien, der Fall ist. Das itaUe-
nische Mittelalter ist überhaupt nur eine Verkleidung zeitge-
nössischer Ereignisse in alte Prunkgewänder mit Hilfe glänzender
Titel, die zumeist in Hugos Helfer in allen Nöten, M o r e r i ,
Grand Dictionnaire historique (1683), zu finden sind.
Auf alle Einzelheiten von Berrets Forschung einzugehen,
ist hier natürlich nicht möglich. Auch nicht auf die Gründe,
warum mir hin und wieder seine Entscheidungen in dem oder
jenem Punkt nicht ganz einwandfrei erscheinen. Ein so großes,
anscheinend fast lückenloses Material bedingte eine gewisse
Einseitigkeit. Berret erkennt an Quellen nur an, was des Dichters
Bibliothek in Guernesey nachweisbar enthielt, ferner ältere
Werke Hugos und die Kollektaneen dazu, sowie zeitgenössische
Ereignisse, alles andre wird von ihm verworfen oder angezweifelt,
auch wenn eine starke innere Evidenz zu dessen Gunsten
spricht. Etwas abweichende Ansichten habe ich — allerdings
ohne ein so umfangreiches Material zur Verfügung zu haben —
für zwei Gruppen der Legende, die Cid-Romanzen und die Trönes
d'Orient^ schon früher ausgesprochen. Von den türkischen —
als außerhalb des Mittelalters stehend — analysiert Berret
übrigens nur den Sultan Mourad.
Man müßte doch außer den erwähnten Faktoren m. E.
noch andere berücksichtigen. Ist es denn sicher, daß ein
Dichter von den als Quelle in Betracht kommenden Werken
nur dasjenige benützt, das ihm im Augenblick der Abfassung
am leiclitesten zur Hand war? Es ist doch nur wahrscheinlich.
Margarete Rösler.
£fi*er, Hubert. Beiträge zur Geschichte der französischen
Literatur in Belgien. 8°. 66 pp. Düsseldorf, W. Deiters'
Verl., 1909.
Xiebrecltt, Henri. Histoire de la Litter ature Beige d'ex-
pression frangaise, avec une preface d'E d m o n d
Liebrecht, Henri. Histoire de la Liiterature Beige. 215
P i c a r d , Bruxelles, librairie Vanderlinden, 1910. IX,
472 p. 8».
Des livres recents, publies en Belgique, ont etudie plus
ionguement les questions traitees par le Professeur E f f e r
dans son interessant essai. /
II me semble cependant que, meme aujourd'hui, un compte-
rendu du premier livre allemand qui ait explore, dans son en-
semble, le domaine litteraire des ecrivains beiges, se justifie
pleinement.
L'auteur rappelle d'abord, de facon succincte, comment
s'opera la romanisation du pays que se partageaient, avant
la conquete de Cesar, Tarriere-garde des Geltes et l'avant-garde
des germains; il montre que la difference de culture qui devait
caracteriser plus tard les Pays-Bas du Nord et les Pays-Bas
du Sud, provient surtout de la fondation de Teveche d'Utrecht
qui possedait une metropole purement germanique, tandis que
les regions du sud, incorporees ä des dioceses de la France future,
reunissaient les populations sans distinction de race; les Francs
qui vivaient sur ces territoires se trouvaient ainsi separes du
monde germanique et leurs rapports frequents avec les popu-
lations gauloises les preparaient ä subir Tinfluence latine.
M. Effer parle ensuite, tres brievement, de la langue vulgaire
des gallo-romains, des origines de la poesie populaire et heroique,
de la culture intellectuelle des Pays-Bas au temps des Caro-
lingiens, des frontieres linguistiques ä l'epoque des traites de
Verdun et de Mersen. II montre enfin l'influence grandissante
du Frangais qui se repand de plus en plus dans les Flandres et
dans le Brabant et devient une seconde langue maternelle pour
le haut clerge tourne vers le sud; pour les nobles, dont les
mceurs sont celles de la chevalerie francaise; pour les marchands,
continuellement en rapports d'affaires avec la Champagne; et
meme, jusqu'ä un certain point, pour les petits bourgeois et
les artisans.
M. Effer fait tres bien ressortir le röle considerable joue
par les Flandres wallonnes, lo Hainaut, le Brabant et la Prin-
cipaute de Liege, dans la vi(>ille htterature francaise, parti-
culierement au XI F et au XIII® siecles. II rappoUo que le romau
de Renard doit surtout son developpement aux regions flamaudes,
mais il dissumule sans raison la contribution notable du reste
de la France. Je prefere les chapitres oü l'auteur cite et appröcie
les Oeuvres des grands poetes lyriques ou epiques, des romanciers,
dramaturges, tradutteurs, chrouiqueurs, hisiorions de la grande
Belgique d'antan, tels que Gaiiti(>r d'Arras, Jehan Bodel et
Adam de la Halle (egalement d'Arras), Tauleur du Poeme moral
(de la region de Liege), Jehan le Bei et Desprez d'Oultremeuse
(de Liege), Adenet le roi (du pays brabanc^mn), Philippe Mousquet
15*
216 Referate und Rezensionen. Laden- Paul Thomua.
(de Tournai), Jean Froissart et Jean Molinet (de Valenciennes),
Philippes de Commines (de Lille), Jean le Maire de Beiges (de
Beiges, Bavai), et tant d'autrcs ecrivains de haute valeur.
Cependant, le critique n'a pas toujours verifie suffisamment
ses assertions: c'est ainsi qu'il ne met meme pas en doute Torigine
beige de Raoul de Houdan qu'il fait naitre a Houdenc, pres
Binches, fait depuis longtemps conteste. II lui attribue egale-
ment le poeme La Voie de Paradis, qu'il n'a probablement pas
ecrit. Par contre, M. Effer ne cito ni la cantilene d'Eulalie,
ni la chantefable d'Aucassm et de Nicolette, qui auraient du
trouver place dans son etude.
M. Effer semble aussi partager l'erreur de nombre de
critiques beiges qui croient de leur devoir d'affirmer
l'independance de la litterature frangaise des Pays-Bas,
vis-ä-vis de celle de la France. II cite un passage
de Henri Pirenne oü le savant historien affirme que la litte-
rature romane des Flandres, du Brabant et du Hainaut est un
produit autochtone; qu'elle n'a pas ete importee de France,
n'imite pas les modeles etrangers, se sert du dialecte picard et
defend hautement son originalite. — M. Effer cite egalement
Nautet {Histoire des Lettres beiges d'expression franQaise, Bru-
xelles, 1902, t. II, p. 159): «l'enseignement rattache volontiers
cette floraison litteraire nationale, strictement autochtone, ä
l'histoire de la litterature de France. Chacun oublie ainsi que la
Belgique . . . fut pourtant le berceau glorieux de la poesie francaise.
Par son silence, M. Effer semble approuver ces assertions;
en tout cas, il ne les infirme pas.
C'est une erreur de penser que la litterature d'une province
linguistique joue un röle inferieur quand eile se rattache aux
mouvements intellectuels, aux tendances artistiques du reste
du pays. II est certain que la litterature qui se developpa sur
le territoire de l'ancienne Belgique possede une originalite aussi
grande que celle des provinces les plus favorisees du domaine
fran^ais. Les Wallons des Flandres, du Hainaut, de Liege ou
du Brabant n'avaient pas lieu d'imiter — plus que les ecrivains
des autres regions — une litterature a laquelle ils appartenaient;
s ur plus d'un point, ils ont meme ete les devanciers de leurs
freres du Sud. Mais cette spontaneite a-t-elle depasse celle de
rile de France, de la Normandie ou de la Champagne ? C'est
ce qui ne me parait ni etabli, ni meme digne d'etre longuement
discute. On peut affirmer, je pense, qu'aucun mouvement
litteraire n'est «strictement autochtone» et qu'aucune province
en particulier n'a ete le berceau de la litterature francaise.
II eüt fallu, pour mettre clairement en lumiere la contri-
bution artistique des Pays-Bas, faire ressortir moins negligem-
ment celle des autres territoires, montrer, degager davantage
les courants generaux et les reactions reciproques.
Liebrecht, Henri. Histoire de la LiUeraliire Beige. 217
Ne voit-on pas d'ailleurs, ä cöte de genies tels que Philippe
de Commines et Jean le Maire de Beiges, la valeur des ecrivains
baisser aux Pays-Bas, lorsque les ducs de Bourgogne fondent,
ä cote de la grande nation, une puissante unite rivale ? Et
n'assistons-nous pas ä une decadence ä peu pres complete quand
vient le regne de la Maison d'Autriche, au moment meme oü
les lettres frangaises brillaient d'un si vif eclat?
Un simple resume liistorique des evenements de la periode
espagnole ne pouvait cependant suffire: il etait necessaire d'ac-
corder quelquc attention ä Philippe de Marnix de Ste Aldegonde,
ne ä Bruxelles en 1538, mort en 1598, auteur du Tahleaii des
Biffercnts de la Religion et d'autres oouvres colebres.^)
M. Effer parle ensuite des territoires conquis par la France.
II fait l'historique de l'activite intellectuelle de la Belgique sous
les dominations autrichienne, frangaise et hollandaise. Au
XVI IP siecle, le Prince de Ligne est le seul ecrivain vraiment
digne de ce nom. Pour la periode hollandaise, on ne peut guere
nommer que des poetes peu originaux, imitateurs de Tabbe
Delille et des autres classiques attardes: Lesbroussard, de Stassart,
Rouveroy; un grand poete romantiquo: Andre Van Hasselt;
des savants, historiens, critiques tels que de Reiffenberg, de
GerJache, de Potter, Potvin.
II eüt ete desirable de parier des importantes etudes rythmi-
ques de Van Hasselt,^) essais d'assimilation partielle ä la metrique
latine, la plus scientifique et la plus remarquablc que Ton ait
tentee.
II fallait egalement citer le Liegeois Edouard Wacken (1819
— 1861), l'auteur des H eures d'Or, Fantaisies, Fleurs d' Allemagne;
ce fut peut-etre, avant l'epanouissement du genie puissant de
Van Hasselt, le poete beige le plus inspire, le plus sincerement
lyrique de son temps.
Pour la periode comprise entre 1830 et 1880, le critique
cite ä bon droit Goster et Lemonnier, mais il omet le moraliste,
^) (Euvres de Philippe de Marnix de Ste Aldegonde, Bruxelles,
1857, 4 vol. Sur cet auteur qvii joua un röle considerable dans les
lüttes contre l'Espagne et uida a la fondation de la Republique des
Provinces-Unies, oa peut consultei- entre autres etudes: Edgard
Quin et, Fnndation de la Republique des Provinces-Unies. Marnix
de Ste. Aldegonde, Paris 1854.
-) Poemes, paraboles, ödes ct. etudes rhythmiques (1862) ; Les Qitatre
Incarnations du Christ, poemo, suivi de soixante-sopt nouvelles etudes
rhythmiques (18(57); Les Quatre Incarnations du Christ, po6me
(2e Edition), suivi de plusieurs poemes inödits et de quaranle-deux
nouvelles Etudes rhythmiques (1872). Les Quatre Incarnations du
Christ, avec une preface de G. Rency, Association des Ecrivains
beiges, Bruxelles 1908. Cette metrique est bas^e sur l'accent ionique
et non sur la quantit6 des syllabes. On trouve une etude interessante
de cette question chez Louis Alvin, Andre Van Hasselt, sn i'ie
■et ses truiuux, Bruxelles 1877.
218 Referale und Rezensioiwu. Luden- J*(/nl Thomas.
penseur ot romancicr Octave Pirmez (1832 — 1883), qui so lit
connaitre par ses Pensees et Maximes — Jours de Solitudes —
FeuilUes — JI eures de Philosophie — liemo, ocuvrcs d'un reveur,
d'un idealiste dont l'äme elcvee et seroine, la iangue liarmonieuse
et souple fönt oublier la langueur un peu monotone.^)
L'important mouvement litteraire compris entre 1880 et nos
jours, est depeint brievement, mais generalement, de fagon tres
heureuse par M. Effer. II est bien renseigne et ses jugements
sur la valeur des divers ecrivains sont tres avertis. Comme 11
s'en est tenu aux manifestations les plus importantes de [la
litteraturc contemporaine , il ne faut point s'etonner s'il
neglige quelques hommes de Icttres qui ne sont point denues
de talent; j'aurais cependant aime qu'il cität Remouchamps,
poete philosophe, auteur de poemes en prose d'une grande ele-
vation ; Jules Destree, styliste et conteur exquis et Felix Bodson,
poete lyrique et surtout, poete dramatique plein d'esprit, de
charme et d'emotion.
Van Lerberghe (non pas Van Leberghe comme Orthographie
l'auteur a deux reprises), lo ehantre sublime de ia Chanson d'Eve
et d'autres ocuvres seduisantes, meritait uno mention uioins brevc
Albert Mockel, cite comme poete, pouvait l'etre egalement comme
Fun des critiques les plus penetrants et les plus notables du
symbolisme moderne.
Malgre les inevitables erreurs qu'elle contient et des lacunes
parfois regrettables, Tetude de M. Effer est des plus conscien-
cieuses; d'une clarte remarquable et d'une louable concision, eile
reste utile et peut aider ä de plus amples recherches.
II convient de temperer de beaucoup de reserves ies eloges que
Ton peut adresser ä M. L i e b r e c h t. Les questions traitees
par M. Effer sont etudiees avec des developpements beaucoup
plus considerables par le jeune auteur qui a profite de nombreux
travaux anterieurs. II a rattache, mieux peut-etre que ses
devanciers, la litterature des regions beiges aux grands courants
generaux de la pensee europeenne. Pour atteindre ce but, il
lui a suffi d'appliquer ä la Belgique ce que l'on savait dejä
de la France et des autres nations. ,
La documentation est souvent serieuse, parfois meme en-
combrante, quoiqu'elle ne paraisse pas toujours de premiere
main, ni au courant des dernieres recherches. En tout cas,
l'auteur a fait de tres grands efforts pour concentrer dans son
^) On peut consulter sur cet ecrivain : Henry Maubel et
James Vandrunen, Octave Pirmez, Impressions et Souvenirs,
Bruxelles, 1897. — S i r e t , Vie et Correspondance d'Octave Pirmez,
1888. — Maurice Wilmotte, Octave Pirmez, Preface, choix,
notes et table, Bruxelles, 1904. — Dumont Wilden, Les
Walions et Vesprit europeen, article publie dans Les Arts anciens du
Hainaut, Bruxelles, van Oest, 1911.
Liebrecht, Henri. Hisioire de la Litterature Beige. 219
etude tout co qui lui semblait devoir faire partie d'une histoire
complete des lettres fran^aises en Belgique. II a reuni un grand
nombre de faits qui se trouvaient jusque lä dissemines un peu
partout. Mais ses recherches, qui portent sur beaucoup d'ecri-
A^ains des plus importants, ne donnent pourtant pas Timpression
d'un travail personnel et approfondi.
Pour les periodes de decadence, Tattention qu'il accorde ä
de longues theories d'auteurs sans aucune valeur, les jugements
qu'il croit utile de porter sur leurs oeuvres creuses, sur leur
style sans eclat et sans art, rendent la lecture inutilement fasti-
dieuse et soporifique. On peut se demander s'il faut louer M.
Liebrecht du courage dont il a fait preuve en relevant tant de
noms qui survivent, on ne sait trop pourquoi, ou bien s'il faut
regretter qu'il ait rendu son livre moins lisible et moins concentre
gräce ä un souci d'historien en mal de bibliographie.
On trouve cependant, dans les premiers chapitres, des erreurs
(>u lacunes regrettables. Gelui des origines n'est pas excellent.
II neglige, par exemple, l'influence tres appreciable, de la geo-
graphie diocesaine sur la culture intellectuelle et litteraire des
F*ays-Bas, influence tres bien indiquee dans le livre d'Effer.
M. Liebrecht, qui n'est pas philologue, confond le bas latin avec
!e latin vulgaire (p. 25). II pretend que le Wallon est une langue
(i'origine celtique. Emploirait-il indifferemment les mots
celtique et frariQais ? Ce serait faire un usage bien peu recom-
inandable de la synonymie.
Les pages consacrees au theätre du Moyen äge et a ses
origines sont des plus faibles: l'auteur parait ignorer toute la
litterature scientifique qui touche ä ces difficiles questions; il
ne parle des origines religieuses qu'en fin de chapitre et acces-
soirement; la marche de son expose est peu claire et on le sent
visiblement tres embarrasse. II apporte ici peu de notions connues,
moins encore de notions nouvelles, alors que Ton pouvait esperer,
dans un livre de cette etendue, une etude courte mais substantielle,
appliquee au territoire beige.
Les chapitres concernant les vieux historiens sont meilleurs
et parfois, tres satisfaisants, mais ceux-ci etaient deja bien connus
par l'histoire de France, et l'auteur n'y ajoute pas de decouvert»>s
personnelles.
A mesure que Ton se rapproche de la periode nuxh'rne, lu
valeur des recherciies augmente. Les pages consacrees au Prince
de Ligne, par exemple, sont vraiment heureuses. Toute la periode
comprise entre 1830 et nos jours est d'une tres bonne tenue;
les appreciations touchant les ecrivains secondaires fatigu(>nt
souvent par leur banalitf», mais les eci'ivains de pnunier ordre
comme Coster, Gilkin, et surlout Maeterlinck, y sont presenles
de fa^on agreable et penetrante en un style qui ne manque ni
d'elegance, ni de charme.
220 Referate and Rezensionen. Luden- Paul Tfiomas.
Le volume de H. Liebrecht contient un appondice antlio-
logique et un appendice bibliographique qui donne une idee du
grand travail quo le critique a du s'imposer.
En depit de lacunes et de defauts serieux, qui obligeront le
lecteur ä s'en servir avec une prudence avertie, YHistoire de la
LüUrature beige d' Expression frangaise, reste un repertoire utile,
dont il est juste d'apprecier l'effort.
Gi essen. Lucien- Paul Thomas.
Les Arts anciens du Hainaut. Conferences publiees
sous la direction de M. Jules I>estr4?e. Bruxolles,
G. Van Oest & Cie., 1911. 407 p, in-12, 2 frcs.
Cet interessant recueil contient un ensemble de quinze
Conferences aussi suggestives que savantes touchant l'architec-
ture, la peinture, la scuplture, la gravure, les arts industriels,
la litterature et la musique de l'ancien comte — et parfois, de
la province moderne — de Hainaut.
Je ne rendrai compte ici que de la partie litteraire:
I. Maurice W i 1 m o 1 1 e , L'Ancienne Litterature fran-
gaise du Hainaut (p. 249 — 272).
Tout d'abord, M. Maurice Wilmotte rappelle, par une serie
d'exemples, combien 11 est difficile de preciser sans erreurs le
lieu de naissance des vieux auteurs ou les influences multiples
qui ont agi sur leur personnalite. Souvent, la langue des ecri-
vains peut seule nous offrir des renseignements, faire naitre des
presomptions de quelque valeur. Les meandres que trace la
frontiere dialectale des patois wallon et picard s'expliquent par
l'action divergente de deux centres politiques, de deux foyers
artistiques differents: des territoires importants du Hainaut
actuel, notamnent la region de Charleroi et de Thuin, se ratta-
chaient jadis ä la principaute de Liege dont les contours etaient
particulierement sinueux.
Tandis que la litterature de la Flandre est surtout bourgeoise
et pieuse, celle qui nous occupe est essentiellement profane et
aristocratique.
Le Hainaut etait bientöt devenu la terre classique de l'aris-
tocratie chevaleresque et des elegances courtoises. Peut-etre
meme, comme tendent ä l'etablir les presomptions reunies par
M. Schofield, la conception des devoirs de la noblesse teile qu'elle
apparait dans la litterature anglaise du temps de Chaucer, doit-
elle se rattacher ä cette influence. U ne faut donc pas s'etonner
si, des la fin du XII® siecle, on constate, chez les Hennuyers, une
emulation remarquable et constante en faveur de la vulgarisation
des grands faits de l'histoire ainsi qu'une efflorescence süperbe
de la poesie de cour.
Les arts anciens du Hainaut. 221
M. Wilmotte qui parle aussi brievement des romanciers,
des rhetoriqueurs et du theätre, parvient ä mettre en scene,
dans sa courte mais concise etude, foule d'ecrivains de valeur
tels que Henri de Valenciennes, Gillon de Muisit, Gislebert de
Mons, Jelian de le Mote, Baudouin et Jean de Conde, Froissart,
Molinet, Philippe Mousquet, et surtout, Jean le Maire de Beiges,
dont r Oeuvre importante annonce Marot, sinon la Pleiade.
M. Wilmotte a eu le merite, non seulement de retracer ä
grands traits toute la vie essentielle du Hainaut litteraire, mais
il Ta fait avec une prudence tres avertie, entourant ses assertions
de restrictions et de discussions qui mettent en lumiere son
erudition et son seepticisme heureux.
II. Louis Dumont- Wilden, Les Walions et l'esprit
europeen. Le prince de Ligne et Octave Pirmez (p. 273 — 295).
M. Dumont-Wilden nous parle ici de deux ecrivains wallons,
appartenant. Tun au XVIIF, l'autre au XIX^ siecle et qui in-
carnent tous deux — le premier surtout — l'esprit frauQais sous sa
orme la plus cosmopolite.
Le prince de Ligne, le principal ecrivain beige de son siecle,
styliste cite comme modele par les salons de Paris, represente
admirablement la mentalite legere, subtile et frondeuse
des derniers jours de l'ancien regime, tandis qu'Octave Pirmez
(ne ä Chätelet en 1832), penseur grave et melancolique est un
,,enfant du siecle" epris de la nature et de la solitude, un delicat
reveur dont ,,les livres ont le charme d'une fin de jour en Sep-
tembre au pays Wallon".
M. Dumont-Wilden a finement caracterise la psychologie
de ces deux auteurs, habilement montre leurs attaches au sol
natal, ä la France, aux grands courants generaux et cos-
mopolites.
III.LouisDelattre. Les Ecrivains jrariQais de Wallonie,
de 1880 ä 1911 (p. 296—341).
Malgre les reserves que j'ai cru devoir faire ä diverses re-
prises au sujet de la soi-disante autonomie des ecrivains beiges,
je reconnais avec plaisir que presque toute la production litteraire
du sol wallon dans ces trcnte dernieres annees est aussi autochtone
que possible. Sans doute, les auteurs se sont formes surtout
par la lecture des livres frangais, mais ils chanlent la region, le
village natal, la petite patrie, avec un ensemble extraordinaire.
Ainsi les auteurs wallons ont pu, sans imiter personne, exprimcr
leurs sentiments propres, les mettre en action dans un paysage
connu, au miliou d'une population dont ils connaissent parfaite-
ment les maurs et le caractere.
Si ce particularisme presentait de grands avantages pour
une jeune litterature, il nuisait sans doute ä la creation de grandes
ceuvres universellement liumaim^s; mais «1(^ Wallon veut tenir
222 licfcrdlc und Hezensionen. Luden- /'mil Thomas.
(lans ses paumes fermees le cocur Loujours cliaud, Vkmc de son
nid, de sa race».
La Conference de Louis Delattre, eloquente et genereuse,
contribuera certainement a la renaissance des lettres au pays
wallon.
J'ajouterai que Ic volume des Arts du JJainaut, precede
d'une jolie preface de Jules Destree, contient en outre, sur chacun
descollobarateurs, une courte, mais substantielle notice bio-biblio-
graphique due aux soins du meme ecrivain.
G i e s s e n. Lucien-Paul Thomas.
JVI^lotte, Paul. Essai sur le Theätre Futur, public par
rAssocialion des Ecrivains beiges, Paris, libraiiit'
generale — Bruxelles, Dechenne et Cie, 1911, in-12, 65 p.
Dans sa consciencieuse etude, M. Paul Melotte s'efforce de
predire quelle sera la forme du theätre moderne qui triomphera
demain et qui se maintiendra sur la scene future.
Malgre les prudentes restrictions de M. Melotte, je pense
qu'il n'est guere possible d'affirmer quel genre de spectacle
tiendra en haieine les generations prochaines; mais l'hypothese
qui nous est soumise est vraisemblable et les developpements
sur lesquels eile s'appuie presentent en eux-memes un tres reel
interet. Les pieces privilegiees seraient celles qui s'attachent
ä resoudre le probleme du D e s t i n , qui tendent ä denombrer,
puis ä demasquer les forces qui se cachent sous cet intangible
Symbole.
Je crois, en tout cas, que les oeuvres qui se proposent d'eclaircir
un peu le sublime mystere de la destinee ont plus de chances
d'etre grandes et profondes que celles dont la seule ambition
est d'amuser les foules. Pourtant, l'auteur du Theätre futur est
d'avis que le peu durable succes des productions sceniques ä la
mode provient de ce que celles-ci «correspondent mal aux goüts
actuels des foules». Je serais plutot d'avis qu'elles correspondent
trop bien aux caprices d'un jour des spectateurs vulgaires; uni-
quement soutenues par d'ephemeres et mesquines preoccupations,
olles ne contiennent rien de stable, rien qui les fasse vivre au
delä de l'inconstante fantaisie d'une heure. Et voilä pourquoi
je voudrais que M. Melotte s'appuyät surtout sur la moyenne
des spectateurs eclaires, lui qui a si bien su distinguer les prin-
cipes superieurs qui assurent une preerainence durable aux CEuvres
vraiment fortes. II se rend d'ailleurs tres bien compte des
causes de Tevolution passee du theätre: les enquetes successives
des auteurs portant sur des questions toujours plus complexes.
G'est ainsi que la comedie de caracteres a fait place ä la
comedie de moeurs; ä l'etude d'un seul homme, on a substitue
Melotte, Paul. Essai sur le Theälre Futur. 222t
Celle du choc de toutes les individualites. Or, les rapports des
etres entre eux «apparaissent comme formes, domines par les
apprehensions fatalistes».
Dans la Grece antique, le Destin etait personnifie par un
dieu ou divinise sous une forme abstraite. Chez Shakespeare,
«les forces occultes ont depouille leur personnification divine»;
chez Maeterlinck, «les victimes de la fatalite sont des t y p e s
personnels, agissant par eux-memes». J'avoue ne pas bien
comprendre cette derniere assertion empruntee au livre de Gerard
Harry sur le meme auteur. II eüt mieux valu sans doute de
citer l'opinion de Maeterlinck lui-meme parlant de ses premieres
pieces: «On y a foi ä d'enormes puissances invisibles et fatales
dont nul ne sait les intentions, mais que l'esprit du drame suppose
malveillantes . . . Au fond, on y trouve l'idee du Dieu chretien,
melee ä celle de la fatalite antique, refoulee dans la nuit im-
penetrable de la nature.»^)
M. Melotte fait ensuite un tres interessant parallele entre
Henry Bataille et Maurice Maeterhnck, puis il montre que Tin-
dividualisme outrancie d'Ibsen, sa haute conception de la per-
sonnalite, ne sont pas la negation des lois incoercibles. L'auteur
de Brand et des Revenants reconnait l'existence des puissances
inconnues, combat celles qui s'opposent au developpement de
notre moi, et s'efforce de donner la victoire ä celles qui nous
permettent d'obeir ä notre propre nature.
Le theätre de Bernstein, qui depeint avec predilection toutes
les turpitudes d'un monde d'exception, trouve la fatalite toujours
triomphante devant Thomme faible asservi aux passions: aussi
les theories qui se deduisent tout naturellement de ces oeuvros
deprimantes seront-elles vaincucs par d'autres plus profondes
et reellement vitales.
Chez Hervieu, les austeres legons de philosophie raorale
restent sans profit pour notre courage. Chez Maeterlinck, au
contraire, l'homme d'abord opprime par la Destinee, s'eleve peu
ä peu ä la comprehension de sa propre force vis-ä-vis du monde
exteriour et nous donne des lecons de plus en plus admirablos
d'energie et d'independance.
M. Melotte fait egalement des reflexions tres judicieuses et
tres concluantes siir la question du denouement, mais sans doute
exagere-t-il un peu lorsqu'il emet l'idee qu'iine issuo banale de
l'action est en tous points souhaitable.
Viennent ensuite de curieuscs donneos sur la theätromanie
contemporaine, sur la question de la mise en scene et sur le role
(i'educateur — qui, pour ma part me semble bien dangereux
poui- l'art — que devrait s'imposer le dramaturge moderne.
') Maurice Maeterlinck, Thvdirr, pn^fare du T. 1er.
chap. II.
224 lieferalc und Rezensionen. M. Scluan.
M. Melotle aurail pu montror commont la fatalite antiquo
s'est transformec sous rinfluonco du chrisliunismo; comment la
conception nouvelle s'et'f'ondre ä son tour clioz la plupart des
^crivains influcnces par los scionces et la philosopliic d'aujourd'liui.
De lä, le decouragement, puis la reconquete de l'energie par
rhommc qui devient un dieu. Je voudrais aussi quo l'auteur
separat davantage le domaine de Tart de celui de la moralo,
mais CCS legeres critiques, pas plus que celles que j'ai eu Toccasion
de presenter au cours de cettc analyse, ne diminuent ä mes yeux
la valeur de ce livre concis, ecrit par un homme qui a longuement
reflechi aux questions qu'il traite, et qui nous fait utilement
penser ä notre tour.
G i e s s e n. Lucien-Paul Thomas.
Haas, J. Frankreich, Land und Staat. Heidelberg, Winter,
1910. XII u. 659 S. 8».
liCSCOPiir, eil. La division et ['Organisation da territoire
frangais. Berlin, Weidmann, 1910. X u. 230 S. Gr. 8».
4 Mark.
Beide Bücher können allen, die sich über die Einrichtungen
Frankreichs unterrichten wollen, warm empfohlen werden. Das
iinifassendere ist das deutsche Werk; es enthält eine Übersicht
über Land und Leute, eine Darstellung der Verwaltung in allen
ihren bürgerlichen und militärischen Zweigen, einen Überblick
über die französische Volkswirtschaft und die Kolonien. Einige
Statistiken über die Bevölkerung und mancherlei kommerzielle
Angelegenheiten bereichern die Darstellung; allen Kapiteln sind
treffende historische Bemerkungen vorausgeschickt. — Lescoeur
beschränkt sich auf die Schilderung der rein formalen Verwaltung,
die er ebenfalls historisch erläutert. Er verbindet seine Skizzen
mit theoretischen Erörterungen über die Vorzüge und Nachteile
der französischen Organisation, insbesondere der Zentralisation,
die nicht gerade in die Tiefe führen, aber eine Vorstellung von
den im französischen Publikum lebenden politischen Anschau-
ungen geben.
Gi essen. G. Roloff.
IVeuere Belletristik.
Ackei*9 Paul. Les deux cahiers. 7. Edition. 300 p. Paris,
Librairie Plön. 3 fr. 50 c.
De Vismes, Henriette. Les petites ämes. Roman. 279 p.
Paris, Librairie Plön. 3 fr. 50 c.
Jeandet, Cliarles. Qui seme le Vent Roman. 3. Ed.
263 p. Paris, Eugene Figuiere et Cie. 1912. 2 fr. 50 c.
De Regnier, Henri. L'Amphishene. 225
I>e Reg^ier, Henri. L'Amphisbene. Roman moderne.
6. Ed. 372 p. Paris, Mercure de France. 3 fr. 50 c.
Barande« Henri. La voie mauvaise. Roman. 1912.273 p.
Paris, R. Roger et F. Chernoviz. 3 fr. 50 c.
Ramean, Jean. La rouie bleue. 299 p. Paris, Librairie
Plön. 3 fr. 50 c.
Wharton, Edith. Sous la neige. 2. Ed. 272 p. Paris,
Librairie Plön. 3 fr. 50 c.
I^afagfe, I^eon. Le bei ecu de Jean Clochepin. 314 p. Paris,
Bernard Grasset. 1911. 3 fr. 50 c.
Capillery, Lionis. Mais Vamour passa Roman. 1912.
297 p. Paris, Bernard Grasset. 3 fr. 50 c.
Segre, Adrien. L'inceste legitime. 1912. 200 p. Paris,
Eugene Figuiere et Gie. 3 fr. 50 c.
Der anspruchsvolle, feinschmeckerische Romanleser liebt
Gedanken, der naive geschmacksrobuste will Handlung. Ge-
danken und Handlung verbinden: das ist eine hohe Kunst. Ich
freue mich, auf einige Neuerscheinungen hinweisen zu können,
die beweisen, daß ihr Autor diese Kunst versteht. Paul Acker
läßt in Les deux cahiers eine Frau der älteren Generation ihre
Jugenderinnerungen hervorsuchen und im Zusammenhang vvider-
geben; sie wirken doppelt durch den Kontrast zu dem Heft, in
dem die Tochter der Schreiberin ihre Erlebnisse aufgezeichnet
hat und aus dem wir zwar viel weniger, aber doch auch manches
Charakteristische erfahren. Zwei Generationen der französischen
Frau stehen vor uns: die häusliche, fleißige, zurückgezogene,
auf eine bescheidene Bildung gewiesene Frau der alten Art, —
und die selbständige, weniger Herz als Verstand und Umsicht
zeigende, von allen Elementen neuester Bildung naschende,
sportbegeisterte, unruhig die Welt durchmessende Frau modernen
Stils. Vielleicht sind die Gegensätze reiclilicli scharf gezeichnet ;
vielleicht muß man die Schilderung auf einen Teil der Glieder
der beschriebenen Frauengenerationen einschränken; wir haben
doch eine sehr interessante, kulturhistorisch beachtenswerte
Darstellung vor uns, die, mit Liebe entworfen und mit Feinheit
durchgeführt, aucli der nötigen Frische der l^ntwiekhing nicht
entbehrend, das Interesse dauernd fesselt. Daß der Verfasser
die Vertreterin der alten Art schließlich auch ein Verständnis für
die neue Art gewinnen läßt, ist sachlich wohl begründet und in
geschickter Weise zum Abschluß verwertet. — Unmittelbar an
die Seite dieses Buches gehört Henriette de Vismes: Les
petites änies. Wie dort zwei Frauenty]ien, so werden hier zwei
Mädchentypen einander gegenübergestellt; in Tagebücliern und
Briefen schütten zwei kleine zwölfjährige Pariserinnen in kind-
licher Weise ihr Herz aus. W^as der Sache Wert gibt, ist, daß
beide in ganz verschiedenen Umgebungen leben und unter ganz
226 Referate und Rezensionen. M. Schian.
verschiedenen Erziehungsmethoden aufwachsen. iJie eine wird
in einem überaus modernen Institut unterrichtet, die andere
durch Klosterschwestorn. Diese letztere tritt stark in den Vorder-
grund; ihr Schicksal wird am genauesten geschildert. Aus iliren
kindlichen Zeilen lernen wir auch ilire Mutter kennen und ahnen,
was ihr das Herz bewegt; schließlich ist es die Kleine, die der
Mutter über eigene Pfliclitversäumnis die Augen öffnet. Der
Abschluß ist reichlich dramatisch; die Detailschilderung der
Erziehungsmethoden und -Resultate maclit der von spannenden
Familienercignisscn Platz. Aber wenn wir auch jenes Thema
noch gern genauer ausgeführt gesehen hätten, das Buch bleibt
ein hübsches Dokument aus der Geschichte der zeitgenössischen
französischen Erziehung. Daß die Sympathien der Verfasserin
auf Seite der religiösen Genossenschaften zu stehen scheinen,
kann dies Urteil nicht ändern.
Von ganz anderer Art ist der doch zur gleichen Gruppe ge-
hörige Roman von Gh. Jeandet: Qui sdme le Vent Er
gibt nicht mehr und nicht weniger als eine mit zahllosen
Details ausgestattete, düster gehaltene, anklagende Schilderung
der französischen, insbesondere der Pariser Ecole laique. Sie
knüpft an eine einzelne derartige Schule an, die ins Quartier
Saint-Labre verlegt und als von Proletarierkindern, ja von
Sprößlingen von ,, Apachen" besucht beschrieben ist. Alles,
was zur Kenntnis dieser Schule gehört, kommt unter Jeandets
Stift: das Lehrerkollegium, dessen eines Mitglied den Mittel-
punkt der sehr geringen „Handlung" bildet, die Inspektoren,
das Schulpersonal, die Kinder, die Eltern der Kinder. Was
wir da hören, ist freilich erschütternd; Jeandet hält es für
nötig, vorauszuschicken: Nous ne sommes ni chez les Botocudos
ni dans les anciens Etats pontificaux, ni dans la belliqueuse
et vertueuse AUemagne; mais a Paris, capitale de la Republique
•francaise, laique, democratique et pacifique, et Lumiere du
Monde. Man glaube übrigens nicht etwa, daß der Autor die
Laienschule zugunsten der klerikalen Schule bekämpft; im
Gegenteil, die erstere hat ihm noch nicht genügend energisch
mit der Kirche gebrochen; ganze Seiten lang ergeht er sich
in karikierenden, ja persiflierenden Ausfällen gegen die christ-
liche (katholische) Sittlichkeit. Er ist darauf gefaßt, daß man
ihm auf seine Anklage antworten wird: G'est du pathos, et du
plus pitoyable. Aber er warnt: Qui seme le Vent Jedenfalls
ist das Buch eine ganz außerordentlich interessante, und (selbst
wenn man manches auf das Pathos schiebt) hervorragend in-
struktive Lektüre, die der Erforscher zeitgenössischen Lebens
zu studieren nicht unterlassen wird. Daneben sei der Sprach-
forscher auf die große Fülle von Parisismen und von Sonder-
ausdrücken aus der Schüler- und Proletariersprache aufmerksam
gemacht.
Segre, Adrien. L'incesie legitime. 227
In diesen drei Romanen überwiegt die Gedankendarbietung
weitaus die Handlung. Eine weitere Gruppe bringt in erster Linie
Handlung, aber in der Handlung Gedanken. Man kann sie als
„Gesellschaftsromane" ansprechen. Unter den diesmal vor-
liegenden, soweit sie hierher gehören, steht Henri d e R e g n i e r's
L'Amphisbene billig voran; es zeigt eine feine Kunst der Dar-
stellung, minutiöse psychologische Arbeit, sehr sorgfältige Milieu-
schilderung und bei aller Ausführhchkeit doch recht fesselnde
Entwicklung. De Regnier zeichnet mit sicherem Stift eine große
Anzahl Typen aus der heutigen französischen Gesellschaft; er
karikiert nicht, obwohl er zuweilen recht kräftige Striche braucht;
er beschönigt nicht und malt nicht schwarz; er urteilt auch
nicht, obwohl zum Urteilen sehr wohl Grund wäre; er zeichnet
nur Menschen, wie er eben Menschen sieht; daß er sie s o sieht,
ist uns interessant. Namentlich gilt das von der Heldin und
dem Helden, in deren eigenen Aufzeichnungen oder Briefen die
Erzählung verläuft. Uns Deutschen werden auch die moralischen
Anschauungen der beiden beschäftigen; die junge Geschiedene
gibt sich nach sehr langer, sehr ernster (dafür eigentlich fast
zu ernst erscheinender) Überlegung dem um sie Werbenden
nicht etwa zur Frau, obwohl er sie heiraten will, sondern zur
Maitresse. In einem deutschen Roman könnte uns Ähnliches
wohl auch begegnen, aber kaum unter den gleichen Voraus-
setzungen, kaum bei einem solchen Charakter, kaum mit solcher
Selbstverständlichkeit. Man kann also Völkerpsychologie treiben,
wenn man das liest. Ähnhch reizt auch sonst mancher Charakter
zum Nachdenken.
Sehr hübsch ist in R a m e a u s La route bleue die
Schilderung des politischen Lebens mit einer Handlung ver-
bunden, die an sich ziemlich einfach ist, ja sogar gewisse
schematische Züge zeigt, die aber doch anmutig erzählt ist.
Auf die Tendenz, die ziemlich deutlich betont wird (das gut-
herzige, selbstlose, opferfreudige Mädchen triumphiert endlich
über die egoistische, kalte, berechnende Frau), möchte ich
nicht viel Gewicht legen; aber die Blicke hinter die politischen
und gesellschaftlichen Kulissen, die uns der Roman tun läßt,
sind mir wertvoll gewesen, ebenso wie mir die warmherzige
Art, Charaktere zu zeichnen und Entwicklungen zu schildern,
Freude gemacht hat.
Einen Grad weniger geschickt in der Charaktersohil(i(M-uug
und in der Art, die Menschen und ihre Geschicke zu verknüpfen,
ist H. B a r a u d e. Fast scheint es, als ob (soll das aucli der
Titel La voie maiwaise andeuten ?) bei ihm sich eine gewisse
moralische und religiöse T(>ndenz bemerkbar machte; nicht gerade
im einzelnen aufdringlich, aber doch das Ganze stärker und
etwas äußerlicher leitend, als künstlerisch richtig ist. Die dem
RomnTi zu ui'imiie liegende l'nhel ist eine l)ur<'l'Sihiiiltsf;"ibel,
228 Referate und Rezensionen. M. Sciüan.
und die Charaktere entbehren der feinen individuellen Besonder-
heit. Dennoch gibt manches in dem Buch dem deutschen Leser
zu denken. Dahin rechne ich namentlich die mancherlei Dis-
kussionen, die in das politische und religiöse Gebiet schlagen.
Der Freigeist, der sein Leben lang gegen die Kirche gekämpft,
dann aber, plötzlich von tödlicher Verwundung ereilt, nach dem
Priester verlangt, ist wohl auch nicht nur Tendenzprodukt.
Sous la Neige ist eine schlichtere Erzählung. Der Schau-
platz ist nicht Frankreich, sondern ein kleiner Ort in Nordamerika.
So kommt sie denn auch für die Kenntnis französischen Lebens
nicht in Betracht. Auch fehlt iiir der Einschlag modernen Lebens,
weiter reichender Gedanken«, Die Handlung ist ganz auf rein-
und allgemeinmenschlichen Motiven aufgebaut. Aber Edith
W h a r t 0 n hat es verstanden, dem von eigentümlichem Ge-
schick getroffenen Mann, der im Mittelpunkt steht, die volle
Teilnahme des Lesers zu sichern. Er ist, um einen Ausdruck
von Ernst Zahn zu brauchen, ein ,,Held des Alltags", Und
die Art, wie sie das Geschick allmählich vor den Augen des Lesers
werden läßt, ist sehr geschickt. Alle Sensation fehlt: auch das
ist ein Vorzug. Also ein zwar nicht instruktives, aber ein mensch-
lich tiefgreifendes Buch, das uns innerlich beschäftigt.
Dieser Gruppe gesellt sich die Novellen- und Skizzensamm-
lung zu, die L a f a g e nach dem ersten und längsten Stück
Le bei ecu de Jean Clocliepin genannt hat. Sie umfaßt im ganzen
21 Nummern; die meisten sind sehr kurz gehalten. An Wert
sind sie einander nicht gleich ; aber sie zeigen eine tüchtige Gabe,
irgend eine Kleinigkeit aus der Fülle des Lebens herauszugreifen
und gewandt zu pointieren. Die Titelnovelle entbehrt dabei
freihch der rechten Einheitlichkeit; die kleineren Skizzen sind
geschlossener. Die Stimmung in ihnen ist verschieden; nicht
selten zeigen sich Ironie und Satire, aber das Gemüt spricht
auch mit. Im ganzen eine Sammlung, die Beachtung verdient.
Merkwürdig fast, daß man eine ganze Reihe Romane, ja
französischer Romane anzeigen kann, in denen nicht die Liebe
das beherrschende Moment bildet ! Von den bisher besprochenen
geht nur L'Amphisbene in den Bahnen der Entwicklung von
Neigung und Liebe ; in den anderen spielen diese Fragen höchstens
eine Nebenrolle, mehrfach gar keine Rolle. Nun aber präsentiere
ich einen echten Liebes-, besser noch: Verhältnisroman: Mais
i'Amour passa von L, C a p i 1 1 e r y. Eine verheiratete
Frau geht zugrunde, weil die Liebe des Geliebten zu Ende geht.
Das Thema ist ohne Szenen, die an die Sinnlichkeit appellieren,
dagegen nicht ohne allerhand gewandte Landschafts- und Men-
schenschilderung behandelt; aber man kann nicht sagen, daß
der Inhalt irgend Neues brächte. Die Besonderheit der Thema-
wendung vermag keinen ausreichenden Ersatz dafür zu bieten.
Sieht man das Buch unter dem Gesichtspunkt des Worts von
Fort, Paul. UAventure Eternelle. 22&
Michon an, das als Motto dient: „La femme est une fleur que
Ton fletrit pour en avoir les parfums", so werden freilich aller-
hand Betrachtungen rege. Aber der Roman selber bietet nur
die Schilderung; die Gedanken dazu muß man sich selber machen.
Endlich : L'inceste legitime von A. S e g r e. Ein Roman,
der nichts als Handlung hat. Viel, sehr viel Handlung, Hand-
lung mit Sensation, Schändung, Duell, Rache, Mord und Tot-
schlag. Alles kräftig gepfeffert. Und nichts als solche Hand-
lung. Besser: nichts als Handlungen. Also nur für Menschen,
die von einem Buch lediglich Handlung verlangen.
Gießen. M. ScHlAN.
Fort, Paul. L'Aventure Eternelle. Ballades frangaises, dou-
zieme serie suivie de: EnGätinais, Paris, Figuiere, 1912.
~ — Montlhenj-la-Bataille. Ballades fran^aises, treizieme
Serie suivi de VAventure Eternelle Livre II, Paris,
Figuiere, 1912.
La Vision d'un poete, chantee en Strophes ailees d'une
harmonie exquise et precieuse, voilä toute la substance de En
Gätinais et de Montlhery-la-Bataille: vision qu'on dirait picturale
si les brumes lumineuses et les intangibles nuances ne semblaient
peintes avec de la musique vivante.
La subtile prose r^^hmee, degagee des experiences fecondes,
s'est peu ä peu depouillee d'un reste d'etrangete ou d'excessive
recherche, et revet meme parfois une perfection classique, une
forme sculpturale qui repose du reve:
«Une main sur son arc il avait haute gräce. L'autre main sur
ses yeux leur limitait l'espace. II ^tait grand et souple, il (^tait ma
foi beau, le pied hardi pose pres d'un nid d'hirondeaux, tout au bord
du creneau vers l'abJme. Ce n'etait Apollo, mais un archer du roi.
II se penche ä präsent, comme pour prier Dieu, mais c'est pour
ecouter des charrois au lointain. Son cceur hat fort sans doute
en sa poitrine ^troite qu'oppressee il console en y posant sa droite
comme une marguerite, au bas du gorgerin.»
Dans L'Ai'enture Eternelle, Paul Fort a voulu enclore en
leur veh^mencc, tous ses cris d'enfant douloureux. Ici, plus
de lumiere, plus d'horizons illimites, mais une ombre inquiete,
un vent glacial, la solituile et l'angoisse de la Mort, comme dans
les vers precurseurs et singulierement emouvants de La Tristesse
de l'Homme.
G i e s s e n. Lucien-Paul Thomas.
Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIX'/". 16
Miszellen.
X^e (?) proniier et len dernier«!» ütonnets iniprini^» de
Philippe» Des Portes.
I.
Quand Des Portes fit imprimer ses Premieres (Eiwres en 1573,
ä Tage de vingt huit ans, deux fois auparavant il avait cede aux
sollicitations des imprimeurs. En 1572, Lucas Breyer, marchant
Libraire ä Paris en sa maison au bout du pont sainct Michel en allant
au marche neuf, s'estoit enhardy de demander ä Monsieur Des-portes
qu'il souffrist mettre en lumiere les Imitations de TArioste qui estoient
de sa faQon, et le jeune poete se laissa faire une douce violence. En
1569, Robert Estienne fit appel aux poetes grecs, latins et frangais
pour elever Le Tumheau du seigneur de La Chastre, dict de Sillac. Et
Desportes composa pour la circonstance un Sonnet, la prämiere ceuvre
de lui qui, semble-t-il, ait ete imprimee: il se trouve au v" du F. B ij.
SONET.
C'est en vain desormais que la mere Nature
Travaille ä faire veoir des ouvrages parfaicts,
Puis qu'ils sont par la mort si promptement desfaicts,
Et que le plus parfaict est celuy qui moins dure.
Peintres mal-avisez, qui par vostre peinture
Faites la mort sans yeux, reformez vos port[r]aicts:
Tousjours au plus beau but eile addresse ses traicts,
Et n'en tire Jamals un seul ä l'aventure.
Ell'a choisi Sillac entre mille soldars,
Sillac choisi d'Amour, d'ApoUon, et de Mars,
Et d'un coup, de trois dieux l'attente ell'a ravie.
Mais las! ell'est sans yeux: car s'ell' eust veu les pleurs
Qu'ont respandu sus luy les beaux yeux de ses seurs,
Ell' eust este contrainte ä luy rendre sa vie.
DESPORTES.
II.
Lorsque l'abbe de Bomport mourut en 1606, il paraissait avoir
abandonne la poesie erotique pour la muse chrestienne et il ne semble
pas que les Premieres ffiuvres aient ete reimprimees apres les editions
de 1600, ä Paris et ä Ronen. II est vrai qu'il obtint un Privilege
le 17 Fevrier 1603 «pour faire imprimer . . . toutes les oeuvres qu'il
a composees, tant en prose qu'en vers, et nommement la version de
tous les Pseaumes de David, qu'il a nouvellement mis en vers Frangois:
pour le temps de neuf ans . . .>> mais ce Privilege, cede ä Raphael du
Petit Val le 12 Mars 1603 par le poete lui-meme, ne servit, de son
vivant, que pour les Pseaumes et les (Euvres et Poesies chrestiennes.
Et ce ne fut qu'en 1607 que parurent les Premieres Oevvres . . .
Derniere edition, reveüe et augmentee par V Auteur (A Ronen, De
rimprimerie de Raphael du Petit Val Libraire et Imprimeur).
Miszellen. 231-
Cette edition, dans laquelle ne figurent pas les Poesies chretiennes,
ne renferme pas moins de 421 sonnets, dont six ne se lisent point dans
les editions precedentes, notamment dans Celles de 1600. Ils sont
tous places dans les Diverses Amours, les cinq premiers numerotes
III, XIV, XV, XLV et XLVI et le sixieme ecrit sur un portrait. A
quelle date furent-ils composes? il est malaise de le savoir et aussi
d'affirmer que le poete les a lui-meme disposes ä la place qu'ils occupent,
en particulier XLV et XLVI qiii suivent les 25 «Stances du mariage>.
La typographie du volume est fort mauvaise et il semble que les
caracteres de ponctuation aient fait defaut ä I'atelier rouennais.
1 (III).
Quand vous pensez couvrir vostre amour incensee,
Et faignez dedaigner ce que vous estimez
Vos desirs retenuz s'en fönt plus enflamez
Et d'un coup plus profond vostre ame est enfoncee:
Vostre palle couleur vostre grace forcee,
Vos Soupirs vos langueurs montrent que vous aymez
Vous vous trompez donc fort lors que vous presumez
D'aveugler un amant qui list dans la pensee.
J'avois nourry mes feux secrettement ardans
Douze ans, brulant tousjours entre mille accidens,
Et j'en sens tout ä coup la chaleur refroidie:
Quand j'y pensois le moins j'ay mon coeur recouvre
Car en vous captivant vous m'avez delivre,
Et dois ma guarison ä vostre maladie.
2 (XIV).
Si l'amour des l'enfance entre nous commencee,
Devoit finir par eile au tans moins espere
Sans beaucoup l'accuser j'eusse tout endure
Pourveu que d'un beau trait eile se fust blessee.
Mais ce qui jusqu'au vif poingt mon ame offensee
C'est qu'un clair jugement se soit tant egare
Quand j'estimois son coeur m'estre un roc assure
Et qu'elle me faignoit le Dieu de sa pensee.
Ses propos m'ont trahy sa douceur m'a pippe
O que je suis heureux de m'en voir eschappe
Et que sa fiction m'ait este decouverte
N'y pensons plus mon coeur quittons la pour jamais
Elle y aura regret esprouvant desormais
Que le gain qu'elle a fait n'est pas tel que sa parte.
3 (XV).
Qui l'eust jamais pense qu'une femme de ville
Avec sa modestie et ses douces fa^ons
M'eust apris d'un regard tant de doctes le^ons,
Et randu mon esprit de sujets si fertile.
Le sou-ris de Venus tant d'Amours ne distilc,
Sa voix et ses propos tendent des hame(,"ons.
Et n'y a si vieux coeur rempare de gla^ons
Qui ne soit penestie de flaine si subtile.
Ses attraits nonchalans pleuveiit inille Irespas,
Et croiriez, vous tuant, qu'elle n'y pense pas
Bref, tout son artifice est la n\esme nature.
Le doux feu de ses yeux brule saus consumer,
Mais ö mon bon Demon garde moy de l'aymor,
Tous ses coups vont au coeur, mortelle est leur pointure.
4 (XLV).
Ha je vous entens bien ces propos gracieux,
Ces regars derobez, cet aymable sourire,
16*
282 Miszellen.
Sans me les dechiffrer je s^ay qu'ils veulent flire,
C'est qu'ä mes ducalons vous faites les doux yeux.
Quand je conte mes ans Tithon n'est pas si vieux,
Je ne suis desormais qu'une mort qui respire,
Toules fois vostre coeur de mon amour soupire,
Vous en l'ailes la triste et vous pleignez des r.ieux.
Le peintre estoit un sot dont l'ignorant caprice
Nous peignit Cupidon un enfant sans malice,
Garni d'arc et de traits, mais nu d'acfoustrement:
11 falloit pour carquois une bourse luy pendre,
L'habiller de clinquant, et luy faire respandre
Rubis ä pleines mains, perles, et diamans.
5 (XLVI).
Ciarice aux blonds cheveux qui sembloit estre nee
Pour ravir les autels et la gloire ä Cypris
Chere prison des coeurs, doux brasier des esprits
Est nouvelle Angelique ä l'ourque abandonn6e.
Ce sont de tes beaux jeux, 6 meschant Hymenee
Qui remplis les amants de sanglots et de cris,
Le merite et Tamour par luy sont ä mespris,
Et la volonte libre, en triomphe est menee.
Que de pleurs sans profit, que de Dieux invoquez,
Que de desseins rompus, que d'Amours suffoquez,
Elle en ce desespoir est un marbre immobille:
Reprochant sans parier au ciel sa cruaute,
Et dit bas en son coeur, ha maudite beaute
Tu m'es bien de nature un present inutile.
6.
Du Portrait du sieur de Vandes, Medecin du Roy, autheur des Flammes
saintes.
Amour avisant ce portrait,
Tout soudain le perga d'un trait,
Pour se vanger des flammes saintes,
Qui les siennes avoj^ent estaintes.
Tu as mon ouvrage deffait,
Dict le paintre, Amour, qu'as-tu fait,
Laissant le vif, et ta sagette
Perdant sur l'image muette?
Amour respond: Je n'y puis rien,
Rien n'y sert mon arc, mon lien,
Si je l'approche, il faut me rendre.
Pour son art, ses vers, et sa voix.
Au lieu d'un que je pense prendre,
Je deviens esclave de trois.
Le dernier sonnet se rapporte au recueil de Denis Pouree, sieur
de Vandes, public ä Caen en 1588 et reimprime ä Rouen en 1595.
Veyrieres, dans sa Monographie du Sonnet (I, 202) signale le sonnet
de Desportes, mais ne dit pas si le medecin poete en fut satisfait et
l'insera en tete de ses Flammes saintes.
Depuis la redaction de la präsente Note et pendant son impression
a paru la neuvieme serie de l'inestimable Bibliographie Lyonnaise de
M. Baudrier. A la page 11, l'infatigable auteur decrit le recueil
d'Epitaphes sur le tombeau de . . . Anne de Montmorancy, publie
par Ph. G. de Roville en 1567: le v" du F. Fij renferme deux
epitaphes en vers [? sonnets] par Ph. Desportes et par Loys d'Orleans.
H. Vaganay.
Miszellen. 233
IVachtrag zu Zschr. XXXLXi, 71 ff.
(Z. Veng. Rag.) S. 77, V. 3838. Schon qui sorvoit mit objekts-
losem sorvoit, „welcher überschaut, Überschau hält", wäre angängig
— S. 89 zu V'. 186. soi wird sich in Ne nonme soi ne son päis wie bei-
spielsweise in Ne soi ri'atrui set consoillier Cuers lenz qui bien ne sei
voillier, Ly. Ys. 3165, allerdings auf das Subjekt beziehen müssen,
wie auch Ebeling meint; die scheinbar vergleichbaren Verse 838 und
874 zeigen soi nach einer Präposition. Subjekt ist dann an Stelle des
Briefes der Tote selbst, der sich und seine Heimat vermittelst des
Briefes nicht nennt. — S. 89, V. 386. Zu Gaufr. 83 läßt sich Et pieres
et bastons li rüent, Guill. d'Angl. 802, stellen. — S, 91 zu 700. Nur in
verneinten Sätzen kann por, wie Ebeling mit Recht bemerkt, kon-
zessive Bedeutung tragen (in dem bejahenden Satze Ch. S. Gille 168
sei es final). Da nun por atendre anemi mortel. . weder als Bestimmung
des Zweckes noch als Bestimmung des Grundes zu irai prendre Vostel
paßt, wird man die Worte Por . . contredira an Dehet ait qui retornera,
698, anlehnen und por kausal, ,, wegen Erwartens.., weil ich ... zu
erwarten habe", verstehen müssen (zu kausalem por c. Inf. vgl. Si
vos pruis . . Qu'uns cors ne puet deus cuers avoir Por autrui volonte
savoir, Clig. 2848; Mult fu pur li ainer destreiz, MFce. 2 Am. 79, aus
Veng. Rag. selbst V. 2649). qui retornera, ,,wer umkehren wird",
zielt auf die Person des Sprechenden, Gavains, selbst; der Übergang
vom ,,er" zum ,,ich" von por 700 ab wird daher begreiflich und ist
auch stützbar, vgl. Dehait ait qui tant Va cacie, Se je ne le vois ja re-
querre, Veng. Rag. 5318; Mal dehait qui laira por pourete Que jou
ne voise en France al roi parier Aiol 157. — S. 98 zu V. 1973. Über
par mals. A. Tobler, Prov. Vil. S. 135. — S. 99 zu V. 2124. come
duldet den Obliquus statt des Nominativs nach sich; Ebeling macht
mich aufjDiez IIP, 51 und Foerster zu Chev. Ly. 1322 und zu Aiol
6245 aufmerksam, und ich füge noch hinzu Ebeling, Probl. d. rom.
Synt. S. 168. come un loquet ist daher einwandfrei und auch in V. 2742
wäre .i. honme bei Einschaltung von come an und für sich zulässig;
dies berührt indessen meinen Besserungsvorschlag zu V. 2741, s. S. 103,
nicht, nebst welchem somit auch derjenige zu V. 2742 gültig bleibt.
— S. 105, zu V. 3008. qui respont und so zugleich das Reimwort
Druckfehler für se. haut wird hier im Reime mit vaut überliefert, ist
genau geschrieben aber haust, so daß ein verdachtiger Heim entsteht.
G. CoiiN.
Äu Kacincs Britannicus Vers 208 (I, 3, SO).
Die Verse 207 und 208, in Racines Britanniens:
Thraspas au senal, Corbulon dans l'armee,
Sont encore innocents, malgre leur renommee,
haben in Mesnards Ausgabe die Thrasea und Corbulo betreffemitMi
geschichtlichen Mitteilungen erhalten, jedoch keine weitere Erklärung
des Sinnes gefunden. Der zweite der beiden \'erse fordert jedoch
gebieterisch eine Erläuterung, weil auf den ersten Blick ein feindliches
Verhältnis zwischen innocence und renommee nicht ersichtlich ist.
Das hat denn auch mit Recht bereits Dr. E. Franke 1877 in seiner
Ausgabe (Berlin, VVeidmannsche Buchhandlung) Anlaß zu einer Be-
merkung gegeben, die er in die Worte hüli:^ 'inmnrnt (im antiken
Smne) „unsträflich, r e c h t s c h a f f e n" bildet einen Gegensatz zu
r e n o m m e e: in jenen Zeiten der Corruption pflegte eben eine her-
vorragende Stellung die Rechlscliaffenheil auszuschließen.' Diese
234 Miszellen.
Anrnerkiiiii,' lial Williclin Sc.fiofrior 1889 in seiner hfi W'llKtgi'n &. Klasing
erscliienenen Ausgabe dem Sinne nach iibernfjmmen, nur hiilt er es
für nötig, zu innocent (rechtsrhaffen) hinzuzusetzen: ^exempt de tout
vice. Sc dit dans un scns analogue dt la cnnduLle, des aclions, etc. fAcad.J.'
Der Zusatz verrilt, daf3 ihm einige Bedenken darüljer gekommen sind,
ob innocent auch die Bedeutung ,, rechtschaffen" haben könne. Icfi
bestreite es geradezu, denn unschuldig, schuldlos einerseits und recht-
schaffen anderseits sind offenbar verschiedene Begriffe, die sich viel-
leicht einmal wie integer vi ta? und sceleris purus mit einander vereinigen
können, aber doch immer etwas Verschiedenes besagen, exempt de
tout vice soll nur eine Umschreibung von unschuldig sein, die wegen
des Ausdruckes vice statt etwa crime nicht sehr gelungen ist. Larousse
erklärt innocent durch qui n'est pas coupable; qui ignore le mal; simple,
trcs naif; depourvu de malice; benin, inojjensif. Darunter findet sich
nichts, was gleicher Bedeutung mit rechtschaffen wäre. Außerdem
erscheint der Gedanke, daß der scheinbare Widerspruch zwischen
innocents und renommee sich daraus erkläre, ,,daß in dem verderbten
Rom hohe Stellung und Rechtschaffenheit sich auszuschließen schienen
(Scheffler)", etwas schwer begreiflich. Der Haupteinwand jedoch,
den ich gegen diese Erklärung der Stelle zu machen habe, beruht
darauf, daß sie sich mit dem Zusammenhange, in dem die beiden Verse
zum Voraufgehenden und Folgenden stehen, nicht verträgt. Mit
den Worten Borne le fustifie, Vers 199, beginnt Burrhus eine Lob-
preisung der Regierung des Nero, und es ist daran festzuhalten, daß
auch die Verse 207 und 208 auf Neros bisherige (encore) Regierungs-
weise Bezug nehmen. Daraus ergab sich für mich von vornherein
als Sinn der Stelle: Thrasea im Senate, Corbulo im Heere sind noch
schuldlos, trotz der hohen Stellung, die unter einem anderen Kaiser
als Nero hingereicht haben würde, sie mit Schuld zu beladen, und
gewiß ihren Sturz und Untergang herbeigeführt hätte. Es hat mich
gefreut, mit dieser Erklärung der Stelle nicht allein zu stehen: in
B. Lengnicks Ausgabe (3. Aufl. 1909, Leipzig, Rengersche Buchh.
Gebhardt & Wilisch) findet sich S. 67 die Anmerkung: "208. innocents.,
d. h. ihr hohes Ansehen und ihre hervorragende Stellung wurden
ihnen nicht zum Verbrechen angerechnet, was doch sehr häufig unter
den Kaisern der Fall war." Das encore vor innocents bedeutet natürlich
im Munde des Burrhus weiter nichts, als daß Nero auf die beiden
Männer bisher keine Schuld gehäuft hat; der Dichter deutet jedoch
damit an, und die Hörer der Worte entnehmen daraus (wie auch aus
den letzten Worten des Burrhus 219. 220, w'o er die Römer glücklich
preist, wenn die Tugenden Neros alljährlich seine ersten Jahre wieder-
bringen), daß später darin eine Wandelung eintreten wird.
Dortmund. C. Th. Lion.
„Koninientar überflüssig**?? Nicht ohne Heiterkeit wer-
den die deutschen Kollegen — und nicht ohne Bedenken manche der
französischen, wie ich zu ihrer Ehre annehmen möchte — von der neu-
esten Art der Glorifikation des eigenen Schulwesens Kenntnis ge-
nommen haben, wie sie uns in einer Notiz der Langues Modernes, 1912
Heft 1/2 S. 53 in Form eines Tableau resumant les appreciations de
M. Saineanu (soll wohl heißen &aineanu — der bekannte Romanist?)
entgegentritt, eines rumänischen Schulmannes, der im Auftrage des
Unterrichtsministeriums Deutschland, Frankreich und Italien zum
Studium des Schulwesens, insbesondere des fremdsprachlichen Unter-
richts in diesen Ländern, bereist hat. Alles, was uns Les Langues
Modernes von den Ergebnissen dieser Studienreise mitteilt, beschränkt
sich auf das erwähnte Tableau, das unter Angabe der Gesamtzahl der
Miszelka. 235
in jedem Lande angehörten Lektionen folgende Abschätzung der an-
getroffenen unterrichtlichen Leistungen bringt:
Berlin: 45 legons ^14 antipedagogiques, 20 mediocres, 11 pedago-
giques).
Paris: 32 leQons (p a s u n e antipedagogique, 13 mediocres, 19 peda-
gogiques).
Italic: — das scheint mir übrigens nicht ganz gerecht, die Billigkeit
hätte verlangt, sich auch hier lediglich an das hauptstädtische
LTnterrichtswesen zu halten — 09 lenons (31 antipedagogiques, 22 me-
diocres, 10 pedagogiques). Dazu fügt der Herr Berichterstatter die
Bemerkung : C e s chiffres s e p a s s e n t de c o m m e n t a i r e s.
Und gegen diesen Satz erscheint es mir im Interesse aller etwaigen
weiteren statistischen Veröffentlichungen vorliegenden Genres denn
doch unerläßlich, energisch Einspruch zu erheben. Ich betone: nur
gegen diesen. Denn wollte ich im allgemeinen die Zweckmäßigkeit
oder überhaupt nur die Berechtigung einer solchen appreciation durch
einen einzelnen (mir scheint, daß irgend welchen Wert nur das Urteil
einer sorgfältig zusammengesetzten internationalen Kommission haben
könnte) hier in Zweifel ziehen oder gar die Frage aufwerfen, ob es-
geschmackvoll ist, daß die Verkündung des Ergebnisses derselben
gerade von seiten der dabei am günstigsten beurteilten Lehrerschaft
erfolgt — ich gestehe, daß ich in dieser Beziehung dem Verhalten eines
Berliner Kollegen den Vorzug gebe, der angesichts eines überschwäng-
Hchen Lobes seitens seines (japanischen) Gastes über eine in der An-
fängerklasse vorgenommene englische Besprechung des schon memo-
j'ierten Lesestücks nicht eher ruhte, als bis er das allzugünstige Urteil
durch den detaillierten Nachweis, daß die Schüler lediglich mit nahezu
wörtlich wiedergegebenen Sätzen der Vorlage geantwortet hätten,
auf das richtige, d. h. also auf ein sehr bescheidenes Maß zurückgeführt
hatte — , wollte ich dieses und manches andere hier anführen, z. B.
auch, daß das Verfahren eines bekannten deutschen Schulmannes,
der nach Ausführung einer ähnlichen Studienreise, in einem umfang-
reichen und seinerzeit vielgelesenen Buche eine eingehende Kritik
der angetroffenen Leistungen (sogar mit Nennung der betr. Schulen!!)
veröffentlicht hatte, von der Mehrzahl der hiesigen Kollegen als schwerer
Mißbrauch der ihm erwiesenen Gastfreundschaft verurteilt wurde —
so würde solche Liebesmühe in dem vorliegenden Falle sicher vergeblich
sein und mir nur ein von skeptischem Lächeln begleitetes ,,ils son
trop i-erts, dil-iV^ eintragen. Ich will mir daher solche Erwägungen
und Bedenken gegen das in Rede stehende Appreziationsverfaliren
für den Fall aufsparen, in dem die Beurteilung besonders günstig für
deutsche Schulen ausfallen wird.
Hier soll es sich nur um das ,, Kommentar überflüssig" handeln,
das der Herr Berichterstatter der Longues Modernes seiner Tabelle
anzufügen für gut befunden hat, und das niii' nieht nur aus allgemeinen
Erwägungen, sondern im voi'lii'genden Falle noch aus einem ganz
speziellen Grunde unbedacht und dcplaziert erscheint.
Was ist denn im fremdsprachlichen Unterricht ,, pädagogisch"
und ,, unpädagogisch" — um das ganz vage und auf subjektiver Willküi-
beruliende mediocre völlig beiseite zu la.ssen ? Dem Anhiuiger der giam-
matistischen Methode würde sicher dasjenige l'nterrichtsverfahren
,, unpädagogisch" erscheinen, das den Schüler ohne weiteres in die —
womöglicli nur dem Ohre dargebotene — lebendige Sprache, d. h. in
fertige Sätze oder gar Stücke Iiineinführl. Dem Vertreter der direkten
wiederum gilt es als ,,iuipädagogi.sch" mit Regeln über die Aussprache,
oder mit der Besprechung einzohuM' \okabeln, oder grammatischer
Punkte, z. B. des ,, bestimmten Artikels" usw. zu beginnen. Im letzten
Grunde ist übrigens für den llrteilsfiUiigen nicht die einzelne Stunde
entswheidend, siaulern lediglich das sicli über eine ganze Reihe von
236 Miszellen.
Unterrichtsstunden erstreckende, zu einem gewissen Abschluß der
Belehrung führende Unterrichtsverfahren, bei dem sich erst zeigen
kann, aus welchen Gründen, in welcher Absicht der Unterrichtende
gerade den von ihm gewählten Lehrgang eingeschlagen hat, wie er
das in den vorhergehenden Stunden Vorgeführte in den nacli folgenden
verwertete. Und nach den gelegentlichen Andeutungen in der be-
regten Notiz der Lan^ues modernes ist es in keiner Weise wahrscheinlich,
daß der Herr Begutachter seinen Urteilen immer einen abgerundete/i,
mehr oder weniger abgeschlossenen Stundenzyklus zugrunde gelegt
hat; unter den der Zahl nach angegebenen Stunden befinden sich
sogar solche anderer Fächer als es die fremden Sprachen sind. Schließ-
lich ist zu erwägen, daß die Ausdrücke ,, pädagogisch" und , .unpäda-
gogisch" eine ganz andere Bedeutung erhalten, wenn sie (statt hin-
sichtlich der Methode) mit Bezug auf das allgemeine Verfahren, die
ganze Unterrichtsweise, das persönliche Verhalten und Verhältnis
des Lehrers zu seinen Schülern gebraucht werden. Da nennt der eine es
pädagogisch — und das Gegenteil unpädagogisch — wenn die Jungen
von dem Unterricht so gepackt werden, daß sie im Eifer, in der Begiei'
die Antworten zu geben, von ihren Sitzen aufspringen, manchmal
sogar durcheinander rufen und von Zeit zu Zeit durch ein mehr oder
weniger energisches ,, Ruhiger! Alle hinsetzen usw." zurechtgewiesen
werden müssen. Andern hingegen erscheint es als die Blüte, als die
Krone der Pädagogik, wenn die Schüler auch bei lebhafter Anteil-
nahme an der Darbietung des Lehrers, in musterhafter Haltung und
Ordnung dasitzen, sich nur durch Handaufheben zur Antwort melden
und in lautloser Stille abwarten, bis ein Schüler durch Namensnennung
dazu aufgerufen wird. In diesen verschiedenen Hinsichten war also
der Standpunkt des Herrn Begutachters kurz zu charakterisieren,
oder es war doch genau anzugeben, worauf sich sein ,, pädagogisch" und
,, unpädagogisch" bezog und was es bedeutete — wenn man es wirklicii
für angebracht hielt, seine zahlenmäßige Wertung weiter zu verbreiten.
Aber zu all diesen allgemeinen Erwägungen gesellt sich im vor-
liegenden Falle noch eine ganz spezielle, die jene Mitteilung der Lan^uea
Modernes als wenig sachgemäß und wenig zweckmäßig erscheinen läßt.
Wollte ich's drastisch ausdrücken, so würde ich sagen: die französischen
Kollegen haben diesmal mit der für sie so günstig ausgefallenen Kritik
— ,,Pech" gehabt. Ohne dem Herrn Begutachter persönlich irgendwie
zu nahe treten zu wollen — daß er Rumäne ist, raubt nach allem, was
man aus zuverlässiger Quelle über die gegen w artige Lage der Dinge
im fremdsprachlichen Unterricht der rumänischen Schulen erfährt,
seinem Urteil doch ein gut Teil des ihm unter anderen Umständen
zuzuerkennenden Gewichts, lind zwai' beziehe ich mich hierbei auf
einen unter der Rubrik Cronica ^colarä mit dem Sondertitel ,,0 lipsä
care trehue implinita" (d. li. Ein der Abstellung dringend bedürftiger
Übelstand) veröffentlichten Mahnruf von M. Mihailianu in den Con-
vorhiri Literare, Nr. 1 des laufenden Jahrgangs.^) Der Verfasser
desselben spricht — übrigens mit einer Offenheit, die in Anbetracht
der weiten Sichtbarkeit der Publikationsstelle aller Achtung wert
^) Das betreffende Heft dieser lesenswerten Zeitschrift hat für
Romanisten noch ein besonderes Interesse dadurch, daß es unmittelbar
hinter zwei gedankenreichen Gedichten der Königin von Rumänien
(SO daß also hier einmal, abweichend von Schiller, der ,, Gelehrte"
mit dem König, oder vielmehr der Königin geht) — die in elegantem
Rumänisch abgefaßte Eröffnungsrede Meyer-Lübkes [Cu prilejul
inaugurärii institutului rnman al Unu'ersitätii din Viena) bringt, an der
ich nur das S. 5 über die anderen deutschen Universitäten gefällte Urteil,
daß an ihnen ,,franceza formeaz^ aproape ocupatiunea exdusiv^ a ro-
mani'^iilor" ein wenig hart finde.
M LS Zellen. 237
ist — von der Notlage, in der sich zurzeit das rumänische Gymnasium
hinsichthch des fremdsprachhchen Unterrichts unter den Nachwir-
kungen des erbitterten Kampfes (cräncen räzboi) befindet, der in nicht
weit zurückHegender Vergangenheit gegen jeden Grammatikunterricht
in Volksschulen wie Gymnasien unter der Devise ,,Afar<^ cu gramatica!'^
geführt worden ist und mit der völligen Diskreditierung der Gram-
matik, ja der Erregung eines wahren Hasses gegen sie {prigonirea
gramaticei), einen verhängnisvollen Sieg davongetragen hat. Hat
man sich auch endlich von der Schädlichkeit, ja Unmöglichkeit des
Ausschlusses der Grammatik aus dem Sprachunterricht, wenigstens
in den Gymnasien, überzeugt, so daß der frühere Kampfcoruf „Weg
mit der Grammatik!" dort selbst aus dem Munde der halsstarrigsten
Anhänger der direkten Methode (cei mai ind^r'^tnici pedagogi directisti)
nicht mehr zu hören ist, 2) so wird doch die grammatische Unterweisung
in der Muttersprache sowohl in den Volksschulen wie in den Gym-
nasien noch immer so sehr vernachlässigt, daß selbst tüchtige Schüler
der ersteren, die auf das Gymnasium übergehen, dort beim fremd-
sprachlichen Unterricht oft gänzlich abfallen und daß, was dem Verf.
noch ärger (mai ingrozitor) erscheint, ,,es selbst in den oberen Klassen
der Gymnasien nicht selten vorkommt, daß die Unterscheidung der
Kasus zu einem reinen Raten wird" [nu arare ori se intämpl^ ca deo-
sebirea cazurilor sä fie o curatä ghicitoare chiar pentru elevii claselor
superioare). Er sieht aus solcher unerträglichen Lage keinen anderen
Ausweg als s^ se redeä studiului gramaticei tot prestigiul de alt^dat^
{,,daß dem Studium der Grammatik wieder die alte Ehrenstellung
wiedergegeben werde"), hält es aber — und das erscheint mir ganz
besonders bezeichnend und für die uns hier beschäftigende Frage
bedeutsam — für nötig, gleichsam zur Entschuldigung der in seinem
Vorschlage liegenden Kühnheit, hinzuzufügen: iStiu hine ce furtunä
ar ji in stare sä stärneasc<^^ in lagarul pedagogilor prea umanitari o atare
soluite. Dareunu väz alta. . . (,,leh gebe mich keiner Täuschung hin
hinsichtlich des Entrüstungssturms, den ein solcher Lösungsvorschlag
im Lager der Pädagogen von allzu humaner Denkweise erregen dürfte.
Aber ich finde keinen anderen...")
Und nun Herr Saineanu? Teilt er mit Herrn M. Miliailianu die
Wertschätzung der Grammatik oder doch die Erkenntnis ihrer Un-
entbehrlichkeit ? Oder gehört er zum lagarul pedagogilor prea umanitari,
die dem Schüler das trockene und mülisame Studium der Grammatik
gern ersparen möchten ? Oder gar zu den prigonitori la gramaticei,
cei mai indaratnici pedagogi directisti? Das anzugeben, hätte unbe-
dingt not getan, sollte jene Ap{)reziationstabelle nicht völlig wertlos
bleiben. Und darum irrte der Herr Berichterstatter, wenn er mit
den Worten schloß: «Ces chiffres se passent de commrrilaires."
Schlachtensoe hol Berlin. Theodor Kalepky.
2) Verf. beruft sich dabei auch auf das ausdrückliche Zeugnis
eines Franzosen M. Leautey, Professor am Lazarusgymnasiuiu, der,
bis vor kurzem «»in erbitterter Gegner der Grammatik {fosi pan<i astazi
un infocat prigonilor al gramaticei), im Vorwort /.u seinem l'nterrichts-
buch dei- franz. S|)raclie jetzt offen eingesteht, ca clc^•ul de azi, in
ciuda melodei direcle, nici nu vorheste si nici nu inhdege frantjize te
mai hine ca elci'ii de alta data\ si ueavänd gramatica drcpt cnl'^uz'^, el
scrie jranluzesic incä si tnai rau, d. h., daß der heutige Sciuiler trotz
der direkten Methode französisch nicht besser spricht uo( h versteht,
als die früheren Geiu^'ationen, daß er es aber mangels des Anhalts,
den früher die Grammatik bot, erheblich schlechter schreibt. Dann
klagt er noch über die jammervolle Orthographie und schließt mit
dem Satz: ,,Kein ordentliches Französisch ohne Gramnuitik."
Novitätenverzeichnis.
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des imprimeurs, libraires, correcteurs d'imprimerie, relieurs, fon-
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Paris, Emile-Paul. 1912. Petit in-8, 11-350 p.
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Paris, Plon-Nourrit et Cie. 1912. In-16, XXIV-459 p. avec un
Portrait. 3 fr. 50.
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la grande salle de la Societe de göt>gr;»phie le 12 mars 1912; par
Mgr Tauchet. Paris, Lelhielleux.^ 1912. In-S. -'4 p.
250 Noviiälenverzeichnis.
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— L. Bertrand. Le cinquantenaire de Salaminbo [In: Rev. d. deux
mondes ler juin 1912].
— CUrembray, F. Flaubertisme et Bovarysme. I, Madame Bovary
et In critique. II, Le Champenois Nicolas Flaubert. III. Les Fleu-
riot, d'Argences. IV. Cambremer, Haveron et Boveri. V. Bovary,
de Saint-Maclou de Ronen. VI. M. et Mme Canivet, de Neufchätel.
VII. M. Homais, de Forges. Causeries document(''es, lues en des
i'eunions privees ä X... en-Bray (Haute-Normandie), en janvier
1912. Rouen, A. Lestringant. 1912. In-8, 77 p.
Florian, sa vie, son ceuvre p. G. Saillard. Toulouse E. Privat. Paris,
A. Picard et Fils. 325 S. 8". 7 fr. 50.
Gautier, Theophile. — H. Boucher. Iconographie generale de Theo-
phile Gautier [In: Bulletin du Bibliophile 15 janv. 1912].
Geniis, Madame de, sa vie intime et politique, 1746 — 1830, d'apres des
documents inedits; par Jean Harmand. Preface d'Emile Faguet.
Ouvrage orne de 8 planches hors texte. Paris, Perrin et Cie. 1912.
Petit in-8, XII-558 p.
Grimm, F. M. — P. Wohlfeil. Friedrich Melchior Grimms Beziehungen
zu Frankfurt a. M. [In: Festschr. zum 15. Neuphilologentage in
Frankfurt am Main 1912].
Guerin, Charles par Albert de Bersaucourt. Preface de Francis Jammes.
Paris, Bibliotheque du temps present, Ch. F. Caiilard, edit., 76,
rue de Rennes. 1912. In-16, VIII-168 p. avec portrait et fac-
simile. 3 fr. 50.
Hugo, V. — S. oben p. 248 Seche.
— Stauf V. der March, Ottok. Victor Hugo. Eine Würdigg. 100 S.
mit 1 Bildnis. 8». Pankow-Berlin, E. Eisner, 1912. 2.— Mk.
— Eugene Rigal. La signification du «Satyre» et la philosophie de
Victor Hugo de 1854 ä 1859 [In: Rev. d'Hist. litter. de la France
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— L. Seche. Le «Ronsard de Victor Hugo» [In : Revue de la Renaissance.
Janvier-mars 1912.].
— Seche, L. d'Amy Robsart ä Hernani [In: Revue de Paris. 15 mai
1912].
— Ä. de Bersaucourt. Les pamphlets contre Victor Hugo. Paris,
Mercure de France 1912. 3 fr. 50.
— P. Berret. Le «Satyre>:> et le pantheisme de Victor Hugo [In: Rev.
d'Hist. Utter. de la'France XIX, 2].
— M. Strowski. Victor Hugo [In: Rev. des cours et Conferences XX,
16. 18. 20.].
— Hugo, Victor. Waterloo, Napoleon. Documents recueillis, publies
et annotes; par Hector Fleischmann. Paris, A. Mericant. In-18,
Jesus, XVI-272 p. 3 fr. 50.
Jean d'Outremeuse. — G. Kurth. Etüde critique sur .1. d'Outremeuse
[In: Ac. royale de Belgique. Memoires. Deuxieme serie. T. VII.
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La Bruyere. — G. Servois. Un document relatif ä la confiscation de la
fortune des ancetres de Jean de la Bruyere [In: Rev. d'Hist. litter.
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Novitätenverzeichnis. 251
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ecrivains fran^ais].
— Lamartine p. G. Clouzot et Ch. Fegdal. Paris, Louis Michaud.
2 fr. 25 [La vie anecdotique et pittoresque des grands ecrivains].
— M. Ortensi. Lamartine dans la legende et dans l'histoire, ä propos
d'une nouvelle etude sur la jeunesse du poete. Udine, Tosolini
freres. 1912. 31 S. 8». L. 1.
— Lamartine et la Flandre; par Henry Cochin. Paris, Plon-Nourrit
et Cie. 1912. In-8, XXVIII-444 p. avec 8 grav. hors texte. 5 fr.
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3/4. S. 375—378].
— Charbonnel, J. R. La Philosophie de Lamartine. Les Sourccs
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«Mercure de France». 1912. In-8, 35 p. [Extrait du «Mercure
de France».]
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Conferences XX, 18. 23].
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In-12 oblong, 117 p. 60 cent. [Femmes de France. 10.]
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et Conferences XX, 27].
Maeterlinck ä Bruxelles par Raymond De Ridder [In: La Belgique
artistique & litter. Avril 1912].
Marivaux" Place in the development of Character Portrayal by Edw.
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Marot. — E. Philipot. Sur un amour de Clement Marot [In: Rev.
d'Hist. litter. de la France XIX, 1].
Merimee, P. — Voyslav M. Yovanovitch. ,,La Guzla" de Prosper
Merimee; etude d'histoire romantique. Preface de M. Augustin
Filon. Paris, Hachette 1911. XVI, 566 S. 8».
Michelet, La jeunesse de, p. P. Bourget [In: La Revue critique des
Idöes et des Livres. 10 avril 1912].
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— E. Wechssler. Zum Problem des Komischen anläßlich Molieres
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— Moliere et Madame de Sövigne p. A. Martin [In: Rev. d'Hist.
litter. de la France XIX, 1].
— L. Lacour. La vie passionnelle de Moliere [In: Revue de Paris.
XIX, 7].
Montaigne a-t-il eu quelque influence sur Frangois Bacon (suite) [In:
Rev. de la Renaissance. Janvier-mars 1912 (ä suivre)].
— A. Gazier. L'influence de Mont^iigne [In: Rev. des cours et con-
ft^rences XX, 17].
Montalemhcrt par Victor Bucaille. Paris, J. Gabalda et Cie. Limoges,
editions du «Petit D^mocrate», 16, boulevard Gambetta. 1912.
In-8, 46 p. 30 cent.
Montesquieu als Vorläufer von Aktion und Reaktion. Von Adalberf
Wahl [In: Ilist. Zeitschr. 3. Folge. 13. Bd. 1. Heft].
— Montesquieu e Machiavelli par E. Levi-Mah>ano. Paris, H. Cham-
pion. 1912. In-8, 152 p. [Bibliotheque de Flnstitut fran^ais de
Florence. Universit^ de Grenoble. (K^ sth'ie, T. 2.)].
Musset, A Note on, by G. N. Ucnnitig [In: Mdd. Lang. Notes
XXVII, 4].
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ot fin) [In: Rev. d'Hist. littih-. de la France XIX, 2].
Musset. — F. Strowsky. La jeunesse d'Alfred de Mussei [In: Rev.
des cours et conf(?rences XX, 22].
252 Novitäienverzeichnis.
Palissot. — D. Delafarge. La vie et l'ceuvre de F^alissot (1730 — 1814).
Paris, Hachette et ("<ie. 10 fr.
Pascal. S. oben p. 238 Maire.
— Pascal; par Emile Boutroux, membre de l'Institut, 5^ edition,
revue. Paris, Hachette et Cie. 1912. In-16, 207 p. et portrait.
2 fr. [Les grands öcrivains frangeis.]
— F. Masci. La religione di Pascal. [In: .Sumbolae litterariae in
honorem Julii de Petra. Neapel 1911.]
Pompadour, Madame de. — O. Uzanne. Madame de Pompadour
intellectuelle, com(^dienne et organisatrice de theätre intime. Son
influence sur les lettres. Ses relations avec les litt^rateurs de son
temps [In: Mercure de France, ler mars 1912].
Prevost, Abbe. — Franz Pauli. Die philosophischen GrundansÄiau-
ungen in den Romanen des Abb6 Prövost, im besonderen in der
Manon Lescaut. Marburger Dissertation 1911 [Auch: Marbürger
Beiträge zur roman. Philol. VII].
Prudkomme, Sully. — Samuel Billigheimer. Das religiöse Leben
Sully Prudhommes genetisch dargestellt. Heidelberger Dissertation
1911. VIII, 319 S. 80.
Rabelaisiana von St. Hofer [In: Germ.-rom. Monatsschr. IV, 2].
— Un lendit universitaire ä Montpellier (XVle siecle). L'Acte de
triomphe du docte et gentil Rabelais; par le docteur /. Chabanon.
Illustrations avec portrait authentique et autographe de Rabelais.
Paris, L. Buisson, 1912. In-8, 52 p. 2 fr. 50.
— iL?. M. Waxman. The Religion of Rabelais [In: The Romanic
Review III, 1].
Racine. — Les Ennemis de Racine au XVIle siecle; par F. Deltour.
7^ edition, revue et corrigee. Paris, Hachette et Cie., 1912. In-16,
XIX-394 p. 3 fr. 50 [Bibliotheque variee].
Rimbaud, Jean Arthur, le Poete (1854 — 1873); par Paterne Berrichon.
Poemes, lettres et documents inedits, portrait en heliogravure et
autographe. Paris, «Mercure de France->, 26, rue de Conde, 1912.
In-18 Jesus, 311 p.
Rousseau. — E. Faguei. Les Amies de Rousseau. Poitiers, Societe
frangaise d'impr. et de libr. Paris, libr. de la meme societe. In-16,
433 p. 3 fr. 50 [Le Bi-centenaire].
— Rousseau, J.-J. et le latin p. A. Bioves [In: Feuilles d'histoire n" 5].
— Le dernier ami de J.-J. Rousseau. Girardin, le marquis de, 1735
ä 1808, d'apres des documents inedits p. A. Martin- Decaen.
Preface d'Andre Hallays. Paris, Perrin et Cie. 3 fr. 50.
— A. Meynier. Jean- Jacques Rousseau revolutionnaire. Paris,
Schleicher. 256 S. 12°. 3 fr. 50.
— L. Cahen. Rousseau et la revolution frangaise [In: Revue de Paris
XIX, 12].
— J. Grand-Carteret. J.-J. Rousseau juge par les fran^ais d'aujourd'hui.
Paris, Perrin et Cie. 6 fr.
— Rousseau raconte par des gazettes de son temps, d'un decret ä
l'autre (9 juin 1762 — 21 decembre 1790). Articles recueillis et
annotes par P.P. Plan. Avec un portrait. Paris, Mercure de
France. 3 fr. 50.
— Jean-Jacques Rousseau. Conferences faites ä l'Ecole des Hautes
Etudes sociales en 1912 p. MM. F. Baldensperger, G. Beaulavon,
J. Benrubi, C. Bougle, A. Cahen, V. Dclbos, G. Dwelschauvers,
G. Gastinel, D. Mornet, D. Parodi, F. Vial. Preface de G. Lanson.
Paris, F. Alcan. 6 fr.
— J.- J.Rousseau et sa philosophie p. H. Höffding. Paris, F. Alcan. 2fr. 50.
— J.-J. Rousseau p. J. Fabre. Paris, F. Alcan. 252 S. 16». 2 fr.
— J.-J. Rousseau p. /. Tiersot. Paris, F. Alcan. 3 fr. 50 [Les Maitres
de la musique].
Novitätenverzeichnis. 253
Rousseau. — Maurice Barres. Considerations sur le bi-centenaire de
Rousseau. Paris. Editions de l'Independance. 1 fr.
— Jean-Jacques Rousseau et Malesherbes. Un dossier de la Direction
de la L.ibrairie sous Louis XV. Public sur les documents originaux
p. P.-P. Plan. Paris, Fischbacher. 3 fr.
— Rousseau in England in the Nineteenth Century by E. Gosse [In:
The Fortnightly, Review. July 1912].
— Rousseau als Erzieher. Von Fr. Fürle [In: Grenzboten 26. Juni
1912, S. 603—612].
— Jean- Jacques Rousseau et Malesherbes. Un dossier de la direction
de la librairie sous Louis XV, publie sur les documents originaux,
par Pierre Paul Plan. Poitiers, impr. G. Roy. Paris, libr. Fisch-
bacher. 1912. In-8, 64 p. [Extrait du «Mercure de France», t. 97,
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Sainte-Beuve et le Journal des Savans [In: Journal des Savans.
Avril 1912].
Sevigne, Madame de. S. oben p. 251 Moliere.
— W. Löffler. Die literarischen Urteile der Frau von Sevigne nach
ihren Briefen. Heidelberger Dissertation 1912.
Stael, Mme de. — J. Wickman. Mme de Stael och Sverige. Lund,
Gleerup 1911. In-S*. These.
Stendhal et ses commentateurs; par Jean Melia. Paris, «Mercure de
France», 26, rue de Conde. 1911. In-18 Jesus, 417 p. 3 fr. 50.
Vade, Jean- Joseph (1719 — 1757) und das Vaudeville von Max Müller.
Greifswalder Dissertation 1911.
Verlaine. — Les Derniers Jours de Paul Verlaine; par P. A. Cazals
et Gustave Le Rouge. Nombreux documents et dessins, avec une
preface de Maurice Barres de l'Academie frangaise. Paris, libr. du
«Mercure de France». 1911. In-18 Jesus, X-273 p.
— L'Assomption de Paul Verlaine; par Ernest Raynaud. Scene
pastorale precedee de considerations sur Paul Verlaine. Paris,
('Mercure de France», 26, rue de Conde. 1912. In-18 Jesus, 84 p.
1 fr. [Representee pour la premiere fois sur la scene de l'Odeon,
le 28 mai 1911].
Vigny, Aljr. de — F. Strowski. Alfred de Vigny [In: Rev. des cours
et Conferences XX, 26, 28].
Voiture et les Annees de gloire de l'hötel de Rambouillet, 1635 — 1648;
par Emile Magne. Portraits e! documents inedits. Paris, «Mercure
de France^ 26, rue de Condi^. 1912. In-18 Jesus, 444 p. 3 fr. 50,
Voltaire, seigneur de village; par Fernand Causst/. Ouvrage illustre
de 3 portraits do Voltaire et de 4 cartes. Paris, Hachette et Cie..
1912. In-16, XI-356 p. 3 fr. 50.
— Voltaire und Karl Theodor von Pfalz-Bayern von /.. Jordan [In:
Arch. f. n. Spr. CXXVIII 3/4. S. 371—375].
7. Aasgaben, Krhliitoriing^sschriften, l'bor9etznn8:en.
Bertoni, G. II Cau/.iouici'c Proveiizalo doUa Bibliutoca Ambrosiana
R. 71. Sup. Edizione diplumatica preceduta da un' introduzione.
Dresden 1912 [Gesellschaft für rom. Literatur. Band 28].
— Noterelle Provenzali [In: Rov. d. 1. rom. LV. Janv.-Mars 1912
(I. Nuovi versi di Bertran de Born. II. Sopra un passo di Gormonda.
III. Per un discordo di Pons de Copiluoill. IV. Nota sopra uiia
tenzono di Sordollo. V. Sopi'a un passo del «Doounienlum Honoris-^
di Sordello. VI. Dotti di Filosofi e Savi).
— Due iiote sul ms. provenzalo D [In: Zs. f. rom. Phil. -\XXVI,
344 f.].
Calmeiie, J. et G. Ilurtehise. Correspondanoe de la ville de Perpignan
(Suite) [In: Rev. d. 1. rom. LV. Jan\.-Mars 1912.
254 Novilülenverzeichnis.
Cartutnire de Ijimoges. S. oben p. 241 Purschke.
Chrestomathie au moyen äge. Extraits i>ut)lies avec des traduclions,
des notes, une introduclion grammaticale et des notices litt4raires;
par G. Paris, E. Langlois. 8e Edition revue. Paris, Hachette et Cio.
1912. Petit in-16, XCIIl-368 p. cartonne, 3 ir. [Classiques franoais].
Faral, E. Une chanson inedite [In: Romania XLI, 265 — 209].
Jeanroy, A. Sur quelques textes provenc^aux reconunent puhlies [In:
Romania XLI, 105 IT.] (Es handelt sicli um einige von Berlorn
Zs. f. rom. Phil. XXXV und Studi letterari e linguistici dedicati
a P. Rajna veröffentlichte Texte).
liecueil des chartes de l'abbaye de Saint-Benoit-sur-Loire, reunies et
publiees par Maurice Prou; Alexandre Vidier. T. 2. ler las«-.
Fontainebleau, impr. Bourges. Paris, A. Picard et fils. 1912.
!n-8, p. 1 ä 128 [Documents publies par la Societe historique et
archöologiquc du Gatinais. VI].
Sammlung mittellateinischer Texte, hrsg. v. Aljons Hilka. 8^. Heidel-
berg, Carl Winter. 3. Werner, Jak. Lateinische Sprichwörter und
Sinnsprüche des Mittelalters, aus Handschriften gesammelt. VIII.
112 S. 1912. 2.20 Mk.
Albertus Magnus. — H. Stadler. Vorbemerkungen zur neuen Ausgabe-
der Tiergeschichte des Albertus Magnus. Mit 3 Tafeln [In : Sitzungs-
berichte der Kgl. Bayerischen Ak. d. Wissenschaften. Philos.-
phil. und histor. Klasse 1912. 1. Abhandlung].
Athis et Prophilias, Li Romanz d' (L'estoire d'Athenes). Nach allen
bekannten Handschriften zum ersten Male vollständig heraus-
gegeben von Aljons Hilka. Dresden 1912 [Gesellschaft für rom.
Literatur. Band 29].
Aymeri de Narbonne. S. oben p. 246 Scherping.
Bataille Loquifer. S. oben p. 246 Castedello.
Bataille de Trente. — H. R. Brush. La Bataille de Trente Anglois et
de Trente Bretons [In: Mod. Philol., April 1912. S. 511—544,
Juli 1912. S. 82—136].
Baudouin de Sebourc. — G. L. Hamilton. La source d'un episode de
Baudouin de Sebourc [In: Zs. f. rom. Phil. XXXVI, 129—159].
Zu Bertolome Zorzi von Hugo Andresen [In: Zs. f. rom. Phil. XXXVI
489].
Bertran de Born. S. oben p. 253 Bertoni.
Bueve de Hanstone, Der festländische. Fassung II, nach allen Hand-
schriften mit Einleitung, Anmerkungen und Glossar zum erstenmal
herausgegeben von A. Stimming. Band I: Text. Dresden 1912
[Gesellschaft für romanische Literatur. Bd. 30].
— G. Sander. Die Fassung T des festländischen Bueve de Hantone.
Göttinger Dissertation 1912.
— J. E. Matzke. The Oldest Form of the Beves Legend [In:
Modern Philology X, 1].
Chancun de Willame. — J. Acher. A propos d'un doute sur le livre
de Chiswick [In: Rev. d. 1. rom. LV. Janv.-Mars 1912].
Chretien. — S. oben p. 246 Zenker.
— Chretien de Troyes auteur de Philomena [In: Romania XLI,
94—101].
Christine de Pisan. — Le livre des trois vertus de Christine de Pisan,
et son milieu historique et litteraire p. Mathilde Laigle. Avec
deux planches hors texte. Paris. H. Champion 1912. XII, 375 S.
8». [Bibliotheque du XVe siecle. T. XVI].
Colin Muset. — Les chansons de Colin Muset editees p. J. Bedier.
Avec la transcriptions des mt^lodies par Jean Beck. Paris, H.
Champion, 1912. XIII, 44 S. 8». Pr. 1 frc. 50.
Novitätenverzeichnis. 255'
Conti di antichi cavalieri. — G. Bertoni. II testo francese di <^(Conti
di antichi cavalieri>> [In: Giornale storico della letterat. ital. LIX, 1].
Debat du corps et de l'äme. — G. Bertoni. Corrections au texte du
Debat du corps et de l'äme [In: Annales du Midi. Avril 1912].
Detti di Filosofi e Savi. S. oben p. 253 Bertoni.
Le Dil du hardi Cheval p. p. P. Meyer [In: Romania XLI, 90 — 93].
Eneas s. oben p. 246 Warren und p. 246 Faral.
Enseignements de saint Louis ä son fils, Le texte primitif des, par
H.-Frangois Delaborde [In: Bibl. de l'Ecole des Chartes LXXIII,
73—100 (ä suivre)].
Eustachiusleben. — Ott, Andreas C. Das altfranzösische Eustachius-
leben (histoire d'Eustachius) der Pariser Handschrift Nat.-Bibl.
fr. 1374 zum ersten Male m. Einleitung, den lateinischen Texten,
der ,,Acta sanctorum" u. der ,,Bibliotheca Casinensis", Anmerkungen
u. Glossar hrsg. [Aus: ,, Roman. Forschgn".]. XXXIX, 97 S. Lex. H^.
Erlangen, F. Junge, 1912. 4 Mk.
La Farce du cuvier. Deux actes; par Maurice Lena. (Musique de
Gabriel Dupont.) Livret seul. Paris, Heugel et Cie., editeur. 1912.
In-16, 64 p. 1 fr. [Representee pour la premiere fois au theätre
royal de la Monnaie, ä Bruxelles, en mars 1912].
Gesta romanorum. — Quelques remarques relatives ä l'histoire des
Gesta romanorum; par M. Krepinsky. Paris, H. Champion, 1911.
In-8, 35 p. [Extrait du «Moyen AgC), 2e serie, t. 15. (Septembre-
octobre, novembre-decembre 1911)].
Godejroi de Bouillon. — H.A. Smith. Studies in the Epic Poem Godefroi
de Bouillon [In: Publ. of the Mod. Lang. Assoc. of America XXVI 1,2].
Gormonda. S. oben p. 253 Bertoni.
Guillaume, Chanson de. S. oben p. 242 Schad.
Historia Apollonii regis Tyri. — Charles B. Lewis. Die altfranzösischen
Versionen der lat. 'Historia Apollonii regis Tyri' nach allen be-
kannten Handschriften zum erstenmal herausgegeben. Breslauer
Diss. 1912 (Die ganze Arbeit erscheint in Bd. XXXIV, Heft 1 der
Romanischen Forschungen).
Historia septem sapientium. I. Eine bisher unbekannte lateinische
Übersetzung einer orientalischen Fassung der Sieben weisen Meister.
(Mischle Sendabar) hrsgb. und erklärt von Alf. Hilka, Heidelberg,
C. Winter, 1912. [Sammlung mittellat. Texte hrsgb. von Alf. Hilka. 4].
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Greifswald, Emil Hartmann, 1912.
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Huon d'Auvergne. Text der Berliner Handschrift, zum erstenmal
veröffentlicht. Cividale del Friuli. Officina Grafica dei Fratelli
Stagni 1911 [Aus: Miscellanea di studi critici e ricerche eruditi in
onore di V. Crescini, p. 267 sgg].
.Johannesevangelium. S. oben p. 241 Porschke.
Zur Karlsreise von //. Andresen [In: Zs. f. rom. Phil. XXXVI,
229 f.].
J.ancelot. — H. Oskar Sommer. The vulgate Version of the Arthurian
Romances edited from manuscripti in the British Museum. Vol. V.
Le Livre de Lancelot del Lac, Part. III. Washington, The Carnegie
Institution 1912.
— H. Becker. Der altfranzösische Prosaroman von Lancolot del Lac.
II. Branche, 1. Teil: Les Enfances Lancelof. Versuch einer kriti-
schen Ausgabe nach aUcn hckannlon Handschriften (Toildruck).
Marburger Dissertation 1911 [Die vollständige Arbeit bildet Heft \'I
der Marburger Beiträge zur romanischen Philologie].
256 Novitälenverzeichnis.
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Winkler [In: Arch. f. n. Spr. CXXVIII 3/4].
Moniaf^e Renouart. S. oben p. 246 Castedellu.
Narbonnais. S. oben p. 246 Scherping.
Nicolas von Verona. S. oben p. 241 Schneider.
Pdien de Maisieres. La Damoiselle ä la mule. (La male sanz frain.)
Conte en vers du cycle arthurien. Nouvelle Edition critique accom-
pagnee d'une 6tude philologique, de recherches sur les themes
(^ompris dans le conte et d'un index complet des formes, par Boleslas
Orlowski. Avec 1 planche hors texte. Paris, H. Champion, 1911.
In-8, XL225 p.
Pelri Alfonsi Disciplina Clericalis von Alfons Hilka und Werner
Söderhjelm. IL Französischer Prosatext. Helsingfors 1912 [Acta
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Peire de Corbian. — H. L. Hamilton. Sur la date et quelques sources
du Thezaur de Peire de Corbian [In: Romania XLI, 269—281].
Philomena. S. oben p. 254 Chretien.
Pens de Capduoill. S. oben p. 253 Bertoni.
Pyrame et Thisbe, texte normand du XI le siecle. Edition critique
avec Introduction, Notes et Index de toutes les formes, par C. De
Boer . . . (Verhandelingen der Koninklijke Akademie van Weten-
schappen te Amsterdam. Afdeeling Letterkunde. Nieuve Reeks.
Deel XII, n» 3), in-4, 104 p.
— Ed. Faral. Le poeme de Piramus et Tisbe et quelques contes ou
romans fran^ais du Xlie siecle [In: Romania XLI, 32 — 57].
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zugrunde liegende Bibelversion [In: Zs. f. d. österr. Gymn. 1912.
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der Wissenschaftlichen Festschrift des Kgl. Realgymnasiums und
Gymnasiums zu Leer anläßlich der Einweihung des neuen Schul-
gebäudes].
— F. E. Mann. Das Rolandslied als Geschichtsquelle und die Ent-
stehung der Rolandsäulen. Karls des Gr. Feldzug gegen Retra
und Stettin 778, Rolands Tod bei Prenzlau, sein Heldengedicht,
seine askanischen Nachfolger, seine Denkmäler. Dieterichsche
Verlagsbuchhandlung. Th. Weicher, Leipzig 1912, VIII, 174 S. 8".
— Chanson (la) de Roland. Traduction nouvelle d'apres les textes
originaux.' Paris, E. Mignot. In-16, 149 p. [Tous les chefs-d'ceuvre
de la litterature frangaise].
Roman de la rose ou de Guillaume de Dole: sunto e brani scelti per
Vincenzo De Anglis Roma, E. Loescher e C. 1912. 28 S. 8» [Testi
romanzi per uso delle scuole, a cura di E. Monaci].
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Das Seerecht von Oleron nach der Handschrift Paris, Bibliotheque
nationale, nouvelles acquisitions frangaises n** 10 251. Diplomati-
scher Abdruck mit Einleitung, ergänzendem Glossar und einer
Handschriftprobe von Dr. jur. H. L. Zeller. Berlin, Commission
bei R. L. Prager, 1912.
Sept Sages. — A vers version of the Sept Sages de Rome p. H. Allison
Smith [In: The Romanic Review III, 1].
Sordello. — S. oben p. 253 Bertoni.
Tristan s. oben p. 246 Warren.
Novitätenverzeichnis. 257
Vilain Mire — Das altfranzösische Fablei du Vilain Mire. Kritischer
Text mit Einleitung, Anmerkungen und Glossar. Dazu Anhang
mit photographischer Reproduktion eines Teiles der zugrunde
gelegten Handschrift. Hrsgb. von Dr. Karl Zipperling. Halle,
Niemeyer, 1912. 7 Mk.
Klincksieck, Fr. Der B r i e f in der französischen Literatur desl9 Jahr-
hunderts. Eine Auswahl. Halle, M. Niemeyer, 1912. X, 278 fe.
8». Mk. 4,50.
Banviüe T. de. Choix de poesies. Avec 3 portraits, d'apres Auguste
Priaült, A. Dehodencq et Georges Rochegrosse. Prefacepar Charles
Morice Paris, E. Fasquelle. 1912. In-18jesus, XXVII-325p. 3fr. 50.
Bayle P Pensees diverses sur la comete. Edition critique avec une
introduction et des notes publiee par A. Prat. T. 1- Pfi"!«; 'ifj-
E. Cornely et Cie. 1911. In-16, XXXII-371 p. [Soci^te des textes
fran§ais modernes.] . ^ -j- i ThöätPP
Balzac H. de. (Euvres completes. La Comedie liumaine. Theat e.
Les Contes drolatiques. T. 1, 2 et 3 Paris, E. M.gnot 1911.
3 vol in-4 oblong ä 2 col. et portrait de l'auteur. T. 1, p. 1 a 1^44,
t. 2, p. 1245 ä 2432; t. 3, p. 2 433 a 3 692. ^ .,. S kl 8»
— Ursula Mirouet. Uebertr. von Adelh. v. Sybel. V, 340 b. kl. 8 .
Karlsruhe, Dreililien-Verlag, 1911. 5 Mk.
— Balzac' s, Honore de, Roman La Peau de Chagrin von /fmnonn
Sattler. Halle, Max Niemeyer, 1912 [Beiträge zur Geschichte dei
roman. Spr. und Literaturen V].
— Balzac's, H. Scenes de la vie privee von 1830 von J. Haas. Halle
a S Max Niemeyer [Beiträge zur Geschichte der roman. Sprachen
und Literaturen, hrsg. von M. Fr. Mann II].
Beaumarchais. - A. de Bersaucourt. Le Manage de Figaro et les
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Bos'^suet. Discours sur l'histoire universelle. T 2. Paris, L. PHuger-
1911 Petit in-16, 160 p. 25 Cent. [Bibliotheque nationale. Loilec-
tion des meilleurs auteurs anciens et modernes, n° 302 ]
Bourget, P. Pages de critique et de doctrine. T. ler: I: Notes de
i-hötorique contemporaine; II: Notes de critique psych ologique.
T 2- III- Theses traditionalistos; IV: Quelques exemples. Paris,
Pion-Nourrit et Cie. 1912. 2 vol. in-16, t. 1, VIII-338 p., t. 2,
332 p. 3 fr. 50 chaque.
- ./ B Lardeur. La verite psychologique et morale dans les romans
de M. Paul Bourget. Paris, Fontemoing & Cie. 2 fr.
Brossette. S. unten ]). 2G0 f. -B.. Bousseau. » , ■ ,., .„c
Chartier, Alain. - G. Ro.senthal. Die franz. Version von Alain Chartieis
IDialogus familiaris mit Einleitung und Glossar. Pi'ogr. Rossleben,
1912 30 S 4"
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phile tir6 i\ 50 exemplaires.] ,
- Atala. Ren^. Les Natchez. Paris, Hachette et (.le. 1912. In-lb,
543 p. 3 fr. 50. , .. l^ . .c
- Pages choisies. La Correspondance. Les Premiers Essais. Les
Chefs-d'oeuvre. Les Ecrits de la Restauration. Les Dernieros
(Euvres Les «Memoires d'outretombe.» Avec une introduction
des notices et des notes; par Victor Giraud ^e edit.ou. ••evuo et
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A. Dumas fils. Paris, A. Messein. 5 fr.
Dumas, Alex. Lady Hamilton. Die Memoiren e. Favoritin. \'oll-
ständige deutsche Ausg. Übers, u. m. einleit. Worten versehen von
Dr. Herm. Eiler. 734 S. m. Bildnissen. 8". ' Berlin, A. Weichert,
1912. 2 Mk.
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— A. Coleman. Some inconsistencies in Salammbo [Mod. Lang.
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Fromentin, E. Correspondance et Fragments inedits. Biographie
et notes; par Pierre Rlanchon (Jacques- Andre Mervs). 2e Edition.
Paris, Plon-Nourrit et Cie. 1912. In-16, IV-455 p. et portrait, 4 fr.
Gassier, A. Theätre romantique d' Alf red Gassier. Artevelde, Nicolas
Flamel. CEuvres posthumes, avec une preface de M. Paul Ginisty,
une notice biographique et le portrait de l'auteur. Paris, B. Grasset.
1912. In-16, XXVI-307 p. 3 fr. 50.
Goncourt. S. oben p. 243 Fuchs und p. 243 Koehler.
Grimm. Fünf bisher unveröffentlichte Briefe Grimms an Friedrich
den Großen von Paul Wohlfeil [In: Archiv f. n. Spr. CXXVIII 3/4.
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Preface de Gustave Simon. Poesies et drames en vers. (2e mille.)
Paris, Larousse. Petit in-8, 560 p. avec 36 gravures dont 24 hors
texte. 5 fr. [Bibliotheque Larousse.]
— P. Berret. Corrections typographiques: Victor Hugo, Monselel
et Chiclard, L'inconnu Montenabri [In: Rev. d'Hist. litter. de la
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603 p. avec grav. et fac-similes d'autographes. [OEuvres completes
de Victor Hugo. Roman. VII.]
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Freien Deutschen Hochstifts, 1911].
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par le theätre des Chefs-d'CEuvre ; par Gustave Cohen. Paris, H.
Champion. 1911. In-8, 4 p. (non mis dans le commerce). [Extrait
de «la Revue des etudes rabelaisiennes>, 9^ annee, 4e fascicule.]
La Bruyere. Les Caracteres. Notices et annotations, par Rene Pichon.
T. 1 et 2. Paris, Larousse. 2 volumes petit in-8, de 192 p. chaque,
4 gravures hors texte. 1 fr. le volume.
La Fontaine. CEuvres choisies, avec introduction, bibliographie, notes.
grammaire, lexique et illustrations documentaires; par G.Le Bidois.
Paris, Hatier. In-18 Jesus, X-o49 p. avec grav. et portraits. [Col-
lection d'auteurs frang-ais.]
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Lamennais. Du passe et de l'avenir du peuple. Paris, N. Camus,
1911. Petit in-16, 192 p. 25 cent [Bibliotheque nationale. Collection
des meilleurs auteurs anciens et modernes, n" 126].
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intklites de Clement Marot" [In: Sog. de l'Hist. du Protestantisme
Prang. Bulletin. Mai-juin 1912. S. 278—280].
Mathieu (cardinal). CEuvres diverses. Melanges historiques et litte-
raires. Sermons, discours de circonstances de S. E. le cardinal
Mathieu, de I'Academie frangaise. II. Paris, H. Champion, 1912.
In-8, XX-504 p.
Mirabeau. Oeuvres. Les Ecrits. Avec une introduction et des notes;
par Louis Lumet. Paris, E. Fasquelle, 1911. In-18 Jesus, XV-
557 p. 3 fr. 50 [L'Elite de la Revolution].
Moliere. Don Juan. Ein trag. Lustspiel. Übers, u. f. die deutsche
Bühne eingerichtet v. Max Grube. Mit e. Einleitg. v. Pordes-Milo.
Soufflierbuch nach der Aufführg. am Meininger Hoftheater. 64 S.
[In: Universal-Bibliothek. 16". Leipzig, Ph. Reclam jun. 1912.
Nr. 5402].
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K. Vollmöller. Leipzig, Insel-Verlag.
— ffiuvres. T. 3: Relation de la feto de Versailles. M. de Pourceau-
gnac. Les Amants magnifiques. Psyche. Les Fourberies de
Scapin. La Comtesse d'Escarbagnas. Les Femmes savantes. Le
Malade imaginaire. Poesies diverses. Paris, Hachette et Cie., 1912.
In-16, 472 p. 1 fr. 25 [Les Principaux Ecrivains francais].
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Napoleon /er. Correspondance inedite conservee aux archives de la
guerre. Publice par Erneut Picard et Louis Tuctcii. T. l^r; 1804
Itis 1807. Limoges, impr. et libr. Charles-Lavau/.elle. Paris, libr.
de la meme maison. 1912. ln-8, XXII-7'24 p. [Public sous la
tlirection de la sectioii liistoricpie de l'tHat-major de l'arinee].
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Babelais, F. CEuvres. Edition critique publice par Abel Lefranc,
professeur au College de France; Jacques Boulenger, Henri
Clouzot, Paul Dorveaux, Jean Plattard et Lazare Sainöan. T. 1:
Gargantua. Prologue, Chapitres I-XXII. Avec une introduction,
1 carte et 1 portrait. Paris, H. et E. Champion, 1912. In-4,
VIII-CLVI-214p.
— Gargantua, dessin6 et racontö par Joseph Girard, d'apres l'auteur.
Limoges, Librairie nationale d'^ducation et de r6cr6ation. Grand-
in-8, 16 p.
— Tout Rabelais en frangais moderne. Traduction de J. Garros.
Paris, Librairie Nilsson, Per Lamm et Cie. Succ. 3 fr. 50.
Bonsard. — Vaganay, H. Pour l'edition critique des Ödes de Ronsard.
61 S. 8^» [Extrait de la Revue des Bibliotheques, nos i_3. Janv.-
Mars 1912].
Bostand, Edm., als BrAmaiüker. II. Yon O. Mügge. Progr. Friedeberg
1912. 31 S. 8».
Bouger. — D. du Dezert. L'oeuvre poetique de Henri Rouger [In: Rev.
des cours et Conferences XX, 20].
Bousseau, J.-B. — Correspondance de J.-B. Rousseau et de Brossette
p. d'apres les originaux avec des notes et un index p. P. Bonnejon.
T. II. 1729—1741. Paris, E. Cornely et Cie. 312 S. 16. 6 fr.
[Soc. des textes frang. mod.].
Bousseau, J. J. Lettres ecrites de la montagne. Corbeil, libr. de la
Renaissance du livre, Ed. Mignot. In-16, 218 p. 1 fr. 25 [Tous
les chefs-d'oeuvre de la litt^rature frangaise].
Bousseau, J.-J. Du contrat social. Les Reveries d'un promeneur
solitaire. Paris, E. Mignot. In-16, 232 p. [Tous les chefs-d'ceuvre
de la litterature frangaise].
— Les Confessions. T. 3 et dernier. Paris, J. Gillequin et Cie. In-16,
217 p. [Tous les chefs-d'oeuvre de la litterature fran^aise].
— Emile. T. 1, 2, 3 et dernier. Paris, J. Gillequin et Cie. 3 vol.
in-16, t. 1, 213 p.; t. 2, 215 p.; t. 3, 211 p. [Tous les chefs-d'oeuvre
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Saint- Pierre (abbe de). — Annales politiques (1658—1740). Nouvelle
edition, collationnee sur les exemplaires manuscrits et imprimes,
avec une introduction et des notes, par Joseph Drouet. Paris,
H. Champion, 1912. In-8, XXXVI-405 pages et portrait.
Scarron. Le Virgile travesti. T. 1. Paris, N. Camus, 1911. Petit
in-16, 192 p. 25 cent. [Bibliotheque nationale. Collection des
meilleurs auteurs anciens et modernes].
— Le Roman comique. T. 2. Paris, N. Camus, 1911. Petit in-16,
191 p. 25 cent [Bibliotheque nationale. Collection des meilleurs
auteurs anciens et modernes. N^ 25].
Novitätenverzeichnis. 261
Sevigne, Mme de. Lettres choisies. Paris, N. Camus, 1911. 2 vol.
petit in-16, t. 1, 192 p.; l. 2, 191 p. Chaque, 25 cent. [Bibliotheque
nationale. Collection des meilleurs auteurs anciens et modernes,
nos 174—175].
Viau, Theophile de. — Edmond Maignen. Notes bibliographiques sur
quelques editions des ffiuvres de Th. de Viau [Aus: Petite Revue
des Bibliophiles Dauphinois, n*^ 13, juillet 1911].
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(corrigees, diminuees et augmentees) publiee en 1663 p. Esprit
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H. Champion. 2 fr. 50 [Le libertinage au XVII« siecle].
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1912. 2 vol. in-16, t. 25, 499 p.; t. 36, 443 p. 1 fr. 25 le vol.
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alle, die sich dem Studium des Deutschen, Englischen und Fran-
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186 S. gr. 8«. Stuttgart, W. Violet, 1912. 2.50 Mk.
Reko, Viktor A. Die Sprechmaschine im Dienst des Unterrichts [In:
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— Die Sprechmaschine im Dienst des Unterrichts [In: Zs. f. frz. u.
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10. 4. 1912 vom Kanon- Ausschuß des allgemeinen deutschen Neu-
philologen-Verbandes für brauchbar erklärten Schulausgaben franz.
Schriftsteller. 4. Aufl. [Aus: ,,Die neueren Sprachen"]. 42 S. 8".
Marburg, N. G. Elwerts Verl., 1912. 60 Pfg.
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philologischen Verein") [In: Zs. f. d. Realschulw. XXXVII, 6].
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Banderet, P. Recueil de themes. III. partio. Pour servir d'applications
ä la ,,Grammaire fran(,\aise" du meme auteur et ä lout ouvrage
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/-tschr. f. frz. Spr. ii. Litt. XXXIX"/'. 18
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Bielefeldt, Geo. Methodische Wortkundo der französischen Sprache mit
besond. Berüoksicht. der Grammatik, Phraseologie, Synonymik und
Etymologie. Eine Grundlage für das Studium der iranzös. Sprache.
Ein Korrektiv für den französ. Hilfsunterricht. 304 S. gr. %^.
Berlin, Friedberg & Mode, 1912. 6 Mk.
Bierbaum, ./. Lehrbuch der französischen Sprache. (Neue Bearbeitg.)
Tl. I, II u. III. Schlüssel zu den deutschen Übersetzungsstücken.
47 S. 8". Leipzig, Roßbergsche Verlagsbuch h., 1912. 1.75 Mk.
Bize, Louis, u. Wem. Flury. Gours elömentaire de langue frauQaise
ä l'usage des öcoles .secondaires de langue allemandc. Exemples,
exercices, lecture. VIII, 204 S. 8°. Zürich, Schultheß & Co..
1912. Geb. 1.80 Mk.
Boerner, Otto. Lehrbuch der französischen Sprache f. Lyzeen u. höhere
Mädchenschulen. Nach den preuß. Bestimmgn. f. das höhere
Mädchenschulwesen vom 18. 8. 1908 völlig neu bearb. v. Schul-
vorsteherin Margar. Mittell. (Boerners franz. Unterrichtswerk.
Börner-Mittell 5.) V. Tl. Lese- u. Übungsbuch f. die Oberstufe.
Mit 18 Abbildgn. im Text, 7 färb. Taf., 1 (färb.) Karte v. Frankreich
u. dem (färb.) Pharusplan v. Paris. VII, 236 S. 8». Leipzig, B. G.
Teubner, 1912. Geb. 2.60 Mk.
— M. Mitteil. Lehrbuch der französischen Sprache f. höhere Mädchen-
schulen. Livre du maltre. kl. 8*'. Leipzig, B. G. Teubner. 2. Tl.
Klasse VI. Hrsg. v. M. 17 S. 1912. 80 Pfg. Nur direkt an Lehrer.
Carion, Octave. Methode nouvelle pour l'^tude des homonymes de la
langue frangaise. IV, 84 S. gr. 8°. Halle, H. Gesenius. 1912.
1.20 Mk.
Chalamet. A travers la France. Systematisches Wörterbuch. Zusammen-
stellung des Vokabelschatzes und der Grammatik in Beispielen von
E. Otto. 61 S. 8». Berlin, Weidmann, 1912. 60 Pfg.
Cosseret, P. l^a Diction expliquee en quinze legons. Paris, P. Paclot.
In-16, 127 p. 1 fr.
Ducotterd, X., u. W. Mardner. Lehrgang der französischen Sprache,
auf Grund der Anschauung u. m. besond. Berücksicht. des münd-
lichen u. schriftlichen freien Gedankenausdruckes bearb. 8°. Frank-
furt a. M., C. Jügel. 1. Tl. 1. Abtlg. 21. Aufl. XVI, 90 S. m. 3 Taf.
1912. Geb. 1.50 Mk.
Duval, P., E. Bremond et D. Moustier. Grammaire et Composition
frangaise. Cours elementaire et cours moyen. fe annee. Livre
du maitre. Paris, E. Andre fils. 1912. Petit in-8, 119 p. 1 fr. 20
[Le Frangais ä l'ecole primaire].
Emmrich, P., u. A. Wolf. Lehrbuch der französischen Sprache für
Volksschulen. 1. Tl. III, 144 S. m. 19 Abbildgn. gr. 8». Leipzig,
Dürrsche Buchhandlung, 1912. 1.60 Mk.
Fetter und Ullrich. La France et les Frangais. Lehrgang der fran-
zösischen Sprache für Mädchenlyzeen und verwandte Lehranstalten.
3. A. Pichlers Witwe & Sohn. Wien 1912. 2 K. 40 h.
Fetter, J. und K. Ullrich. Französisches Lesebuch für die oberen
Klassen der Mittelschulen. Mit 46 Abbildungen, 2 Plänen von
Paris und einer farbigen Karte von Frankreich. Preis: geb. samt
Kommentarheft 4. K. 2. Aufl. Wien 1912. A. Pichlers Witwe
& Sohn.
Gade, Heinr. Hilfsbüchlein für die Einprägung der französischen un-
regelmäßigen Verben in Verbindung mit den gebräuchlicheren
Fürwörtern. (Neben jedem französ. Lehrbuch zu verwenden.) 32 S.
8». Berlin, Weidmann, 1912. 50 Pfg.
Gillot, Hub., u. Gust. Krüger. Dictionnaire systematique frangais-
allemand. Französisch-deutsches Wörterbuch nach Stoffen ge-
ordnet. Ausg. f. Deutsche. I. Bd., 1. Abtlg. IV, 638 S. gr. 8«.
Dresden, C. A. Koch 1912. 8 Mk.
Novitätenverzeichnis. 263
Grundscheid, C, u. O. Schumacher. Lehrbuch der französischen Sprache
für kaufmännische und gewerbhche Fortbildungsschulen. 1. Tl.
Mit 3 Vollbildern im Text, 1 (färb.) Plan v. Paris, 1 (färb.) Karte
V. Frankreich u. 1 (färb.) Münztaf. VI, 112 S. 8". Leipzig, B. G.
Teubner, 1912. Geb. 1.60 Mk.
Hillmer, Wilh. Beispielsammlung zur französischen Grammatik. Um-
formungen u. Ergänzungen f. den Klassen- u. Nachhilfeunterricht.
76 S. 8". Halle, Buchh. des Waisenhauses, 1912. 80 Pfg.
Hocquart. Petit Dictionnaire de la langue frangaise suivant Tortho-
graphe de l'Academie, contenant tous les mots qui se trouvent
dans son dictionnaire, avec la prononciation lorsqu'elle est irregu-
liere. Nouvelle edition, revue et augmentee d'un grand nombre
de mots, par A. Rene. Paris, E. Guerin. In-32 ä 2 col.,
XII-500 p.
Juranville, Mlle C. Manuel de style et de composition inaugurant
une methode nouvelle raisonnee et pratique. Cours moyen. Livre
du maitre. Paris, Larousse. In-12, 272 p. 1 fr. 50.
— Le Style enseigne par la pratique; methode nouvelle. Cours supe-
rieur. Livre du maitre. Paris, Larousse. In-12, 312 p. 2 fr.
— Les Participes en histoires. Methode nouvelle, theorique et pratique,
comprenant les regles emises par nos principaux grammairiens, des
devoirs d'invention et d'imitation, des exercices analogiques et
monographiques, et de nombreuses histoires servant d'application
aux regles. Livre du maitre. Paris, Larousse. In-12, 171 p.
1 fr. 50.
Konjugationsheft, Französisches, I. 40 S. 16,5 x 21,5 cm. Leipzig,
Dr. Seele & Co., 1912. 20 Pfg.
Le Roy, de la Comedie-Frangaise. Grammaire de' la' diction fran^aise.
Paris, Paul Delaplane, 1912.
Maquet, C. et L. Flot. Cours de langue frangaise. Redige conforme-
ment aux programmes du 31 mai 1902 et ä l'arrßte ministeriel du
25 juillet 1910 relatif ä la nouvelle nomenclature grammaticale.
Exercices sur le troisieme degre. (2e partie.) Gargons: classes de
56 et 4e. Jeunes filles: 4^ annee secondaire. Paris. Hachette
et Cie., 1912. In-16, 168 p. cartonne 1 fr. 50.
Metoula- Sprachführer. Eine verkürzte Methode Toussaint-I-angen-
scheidt. 16". Berlin-Schöneberg, Langenscheidts Verl. Desbons,
Jean. Französisch, unter Mitwirkung v. A. Gornay. 156 S. mit
Abbildgn., 1 färb. Karte u. 2 färb. Plänen. 1912.' Geb. 80 Pfg.
Mitteil, Margar. Französische Grammatik für die Oberstufe dor Lyzeen
u. höheren Mädchensc-iiulen, sowie f. Oberlyzeen u. Studienanstalten.
Nach den preuß. Bostimmgn. f. das höhere Mädclienschulwesen
vom 18. 8. 1908. (Boerners französ. Unterrichtswerk. Boerner-
Mittell: Grammatik.) IV, 142 S. 8«. Leipzig, B. G. Toubner,
1912. 1.60 Mk.
Oberländer, Sicgni., u. Alex. Werner. Lehrbiich der französ. Sprache
für Realschulen und Realgymnasien. 8**. Wien, F. Toinpsky.
4. Tl. (Oberstufe). Übungsbuch u. kurzgefaßte französische Schul-
grammatik. Mit 18 Abbildgn., 1 Karte v. Frankreich u. 1 Plane
V. Paris. 237 S. 1912. Geb. 3.70 Mk. 5. Tl. (Obt>rstufe). Mor-
ceaux chüisis de lecture. Mit 34 Abbildgn., 1 Karte v. Frankreich
u. 1 Plane v. Paris. 207 S. 1912. Geb. 3 Mk.
Plattner, Ph. Lehrbuch der französischen Sprache. 3 Tle. 8". Frei-
burg i. B., J. Bielefeld. Geb. 6.50 Mk. 1. Tl. Grammatik, bearb.
v. Dir. Jos. Metzger, Dr. Karl Ott u. Mädchensch.-Prof. Jos. Weber.
125 S. 1912. Geb. 2 Mk. — 2. Tl. 158 S. 1912. Geb. 2 Mk. —
3. Tl. 238 S. 1911. Geb. 2.50 Mk.
18*
264 Novitätenverzeichnis.
Ploetz, Gast., u. Otto Kares. Kui/.oi- Lehrganf,' der l'ranzösisclien Sprache.
Ül)iingsbuch. Ausg. G. Für Mittelschulen. Bearb. nach den Be-
stimmgn. üb. die Neuordng. des Mittelschuhvesens vom 3. 2. 1910
V Gusl. Ploetzn. Paul Voos. (XII, 312 S. u. 4 S. Abbildgn. m. 1 färb.
Karte u. 1 färb. Plan.) 8". Berlin, F. A. Herbig, 1912. 2.00 Mk.
— Kurzer Lehrgang der französischen .Sprache. Elementarbuch.
Ausg. J. Neue Ausg. f. höhere Mädchenschulen. Nach den Be-
stimmgn. vom 12. 12. 1908 bearb. v. Max Schröer. II. Tl.: 6. u.
5. Klasse. (2. u. 3. Schulj.) VIII, 206 S. m. 3 [1 färb.] Taf. 8».
Berlin, F. A. Herbig 1912. Geb. 2.10 Mk.
Rognon Louis. Grammaire frangaise ä l'usage des etrangers r6dig6e
sur un plan entierement neuf. Expos^ clair, simple et pratique des
parties du discours permettant aux etrangers de s'assimiler rapide-
ment les difficult^s grammaticales de la langue fran^aise. 156 S.
8". Zürich, Volksbuchh., 1912. 2.40 Mk.
Rouaix, P. Grammaire elementaire, thöorie et exercices, conforme ä
la nomenclature grammaticale officielle. Huitieme et septieme
(gargons), dernieres ann^es primaires (filles). Paris, H. Didier.
Toulouse, E. Privat, 1911. In-16, 260 p. [Cours de grammaire
frangaise].
Schiedermair, Rieh., u. Hans Zettner. Lehrgang der französ. Sprache
f. Realschulen, Oberrealschulen u. Reformschulen. (2. u. 3. Schulj.)
Mit 1 (färb.) Karte v. Frankreich. VII, 157 S. gr. 8^. München,
J. Lindauer, 1912. 2.80 Mk.
Toutey, E. Cours pratique de langue frangaise. Vocabulaire. Gram-
maire. Analyse. Orthographe. Redaction. Recitation. (3« annee.)
Certificat d'^tudes, bourses de l'enseignement primaire superieur.
Paris, E. Andre fils. 1912. In-8, 256 p. 1 fr. 50.
Wilm, Elise. Sprachvergleiche und Sprachgeschichte in Schule und
Seminar. Ein Hilfsbuch für den fremdsprachlichen Unterricht.
2. Aufl. Im Selbstverlag Crossen a. O.
Wolter, Eug. Französisch in Laut und Schrift. Ein Lehrbuch für
höhere Schulen. 2. Tl. Wörterverzeichnis. III, 126 S. 8». Berlin,
Weidmann, 1912. 1.40 Mk.
Wolter, Konr. Livret explicatif des tableaux auxiliaires Hirt. Sechs
französ. Texte zu Hirts Anschauungsbildern. Farbige Künstler-
steinzeichnungen V. Walth. Georgi. Mit 6 färb. Taf. u. 1 Abbildg.
des Pathegraphen. 32 S. 8«. Breslau, F. Hirt, 1912. 60 Pfg.
b) Literaturgeschichte, Schulausgaben, Lesebücher.
Cury, Camille, et Otto Boerner. Histoire de la litterature frangaise ä
l'usage des etudiants hors de France. 2. ed., revue, corrigee et
considerablement augmentee. XII, 400 S. 8". Leipzig, B. G.
Teubner, 1912. 5 Mk.
Le Tournau, Marcel, et Louis Lagarde. Abrege d'histoire de la litte-
rature frangaise ä l'usage des ecoles et de l'enseignement prive.
3. ed. revue et corrigee. VIII, 187 S. 8». Berhn, Weidmaan,
1912. 2 Mk.
Auteurs frangais. Hrsg. v. F. J. Wershoven. 8^. Trier, J. Lintz. XXII.
Balzac et Merimee. Nouvelles. Hrsg. u. erklärt v. Prof. Dr. F. J.
Wershoven. 104 S. 1912. 90 Pfg.
Beck, Christoph. Französische Gedichte von den ältesten Zeiten bis
zur Gegenwart, nebst 3 Kapiteln üb. Verslehre, Poesie, Figuren u.
Tropen (in französ. Sprache), sowie e. Stoffverteilg. auf 9 Klassen
u. 4 Gedichtekanons, f. alle höheren Knaben- u. Mädchenschulen
hrsg. XXVIII, 213 S. 8«. Nürnberg, F. Korn, 1912. Geb.
2.20 Mk.
Noviläienverzeichnis. 265
Boissier, Gasion. Ciceron et ses amis. Etüde sur la societe romaine
du temps de Cesar. Edition abregee ä l'usage des ecoles et annotee
par Rieh. Ackermann. 118 S. m. 7 Abbildgn. u. 3 Karten. S^.
Wien, F. Tempsky. — Leipzig, G. Freytag, 1912. 1.20 Mk.
Corneille; par Fernand Cauet. Paris, G. Vitry, edit. 1912. Petit in-8,
27 p. [Enseignement par les projections lumineuses. Notices redigöes
sous le patronage de la commission des vues instituee pres du Musee
de l'enseignement public].
Faguet, E. Ce que disent les livres. Paris, Hachette et Cie. Grand in-8,
ä 2 col., 116 p. avec grav. 1 fr. [CoUection pour la jeunesse].
Gaßner, H., et G. Werr. La France. Lectures publiees et annotees.
Histoire, geographie, poesie. 2. ed. (avec 1 carte de la France et
1 plan de Paris). VIII, 164 S. gr. 8". München, J. Lindauer,
1912. 2.80 Mk.
Gratacap, M., et A. Mager. Les grands ecrivains de la France. Mor-
ceaux choisis recueillis et annotes ä l'usage des etablissements
d'instruction de l'enseignement secondaire (32 portraits, 2 gravures,
3 cartes). Prix: 6 K. = 5 M. Leipzig, G. Freytag, Vienne, F.
Tempsky.
Jugendlesebücher, Fremdsprachliche illustrierte. Hrsg. v. Fr. Witt-
mann u. G. Schmidt, kl. 8**. Heidelberg, Carl Winter. Geb. 1 Mk.
7. Bd. Lavisse, Ernest: Histoire de France. (Hrsg. v. G. Schmidt,
illustriert v. Fr. Hein.) IV, 80 S. 1912.
Le Bourgeois, F. Au fil du Rhin. 182 S. m. 9 Taf. kl. 8". Freiburtr
i. B., J. Bielefeld, 1912. Geb. 3 Mk.
Löwe, Heinr. Gut Französisch. Redewendungen u. Gesprächsstoffe.
Ein unentbehrl. Hilfsbuch zur Ergänzg. der grammatikal. Kennt-
nisse, f. prakt. Zwecke hrsg. unter Mitwirkg. v. G. Becce u. R.
Meienreis. VII, 136 S. 8". Berlin-Schöneberg, R. Jacobsthal & Co.,
1912. Geb. 2.50 Mk.
Melanges de prose moderne. (Histoire — philosophie — economie
politique — voyages.) Publies et annotes par H. Gaßner. 117 S.
8*. Vienne-Leipsic 1912. Wien, F. Tempskv. — Leipzig, G. Frevtag.
1.20 Mk.
Rejormbibliothek, Neusprachliche. Hrsg.: B. Hubert u. R. Korn. 8".
Leipzig, Roßbergsche Verlagsbuchh. 34. Bd. Moliere: Les pr^-
cieuses ridicules. Comedie. Annotee par Dr. Imman. Hoffmann.
XIV, 44 u. 36 S. 1912., geb., annotations geh. 1.50 Mk. 36. Bd.
Mörimöe, Prosper: Colomba. Annotee par Dr. H. Müller. VII,
79 u. 27 S. 1912, geb., annotations geh. 1.50 Mk.
Schmidt, R. \Promenade ä travers Paris et ses environs ä l'usage des
ecoles et ä l'usage prive. 63 S. m. 1 Plan. 8". Berlin, E. Ehering.
1912. 1.20 Mk.
Schülerbibliothek, Französische. I. Serie, kl. 8". Padorboi'n, F. Schö-
ningh. 13. Bdchn. Contes du siecle. Ausgewählt u. m. Anmerkgn.
zum Schulgebrauch u. o. Wörterbuch versehen v. F. .1. Wershoven.
107, 17 u. 58 S. 1912. Wörterbucli geh. 1.30 Mk. 14. Bdchn.
Mairet, Jeanne: L'enfant de la lune. Alit Anmerkgn. zum Schul-
gebrauch u. e. Wörterbuch versehen v. F. Meisinaiin. III. 85,
14 u. 41 S. 1912. Wörterbuch geh. 1.20 Mk. 15. Bdciin. Mau-et,
Jeanne: La clef d'oi'. Mit Anmerkgn. /.um Scinilgehrauch u. e.
Wörterbucii versehen v. 1'. Mersmanu. 69, 13 u. 47 S. 1912. geb.
Wörterbuch geh. 1.20 Mk.
Schulbibliothek französischer u. englischer Prosascluillen aus der
neueren Zeit. Mit besoiid. Berücksichl. tler Fordergn, der neuen
Lehrpläne hrsg. v. L. Bahlsen u. J. Ilengesbarh. 1. AbtIg.: Fran-
zösische Schriften. Wörterbuch. 8". Berlin, Weidmann. 62. Bänd-
chen. Sandeau, J.: La röche aux mouettes. Zusammengestelll
v. Prof. H. Bretschneider. 61 S. 1912. —.60 Mk. 63. Bdchn.
266 I^ovitätenverzeichnis.
Bazin, Ren6: La douce France. Extraits choisis et annot^s par
lecteur ex-prof. Ren6 Plessis. VIII, 150 S. 1912. 1.40 Mk.
Sprachenpflege, System August Scherl. Französisch (F'ranzösisch u.
deutsch.) kl. 8». Ebd. 8. Bd. Musset, Alfr. de: Erzählungen.
(Contes.) Auswahl. 2. Bd. S. 113—219. 1912. geb. —.50 Mk.
9. Bd. Balzac, Honorö de: Frau Firmiani und andere Erzählungen.
Auswahl. Französische Bearbeitg. u. Übertragg. ins Deutsche von
W. Violet. 1. Bd. 101 S. 1912. geb. —.50 Mk. 10. Bd. Balza«;,
Honorö de: Der Friede des Hauses (La paix du menage). Auswahl.
Französische Bearbeitg. u. Übertragg. ins Deutsche v. W. Violet.
2. Bd. 95 S. 1912. —.50 Mk. 11. Bd. Balzac, Honorö de: Der
Friede des Hauses u. anderes. Auswahl. Französische Bearbeitg.
u. Übertragg. ins Deutsche v. W. Violet. 2. Bd. S. 96—183. 1912.
— .50 Mk. 12. Bd. Flaubert, Gustave: Ein einfaches Herz. (Un
cceur simple.) Französische Bearbeitg. u. Übertragg. ins Deutsche
V. E. Springer. 121 S. 1912. geb. —.50 Mk.
Viollet-le-Duc: Histoire d'une maison. Baugeschichte e. Hauses mit
Illustr. Mit biograph. Notizen u. Anmerkgn. f. deutsche Leser und
den Schulgebrauch versehen v. Jul. Pfenninger. I. III, 109 S.
8". Zürich, Schulthess & Co. 1912. geb. 2 Mk.
Werneke, H. Französisches Lesebuch für die untere Stufe. 50 S. 8".
Düsseldorf, L. Kinet, 1912. —.80 Mk.
— Französisches Lesebuch f. d. mittlere Stufe. 96 S. 8^. Düsseldorf,
L. Kinet, 1912. 1.20 Mk.
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Heft 2/4 S. 81 Z. 1 und 8 von oben 1. generale; ib. Z. 7 der,
ib. Z. 14 connaitra.
PC Zeitschrift für fi^anzbsische
„:^ Sprache und Literatur
Z5
Bd, 39
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